Hintergründe der Schlacht bei Jena und Auerstedt 1806

 

Auf der einen Seite kämpfte die Militärmaschinerie Preußens in der Tradition des Königs Friedrich II. Dieser hatte Preußen während seiner langen Regierungszeit mit Hilfe einer Reihe von Kriegen in den Kreis der europäischen Großmächte geführt,[1] doch nach seinem Tod eine enorme Lücke hinterlassen. Der omnipräsente, autoritäre Herrscher konnte durch seine Nachfolger kaum ersetzt werden.[2] So verharrte auch die preußische Armee in der Kriegführung des 18. Jahrhunderts, die den einfachen Soldaten ausschließlich als unmündigen Erfüllungsgehilfen ansah. Hintergrund war ein Staatsverständnis, nachdem der gemeine Bürger ausschließlich Untertan, ohne jegliche Mitsprache oder Teilhabe am Staatswesen war. Unter diesen Voraussetzungen erwarteten die Fürsten kaum, dass sich der Untertan persönlich für die Sache des Staates einsetzte. Da alle europäischen Staaten nach ähnlichen Grundsätzen regiert wurden, konnte dem Untertan letztlich egal sein, welchem Herrn er zu gehorchen hatte.[3] Entsprechend war das erste Problem des Feldherrn des 18. Jahrhunderts zumeist nicht der Kampf mit dem Feind, sondern der Zusammenhalt der eigenen Armee. So hatte Friedrich der Große in einer Vorschrift für Truppenführer auch gleich das erste Kapitel der Verhinderung von Fahnenflucht gewidmet.[4] Die Motivation des einzelnen Soldaten zum Kampf konnte somit nicht aus einem Enthusiasmus für die Sache hervorgehen, sondern musste durch blinden Gehorsam ersetzt werden. Dieser wurde in erster Linie durch Furcht vor drakonischen Strafen erzeugt.[5]

 

Aus diesem Bild des absolut unmündigen, blind gehorchenden, meist zwangsrekrutierten Soldaten heraus entwickelte sich die Lineartaktik, mit welcher die Infanterie in engen Formationen zu drei Gliedern auftrat, wobei die erste Linie abhockend, die zweite stehend und die dritte auf Lücke feuern konnte. Die Flanken wurden jeweils von der Kavallerie gedeckt. Diese Taktik, die jegliche Eigeninitiative oder das Mitdenken des einfachen Soldaten ausschloss, wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts optimiert. Es kam darauf an, die Abläufe innerhalb der Formationen, das Laden, das Vorrücken und die Veränderung der Stellung zu perfektionieren und zu höchster Geschwindigkeit zu führen. Auf diesem Wege wurde die Armee zu einer Art Uhrwerk, einem mechanischen Instrument, welches nach mathematischen und geometrischen Grundsätzen zu berechnen war, wenn der Waffendrill nur hinreichend gut eingeübt war.[6] Dies erklärt auch den Glauben an „vollkommene Plan- und Berechenbarkeit militärischer Operationen“[7].

 

Nach Friedrichs Tod hatten die nachfolgenden Monarchen kein vergleichbares Durchsetzungsvermögen und es mangelte ihnen an Erfahrung. Daher waren sie auf den Rat der Generalität angewiesen.[8] Diese wussten ihre neue Stellung durchaus gut auszunutzen, traten gegenüber der Krone ausgesprochen selbstbewusst auf und wehrten jegliche Neuerungen aus Traditionsbewusstsein ab.[9] Die preußische Armee zog daher nicht die nötigen Lehren aus der Französischen Revolution und beharrte auf ihrem alten Menschenbild, da den Generalen die Lineartaktik als das Maß aller Dinge erschien. Die kleine Gruppe der Reformer um Scharnhorst, zu der sich auch Clausewitz zählen durfte, die immer wieder auf die Bedeutung der moralischen Größen im Gefecht, den Enthusiasmus und den notwendigen Mut der Soldaten hinwiesen,[10] wurden kritisch beäugt und man sah in ihnen sogar eine Gefahr für die Monarchie und das alte, konservative Weltbild. Eine Volksbewaffnung, oder ein Soldat, der freiwillig sein Vaterland verteidigt, schien den Generalen absurd, ja sogar gefährlich. Patriotische Empfindungen, die in Deutschland durchaus vorhanden waren, wurden daher in keiner Weise militärisch genutzt. Der Drill wurde perfektioniert, sodass am 14. Oktober 1806 das „Paradebeispiel einer exzellent funktionierenden Kriegsmaschine“[11] auf den Schlachtfeldern bei Jena und Auerstedt stand.[12]

 

Auf der französischen Seite stand im Gegensatz zur preußisch gedrillten Berufsarmee eine freiwillige Volksarmee. Die Soldaten waren hier also keine ausgebildeten Untertanen, sondern motivierte Bürger, die kaum über eine militärische Grundausbildung verfügten und nach herkömmlichen Maßstäben eher wenig diszipliniert waren.[13] Dieser Kämpfertypus trat erstmals in den amerikanischen Unabhängigkeitskriegen auf und stellte die militärischen Führer zunächst vor einige Herausforderungen. Der enthusiastische, motivierte Kämpfer eignet sich nur bedingt für die damals übliche Kampfweise der Lineartaktik und dies wurde von den eigenen militärischen Führern zunächst als Nachteil empfunden. Erst nach den ersten erfolgreichen Schlachten wurden die Vorteile dieses Kämpfertypus deutlicher, denn endlich konnten einige schon im Absolutismus diskutierte Taktiken und Formationen erprobt und angewendet werden, für die der unmündige, gepresste Kämpfer ungeeignet war.

 

Bei der Tirailleurtaktik traten die Schützen in losen Verbänden auf, konnten also das Gelände ausnutzen, in Deckung gehen und sich weitestgehend frei bewegen. Die mangelhafte Waffentechnik verhinderte jedoch zu diesem Zeitpunkt noch einen wirkungsvollen Einsatz der Tirailleure, so dass diese Formation nur dazu geeignet war, Lücken zu decken oder den Formationswechsel der Hauptkräfte abzusichern.[14] Den Tirailleuren fehlte es an Stoß- und Feuerkraft.[15] Ebenfalls neu, aber äußerst wirkungsvoll war die Kolonnentaktik, bei der sich die Schützenverbände nicht wie bei der Lineartaktik breit und flach, sondern schmal und tief gliederten und mit aufgesetztem Bajonett die feindlichen Linien stürmten und im Nahkampf niederrangen.[16] Ganz offensichtlich liegt diese Kampfweise dem leidenschaftlichen Kämpfer deutlich näher als dem gedrillten, emotionslosen Befehlsempfänger.

 

Der entscheidende Vorteil der französischen Armee war nun weniger die Überlegenheit einer neu entwickelten Taktik über eine ältere, als vielmehr die Möglichkeit, seine Taktiken zu kombinieren und zu wechseln, um somit weniger vorhersehbar zu handeln, die Situation besser auszunutzen und in verschiedenen Lagen flexibler reagieren zu können.[17]

 

Der preußischen, exzellent gedrillten und disziplinierten Kriegsmaschine stand also die französische, nur rudimentär gedrillte, aber äußerst flexibel einsetzbare Volksarmee gegenüber. Dieses Bild spiegelte sich auch in der Armeeführung wieder: Die Franzosen wurden von ihrem 37-jährigen Napoleon Bonaparte persönlich angeführt. Seine Herrschaft war unangefochten, seine Mannschaften verehrten ihn und folgten ihm aus Überzeugung. Die Befehlshaber seiner Armeekorpse waren bis auf Augereau[18] zwischen 36 und 39 Jahre alt, Führungs- und Machtverhältnisse waren zwischen ihnen klar geregelt und unstrittig. Der jüngste französische General war 29 Jahre. Insgesamt war das französische Offizierkorps jung, dynamisch, flexibel, belastbar und kampferprobt. Leistung, Befähigung und Bewährung im Felde gab idealtypischerweise den Ausschlag für Beförderungen.[19]

 

Ganz anders waren dagegen die Verhältnisse auf preußischer Seite. Der König Friedrich Wilhelm III war zwar anwesend, führt aber nicht aktiv. Als Befehlshaber vor Ort wurde der 71-jährige Herzog zu Braunschweig-Lüneburg[20] eingesetzt, dessen – nach Clausewitz‘ Urteil – „Wesen und Betragen eines verbindlichen Hofmanns [ihn] verhinderte[…], über Menschen und Umstände herrisch zu gebieten“[21]. Der greise Feldmarschall erwies sich als unfähig, den Überblick zu bewahren und die nötige Entschlusskraft aufzubringen, um aktiv und wendig zu führen. Hinzu kam, dass das Verhältnis zu den drei anderen preußischen Befehlshabern unklar und durch persönliche Differenzen gestört war.[22] Insgesamt zeigte sich das Offizierkorps überaltert. Bei der Infanterie waren 56 Prozent der Offiziere über 50 Jahre, bei der Kavallerie gar knapp 70 Prozent.[23] Zum Vergleich: Bei den Franzosen war der Marschall Augereau mit 49 Jahren der älteste General. Bei Beförderungen preußischer Offiziere bestimmten Herkunft und Abstammung die maßgebliche Reihenfolge, Leistung und Befähigung traten in den Hintergrund.[24] Scharnhorst bewertete das Offizierkorps wie folgt: „Unsere höheren Offiziere wissen nicht zu kommandieren; nur wenige sind in ihrer Stelle brauchbar.“[25] So ergab sich ein äußerst schlechtes Bild für die preußische Führung. „Der Großteil der Offiziere konnte nur lehrbuchmäßig agieren und wusste nicht, flexibel auf die neu angewandte Taktik der Franzosen zu reagieren.“[26]

 

So ereignete sich am 14. Oktober 1806 die unausweichliche Katastrophe für Preußen. Der stolze Militärstaat wurde durch die verheerende Niederlage bei Jena und Auerstedt in seinen Grundfesten erschüttert. Zwar hatte der kleine Zirkel von Reformgeistern um Scharnhorst schon zuvor das alternde Militärwesen Preußens kritisiert,[27] doch waren diese wissenschaftlichen Diskurse doch eher theoretischer Natur und deren praktischer Nutzen in weiter Ferne gewähnt.[28] Der Niederlage in Jena und Auerstedt folgte der völlige Zusammenbruch Preußens. „Noch wenige Tage zuvor schien das Alte gut und bewährt. Nun wird unversehens jene vormals unbesiegbare Großmacht im Herzen Europas in Frage gestellt.“[29] Napoleon stieß weiter vor und besetzte am 27. Oktober Berlin, nachdem der preußische König nach Ostpreußen geflohen war. Der Krieg zwischen Frankreich auf der einen, Russland und Preußen auf der anderen Seite, wurde am 7., beziehungsweise 9. Juli 1807 mit dem Frieden von Tilsit beendet. Dieser Diktatfrieden beinhaltete große Gebietsverluste Preußens und erhebliche Kontributionszahlungen. Das kleine Restpreußen, mit neuem Regierungssitz in Königsberg, wurde zum französischen Vasallenstaat deklassiert.[30]

weiter zu I.3.3 Leben und Wirken Carl von Clausewitz (Teil 3)

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Kapitel I.3 - Übersicht

  • I.3.1 Leben und Wirken Carl von Clausewitz (Teil 1)

     Das Leben von Clausewitz ist in der bestehenden Literatur ausführlich und weitestgehend unstrittig nachgezeichnet.[1] Im Folgenden soll das Leben des Generals mit den wichtigsten Eckpfeilern dargestellt werden, damit das Hauptwerk ‚Vom Kriege‘ auch aus der Zeit und den Lebensumständen seines Verfassers heraus verstanden werden kann. Read More
  • I.3.2 Leben und Wirken Carl von Clausewitz (Teil 2)

     Hintergründe der Schlacht bei Jena und Auerstedt 1806   Auf der einen Seite kämpfte die Militärmaschinerie Preußens in der Tradition des Königs Friedrich II. Dieser hatte Preußen während seiner langen Regierungszeit mit Hilfe einer Reihe von Kriegen in den Kreis der europäischen Großmächte geführt,[1] doch nach seinem Tod eine enorme Lücke hinterlassen. Der omnipräsente, autoritäre Herrscher konnte durch seine Nachfolger kaum ersetzt werden.[2] So verharrte auch die preußische Armee in der Kriegführung des 18. Jahrhunderts, die den einfachen Soldaten ausschließlich als unmündigen Erfüllungsgehilfen ansah. Hintergrund war ein Staatsverständnis, nachdem der gemeine Bürger ausschließlich Untertan, ohne jegliche Mitsprache oder Teilhabe am Staatswesen war. Unter diesen Voraussetzungen erwarteten die Fürsten kaum, dass sich der Untertan persönlich für die Sache des Staates einsetzte. Read More
  • I.3.3 Leben und Wirken Carl von Clausewitz (Teil 3)

      Französisches Exil, Patriotismus, Reform, Abkehr (1806-1812) Clausewitz erlebte die Schlacht in Auerstedt in der Stellung des Adjutanten Prinz Augusts. Nach der Verwundung des Kapitäns von Schönberg[1] übernahm er die Führung eines Grenadierbataillons unter dem Kommando Prinz Augusts und bewährte sich dabei ausgezeichnet. Schon zuvor hat er für einige Teile des Bataillons die Einübung der für Preußen revolutionären Tirailleurtaktik durchsetzen können, was für diesen kleinen Teil der preußischen Truppen auch tatsächlich zu Erfolgen führte.[2] Nach der preußischen Niederlage bei Jena und Auerstedt geriet Clausewitz in Prenzlau am 28. Oktober 1806 in französische Gefangenschaft. Nach kurzem Aufenthalt in Berlin und Neuruppin wurde er, weiterhin in der Funktion des Adjutanten von Prinz August, nach Frankreich verbracht.[3] „Die zehn Monate, die Clausewitz in Read More
  • I.3.4 Leben und Wirken Carl von Clausewitz (Teil 4)

     In russischen Diensten, Tauroggen (1812-1815) Clausewitz‘ Übertritt in russische Dienste verdient sicherlich Respekt, denn er bescheinigte ihm, dass er für seine Überzeugungen einstand und bereit war, dafür einige Opfer in Kauf zu nehmen. Er verzichtete auf seine militärische Karriere, die ihm doch so wichtig war, verließ die sichere und bekannte Umgebung und begab sich in eine ungewisse Zukunft in der Fremde. Ihn dafür allerdings als ‚vorbildhaft‘ für andere Soldaten zu bezeichnen, wie es Hahlweg 1957 tat,[1] scheint doch zu weit zu gehen. Denn Clausewitz handelte im Gegensatz zum militärischen Widerstand im Zweiten Weltkrieg, auf den Hahlweg anspielt, nicht aus ethischen Motiven oder weil er mit Gehorsam gegen allgemeingültige Werte und Normen verstoßen hätte, sondern weil er seine – übrigens höchst individuelle Read More
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Kapitel I - Übersicht

  • I.1 Zielsetzung der Arbeit

    Das Thema Krieg gewinnt in Anbetracht moderner bewaffneter Konflikte und dem zunehmend offensichtlichen Kampfeinsatz der Bundeswehr in Afghanistan auch im deutschen Sprachraum an Aktualität und Brisanz. Dabei gibt es kaum eine wissenschaftliche Arbeit zu diesem Thema, die ohne einen Verweis auf oder ein Zitat aus dem Clausewitz’schen Hauptwerk Vom Kriege auskommt. Read More
  • I.2 Vorgehen und Aufbau der Arbeit

     Vorgehen und Aufbau der Arbeit   Im Rahmen des Versuchs, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und nicht allzu viel von dem zu wiederholen, was schon vielfach geschrieben wurde, wird auf eine ausführliche Darstellung der Rezeptionsgeschichte und des Forschungsstandes zu Clausewitz[1] sowie auf die Darstellung der offensichtlichen Relevanz des Themas verzichtet. Read More
  • I.3.1 Leben und Wirken Carl von Clausewitz (Teil 1)

     Das Leben von Clausewitz ist in der bestehenden Literatur ausführlich und weitestgehend unstrittig nachgezeichnet.[1] Im Folgenden soll das Leben des Generals mit den wichtigsten Eckpfeilern dargestellt werden, damit das Hauptwerk ‚Vom Kriege‘ auch aus der Zeit und den Lebensumständen seines Verfassers heraus verstanden werden kann. Read More
  • I.4 Schwierigkeiten des Hauptwerkes Vom Kriege

    Das aus acht Büchern und insgesamt 124 Kapiteln bestehende Vom Kriege ist über einen Zeitraum von zwölf bis vierzehn Jahren entstanden, nicht vollendet und posthum von Marie von Clausewitz veröffentlicht worden.[1] Dies wäre vielleicht nicht sonderlich tragisch, wenn es dem Autor lediglich verwehrt geblieben wäre, einen Schluss oder einige einzelne Kapitel zu verfassen. Die Problematik ist vielmehr, dass Clausewitz es nicht schaffte, das Werk zu überarbeiten und in Gänze auf den Stand einer einheitlichen, abgeschlossenen Theorie zu bringen. In diesem Sinne ist umstritten, welche Teile überarbeitet wurden und welche einem älteren Gedankengut geschuldet sind. [2] Read More
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