Das Thema Krieg gewinnt in Anbetracht moderner bewaffneter Konflikte und dem zunehmend offensichtlichen Kampfeinsatz der Bundeswehr in Afghanistan auch im deutschen Sprachraum an Aktualität und Brisanz. Dabei gibt es kaum eine wissenschaftliche Arbeit zu diesem Thema, die ohne einen Verweis auf oder ein Zitat aus dem Clausewitz’schen Hauptwerk Vom Kriege auskommt.

Clausewitz geht es dabei wie den meisten Autoren klassischer Standardwerke, über die man gern sagt, sie seien oft zitiert, wenig gelesen und kaum verstanden worden.[1] Dies mag insbesondere für das Clausewitz’sche Werk zu gravierenden Missverständnissen geführt haben, da schon kurz nach dessen Erscheinen eine zeitgenössische Militärzeitschrift kommentierte:

 

„Die Sprache des Verfassers ist überaus gediegen, aber nicht immer so populär, um von dem großen Haufen verstanden zu werden. Diese Schrift will daher nicht bloß gelesen, sie will studiert sein.“[2]

 

Stößt also ein komplexes, schwer verständliches und zudem unvollendetes Dokument auf eine vor allem an markigen Zitaten interessierte Leserschaft, so sind im Ergebnis Missverständnisse vorprogrammiert. Entsprechend ist es auch nicht verwunderlich, dass seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahezu jede Partei in militär- und sicherheitspolitischen Diskussionen glaubte, sich auf Clausewitz berufen zu können.[3] An prominentester Stelle für die jeweiligen Patenschaften steht der Strategiestreit im späten 19. Jahrhundert, in welchem Delbrück[4] unter Berufung auf Clausewitz vehement die Ermattungsstrategie postulierte, wohingegen seine Gegner, die Verfechter der Vernichtungsstrategie, selbst Anhänger von Clausewitz waren.[5] Auch die Debatte um das Verhältnis zwischen ziviler Staatsführung und militärischem Oberkommando wurde beidseitig mit Hilfe von Clausewitz ausgetragen. Moltke der Ältere[6], als ausgewiesener Clausewitz-Bewunderer, forderte im Kriegsfall die Übernahme der Staatsgewalt durch das Militär. Zwar führte sein erbitterter Gegner Bismarck[7], der die zivilpolitische Führung beanspruchte, Clausewitz – wahrscheinlich aus Unkenntnis[8] – nicht ins Feld, doch unterstellen die Interpreten des 20. Jahrhunderts, dass seine Ansichten voll und ganz im Geiste Clausewitz‘ lagen.[9] Die Berufung auf Clausewitz reicht bis in die Gegenwart, wenn Studien aus dem angloamerikanischen Sprachraum die neusten Trends der amerikanischen Streitkräfte in Bezug auf Aufstandsbekämpfung analysieren und dabei Clausewitz zur Bewertung dessen hinzuziehen.[10]  Daraus folgt von selbst, dass die Anzahl derjenigen, die Clausewitz zu widerlegen oder zu überwinden beabsichtigen, nicht minder klein ist, doch dass sie tatsächlich nur spezifische Interpretationen, nicht aber den eigentlichen Clausewitz anfechten.

 

Die Interpretations- und Rezeptionsgeschichte von Vom Kriege ist also vielfach widersprüchlich und wenig homogen. Die schiere Anzahl der Arbeiten über Clausewitz hat jedoch einige Wissenschaftler zu der Annahme veranlasst, dass größere Funde in Bezug auf das Clausewitz‘sche Werk nicht mehr zu erwarten seien und dass nur noch im Rahmen von Detailstudien Neues herausgearbeitet werden könnte.[11] In Anbetracht der hohen Widersprüchlichkeit und der bis heute anhaltenden Rätselhaftigkeit[12] vieler Passagen, kann jedoch von einem Abschluss des Forschungsgegenstandes Clausewitz in keiner Weise gesprochen werden. Im Gegenteil liegt vielmehr die Annahme nahe, dass es bisher an einer ganzheitlichen Betrachtung und einem widerspruchsfreien Verständnis der Clausewitz’schen Theorie ermangelt.

 

So lassen sich die bisherigen Interpreten von Clausewitz grob in zwei Lager teilen. Zum einen die militärisch fokussierte Fraktion, beginnend bei Moltke dem Älteren, über Schlieffen[13]  und Liddell Hart[14] bis hin zu den heutigen angloamerikanischen Studien um Christopher Bassford[15]. Sie befassen sich vor allem mit der Frage, wie Krieg geführt werden müsse und sind hauptsächlich an der Thematik Strategie interessiert. Dieses Lager hat eine gewisse Tendenz dazu, die Clausewitz’sche Theorie auf einzelne Sätze zu verkürzen, diese teils in anderen Zusammenhang zu setzen und militärische oder strategische Grundsätze daraus abzuleiten. Die Arbeiten weisen dabei durchweg einen hohen zeitgenössischen Bezug auf und es fehlt ihnen an Abstraktion und Allgemeingültigkeit. Die zweite Fraktion könnte hingegen als ziviler Gegenpol verstanden werden, deren Begründer wohl Delbrück war, obwohl er selbst inhaltlich zur militärisch fokussierten Kategorie zu zählen ist. Rothfels[16], Hahlweg[17], Aron[18], begrenzt Kondylis[19] sowie Münkler und Herberg-Rothe[20] bilden die wesentlichen Meilensteine dieser Fraktion, welche sich vorrangig mit dem Zusammenhang zwischen Krieg und Politik bzw. Gesellschaft oder mit wissenschaftlich methodischen Aspekten des Clausewitz’schen Hauptwerkes befasst. Dieses Lager hat jedoch an der Idee des Kriegführens im engeren Sinne kein tiefgreifendes Erkenntnisinteresse und hinterfragt aus diesem Grunde weder das Wesen des Krieges noch die daraus resultierenden Implikationen für die Kriegsführung.

 

Keinem der durch die verschiedenen Lager vertretenen Forschungsinteressen fehlt es an Berechtigung, es fehlt aber bisher eine Betrachtung, die sich mit dem eigentlichen Kern des Werkes, nämlich einer Theorie des Krieges an und für sich, vollumfänglich befasst.  Clausewitz hatte nämlich den bisher einzigartigen Versuch unternommen, den Krieg als wissenschaftlichen Gegenstand zu untersuchen und damit seine innere Logik allgemeingültig und abstrakt nachzuvollziehen.[21] Sämtliche, bis in die Gegenwart geführten Diskussionen über Clausewitz sind jedoch vor allem deshalb von bemerkenswerten Missverständnissen geprägt, weil ein umfassendes Verständnis in Bezug auf die von ihm verwandte Gesamtsystematik, die einzelne Begriffe, deren Einordnung und den innere Zusammenhang des Krieges fehlt.

 

Im Rahmen dieser Arbeit wird folgendes von einer abstrakten und allgemeingültigen Theorie des Krieges erwartet:

 

  1. Sie soll zunächst den Untersuchungsgegenstand Krieg beschreiben, d.h. eingrenzen, definieren, in seinen Elementen darstellen und diese systematisieren.

  2. Sie soll den Krieg erklären, d.h. zwischen den einzelnen Elementen des Krieges Verbindungen herstellen sowie den Krieg als Ganzes mit äußeren Bedingungen in Zusammenhang bringen und somit innere Wirkzusammenhänge erschließen.

  3. Sie soll – sofern dies möglich ist – auf ein im Sinne der Theorie richtiges Handeln schlussfolgern, d.h. generische oder an spezifische Bedingungen geknüpfte Überlegungen aufstellen, die im Speziellen oder im Allgemeinen helfen, zwischen vernünftigem und unvernünftigem Handeln im Krieg zu unterscheiden.

 

Clausewitz in diesem Zusammenhang zu analysieren ist eine komplexe und vielschichtige Aufgabe. Es wird dabei gerade darauf ankommen, sich nicht auf ein einzelnes Element oder wenige Details zu fokussieren und andere Aspekte auszublenden, sondern es soll eine Gesamtansicht geschaffen werden, vor deren Hintergrund die vielen von den Interpreten oftmals missverständlich empfundenen Gegenstände leicht nachvollzogen werden können. Insbesondere die Tatsache, dass Clausewitz sein Werk nicht vollenden konnte bzw. den Großteil desselben unter anderen theoretischen Prämissen verfasst hatte, macht diesen Ansatz freilich angreifbar, da dies eine teils spekulative Interpretationsweise notwendig werden lässt. Anders als z.B. bei Aron, dem ein sehr kluges und das bisher umfassendste Werk zu Clausewitz zu verdanken ist, geht es im Rahmen dieser Arbeit also nicht um eine Interpretation des Clausewitz’schen Werkes bzw. dessen Wirkungsgeschichte,[22] sondern es geht vielmehr darum, einzelne Gedanken von Clausewitz aufzugreifen, weiterzuentwickeln, zu einem Ganzen zu verbinden und auf diesem Wege das Clausewitz’sche Werk als den ersten „Lichtstrahl [zu nutzen], der für uns in den Fundamentalbau der Theorie fällt.“[23]

Ziel dieser Arbeit soll es also sein, eine umfassende und ganzheitliche Theorie des Krieges herauszuarbeiten, die sich in ihrem Kern auf die im Clausewitz’sche Werk manifestierten Überlegungen und Gedanken stützt. Der Anspruch, dass das daraus resultierende Endergebnis genau dies ist, was Clausewitz der Nachwelt vermitteln wollte, ist hierdurch nicht begründet. Das Ziel kann vielmehr nur dann erreicht werden, wenn an einigen Stellen über die Clausewitz’schen Gedanken hinaus gegangen wird, sie entweder abstrahiert, gelegentlich auch fortgesetzt, in jedem Falle aber miteinander verbunden werden. Das Ergebnis soll eine Theorie des Krieges sein, die den Geist des Krieges erschließt.

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Kapitel I - Übersicht

  • I.1 Zielsetzung der Arbeit

    Das Thema Krieg gewinnt in Anbetracht moderner bewaffneter Konflikte und dem zunehmend offensichtlichen Kampfeinsatz der Bundeswehr in Afghanistan auch im deutschen Sprachraum an Aktualität und Brisanz. Dabei gibt es kaum eine wissenschaftliche Arbeit zu diesem Thema, die ohne einen Verweis auf oder ein Zitat aus dem Clausewitz’schen Hauptwerk Vom Kriege auskommt. Read More
  • I.2 Vorgehen und Aufbau der Arbeit

     Vorgehen und Aufbau der Arbeit   Im Rahmen des Versuchs, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und nicht allzu viel von dem zu wiederholen, was schon vielfach geschrieben wurde, wird auf eine ausführliche Darstellung der Rezeptionsgeschichte und des Forschungsstandes zu Clausewitz[1] sowie auf die Darstellung der offensichtlichen Relevanz des Themas verzichtet. Read More
  • I.3.1 Leben und Wirken Carl von Clausewitz (Teil 1)

     Das Leben von Clausewitz ist in der bestehenden Literatur ausführlich und weitestgehend unstrittig nachgezeichnet.[1] Im Folgenden soll das Leben des Generals mit den wichtigsten Eckpfeilern dargestellt werden, damit das Hauptwerk ‚Vom Kriege‘ auch aus der Zeit und den Lebensumständen seines Verfassers heraus verstanden werden kann. Read More
  • I.4 Schwierigkeiten des Hauptwerkes Vom Kriege

    Das aus acht Büchern und insgesamt 124 Kapiteln bestehende Vom Kriege ist über einen Zeitraum von zwölf bis vierzehn Jahren entstanden, nicht vollendet und posthum von Marie von Clausewitz veröffentlicht worden.[1] Dies wäre vielleicht nicht sonderlich tragisch, wenn es dem Autor lediglich verwehrt geblieben wäre, einen Schluss oder einige einzelne Kapitel zu verfassen. Die Problematik ist vielmehr, dass Clausewitz es nicht schaffte, das Werk zu überarbeiten und in Gänze auf den Stand einer einheitlichen, abgeschlossenen Theorie zu bringen. In diesem Sinne ist umstritten, welche Teile überarbeitet wurden und welche einem älteren Gedankengut geschuldet sind. [2] Read More
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