Seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes 2001, besonders aber seit der Gewalteskalation im deutschen Einflussbereich Ende 2008, erlebt Deutschland eine öffentliche Diskussion, die sich nicht etwa mit Strategie und Nutzen des Einsatzes der Bundeswehr befasst, sondern mit der Frage, ob jener Einsatz nun als Krieg bezeichnet werden könne oder nicht.[1] Die Bundesregierung wehrt sich vehement gegen die Bezeichnung Krieg;[2] zum einen weil sie möglicherweise die rechtlichen Konsequenzen fürchtet,[3] zum anderen aber wohl vor allem, weil es nicht der konventionellen völkerrechtlichen Definition von Krieg entspricht.[4] Teile der Opposition hingegen vertreten einen diffusen, intuitiven Kriegsbegriff, der als Sammelbegriff für alles gilt, was nicht Frieden ist.

 

Die historische Entwicklung des Kriegsbegriffes bis hin zum modernen, völkerrechtlichen Staatenkrieg ist in der Literatur hinlänglich beschrieben und es bedarf keiner weiteren Wiederholung dieser Beiträge.[5] Wird aber das völkerrechtliche Verständnis als die derzeitig offizielle Definition des Krieges angenommen, so muss festgestellt werden, dass der Begriff Krieg für das Völkerrecht selbst, welches seit der Charta der Vereinten Nationen nicht mehr von Kriegsverbot, sondern von einem generellen Gewaltverbot zwischen Staaten spricht, kaum noch von Belang ist.[6] Viel gravierender ist jedoch, dass das Verständnis von Krieg als gewaltsame, zwischenstaatliche Auseinandersetzung an sich überkommen zu sein scheint, da dieses Phänomen als „historisches Auslaufmodell“[7] gilt. Auch die Bundesregierung bewertet Kriege im Sinne von zwischenstaatlichen bewaffneten Auseinandersetzungen als zwar „mögliche, auf absehbare Zeit aber unwahrscheinliche Bedrohungen.“[8] Dies alles darf aber auch nicht verwundern, da die enge völkerrechtliche Definition des Kriegsbegriffes kaum einen universellen, zeitlosen Charakter beansprucht hatte, sondern nur als Ausdruck sozialpolitischer Faktoren und einer konkreten internationalen Rechtsordnung – und zwar basierend auf Staaten als Rechtssubjekte in einer Staatengemeinschaft – verstanden werden wollte.[9] Wird nun aber der globalen Wandel berücksichtigt, in welchem Staaten tendenziell an Bedeutung für und Einfluss auf die Menschen verlieren,[10] so steht außer Frage, dass der Begriff Krieg wissenschaftlich weiter gefasst werden und auch außerhalb der völkerrechtlichen Staatenwelt Anwendung finden sollte.

 

Anstelle jedoch nach einer zweckmäßigen, auch in der Gegenwart geltenden Definition von Krieg zu suchen, wird in aktuellen, gegenwartsbezogenen Arbeiten der Begriff des Krieges in Gänze undefiniert und diffus gehalten. Das einseitige Abschlachten von Wehr- und Hilflosen wird ebenso unter dem Begriff Krieg subsumiert wie die geordneten Schlachten der Kabinettkriege des 18. Jahrhunderts.[11]  Dass ein Autor wie Münkler unter diesen Umständen daran scheitert, eine prägnante, inhaltlich zulässige und empirisch belastbare Definition aufzustellen liegt, wie er selbst feststellt, an dem „kaum zu erfassende[n] Gemengelage der jüngeren Entwicklung des Kriegsgeschehens“[12]. Münkler geht somit induktiv vor und legt zunächst fest, welche Ereignisse unter Krieg verstanden werden sollen und versucht danach, eine Begriffsdefinition zu finden, die dies umfasst.

 

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF), die wohl die gängigste Variante neben der völkerrechtlichen Definition darstellt:

 

„In Anlehnung an den ungarischen Friedensforscher Istvan Kende (1917-1988) definiert die AKUF Krieg als gewaltsamen Massenkonflikt, der alle folgende Merkmal aufweist:

 

(a) an den Kämpfen sind zwei oder mehr bewaffnete Streitkräfte beteiligt, bei denen es sich mindestens auf einer Seite um reguläre Streitkräfte (Militär, paramilitärische Verbände, Polizeieinheiten) der Regierung handelt;

 

(b) auf beiden Seiten muß ein Mindestmaß an zentralgelenkter Organisation der Kriegführenden und des Kampfes gegeben sein, selbst wenn dies nicht mehr bedeutet als organisierte bewaffnete Verteidigung oder planmäßige Überfälle (Guerillaoperationen, Partisanenkrieg usw.);

 

(c) die bewaffneten Operationen ereignen sich mit einer gewissen Kontinuierlichkeit und nicht nur als gelegentliche, spontane Zusammenstöße, d.h. beide Seiten operieren nach einer planmäßigen Strategie, gleichgültig ob die Kämpfe auf dem Gebiet einer oder mehrerer Gesellschaften stattfinden und wie lange sie dauern.

 

Kriege werden als beendet angesehen, wenn die Kampfhandlungen dauerhaft, d.h. für den Zeitraum von mindestens einem Jahr, eingestellt bzw. nur unterhalb der AKUF-Kriegsdefinition fortgesetzt werden.“[13]

 

Nun muss vorweg zugestanden werden, dass die AKUF den Kriegsbegriff für empirische Zwecke operationalisiert. In diesem Kontext ist die Definition prinzipiell zweckmäßig, es stellt sich jedoch die Frage, warum in diesem Rahmen überhaupt zwischen Krieg und bewaffnetem Konflikt unterschieden werden muss – ist doch offensichtlich ein Krieg nur eine Unterform des bewaffneten Konfliktes.

 

Zunächst ist der Ausgangspunkt der Definition ein (Massen-)Konflikt, „einer der schillerndsten und widersprüchlichsten (z.T. in logisch inkonsistenter Weise verwendeten) Begriffe der Sozialwissenschaften“[14], und lässt somit per se einen Interpretationsspielraum offen. Ganz allgemein kann jedoch angenommen werden, dass der Ausgangspunkt hier eine Feindschaft, also eine feindliche Absicht und/oder ein feindliches Gefühl  zweier Gruppen zueinander ist. Dieser Ausgangspunkt der Definition beschreibt also die Beziehung der beiden Kriegsparteien zueinander. Ein weiteres bestimmendes Merkmal für Krieg ist, dass es sich hierbei um einen Kampf handelt, an dem mindestens zwei bewaffnete Streitkräfte beteiligt sind. Das Wort Kampf impliziert nunmehr beidseitige Gewaltanwendung, die mindestens rudimentär geplant und organisiert sein muss. Die Verwendung des Begriffs Krieg setzt somit plötzlich auch ein konkretes, beidseitiges Handeln voraus. Schließlich ist der Begriff gemäß der AKUF-Definition erst dann zulässig, wenn das Verhalten eine gewisse Kontinuität aufweist bzw. genauer, wenn das Verhalten noch nicht länger als eine konkrete Zeit zurück liegt. Mit dem Begriff des Krieges wird somit ein bestimmter Zeitraum erfasst, in welchem ein Verhalten bzw. eine Beziehung stattgefunden hat. Diese Definition enthält somit drei verschiedene Aspekte von Krieg, die isoliert voneinander das allgemeinsprachliche Verständnis durchaus zu treffen scheinen:

 

  1. Krieg ist ein (Massen-)Konflikt (Krieg als Beziehung zweier Akteure zueinander)

  2. Krieg weist eine gewisse Dauer auf, er ist also immer nur als Zeitraum denkbar (Krieg als Zustand, in welchem sich mehrere Personen bzw. Personenverbände befinden)

  3. Krieg ist eine beidseitige Gewaltanwendung (Krieg als Handlung)

 

Genau an dieser Stelle wird eine zentrale Schwierigkeit beim Umgang mit der induktiven Kriegsdefinition ersichtlich, weil sie offen lässt, was Krieg seinem Kern nach ist bzw. definitionsgemäß sein soll. Mit Hilfe dieses Begriffs kann einem Ort, einer Region, einer Zeit oder einem Streit der Krieg ähnlich einer Krankheit attestiert werden, ohne damit aber näher zu fassen, was diese Feststellung konkret beinhaltet.[15] Zwischen Symptomen und Ursachen wird nicht unterschieden. Es ist offen gelassen, ob Krieg in erster Linie a) eine gegenseitige Beziehung erfasst, die sich in bestimmten, eine gewisse Zeit überdauernden Verhaltensmustern äußert, b) einen Zeitraum erfasst, indem ein bestimmtes Handlungsmuster und eine gegenseitige Beziehung vorherrscht oder c) ein bestimmtes Handlungsmuster benennt, welches über einen nennenswerten Zeitraum verfolgt wird und durch eine gegenseitige Beziehung hervorgerufen wurde.[16]

 

Das Dilemma des induktiven Verständnisses von Krieg wird schließlich am Beispiel der von Münkler aufgegriffenen Zerstörung Magdeburgs 1631 deutlich.[17] Fraglos kann für Zentraleuropa im Jahre 1831 der Zustand Krieg nach der AKUF-Definition attestiert werden. Das Einzelereignis aber – die Zerstörung Magdeburgs – ist kein beidseitiges, gewaltsames  Verhalten, sondern ein einseitiges Einwirken einer Streitkraft auf Hilf- und Wehrlose. Es wird somit dem Verhaltensaspekt der Definition möglicherweise nicht gerecht. Fraglich ist auch, ob es dem Beziehungsaspekt gerecht wird, wenn eine zügellose, triebgesteuerte Bande sich seiner niederen Empfindungen hergibt. Das Ereignis fällt also in den Zustand ‚Krieg‘ ohne aber für sich genommen die Merkmale der Definition zu erfüllen. Zählen von Kämpfern selbstständig durchgeführte Mord- und Raubaktionen zu den Kriegshandlungen oder sind es Rand- und Nebenprodukt der durch den Krieg hervorgerufenen Verrohung und Gewaltentgrenzung, die in den Zeitraum des Krieges fallen, dort vielleicht auch vorherrschend sind, inhaltlich aber dem Kern der Kriegshandlungen – dem organisierten Kampf gegeneinander – nicht zuzuordnen sind?

 

Die Antwort darauf ist sicherlich eine Frage der Perspektive und kann nicht im Sinne einer Suche nach Wahrheit erforscht werden. Wird Krieg aber als Zustand verstanden, dann ist es schwer erklärbar, warum solche Ereignisse, die in der Hauptsache für Kriegszustände typisch sind, plötzlich aber außerhalb eines solchen Zustandes stattfinden, nicht auch als Krieg bezeichnet werden dürfen. In der Konsequenz erfolgt eine nahezu beliebige Aufweichung der Definition und somit wird Krieg zum Oberbegriff für jede Form der bewaffneten Gewaltanwendung ab einer gewissen Eskalationsstufe. Einen besonders signifikanten Beleg für diese Orientierungslosigkeit im Umgang mit dem Begriff Krieg lieferte Seifert[18] in einem Plädoyer vor dem Deutschen Bundestag, in welchem er die Auffassung begründet, dass der Zustand in Afghanistan als Krieg bezeichnet werden könne:

 

„Wenn ich die Berichte im Fernsehen richtig deute und die entsprechenden Berichte richtig lese, dann ist es so, dass [in Afghanistan] Leute totgeschossen werden sowie Gebäude und andere Dinge mit militärischen Mitteln kaputtgemacht werden. Was ist denn das anderes als Krieg?“[19]

 

Unter diesen Gesichtspunkten führt eine wissenschaftliche Untersuchung des Krieges, wenn sie nicht vorweg klar definiert, was sie konkret unter dem Begriff ‚Krieg‘ verstehen will und folglich den umgangssprachlichen, intuitiven Begriff anwendet, ins Leere, da der Forschungsgegenstand diffus und nebulös bleibt. Der erste Schritt, um die Grundlagen der Clausewitz’schen Kriegstheorie zu erschließen, muss also zwingend die Analyse seiner Definition des Krieges sein.

 weiter zu III.1.2 Clausewitz‘ Definition des Krieges

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Kapitel III.1 - Übersicht

  • III.1.1 Orientierungslosigkeit im modernen Sprachgebrauch

        Seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes 2001, besonders aber seit der Gewalteskalation im deutschen Einflussbereich Ende 2008, erlebt Deutschland eine öffentliche Diskussion, die sich nicht etwa mit Strategie und Nutzen des Einsatzes der Bundeswehr befasst, sondern mit der Frage, ob jener Einsatz nun als Krieg bezeichnet werden könne oder nicht.[1] Die Bundesregierung wehrt sich vehement gegen die Bezeichnung Krieg;[2] zum einen weil sie möglicherweise die rechtlichen Konsequenzen fürchtet,[3] zum anderen aber wohl vor allem, weil es nicht der konventionellen völkerrechtlichen Definition von Krieg entspricht.[4] Teile der Opposition hingegen vertreten einen diffusen, intuitiven Kriegsbegriff, der als Sammelbegriff für alles gilt, was nicht Frieden ist.   Die historische Entwicklung des Kriegsbegriffes bis hin zum modernen, völkerrechtlichen Staatenkrieg ist in der Literatur hinlänglich Read More
  • III.1.2 Clausewitz‘ Definition des Krieges

      Bei Clausewitz ist der Kriegsbegriff sehr präzise umrissen. Gleich zu Beginn seines Werkes legt er eine Definition des Krieges vor, die er im weiteren Verlauf zwar noch spezifiziert und enger fasst, deren gesteckte Grenze aber nicht überschritten wird. Clausewitz schreibt:   „Wir wollen hier nicht in eine schwerfällige publizistische Definition des Krieges hineinsteigen, sondern uns an das Element desselben halten, an den Zweikampf. Der Krieg ist nichts als ein erweiterter Zweikampf. Wollen wir uns die Unzahl der einzelnen Zweikämpfe, aus denen er besteht, als Einheit denken, so tun wir besser, uns zwei Ringende vorzustellen. Jeder sucht den anderen durch physische Gewalt zur Erfüllung seines Willens zu zwingen […]   Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner Read More
  • III.1.3 Der absurde, ideale Krieg

    III.2 Erkenntnisinteresse und Perspektive der Theorie     Gleich nach seiner ersten allgemeinen Definition des Krieges entwickelt Clausewitz ein folgenschweres Kriegsmodell. Aus seinem Bildnis des Zweikampfes heraus leitet er drei Wechselwirkungen zum Äußersten ab, die in der Sekundärliteratur unter den Begriffen „idealer“[1], „bloßer“[2], „absoluter“[3] oder „reiner“[4] Krieg zusammengefasst werden. „Die Wechselwirkungen zum Äußersten sind [gewissermaßen] die Chiffre für die Annahme, Clausewitz sei der Theoretiker der Vernichtung und Vorläufer der Konzeption des totalen Krieges.“[5] Die Interpretationen des idealen Krieges sind dabei in ihrem Kern höchst unterschiedlich. Zwar ist sich die Sekundärliteratur weitestgehend darüber einig, dass der reale Krieg sich seinem Ideal zwar annähern, ihn aber nie in Gänze erfüllen kann, doch über die Funktion und den Status des idealen Krieges gibt Read More
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