Bei Clausewitz ist der Kriegsbegriff sehr präzise umrissen. Gleich zu Beginn seines Werkes legt er eine Definition des Krieges vor, die er im weiteren Verlauf zwar noch spezifiziert und enger fasst, deren gesteckte Grenze aber nicht überschritten wird. Clausewitz schreibt:

 

„Wir wollen hier nicht in eine schwerfällige publizistische Definition des Krieges hineinsteigen, sondern uns an das Element desselben halten, an den Zweikampf. Der Krieg ist nichts als ein erweiterter Zweikampf. Wollen wir uns die Unzahl der einzelnen Zweikämpfe, aus denen er besteht, als Einheit denken, so tun wir besser, uns zwei Ringende vorzustellen. Jeder sucht den anderen durch physische Gewalt zur Erfüllung seines Willens zu zwingen […]

 

Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.“[1]

 

Hier wird der Krieg also nicht als Zustand oder als Verhältnis der Akteure zueinander begriffen, sondern konkret als Akt der Gewalt. Der Terminus Krieg bezeichnet somit nicht etwas nebulöses, wenig greifbares, sondern konkret eine oder präziser eine Reihe von zusammenhängenden Handlungen.[2]  Die Tatsache, dass Clausewitz zuvor ankündigt, sich nicht „in eine schwerfällige publizistische Definition des Krieges hineinsteigen, sondern [sich] an das Element desselben halten“[3] zu wollen, kann als Beleg dafür verstanden werden, dass er sich ganz bewusst von der herkömmlichen, eher rechtstheoretischen Betrachtungsweise eines Heraklit, Platon, Aristoteles, Cicero, Augustinus, Thomas von Aquin[4] oder Hobbes[5] vom Kriege als Status oder Zustand abgrenzen wollte.[6]

 

Krieg ist für Clausewitz also ganz konkret die Anwendung von physischer Gewalt[7]. Die kriegerische Gewalt unterscheidet sich gegenüber anderen Gewaltanwendungen durch drei Merkmale, die im Folgenden herauszuarbeiten und zu analysieren sind. Demnach ist Krieg

 

  1. ein Instrument zur Überwindung des gegnerischen Willens,

  2. ein wechselseitiger Kampf und

  3. eine politische Handlung.

 

Ausgehend von dem oben definierten Verständnis von Gewalt[8] soll nunmehr anhand dieser drei Merkmale der Begriff soweit eingegrenzt und von anderen abgegrenzt werden, dass im Ergebnis eine belastbare 4) Definition des Krieges im Clausewitz’schen Sinne stehen wird.

 

1) Gewalt als Instrument zur Überwindung des gegnerischen Willens

 

Seine erste empfindliche Eingrenzung erhält der Begriff der kriegerischen Gewalt schon ganz am Anfang des Werkes:

 

„Gewalt, d. h. physische Gewalt (denn eine moralische gibt es außer dem Begriffe des Staates und Gesetzes nicht) ist also das Mittel, dem Feinde unseren Willen aufzudrängen, der Zweck.“[9]

 

Auf den ersten Blick könnte diese Aussage dem Kritiker als Banalität erscheinen, da die Anwendung von Gewalt gemäß ihrem Begriff immer auch eine Verletzung des gegnerischen Willens beinhaltet. Zudem kann prinzipiell jeder Handlung ein Zweck zugeordnet werden; und sei dies zumindest ein Selbstzweck. Als Selbstzweck sollen in diesem Sinne solche Konstellationen verstanden werden, in denen der Zweck und das Mittel zusammenfallen, d.h. der Zweck ist in diesem Falle die alleinige Anwendung des Mittels ohne Betrachtung des Resultats. Wenn also die Gewalt im Sinne eines reinen Gewalt-ausüben-Wollens ausgeübt wird, so folgt auch dies im weitesten Sinne einem Zweck, nämlich dem Selbstzweck. Kritiker könnten also meinen, es handele sich bei diesem Merkmal um eine „abgedroschene Phrase“[10].

 

Das oben genannte Zitat grenzt die kriegerische Gewalt allerdings weit enger ein, da sie ihr keinen beliebigen, sondern einen konkreten Zweck vorgibt, nämlich die Aufdrängung des eigenen Willens. Bei der Gewaltausübung als Selbstzweck ist die Willensüberwindung des Gegners, welche ein Gewaltakt definitionsgemäß immer darstellt, nur ein Nebenprodukt, aber nicht der Zweck selbst. Wenn A den B schlägt, weil er einfach jemanden Beliebigen schlagen oder weil er sich am Schmerz des B erfreuen will, so ist die Willensmissachtung, welche der Schlag darstellt, nicht der Zweck der Handlung, sondern ein nur mehr oder weniger relevantes Nebenprodukt des Mittels. Der Zweck des Schlagens ist vielmehr die unmittelbare Befriedigung eines Triebes. Soll der Gewaltakt aber ein Mittel zum Zweck der Willensaufdrängung sein, so impliziert dies, dass hiermit nicht die durch den Gewaltakt selbst entstandene Willensüberwindung gemeint ist, sondern dass der Gewaltakt einen Zweck verfolgt, der außerhalb des Mittels liegt, d.h. der Gewaltakt ist nun ein Instrument, um eine höhere Absicht zu verwirklichen.

 

Die Anwendung kriegerischer Gewalt folgt also immer einer Absicht, die über ein bloßes Gewalt-ausüben-Wollen hinausgeht. Sie ist nicht allein Ausdruck eines dumpfen Triebes oder einer bloßen Aggression, sondern sie bezieht sich auch oder allein auf einen Zweck, der nicht durch die unmittelbare Tat, sondern erst durch deren fernere Wirkung verwirklicht werden kann. Doch Clausewitz präzisiert diesen instrumentellen Charakter der kriegerischen Gewalt noch weiter. Es geht hierbei nämlich nicht nur darum, „dem Feinde unseren Willen aufzudrängen“[11] sondern der Zweck ist es vielmehr, „den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen“[12]. Es soll also nicht nur der eigene Wille unter Missachtung des gegnerischen Willens verwirklicht werden, sondern der Gegner selbst soll mittels Gewalt zu einer bestimmten Willensleistung genötigt werden.

 

Die Verwirklichung des Zwecks setzt also die Einwilligung des Gegners voraus und kann insofern nicht unmittelbar erfüllt werden. Vielmehr ist eine Bewusstseinsleistung des Opfers erforderlich, welches die Gewalterfahrung reflektiert, Furcht vor einer Fortsetzung der Gewalt entwickelt und infolge dessen dem Täter gegenüber gefügig wird und sich seinem Willen beugt. Der kriegerische Gewaltakt ist somit ein Zwangsinstrument, welcher nicht unmittelbar den Zweck erfüllt, sondern konkret gegen den Willen des Gegners gerichtet ist und somit die Überwindung des Willens zum Ziel hat. Zur Verdeutlichung ein Beispiel:

 

Der Akteur A ist Eigentümer eines Gutes X, welches B in Besitz nehmen will. B hat dazu zwei gewaltsame Möglichkeiten: Zum einen kann er X stehlen, d.h. er kann durch Heimlichkeit das begehrte Gut an sich nehmen. Hierbei handelt es sich zwar um instrumentelle Gewalt in dem Sinne, dass der Zweck außerhalb des Mittels liegt. Dieser Zweck wird durch den Gewaltakt auch erreicht, denn durch die Tat ist der Wille des Täters in Hinblick auf die Absicht, sich materiell zu bereichern, verwirklicht. Die wesentliche Prämisse der Willensüberwindung, welche Clausewitz in seiner Definition nennt, ist allerdings streng genommen nicht erfüllt, da der A zu keinem Zeitpunkt dem Willen des B nachgibt und niemals den Anspruch auf das Gut X aufgegeben hat. Folglich wird B über X nie frei verfügen können, da A sowohl den Gegenstand als auch den Täter suchen wird, um seinen Anspruch wieder herzustellen. Die zweite Möglichkeit des B ist der Einsatz von Gewalt als Instrument zur Überwindung des gegnerischen Willens. B übt hierbei physische Gewalt gegen A aus und flößt auf diesem Wege dem A Furcht vor möglichen, zukünftigen Gewalttaten ein. Diese Furcht bewegt A schließlich dazu, sich dem Willen des B zu beugen und seinen Anspruch auf X aufzugeben. Auf diesem Wege hat sich B den A gefügig gemacht und ihn zur Erfüllung seines Willens gezwungen. Das Mittel war physische Gewalt, das Ziel die Herbeiführung eines zur reflexiven Furcht hinreichenden Schmerzgrades und der Zweck die Aufgabe des gegnerischen Willens, welcher dem endgültigen Zweck, der Inbesitznahme von X, zuvor entgegenstand.

 

Bei Betrachtung dieser Zweck-Ziel-Mittel-Konstellation wird deutlich, dass die unmittelbare Anwendung von Gewalt nicht in jedem Falle notwendig sein muss, sondern dass unter Umständen die Androhung oder Andeutung von Gewalt ausreicht, um dem Gegner die entsprechende Furcht einzuflößen. So erklärt es sich, dass bei Clausewitz auch die faktische Nichtausübung physischer Gewalt, wie z.B. die „Demonstration“[13] oder das „bewaffnete Beobachten“[14], zum Begriff der kriegerischen Gewalt gezählt werden kann. 

 

Kriegerische Gewalt als Zwangsmittel ist somit das nachhaltige Erzeugen, Erhalten oder Verstärken von Furcht vor möglichen, zukünftigen, physischen Handlungen mit dem Zweck, den Gegner zu Erfüllung des eigenen Willens zu zwingen.[15] So wird es auch leicht verständlich, wenn Clausewitz das „Wehrlosmachen“[16], die „Unfähigkeit zum ferneren Widerstand“[17] bzw. „das Niederwerfen des Gegners“[18] als das höchste Ziel des Krieges betrachtet. Indem die feindlichen Streitkräfte „in einen solchen Zustand versetzt werden, daß sie den Kampf nicht mehr fortsetzen“[19] können, gerät der Gegner in die „schlimmste Lage, in die ein Kriegführender kommen kann, [nämlich] die gänzliche Wehrlosigkeit.“[20] Dies ist für Clausewitz der sicherste Weg zum Frieden, d.h. zur Überwindung des gegnerischen Willens.[21]

 

Bemerkenswerterweise spielt also das Töten[22], als ultimative Endgültigkeit der physischen Gewalt, in der Definition des Krieges keine bedeutsame Rolle. Richtigerweise muss sogar gesagt werden, dass das Töten im Krieg generell überflüssig sein würde, wenn es eine andere Möglichkeit gäbe, die gegnerischen Streitkräfte zu neutralisieren, d.h. kampfunfähig zu machen. Für Clausewitz war das Töten auf individueller Ebene also ein notwendiges Mittel zum Zweck, nicht aber der eigentliche Sinn des Krieges. In diesem Zusammenhang gibt es in der heutigen Zeit zwei bemerkenswerte technologische Entwicklungen, welche die Clausewitz’sche Theorie in entgegengesetzte Richtung überbieten. Dies sind so genannte Nichtletale Wirkmittel einer- und Massenvernichtungswaffen andererseits. 

 

Nichtletale Wirkmittel stellen ein Wirkungsspektrum von Streitkräfte dar, mit welchen der Gegner auf individueller Ebene außer Gefecht gesetzt werden kann, ohne ihn zu töten.[23] Dies ist insbesondere in den sogenannten Stabilisierungsoperationen[24] von Bedeutung, in denen Streitkräfte polizeiähnlich eingesetzt werden und eine deeskalierende Wirkung gewünscht ist. Dies verleitet manchen Autor zu der Vision, dass eines Tages Kriege ohne Tote geführt werden könnten.[25] In der Tat wäre dies nicht nur aus humanitärer Sicht zu begrüßen, sondern auch aus kriegstheoretischer Perspektive vorteilhaft; wir werden im Laufe der Arbeit noch sehen, dass das Töten im Krieg vom kriegstheoretischen Standpunkt aus widersprüchlich ist, da es Hass und Leidenschaften beim Gegner auslöst und in diesem Sinne die Widerstandskräfte verstärkt, die es eigentlich brechen soll.[26] Andererseits aber ist das Überbieten an Rücksichtslosigkeit in der Gewaltanwendung eine Notwendigkeit, um die Wahrscheinlichkeit des Sieges zu erhöhen.[27] Nichtletale Wirkmittel könnten sich also nur dann durchsetzen, wenn sie tatsächlich effizienter wären, d.h. Ziele schneller, sicherer und nachhaltiger ausschalten würden als ihre letalen Pendants. Eine solche Entwicklung scheint jedoch Utopie. In dieser Hinsicht kann der zweckmäßige Einsatz nichtletaler Wirkmittel also nur solange gedacht werden, wie die gegnerischen Parteien von erheblich unterschiedlicher Stärke sind und die überlegene Seite es sich folglich erlauben darf, auf ein schwächeres Wirkmittel zurückzugreifen, ohne deshalb die Niederlage fürchten zu müssen.

 

Die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen beschreibt das gegenteilige Extrem. Abstrakt betrachtet geht es hierbei um die technische Möglichkeit, ein gegnerisches Gemeinwesen mit einem (zusammengesetzten) Schlag in seiner gesamten Existenz wahrhaft zu vernichten. Während für Clausewitz also die Auflösung der feindlichen Streitkräfte als das höchste Ziel des Krieges betrachtet wurde, eröffnet sich heute die Möglichkeit der vollumfänglichen Vernichtung des gegnerischen politischen Gemeinwesens. Es gibt eine Reihe von Gründen, dieses extreme Mittel außerhalb des Clausewitz’schen Kriegsbegriffs zu verorten[28] – an dieser Stelle reicht es, auf das hier betrachtete Merkmal hinzuweisen. Demnach kann dem Gegner nach seiner völligen Vernichtung keine weitere Willensleistung abgerungen werden. Der Einsatz von Massenvernichtungswaffen verfolgt also im Gegensatz zum Krieg nicht den Zweck der Überwindung des feindlichen Willens und ist in diesem Sinne kein Zwangsmittel; es nimmt vielmehr auf kollektiver Ebene dieselbe Sonderstellung ein, welche das Töten auf individueller Ebene darstellt.[29]

 

In der Sekundärliteratur ist der Charakter des Clausewitz’schen Kriegsbegriffs als instrumentelles Zwangsmittel weitestgehend unbestritten. Jedoch wird dies gelegentlich sehr wörtlich genommen und daraus die Folgerung gezogen, dass die Kriegführung für Clausewitz „durch rein rationale Erwägungen bestimmt werde.“[30] Diese Interpretation entsteht durch eine reflexhafte Assoziierung mit den späteren Handlungstheorien Max Webers[31]. Demnach folgt aus der Einteilung in Mittel und Zweck, dass das Handeln vernunftbasiert, allein durch den Zweck begründet und auf den Zweck bezogen sei.[32] Bei Clausewitz steht im Gegensatz dazu explizit:

 

„Der Kampf zwischen Menschen besteht eigentlich aus zwei verschiedenen Elementen, dem feindseligen Gefühl und der feindseligen Absicht. Wir haben das letztere dieser beiden Elemente zum Merkmal unserer Definition gewählt, weil es das allgemeine ist. Man kann sich auch die roheste, an Instinkt grenzende Leidenschaft des Hasses nicht ohne feindliche Absicht denken, dagegen gibt es viele feindselige Absichten, die von gar keiner oder wenigstens keiner vorherrschenden Feindschaft der Gefühle begleitet sind. Bei rohen Völkern herrschen die dem Gemüt, bei Gebildeten die dem Verstande angehörenden Absichten vor; allein dieser Unterschied liegt nicht im Wesen von Roheit und Bildung selbst, sondern in den begleitenden Umständen, Einrichtungen, usw.: er ist also nicht notwendig in jedem einzelnen Fall, sondern er beherrscht nur die Mehrheit der Fälle, mit einem Wort: auch die gebildetsten Völker können gegeneinander leidenschaftlich entbrennen.

 

Man sieht hieraus, wie unwahr man sein würde, wenn man den Krieg der Gebildeten auf einen bloßen Verstandesakt der Regierungen zurückführen und ihn sich als immer mehr von aller Leidenschaft loslassen vorstellen wollte, so daß er zuletzt die physischen Massen der Streitkräfte nicht wirklich mehr brauchte, sondern nur ihre Verhältnisse, eine Art Algebra des Handelns.“[33]

 

Hier wird ersichtlich – und dies ist seine eigentliche Stärke – dass Clausewitz trotz seiner ersten Fixierung auf das rationale Kalkül, das Irrationale des Krieges keineswegs ausblendet und diesem im Krieg sogar einen sehr großen Stellenwert zugesteht. Er erklärt Leidenschaft und Hass zu einem festen Bestandteil des Krieges und führt es auf die eigentümliche Natur des Mittels Gewalt zurück, die von der Strategie zwingend berücksichtigt werden muss und nicht ausgeblendet werden darf.[34] Konkret wird die Gewalt im Krieg also keineswegs zwangsläufig unter rein rationalen, vernunftbegründeten Gesichtspunkten angewendet, sondern emotionale Faktoren können sich einmischen und sogar die Oberhand gewinnen. Wir werden noch sehen, dass sich neben dem politischen Zweck nach ganz andere Motive zum Krieg beimischen können.[35] Dies kann zwangsläufig sowohl die Art der Gewaltanwendung wie auch den Umfang der zu unternehmenden Anstrengungen verändern. Das Einwirken der emotionalen Aspekte auf den Krieg wird an späterer Stelle noch thematisiert. Hier reicht die Erkenntnis, dass die Charakterisierung der kriegerischen Gewalt als Zwangsmittel zwar ein bestimmendes Merkmal der Definition ist, die Einbettung in ein Zweck-Ziel-Mittel-Konstrukt die Leidenschaft und Emotionalität allerdings keineswegs ausschließt. Zweifelsfrei können somit die angewandten Mittel in einem Krieg vollkommen überzogen und außer dem Verhältnis zum vorgesetzten Zweck stehen, jedoch bleibt der Zweck und die Bedeutung desselben immer das ursprüngliche Motiv des Krieges und ein Faktor für die Bestimmung der anzuwendenden Mittel. Die Zweckrationalität ist also ein Element des Krieges und dieser kann ohne dieses Element nicht gedacht werden. Doch diese Erkenntnis macht den Krieg freilich nicht per se zu einem idealtypisch zweckmäßigem Handeln.

 

Eine andere Interpretation setzt die durch die Zweck-Mittel-Relation zum Ausdruck kommende instrumentelle Kriegsauffassung mit einem begrenzten Krieg gleich und setzt diesem die entgrenzte, existentielle Kriegsauffassung entgegen. Auf diesem Wege wird dann der Anspruch auf Allgemeingültigkeit der gesamten Clausewitz’schen Theorie widerlegt, da offenkundig nicht jeder Krieg begrenzt ist.[36] Der Fehler dieser Interpretation liegt jedoch in der Gleichsetzung zwischen instrumentellem und begrenztem Krieg. Zwar sind die Mittel, die in einem um die eigene Existenz geführten Krieg aufgewendet werden, tendenziell äußerste Mittel und insofern kann von einem existenziellen und gleichsam von einem entgrenzten Krieg gesprochen werden, doch ist gerade dieser kausale Zusammenhang zwischen existentiellem Zweck und entgrenzten Mitteln ein Beleg für die Instrumentalität des Krieges und steht keineswegs ein Widerspruch dazu.[37] Je größer der Zweck, desto größer die Mittel.[38] Die instrumentelle Kriegsauffassung schließt somit den um die eigene Existenz geführten Krieg mit ein und ist allgemeingültig. Die existentielle Kriegstheorie hingegen, die davon ausgeht, dass jeder Krieg um die eigene Existenz geführt wird und daher die Mittel notwendig zum Äußersten geführt werden müssen,[39] wäre als allgemeingültige Theorie zu verwerfen, da sie nicht in Einklang mit der Wirklichkeit stünde, wie uns schon Clausewitz eindrucksvoll dargelegt hat.[40] In diesem Sinne ist ein existenzielles Kriegsverständnis dasjenige, welchem es an Allgemeingültigkeit fehlt.

 

Abschließend muss dem bisher Gesagten noch ein bemerkenswerter Aspekt hinzugefügt werden. Die Bestimmung der kriegerischen Gewalt als Zwangsmittel zur Überwindung des gegnerischen Willens setzt keineswegs voraus, dass sich die faktisch angewendete Gewalt gegen den eigentlichen Adressaten der Zwangsmittels richtet, also gegen denjenigen, dessen Wille beeinflusst werden soll. Wenn also, um beim oben genannten Beispiel zu bleiben, der B einen dritten Akteur C schlägt, um damit den A in Furcht zu versetzen, damit dieser aus der Furcht heraus seinen Willen aufgibt, so ist dies vollumfänglich im Begriff des hier dargestellten Merkmals.

 

2) Kriegerische Gewalt als wechselseitiger Kampf

 

Die Spezifizierung als Kampf erhält die Definition der kriegerische Gewalt durch die Festlegung, dass die Gewalt nicht einen wehr- und hilflosen Gegner trifft, sondern dass sie sich gegen einen Gegner richtet, der seinerseits ebenfalls Gewalt ausübt. Clausewitz schreibt dies sehr konkret:

 

„Nun ist der Krieg nicht das Wirken einer lebendigen Kraft auf eine tote Masse, sondern, weil ein absolutes Leiden kein Kriegführen sein würde, so ist er immer ein Stoß zweier lebendiger Kräfte gegeneinander […]“[41]

 

Die kriegerische Gewalt ist somit keine einseitige Handlung, sondern eine Gewaltinteraktion und ganz konkret ein Kampf. So, wie das politische Gemeinwesen also Gewalt ausübt, so kann und wird es auch selbst Gewalt erfahren. Der Krieg beginnt also nicht dort, wo ein politisches Gemeinwesen einem Gegner Schmerz und Leid zufügt, sondern dort, wo es zudem selbst Gewalt durch den Gegner erfährt.[42]

 

Es kann also gesagt werden, dass sich die kriegerische Gewalt nicht ungestört entfalten kann, sondern dass sie durch eine gegnerische Kraft in ihrem Wirken gestört und beeinträchtigt wird. Der Gegner wehrt sich und wirkt seinem Kontrahenten entgegen. Dabei verschwimmen die klaren Trennlinien zwischen Täter und Opfer, da beide sowohl Gewalt ausüben als auch Gewalt erfahren. Des Weiteren wird der Krieg zu einem wenn auch ernstem Spiel.[43] Da der eine die Art und Weise des Handelns sowie den Umfang der Mittel des anderen nicht mit Genauigkeit vorherbestimmen kann, muss sich jeder Akteur auf Mutmaßungen stützen und Wahrscheinlichkeitskalküle aufstellen. Jede Aktion birgt daher die Gefahr in sich, auf einer irrtümlichen Prognose zu basieren und zu scheitern. Erst durch dieses Merkmal gewinnt die kriegerische Gewalt die ihr auf beiden Seiten immanente Gefahr des Scheiterns. Ein Akteur also, welcher kriegerische Gewalt anwendet, muss stets befürchten, selbst geschlagen zu werden.

 

Es sei zur Verdeutlichung nochmals das Beispiel der beiden Akteure A und B und des begehrten Gutes X betrachtet. Wäre die Gewaltausübung etwas einseitiges, so hätte B kaum etwas zu verlieren und ein sehr einfaches Spiel. Er müsste stets nur etwas mehr Gewalt gegen A ausüben bis irgendwann der unausweichliche Punkt erreicht wäre, an welchem A die weitere Zufügung von Schmerz mehr fürchtet als den Verlust von X und infolge dessen seine ursprüngliche Absicht aufgibt und von seinem Anspruch auf das begehrte Gut ablässt. Da aber nach Clausewitz „ein absolutes Leiden kein Kriegführen sein würde“[44], so wird die Qualität kriegerischer Gewalt erst dadurch erreicht, dass der A in der Lage und willens dazu ist, sich gegen die Gewalt des B zu wehren, d.h. seinerseits Gewalt auszuüben. Der bisher einseitig gedachte Akt wird hierdurch zu einem Kampf mit ungewissem Ausgang, denn der B kann die Stärke des A nur vermuten, aber nicht sicher bemessen.[45] Täuscht er sich, so wird nicht er sondern A als Sieger aus dem Kampf hervorgehen. Der mögliche Sieg des A birgt eine weitere Unbekannte in sich, denn auch die verfolgten Zwecke von A bleiben dem B zunächst im Verborgenen. Vielleicht wird der A eine rein negative Absicht verfolgen und sich damit begnügen, dass B von seiner Absicht X zu besitzen absieht.[46] Im Falle des Sieges von A wäre der Kraftaufwand und das durch die Gewalt entstandene Leid für B also zwar unnütz, aber grundsätzlich wäre die Ausgangslage für beide Parteien erhalten. Vielleicht sieht A durch das aggressive Verhalten von B allerdings auch eine zukünftige Bedrohung, so dass er es nicht bei einem Status quo ante belassen will, sondern den A präventiv unschädlich machen will. Im schlimmsten Fall wird der A den B also töten. Mit dem Beginn der kriegerischen Gewalt setzen sich die beiden Parteien also ganz und gar ungewissen Risiken und Gefahren aus. So schreibt Clausewitz:

 

„Solange ich den Gegner nicht niedergeworfen habe, muß ich mich fürchten, daß er mich niederwirft, ich bin also nicht mehr Herr meiner, sondern er gibt mir das Gesetz, wie ich es ihm gebe.“[47]

 

Ein wesentliches Merkmal der kriegerischen Gewalt ist also die Wechselseitigkeit der Gewalttaten und somit die Bestimmung des Krieges als Kampf zweier potenter Gegner gegeneinander. Kritiker könnten hier sofort entgegenhalten, dass Kriege doch oftmals durch einseitige Gewaltakte, z.B. Bombenangriffe, Massaker etc., geprägt seien und dass das Merkmal der Wechselseitigkeit doch diese Gewaltakte ausgrenzen würde und daher mit der Wirklichkeit nicht zu vereinbaren sei. Diesem Missverständnis kann jedoch mit einem Verweis auf die korrekte Betrachtungsebene entgegengewirkt werden. Das Clausewitz’sche Kriegsverständnis beinhaltet sehr wohl die Durchführungen einseitiger Gewaltakte. So schreibt Clausewitz, dass auch „ganz allgemein der feindliche Schaden“[48] ein mögliches Ziel der Strategie sein kann und dies heißt schließlich nichts anderes, als unter Umgehung der feindlichen Streitkräfte Gefechte zu vermeiden und den Gegner dort zu treffen, wo er sich gegenwärtig nicht oder zumindest nur begrenzt verteidigen kann, auch wenn das auf diesem Wege getroffene Ziel nicht zu den Streitkräften zu zählen ist, sondern nach heutigem Sprachgebrauch in den zivilen Bereich fällt.[49] Dies ist aber insofern kein Widerspruch zur Gegenseitigkeit der Gewaltanwendung, als dass diese Gegenseitigkeit sich nicht auf die individuelle taktische Ebene bezieht, sondern auf die Gewaltsamkeit des politischen Gemeinwesens als Ganzes. Von diesem Standpunkt aus beinhaltet die Wechselseitigkeit lediglich, dass das Gemeinwesen sich als Ganzes zur Wehr setzt, während die Gewaltwirkung punktuell sicherlich einseitig sein kann. Die Verwüstung eines Landstriches ist also zwar auf taktischer Ebene ein einseitiger Gewaltakt gegen die dort lebende Bevölkerung, auf kriegspolitischer Ebene allerdings ein allgemeiner Gewaltakt gegen die Gesamtheit eines wehrfähigen Gegners. Dies lässt sich leicht mit einem Boxkampf vergleichen, in welchem sich auch der ein oder andere Schlag seinen Weg an der Deckung vorbei findet und isoliert betrachtet in einseitiger Wirkung ein Leiden verursacht, welches für sich genommen keine Gegenwehr hat. Der Boxkampf als Ganzes betrachtet ist nichtsdestotrotz ein Kampf und kein einseitiges Leiden, weil beide Akteure doch stets bemüht sind, sich zu schützen und den Gegner zu schlagen. Dieser Gedanke führt unweigerlich zum dritten hier betrachteten Definitionsmerkmal.

 

3) Kriegerische Gewalt als politische Handlung

 

Bisher wurde gesagt, dass kriegerische Gewalt im Clausewitz’schen Sinne nur dann vorliegt, wenn der Gewaltakt zum einen ein Zwangsmittel zur Überwindung des gegnerischen Willens darstellt und zum anderen dieses wechselseitig angewendet wird. Unter diesen Merkmalen kann unter kriegerischer Gewalt noch nahezu jede Form der Gewalt subsumiert werden, welche in Kämpfen, seien es Boxkämpfe, Ringkämpfe, im entferntesten Sinne sogar wirtschaftliche Konkurrenzkämpfe[50] usw. angewendet werden. Das abschließend präzisierende Merkmal ist jedoch die kriegerische Gewalt als politische Handlung.

 

„So sehen wir also, daß der Krieg nicht bloß ein politischer Akt, sondern ein wahres politisches Instrument ist, eine Fortsetzung des politischen Verkehrs, ein Durchführen desselben mit anderen Mitteln.“[51]

 

Die kriegerische Gewalt ist also konkret ein Instrument des politischen Gemeinwesens, um einen Interessenkonflikt[52] mit einem anderen politischen Gemeinwesen zu lösen, d.h. es kann nur solche Gewalt als kriegerische Gewalt verstanden werden, die von einem politischen Gemeinwesen ausgeht und instrumentell eingesetzt wird, um einem anderen politischen Gemeinwesen den eigenen Willen aufzudrängen. Freilich stellt dieses Definitionsmerkmal den Clausewitz-Interpreten vor erhebliche Schwierigkeiten, denn in der Praxis der individuellen Ebene, auf welcher die Gewalt faktisch angewendet wird, ist von den politischen Bestimmungen des Krieges in vielen Fällen kaum noch etwas zu erkennen. Der einzelne Soldat kämpft nicht oder zumindest nur in seltenen Fällen für den politischen Zweck und mit politischen Rücksichten.[53] Vor diesem Hintergrund sind einige Theoretiker dazu übergegangen, die Motivation der Soldaten zum Kampf als die eigentliche Ursache von Kriegen zu betrachten, denn – völlig richtig – wäre der einzelne Soldat zu seinem Handeln nicht motiviert, so würde er nicht kämpfen und der Krieg würde nicht stattfinden.[54] Doch diese Sichtweise greift nicht nur aus Clausewitz‘ Perspektive zu kurz. Was auch immer einen Kämpfer im Krieg zum Kampf motiviert, dies ist nicht der Auslöser eines Krieges, sondern der einzelne Kämpfer befolgt mehr oder weniger präzise Befehle und Anweisungen, folgt hierdurch einem höheren Plan und die Motivation, welche ihn letztlich zu seinem Handeln antreibt, gibt vielleicht die Intensität seines Wirkens vor, nicht aber die Richtung. Diese wird schließlich durch den politischen Willen bestimmt, der einen Kriegsplan aufstellt und der mehr oder weniger präzise festlegt, wer, wann, wo und wie kämpft. So schreibt Clausewitz schließlich:

 

„Gehört der Krieg der Politik an, so wird er ihren Charakter annehmen. [...] Freilich dringt das politische Element nicht tief in die Einzelheiten des Krieges hinunter, man stellt keine Vedetten und führt keine Patrouille nach politischen Rücksichten: aber desto entschiedener ist der Einfluß dieses Elementes bei dem Entwurf zum ganzen Kriege, zum Feldzug oder oft selbst zur Schlacht.“[55]

 

Die Motivation der Streitkräfte und der Zweck ihrer Handlungen sind also zwei ganz unterschiedliche Dinge.[56] Das politische Gemeinwesen muss seine Streitkräfte zum Kampf motivieren, sei es durch die Anwendung moralischer Gewalt, durch das Versprechen eines sozialen, materiellen oder moralischen Zugewinns, durch das Schüren von Hass oder durch die Prophezeiung einer spirituellen Heilserwartung. Dabei kann das politische Gemeinwesen zwar auf den politischen Zweck zurückgreifen, muss dies aber nicht zwangsläufig tun. Die ausführenden Streitkräfte auf unterer Ebene müssen folglich nicht notwendigerweise den politischen Zweck ihrer Handlungen kennen oder begreifen und nichtsdestotrotz bleibt ihr Handeln politisch bestimmt, da die eigentliche Entscheidung zu dieser Tat durch andere getroffen wurde. In Abgrenzung dazu gibt es jedoch innerhalb eines jeden Krieges gewaltsame Handlungen, die nicht politisch bestimmt sind, nämlich genau diese, die ein individueller Kämpfer aus eigenem Entschluss heraus vollführt, ohne dass dies der Absicht der politischen Führung entspricht. Diese „individuelle Gewalt“[57] kann verschiedenste Ursachen haben. Zum einen kann sie aus reinem Eigennutz entstehen, d.h. das Individuum will Triebe oder materielle Bedürfnisse befriedigen und nutzt den Augenblick bzw. die Anonymität des Krieges, um dies zu verwirklichen.[58] Zum anderen kann das handelnde Individuum aber auch einem Irrtum unterliegen und sich in dem Glauben befinden, dass seine Tat mit der Leitidee des politischen Willens übereinstimmt. Nicht zuletzt dies führt dazu, dass individuelle Gewalt empirisch kaum von der tatsächlich politisch bestimmten Gewalt zu unterscheiden ist, da sich paradoxerweise selbst das einzelne, kämpfende Individuum diesem Unterschied unter Umständen gar nicht bewusst ist. Ein allein aus Hass kämpfendes Individuum kann in dem einen Fall voll und ganz im Rahmen der politischen Absicht handeln und das andere Mal entgegen derselben, ohne dass es für ihn im Einzelnen einen Unterschied darstellt.

 

Die individuelle Gewalt bleibt also ein Phänomen, welches in der konkreten Wirklichkeit nur schwierig zu erfassen ist. Dies kann mit Clausewitz gelöst werden, indem die Individuelle Gewalt als Friktion[59], d.h. als zufallsbedingte Abweichung von der durch das politische Gemeinwesen beabsichtigten Handlungslinie betrachtet wird; wir werden uns hiermit noch näher im Zuge der Eigentümlichkeiten des Krieges befassen. In diesem Sinne wird das Merkmal der politischen Handlung durch die Beimischung der individuellen, privat motivierten Gewalt zunächst nicht wesentlich gestört. Allerdings wird das kriegerische Handeln hierdurch weniger wirksam, d.h. das Handeln wird weniger geschlossen, weniger konzentriert und trifft folglich weniger sicher das angestrebte Ziel. Allein, soviel kann hier schon gesagt werden, je persönlicher und emotionaler der Kampf für die einzelnen Individuen ist, desto eher neigen sie dazu, von der politischen Leitidee des Handelns abzuweichen und desto mehr Friktionen wird das kriegerische Handeln aufweisen und desto weniger zieleffizient wird also die gesamte Kriegsführung. Dabei muss es unweigerlich einen Punkt geben, an dem das privat motivierte Handeln das politische überwiegt und dies ist der philosophische Ort, an welchem der Krieg zur Anarchie übergeht, in welcher ein jeder tut was er will.[60]

 

Es ist also insgesamt festzustellen, dass die kriegerische Gewalt dadurch definiert ist, dass sie – unabhängig von der individuellen Motivation der Kämpfer – durch den politischen Willen motiviert und hervorgerufen wird. Da der politische Wille, wie oben ausgeführt wurde, die oberste moralische Autorität innerhalb des politischen Gemeinwesens darstellt, folgt daraus, dass für den kriegerischen Akt keine Regeln gelten als diese, die sich das politische Gemeinwesen selbst auferlegt, d.h. die es von sich aus anerkennt und seinen eigenen Kämpfern vorschreibt. Anders als alle anderen (Wett-)Kämpfe gibt es für kriegerische Gewalt somit kein übergeordnetes Recht, keinen Schiedsrichter und keinen Prätor.[61] Lediglich „unmerkliche, kaum nennenswerte Beschränkungen, die [die kriegerische Gewalt] sich selbst setzt unter dem Namen völkerrechtlicher Sitte, begleiten sie, ohne ihre Kraft wesentlich zu schwächen.“[62]

 

Diese Feststellung mag aus heutiger Sicht befremden, aber sie kann leicht belegt werden: Wenn es eine höhere Gewalt gäbe, die über das Verhalten im Krieg effektiv richten könnte, so könnte sie ebenso gut über den Interessenkonflikt richten, welcher durch den Krieg gelöst werden soll, und damit den Krieg selbst verhindern. Die Existenz von Kriegen ist somit in sich der Beweis dafür, dass es innerhalb desselben kein Regulativ gibt, welches von außen verbindlich bestimmt werden könnte.

 

4) Ergebnis: Definition des Krieges

 

Krieg ist somit eine wechselseitige politische Handlung, mit welcher ein politisches Gemeinwesen physische Gewalt anwendet oder androht, um hierdurch den Willen eines wehrhaften gegnerischen politischen Gemeinwesens zu überwinden und so den eigenen Willen zu verwirklichen.

 weiter zu III.1.3 Der absurde, ideale Krieg

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Kapitel III.1 - Übersicht

  • III.1.1 Orientierungslosigkeit im modernen Sprachgebrauch

        Seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes 2001, besonders aber seit der Gewalteskalation im deutschen Einflussbereich Ende 2008, erlebt Deutschland eine öffentliche Diskussion, die sich nicht etwa mit Strategie und Nutzen des Einsatzes der Bundeswehr befasst, sondern mit der Frage, ob jener Einsatz nun als Krieg bezeichnet werden könne oder nicht.[1] Die Bundesregierung wehrt sich vehement gegen die Bezeichnung Krieg;[2] zum einen weil sie möglicherweise die rechtlichen Konsequenzen fürchtet,[3] zum anderen aber wohl vor allem, weil es nicht der konventionellen völkerrechtlichen Definition von Krieg entspricht.[4] Teile der Opposition hingegen vertreten einen diffusen, intuitiven Kriegsbegriff, der als Sammelbegriff für alles gilt, was nicht Frieden ist.   Die historische Entwicklung des Kriegsbegriffes bis hin zum modernen, völkerrechtlichen Staatenkrieg ist in der Literatur hinlänglich Read More
  • III.1.2 Clausewitz‘ Definition des Krieges

      Bei Clausewitz ist der Kriegsbegriff sehr präzise umrissen. Gleich zu Beginn seines Werkes legt er eine Definition des Krieges vor, die er im weiteren Verlauf zwar noch spezifiziert und enger fasst, deren gesteckte Grenze aber nicht überschritten wird. Clausewitz schreibt:   „Wir wollen hier nicht in eine schwerfällige publizistische Definition des Krieges hineinsteigen, sondern uns an das Element desselben halten, an den Zweikampf. Der Krieg ist nichts als ein erweiterter Zweikampf. Wollen wir uns die Unzahl der einzelnen Zweikämpfe, aus denen er besteht, als Einheit denken, so tun wir besser, uns zwei Ringende vorzustellen. Jeder sucht den anderen durch physische Gewalt zur Erfüllung seines Willens zu zwingen […]   Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner Read More
  • III.1.3 Der absurde, ideale Krieg

    III.2 Erkenntnisinteresse und Perspektive der Theorie     Gleich nach seiner ersten allgemeinen Definition des Krieges entwickelt Clausewitz ein folgenschweres Kriegsmodell. Aus seinem Bildnis des Zweikampfes heraus leitet er drei Wechselwirkungen zum Äußersten ab, die in der Sekundärliteratur unter den Begriffen „idealer“[1], „bloßer“[2], „absoluter“[3] oder „reiner“[4] Krieg zusammengefasst werden. „Die Wechselwirkungen zum Äußersten sind [gewissermaßen] die Chiffre für die Annahme, Clausewitz sei der Theoretiker der Vernichtung und Vorläufer der Konzeption des totalen Krieges.“[5] Die Interpretationen des idealen Krieges sind dabei in ihrem Kern höchst unterschiedlich. Zwar ist sich die Sekundärliteratur weitestgehend darüber einig, dass der reale Krieg sich seinem Ideal zwar annähern, ihn aber nie in Gänze erfüllen kann, doch über die Funktion und den Status des idealen Krieges gibt Read More
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