Der überwiegende Teil der Sekundärliteratur[1] geht mehr oder weniger konkret davon aus, dass Clausewitz‘ Theorie eine Welt voraussetzt, die wesentlich oder gar ausschließlich von Staaten bestimmt ist.[2] Da der Staatenkrieg, so die mittlerweile durchaus anerkannte Feststellung von Historikern und Politikwissenschaftler, einen historischen Sonderfall darstellt, der nur für eine kurze und räumlich auf Europa begrenzte Epoche der Menschheitsgeschichte zutrifft,[3] liegt einigen Forschern der Verdacht nahe, dass die Clausewitz’sche Theorie sich nur auf solche beziehe und daher auf den überwiegenden Teil der Kriege nicht anwendbar sei.[4] So erklärt es sich, dass Politikwissenschaftler und Soziologen Clausewitz oftmals  einer vergangenen Epoche zurechnen und ihn dem wissenschaftlichen Fachbereich der Historiker überlassen.[5]

 

Die Vorstellung, Clausewitz‘ Theorie beziehe sich ausschließlich auf den Staat, sollte nicht leichtfertig von der Hand gewiesen werden. Auch in dem den letzten Stand der Theorie wiederspiegelnden[6] ersten Kapitel des ersten Buches nutzt er das Wort ‚Staat‘ insgesamt vierzehnmal.[7] Zwar deutet Clausewitz verschiedentlich an, dass auch z.B. wilde Völker[8] Kriege führen können und es ist kaum davon auszugehen, dass diesen eine Staatsqualität unterstellt werden könnte,[9] doch nutzt er dies regelmäßig in einer fast despektierlichen Art und Weise, so dass keineswegs der sichere Eindruck entstehen kann, dass er die von Barbaren oder Stämmen ausgehenden Gewalttaten im Sinne von vollwertigen Kriegen in seine Theorie mit einbeziehen wollte. Aber es lässt sich in Anbetracht des gesamten Werkes ebenso wenig feststellen, dass Clausewitz die Aussage treffen wollte, dass ausschließlich Staaten Kriege führen können. Es scheint vielmehr so zu sein, dass er die Frage, wer Kriege führen kann, gar nicht als kritisch betrachtete und aus diesem Grund auch nicht weiter problematisierte.

 

Wenn Clausewitz in seinem Werk also hauptsächlich vom Staat als kriegerführendem Subjekt ausgeht, so scheint dies weniger eine implizierte Einschränkung für die Theorie zu sein, sondern vielmehr eine dem Zeitgeist geschuldete, unreflektierte Selbstverständlichkeit, die mit der von ihm erlebten, tagespolitischen Realität übereinstimmte. Denn natürlich lebte er in einem von Staaten geprägten Europa, in welchem es keine anderen nennenswerten Mächte gab, die einen Krieg hätten führen können.[10] So schien sich die überschaubare Welt in einzelne Staaten zu zergliedern, die jeweils für sich das Gewaltmonopol innehatten und somit ganz allein untereinander über Krieg und Frieden gebieten konnten.[11]

 

Aber ganz unabhängig von der Frage, ob auch Nicht-Staaten Kriege führen können oder nicht, muss die Grundlage einer entsprechenden Antwort eine Vorstellung von dem sein, was unter dem Begriff Staat verstanden wird. Zwar gibt es in der Sekundärliteratur eine Vielzahl von Abhandlungen darüber, wie Clausewitz zu ‚seinem‘ Staat stand und wie er sich einen idealen Staat vorstellte,[12] doch kann dies nicht gleichgesetzt werden mit einem abstrakten, allgemeingültigen Verständnis von den bestimmenden Merkmalen eines Staates überhaupt. Doch genau dies müsste zunächst bestimmt werden, damit einer Aussage, nach welcher ausschließlich Staaten Krieg führen können, ein inhaltliches Gewicht zugesprochen werden könnte.

 

Die bisherige Sekundärliteratur geht also in doppelter Hinsicht ungenau mit dem Themenkomplex um. Zum einen schließt sie aus der Clausewitz’schen Feststellung, der nach es ein Merkmal von Staaten sei, Kriege führen zu können,[13] dass es ein Merkmal von Kriegen sei, von Staaten geführt zu werden und begeht damit einen logischen Fehler. Zum anderen hinterfragt sie den dahinterstehenden elementaren Staatsbegriff nicht weiter, sondern unterstellt Clausewitz zumindest implizit ein dem heutigen völkerrechtlichen Verständnis[14] entsprechenden Staatsbegriff, welcher zur Clausewitz’schen Zeit noch gar nicht existent war.

 

In der hier vorgelegten Arbeit wird im Gegensatz zur überwiegenden Mehrzahl der Sekundärliteratur die These vertreten, dass Clausewitz keineswegs den Staat als einzigen Kriegsakteur betrachtete, sondern dass er sich durchaus der Tatsache bewusst war, dass auch andere soziale Gebilde in der Lage sein konnten, einen Krieg zu führen. Nicht ohne Grund bleibt Clausewitz an den meisten Stellen seines Hauptwerkes vage und unterlässt eine präzise Benennung des Kriegsakteurs. So spricht er doch oft von ‚Wir‘ oder ‚Uns‘ einerseits und von ‚unserem Gegner‘ andererseits. Auch ist bezeichnend, dass das Wort ‚Staat‘ meist nur auf den konkreten Fall oder im Sinne eines Beispiels bzw. einer Spezifizierung von allgemeinen Aussagen verwendet wird. Clausewitz nutzte dies zum besseren Verständnis und zur plastischen Anschauung, nicht aber, um eine notwendige Voraussetzung für kriegerische Handlungen zu definieren.

 

Das von Clausewitz verwendete Wort Staat könnte im Ergebnis lediglich als Synonym betrachtet werden, welches den tagespolitischen Geschehnissen Rechnung trägt oder es müsste soweit abstrahiert verstanden werden, dass es alle Gemeinwesen umfasst, die Krieg führen können. In keinem Falle aber ist der Begriff selbst ein Unterscheidungsmerkmal für Krieg und Nichtkrieg. Unter diesem Aspekt steht die Forschung allerdings vor der Frage, wie ein kriegführender Personenverband beschaffen sein muss. Wenn Krieg ein Akt der Gewalt ist, „um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen“[15], so muss die erste Frage lauten, was unter Gegner und unter unserem Willen im abstrakten Sinne zu verstehen ist. Ohne ein tiefgreifendes Verständnis dieses zentralen Aspektes scheint jede Überlegung zu kriegerischem Handeln und Strategie ins Leere zu laufen.

 

Clausewitz hatte leider erst in seinen letzten Jahren die zentrale Bedeutung des Politischen für den Krieg erkannt und erst mit dieser Erkenntnis musste der kriegführende Personenverband als Ganzes in das Zentrum der Überlegungen gerückt werden. Diesen folgerichtigen Schritt hat Clausewitz jedoch nicht vollendet. Seiner Theorie des Krieges müsste notwendigerweise eine Theorie der Gesellschaft vorausgehen, um die näheren Wirkzusammenhänge zwischen Krieg und Politik zu verdeutlichen. Da die Kriegstheorie abstrakt sein soll, d.h. nicht nur für die gegenwärtigen, sondern für alle Fälle gelten soll, so muss die inbegriffene Gesellschaftstheorie notwendigerweise ebenfalls abstrakt und universell sein, d.h. über die bestehenden Zustände hinaus zutreffen. Da Clausewitz es aber aus welchen Gründen auch immer versäumt hat, seine der Kriegstheorie vorausgehende Gesellschaftstheorie zusammengefasst auf den Punkt zu bringen, muss der Leser diese aus der vorhandenen Kriegstheorie heraus ableiten. Es muss also angestrebt werden, aus dem Werk heraus eine Definition des allgemeinen kriegsführenden Personenverbandes zu entwickeln, welcher im Krieg mittels physischer Gewalt versucht, einem anderen Gemeinwesen seinen eigenen Willen aufzudrängen.

 

Dabei stellt sich unweigerlich die Frage, wie das abgeleitet Gesellschaftsmodell benannt werden soll: Zum einen könnte der Begriff des Staates weiterhin verwendet und soweit verallgemeinert werden, dass er alle im Clausewitz’schen Sinne kriegführenden Personenverbände einbezieht. Damit würde allerdings eine erhebliche Abweichung vom allgemeinen Verständnis des Begriffs Staat in Kauf genommen und dies würde unweigerlich zu Missverständnissen führen. Auch ein Wortzusatz wie z.B. ‚Staat im Clausewitz’schen Sinne‘ ist aus Gründen der Lesbarkeit nicht in Betracht zu ziehen. Die zweite und hier auch bevorzugte Möglichkeit ist schließlich einen anderen, bisher neutralen Begriff zu finden und zu verwenden. Ich habe mich hierbei für die Wendung ‚politisches Gemeinwesen‘ entschieden, welche nunmehr all diejenigen Personenverbände erfassen soll, welche in der Lage sind, einen Krieg im Clausewitz’schen Sinne zu führen. Das Wort Gemeinwesen wird verwendet, um mit Blick auf die Tönnies‘schen Begriffe Gemeinschaft und Gesellschaft[16] keine Präjudizierung vorzunehmen, sondern das Verständnis von vorneherein möglichst Allgemein zu halten. Der von Kondylis genutzte Begriff des gesellschaftlichen Verbandes[17] wurde ebenso wie das Wort Personenverband zwar abgewägt, letztlich aber verworfen, um keinen Bezug zu dem durch Mayer[18] definierten Personenverbandsstaat[19] des Früh- bzw. Mittelalters herzustellen, der eine Fokussierung auf das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Lehnsherrn und Vasallen und vor allem eine Gegensätzlichkeit zu dem modernen Territorialstaat impliziert hätte. Schließlich wurde das Adjektiv ‚politisch‘ hinzugenommen, um den sehr allgemeinen Begriff Gemeinwesen zu spezifizieren und von dem Alltagssprachgebrauch zu unterscheiden.

 

In den folgenden Kapiteln soll der Begriff des politischen Gemeinwesens entwickelt werden, der für die Clausewitz’sche Theorie des Krieges den gesellschaftstheoretischen Rahmen beschreibt.

 weiter zu II.4 Politisches Gemeinwesen II: Innere Einheit und Gewalt

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