Zur Zeit Platons war der Mittelmeerraum maßgeblich durch Stadtstaaten, so genannte Poleis, geprägt. In solchen Personenverbänden lebten die Menschen bereits seit archaischen Zeiten zusammen und bildeten auf diesem Wege eine politische Gemeinschaft. Die Polis war dabei weniger territorial, sondern vorwiegend als Personenverband definiert. So bestand eine Polis nicht nur aus der Stadt selbst, sondern auch aus ihrem nicht konkret definierbaren Umfeld, in welchem oftmals gar die Mehrheit der Bürger lebte. Die Stadtstaaten waren unabhängig und – modern ausgedrückt – völkerrechtlich souverän.

 

Der griechische Philosoph Platon setzt sich in seinem bekanntesten Werk Politeia[1] ausführlich mit dem Staat und seinem Wesen auseinander. Platons Hauptanliegen ist dabei die Suche nach einer geeigneten Definition von Gerechtigkeit und dazu ist ihm die fiktive Schaffung eines gerechten, idealen Staates das Mittel, um daraus die Folgerung zu ziehen, was die Gerechtigkeit im Allgemeinen ist.

 

Platon denkt sein Staatsmodell stufenweise und analysiert zunächst die Gründung der Stadt. Der Anstoß zur Gründung erwächst durch die ökonomische Nutzenoptimierung. Der Mensch ist sich selbst nicht genug, d.h. die Güter, die er allein herstellen kann, reichen nicht aus, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Da die Talente der Menschen unterschiedlich verteilt sind – der eine ist z.B. der bessere Bauer, der andere der bessere Weber – entwickelt Platon das Konzept der Arbeitsteilung. Jeder solle sich auf das spezialisieren, was er am besten kann und seine Produktionsgüter der Gemeinschaft zur Verfügung stellen. So können also alle Mitglieder bei gleicher Arbeit mehr konsumieren.[2] Zu Beginn seiner gedanklichen Entwicklung der Polis sieht Platon vier bis fünf Männer, „die in getrennter Form für die Befriedigung der Grundbedürfnisse nach Nahrung, Kleidung, Wohnung sorgen.“[3] Schnell optimiert er dieses Gemeinschaftsmodell weiter und fügt auch Zimmerleute, Schmiede, Händler, Kaufleute, Lohnarbeiter usw. hinzu.[4] Je mehr Personal er nach diesem arbeitsteiligen Konzept hinzufügt, desto wohlhabender wird die so skizzierte Gesellschaft. Solange die Menschen auf diesem Wege das hinreichende und notwendige produzieren, also nicht im Luxus leben, spricht Platon vom gesunden oder auch wahren Gemeinwesen.[5] Doch dies ist nur das erste Stadium seiner Polis-Entwicklung,[6] da der Mensch immer mehr und mehr konsumieren will und so in einen Kreislauf der Expansion gerät:

 

Er werden nämlich, scheint es, diese Dinge Manchen nicht genügen, auch nicht diese Lebensweise; sondern es werden noch Polster dabei sein und Tische und sonstiges Gerät, ferner Zukost und Salben und Räucherwerk und Freudenmädchen und Backwerk, und zwar alles dies in großer Auswahl. Und auch in Bezug auf das, was wir zuerst nannten, werden wir nichtmehr bloß das Unentbehrliche annehmen, nämlich bei den Häusern und Kleidern und Schuhen, sondern die Malerei muss man in Bewegung setzen und Gold und Elfenbein und alles dergleichen anschaffen;“[7]

 

So scheint es in der Gier des Menschen nach Mehr zu liegen, dass es zur „üppigen“[8] oder „aufgedunsene[n]“[9] Polis kommt. Ist beim Menschen ein Bedürfnis befriedigt, so hat er schon ein neues gefunden, welchem er nacheifern kann und so ist alles auf Wachstum und weitere Steigerung der Produktivität und des Zugewinns ausgerichtet. In diesem Streben kommt eine Polis allerdings bald an ihre Grenzen und benötigt Ressourcen, z.B. weiteres Ackerland, Sklaven, Bodenschätze, etc., die außerhalb ihres Einflussbereichs liegen. Da diese Ressourcen allerdings nicht brach liegen, sondern unter Umständen von anderen Poleis genutzt werden, kommt es zum Krieg. Krieg dient also konkret dazu, den eigenen Wohlstand zu mehren oder den eigenen Wohlstand gegenüber anderen nach Wohlstand strebenden Poleis zu verteidigen.[10] Nach Platon hat der Krieg somit seinen Ursprung im Streben des Menschen „nach unangemessenem Besitz. In der gesunden Polis gibt es keinen Angriffskrieg, weil diese sich innerhalb der Grenzen des Notwendigen bewegt und hiermit zufrieden ist. Auch müssen keine Verteidigungskriege geführt werden, da es in einem solchen Gemeinwesen für andere Verbände nichts zu rauben gibt. In der aufgeblähten Polis entsteht neben der inneren Tendenz zur Expansion zwangsläufig auch das Erfordernis der Verteidigungsfähigkeit gegen Übergriffe von außen.“[11]

 

Konsequent führt Platon den Gedanken der Arbeitsteilung weiter fort und folgert entsprechend, dass nunmehr auch das Gewerbe des Kriegführens von einem eigenen Berufsstand ausgeübt werden müsse, um die Kriegskunst zu optimieren und anderen Poleis gegenüber überlegen sein zu können. Die Wächter heben sich jedoch aufgrund ihrer existentiellen Tätigkeit von den übrigen Berufsgruppen ab. So schafft Platon nun zwei unterschiedliche Gesellschaftsstände: Auf der einen Seite den der Ernährer, auf der anderen Seite den der Wächter, an welche ganz besondere geistige und physische Anforderungen gestellt werden müssen.[12]

 

In diesem Stadium des gedanklichen Gesellschaftsmodells erkennt Platon mindestens zwei Probleme. Zum Einen sind die Wächter aufgrund ihrer Tätigkeit durchaus dazu befähigt, die Ernährer zu unterdrücken und auszubeuten. Er vergleicht die Wächter mit einem Hirtenhund, dessen Auftrag es sei, Ungutes von der Schafsherde fern zu halten. Gleichzeitig ist er aber aufgrund seiner Talente in der Lage, die Schafe zu reißen und zu fressen, um seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Wenn also der Mensch an sich nach einer immer größeren Befriedigung der Bedürfnisse strebe, so würde dies eigentlich auch für die Wächter gelten, denen es ein leichtes sein müsste, ihre Bedürfnisse an den Gütern der Ernährer zu stillen. Platon glaubt diesem Dilemma entgegenwirken zu können, indem er den Wächtern einen entindividualisierten Lebensstil und eine totalitäre Erziehung verordnet. Sie sollen über kein eigenes Eigentum verfügen, von Kindheit an ausschließlich für das Gemeinwohl des Staates leben und hierin das höchste Gut erblicken.[13]

 

Das zweite Problem ist die zunehmende Maßlosigkeit und Komplexität des Nährstandes. Der ständige Wunsch nach einem Mehr an Bedürfnisbefriedigung führt nämlich nicht nur zu äußeren Kriegen. Da innerhalb der Gesellschaft der eine versuchen wird, seinen gesteigerten Bedarf auch durch das Ausbeuten eines Schwächeren zu befriedigen, kommt es zu Ungleichheit und Unruhen innerhalb der Polis. Auch führt ein übermäßiger Reichtum des Einzelnen dazu, dass er müßig wird und nicht länger einsieht, seiner Arbeit nachzugehen.[14] Aus diesem Grunde sind Gesetze und Verordnungen, welche Aufgabenverteilung, Zusammenleben und Maßhaltung regeln, unumgänglich. Mit der Durchsetzung dieses Regelwerks werden – das ist naheliegend – die Wächter beauftragt. [15]

 

Es wird an dieser Stelle allerdings augenscheinlich, dass die genannten Verordnungen auch beschlossen bzw. erlassen werden müssen. Die Polis benötigt somit einen weiteren Stand, nämlich den der Regenten. In einem ersten Konzept sollen die Regenten aus den Reihen der Wächter auserkoren werden. Da diese ausschließlich für das Allgemeinwohl leben, müsse man nur die Besten unter ihnen identifizieren und zu Regenten ernennen. Eine Reihe von lebenslangen Tests soll dies gewährleisten und so die die entsprechenden Testsieger im fortgeschrittenen Alter  zu Regenten bestimmen, die Platon darauffolgend die ‚wahren Wächter‘ nennt.[16]

 

In seiner Gesamtkonzeption des Staates entwickelt Platon somit drei Stände. Oben in der Hierarchie sieht er die Regenten, die wahren Wächter, die zahlenmäßig am geringsten vertreten sind. Sie vertreten die Einheit des Staates nach innen und außen, legen die Regeln für das Zusammenleben fest und müssen vor allem über die Tugend der Weisheit verfügen. Allein wenn sie weise sind und entsprechend regieren, macht dies den gesamten Staat weise.[17] Der zweite Stand wird durch die Wächter, die Streitkräfte gebildet. Sie beschützen die Polis gegen äußere Feinde und überwachen die Einhaltung der Regeln und Vorschriften nach innen. Der Wächterstand benötigt vor allem die Tugend der Tapferkeit. Gleichzeitig ist das Maß der Tapferkeit, über welches die Wächter verfügen, auch das Maß an Tapferkeit, welches der gesamten Polis zuzuschreiben ist.[18] Der unterste Stand wird schließlich durch die Ernährer, den wirtschaftenden Teil der Polis gebildet. Sie sind der moralisch schwächste Teil, der sich seinen Begierden und Trieben hingibt. Der Nährstand ist dabei gleichsam der quantitativ überlegene Stand, es wäre ihm also ein leichtes, sich gegen die Wächter und Regenten aufzulehnen und die Selbstregierung zu beanspruchen und sich seinen Trieben vollumfänglich und ohne Einschränkungen hinzugeben. Platon benennt daher die Besonnenheit als die wichtigste Tugend, über welche die Ernährer verfügen müssen. Dies bedeutet, sie müssen über die Einsicht verfügen, dass es ihr Vorteil ist, wenn das Vernünftige über das Triebhafte herrscht und sich daher besonnen von den Regenten führen lassen. Besonnenheit, merkt er an, wird allerdings von allen drei Ständen benötigt, da schließlich alle über diese Einsicht verfügen müssen.[19] Der ganze Staat benötigt schließlich noch die Tugend der Gerechtigkeit, welche nach Platon nichts anderes ist, als dass jeder nur das seinige tun und eigene besitzen darf.[20]

 

Schließlich vergleicht Platon seinen Idealen Staat mit der menschlichen Seele. So wie der Staat aus verschiedenen Ständen zusammengesetzt ist und trotzdem als Ganzes betrachtet werden kann, so ist auch die menschliche Seele aus verschiedenen Dingen zusammengesetzt. Zum einen der überlegende Teil, der dem Regenten-Stand analog ist und im Idealfall über die anderen Teile gebietet; seine Tugend ist die der Weisheit. Zum zweiten der begehrende Teil, der dem Nährstand analog ist und in dem sich die Wünsche und Begierden des Ganzen abbilden. Und schließlich findet sich der zornige Teil, der im Idealfall der Helfer des überlegenden Teils ist und den Willen des überlegenden Teils gegen die Widerstände des begehrenden Teils durchsetzt. Nach Platon ist es der Zorn, der es dem Menschen erlaubt, aufgrund seines Willens über seine triebhaften Grenzen hinaus, z. B. im Angesicht der Gefahr oder unter Inkaufnahme von erheblichem Leid, Leistungen zu erbringen. So ist die maßgebliche Tugend des zornigen Teils die Tapferkeit.[21]

 

Unter Anwendung eines anderen Sprachgebrauchs kann somit abschließend zusammengefasst werden, dass der platonische Staat aus drei Teilen besteht: Der Regierung, den Streitkräften und der übrigen Bevölkerung. Diese sind vergleichbar mit der dreiteiligen Seele, die aus Vernunft, Tapferkeit und Trieb besteht. Dies steht – wie wir noch sehen werden – in einer Analogie zu bestimmten Aspekten der Clausewitz’schen Theorie.[22]

 

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Kapitel II.2 - Übersicht

  • II.2.1 Platon

      Zur Zeit Platons war der Mittelmeerraum maßgeblich durch Stadtstaaten, so genannte Poleis, geprägt. In solchen Personenverbänden lebten die Menschen bereits seit archaischen Zeiten zusammen und bildeten auf diesem Wege eine politische Gemeinschaft. Die Polis war dabei weniger territorial, sondern vorwiegend als Personenverband definiert. So bestand eine Polis nicht nur aus der Stadt selbst, sondern auch aus ihrem nicht konkret definierbaren Umfeld, in welchem oftmals gar die Mehrheit der Bürger lebte. Die Stadtstaaten waren unabhängig und – modern ausgedrückt – völkerrechtlich souverän.   Der griechische Philosoph Platon setzt sich in seinem bekanntesten Werk Politeia[1] ausführlich mit dem Staat und seinem Wesen auseinander. Platons Hauptanliegen ist dabei die Suche nach einer geeigneten Definition von Gerechtigkeit und dazu ist ihm die fiktive Schaffung eines Read More
  • II.2.2 Machiavelli

      Clausewitz kannte und schätzte die Werke des Machiavelli[1]. Neben einigen kleineren überlieferten Notizen und versteckten Hinweisen[2] wird dies vor allem durch einen damals anonym verfassten Brief von Clausewitz an Fichte[3] belegt, in welchem er ausführlich und umfangreich zu Machiavelli Stellung nahm. Clausewitz‘ Interesse lag dabei vorrangig auf den außenpolitischen Grundsätzen, den Grundsätzen über das Kriegführen sowie den Ideen der Machtpolitik schlechthin.[4] Seine Wertung über die von Machiavelli aufgestellten Grundsätze fasste er 1809 in einem anderen Brief an Fichte zusammen:   „Kein Buch in der Welt ist dem Politiker notwendiger, als der Machiavel; die, welche eine Abscheu vor seinen Grundsätzen affektieren, sind eine Art humanistischer Petit-Maîtres. Was er von der Politik der Fürsten in Beziehung auf die Untertanen sagt, ist Read More
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  • II.2.4 Hegel

      Sowohl Hegel[1] als auch der etwa zehn Jahre jüngere Clausewitz lebten in den 1820-er Jahren in Berlin. Da sie nachweislich einen gemeinsamen Bekanntenkreis pflegten, ist es zumindest wahrscheinlich, dass sich die beiden auch persönlich kannten.[2] Hieraus soll freilich nicht zu früh geschlussfolgert werden, dass es auf der Ebene ihrer Theorien wesentliche Parallelen zwischen den beiden Denkern gäbe.[3] Nennenswert ist allerdings, dass auf Clausewitz und Hegel ähnliche äußere Einflüsse einwirkten. Beide entwickelten ihre Theorien im Angesicht der gleichen tagespolitischen Großereignisse sowie der daraus resultierenden geistesgeschichtlichen Strömungen.[4] Ein bemerkenswerter Zufall ist auch, dass beide das gleich Schicksal ereilte: Nur drei Tage nach dem General erlag auch der Professor der Cholera.[5]   Hegels Philosophie, und insbesondere seine Staatstheorie, hat bis in die Read More
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