Das Leben von Clausewitz ist in der bestehenden Literatur ausführlich und weitestgehend unstrittig nachgezeichnet.[1] Im Folgenden soll das Leben des Generals mit den wichtigsten Eckpfeilern dargestellt werden, damit das Hauptwerk ‚Vom Kriege‘ auch aus der Zeit und den Lebensumständen seines Verfassers heraus verstanden werden kann.

 

Erste Erfahrungen und Schriften bis 1806

 

Über Clausewitz‘ Kindheit ist nicht viel bekannt.[2] Er wurde im Juli 1780 in Burg bei Magdeburg geboren, sein Vater war ein königlicher Steuereintreiber,[3] der zuvor als Offizier im Siebenjährigen Krieg gedient hatte und dort schwer verwundet worden war. In seinem Elternhaus erlebte Clausewitz ein Übermaß an Patriotismus und militärischem Geist. Drei der vier Clausewitz-Kinder traten in die preußische Armee ein und starben im Generalsrang.[4] Eine gewisse Fragwürdigkeit der adligen Abstammung der Familie Clausewitz[5] könnte eine erste Zäsur in Clausewitz‘ Leben darstellen; so musste sich der Offizier zeit seines Lebens dem Eindruck erwehren, er sei ein Usurpator des Adelstitels und des Offiziersstatus unwürdig.[6] Obwohl seine adelige Abstammung erst im Jahr 1827 eindeutig und offiziell durch König Friedrich Wilhelm III bestätigt wurde,[7] konnte Clausewitz im Alter von 12 Jahren als Offizieranwärter in das Infanterieregiment ‚Prinz Ferdinand‘ (Nr. 34) eintreten, welches ausschließlich adlige Offiziere annahm.[8] Bereits 1793 nahm Clausewitz mit seinem Regiment an einem Feldzug gegen französische Revolutionstruppen teil und konnte bei der Belagerung und späteren Besatzung der Stadt Mainz erstmals die enthusiastische Kraft von revolutionärem Gedankengut beobachten.[9]

 

1801 wurde Clausewitz an der Allgemeinen Kriegsschule in Berlin zugelassen, in welcher der spätere Heeresreformer Scharnhorst[10] auf den 25 Jahre jüngeren, intellektuellen und nach Bildung strebenden Clausewitz aufmerksam wurde. Scharnhorst lernte den jungen Clausewitz sehr schnell zu schätzen und es entwickelte sich auch privat eine enge Bindung zwischen beiden.[11] Durch Scharnhorst wurde Clausewitz in die Reihen der Heeresreformer eingeführt, die sich intensiv mit der napoleonischen Kriegsführung auseinandersetzten und früh erkannten, dass die preußische Armee, die noch immer das Erbe Friedrichs des Großen in sich trug, dringend reformiert werden musste, wenn sie im Kampf gegen Frankreich bestehen wollte. Dieser kritische Zeitgeist stieß allerdings auf beachtliche Widerstände der traditionellen preußischen Elite.[12] Derweil wurde Clausewitz von Scharnhorst nicht nur geistig geprägt, sondern durchaus auch dienstlich gefördert. Nachdem Clausewitz die Kriegsschule als Jahrgangsbester absolviert hatte, verschuf ihm im Sommer 1804 vor allem die Fürsprache von Scharnhorst den attraktiven und prestigeträchtigen Posten[13] des Adjutanten bei dem Prinzen August[14]. Damit hatte Clausewitz Zugang zum königlichen Hof und den höchsten gesellschaftlichen Kreisen Preußens, bis er 1806 in seiner Funktion als Adjutant in die Schlacht um Jena und Auerstedt zog.

 

In der Berliner Zeit von 1801 bis 1806 entstand eine Reihe von überlieferten Niederschriften und Aufzeichnungen des jungen Offiziers.[15] Dabei stechen vor allem drei Titel heraus: Eine umfangreiche Studie über die Feldzüge Gustav Adolfs[16] in den Jahren 1630 bis 1632, einige Notizen zum Stichwort ‚Strategie‘[17] und ein in der ‚Neuen Bellona‘[18] anonym erschienener Artikel, in dem Clausewitz die Ansichten des damals hoch angesehenen Bülow[19] scharf angriff.[20]

 

Die Abhandlungen über die Feldzüge des schwedischen Königs während des Dreißigjährigen Krieges wurden zwar erst posthum veröffentlicht,[21] sind aber wahrscheinlich in ihrer ursprünglichen Fassung verblieben. Das Werk ist ausgesprochen umfangreich, glänzt vor allem durch eine präzise und eindrucksvolle Sprache und ist in sich schlüssig. Der frühe Clausewitz analysiert dezidiert die schwedischen Feldzüge im Dreißigjährigen Krieg und schafft es, sich auf diese zu konzentrieren ohne von den eigentlichen Hauptschlachten des großen Krieges abgelenkt zu werden. Das Hervorstechende dabei ist, dass Clausewitz entgegen den Strömungen seiner Zeit nicht mathematische, rein rationale Überlegungen in den Mittelpunkt stellt, sondern bereits die moralischen Größen[22] und das Genie des Feldherrn[23] konzentriert untersucht und hierin die wesentlichen Merkmale des Feldzuges identifiziert. Auf diesem Wege spannt er auch den Bogen zu seiner Zeit und kritisiert die Haltung seiner Generation sowohl im militärtheoretischen, als auch im politischen Bereich.[24] Insgesamt ist dieses Werk des Mitte-Zwanzigjährigen verblüffend seiner Zeit voraus und weist einen hohen Abstraktionsgrad auf.[25]

 

Beim zweiten hervorstechende Titel, „Strategie von 1804“[26], handelt es sich um eine Notiz, die wohl kaum zur Veröffentlichung gedacht war und entsprechend ebenfalls erst nach Clausewitz‘ Tode publiziert wurde. Dieser Aufsatz ist eine Abhandlung, die eine umfassende Anzahl von Themen einschließt, die jeweils nur kurz, fast stichpunktartig angeschnitten werden. Hervorstechend ist dabei durchweg, dass die Bedeutung des Gefechts und des energischen Handels in den Vordergrund gestellt werden.[27] Clausewitz spricht sich in diesem Zusammenhang implizit gegen die Manövertaktik der auslaufenden Militärepoche aus, mit der im Schwerpunkt versucht wird, durch Truppenbewegungen den Gegner in eine nachteilige Position zu bringen, insgesamt das Gefecht aber aus Kostengründen zu meiden. Auffallend ist, dass Clausewitz bereits in diesen frühen Schriften einige Formulierungen findet, die charakteristisch und endgültig sind und unverändert in sein großes Werk ‚Vom Kriege‘ übernommen werden.[28] So zum Beispiel die Definition der Begriffe Strategie und Taktik[29], deren Formulierung er in ‚Vom Kriege‘ wortgleich übernimmt.[30] Andere Aspekte reifen zwar schon in seinem Verständnis, doch die endgültige Form fehlt dem jungen Clausewitz noch. So formuliert er zwar in ‚Strategie‘, dass die Franzosen aufgrund der Ausdehnung ihres Angriffs in Polen leichter zu schlagen seien als in Italien und dass ihnen daher spätestens in Russland der Untergang gewiss sei,[31] findet aber erst in ‚Vom Kriege‘ die allgemeingültig abgeleitete Formel des Kulminationspunktes im Angriff,[32] mit welcher er feststellt, dass die Truppen im Angriff mehr abgenutzt werden als in der Verteidigung und damit verbunden ein Punkt existieren muss, an dem der Verteidiger das Übergewicht erhält. Gegensätzlich zu seinen späteren Auffassungen sieht Clausewitz in der ‚Strategie‘ den Zufall allerdings noch als Störgröße im Krieg, die es so weit wie möglich auszuschalten gelte. Er hat sich also zu diesem Zeitpunkt noch nicht gänzlich von der rationalistischen Militärdoktrin frei gemacht.[33] Jedoch sind die vielleicht interessantesten Überlegungen seines Hauptwerkes ‚Vom Kriege‘ zum Zusammenhang zwischen Krieg und Politik in dieser frühen Schaffensphase noch nicht vorhanden. Im Gegenteil schreibt er, dass der politische Zweck auf das militärische Ziel eines Krieges kaum Einfluss habe.[34]

 

In der dritten hervorstechenden Schrift, der Bülow-Rezension[35], greift Clausewitz die militärtheoretischen Ansichten von Bülow massiv an. Bülow hatte kurz zuvor in den Versuch unternommen, „Ordnung in die Ansichten über den modernen Krieg zu bringen, indem er allgemeingültige Lehrsätze in die Militärtheorie einführen und eine allgemein anerkannte Terminologie entwickeln wollte“[36]. Seine Hauptthese war dabei, „daß der Erfolg einer militärischen Operation weitgehend abhängig sei von dem Winkel zweier Linien, die von den äußersten Punkten der Operationsbasis zum Angriffsziel führen. Wenn die Operationsbasis günstig gelegen und so weit ausgedehnt sei, daß die Linien in einem Winkel von 90 Grad oder mehr zum Ziel zusammenlaufen, dann sei der Sieg nach menschlichem Ermessen sicher.“[37] Natürlich war es genau jene Rationalisierung, jene Mathematisierung des Krieges, die Clausewitz massiv ablehnte. Entsprechend polemisch und harsch war auch seine in der Neuen Bellona anonym[38] veröffentlichte Gegenschrift.[39] Allerdings war es in der damaligen Zeit für einen Offizier in Clausewitz‘ Rang durchaus nicht ungewöhnlich, in derartiger Form am öffentlichen Diskurs teilzunehmen.[40]

Insgesamt hebt sich Clausewitz bereits mit seinen frühen Schriften deutlich von vergleichbaren Werken ab. Seine Schriften hatten bereits jetzt das Niveau der besten Militärliteratur der damaligen Zeit, auch wenn es dem jungen Clausewitz noch an der Differenzierung fehlte. Im Alter von 25 Jahren hatte er zwar schon eine gewisse Reife erlangt, strebte aber fortwährend weiter danach, seine Bildung zu vertiefen und seine theoretischen Ansichten zu verfeinern.[41] Doch zunächst wurden die literarischen Arbeiten Clausewitz‘ durch den Krieg zwischen Preußen und Frankreich unterbrochen.[42] Bei der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 standen sich nicht nur zwei feindliche Armeen gegenüber, sondern auch zwei unterschiedliche Militärdoktrinen.

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Kapitel I.3 - Übersicht

  • I.3.1 Leben und Wirken Carl von Clausewitz (Teil 1)

     Das Leben von Clausewitz ist in der bestehenden Literatur ausführlich und weitestgehend unstrittig nachgezeichnet.[1] Im Folgenden soll das Leben des Generals mit den wichtigsten Eckpfeilern dargestellt werden, damit das Hauptwerk ‚Vom Kriege‘ auch aus der Zeit und den Lebensumständen seines Verfassers heraus verstanden werden kann. Read More
  • I.3.2 Leben und Wirken Carl von Clausewitz (Teil 2)

     Hintergründe der Schlacht bei Jena und Auerstedt 1806   Auf der einen Seite kämpfte die Militärmaschinerie Preußens in der Tradition des Königs Friedrich II. Dieser hatte Preußen während seiner langen Regierungszeit mit Hilfe einer Reihe von Kriegen in den Kreis der europäischen Großmächte geführt,[1] doch nach seinem Tod eine enorme Lücke hinterlassen. Der omnipräsente, autoritäre Herrscher konnte durch seine Nachfolger kaum ersetzt werden.[2] So verharrte auch die preußische Armee in der Kriegführung des 18. Jahrhunderts, die den einfachen Soldaten ausschließlich als unmündigen Erfüllungsgehilfen ansah. Hintergrund war ein Staatsverständnis, nachdem der gemeine Bürger ausschließlich Untertan, ohne jegliche Mitsprache oder Teilhabe am Staatswesen war. Unter diesen Voraussetzungen erwarteten die Fürsten kaum, dass sich der Untertan persönlich für die Sache des Staates einsetzte. Read More
  • I.3.3 Leben und Wirken Carl von Clausewitz (Teil 3)

      Französisches Exil, Patriotismus, Reform, Abkehr (1806-1812) Clausewitz erlebte die Schlacht in Auerstedt in der Stellung des Adjutanten Prinz Augusts. Nach der Verwundung des Kapitäns von Schönberg[1] übernahm er die Führung eines Grenadierbataillons unter dem Kommando Prinz Augusts und bewährte sich dabei ausgezeichnet. Schon zuvor hat er für einige Teile des Bataillons die Einübung der für Preußen revolutionären Tirailleurtaktik durchsetzen können, was für diesen kleinen Teil der preußischen Truppen auch tatsächlich zu Erfolgen führte.[2] Nach der preußischen Niederlage bei Jena und Auerstedt geriet Clausewitz in Prenzlau am 28. Oktober 1806 in französische Gefangenschaft. Nach kurzem Aufenthalt in Berlin und Neuruppin wurde er, weiterhin in der Funktion des Adjutanten von Prinz August, nach Frankreich verbracht.[3] „Die zehn Monate, die Clausewitz in Read More
  • I.3.4 Leben und Wirken Carl von Clausewitz (Teil 4)

     In russischen Diensten, Tauroggen (1812-1815) Clausewitz‘ Übertritt in russische Dienste verdient sicherlich Respekt, denn er bescheinigte ihm, dass er für seine Überzeugungen einstand und bereit war, dafür einige Opfer in Kauf zu nehmen. Er verzichtete auf seine militärische Karriere, die ihm doch so wichtig war, verließ die sichere und bekannte Umgebung und begab sich in eine ungewisse Zukunft in der Fremde. Ihn dafür allerdings als ‚vorbildhaft‘ für andere Soldaten zu bezeichnen, wie es Hahlweg 1957 tat,[1] scheint doch zu weit zu gehen. Denn Clausewitz handelte im Gegensatz zum militärischen Widerstand im Zweiten Weltkrieg, auf den Hahlweg anspielt, nicht aus ethischen Motiven oder weil er mit Gehorsam gegen allgemeingültige Werte und Normen verstoßen hätte, sondern weil er seine – übrigens höchst individuelle Read More
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Kapitel I - Übersicht

  • I.1 Zielsetzung der Arbeit

    Das Thema Krieg gewinnt in Anbetracht moderner bewaffneter Konflikte und dem zunehmend offensichtlichen Kampfeinsatz der Bundeswehr in Afghanistan auch im deutschen Sprachraum an Aktualität und Brisanz. Dabei gibt es kaum eine wissenschaftliche Arbeit zu diesem Thema, die ohne einen Verweis auf oder ein Zitat aus dem Clausewitz’schen Hauptwerk Vom Kriege auskommt. Read More
  • I.2 Vorgehen und Aufbau der Arbeit

     Vorgehen und Aufbau der Arbeit   Im Rahmen des Versuchs, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und nicht allzu viel von dem zu wiederholen, was schon vielfach geschrieben wurde, wird auf eine ausführliche Darstellung der Rezeptionsgeschichte und des Forschungsstandes zu Clausewitz[1] sowie auf die Darstellung der offensichtlichen Relevanz des Themas verzichtet. Read More
  • I.3.1 Leben und Wirken Carl von Clausewitz (Teil 1)

     Das Leben von Clausewitz ist in der bestehenden Literatur ausführlich und weitestgehend unstrittig nachgezeichnet.[1] Im Folgenden soll das Leben des Generals mit den wichtigsten Eckpfeilern dargestellt werden, damit das Hauptwerk ‚Vom Kriege‘ auch aus der Zeit und den Lebensumständen seines Verfassers heraus verstanden werden kann. Read More
  • I.4 Schwierigkeiten des Hauptwerkes Vom Kriege

    Das aus acht Büchern und insgesamt 124 Kapiteln bestehende Vom Kriege ist über einen Zeitraum von zwölf bis vierzehn Jahren entstanden, nicht vollendet und posthum von Marie von Clausewitz veröffentlicht worden.[1] Dies wäre vielleicht nicht sonderlich tragisch, wenn es dem Autor lediglich verwehrt geblieben wäre, einen Schluss oder einige einzelne Kapitel zu verfassen. Die Problematik ist vielmehr, dass Clausewitz es nicht schaffte, das Werk zu überarbeiten und in Gänze auf den Stand einer einheitlichen, abgeschlossenen Theorie zu bringen. In diesem Sinne ist umstritten, welche Teile überarbeitet wurden und welche einem älteren Gedankengut geschuldet sind. [2] Read More
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