Der Krieg ist kein selbstständiges Ding, sondern die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, daher sind die Hauptlineamente aller großen strategischen Entwürfe größtenteils politischer Natur, und immer um so mehr, je mehr sie das Ganze des Krieges und des Staates umfassen. Der ganze Kriegsplan geht unmittelbar aus dem politischen Dasein der beiden kriegführenden Staaten sowie aus ihren Verhältnissen zu anderen hervor. Aus dem Kriegsplan geht der Feldzugsplan hervor, und ist sogar, wenn nämlich alles sich auf ein Kriegstheater beschränkt, oft identisch mit demselben. Aber auch in die einzelnen Teile eines Feldzuges zieht sich das politische Element hinein, und es ist wohl selten irgendein großer Akt des Krieges, wie eine Schlacht usw., wo sich nicht noch einiger Einfluß davon zeigte. Nach dieser Ansicht kann von einer rein militärischen Beurteilung eines großen strategischen Ganzen sowie von einem rein militärischen Entwurf desselben nicht die Rede sein. Daß diese Ansicht eine ganz notwendige ist, die, wenn man nur die Kriegsgeschichte im Auge hat, ganz nahe liegt, bedarf wohl keines Beweises. Daß sie aber dennoch bis jetzt nicht festgestellt worden ist, zeigt sich eben darin, daß man bis jetzt immer noch das rein Militärische eines großen strategischen Entwurfes von dem Politischen hat trennen und das letztere wie etwas Ungehöriges hat betrachten wollen. Der Krieg ist nichts als die Fortsetzung der politischen Bestrebungen mit veränderten Mitteln. Diese Ansicht lege ich der ganzen Strategie zugrunde und glaube, daß, wer sich weigert, ihre Notwendigkeit anzuerkennen, noch nicht recht einsieht, worauf es ankommt. Durch diesen Grundsatz wird die ganze Kriegsgeschichte verständlich, ohne ihn ist alles voll der größten Absurditäten.“[1]

 

Dieses Clausewitz’sche Zitat aus dem Dezember 1827 verdeutlicht, dass der Krieg und somit auch die darauf bezogene Theorie nicht losgelöst von den gesellschaftspolitischen Bedingungen betrachtet werden darf. Der Krieg ist demnach nichts an sich, er schwebt nicht in luftleerem Raum, sondern er entsteht, wird vollzogen und beendet in einem gesellschaftspolitischen Rahmen, welcher ganz wesentlich das Erscheinungsbild des Krieges gestaltet und das Wesen desselben potentiell verändern kann. Mit dieser Erkenntnis überwand der ältere Clausewitz, wie oben bereits angedeutet, den idealen bzw. absoluten Kriegsbegriff und versöhnte die Theorie mit der Wirklichkeit.

 

Doch dieser Erkenntnisgewinn kam sehr, vielleicht sogar zu spät und sein Hauptwerk Vom Kriege war bereits verfasst, so dass er sich nur noch daran setzen konnte, einzelne Teile zu überarbeiten. Vielleicht wäre dabei eine vollständige Neufassung notwendiger gewesen,[2] denn aus der gravierenden Erkenntnis, dass ein Krieg nicht ohne Berücksichtigung der gesellschaftspolitischen Zusammenhänge analysiert und verstanden werden kann, muss die Folgerung gezogen werden, dass der Kriegstheorie notwendigerweise eine Theorie der kriegführenden Personenverbände vorausgehen muss. Wenn der Krieg nichts an sich, sondern in Politik und Gesellschaft eingebettet ist, so muss auch die Kriegstheorie von einer Gesellschaftstheorie eingerahmt sein oder vielleicht präziser: die Kriegstheorie muss als ein integraler Bestandteil einer Gesellschaftstheorie verstanden werden. In dem ersten Schritt dieser Arbeit kommt es also darauf an, die der Clausewitz’schen Theorie des Krieges zugrunde liegende abstrakte Vorstellung der gesellschaftlichen Strukturen zu analysieren und darzustellen.

 

Die bisherigen Clausewitz-Interpretationen zielen in eine andere Richtung. In seinem Hauptwerk beschreibt Clausewitz den Krieg als Akt der Gewalt, „um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen“[3]. An anderer Stelle bezeichnet er diesen ‚unseren‘ Willen als „politischen Zweck des Krieges“[4] und spitzt dies in seiner mittlerweile „weltberühmte[n] Formel“[5] zu, nach welcher der Krieg „nicht nur ein politischer Akt, sondern ein wahres politisches Instrument ist, eine Fortsetzung des politischen Verkehrs, ein Durchführen desselben mit anderen Mitteln.“[6] Entsprechend dieser Formel, die von der vorherrschenden Sekundärliteratur als zentraler Schlüssel zum Gesamtverständnis der Clausewitz’schen Theorie verstanden wird, konzentrieren sich die meisten Clausewitz-Autoren darauf, den Begriff des Politischen zu entschlüsseln und darüber den Einfluss der Politik auf den Krieg aufzudecken. Ohne also das Verständnis der gesellschaftlichen Strukturen selbst zu hinterfragen, wird allein darauf abgestellt, das Verhältnis zwischen Krieg und Politik zu analysieren.

 

  1. Die umfassende Clausewitz-Studie von Aron ist davon gekennzeichnet, dass er sichtlich bemüht ist, Clausewitz gegen die Beschuldigung zu verteidigen, er sei ein Befürworter des Krieges. Er verneint explizit die Annahme, dass das oben genannte Zitat, die „weltberühmte Formel“[7], unter der stillschweigenden Prämisse getätigt worden sei, dass die Politik stets expansive Machtansprüche verfolge. Stattdessen seien die politischen Motive durchaus vielfältig.[8] Aron unterscheidet ausdrücklich zwischen zwei von Clausewitz genutzten Politikbegriffen. Zum einen der objektivierte Politikbegriff, welcher die „Gesamtheit sozio-politischer Verbindungen“[9] erfasst, die nicht durch eine Intelligenz oder einen Verstand geleitet werden, sondern ein zufälliges, sich der Vernunft entziehendes Produkt der gesellschaftlichen Verhältnisse darstellen. Zum anderen der subjektive Politikbegriff, der von dem Willen einer Regierung bzw. eines Staatschefs ausgeht und somit der jeweiligen Vernunft bzw. dem Kalkül dieser Person oder dieser Personengruppe unterworfen ist.[10] Bemerkenswerterweise ist für Aron, ohne dass er dies an irgendeiner Stelle begründet, die subjektive Politik immer eine zivile Gewalt.[11] Für diese zivile Gewalt in ihrem Idealzustand, d.h. wenn sie alle Interessen der Gesellschaft gegeneinander abwägt und sich von keinen Privatinteressen leiten lässt, fordert Clausewitz – gemäß Aron – mittels seines berühmten Zitats die höchste Autorität gegenüber dem Krieg bzw. den Streitkräften.[12] Erst wenn der durch die subjektive Politik begrenzte Krieg sich selbst entgrenzt, „wenn sich der Krieg dem reinen Gewaltausbruch nähert, verliert der Verstand, dem die subjektive Politik untersteht, ganz oder teilweise seine Herrschaft oder Souveränität.“[13] Dann würde an die Stelle der subjektiven Politik die objektivierte, ungesteuerte Politik treten.[14]

  2. Im Gegensatz dazu steht die Interpretation von Kondylis, der sich dezidiert gegen die „vorherrschenden liberalen Clausewitz-Interpretationen“[15] ausspricht. Sehr ausführlich falsifiziert er die Annahme, dass Clausewitz‘ Theorie irgendetwas über das Verhältnis zwischen Militär und Zivil aussagen könne. Dazu führt er das einleuchtende und entscheidende Argument an, dass im frühen 19. Jahrhundert die Schicht der führenden Militärs und der hohen Politiker aufgrund ihrer adligen Abstammung weitestgehend homogen war und sich dieses Thema somit gar nicht im Wahrnehmungsbereich Clausewitz‘ befinden konnte. Zudem ließ Clausewitz einige Präferenzen für solche Fälle durchblicken, in denen der Staatchef und der Feldherr in einer Person vereint sind, so wie es bei Friedrich II und Napoleon Bonaparte der Fall war. Vielmehr stellt Kondylis fest, dass es beim Begriff des Politischen nicht auf den Personenkreis ankomme, dem eine Entscheidungsbefugnis zugesprochen werden soll, sondern auf den Gesichtspunkt, von dem aus die Kriegsführung zu planen und durchzuführen sei.[16]

    Dementsprechend geht Kondylis von einem anderen Politikbegriff aus als Aron. Politik soll explizit nicht die „bewußte Leistung eines normativ denkenden Subjekts sein“[17], sondern sie soll „den politischen öffentlichen Verkehr der Menschen untereinander innerhalb des ‚gesellschaftlichen Verbandes‘ zum Ausdruck“[18] bringen.[19] Damit interpretiert Kondylis den Politikbegriff so allumfassend, dass er eigentlich alles benennt und auch Gesellschaft und Kultur unter dem Oberbegriff der Politik subsumiert werden könnten.[20] Kondylis führt weiter aus, dass das Verhältnis zwischen Politik und Krieg wie das Verhältnis zwischen Mensch und Gewalt sei.[21] So wie die Gewalt notwendigerweise dem Menschen entspringe und von ihm angewendet werde, so sei auch der Krieg notwendigerweise ein Produkt der Politik. Den Begriff des politischen Willens meidet Kondylis und betrachtet den politischen Zweck des Krieges eben nicht als subjektiven Willen, sondern als lediglich formal und zunächst inhaltlos eingeführte, objektive Verdichtung des politischen Verkehrs.[22]

    Im Weiteren bestimmt Kondylis den Inhalt der Politik als pauschales Streben nach Macht über andere Personenverbände. Dabei kommt er auf den Vergleich zwei weiterer Begriffspaare, nach welchem Politik und Macht in ähnlichem Verhältnis stünden wie Krieg und Gewalt. So wie der Krieg sich der Gewalt bediene und durch die Entfesselung derselben blinde Instinkte, Leidenschaft und Hass erzeuge, die nach immer mehr Gewalt streben und zunehmend unkontrollierbar werden, so bediene sich die Politik der Macht, um nach immer mehr Macht zu streben. Das Ausufern der blinden, maßlosen Gewalt, welches durch den Krieg hervorgerufen würde, widerspräche jedoch den Zwecken der Politik, die eigene Macht zu vergrößern. So stellt Kondylis fest, dass „die Politik gerade in ihrer Eigenschaft als Machtstreben die Gewalt bzw. den Krieg sehr oft bändigen muß, wenn sie überhaupt ihre Zwecke erreichen will.“[23] Die Politik, die sich also dem Krieg bedienen will, um ihre Macht zu vergrößern, müsse gleichsam den Krieg bändigen, damit er ihr überhaupt zweckdienlich sein könne und nicht zu einem eigenen Ding mutiere, welches schließlich nicht der Politik, sondern der Befriedigung von Individualinstinkten diene.[24]

  3. Für Creveld[25] ist der Begriff Politik bei Clausewitz verengt auf Staatspolitik bzw. auf die „Machtverhältnisse innerhalb einer als Staat definierten Organisation“[26]. Creveld folgert daraus, dass Clausewitz‘ Theorie nur in Bezug auf Staaten gelte und hier auch nur dann, wenn der Krieg tatsächlich politischen Zwecken diene. Politische Zwecke sind dabei, bei Creveld ähnlich wie bei Kondylis, nur solche, die auf die Ausweitung der eigenen Machtsphäre streben.[27] Nach dieser Interpretation sind Kriege die zum Zwecke der Gerechtigkeit[28], der Religion[29] oder des Erhaltens der eigenen Existenz[30] geführt werden, von der Clausewitz’schen Theorie des Krieges als Instrument der Politik nicht berücksichtigt. Dementsprechend verwendet Creveld seine Interpretation in erster Linie um Clausewitz als überholt darzustellen und eine eigene Theorie zu formulieren.

  4. Herberg-Rothe schließt prinzipiell an die Interpretation von Aron an und differenziert zwischen einem objektiven („Gesamtheit der sozio-politischen Bedingungen“[31]) und einem subjektiven („Politik als ‚Intelligenz des personifizierten Staates‘“[32]) Politikbegriff. Dabei weist er pointiert auf die Besonderheit der Clausewitz’schen Theorie hin, die gleichzeitig auch Handlungslehre sein soll. In diesem Sinne stelle der objektive Politikbegriff einen Seinszustand dar, wohingegen der subjektive Politikbegriff als auf die handelnden Personen bezogene Lehre zu verstehen sei. Der Krieg sei dementsprechend seinem Wesen nach eine Fortsetzung der Politik, aber dies müsse von den handelnden Personen erst erkannt werden, damit sie zu ihrem eigenen Vorteil richtig handeln können. So könne sich die subjektive, faktisch handelnde und entscheidende Politik auch vollkommen fehlerhaft verhalten und ihr eigentliches Wesen und das des Krieges verkennen und ignorieren.[33] Demnach folgert Herberg-Rothe: „Krieg ist Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln (= objektiver Kriegsbegriff) und soll deshalb unter dem Primat der Politik geführt werden (= subjektiver Kriegsbegriff).“[34]

  5. In diesem Sinne verweist auch Kleemeier auf den Zusammenhang von subjektivem und objektivem Politikbegriff. Die objektive Politik sei der Rahmen, welcher der subjektiven Politik Möglichkeiten und Grenzen gäbe. Andererseits sei die objektive Politik auch nichts an sich, sondern entstehe erst durch die Summe verschiedener politischer Handlungen, welche schließlich Folge von vorangegangener subjektiver Politik seien. Subjektive und objektive Politik stünden somit in Wechselwirkung zueinander.[35] Dabei besteht Kleemeier auf einer Differenzierung des subjektiven Politikbegriffs und
    findet hierin zwei unterschiedliche Gesichtspunkte. Zum einen Politik als allgemeine Einsicht, die bestrebt ist, alle Interessen der Gesellschaft zu berücksichtigen und ehrlich gegeneinander abzuwägen, zum anderen Politik als verschlagene, unredliche Klugheit, die heuchlerisch vorgibt gesellschaftliche Interessen zu vertreten, tatsächlich aber ausschließlich eigene Ambitionen verfolgt.[36] Im Ergebnis findet Kleemeier somit drei unterschiedliche politische Bereiche: Die objektiven „politischen Begebenheiten“[37] als Gesamtheit der öffentlichen Verhältnisse, die realen „politischen Handlungen“[38] als subjektive, zweckgerichtete Interessenverfolgung und das ideale „politische Denken[39] als geistiges Vermögen, alle gesellschaftlichen Interessen wahrzunehmen und zu berücksichtigen.[40]

 

In den verschiedenen Interpretationsansätzen sind viele Gemeinsamkeiten, aber auch diametrale Unterschiede zu finden. Sie alle haben jedoch gemeinsam, dass sie sich vornehmlich auf das Verhältnis zwischen Krieg und Politik beziehen, ohne den Versuch zu unternehmen, ein unter der Oberfläche liegendes Gesellschaftsverständnis aufzudecken, von welchem der Krieg als ein Teil verstanden werden kann und muss. Dass die Untersuchung einer der Clausewitz’schen Kriegstheorie vorausgehenden Gesellschaftstheorie in der bisherigen Literatur vernachlässigt wurde, ist derweil nicht verwunderlich. Bis zum Ende des Kalten Krieges schien doch die Annahme, die Clausewitz’sche Theorie sei fest mit dem Staatswesen und der damit verbundenen Gesellschafts- und Weltordnung verknüpft, vollkommen hinreichend und auch bequem zu sein. Zumindest in der subjektiven Wahrnehmung der entwickelten Industrienationen war der Staatenkrieg die gegenwärtige Hauptbedrohung. Auch wenn die Kriegsgefahr unmittelbarer und gegenwärtiger war als heute, so war die sicherheitspolitische Lage doch einfacher zu erfassen und die herkömmliche, völkerrechtliche Sichtweise, die dem Staat die Entscheidungskompetenz über Krieg und Frieden zusicherte, war völlig ausreichend.[41] Vor diesem Hintergrund ist leicht verständlich, dass auch diejenige Clausewitz-Interpreten, die sich über den Begriff des Politischen hinausgehend mit gesellschafts- oder staatstheoretische Aspekten befassten, im Schwerpunkt die persönlichen, politischen Präferenzen des Protagonisten analysierten,[42] anstatt die der Theorie zugrunde liegenden, mit dem vorgenannten nicht gleichzusetzenden, objektiv abstrakten Verständnis gesellschaftlicher Zusammenhänge aufzudecken. Die durch den Staat bestimmte Gesellschafts- und Weltordnung brauchte schließlich nicht hinterfragt werden.

 

Aber die frühere völkerrechtliche Orientierungsgröße Staat ist in der heutigen, komplexen sicherheitspolitischen Lage nicht mehr hinreichend, um Kriege und Konflikte zu verstehen. Beim Phänomen ‚Krieg gegen den Terror‘ weiß keiner so recht, wer gegen wen kämpft. In Afghanistan kämpft eine multinationale Bündnisarmee auf der Seite der afghanischen Sicherheitskräfte gegen einen diffusen Gegner. Sind es die Taliban? Sind es einzelne Warlords? Ist es der fundamentale Islamismus? Die Akteure verschwimmen und sind nur schwer zu identifizieren. Viele zeitgenössische Politikwissenschaftler und Militärhistoriker weisen daher zu Recht darauf hin, dass das Szenar von Staatenkriegen ein historischer Sonderfall aus der vergangenen europäischen Epoche sei. Die Mehrheit der Kriege habe vielmehr schon immer in Räumen stattgefunden, in denen gar keine Staaten und folglich auch keine Politik existiert.[43] In diesem Zusammenhang erhält die Frage nach den gesellschaftstheoretischen Grundlagen der Clausewitz‘schen Kriegstheorie plötzlich eine deutlich höhere, schon fast existentielle Gewichtung.

 

Die Notwendigkeit einer Analyse der gesellschaftstheoretischen Aspekte der Clausewitz’schen Kriegstheorie wird insbesondere dort offenkundig, wo die unscheinbare Frage nach den Kriegsparteien gestellt wird. Welche Art von Personenverbänden ist definitionsgemäß in der Lage, Krieg zu führen? Die reflexhafte Antwort, dass die Clausewitz’sche Theorie allein den Staat als Träger des Krieges betrachtet und also eine von Staaten geprägte Weltordnung voraussetzt,[44] scheint verkürzt. Zwar beschreibt Clausewitz in der Tat regelmäßig den Staat als handelnden Akteur im Krieg,[45] doch ist dies kein logisch zulässiger Beweis dafür, dass ausschließlich Staaten Kriege führen können. Schon der vielfach von Clausewitz verfasste Wunsch, alle Kriege der wirklichen Geschichte in seiner Kriegstheorie zu vereinigen, weist deutlich darauf hin, dass die Existenz von Staaten keine Voraussetzung für die Clausewitz’sche Theorie sein kann, da sie in diesem Falle „augenblicklich mit der Wirklichkeit in solchen Widerspruch geraten [würde], daß sie dadurch allein schon wie vernichtet betrachtet werden müßte.“[46] Schließlich war sich auch Clausewitz bewusst, dass nicht nur Staaten, sondern auch „rohe“[47] und „wilde“[48] Völker Kriege führen und dass die Existenz von Staaten also keine Voraussetzung zum Kriegführen sein konnte.

 

Nach dem in dieser Arbeit vertretenen Standpunkt bildet das berühmte, oben aufgeführte Zitat von dem Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln also nur die sichtbare Spitze eines gesellschaftstheoretischen Verständnisses, welches überall im Hintergrund der Kriegstheorie mitschwingt. Clausewitz befand sich an einer bemerkenswerten geistigen Schnittstelle zwischen einem philosophisch denkenden General und einem militär-praktisch denkenden Philosophen. Doch sein Selbstbild als Soldat durch und durch ließ ihn vor dem wichtigen und überfälligen Schritt zurückschrecken, seinem Werk dezidierte gesellschaftstheoretische Gesichtspunkte voranzustellen. Aus diesem Grund finden sich an keiner Stelle in seinem Werk oder seinen früheren Schriften konkrete und unmittelbare, vor allem aber abstrakt gehaltene gesellschaftstheoretische Abhandlungen, die dem Leser den Blick auf die Kriegstheorie im Allgemeinen und auch auf das Zusammenwirken von Krieg und Politik im Speziellen schärfen könnten. In den Perspektiven verschiedener Gesellschaftstheorien wirken jedoch die einzelnen Aussagen in Vom Kriege ganz und gar unterschiedlich, wie die oben dargestellten, verschiedenen Interpretationsansätze des Politikbegriffs belegen.[49]

Es ist also ein generisches Staats- bzw. Gesellschaftsverständnis hinter der Clausewitz’schen Theorie des Krieges verborgen und dies herauszuarbeiten soll das wesentliche Ziel der folgenden Kapitel sein.

weiter zu II.2 Exkurs: Gesellschaftstheoretischer Hintergrund

 

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