Nachdem oben festgestellt wurde, dass Clausewitz das politische Gemeinwesen als einen individuellen Organismus betrachtet, welcher eigenständig denkt, handelt und entscheidet,  muss nunmehr die Frage aufgeworfen werden, auf welchem Wege sich dies manifestiert. Dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass das Gemeinwesen ja nichts an sich ist, sondern nur ein Konglomerat verschiedenster menschlicher Individuen mit unterschiedlichsten sich teils widersprechenden Ansichten, Interessen und Meinungen. Diese Realität – in Abgrenzung zur idealistischen Subjektivierung – erkennt auch Clausewitz unmissverständlich an, wenn er zwischen einer Intelligenz, „von welcher der Krieg ausgeht“[1] und allen „übrigen Intelligenzen im Staate“[2] von welchen durchaus Widerstand gegen die erstere ausgehen kann, unterscheidet.

 

Es muss also innerhalb des Gemeinwesens einen virtuellen Ort geben, in welchem die verschiedensten Interessen und Meinungen gegeneinander abgewogen und zu konkreten Standpunkten verdichtet werden, welche in der Folge die allgemeine Meinung und das kollektive Interesse des politischen Gemeinwesens definieren. Dieser virtuelle Ort, den Clausewitz auch als „die Intelligenz des personifizierten Staates“[3] bezeichnet, wird von ihm unter dem Begriff Politik zusammengefasst:

 

„Daß die Politik alle Interessen der inneren Verwaltung, auch die der Menschlichkeit, und was sonst der philosophische Verstand zur Sprache bringen könnte, in sich vereinigt und ausgleicht, wird vorausgesetzt; denn die Politik ist ja nichts an sich, sondern ein bloßer Sachverwalter aller dieser Interessen gegen andere Staaten. Daß sie eine falsche Richtung haben, dem Ehrgeiz, dem Privatinteresse, der Eitelkeit der Regierenden vorzugsweise dienen kann, gehört nicht hierher; [...] wir können die Politik nur als Repräsentanten aller Interessen der ganzen Gesellschaft betrachten.“[4]

 

Nach diesem Verständnis stellt Politik also einen abstrakten geistigen Raum dar, in welchem zunächst verschiedene Standpunkte gegeneinander abgewogen werden und im Ergebnis ein Urteil gefasst wird. Von wem bzw. welchem Personenkreis dieses Urteil gefasst wird, kann schließlich ganz unterschiedlichste Formen annehmen, je nach der konstitutionellen Struktur des politischen Gemeinwesens. Konkret ist dies also die Frage nach der Herrschaft, denn es sind schließlich die politischen Entscheidungsträger, die durch das Fällen dieses Urteils die Interessen und die daraus resultierenden politischen Handlungen bestimmen. Politik im Sinne von Herrschaft ist also amorph. Sie kann sowohl von einem Alleinherrscher ausgehen, z.B. einem Fürsten, als auch von einer kleinen Gruppe, z.B. einem Rat, oder auch im Rahmen einer republikanischen Verfassung von einer gewählten Versammlung. Für Clausewitz verbietet es sich freilich, sich im Rahmen seiner Theorie auf eine Regierungsform festzulegen, denn dies würde ihn schließlich erheblich einschränken und die Theorie könnte nicht ihren universalen Charakter entfalten und für alle praktischen Fälle Anwendung finden. Unbenommen davon, ließ der junge Clausewitz in seinen frühen, persönlichen Schriften sogar einige Präferenzen für ein republikanisches System durchblicken:

 

„In einem Staats-, Kriegs- oder Kabinettsrat seine Meinung mit Präzision und Klarheit entwickeln und begründen, ist eine der vergeblichsten Mühen, die man sich geben kann. Für die, welche sie verstehen können und wollen, d.h. die, welche sie teilen, ist sie überflüssig; für die anderen gleichfalls, aber aus anderen Gründen, hier hat ein jeder seine bestimmte Meinung, sein System, was er mitbringt. Gute Köpfe, die noch Unbefangenheit hätten, denen es darauf ankäme, sich von der Sache unterrichten zu lassen, über die hier beraten wird, können der Natur der Sache nach hier gar nicht gesucht werden. Daher geht dann ein jeder nach Haus, wie er gekommen ist oder tut doch so, und das Gute ist in den Wind gesprochen. Mit dem Fürsten selbst ist’s nichts anderes wie mit den Räten. Ganz anders aber ist’s vor einer Versammlung mehrerer hundert gebildeter Menschen zu reden, unter welcher sich trotz der größten Verderbtheit der Wahlversammlung doch immer eine Menge guter Köpfe befinden werden; [...] sie bringen noch eine gewisse Unbefangenheit mit; hier hat der Redner ein Publikum, das ihn hört und ihm nachdenkt. Gewinnt er die Meinung der Majorität unter den guten Köpfen, so folgt der große Haufe bald nach, und nun wird die hartnäckige versteckte Dummheit, die kein Blitzstrahl der Wahrheit erschüttern konnte, durch den Strom der Majorität überschwemmt und fortgerissen.“[5]

 

Aber jenseits dieser persönlichen Auffassung[6] kann das politische System und damit der Entscheidungsprozess innerhalb des politischen Gemeinwesens nicht verallgemeinert werden, sondern ist im konkreten Fall zu betrachten. Die Politik ist dabei zumindest in den meisten Fällen als komplexes Wechselspiel verschiedener Akteure zu verstehen und in einigen Fällen sicherlich auch ein vielschichtiges, kaum überschaubares und unbewusstes Produkt verschiedenster Handlungen. Es kann aber festgestellt werden, dass ein Gemeinwesen, damit es seine Funktion als oberster Gesetzgeber und höchste Autorität überhaupt wahrnehmen kann, notwendigerweise über eine (systemische, institutionelle oder individuelle) Instanz verfügen muss, welche die für alle verbindlichen und damit politischen Entscheidungen trifft, die also das geistige Urteil des politischen Gemeinwesens inhaltlich bestimmt. Politik im engeren Sinne ist dabei die inhaltliche Bestimmung der Positionen, Interessen und Absichten des politischen Gemeinwesens. Dezidiert ist Politik somit weder die „Gesamtheit sozio-politischer Verbindungen“[7] im Gemeinwesen, noch die „bewußte Leistung eines normativ denkenden Subjekts“[8]. Es kann vielmehr eines von beidem sein oder auch nichts davon: Wenn es sich beim politischen Gemeinwesen um eine Monarchie mit einem äußerst mächtigen Fürsten handelt, also um eine absolutistische Alleinherrschaft im wahrsten Sinne des Wortes, so wäre Politik sehr wohl die „bewußte Leistung eines normativ denkenden Subjekts“[9], denn der Wille des Monarchen allein würde den Willen des politischen Gemeinwesens bestimmen. Aber in der Realität müssen hier schon Abstriche zugefügt werden, denn kein Fürst wird, wie schon bei Hobbes festgestellt wurde,[10] ohne Berater und ohne untergeordnete Entscheidungsträger auskommen und auch diese werden mit Argumenten oder Einzelfallentscheidungen immer einen gewissen Einfluss auf den Willen des Monarchen bzw. auf die Gestalt seiner Entschlüsse nehmen und somit auch einen Teil zur Politik beitragen. Im gegenteiligen Fall, wenn also alle Mitglieder eines Personenverbandes sich über den kollektiven Willen des Gemeinwesens abstimmen würden, könnte gesagt werden, dass die Politik durch die „Gesamtheit sozio-politischer Verbindungen“[11] abgebildet ist. In der Mehrheit der Fälle wird jedoch weder das eine noch das andere Extrem der Fall sein, und sich die Wahrheit in irgendeiner Weise zwischen den beiden Polen aufhalten. Wer also im Wesentlichen die Politik ‚betreibt‘, ob ein Fürst, ein Kabinett, Räte, eine oder mehrere Versammlungen oder eine bürokratische Administration, das alles lässt sich nur für den Einzelfall bestimmen und selbst hier würde mit Clausewitz‘ Worten gelten:

 

„Daß das Abwägen dieser mannigfachen und mannigfach durcheinandergreifenden Gegenstände eine große Aufgabe, daß es ein wahrer Lichtblick des Genies ist, hierin schnell das Rechte herauszufinden, während es ganz unmöglich sein würde, durch eine bloße schulgerechte Überlegung der Mannigfaltigkeit Herr zu werden, ist leicht zu begreifen.“[12]

 

Die Frage also, von wem bzw. auf welchem Wege Politik inhaltlich bestimmt wird, kann nur im Einzelfall und nicht allgemeingültig geklärt werden. Aber auch die inhaltliche Gestaltung, die Frage, was durch die Politik bestimmt wird und wo hierbei die Präferenzen liegen sollen, ist ein umkämpftes Gebiet in der Sekundärliteratur.[13] Aus Clausewitz‘ Feststellung, dass die Politik allein die Interessen des politischen Gemeinwesens nach außen vertrete, folgert insbesondere Kondylis,[14] dass Clausewitz der Außenpolitik ein absolutes Primat einräume, dass sich also die inneren Verhältnisse den äußeren Interessen kompromisslos unterzuordnen haben.[15]

 

Bei näherer Betrachtung ist jedoch das Gegenteil der Fall, denn auch wenn Clausewitz in frühen Schriften unterschiedliche Reformen für Preußen gefordert hatte,[16] damit es im Krieg gegen Frankreich bestehen konnte, so war dies doch eine konkrete Forderung in einer konkreten historischen Situation und darf nicht verallgemeinert in die universelle Theorie übertragen werden. Gegen die Position von Kondylis spricht schon allein, dass ein Staat, würde er die von Kondylis vertretene Interpretation anwenden, seine gesamten Kräfte für die Vorbereitung und Durchführung eines Kriegen einsetzen müsste. Diese Variante hat Clausewitz jedoch selbst mit dem zum Absurden geführten idealen Krieg verworfen.[17]

 

Aber auch darüber hinaus stellt die Interpretation des Primats der Außenpolitik eine Verkürzung des Gedankengangs dar. Für Clausewitz ist die Politik das Abwägen interner Interessen, Meinungen sowie Verhältnisse und in der Konsequenz der Entschluss zu einer konkreten Positionierung sowie das Vertreten derselben nach außen.[18] Politik lässt sich also zum einen in das Durchsetzen bzw. Vertreten und zum anderen in die inhaltliche Bestimmung von Interessen unterteilen. Wenn Clausewitz dabei das Durchsetzen von Interessen nach innen nicht betrachtet, so liegt dies zum einen daran, dass es sich außerhalb seines Erkenntnisinteresses befand und zum anderen daran, dass nach seiner idealisierenden Sichtweise ein Durchsetzen des gemeinschaftlichen Willens gegenüber den eigenen Gliedern bereits als vollzogen angenommen werden konnte. Denn wenn oben gesagt wurde, dass das Gemeinwesen als subjektiver Organismus betrachtet werden kann, welcher durch das Band der moralischen Gewalt zusammen gehalten wird, dann bedarf es nach der Bestimmung des Willens keiner weiteren Durchsetzung, da der politische Wille des Gemeinwesens das oberste Gesetz für das Handeln (nicht Denken!) der menschlichen Individuen ist und daher im Moment seiner Bestimmung als gesetzt gelten kann. Außerhalb von Verbrechen und Rebellion[19] gibt es daher keine Notwendigkeit zur physischen Durchsetzung des politischen Willens gegenüber den inneren Gliedern. Der einzige Punkt, an welchem der Wille des politischen Gemeinwesens also Widerstände erfahren kann, ist daher im Bereich des Äußeren, wo andere freie Willen existieren, die dem Willen des politischen Gemeinwesens nicht gefügig sind. Wenn Clausewitz also vom Durchsetzen oder Vertreten der Politik spricht, versteht sich von selbst, dass er dieses auf äußere Verhältnisse bezieht.

 

Damit ist aber nichts über die inhaltliche Bestimmung der Interessen ausgesagt. Indem nämlich Kondylis Clausewitz ein Primat der Außenpolitik unterstellt, impliziert er, dass äußere Interessen den inneren gegenüber ein höheres, ja sogar ein absolutes Gewicht erhalten sollen. Die in der Literatur betriebene Diskussion, ob nun das Primat der Außen- oder das der Innenpolitik gelte,[20] geht aber insofern am Wesen der Clausewitz’schen Theorie vorbei, als dass sie zwischen Dingen unterscheidet, die von Clausewitz als Ganzes betrachtet werden. Denn für Clausewitz ist Politik in Bezug auf seine inhaltliche Bestimmung ein Überbegriff, der sich gerade durch das Abwägen verschiedener Interessen, also sowohl innerer als auch äußerer, definiert.

 

Wenn ein Land A sich dazu entschließt einen Landstrich des Landes B mittels Krieg zu erobern, so erfordert dies einige Anstrengungen, die naturgemäß nur innere Anstrengungen sein können. Hieraus kann allerdings nicht gefolgert werden, dass das Innere dem Primat des Äußeren unterliege, denn die Eroberung des Landstrichs dient im Ergebnis nichts anderem als der Befriedigung innerer Interessen, sei es Landbesitz oder allgemeines Machtstreben. Ganz ersichtlich wird dies im umgekehrten Fall: Sollte das Land A in seinen Abwägungen zu dem Ergebnis kommen, dass der Nutzen der angestrebten Landnahme in einem Missverhältnis zu den dazu notwendigen Anstrengungen stünde, so würde es logischerweise von einem Krieg absehen. Es kann also von keiner pauschalen Bevorzugung der inneren oder äußeren Interessen gesprochen werden, es ist vielmehr so, dass die Politik zwischen einem wie auch immer gearteten inneren Wunsch einerseits und den zu dessen Verwirklichung zu erbringenden Leistungen andererseits abwägen muss – und dies ganz unabhängig davon, ob das Interesse mittels physischer Gewalt oder mittels Handel erfüllt werden soll. Dass ein Krieg die entsprechenden Dispositionen der Politik voraussetzt, liegt dabei auf der Hand und die entsprechenden Grundlinien in der Clausewitz’schen Theorie, die sich schließlich mit dem Krieg befasst, dürfen den Interpreten nicht verwundern.[21]

 

Eine wesentliche Quelle für Missverständnisse der Clausewitz’schen Politikdefinition findet ihren Ursprung in der Bestimmung als „bloßer Sachverwalter aller dieser Interessen gegen andere Staaten“[22]. Dieses Merkmal scheint die Politik etwas herabzuwürdigen und als einen emotionslosen Administrator zu beschreiben, der ähnlich wie eine Rechenmaschine funktioniert, bloße Mehrheitsverhältnisse errechnet und am Ende eine logische Schlussfolgerung zieht, welche die vielen individuellen Interessen möglichst allgemein repräsentiert. Umso drastischer wird dieses Missverständnis, da Clausewitz diesem Merkmal noch hinzufügt, dass die Politik allerdings auch eine falsche Richtung einnehmen könnte, nämlich dann, wenn sie „dem Ehrgeiz, dem Privatinteresse, der Eitelkeit der Regierenden“[23] dient. So folgert Kleemeier, dass das erste einen repräsentativen Politikbegriff mit „republikanischer Stoßrichtung“[24] darstelle, während das zweite die Privatinteressen-Politik beschreibe, wie sie durch die Kabinettskriege repräsentiert wurde.[25]

 

Die entsprechende Textpassage lässt im Gesamtkontext gesehen allerdings eine andere Interpretation wahrscheinlicher wirken. Das Wesen der Politik soll es doch offensichtlich sein, „alle Interessen der inneren Verwaltung, auch die der Menschlichkeit, und was sonst der philosophische Verstand zur Sprache bringen könnte“[26] in sich zu vereinen und auszugleichen. ‚Gute‘ Politik hat also die theoretische Einsicht in alle vorhandenen Überlegungen, Theorien, Meinungen und Interessen, die von den verschiedenen menschlichen Individuen innerhalb des Gemeinwesens vorgebracht werden. Die verschiedenen Standpunkte gegeneinander abzuwägen kann allerdings kaum durch einen reinen Sachverwalter geschehen, dem im allgemeinen Sprachgebrauch eine objektive Tätigkeit zugesprochen wird, der ein vorgegebenes Schema anwendet und wie ein Automat funktioniert. Ebenso wenig kann dies durch die Feststellung von Mehrheitsverhältnissen geschehen. Die Verschiedenartigkeit der Interessen und Meinungen erfordert von der Politik vielmehr in jedem Falle eine in erster Linie normative Leistung, nämlich die unterschiedlichen Meinungen, Vorstellung und Interessen zu bewerten und zu gewichten. Wenn Clausewitz hier von einem Sachverwalter spricht, dann meint er, dass diese normative Leistung keinem privaten Interesse Vorzug leisten, sondern möglichst objektiv gestaltet werden soll. Der Politiker soll nicht für sich entscheiden, sondern für das Gemeinwesen. Er muss also sein persönliches Interesse als eines von vielen ausblenden und das Wohl des politischen Gemeinwesens in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellen. Dass er sich dabei von seinen eigenen Überzeugungen leiten lassen muss, kann allerdings nicht geleugnet werden. Vom Politiker fordert Clausewitz also, dass er möglichst objektiv und selbstlos die Politik betreibt und die verschiedenartigen Interessen des Gemeinwesens zum Gemeinwohl und nicht zum Eigenwohl gewichtet.

 

Dabei nimmt Clausewitz einen bemerkenswert gegensätzlichen Standpunkt zu Machiavelli ein. Dieser riet den Politikern, ihr Augenmerk darauf zu richten, die persönliche Macht gegenüber den Untertanen zu stärken. Kriege dienten vor allem dazu, die eigene Macht gegenüber den Untertan zu behaupten, Reichtümer und Ruhm zu gewinnen und außerdem die eigene Macht weiter auszubauen. Clausewitz hingegen spricht sich konsequent gegen eine vom Privatinteresse des Regenten motivierte Politik aus. Er fordert hingegen, das Privatinteresse vollkommen auszublenden und stattdessen die verschiedenen, im Gemeinwesen existierenden Interessen und Meinungen zu berücksichtigen und hieraus eine Position zu entwickeln, die für das Gemeinwesen als Ganzes schließlich das Beste ist.

 

Aber diese idealtypische inhaltliche Definition von Politik kann schließlich nicht so stehen bleiben, denn sie würde für die vielen Fälle, in denen die Regentschaft nun doch selbstsüchtigen Interessen folgt, nicht der Realität entsprechen. Deshalb stellt Clausewitz fest, dass die Politik „eine falsche Richtung haben, dem Ehrgeiz, dem Privatinteresse, der Eitelkeit der Regierenden vorzugsweise dienen kann“[27]. Mit anderen Worten: Natürlich wird die Politik von individuellen Menschen betrieben, die fehlbar sind und schließlich eine ganz ‚falsche‘, privat orientierte Politik betreiben können. Dabei ist es etwas undurchsichtig, was die Konsequenz einer solchen ‚schlechten‘ Politik sein soll. Durch Clausewitz‘ Nachsatz, dass im Endeffekt auch diese Privatinteressen-Politik nur als „Repräsentant aller Interessen der gesamten Gesellschaft“[28] betrachtet werden könnte, kommt es mir so vor, als wenn dies im Ergebnis überhaupt keine Auswirkungen hat. Aufgrund der zwingend normativen Tätigkeit wird es im Einzelfall auch sehr schwierig zu ergründen sein, ob ein Politiker tatsächlich reinem Privatinteresse folgt oder im Rahmen seiner festen Überzeugung handelt, dem Wohl des Gemeinwesens zu dienen. Schließlich muss eine objektive politische Ansicht stets mit subjektiven Wertvorstellungen verknüpft sein. Andererseits könnte sich Clausewitz auch eine Art politisches Gleichgewicht vorgestellt haben. Dies könnte sich so darstellen, dass das vorrangige Verfolgen von Privatinteressen mittelfristig neue politische Kräfte in Spiel bringt, die den politischen Prozess verändern, so dass auch ihre Interessen repräsentiert werden. In diesem Falle wäre eine ‚schlechte‘ Politik nur kurzfristig möglich und würde mittelfristig Veränderungen in der politischen Struktur des Gemeinwesens hervorrufen oder zur Rebellion führen.

 

Der wesentliche Satz des Ausgangszitats ist daher, dass ganz unabhängig davon, welche Motive und Interessen der Politiker tatsächlich verfolgt, der ganzheitliche politische Wille stets nur als „Repräsentant aller Interessen der gesamten Gesellschaft“[29] betrachtet werden kann, weil es durch die Verknüpfung mit der höchsten moralischen Gewalt auch keinen Richter innerhalb des politischen Gemeinwesens geben kann, dessen Urteil sich über die Politik als Ganzes erheben könnte. Diese Aussage wird insofern nachvollziehbar, als dass die eventuell tatsächlich existierenden Richter als Teil der Politik verstanden werden müssen.

 

Das bis hierher skizzierte Verständnis von Politik wird an einem weiteren Zitat aus dem ersten Buch des ersten Kapitels nochmals geschärft:

 

„Wenn es also, um zur Hauptsache zurückzukehren, auch wahr ist, daß bei der einen Art Krieg [zum Äußeren tendierender Krieg] die Politik ganz zu verschwinden scheint, während sie bei der anderen Art [begrenzter Krieg] sehr bestimmt hervortritt, so kann man doch behaupten, daß die eine so politisch sei wie die andere; denn betrachtet man die Politik wie die Intelligenz des personifizierten Staates, so muß unter allen Konstellationen, die ihr Kalkül aufzufassen hat, doch auch diejenige begriffen sein können, wo die Natur aller Verhältnisse einen Krieg der ersten Art bedingt. Nur insofern man unter Politik nicht eine allgemeine Einsicht, sondern den konventionellen Begriff einer der Gewalt abgewendeten, behutsamen, verschlagenen, auch unredlichen Klugheit versteht, könnte die letzte Art des Krieges ihr mehr angehören als die erstere.“[30]

 

Dieses Zitat zeigt nochmals deutlich, was Clausewitz unter Politik versteht und – viel wichtiger – was er darunter nicht versteht. Er verneint hier deutlich einen ‚konventionellen‘ Politikbegriff, der eine sehr eingeengte, inhaltliche Prägung hat und sich – heute mehr als damals – im allgemeinen Sprachgebrauch mehr widerspiegelt als der Clausewitz’sche Politikbegriff. Dieser konventionelle Politikbegriff geht von einem Verständnis aus, welches Politik mit der legitimen, zivilen, repräsentativen Führung eines modernen Staates assoziiert. Dieser „zivile Politikbegriff“[31] wird Clausewitz insbesondere in Hinblick auf sein berühmtes Zitat, der Krieg sei nichts anderes als die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, immer wieder unterstellt – jedoch findet sich in seinem gesamten Werk an keiner Stelle eine geeignete Passage, die darauf hinweist, dass Clausewitz ein solches Verständnis anwendet. Mehr noch, an der oben zitierten Stelle weist er es definitiv zurück und unterstreicht, dass sein Politikverständnis ein ganz umfassendes ist, welches sich in nahezu allen Ausprägungen entfalten kann. Schließlich wäre auch das Gegenteil, dass Politik stets als pures, der Gewalt zugewandtes Machtstreben zu verstehen sei,[32] eine falsche Annahme. Tatsächlich kann Politik der Gewalt zu- oder abgewandt sein, dass wird im Einzelfall die Politik selbst festlegen. Es gibt für sie keine Grenzen, sie kann radikal oder vorsichtig, brutal oder nachgiebig, spontan oder bedacht sein – all dies lässt sich pauschal nicht bestimmen. Faktisch kann die Politik auch von einem Zivilisten ebenso gut ausgeübt werden wie von einem Uniformierten – in der Tat stellt sich mir beim Lesen moderner politikwissenschaftlicher Literatur oftmals die Frage, wo überhaupt der qualitative Unterschied zwischen diesen beiden Personengruppen liegt, außer in der Wahl der Kleidung. 

 

Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass sich das Politikverständnis von Clausewitz am besten mit einem Vergleich darstellen lässt, den er selbst anführt. Die Politik wird von ihm als „Intelligenz des personifizierten Staates“[33] verstanden und somit ist die Politik für das politische Gemeinwesen genau das, was die Intelligenz für den Menschen ist. Auch diese Intelligenz ist schließlich nichts an sich, sondern ein Sachverwalter, welcher einen Ausgleich zwischen den verschiedenen, sich teils widersprechenden Trieben, Meinungen, Ideen, Fantasien, Überlegungen, Träumen und Vorstellungen finden und im Ergebnis einen Willen formulieren muss, welcher für das Handeln nach außen und somit die Interaktion mit anderen maßgeblich ist. Dabei zu sagen, die menschliche Intelligenz strebe immer nach Gewalt und Macht wäre ebenso falsch wie die Auffassung, sie würde dies nie tun. Tatsächlich kommt es wohl auf die Veranlagungen, die Reflexionen äußerer Erfahrungen und die inneren Dispositionen an, um ein Verhaltensmuster vorherzubestimmen. Sowohl Intelligenz wie auch Politik lassen sich dabei in zwei verschiedene Bereiche teilen: Zum einen das (politische) Denken, welches sich als innerer, reflexiver Entscheidungsprozess darstellt, der in dem (politischen) Willen mündet, zum anderen die Steuerung des (politischen) Handelns, welches eben diesen Willen umsetzen und gegen die Umwelt durchsetzen soll.[34] Genau an dieser Stelle tritt eine Besonderheit beim politischen Gemeinwesen zu Tage, welche im Verständnis vom Clausewitz’schen Politikbegriff für einige Verwirrungen sorgte. Denn im komplexen Gesellschaftsverband sind oftmals unterschiedliche Personen für diese beiden Bereiche zuständig – und dies scheint insbesondere beim Krieg, welcher nichts anderes als eine (äußerst komplexe) politische Handlung ist,[35] der Fall zu sein und für Unstimmigkeiten zu sorgen.

 

 weiter zu II.5.2 Das Verhältnis von Krieg und Politik

 

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Kapitel II.5 - Übersicht

  • II.5.1 Der Begriff des Politischen und die Intelligenz des Gemeinwesens

      Nachdem oben festgestellt wurde, dass Clausewitz das politische Gemeinwesen als einen individuellen Organismus betrachtet, welcher eigenständig denkt, handelt und entscheidet,  muss nunmehr die Frage aufgeworfen werden, auf welchem Wege sich dies manifestiert. Dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass das Gemeinwesen ja nichts an sich ist, sondern nur ein Konglomerat verschiedenster menschlicher Individuen mit unterschiedlichsten sich teils widersprechenden Ansichten, Interessen und Meinungen. Diese Realität – in Abgrenzung zur idealistischen Subjektivierung – erkennt auch Clausewitz unmissverständlich an, wenn er zwischen einer Intelligenz, „von welcher der Krieg ausgeht“[1] und allen „übrigen Intelligenzen im Staate“[2] von welchen durchaus Widerstand gegen die erstere ausgehen kann, unterscheidet.   Read More
  • II.5.2 Das Verhältnis von Krieg und Politik

    Wie bisher gezeigt wurde, wird Politik von Clausewitz als Denk- und Abwägungsprozess verstanden, der in seinem Ergebnis zu einem konkreten Urteil führt, welches für das als Einheit gedachte Ganze eines politischen Gemeinwesens verbindlich ist. Sollte sich der so ermittelte politische Wille auf Inneres richten, so ist er mittels moralischer Gewalt für alle Individuen unverzüglich verbindlich und wird von Clausewitz in keiner Weise näher betrachtet. Dort allerdings, wo der politische Wille auf einen anderen unabhängigen Willen stößt, wo er sich also auf Äußeres richtet und mit anderen politischen Gemeinwesen in Konflikte gerät, kann er sich nicht unmittelbar verwirklichen und trifft unter Umständen auf Widerstände. Zur Erfüllung des politischen Willens bedarf es nun also der Interaktion mit anderen souveränen Gemeinwesen. Somit kann Read More
  • II.5.3 Funktionale Dreifaltigkeit des politischen Gemeinwesens

        Oben wurde festgestellt, dass Clausewitz das politische Gemeinwesen als organische Einheit wahrnimmt. Dies hindert ihn allerdings keineswegs daran, innerhalb des Personenverbandes zwischen unterschiedlichen Funktionen zu differenzieren. So wie es für einen Organismus typisch ist, besteht das politische Gemeinwesen aus verschiedenen Organen, die unterschiedliche Aufgaben wahrnehmen. In der Zusammenfassung des ersten Kapitels des ersten Buches heißt es:   Read More
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