Kapitel II - Gesellschaftstheoretischer Rahmen

  • II.1 Einleitung

      Der Krieg ist kein selbstständiges Ding, sondern die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, daher sind die Hauptlineamente aller großen strategischen Entwürfe größtenteils politischer Natur, und immer um so mehr, je mehr sie das Ganze des Krieges und des Staates umfassen. Der ganze Kriegsplan geht unmittelbar aus dem politischen Dasein der beiden kriegführenden Staaten sowie aus ihren Verhältnissen zu anderen hervor. Aus dem Kriegsplan geht der Feldzugsplan hervor, und ist sogar, wenn nämlich alles sich auf ein Kriegstheater beschränkt, oft identisch mit demselben. Aber auch in die einzelnen Teile eines Feldzuges zieht sich das politische Element hinein, und es ist wohl selten irgendein großer Akt des Krieges, wie eine Schlacht usw., wo sich nicht noch einiger Einfluß davon zeigte. Read More
  • II.2 Exkurs: Gesellschaftstheoretischer Hintergrund

      Wenn Clausewitz den Staat ohne große Erklärungen als den Träger des Krieges benennt, [1] dann ist dies nicht ganz unproblematisch für den heutigen Leser, da dieser mit dem Begriff Staat bestimmte Inhalte assoziiert, die Clausewitz noch fremd sein mussten. Die großen staatssoziologischen Theorien von Tönnies[2], Weber[3], Oppenheimer[4] oder Luhmann[5], aber auch die völkerrechtliche Drei-Elemente-Lehre[6] von Jellinek[7], schwingen im heutigen allgemeinen Staats- und Gesellschaftsverständnis nahezu zwangsläufig mit, während Clausewitz diese Ideen noch unbekannt sein mussten.    Bevor der Fokus der Aufmerksamkeit auf die gesellschaftstheoretischen Aspekte in Clausewitz‘ Werk gelenkt wird, sollen daher zunächst die gesellschaftstheoretischen Überlegungen einiger ausgewählter Autoren schlaglichtartig dargestellt werden, die in mehr oder weniger großem Maße auf das Verständnis Clausewitz‘ eingewirkt haben. Die hier gewonnenen Erkenntnisse werden Read More
  • II.3 Politisches Gemeinwesen: Einführung

      Der überwiegende Teil der Sekundärliteratur[1] geht mehr oder weniger konkret davon aus, dass Clausewitz‘ Theorie eine Welt voraussetzt, die wesentlich oder gar ausschließlich von Staaten bestimmt ist.[2] Da der Staatenkrieg, so die mittlerweile durchaus anerkannte Feststellung von Historikern und Politikwissenschaftler, einen historischen Sonderfall darstellt, der nur für eine kurze und räumlich auf Europa begrenzte Epoche der Menschheitsgeschichte zutrifft,[3] liegt einigen Forschern der Verdacht nahe, dass die Clausewitz’sche Theorie sich nur auf solche beziehe und daher auf den überwiegenden Teil der Kriege nicht anwendbar sei.[4] So erklärt es sich, dass Politikwissenschaftler und Soziologen Clausewitz oftmals  einer vergangenen Epoche zurechnen und ihn dem wissenschaftlichen Fachbereich der Historiker überlassen.[5]   Die Vorstellung, Clausewitz‘ Theorie beziehe sich ausschließlich auf den Staat, sollte nicht Read More
  • II.6 Internationales System und Überlegenheit der negativen Absicht

        Nach der intensiven Betrachtung des isolierten politischen Gemeinwesens muss nun der Blick über diese Ebene hinaus führen und zu einer Betrachtung des internationalen Systems gelangen. Viele Folgerungen ergeben sich dabei unmittelbar aus dem bereits oben Gesagten, aber es soll an dieser Stelle nochmals aufgegriffen und vertieft werden.   Read More
  • II.7 Zusammenfassung

    1. Zusammenfassung Die in diesem Teil der Arbeit aufgedeckten gesellschaftstheoretischen Aspekte der Clausewitz’schen Kriegstheorie gehen in Teilen weit über die Erkenntnisse heraus, die tatsächlich dem Verfasser von Vom Kriege zugeschrieben werden können. Solche differenzierten, gesellschaftstheoretischen Überlegungen erschienen dem General kaum notwendig, da er in einer in dieser Hinsicht sehr eindeutig strukturierten Zeit lebte. Die überschaubare Welt Europas gliederte sich lückenlos in Staaten und diese allein verfügten über das Recht und die Fähigkeit, Kriege zu führen.[1] Der Rückschluss jedoch, dass die Clausewitz’sche Theorie daher nur für Staatenkriege im völkerrechtlichen Sinne[2] gelte,[3] ist zu verneinen. Vielmehr sollte ein Clausewitz-Interpret die Theorie von ihrem Staatenbezug abstrahieren und den Staatsbegriff auf die wenigen Merkmale, die ihn in der Clausewitz’schen Theorie charakterisieren, zurückführen. Zu diesem Read More
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Kategorie: Kapitel II.5 - Politisches Gemeinwesen III: Politik und äußeres Verhalten

II.5.1 Der Begriff des Politischen und die Intelligenz des Gemeinwesens

 

Nachdem oben festgestellt wurde, dass Clausewitz das politische Gemeinwesen als einen individuellen Organismus betrachtet, welcher eigenständig denkt, handelt und entscheidet,  muss nunmehr die Frage aufgeworfen werden, auf welchem Wege sich dies manifestiert. Dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass das Gemeinwesen ja nichts an sich ist, sondern nur ein Konglomerat verschiedenster menschlicher Individuen mit unterschiedlichsten sich teils widersprechenden Ansichten, Interessen und Meinungen. Diese Realität – in Abgrenzung zur idealistischen Subjektivierung – erkennt auch Clausewitz unmissverständlich an, wenn er zwischen einer Intelligenz, „von welcher der Krieg ausgeht“[1] und allen „übrigen Intelligenzen im Staate“[2] von welchen durchaus Widerstand gegen die erstere ausgehen kann, unterscheidet.

 

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II.5.2 Das Verhältnis von Krieg und Politik

 

 

Wie bisher gezeigt wurde, wird Politik von Clausewitz als Denk- und Abwägungsprozess verstanden, der in seinem Ergebnis zu einem konkreten Urteil führt, welches für das als Einheit gedachte Ganze eines politischen Gemeinwesens verbindlich ist. Sollte sich der so ermittelte politische Wille auf Inneres richten, so ist er mittels moralischer Gewalt für alle Individuen unverzüglich verbindlich und wird von Clausewitz in keiner Weise näher betrachtet. Dort allerdings, wo der politische Wille auf einen anderen unabhängigen Willen stößt, wo er sich also auf Äußeres richtet und mit anderen politischen Gemeinwesen in Konflikte gerät, kann er sich nicht unmittelbar verwirklichen und trifft unter Umständen auf Widerstände. Zur Erfüllung des politischen Willens bedarf es nun also der Interaktion mit anderen souveränen Gemeinwesen. Somit kann zwischen dem politischen Denken einerseits und den „politischen Handlungen“[1] bzw. dem „politischen Verkehr“[2] andererseits in Sinne von zwei prinzipiell getrennten Bereichen der Politik unterschieden werden. Der erste Bereich formuliert die politischen Interessen, der zweite Bereich umfasst die Anwendung politischer Instrumente zur Verwirklichung dieser Interessen.

 

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II.5.3 Funktionale Dreifaltigkeit des politischen Gemeinwesens

 

 

Oben wurde festgestellt, dass Clausewitz das politische Gemeinwesen als organische Einheit wahrnimmt. Dies hindert ihn allerdings keineswegs daran, innerhalb des Personenverbandes zwischen unterschiedlichen Funktionen zu differenzieren. So wie es für einen Organismus typisch ist, besteht das politische Gemeinwesen aus verschiedenen Organen, die unterschiedliche Aufgaben wahrnehmen. In der Zusammenfassung des ersten Kapitels des ersten Buches heißt es:

 

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