Das aus acht Büchern und insgesamt 124 Kapiteln bestehende Vom Kriege ist über einen Zeitraum von zwölf bis vierzehn Jahren entstanden, nicht vollendet und posthum von Marie von Clausewitz veröffentlicht worden.[1] Dies wäre vielleicht nicht sonderlich tragisch, wenn es dem Autor lediglich verwehrt geblieben wäre, einen Schluss oder einige einzelne Kapitel zu verfassen. Die Problematik ist vielmehr, dass Clausewitz es nicht schaffte, das Werk zu überarbeiten und in Gänze auf den Stand einer einheitlichen, abgeschlossenen Theorie zu bringen. In diesem Sinne ist umstritten, welche Teile überarbeitet wurden und welche einem älteren Gedankengut geschuldet sind.

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Bis in seine letzten Lebensjahre hinein hat der berühmte Kriegsphilosoph über den Krieg und dessen innerstes Wesen nachgedacht. Während ihm viele Grundsätze, die im Krieg herrschen mögen, bereits in frühen Jahren, nämlich bereits beim Verfassen der „Strategie von 1804“[3], gegenwärtig waren und die Entwicklung seiner Gesamttheorie in vielen Teilen nur das Ausmerzen von formalen Unzulänglichkeiten gewesen sein mag,[4] beschäftigte ihn noch in den letzten Jahren seines Lebens die elementare Problematik, wie die Verschiedenartigkeit der Kriege – nicht nur in ihrer Gestalt, sondern auch in ihrem inneren Zusammenhang und Wesen – auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden konnten.[5]

 

Bereits 1804 hatte Clausewitz festgestellt, dass der Zweck des Krieges doppelter Natur sein könnte: „Entweder den Gegner ganz zu vernichten, seine Staatenexistenz aufzuheben, oder ihm beim Frieden Bedingungen vorzuschreiben.“[6] Doch in beiden Fällen müsse, so Clausewitz zu diesem Zeitpunkt, das Ziel im Krieg die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte sein.[7] Der sehr junge Clausewitz forderte daher unabhängig vom Zweck des Krieges die „entscheidendsten Operationen, kosten sie auch die höchsten Anstrengungen“[8] und kritisierte damit die begrenzte Operationsführung der Kabinettskriege des letzten Jahrhunderts im Vergleich zu den umfassenden Zielsetzungen und Anstrengungen des aufstrebenden Napoleons. Clausewitz machte somit die absolute Zielsetzung – also die gänzliche Vernichtung der gegnerischen Streitkräfte – zum Dogma aller Kriege, entband sie vom Zusammenhang mit dem politischen Zweck des Krieges und erklärte diejenigen Fälle der Kriegsgeschichte, in denen ein schwächeres Ziel gewählt wurde, für eine Folge „von falschen Ansichten, Mangel an Energie usw.“[9] So schrieb er selbst noch im dritten Buch von ‚Vom Kriege‘, einem der ältesten Bücher des überlieferten Hauptwerkes: „Das Niederwerfen des Feindes ist das Ziel des Krieges, Vernichtung der feindlichen Streitkräfte das Mittel.“[10] Erst später erkannte er in dieser dogmatischen Ansicht einen gravierenden Denkfehler und schrieb rückblickend, scheinbar seine Fehleinschätzung rekapitulierend:

 

„Es ist doch offenbar etwas ganz anderes, wenn ich die Absicht habe und haben darf, den Gegner niederzuwerfen, ihn wehrlos zu machen und ihn zur Annahme meiner Friedensbedingungen zu zwingen, oder wenn ich mich begnügen muß, mich durch die Eroberung eines kleinen Landstriches, einer Festung usw. in Vorteil zu setzen, um diese entweder beim Frieden zu behalten oder als Äquivalent anzubieten. Die außerordentlichen Verhältnisse Bonapartes und Frankreichs haben ihm seit dem Revolutionskriege fast immer und überall das erste gestattet, und darum ist man auf den Gedanken gekommen, die daraus entsprungenen Entwürfe und Ausführungen für die allgemeine Norm zu halten. Damit wäre aber die gesamte frühere Kriegsgeschichte summarisch verurteilt. Dies ist Torheit. Wollen wir uns eine Kriegskunst aus der Kriegsgeschichte ableiten, und das ist unstrittig der einzige Weg, um dazu zu gelangen, so müssen wir die Aussagen dieser Kriegsgeschichte nicht geringschätzen. Wenn wir also unter 50 Kriegen 49 finden die der zweiten Art gewesen sind, d.h. mit einem beschränkten Ziel, nicht auf das Niederwerfen des Gegners gerichtet, so müssen wir wohl glauben, daß dies in der Natur der Sache sei und nicht jedes Mal von falschen Ansichten, Mangel an Energie usw. herrühre.“[11]

 

Der Kriegsphilosoph hatte damit eine Erkenntnis gewonnen, die spätere Generationen konsequent ignorierten, so dass das „Dogma der Vernichtungsschlacht“[12] weiterhin in den Köpfen der höchsten Militärs geisterte – und dessen Postulat dem berühmten Kriegsphilosophen sogar weiterhin unterstellt wurde, wohl weil es große Teile seines Hauptwerkes auch unverändert beherrscht. Denn seinen Denkfehler hatte Clausewitz erst während der Arbeiten an ‚Vom Kriege‘, vermutlich im Zuge des Verfassens seines achten Buches,  erkannt. Entsprechend musste er nun feststellen, dass ein Großteil seines Werkes, welches zum Teil sogar schon zur Veröffentlichung vorbereitet war, zwingend überarbeitet werden musste.[13] Aus, wie sich später herausstellte, berechtigter Angst, das Manuskript könnte im Falle eines frühen Todes von der Nachwelt nicht verstanden werden, schrieb er im Juli 1827 in einer Art Testament:

 

„Ich betrachte die ersten sechs Bücher, welche sich schon ins reine geschrieben finden, nur als eine noch ziemlich unförmige Masse, die durchaus noch einmal umgearbeitet werden soll. Bei dieser Umarbeitung wird die doppelte Art des Krieges überall schärfer im Auge behalten werden, und dadurch werden alle Ideen einen schärferen Sinn, eine bestimmte Richtung, eine nähere Anwendung bekommen. Diese doppelte Art des Krieges ist nämlich diejenige, wo der Zweck das Niederwerfen des Gegners ist, sei es, daß man ihn politisch vernichten oder bloß wehrlos machen und also zu jedem beliebigen Frieden zwingen will, und derjenige, wo man bloß an den Grenzen seines Reiches einige Eroberungen machen will, sei es, um sie zu behalten, oder um sie als nützliches Tauschmittel beim Frieden geltend zu machen. Die Übergänge von einer Art in die andere müssen freilich bestehenbleiben, aber die ganz verschiedene Natur beider Bestrebungen muss überall durchgreifen und das Unverträgliche voneinander sondern.

 

Aus diesem faktisch bestehenden Unterschied in den Kriegen muß noch der ebenfalls praktisch notwendige Gesichtspunkt ausdrücklich und genau festgestellt werden, daß der Krieg nichts ist als die fortgesetzte Staatspolitik mit anderen Mitteln.[14]

 

Da die ersten sechs Bücher bereits ins Reine geschrieben waren, ist davon auszugehen, dass Clausewitz zuvor seinen Fehler nicht erahnt hatte und seine Theorie für abgeschlossen hielt. Aber auch zum Zeitpunkt dieses Testamentes hat er noch nicht die abschließende Theorie gefunden, denn Clausewitz sieht noch zwei verschiedene Arten von Kriegen, die ‚verschiedener Natur‘ sind. Viele Interpreten hielten wohl aufgrund der oben zitierten Nachricht die ‚doppelte Art des Krieges‘ für das Endergebnis der Clausewitz’schen Theorie. Doch tatsächlich spürte er zu diesem Zeitpunkt erst, dass er sich tiefer mit der Politik auseinandersetzen musste, die doch scheinbar eine ausgesprochen wichtige Größe im Krieg ist, die er aber bisher fast vollkommen außer Acht gelassen hatte.[15]

 

Viel wahrscheinlicher ist es also, dass Clausewitz nach dem Verfassen der Nachricht vom Juli 1827 noch weiter am achten Kapitel gearbeitet hatte und es in diesem Zuge schaffte, eine Synthese aus den beiden verschiedenen Kriegsarten zu finden.[16] So schrieb er im Dezember 1827:

 

„[…] wir müssen darauf zurückkommen, daß der Krieg ein politischer Akt ist, der sein Gesetz nicht ganz in sich selbst trägt, ein wahres politisches Instrument, was nicht selbst wirkt, sondern von einer Hand geführt wird. Diese Hand ist die Politik. Je mehr die Politik von großartigem, das Ganze und sein Dasein umfassendem Interesse ausgeht, je mehr die Frage gegenseitig auf Sein oder Nichtsein gestellt ist, […] um so mehr geht er aus dem bloßen Begriff der Gewalt und Vernichtung hervor, um so mehr entspricht er allen Forderungen, die man aus diesen logischen Begriffen entwickeln kann […] Ein solcher Krieg sieht ganz unpolitisch aus und darum hat man ihn für den Normalkrieg gehalten. Aber offenbar fehlt das politische Prinzip hier ebenso wenig als bei anderen Kriegen, nur fällt es mit dem Begriff der Gewalt und Vernichtung ganz zusammen und verschwindet vor unserem Auge.

 

[Ebenso kann] es Kriege geben […], wo das Ziel ein noch geringfügigeres ist, eine bloße Drohung, eine bewaffnete Unterhandlung oder, in Fällen von Bündnissen, eine bloße Scheinhandlung. Es wäre ganz unphilosophisch zu behaupten, diese Kriege gingen die Kriegskunst nichts mehr an. […] [Sie muss auch] zu allen möglichen Abstufungen hinuntersteigen, die das Interesse der Politik fordern kann.“[17]

 

Hier wird die Politik zu der Klammer, die den verschiedenen Kriegen den Rahmen bietet. Sie wird der gemeinsame Nenner aller Kriege, Krieg nur noch zu einer Unterart, einem Instrument der Politik. Genauer gesagt, wird der zuvor als reiner Krieg wahrgenommene Vernichtungskrieg enttarnt, indem ihm ebenfalls eine politische Oberhoheit vorangestellt wird. Die Verschiedenartigkeit der Politik wird so verantwortlich für die Verschiedenartigkeit der Kriege. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werde ich diesen letzten Stand der Theorie noch näher beleuchten. Hier kommt es darauf an den Hinweis gegeben zu haben, dass die verschiedenen Abschnitte von Vom Kriege einem unterschiedlichen Grundgedanken entsprungen sind – dem Dogma der Vernichtungsschlacht einerseits und der Oberhoheit der Politik andererseits. Clausewitz selbst war sich dessen bewusst und sah sich daher gezwungen, sein gesamtes Werk zu überarbeiten. 1830, kurz vor seiner Abreise nach Breslau, hatte er dies allerdings nur in einigen Teilen der ersten beiden Bücher vollbracht.

 

Um dem Leser der Manuskripte im Falle seines Todes wenigstens eine deutliche Hilfestellung bei der Durcharbeitung seiner Bücher zu geben, schrieb er als Beilage zu seinem versiegelten Werk:[18]

 

„Das Manuskript über die Führung des großen Krieges, welches man nach meinem Tode finden wird, kann, so wie es da ist, nur als eine Sammlung von Werkstücken betrachtet werden, aus denen eine Theorie des großen Krieges aufgebaut werden sollte. […]

 

Allein die Hauptlineamente, welche man in diesen Materialien herrschen sieht, halte ich für die richtigen Ansichten vom Kriege; […]

 

Das erste Kapitel des ersten Buches ist das einzige, was ich als vollendet betrachte; es wird wenigstens dem Ganzen den Dienst erweisen, die Richtung anzugeben, die ich überall halten wollte.“[19]

Insofern muss sich der Leser von Vom Kriege außerhalb des ersten Kapitels des ersten Buches stets bewusst sein, dass die jeweiligen Passagen vor dem Hintergrund einer anderen Überzeugung bzw. einer anderen Schwerpunktsetzung verfasst worden sein könnten. Dies schmälert nicht das Gewicht der jeweils vorgebrachten Argumente, doch muss sich der Leser vor allzu schnellen Rückschlüssen und Verallgemeinerungen hüten, die einzelnen Aussage aufmerksam prüfen und auf ihre Konformität mit dem im ersten Kapitel des ersten Buches zum Ausdruck gebrachten Begriff des Krieges achten.

weiter zu II. Gesellschaftstheoretischer RahmenII.1 Einleitung

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Kapitel I - Übersicht

  • I.1 Zielsetzung der Arbeit

    Das Thema Krieg gewinnt in Anbetracht moderner bewaffneter Konflikte und dem zunehmend offensichtlichen Kampfeinsatz der Bundeswehr in Afghanistan auch im deutschen Sprachraum an Aktualität und Brisanz. Dabei gibt es kaum eine wissenschaftliche Arbeit zu diesem Thema, die ohne einen Verweis auf oder ein Zitat aus dem Clausewitz’schen Hauptwerk Vom Kriege auskommt. Read More
  • I.2 Vorgehen und Aufbau der Arbeit

     Vorgehen und Aufbau der Arbeit   Im Rahmen des Versuchs, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und nicht allzu viel von dem zu wiederholen, was schon vielfach geschrieben wurde, wird auf eine ausführliche Darstellung der Rezeptionsgeschichte und des Forschungsstandes zu Clausewitz[1] sowie auf die Darstellung der offensichtlichen Relevanz des Themas verzichtet. Read More
  • I.3.1 Leben und Wirken Carl von Clausewitz (Teil 1)

     Das Leben von Clausewitz ist in der bestehenden Literatur ausführlich und weitestgehend unstrittig nachgezeichnet.[1] Im Folgenden soll das Leben des Generals mit den wichtigsten Eckpfeilern dargestellt werden, damit das Hauptwerk ‚Vom Kriege‘ auch aus der Zeit und den Lebensumständen seines Verfassers heraus verstanden werden kann. Read More
  • I.4 Schwierigkeiten des Hauptwerkes Vom Kriege

    Das aus acht Büchern und insgesamt 124 Kapiteln bestehende Vom Kriege ist über einen Zeitraum von zwölf bis vierzehn Jahren entstanden, nicht vollendet und posthum von Marie von Clausewitz veröffentlicht worden.[1] Dies wäre vielleicht nicht sonderlich tragisch, wenn es dem Autor lediglich verwehrt geblieben wäre, einen Schluss oder einige einzelne Kapitel zu verfassen. Die Problematik ist vielmehr, dass Clausewitz es nicht schaffte, das Werk zu überarbeiten und in Gänze auf den Stand einer einheitlichen, abgeschlossenen Theorie zu bringen. In diesem Sinne ist umstritten, welche Teile überarbeitet wurden und welche einem älteren Gedankengut geschuldet sind. [2] Read More
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