Kapitel II.4 - Übersicht

  • II.4.1 Das Gemeinwesen als subjektiver Organismus

      Clausewitz‘ gesamtes Werk ist dadurch gekennzeichnet, dass er menschliche Gruppierungen als vielfach gegliedertes Ganzes betrachtet. Die so entstehenden Einheiten können wiederum mit anderen Einheiten ein Ganzes der höheren Ordnung bilden.[1] Die auf diesem Wege als Kollektive betrachteten Gemeinwesen unterschiedlicher Ordnung sind nicht nur durch die Summe ihrer einzelnen Teile bestimmt, sondern sie werden als wahre Entitäten, d.h. als im Hegelschen Sinne an und für sich seiende Wesen angenommen. So unterstellt Clausewitz dem Staat eine eigene Intelligenz[2], eine eigene Seele[3] und einen eigenen Willen[4]. An einer Stelle schreibt er:   „Kein Staat sollte sein Schicksal, nämlich sein ganzes Dasein, von einer Schlacht, sei sie auch die entscheidendste, abhängig glauben. Ist er geschlagen, so kann das Aufbieten neuer eigener Kräfte und Read More
  • II.4.2 Ausschweif zum physischen und moralischen Gewaltbegriff

      Nur in einem Nebensatz ganz zu Anfang seines Werkes lässt Clausewitz einen bemerkenswerten Gedanken aufblitzen, der zum bestimmenden Merkmal für politische Gemeinwesen geeignet sein könnte. Es gäbe, so schrieb er, außerhalb des Staates und Gesetzes, keine moralische Gewalt.[1] Dieser Nebensatz lässt die Vermutung naheliegen, dass Clausewitz, ähnlich wie Hegel, im politischen Gemeinwesen vor allem die höchste moralische, irdische Macht sah. Um dies richtig einordnen zu können, muss zunächst losgelöst vom politischen Gemeinwesen die diffizile Frage geklärt werden, wie bei Clausewitz der Begriff der Gewalt im Allgemeinen und der moralischen Gewalt im Besonderen bestimmt ist. Da Clausewitz die spezifisch moralische Gewalt allerdings ausschließlich im oben genannten Nebensatz erwähnt, muss dieses Rätsel auf einem Umweg gelöst werden, indem zunächst die physische Read More
  • II.4.3 Bestimmendes Merkmal: Höchste moralische Gewalt

        Oben[1] wurde festgestellt, dass Clausewitz das politische Gemeinwesen idealtypisch zwar als ein subjektives Wesen betrachtete, dies aber nur methodisch anwendete und sich in Bezug auf die Wirklichkeit bewusst war, dass ein Zusammenschluss von Menschen niemals einem wahren organischen Ganzen gleichkommen konnte. Diese Vorgehensweise wird insbesondere im Rahmen von Clausewitz‘ Vorstellung der Friktion verdeutlicht. Auch dort stellt er sich die Streitkraft zwar als organisches Ganzes vor und behandelt sie theoretisch als solche, erkennt aber gleichwohl an, dass diese Einheit nur eine Fiktion ist und dass in der wirklichen Welt vielfältige Individuen das Ganze gestalten und es darum systemimmanent zu Abweichungen in der Einheitlichkeit des Handelns kommen muss.[2]   Während also in der Fiktion ein politisches Gemeinwesen ein einheitliches Ganzes Read More
  • II.4.4 Spekulative Überlegungen zu Verbrechen und Rebellion

      Bisher wurde ein Themenkomplex ausgeklammert, der allerdings ein höchst problematischer ist und für manche Schwierigkeiten in der eindeutigen Identifizierung von politischen Gemeinwesen sorgt. Im Modell ist das politische Gemeinwesen eine kollektive Einheit, weil die einzelnen menschlichen Individuen durch das existierende Band der moralischen Gewalt auf einen obersten Gesetzgeber eingeschworen sind. In der wirklichen Welt wird diese Einheit jedoch zumindest bei komplexeren Personenverbänden niemals verwirklicht, da sich in der Vielzahl von Individuen immer solche finden, die das Regel- und Gesetzeswerk nicht akzeptieren oder nicht verstehen und aus Unwissenheit, Fahrlässigkeit, Gleichgültigkeit oder auch bewusst gegen die Regeln des obersten Gesetzgebers verstoßen. Selbst bei militärischen Verbänden, von denen ein objektiver Beobachter am ehesten davon ausgehen würde, dass ihre Handlungen einheitlich sind, kennt Read More
  • 1