Nach der intensiven Betrachtung des isolierten politischen Gemeinwesens muss nun der Blick über diese Ebene hinaus führen und zu einer Betrachtung des internationalen Systems gelangen. Viele Folgerungen ergeben sich dabei unmittelbar aus dem bereits oben Gesagten, aber es soll an dieser Stelle nochmals aufgegriffen und vertieft werden.

 

Die erste, sich schon aus der Definition des politischen Gemeinwesens ergebende Regel für das internationale System ist die, dass es keine moralische Gewalt oberhalb des politischen Akteurs gibt, d.h. es herrscht kein verbindliches Recht, welches sich auf etwas anderes als Gewalt berufen könnte. Es kann sich derweil zwar in gewissem Rahmen eine Übereinstimmung der inneren Überzeugungen der verschiedenen Gemeinwesen entwickeln, welche den Anschein eines Völkerrechts erweckt, doch dies ist tatsächlich keine Unterwerfung unter ein übergeordnetes Recht, sondern es handelt sich hierbei um eine Eigenbeschränkung bzw. um eine Selbstgesetzgebung und folglich spricht Clausewitz vom Völkerrecht ausschließlich als „[Beschränkungen] unter dem Namen völkerrechtlicher Sitte“[1] und schreibt ferner:

 

„Wenn das blutige Schlachten ein schreckliches Schauspiel ist, so soll das nur eine Veranlassung sein, die Kriege mehr zu würdigen, aber nicht die Schwerter, die man führt, nach und nach aus Menschlichkeit stumpfer zu machen, bis einmal wieder einer dazwischen kommt mit einem scharfen, der uns die Arme beim Leibe weghaut.“[2]

 

In Hinblick auf die internationalen Beziehungen ist Clausewitz daher auf den ersten Blick der Denkschule der Realisten zuzuordnen.[3] Das politische Gemeinwesen ist der unabhängige Souverän und die gesamte Welt gliedert sich in verschiedene, einzigartige politische Gemeinwesen, welche in einem prinzipiell rechtslosen Raum miteinander koexistieren bzw. konkurrieren.[4] Die Abwesenheit bzw. die Unverbindlichkeit eines Völkerrechts wird in der Sekundärliteratur dabei oftmals mit einem Zustand der Anarchie bzw. dem Naturzustand gleichgesetzt, in welchem jeder jedem ausgeliefert ist und – hier wird gedanklich auf Hobbes zurückgegriffen – jeder, auch der Gutmütige, systematisch dazu gezwungen ist, seine eigene Macht auszubauen, um nicht selbst Opfer eines anderen zu werden. Diesem Gedanken folgend schreibt Kondylis:

 

„Und in der Außenpolitik, die in seinen [Clausewitz‘] Augen die große Politik par excellence bildet, herrscht wiederum weiterhin und ewig der ‚rohe Zustand‘, der Naturzustand und das Gesetz der Macht, wie man spätestens seit Hobbes in Europa wußte [...] [So] beruht der Primat der Außenpolitik auf der Überzeugung, daß ungeachtet der inneren Verfassung der Staaten, unabhängig von Unterschieden oder Ähnlichkeiten in dieser Hinsicht, die Gesetze der Koexistenz oder der Konkurrenz zwischen den Staaten ihre eigene Logik haben, der jeder Versuch unterliegen muß, zwischenstaatliche Beziehungen aufgrund von weltanschaulichen Sympathien oder Prinzipien zu gestalten. Gegen die notgedrungen universalistische Tendenz solcher Prinzipien, die ihre Verfechter über die Staatsgrenzen hinaus miteinander verbindet, wird der Staat aus der Sicht des Primats der Außenpolitik als eigenständige Größe, als Selbstzweck oder als höchster Wert betrachtet, dessen erfolgreiche Behauptung im ewig währenden Kampf der Staaten gegeneinander absolute Priorität besitzt.“[5]

 

Aber diese Sichtweise greift ein wenig zu weit und zieht Folgerungen, welche sich weit von dem von Clausewitz dargestellten internationalen System entfernen. Aus der Feststellung, dass es kein übergeordnetes Recht gibt, folgt keineswegs, dass es überhaupt keine existierende Ordnung gibt und schon gar nicht ist daraus die Gesetzmäßigkeit abzuleiten, dass jeder jeden fürchten müsse oder gar dass aus der gegebenen rechtslosen Systematik heraus ein Automatismus entsteht, der jeden dazu zwingt die mehr oder weniger gleichen Machtinteressen zu verfolgen, namentlich seine eigene Macht zu maximieren.

 

Ein ganz anderer Tenor ergibt sich aus der Betrachtung, mit welcher Clausewitz die wohlgemerkt auf die damalige Situation in Europa bezogenen Internationalen Beziehungen analysiert. Dort heißt es:

 

„Wenn wir nämlich die Staatenrepublik des heutigen Europa im Auge haben, so finden wir, um nicht von einem systematisch geregelten Gleichgewicht der Macht und der Interessen zu reden, wie es nicht vorhanden und darum oft und mit Recht bestritten worden ist, doch unstreitig, daß sich die großen und kleinen Staats- und Volksinteressen auf die mannigfaltigste und veränderlichste Weise durchkreuzen. Jeder solche Kreuzpunkt bildet einen befestigenden Knoten, denn in ihm ist die Richtung des einen der Richtung des anderen das Gegengewicht; durch alle diese Knoten also wird offenbar ein mehr oder weniger großer Zusammenhang des Ganzen gebildet, und dieser Zusammenhang muß bei jeder Veränderung teilweise überwunden werden. Auf diese Weise dienen die Gesamtverhältnisse aller Staaten zueinander mehr das Ganze in seiner Gestalt zu erhalten, als Veränderungen darin hervorzubringen, d. h. es ist im allgemeinen jene Tendenz vorhanden.

 

So, glauben wir, muß man den Gedanken eines politischen Gleichgewichts auffassen, und in diesem Sinn wird dasselbe überall von selbst entstehen, wo mehrere kultivierte Staaten in vielseitige Berührung treten.

 

Wie wirksam diese Tendenz der Gesamtinteressen zur Erhaltung des bestehenden Zustandes sei, ist eine andere Frage; es lassen sich allerdings Veränderungen in dem Verhältnis einzelner Staaten untereinander denken, die diese Wirksamkeit des Ganzen erleichtern, und andere, die sie erschweren. In dem ersten Fall sind es Bestrebungen, das politische Gleichgewicht auszubilden, und da sie dieselbe Tendenz haben wie die Gesamtinteressen, so werden sie auch die Majorität dieser Interessen für sich haben. In dem anderen Fall aber sind es Ausweichungen, überwiegende Tätigkeit einzelner Teile, wahre Krankheiten; daß diese in einem so schwach verbundenen Ganzen, wie die Menge großer und kleiner Staaten ist, vorkommen, ist nicht zu verwundern, kommen sie doch in dem so wundervoll geordneten organischen Ganzen aller lebendigen Natur vor.

 

Wenn man uns also auf die Fälle in der Geschichte hinweist, wo einzelne Staaten bedeutende Veränderungen bloß zu ihrem Vorteil haben bewirken können, ohne daß das Ganze auch nur einen Versuch gemacht hätte, dies zu verhindern, oder gar auf die Fälle, wo ein einzelner Staat imstande gewesen ist, sich so über die anderen zu erheben, daß er fast der unumschränkte Gebieter des Ganzen wurde, ̶ so antworten wir: damit sei keineswegs erwiesen, daß die Tendenz der Gesamtinteressen zur Erhaltung des Zustandes nicht vorhanden, sondern nur, daß ihre Wirksamkeit in dem Augenblick nicht groß genug gewesen sei; das Streben zu einem Ziel ist etwas anderes als die Bewegung dahin, aber darum keineswegs etwas Nichtiges, wie wir das am besten aus der Dynamik des Himmels ersehen.

 

Wir sagen: die Tendenz des Gleichgewichts ist die Erhaltung des vorhandenen Zustandes, wobei wir allerdings voraussetzen, daß in diesem Zustande Ruhe, d. i. Gleichgewicht, vorhanden war; denn wo diese schon gestört ist, eine Spannung schon eingetreten ist, da kann die Tendenz des Gleichgewichts allerdings auch auf eine Veränderung gerichtet sein. Diese Veränderung kann aber, wenn wir auf die Natur der Sache sehen, immer nur einzelne wenige, also niemals die Majorität der Staaten treffen, und so ist es denn gewiß, daß diese ihre Erhaltung immer durch die Gesamtinteressen aller vertreten und versichert sehen, also auch gewiß, daß jeder einzelne Staat, der nicht in dem Fall ist, sich gegen das Ganze schon in einer Spannung zu befinden, bei seiner Verteidigung mehr Interessen für als gegen sich haben wird.“[6]

 

Anders als Hobbes sieht Clausewitz also die eigentlichen, inneren Dispositionen der politischen Gemeinwesen keineswegs als gleichgültig an, er negiert sogar ausdrücklich, dass aus der gegebenen rechtslosen Systematik heraus ein Automatismus entsteht, der jeden Akteur dazu zwingt die mehr oder weniger gleichen Machtinteressen zu verfolgen, namentlich seine individuelle Macht zu vergrößern. Im Gegenteil stellt Clausewitz sogar ein System der gegenseitigen Begrenzung dar, in welchem die Mehrheit der Akteure grundsätzlich ein Interesse an der Beibehaltung der augenblicklichen Verhältnisse haben muss. Im Hintergrund schwebt dabei zwar zunächst ein durchaus vorhandenes Machtkalkül, doch dies ist nicht Selbstzweck, sondern lediglich ein Mittel, um den eigenen politischen Willen zu verwirklichen.

 

Um die Theorie des Gleichgewichts in den internationalen Beziehungen nachzuvollziehen, muss die Unterscheidung zwischen positiven und negativen politischen Absichten berücksichtigt werden. Bisher wurde lediglich gesagt, dass die Politik die Interessen und Absichten des politischen Gemeinwesens gegenüber anderen vertritt. Der Verwirklichung der eigenen Interessen und Absichten sollte demnach Interessen und Absichten anderer politischer Gemeinwesen entgegenstehen und insofern war der daraus resultierende Interessenkonflikt Gegenstand des politischen Handelns. In einem weiteren Abstraktionsschritt unterteilt Clausewitz diese Interessen jedoch in positive und negative Absichten. Hintergrund ist dabei die Erkenntnis, dass diese Absichten nicht gleicher Art sind, sondern sich auf andere Zustände beziehen. Die positive Absicht zielt dabei auf eine Änderung der bestehenden Verhältnisse ab, sie verfolgt somit einen Zweck, der die Position eines Akteurs verglichen mit dem gegenwärtigen Zustand verbessern soll. Die negative Absicht hingegen versucht den bestehenden Zustand zu bewahren, d.h. die Verwirklichung des verfolgten Zwecks eines Anderen zu verhindern.[7]

 

Wenn also ein politisches Gemeinwesen Rot einem politischem Gemeinwesen Blau ein bestimmtes Gebiet wegnehmen will, so sind die vorausgehenden Bedürfnisse und das bestehende Interesse zwar gleicher Art, denn beide Parteien wollen dasselbe, nämlich den Besitz des Gebietes, aber die Absichten manifestieren sich unterschiedlich. So will Rot dem Blau etwas wegnehmen, also den bestehenden Zustand für sich positiv verändern, wohingegen Blau den Rot lediglich an der Verwirklichung seiner Absicht hindern und den bestehenden Zustand somit beibehalten will. Ein und dasselbe Interesse führt also zu unterschiedlichen Absichten, da die vorhergehenden Voraussetzungen unterschiedlich sind. Die Verwirklichung der positiven Absicht beinhaltet also einen Zugewinn und eine Veränderung der bestehenden Zustände, wohingegen die Verwirklichung einer negativen Absicht lediglich den Erhalt des Status quo und die Abwendung eines Übels bezweckt.

 

Die Auswirkungen dieser Unterteilung auf den Krieg soll an anderer Stelle näher untersucht werden, hier kommt es auf die daraus resultierenden Implikationen für das internationale System an. Es sei aber vorweg genommen, dass zwar „die Verteidigung die stärkere Form mit dem negativen Zweck [und] der Angriff die schwächere Form mit positivem Zweck“[8] ist, doch ist dies keineswegs eins zu eins auf die Ebene der Internationalen Beziehungen übertragbar, denn freilich kann auch ein Akteur mit negativer politischer Absicht einen Angriffskrieg führen[9] und allein schon hieraus folgt, dass ein Akteur mit positiver Absicht sich verteidigen muss. Näheres aber an anderer Stelle.[10]

 

Im Zweiermodell hat die Einführung der Unterscheidung zwischen positiver und negativer Absicht zunächst keine erkennbaren Auswirkungen. Nun besteht die Welt allerdings nicht aus zwei, sondern aus vielen politischen Gemeinwesen. Dem kleinen Modell seien also die drei politischen Gemeinwesen Rosa, Türkis und Grau beigefügt, wobei Rosa einen Sympathisanten des Rot, Türkis einen Freund des Blau und Grau einen absolut neutralen Vertreter abbilden. Mit anderen Worten hat Rosa mehr Interessenkonflikte mit Blau als mit Rot, Türkis mehr Interessenkonflikte mir Rot als mit Blau und Grau gleich viele Interessenkonflikte mit beiden Hauptakteuren. Es darf davon ausgegangen werden, dass alle drei Länder grundsätzlich eine negative Absicht vertreten und also die bestehende Situation keinesfalls zu ihren Ungunsten verändert wissen wollen, weil dies doch offensichtlich ein ganz natürliches Bestreben sein muss. Rosa muss zunächst in Bezug auf seine negativen Absichten nichts befürchten, denn sein Status kann sich durch den Erfolg des Rot nur verbessern, wobei es durch den Erfolg des Blau zunächst nicht verschlechtert wird. Das natürliche Verhalten von Rosa, sofern es keine anderen positiven Absichten einbringt, ist somit, sich neutral zu verhalten. Türkis hingegen muss bei einem Erfolg des Rot eine negative Veränderung des bestehenden Gesamtsystems befürchten, da das Land Blau, welchem Türkis vertraut und von welchem es sich Unterstützung in Notsituationen erhofft, schwächer wird und Rot, welchem Türkis misstraut und welches es fürchtet, im Falle des Erfolges eine bessere Stellung erlangt und also die Interessen des Türkis zukünftig mehr gefährdet als zuvor. Türkis hat also gegen Rot ebenfalls eine negative Absicht, wenn freilich auch eine weniger starke als Blau, da letzteres unmittelbarer betroffen ist. Schließlich bleibt das Land Grau, welches ursprünglich neutral ist und gleichgroße Interessenkonflikte mit beiden Akteuren hat. Dies könnte sich vielleicht eine Schwächung von Blau erhoffen, in keinem Fall wird es allerdings die damit einhergehende Stärkung des Rot wünschen, da dies wiederum eine Gefährdung der eigenen Interessen bedeuten würde. Insofern hat Grau das Motiv zu einer negativen Absicht gegen Rot, wobei es schwer sein wird zu bestimmen, ob diese Absicht stark genug ist, um zu wirklichen Handlung zu führen. Was die negativen Absichten betrifft, so finden sich für Blau also Bündnispartner, welche die gleichen Absichten verfolgen und folglich mit ihm gemeinsam versuchen werden, die negative Absicht gegen Rot zu verwirklichen.

 

Nun könnte entgegengehalten werden, dass bei Rosa und Grau ebenfalls positive Absichten gegen Blau überwiegen und also das Verhältnis umgekehrt sein könnte. Während sich die negativen Absichten allerdings in dem Ziel, die Verwirklichung der Absicht des Rot zu verhindern natürlicherweise vereinen, ist dies bei der positiven Absicht kaum möglich: Die positive Absicht des Rot war es, eine Region von Blau zu annektieren und dies würde seinen Gewinn darstellen. Dieser Gewinn bezieht sich allerdings auf Rot und nicht etwa auf Rosa. Rosa hätte also zunächst kaum einen Nutzen. Der einzige Nutzen für Rosa, welcher sich hier denken ließe, wäre eine allgemeine Schwächung des Kontrahenten Blau, doch dies kann sich nur auf ganz andere Konflikte beziehen und hieraus lässt sich kein Einsatz für eine Landnahme Rots ableiten, sondern nur für eine spätere, andersartige Aggression gegen Blau. Tatsächlich wird also Rosa kaum und Grau noch weniger einen selbstlosen Einsatz für die Absichten des Rot erbringen, es sei denn, Rot würde zusagen, den durch die Veränderung erzielten Gewinn aufzuteilen. Eine Teilung des Gewinns würde dabei freilich den Zugewinn des Rot verringern und also auch seine Einsatzbereitschaft und sein Kosten-Nutzen-Kalkül ins Ungleichgewicht bringen – anders gesagt: es würden sich die Kräfte, welche sich für die positive Absicht Rots einsetzen, kaum merklich steigern. Hieraus lässt sich also schlussfolgern, dass derjenige Akteur mit der negativen Absicht tendenziell viel leichter Bündnispartner findet und diese besser nutzen kann, wohingegen derjenige mit der positiven Absicht sich seine Bündnispartner sehr teuer erkaufen muss und dies also nicht als faktische Steigerung der Kräfte, sondern lediglich als Umverteilung der Kräfte betrachtet werden kann. So ließe sich die von Clausewitz erkannte Tendenz zum Gleichgewicht und zur Beibehaltung der gegenwärtigen Ordnung erklären.

 

Insbesondere erklärt dies auch die im obigen Zitat gemachte Feststellung, dass positive Absichten, welche darauf abzielen, eine Bedrohung der allgemeinen Ordnung auszuschalten, welche also zwar auf Veränderung ausgerichtet sind, sich aber gegen einen Akteur richten, der die gegenwärtige Ordnung nachhaltig bedroht, sehr leicht Verbündete finden. Denn diese „Bestrebungen, das politische Gleichgewicht auszubilden“ und herzustellen, bilden schließlich eine der seltenen positiven Absichten, in welcher sich alle Verbündeten vereinen können und gleichermaßen der Gewinn, die Zunahme von Sicherheit, allen Akteuren ungeteilt zukommt.

 

Doch diese gewissermaßen universale Tendenz zum Gleichgewicht darf derweil nicht so interpretiert werden, dass die inneren Verhältnisse der Akteure, ihr Wertesystem und ihre inneren Interessen an Bedeutung verlieren und allein dem Machtkalkül der Regierung unterworfen werden.[11] Hierfür gibt es weder Anhaltspunkte, noch wäre es logisch, denn die letztbegründende Motivation des politischen Handelns ist nicht das Erlangen von einem Mehr an Macht, sondern die Verwirklichung des politischen Willens.

 

Clausewitz spricht dabei deutlich an, dass das internationale System nicht zwangsläufig zum Erhalt der internationalen Ordnung strebt. Dazu sind vielmehr zwei wesentliche Voraussetzungen zu erfüllen: Zum einen müssen die in Interaktion befindlichen Gemeinwesen in einem entsprechende Grade „kultiviert“[12] sein, d.h. sie müssen einen solchen Grad der Zivilisation erreicht haben, dass sie überhaupt in einem dauerhaften und wechselseitigen Kontakt zueinander stehen können. Diese Forderung scheint, betrachtet man die Staatenwelt, banal zu sein und lediglich in vorantiken Zeiten und bei in Isolation lebenden Urvölkern nicht erfüllt zu werden. Doch unter der Perspektive, dass nicht die völkerrechtliche Definition des Staates das entscheidende Maß ist, sondern das politische Gemeinwesen, muss diese Forderung in einem ganz neuen Licht gesehen werden. Die Voraussetzung ist hier also, dass die poltischen Gemeinwesen sich untereinander kennen und dies scheint insbesondere in der diffusen Situation der modernen Phänomene begrenzter Staatlichkeit und Staatszerfall, in welcher die einzelnen politischen Gemeinwesen kaum identifizierbar sind,[13] den äußeren Beobachter vor große Probleme zu stellen.[14]

 

Die zweite von Clausewitz genannte wesentliche Voraussetzung für die Tendenz zum Erhalt der internationalen Ordnung ist, dass in dem vorausgehenden Zustand überhaupt „Ruhe, d.i. Gleichgewicht, vorhanden war; denn wo diese schon gestört ist, eine Spannung schon eingetreten ist, da kann die Tendenz des Gleichgewichts allerdings auch auf eine Veränderung gerichtet sein.“[15] Diese Prämisse ist für sich genommen logisch, denn würde keine internationale Ordnung, sondern eine Unordnung bestehen, so wäre ein Erhalt dieser Unordnung kaum erklärbar. Doch was ist überhaupt gemeint mit einem Zustand der Ruhe bzw. des Gleichgewichts? Dieser Begriff findet sich bereits in einem sehr viel älteren, vermutlich im Jahr 1807 von dem jungen Clausewitz verfassten Dokument:

 

„Denn wonach strebt der einzelne? Über seinen Gegner das Übergewicht zu bekommen [...] Führt dies zur Universal-Monarchie? Ich weiß es nicht, aber ich weiß wohl, daß wenn die Menge der Teile soweit abgenommen hat, daß unter ihnen allen gegenseitige Verbindungen eintreten können, [...] so kann ein absichtliches, von der Vernunft erschaffenes und gehütetes Gleichgewicht eintreten. Dieses durch Absicht, durch Streben erhaltene Gleichgewicht ist verschieden von dem Gleichgewicht, was die bloße Reibung der Kräfte untereinander auf eine Zeitlang erzeugt.“[16]

 

Nach diesen Ausführungen ergibt sich das Gleichgewicht bzw. der Zustand der Ruhe also vor allem aus einer vernunftbegründeten Einsicht, dass eben nicht alle Bedürfnisse befriedigt werden können, sondern dass ein Kompromiss zu finden und zu bewahren ist. Insofern erkennt der eine den Besitzstand und die Rechte des anderen an, damit ein Zustand des Friedens und der Sicherheit eintreten kann. Nur dieser Zustand kann gleichwohl Zweck des politischen Willens sein, denn ohne ihn kann auch nicht von der Verwirklichung von Interessen gesprochen werden, da der Kampf nur Mittel und nicht Zweck ist. Der Zustand der Ruhe ist also erst dann eingetreten, wenn die entsprechenden politischen Gemeinwesen mit der aktuellen Verteilung von Ressourcen etc. insofern zufrieden sind, als dass sie nicht gewaltsamen nach einer Veränderung streben und den Besitz der jeweils anderen als deren Eigentum und Recht anerkennen, sei es, weil sie mit dem bestehenden Zustand zufrieden sind oder weil sie sich selbst als zu schwach einschätzen, eine Veränderung der Situation herbeizuführen. Im Wesentlichen bedeutet dies, die Freiheit und Selbstbestimmtheit des anderen anzuerkennen bzw. den anderen überhaupt als gleichwertig wahrzunehmen.

 

Clausewitz zeichnet somit sehr konkret die Idee und den Sinn eines Völkerrechts nach, welches aber weder als Recht im verbindlichen Sinne noch als moralisch-ethisches Gebot verstanden wird, sondern als natürliche Tendenz der internationalen Beziehungen, welche sich aus spieltheoretischen Überlegungen ergibt. Die bestehende internationale Ordnung ist somit nicht verbindlich und muss gegebenenfalls auch erkämpft werden. Ferner hat das Prinzip des Gleichgewichts keinen absoluten Charakter, sondern es wird als Tendenz verstanden, d.h. Abweichungen hiervon sind in Einzelfällen jederzeit möglich. Clausewitz bleibt somit insgesamt sehr vage, denn wenn die politischen Gemeinwesen sich schon isoliert betrachtet inhaltlich nicht konkret universell beschreiben lassen, dann lässt sich das internationale System erst recht nicht universell beschreiben.

 

Schließlich zeigt dies alles allerdings, dass Clausewitz keineswegs streng der realistischen Denkschule zuzuordnen ist. Bei ihm ist vielmehr eine starke Präferenz für einen Zustand des Friedens erkennbar, welcher allerdings ein stabiles, im Gleichgewicht befindliches, internationales System voraussetzt. Dies wiederum ist der Wille aller Akteure: Sowohl derjenigen, welche die bestehende Ordnung bewahren wollen, als auch derjenigen, welche eine neue Ordnung allerdings zu ihren Gunsten etablieren wollen, denn auch eine neue Ordnung soll schließlich von Stabilität und Nachhaltigkeit geprägt sein.

 

Das bisher dargestellte System hat eine maßgebliche Lücke und diese bezieht sich auf innere Konflikte. Von Clausewitz wurde zwar die Möglichkeit der Rebellion wahrgenommen,[17] aber nicht ihre Implikationen für das internationale System. Wenn ein politisches Gemeinwesen zerbricht und sich in zwei Teile spaltet, dann stellt dies offensichtlich eine Veränderung der internationalen Ordnung dar. Der Zerfall eines großen Gemeinwesens in zwei kleine ist derweil allerdings kein Nachteil für die umliegenden Gemeinwesen. Im Gegenteil, gegen zwei kleine Akteure können Interessen besser durchgesetzt werden als gegen einen starken und insofern könnten sich sogar positive Absichten mit den Absichten der Separatisten paaren. Andererseits könnte auch ein allgemeiner Zerfall der internationalen Ordnung und damit einhergehend eine allgemeine Zunahme der Unsicherheit befürchtet werden, was wiederum zu einer negativen Absicht führt, die sich gegen die Separatisten richtet. Dies zeigt nur, dass der Fall der Rebellion ein sehr schwieriger ist, der uns insbesondere zum Ende dieser Arbeit noch intensiver beschäftigen wird.[18]

 weiter zu II.7 Zusammenfassung

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