Wie bisher gezeigt wurde, wird Politik von Clausewitz als Denk- und Abwägungsprozess verstanden, der in seinem Ergebnis zu einem konkreten Urteil führt, welches für das als Einheit gedachte Ganze eines politischen Gemeinwesens verbindlich ist. Sollte sich der so ermittelte politische Wille auf Inneres richten, so ist er mittels moralischer Gewalt für alle Individuen unverzüglich verbindlich und wird von Clausewitz in keiner Weise näher betrachtet. Dort allerdings, wo der politische Wille auf einen anderen unabhängigen Willen stößt, wo er sich also auf Äußeres richtet und mit anderen politischen Gemeinwesen in Konflikte gerät, kann er sich nicht unmittelbar verwirklichen und trifft unter Umständen auf Widerstände. Zur Erfüllung des politischen Willens bedarf es nun also der Interaktion mit anderen souveränen Gemeinwesen. Somit kann zwischen dem politischen Denken einerseits und den „politischen Handlungen“[1] bzw. dem „politischen Verkehr“[2] andererseits in Sinne von zwei prinzipiell getrennten Bereichen der Politik unterschieden werden. Der erste Bereich formuliert die politischen Interessen, der zweite Bereich umfasst die Anwendung politischer Instrumente zur Verwirklichung dieser Interessen.

 

Zur Verdeutlichung: Um der von Clausewitz gern angewandten Personifizierung zu folgen, tauschen wir die Begriffe Staat und Mensch sowie Politik und Intelligenz aus und stellen uns zwei Menschen A und B vor, die in einem rechtsfreien Raum aufeinandertreffen. A besitzt einen besonders wertvollen Gegenstand, den B entdeckt. B, der sofort ein Interesse an dem Gegenstand verspürt, aber eigentlich etwas ganz anderes tun wollte, muss nun zunächst abwägen, ob ihm der eventuelle Besitz des Gegenstandes wichtiger ist als seine ursprüngliche Absicht. B trifft den Entschluss, dass er das begehrte Objekt besitzen will. Dieser Entschluss für sich allein genommen ist jedoch offensichtlich nicht ausreichend und er muss mit A in Interaktion treten, um seine Absicht, den Gegenstand zu besitzen, verwirklichen zu können. B tritt nun also in zwischenmenschlichen Verkehr, er wird Beziehungen zu A aufnehmen. Die Interaktion der beiden ist dabei nur ein Instrument, welches für B dem Zweck dient, den Gegenstand in seinen Besitz zu nehmen. 

 

Das übliche Mittel der Politik um den zuvor formulierten Willen zu realisieren ist demnach zunächst die Kommunikation, welche von Clausewitz als das Austauschen von „diplomatischen Noten“[3] und „Schrift und Sprache“[4] bezeichnet wird. Erst durch die „Diplomatie, Verhandlungen, Konventionen“[5] usw. erhalten die Akteure ein Bild voneinander, wissen sich einzuschätzen und können ihre Absichten gegenseitig artikulieren oder aber auch verbergen. Da die Diplomatie keine physische Gewalt anwendet (sonst wäre es Krieg) und aber auch eine moralische Gewalt definitionsgemäß nicht anwenden kann,[6] ist sie nicht in der Lage, das Gegenüber zur Erfüllung des eigenen Willens zu zwingen. Der Diplomatie bleibt also allein die Möglichkeit, den Interessenkonflikt im Konsens, also im gegenseitigen Einvernehmen zu lösen. Die Mittel dazu sind Überzeugung, Überredung oder Handel[7] und dazu bedient sich die Diplomatie „einer der Gewalt abgewendeten, behutsamen, verschlagenen, auch unredlichen Klugheit“[8].

 

Für B gibt es nun also verschiedenste Möglichkeiten des Handelns. Er kann sein Interesse ganz offen bekunden, er kann eine List anwenden und falsche Tatsachen vorspiegeln oder er kann sich zunächst über belangloses unterhalten, um sein Bild von A zu vervollständigen. Mit jeder dieser Interaktionen werden weitere Erkenntnisse über das Gegenüber verfügbar und diese werden zwangsläufig zu einem neuen Überdenken seiner ursprünglichen Absicht und zu einer Überprüfung der angewandten Instrumente führen. Anders ausgedrückt: Erst durch die Interaktion wird dem B immer deutlicher, welche Anstrengungen er unternehmen bzw. welchen Preis er bezahlen muss, um in den Besitz des Gegenstandes zu gelangen. Im Ergebnis stehen drei Möglichkeiten: 1) A und B finden einen Kompromiss und einigen sich auf einen Ausgleich, indem z.B. der B dem A eine Gegenleistung erbringt. 2) B nimmt dem A den Gegenstand mittels Gewalt ab und verletzt damit den Willen des A gewaltsam und 3) B lässt von seinem Willen ab und verliert sein Interesse am Gegenstand.

 

Um dies also zu wiederholen: Die Politik hat zwei theoretisch getrennte Bereiche. Zum einen das politische Denken als Abwägen von verschiedensten Interessen und als Willensbildungsprozess mit dem Ergebnis des politischen Willens, zum anderen das Abwägen, Planen und Steuern von politischen Handlungen sowie deren Durchführung mit der Absicht, den politischen Willen zu verwirklichen. Während diese beiden Bereiche beim menschlichen Individuum von ein und derselben Intelligenz gesteuert werden und also notwendig unmittelbar zusammenhängen, tritt beim politischen Gemeinwesen oftmals eine Besonderheit auf, welche im Verständnis vom Clausewitz’schen Politikbegriff für einige Verwirrungen sorgt. Denn im komplexen Gesellschaftsverband sind oftmals unterschiedliche Akteure für diese verschiedenen Bereiche zuständig und so teilt sich das Ganze in unterschiedliche Sachgebiete, die teils wenig zusammengehörig erscheinen. So finden sich politische Entscheidungsträger, Politiker und Regierende, welche den politischen Willen bestimmen, Diplomaten und Gesandte, welche stellvertretend für diesen Willen sprechen und verhandeln sowie Soldaten und Krieger, welche stellvertretend für die Politik Gewaltanwendung planen und ausüben.

 

Wenn nun das Verhältnis zwischen Krieg und Politik diskutiert werden soll, so muss zwischen a) der funktionalen Begrifflichkeit, b) der inhaltlichen Gestaltung und c) den innergesellschaftlichen Akteuren differenziert werden.

 

Zunächst zu a) der funktionalen Begrifflichkeit. Die Vorstellung, dass Politik stets Diplomatie ist, wird von Clausewitz vorausgesetzt und nicht thematisiert. Darüber hinaus begrenzt er den Begriff nicht nur auf das Feld der Diplomatie, sondern fasst ihn wesentlich weiter, indem er die Politik als die der Diplomatie übergeordnete Intelligenz definiert.[9] Die Diplomatie als politisches Handeln scheint für ihn also das gängige und naheliegende Instrument des politischen Willens zu sein, welches von den Politikern selbst üblicherweise beherrscht, d.h. angewandt wird. Weniger selbstverständlich erachtet er allerdings den Zusammenhang zwischen Politik und Krieg. Dies wohl umso mehr, da er selbst – und damit ist er bis heute nicht allein – in seinen früheren Jahren die Auffassung vertrat, der Krieg sei etwas eigenständiges, was zwar von der Politik ausgelöst wird, danach aber allein seinen eigenen Gesetzen und seiner eigenen Ordnung folgt. So stellt der junge Clausewitz 1804 noch sehr explizit fest, dass ganz unabhängig von dem politischen Willen, welcher den Krieg auslöst, der Krieg immer nur darauf ausgerichtet sein müsse, die gegnerischen Streitkräfte zu vernichten bzw. kampfunfähig zu machen. Jede Abweichung von diesem Prinzip, also auch jede beschränkende Einmischung der Politik, sei demnach nichts anderes als eine Schwäche des Willens und falsch.[10]

 

Der spätere Clausewitz hat seine Theorie über das Verhältnis zwischen Krieg und Politik jedoch neu justiert und schreibt:

 

„Man weiß freilich, daß der Krieg nur durch den politischen Verkehr der Regierenden und der Völker hervorgerufen wird; aber gewöhnlich denkt man sich die Sache so, daß mit ihm jener Verkehr aufhöre und ein ganz anderer Zustand eintrete, welcher nur seinen eigenen Gesetzen unterworfen sei.

 

Wir behaupten dagegen, der Krieg ist nichts als eine Fortsetzung des politischen Verkehrs mit Einmischung anderer Mittel. Wir sagen mit Einmischung anderer Mittel, um damit zugleich zu behaupten, daß dieser politische Verkehr durch den Krieg selbst nicht aufhört, nicht in etwas ganz anderes verwandelt wird, sondern daß er in seinem Wesen fortbesteht, wie auch seine Mittel gestaltet sein mögen, deren er sich bedient, und das die Hauptlinien, an welchen die kriegerischen Ereignisse fortlaufen und gebunden sind, nur seine Lineamente sind, die sich zwischen dem Krieg durch bis zum Frieden fortziehen. Und wie wäre es anders denkbar? Hören denn mit den politischen Noten je die politischen Verhältnisse verschiedener Völker und Regierungen auf? Ist nicht der Krieg bloß eine Art von Schrift und Sprache ihres Denkens? Er hat freilich seine eigene Grammatik, aber nicht seine eigene Logik.

 

Hiernach kann der Krieg niemals von dem politischen Verkehr getrennt werden, und wenn dies in der Betrachtung irgendwo geschieht, werden gewissermaßen alle Fäden des Verhältnisses zerrissen, und es entsteht ein sinn- und zweckloses Ding. [...]“[11]

 

Krieg ist also genau wie die Diplomatie ein Mittel der Politik, ein politischer Verkehr, der dem Zweck der Verwirklichung des politischen Willens dient. In der Formulierung „Fortsetzung des politischen Verkehrs unter Beimischung anderer Mittel“[12] sehen einige Interpreten[13] ein gewisses Spannungsfeld zwischen der Politik und dem Krieg. ‚Beimischung anderer Mittel‘ bedeute demnach, dass Krieg schließlich etwas anderes sei als Politik und somit ein eigentlich politikfremdes Mittel bleibe. Kleemeier bringt dies auf den Punkt und schreibt:

 

„Die Politik, die sich auf den Krieg einläßt, befindet sich also [...] in einer ähnlichen Position wie jemand, der gezwungen ist, seine Gedanken in einer Sprache darzulegen, die nicht seine Muttersprache ist.“[14]

 

Diese gesamte Ansicht geht aber von der falschen Prämisse aus, dass der Begriff Politik sich auf die instrumentelle Anwendung der Diplomatie beschränke und daher der kriegerische Akt etwas anderes sei als Politik, dieser der Politik an sich also fremd sei und einer „Eigengesetzlichkeit“[15] unterliege.

 

Tatsächlich muss zur Lösung dieser Problematik wieder die funktionale Unterscheidung zwischen politischem Handeln und politischem Willen hinzugezogen werden. Die Diplomatie ist eine Form des politischen Handelns (und als solche Teil der Politik), welche dem politischen Willen dient. Auch sie hat eine eigene Grammatik und folgt einer gewissen Eigengesetzlichkeit, die sich z.B. durch die Verwendung von Schrift, Sprache und kultureller Regeln usw. ergibt. Der politische Wille bedient sich also regelmäßig, wenn nicht gar permanent der Diplomatie, aber er kann ungeachtet dessen auch andere Handlungsformen, insbesondere die Anwendung von Gewalt, ausüben. Der Krieg ist somit nicht mehr und nicht weniger als die Diplomatie ein Instrument des politischen Willens, außer dass er weniger regelmäßig zum Einsatz kommt. Hat die Politik bisher also nur die Diplomatie bestimmt, um ihren Willen nach außen zu vertreten, und setzt sie dazu nun Gewalt ein, dann hört der politische Verkehr nicht auf, sondern er wird fortgesetzt, aber eben unter Beimischung anderer, zuvor nicht eingesetzter Mittel. Dass das Verhältnis der beiden Akteure sich durch die Beimischung der Gewalt ändert, bedarf dabei keiner weiteren Erklärung. Clausewitz schreibt daher:

 

„Mit einem Wort, die Kriegskunst auf ihrem höchsten Standpunkte wird zur Politik, aber freilich eine Politik, die statt Noten zu schreiben, Schlachten liefert.“[16]

 

Somit kann gesagt werden, dass Schrift und Sprache erst dadurch zur Diplomatie werden und dass die Gewalt erst dadurch zum Krieg wird, dass sie von der Politik instrumentell eingesetzt werden, um den politischen Willen zu verwirklichen. Krieg und Diplomatie sind somit per Definition politische Instrumente und politische Handlungen. Sie entspringen und werden geleitet von ein und derselben Intelligenz, von dem politischen Willen. Von der funktionalen Begrifflichkeit her ist der Krieg ebenso wie die Diplomatie eine politische Handlung und somit ein Teil der Politik. Er dient dem politischen Willen und ist somit den politischen Interessen untergeordnet. In diesem Sinne ist der Krieg nicht politikfremd sondern im Gegenteil, man kann es wohl so sagen, das ureigenste Mittel der Politik. Die Wendung, dass der Krieg nichts anderes sei als „eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“[17] ist also kein Postulat, sondern eine universale Feststellung, die Ausgangspunkt und nicht Endpunkt der Clausewitz‘schen Kriegstheorie ist.

 

Für b) die inhaltliche Gestaltung von Krieg und Politik folgt daraus, dass der Krieg durch den politischen Standpunkt bestimmt werden soll.[18] Aber auch dies hat wiederum nichts mit der Unterordnung des militärischen Standpunktes unter eine zivile, pazifistische oder allein ethische Sichtweise zu tun. Vielmehr bezweifelt Clausewitz generell, dass es so etwas wie einen „rein militärischen“[19] Standpunkt gäbe, von welchem aus ein Kriegsplan entworfen werden könnte.[20] Ein militärischer Standpunkt kann schließlich nur ein solcher sein, der über umfassende Kenntnisse in Hinblick auf die Wirkmechanismen der instrumentellen Gewalt, die Streitkräfte, ihre Waffenwirkung und ihre Fähigkeiten verfügt und auch den Gegner in dieser Hinsicht einzuschätzen weiß. Dieser Standpunkt allein könnte dem Krieg allerdings keine andere Richtung geben als das Primat des Sieges um seiner selbst willen. In einem solchen Falle wäre der Krieg ein „sinn- und zweckloses Ding“[21], er würde also unter Umständen dem übergeordneten politischen Willen, der ihn als Instrument ins Leben gerufen hat, nicht mehr entsprechen. Der Krieg muss somit inhaltlich durch die Vorstellungen der Politik geleitet werden. ‚Gute‘ Politik ist bei Clausewitz allerdings so definiert, dass sie alle denkbaren Einsichten in sich vereinigt und gegeneinander abwägt,[22] d.h. sie hat den militärischen Standpunkt in ihrem Denkprozess integriert und berücksichtigt diesen bei ihrer Willensbildung. Der politische Standpunkt ist schon allein daher der zu bevorzugende, weil er folglich der weitblickendere und umfassendere ist, sofern die Politik die richtige Richtung hat, d.h. sofern sie das Mittel kennt, welches sie einzusetzen gedenkt.[23] So schreibt Clausewitz:

 

„[...] so wird uns vollkommen gewiß und klar, daß der oberste Standpunkt für die Leitung des Krieges, von dem die Hauptlinien ausgehen, kein anderer als der der Politik sein kann. [...] Von diesem Standpunkte aus ist ein Streit zwischen den politischen und kriegerischen Interessen wenigstens nicht mehr in der Natur der Sache und also da, wo er eintritt, nur als eine Unvollkommenheit der Einsicht zu betrachten. Daß die Politik an den Krieg Forderungen macht, die er nicht leisten kann, wäre gegen die Voraussetzung, daß sie das Instrument kenne, welches sie gebrauchen will, also gegen eine natürliche, ganz unerläßliche Voraussetzung. Beurteilt sie aber den Verlauf der kriegerischen Ereignisse richtig, so ist es ganz ihre Sache und kann nur die ihrige sein, zu bestimmen, welche Ereignisse und welche Richtung der Begebenheiten dem Ziele des Krieges entsprechen.“[24]

 

„Nur dann, wenn die Politik sich von gewissen kriegerischen Mitteln und Maßregeln eine falsche, ihrer Natur nicht entsprechende Wirkung verspricht, kann sie mit ihren Bestimmungen einen schädlichen Einfluß auf den Krieg haben. Wie jemand in einer Sprache, der er nicht ganz gewachsen ist, mit einem richtigen Gedanken zuweilen Unrichtiges sagt, so wird die Politik dann oft Dinge anordnen, die ihrer eigenen Absicht nicht entsprechen.“[25]

 

Insgesamt ist die inhaltliche Komponente des Verhältnisses der Politik zu ihren Mitteln also eine Soll-Bestimmung von Clausewitz. Die Politik soll alle verfügbaren Einsichten in sich vereinen und gegeneinander abwägen; dies schließt den militärischen Standpunkt und die kriegerischen Überlegungen integrativ mit ein. D.h., und dies ist eine hoch aktuelle Feststellung, dass eine Politik, welche sich des kriegerischen Mittels bedient ohne sich darin auszukennen oder dies gar sich selbst widersprechenderweise ablehnt, eine schlechte und somit falsche Politik ist. Dies darf jedoch nicht als übersteigerter Militarismus interpretiert werden, denn gleichermaßen lehnt Clausewitz eine Regierung ab, in welcher das militärische Wissen die Haupteigenschaft bildet.[26] Eine Politik, die zwingend konsenssuchend und mäßigend auf den Krieg einwirkt, ist für Clausewitz somit ebenso falsch wie eine Politik, welche ohne Grund einen übertrieben, militaristischen Standpunkt einnimmt und reflexartig sowie leichtfertig bereit ist, für einen militärischen Sieg alles andere zu opfern. Schließlich kann allerdings auch eine inhaltlich sehr militärisch, wie auch eine sehr antimilitaristisch geprägte Politik als ‚gut‘ bezeichnet werden, sofern ihr Standpunkt auf einer vernünftigen Abwägung bei umfassenden Kenntnissen beruht und nicht auf einer instinktiven Überlegung bei fehlenden Einsichten. Dabei muss jedoch auch eine ‚falsche‘ Politik letztlich als reale Politik verstanden werden und sie wird inhaltlich, sofern sie sich des Instrumentes Krieg bedient, die Richtung und die Planung des Krieges bestimmen.[27]

 

Wenn dies so ist, dann folgt hieraus unweigerlich, dass auch die Soldaten, zumindest solche in führender Position, auf keinen Fall rein militärisch denken sollten, sondern dass sie vor allem politisch gebildet sein müssen. Dies ist gleichsam eine Überleitung zu c) den innergesellschaftlichen Akteuren.

 

Dass sowohl die Diplomaten wie auch die Soldaten den Regierenden, welche den politischen Willen bestimmen, untergeordnet sind, lässt sich allein aus dem oben Gesagten ableiten und ist absolut logisch. So wird der politische Wille, welcher ein konkretes Interesse definiert, auch gleichsam die Instrumente bestimmen, mit welchen der Zweck erfüllt werden soll. Die Durchführenden der politischen Handlungen, seien es Diplomaten oder Soldaten, müssen dabei wie jedes andere Mitglied des Gemeinwesens definitionsgemäß der moralischen Gewalt unterliegen, welche von der Politik ausgeht. Dabei kann, und dies muss unterstrichen werden, über den Personenkreis, welcher innerhalb des Gemeinwesens den politischen Willen bestimmt, kaum etwas ausgesagt werden. Das soll heißen, dass der politische Wille je nach innerer Verfassung des Gemeinwesens auch und ebenso gut von Militärs oder Diplomaten ausgehen kann. Der Personenkreis, welcher den politischen Willen festlegt, kann niemals universal konkret bestimmt werden, da die politische Verfassung eines Gemeinwesens doch als einzigartig und nicht universell definierbar betrachtet werden muss.

 

Problematisch bleibt dabei allerdings die Schnittstelle zwischen politischer und militärischer Führung, denn während in der modellartigen Vorstellung alles von einer Intelligenz ausgeht, ist in der komplexen Realität eines politischen Gemeinwesens Arbeitsteilung die Regel. Während also die Regierenden einen Gesamtwillen mehr oder weniger detailliert festlegen, muss dieser durch die militärische Führung im Krieg planerisch und organisatorisch umgesetzt werden. In der Erstellung des Kriegsplans entsteht dabei ein immenser Entscheidungsspielraum, welcher weiterer Überlegungen, Abwägungen, Festlegungen und normativer Entschlüsse bedarf. Dabei ist es zwangsläufig so, dass der Feldherr als personifizierte militärische Führung Entscheidungen treffen muss, die höchst politischer Natur sind, da sie die letztendliche Gestalt der politischen Handlung Krieg maßgeblich bestimmen. Da der Feldherr diesen Freiraum faktisch besitzt, so muss er entweder selbst als Teil der denkenden und gestaltenden politischen Führung begriffen werden oder er wird als reiner Gehilfe verstanden, dessen Auftrag sich darin vollkommen erfüllt, die Absichten der Politik möglichst bis ins Kleinste in ihrem Sinne zu verwirklichen. Letzteres Verständnis war für Clausewitz eher abwegig, da er der Rolle des Feldherrn für den Verlauf des Krieges eine maßgebliche Bedeutung zumaß.[28] So sollte nach seiner Auffassung der Feldherr, sofern er nicht von je her schon ein Staatsmann oder gar der Fürst ist, am politischen Entscheidungsprozess teilhaben.[29]  Dies kann jedoch nur als Postulat verstanden werden und tatsächlich ist es sowohl möglich, dass der Feldherr im Sinne eines Fürsten der alleinige politische Entscheidungsträger ist, als auch dass er nur einen bloßen Gehilfen der politischen Entscheidungsträger darstellt, der sich jedwede Entscheidung von höheren politischen Entscheidungsträgern absegnen lassen muss. Zwischen diesen beiden Extrempolen bewegt sich der reale Feldherr und genau dies bildet einen Teil seiner Machtvollkommenheit, die wir später noch näher betrachten werden.[30]

 

Diesen Abschnitt abschließend lässt sich somit zusammenfassen, dass der Krieg immer ein Mittel der Politik ist, um einen politischen Willen gegenüber anderen politischen Gemeinwesen durchzusetzen. Die Politik, dies liegt in der Natur der Sache, soll dieses Mittel kennen, damit sie es zieleffizient einsetzen kann und auch weiß, wann sie davon absehen sollte. Dass die Politik dabei inhaltlich in den Krieg eingreift und ihre eigenen Vorstellungen davon durchsetzt, liegt ebenfalls in der Natur der Sache. Es ergibt sich hieraus aber, dass auch die führenden Soldaten nicht rein militärisch denken dürfen, sondern den politischen Zweck und die politischen Verhältnisse bei ihren Planungen und Handlungen berücksichtigen sollen.

 

Also noch einmal: der Krieg ist ein Instrument der Politik; er muß notwendig ihren Charakter tragen, er muß mit ihrem Maße messen; die Führung des Krieges in seinen Hauptumrissen ist daher die Politik selbst, welche die Feder mit dem Degen vertauscht, aber darum nicht aufgehört hat, nach ihren eigenen Gesetzen zu denken.“[31]

Aber dieses ganze Konstrukt verliert im Übrigen auch in solchen Szenaren nicht an Wirksamkeit, in welchen ein Feldherr, welcher ursprünglich nichts mit dem politischen Entscheidungsprozess zu tun hat, aufgrund verschiedener Kriegsereignisse mächtiger wird als die ursprüngliche politische Führung. Man würde von einem ganz anderen Verständnis ausgehen, würde man hier sagen, dass das Militärische in diesem Falle über das Politische gebieten würde. Denn tatsächlich handelt es sich in einem solchen Fall um eine innere Machtverschiebung und wenn die Gesamtautorität beim Feldherrn läge so müsste richtigerweise gesagt werden, dass er die personifizierte Politik ist und sein Wille der politische Wille ist. Auch in Fällen also, in denen ein politisches Gemeinwesen zu militärisch handelt und zu sehr nur noch den Sieg und nichtmehr den ursprünglichen Zweck verfolgt, da ist es keineswegs der Krieg, der über die Politik gebietet, sondern es ist die Politik, die sich zu sehr auf den Krieg konzentriert. Die Oberhoheit des Politischen ist aufgrund ihrer maßgeblich funktionalen Definition stets gegeben.

weiter zu II.5.3 Funktionale Dreifaltigkeit des politischen Gemeinwesens

0
0
0
s2sdefault

Kapitel II.5 - Übersicht

  • II.5.1 Der Begriff des Politischen und die Intelligenz des Gemeinwesens

      Nachdem oben festgestellt wurde, dass Clausewitz das politische Gemeinwesen als einen individuellen Organismus betrachtet, welcher eigenständig denkt, handelt und entscheidet,  muss nunmehr die Frage aufgeworfen werden, auf welchem Wege sich dies manifestiert. Dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass das Gemeinwesen ja nichts an sich ist, sondern nur ein Konglomerat verschiedenster menschlicher Individuen mit unterschiedlichsten sich teils widersprechenden Ansichten, Interessen und Meinungen. Diese Realität – in Abgrenzung zur idealistischen Subjektivierung – erkennt auch Clausewitz unmissverständlich an, wenn er zwischen einer Intelligenz, „von welcher der Krieg ausgeht“[1] und allen „übrigen Intelligenzen im Staate“[2] von welchen durchaus Widerstand gegen die erstere ausgehen kann, unterscheidet.   Read More
  • II.5.2 Das Verhältnis von Krieg und Politik

    Wie bisher gezeigt wurde, wird Politik von Clausewitz als Denk- und Abwägungsprozess verstanden, der in seinem Ergebnis zu einem konkreten Urteil führt, welches für das als Einheit gedachte Ganze eines politischen Gemeinwesens verbindlich ist. Sollte sich der so ermittelte politische Wille auf Inneres richten, so ist er mittels moralischer Gewalt für alle Individuen unverzüglich verbindlich und wird von Clausewitz in keiner Weise näher betrachtet. Dort allerdings, wo der politische Wille auf einen anderen unabhängigen Willen stößt, wo er sich also auf Äußeres richtet und mit anderen politischen Gemeinwesen in Konflikte gerät, kann er sich nicht unmittelbar verwirklichen und trifft unter Umständen auf Widerstände. Zur Erfüllung des politischen Willens bedarf es nun also der Interaktion mit anderen souveränen Gemeinwesen. Somit kann Read More
  • II.5.3 Funktionale Dreifaltigkeit des politischen Gemeinwesens

        Oben wurde festgestellt, dass Clausewitz das politische Gemeinwesen als organische Einheit wahrnimmt. Dies hindert ihn allerdings keineswegs daran, innerhalb des Personenverbandes zwischen unterschiedlichen Funktionen zu differenzieren. So wie es für einen Organismus typisch ist, besteht das politische Gemeinwesen aus verschiedenen Organen, die unterschiedliche Aufgaben wahrnehmen. In der Zusammenfassung des ersten Kapitels des ersten Buches heißt es:   Read More
  • 1