Clausewitz kannte und schätzte die Werke des Machiavelli[1]. Neben einigen kleineren überlieferten Notizen und versteckten Hinweisen[2] wird dies vor allem durch einen damals anonym verfassten Brief von Clausewitz an Fichte[3] belegt, in welchem er ausführlich und umfangreich zu Machiavelli Stellung nahm. Clausewitz‘ Interesse lag dabei vorrangig auf den außenpolitischen Grundsätzen, den Grundsätzen über das Kriegführen sowie den Ideen der Machtpolitik schlechthin.[4] Seine Wertung über die von Machiavelli aufgestellten Grundsätze fasste er 1809 in einem anderen Brief an Fichte zusammen:

 

„Kein Buch in der Welt ist dem Politiker notwendiger, als der Machiavel; die, welche eine Abscheu vor seinen Grundsätzen affektieren, sind eine Art humanistischer Petit-Maîtres. Was er von der Politik der Fürsten in Beziehung auf die Untertanen sagt, ist freilich größtenteils veraltet […]. Aber vorzüglich lehrreich ist dieser Autor für die Politik der äußeren Verhältnisse, und alle die Abscheulichkeit, welche man auf ihn wirft […] fällt, wenn etwas daran wahr ist, auf die Lehre für das Verhalten gegen die Untertanen. […] Ich sage, mit Beobachtung [der gegebenen Umstände] wird man dem Machiavel wohl nichts anderes zur Last legen können, als dass er mit einer gewissen Indezenz die Dinge bei ihrem wahren Namen genannt hat.“[5]

 

Machiavelli lebte im Florenz des 15. bzw. 16. Jahrhunderts. Im Heiligen Römischen Reich hatten sich in den vorhergehenden Jahrhunderten die einzelnen italienischen Städte zunehmend verselbstständigt und waren zu autonomen bzw. teilautonomen Stadtstaaten herangewachsen, die ihren Einfluss auch auf das Umland geltend machten. Unter diesen Stadtstaaten hatte Florenz eine durchaus hegemoniale Stellung eingenommen.[6] Von diesem Standpunkt aus betrachtet, fanden sich Platon und Machiavelli also in einer vergleichbar ähnlichen außenpolitischen Perspektive wieder, wobei zweifelsohne die Verflechtungen und Einflussnahmen zwischen den Städten zur Zeit Machiavellis weitaus größer und einschneidender waren.

 

Machiavelli ist der erste bekannte Philosoph, der mit der Tradition der antiken politischen Philosophie brach. Zuvor war die politische Theorie davon geprägt nach Gerechtigkeit bzw. nach dem Guten zu suchen und dies als das Ideal, nach welchem es zu streben gilt, darzustellen.[7] Von diesem Ideal weicht Machiavelli ausdrücklich ab und versucht nicht das Utopische, sondern das Faktische zu erfassen. Er vollzieht damit einen Rückzug von den religiösen und theologischen Begründungs- und Legitimationsmustern seiner Zeit, die seit der Christianisierung Einzug in die politische Theorie genommen hatten[8] und schreibt:

 

„Viele haben sich Republiken und Fürstentümer ausgedacht, die niemals gesehen worden, noch als wirklich bekannt gewesen sind. Denn die Art wie man lebt, ist so verschieden von der Art, wie man leben sollte, daß, wer sich nach dieser richtet statt nach jener, sich eher ins Verderben stürzt, als für seine Erhaltung zu sorgen; denn ein Mensch, der in allen Dingen nur das Gute tun will, muß unter so vielen, die das Schlechte tun, notwendig zu Grunde gehen.“[9]

 

Machiavelli geht dieser Einlassung zufolge von einem grundpessimistischen Menschenbild aus. Für ihn ist die menschliche Natur von unersättlichen Begierden und Trieben geprägt. Ähnlich wie im platonischen Menschenbild ist der Mensch sich selbst nicht genug, sondern will unaufhörlich mehr. Immer, wenn er das eine erreicht hat, ist er mit diesem auch schon unzufrieden und strebt nach dem nächst höheren. Die menschlichen Triebe richten sich auf alles, folgen keiner Logik und sind prinzipiell unstillbar. „Dieser natürliche Hang zur Pleonexie wird angesichts der prinzipiellen Begrenztheit der natürlichen und gesellschaftlichen Befriedigungsmittel zur Fundamentalursache einer sozialschädlichen, letztlich mörderischen Konkurrenz, zum Motor aggressiver Wettbewerbe und Verteilungskämpfe. Er versetzt die Gesellschaft in rastlose Bewegung und bewirkt ein gereiztes Klima. Den Individuen bringt er eine unruhige Seele; sie werden ungenügsam und verlieren alle Glücksfähigkeit.“[10]

 

Der Schlüsselbegriff dieser Begierde ist bei Machiavelli der Begriff ambizione, welcher so viel bedeutet wie Ehrgeiz, Ruhmsucht oder Verlangen nach Macht, Besitz und Gewinn.[11] Damit aber nicht genug, paart sich ambizione mit der weiteren schlechten Eigenschaft avarizia, welche sich in etwa mit Geiz übersetzen lässt.[12] Zum Habenwollen gesellt sich somit das Nichtgebenwollen. Anders also als bei Platon, bei dem die menschliche Natur auf eine weitere, objektive Befriedigung der Triebe hinwirkte und sich daher die arbeitsteilige Kooperation der Menschen in der Polis anbot, wirken sich die anthropologischen Triebe bei Machiavelli dergestalt aus, dass die Menschen von Natur aus gegeneinander wirken. Es geht dem Menschen also nicht um eine objektive Verbesserung der faktisch-absoluten Eigensituation, sondern konkret um eine Verbesserung der relativen Eigensituation in Bezug auf andere.[13] Innergesellschaftliche Konflikte entstehen somit nicht erst durch eine gewisse Verbesserung der Lebenssituation und der damit einhergehenden Dekadenz, sondern sind dem Menschen anthropologisch vorgegeben, weil er stets bestrebt ist, besser gestellt zu sein als seine Mitmenschen. Da sich der Krieg bereits aus diesem Urzustand ergibt, wird der Zusammenschluss zur Gemeinschaft auch nicht vollzogen, um die eigene objektive Situation zu verbessern, sondern um sich als Gruppe besser gegen andere Gruppen verteidigen zu können. Der Zusammenschluss geschieht daher aus einer Notwendigkeit heraus.[14]

 

Dies bedeutet freilich nicht, dass der Mensch bei Machiavelli nur schlecht und nur verdorben ist. Zwar beurteilt er den Menschen primär von seinem pessimistischen Standpunkt aus, doch kann dieser prinzipiell sowohl gute als auch schlechte Eigenschaften haben, sein Handeln ist also eigentümlich amorph. Unbenommen von ambizione und avarizia kann der Mensch auch altruistisch oder gemeinnützig handeln, wenn die konkreten Umstände und seine persönliche Lebenserfahrung dies zulassen oder gebieten. Der „anthropologische Pessimismus“[15] ist vielmehr notwendiger Ausgangspunkt für Machiavellis praktische Staats- bzw. Herrschaftslehre.[16] Die politische Theorie des Machiavelli kann die Schlechtigkeit des Menschen nicht ignorieren, sondern muss diese als unweigerliches Faktum wahrnehmen, weil sie immer wieder in Erscheinung treten, Unruhe stiften und das soziale Gefüge zerstören wird.

 

Bis hierher finden sich noch einige Parallelen zwischen Platon und Machiavelli. Denn auch Platon ließ den Aspekt des Mehrwollens und der prinzipiellen Unstillbarkeit der Triebe nicht außer Acht und entwickelte auf dieser Grundlage seinen gerechten Staat, der einen Ausgleich zu den negativen menschlichen Trieben schaffen sollte. Doch an dieser Stelle trennen sich die Wege von beiden Theoretikern in entgegengesetzte Richtungen. Anders als Platon sucht Machiavelli keinen Ausweg aus der Problematik der innergesellschaftlichen Konfliktsituation, sondern nimmt diese als Faktum hin. Er sucht nicht nach einer Verfassung, welche den Konflikt bereinigt und die Gesellschaft in Harmonie leben lässt, sondern er nimmt den sozialen Konflikt als gegeben und erkennt hierin eine fortwährende Dynamik. Zwar kann es einer Verfassung gelingen, den Konkurrenz- und Machtkampf innerhalb der Gesellschaft zu regulieren und ihn somit für eine begrenzte Dauer zu bändigen, doch werden früher oder später die Beherrschten gegen die Herrscher aufbegehren und ihre Freiheit einfordern.[17] Hieraus leitet Machiavelli einen immer fortwährenden Kreislauf der staatlichen Entwicklung ab, der ein Hin und Her zwischen Machtzerfall und Machtergreifung, zwischen Allgemeinwohl orientierter, strenger Regierung und persönlicher Dekadenz der Regierenden ist.[18]

 

„Die folgenden Entwicklungsabschnitte und politischen Tätigkeitsbereiche [sind zu] unterscheiden:

 

  • Überwindung der Krise und Beendigung der Anarchie durch Herrschaftserrichtung;

  • Festigung der Herrschaft und Stiftung einer institutionellen Ordnung durch Verfassungs- und Gesetzgebung;

  • Konsolidierung einer Ordnung und Herausbildung einer Gemeinschaft;

  • Konstituierung eines republikanischen und selbsterhaltungsfähigen Gemeinwesens, Ende der personenbezogenen Herrschaft;

  • Konsolidierung der Republik und Festigung der bürgerlichen Gemeinschaft, Entstehung einer Bürgerbesinnung, Identifizierung des einzelnen mit dem Schicksal des Gemeinwesens;

  • Auflösung des republikanischen Gemeinwesens durch sittlich-politischen Zerfall, Absterben des Gemeinsinns, Zersetzung des politischen Ethos;

  • Zerfall der institutionellen Ordnung;

  • Krise, Bürgerkrieg, Anarchie.“[19]

 

Auf der Grundlage dieses Geschichtskreislaufes entwickelt Machiavelli nunmehr seine politische Theorie. Er geht nicht von einer statischen Verfassung der Gesellschaft bzw. des Staates aus, sondern sein Standpunkt und seine Theorie divergieren je nach der Phase, in der sich die Staatsverfassung augenblicklich befindet. So lässt es sich leicht erklären, dass er in seinem berühmten Werk „Il Príncipe[20] dem Alleinherrscher Ratschläge zum zweckmäßigen Handeln erteilt, ihm nahelegt, wie er seine Herrschaft erhalten und ausbauen kann[21] und ohne inneren Widerspruch dazu in seinem anderen Hauptwerk „Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio[22] darstellt, wie eine Republik zweckmäßig verfasst sein sollte, so dass diese Verfassung möglichst lang andauernden Bestand hat.[23] Beide Verfassungen – Monarchie und Republik – haben aus seiner Sicht Vorteile: Die Republik kann ihre Bürger zu enormen Reichtümern führen, da sie die Wirtschaftstätigkeit und den Gemeinsinn der Menschen anregt. Um ein Volk aus der Krise herauszuführen bedarf es jedoch eines Alleinherrschers, denn „viele Köpfe sind nicht dazu geeignet Ordnung in ein Staatswesen zu bringen, weil sie bei der Verschiedenheit der Meinungen, die von allen Seiten geltend gemacht werden, das Beste für dieses nicht zu erkennen vermögen; ebensowenig können sie sich entschließen, von einer bestehenden Ordnung, die sie als gut erkannt haben, wieder abzugehen.“[24] Aber die Erkenntnis der Vor- und Nachteile der Verfassungsformen bleibt schließlich ohne Nutzen, da die gegenwärtige Verfassung in letzter Konsequenz etwas faktisches ist und keine übergeordnete Instanz sie nach Belieben austauschen kann. 

 

Bis heute ist in diesem Zusammenhang strittig, inwieweit Machiavellis Theorien überhaupt in Gänze als Staatstheorien verstanden werden können. Nach dem neueren Standpunkt sind insbesondere Machiavellis Betrachtungen zum Alleinherrscher kaum durch einen Staatsgedanken im heutigen Sinne geprägt. Der Begriff Staat bezieht sich demnach bei Machiavelli nicht auf das Gemeinwesen in seiner sozioökonomischen Konzeption, also auf eine politische Lebensordnung, sondern er ist begrenzt auf seine machtpolitische Komponente. Je nach Geschichtszyklus bezieht sich Staat also auf die individuelle Einflusssphäre des Alleinherrschers, den gemeinschaftlichen Machtbesitz einer herrschenden Klasse oder die machtpolitische Verfassung einer Republik.[25] Der Staat ist also nichts an sich, er hat keinen eigenen subjektiven Charakter, er ist vielmehr etwas, „was man erwirbt, aufrechterhält, wegwirft, verspielt [oder] verliert“[26] in keinem Falle aber kann sich der Staat selbst erhalten; es sind vielmehr Fürst oder herrschende Schicht, die bestrebt sind, ihren Staat zu erhalten.

 

Die ältere Auffassung zu dieser Frage vertritt hingegen den Standpunkt, dass Machiavelli der erste Vertreter ist, der den Staat „nicht als eine Instanz der Selbstverwirklichung oder der theoretisch-moralischen Leitung des Menschen bestimmte, sondern [ihn] als ein Zwangsinstrument gegen dessen destruktive Neigung begriff.“[27] Demnach brauchen die Menschen den Staat, der ihre naturhaften Triebe reguliert und die Menschen daran hindert sich gegenseitig zu zerstören. „Der naturhafte Machtwille, die Pleonexie […] des Menschen, veranlasst diesen, Staaten zu gründen, sie zu erhalten und zu vergrößern, und erweist sich als der stärkste Antrieb zum politischen Handeln. Diesen Antrieb stellt Machiavelli in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. Der auf dem Machtstreben beruhende Staat […] ist der eigentliche Gegenstand seiner Lehre. […] Das letzte Ziel jeder Politik muß es sein, den Staat zu erhalten“[28].

 

Beide Auffassungen sind bei näherem Hinsehen nicht widersprüchlich, auch wenn dies von den jeweiligen Vertretern so aufgefasst wird. Sehr wohl kann aus Machiavellis Schriften abgeleitet werden, dass das Leben im Zustand der Anarchie und des Chaos, in der „jeder nach seiner Art lebt“[29], für den Menschen unerträglich sein muss und er lieber die schlimmste Schreckensherrschaft ertragen würde, als diesen Zustand.[30] Von diesem Standpunkt aus lässt es sich leicht begründen, dass die Menschen danach trachten sollten, ihren Staat unabhängig von seiner Verfassung zu erhalten. Dieser Begründung zu folgen wäre jedoch eine gemeinnützige, ethische und schließlich vor dem Hintergrund Machiavellis Menschenbild auch utopische Staatstheorie. Vor dem Hintergrund der Annahme, dass die wesentliche Antriebsfeder des Menschen der persönliche Vorteil gegenüber anderen Menschen ist, wird jede Theorie, die davon ausgeht, dass der Staat zum Gemeinwohl existiere oder die Gemeinschaft automatisch zum Gemeinnutzen handle, als Utopie entlarvt. Das Postulat, den Staat zu erhalten, kann also durchaus als utopische Schlussfolgerung aus Machiavellis Ansichten abgeleitet werden, es beschreibt aber nicht den durch ihn beschriebenen und zum Gegenstand seiner Theorie erhobenen Ist-Zustand, also auch nicht die von ihm ausgehende Lehre. Nach dieser würden Individuen nämlich nur dann regelmäßig nicht zu ihrem eigenen Nutzen handeln, wenn ein anderes Individuum (oder eine Gruppe) Herrschaft über die Erstgenannten ausübt. Die herrschende Persönlichkeit oder Institution wird der Anthropologie entsprechend ihre Macht ebenfalls nicht zum Gemeinwohl einsetzen, sondern zum Eigennutzen.

 

Der Staat ist für Machiavelli also in erster Linie ein Herrschafts- oder Machtgebilde, der sich aus Beherrschten und Beherrschenden zusammensetzt. Erst die Herrschaft macht ein Zusammenleben der Menschen möglich und sie ist nicht nur Grundvoraussetzung, sondern auch Grundsubstanz des Staates. Der Staat wird umso stärker, stabiler und durchsetzungsfähiger, je umfassender und absoluter die Regierung über die Untertanen oder Bürger herrscht und umso schwächer und instabiler, je mehr sich diese Herrschaft nur auf Teilbereiche bezieht oder gar grundsätzlich in Frage gestellt wird.[31] Dabei ist der Staat permanent aus zwei Richtungen gefährdet: zum einen von innen, weil die Beherrschten stets gegen ihren Instinkt beherrscht werden und ihren Trieben entsprechend lieber frei über sich selbst verfügen würden; zum anderen von außen, weil dort wiederum die Nachbarstaaten darauf warten, ihren Einflussbereich zu vergrößern und sich den schwächeren Staat einzuverleiben.[32]

 

Das Mittel, mit welchem die Herrscher ihre Macht über die Bürger bzw. die Untertan ausüben sind für Machiavelli Gesetze und Streitkräfte, wobei die Streitkräfte der wichtigere Teil sind, denn diese setzen die Gesetze im Zweifel durch.[33] Streitkräfte sichern den Machtanspruch der Regierung nach innen und außen, sie sind für die Machthaber somit von höchster Bedeutung. So stellt Machiavelli fest:

 

„Ein Fürst soll keinen anderen Gegenstand des Nachsinnens haben und sich mit nichts anderem beschäftigen als mit der Kriegskunst, den militärischen Einrichtungen und der Kriegszucht; denn das ist die einzige Kunst, die man von dem, der befiehlt, erwartet. Sie vermag so viel, daß sie nicht allein geborene Fürsten auf dem Thron erhält, sondern auch manche Privatleute zur Herrscherwürde erhebt. Umgekehrt sieht man, daß Fürsten, die mehr an Vergnügen als an Waffen gedacht haben, die Herrschaft verloren. Die Verachtung dieser Kunst ist die erste Ursache für den Verlust der Herrschaft; […]

 

Denn eines der Übel, welches das unkriegerische Wesen mit sich bringt, ist dies, daß es dich verächtlich macht […]. Denn zwischen einem Bewaffneten und einem Unbewaffnetem ist gar kein Verhältnis, und man kann nicht erwarten, daß der Bewaffnete dem Unbewaffneten willig gehorche und daß der Unbewaffnete sich unter bewaffneten Dienern sicher fühle. Wenn bei dem einen Verachtung und bei dem anderen Argwohn herrscht, so können beide nicht gut zusammenwirken. Und deshalb ist ein Fürst, der sich auf das Kriegswesen nicht versteht, außer anderem auch deshalb übel dran, weil er, wie gesagt, von seinen Soldaten mißachtet wird und ihnen nicht trauen kann.“[34]

 

An diesem Zitat wird ersichtlich, welche zentrale Bedeutung Machiavelli den Streitkräften zukommen lässt. Im Zweifel sind sie es allein, die den Herrschaftsanspruch der Regierung durchsetzen. So stellt Machiavelli auch trocken fest, dass „es weit sicherer [ist], gefürchtet als geliebt zu werden, sobald nur eins von beidem möglich ist. Denn […] die Menschen scheuen sich weniger, den zu beleidigen, der sich beliebt macht, als den, der sich gefürchtet macht; denn die Liebe hängt an einem Bande der Dankbarkeit, das, wie die Menschen leider sind, bei jeder Gelegenheit zerreißt, wo der Eigennutz im Spiel ist; die Furcht vor Strafe aber läßt niemals nach.“[35] Mit anderen Worten: Die Zustimmung der Menschen zu haben ist für eine Regierung etwas positives, die Gefolgschaft der Streitkräfte ist allerdings etwas notwendiges.

 

Abschließend lässt sich zusammenfassen, dass der Staat für Machiavelli in erster Linie ein Herrschaftssystem darstellt. Er betrachtet ihn nicht als eigenständiges, subjektives Wesen, sondern sieht in ihm lediglich Strukturen und Wirkmechanismen. Eine Analyse aus der subjektiven Perspektive eines Staates muss ihm daher sinnlos erscheinen – er betrachtet in seinen Werken die Situation aus der Perspektive der Regierenden. Diese haben ein vitales Interesse am Erhalt bzw. am Ausbau ihrer Macht. Das Herbeiführen eines Gemeinwohls ist in diesem Zusammenhang Mittel zum Zweck, aber nicht – wie bei anderen Theoretikern – der Zweck des Staates. Der Staat selbst ist vielmehr ein Mittel der Regierenden zur Institutionalisierung ihrer Macht und ihres Einflussbereichs. Diese Systematik lässt sich reibungslos auf die suprastaatliche Ebene übertragen. Die Regierung wird hier durch das Völkerrechtssubjekt Staat verkörpert und sucht letztlich weiterhin danach, den eigenen Einflussbereich auf anderen zu erhalten bzw. zu vergrößern.

 

 weiter zu II.2.3 Hobbes

 

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Kapitel II.2 - Übersicht

  • II.2.1 Platon

      Zur Zeit Platons war der Mittelmeerraum maßgeblich durch Stadtstaaten, so genannte Poleis, geprägt. In solchen Personenverbänden lebten die Menschen bereits seit archaischen Zeiten zusammen und bildeten auf diesem Wege eine politische Gemeinschaft. Die Polis war dabei weniger territorial, sondern vorwiegend als Personenverband definiert. So bestand eine Polis nicht nur aus der Stadt selbst, sondern auch aus ihrem nicht konkret definierbaren Umfeld, in welchem oftmals gar die Mehrheit der Bürger lebte. Die Stadtstaaten waren unabhängig und – modern ausgedrückt – völkerrechtlich souverän.   Der griechische Philosoph Platon setzt sich in seinem bekanntesten Werk Politeia[1] ausführlich mit dem Staat und seinem Wesen auseinander. Platons Hauptanliegen ist dabei die Suche nach einer geeigneten Definition von Gerechtigkeit und dazu ist ihm die fiktive Schaffung eines Read More
  • II.2.2 Machiavelli

      Clausewitz kannte und schätzte die Werke des Machiavelli[1]. Neben einigen kleineren überlieferten Notizen und versteckten Hinweisen[2] wird dies vor allem durch einen damals anonym verfassten Brief von Clausewitz an Fichte[3] belegt, in welchem er ausführlich und umfangreich zu Machiavelli Stellung nahm. Clausewitz‘ Interesse lag dabei vorrangig auf den außenpolitischen Grundsätzen, den Grundsätzen über das Kriegführen sowie den Ideen der Machtpolitik schlechthin.[4] Seine Wertung über die von Machiavelli aufgestellten Grundsätze fasste er 1809 in einem anderen Brief an Fichte zusammen:   „Kein Buch in der Welt ist dem Politiker notwendiger, als der Machiavel; die, welche eine Abscheu vor seinen Grundsätzen affektieren, sind eine Art humanistischer Petit-Maîtres. Was er von der Politik der Fürsten in Beziehung auf die Untertanen sagt, ist Read More
  • II.2.3 Hobbes

      Thomas Hobbes[1] war Augenzeuge der blutigen und vor allem innerstaatlichen Auseinandersetzungen des frühen 17. Jahrhunderts. Neben dem auf dem Festland tobenden Dreißigjährigen Krieg dürfte für Hobbes der englische Bürgerkrieg der Höhepunkt in diesen Auseinandersetzungen gewesen sein. Dieser wurde nicht nur als Machtkampf zwischen dem englischen Parlament und dem absolutistisch orientierten König geführt, sondern gilt auch als Höhepunkt der konfessionellen Gegensätze zwischen Anglikanern, Presbyterianern, Puritanern und Katholiken. Vor dem Hintergrund dieser massiven Bürgerkriegserfahrung steht bei Hobbes Staatstheorie die Gewalt- und Kriegsproblematik im Zentrum des Denkens. Seine politische Theorie, seine Vorstellung vom Gemeinwesen überhaupt, stellt die Suche nach Möglichkeiten und Bedingungen eines dauerhaften Friedens dar.[2] Damit schreibt Hobbes aus einem von Machiavelli grundlegend abweichenden Blickwinkel. Hatte letzterer im Sinn, eine konkrete Read More
  • II.2.4 Hegel

      Sowohl Hegel[1] als auch der etwa zehn Jahre jüngere Clausewitz lebten in den 1820-er Jahren in Berlin. Da sie nachweislich einen gemeinsamen Bekanntenkreis pflegten, ist es zumindest wahrscheinlich, dass sich die beiden auch persönlich kannten.[2] Hieraus soll freilich nicht zu früh geschlussfolgert werden, dass es auf der Ebene ihrer Theorien wesentliche Parallelen zwischen den beiden Denkern gäbe.[3] Nennenswert ist allerdings, dass auf Clausewitz und Hegel ähnliche äußere Einflüsse einwirkten. Beide entwickelten ihre Theorien im Angesicht der gleichen tagespolitischen Großereignisse sowie der daraus resultierenden geistesgeschichtlichen Strömungen.[4] Ein bemerkenswerter Zufall ist auch, dass beide das gleich Schicksal ereilte: Nur drei Tage nach dem General erlag auch der Professor der Cholera.[5]   Hegels Philosophie, und insbesondere seine Staatstheorie, hat bis in die Read More
  • 1