III.2 Erkenntnisinteresse und Perspektive der Theorie

 

 

Gleich nach seiner ersten allgemeinen Definition des Krieges entwickelt Clausewitz ein folgenschweres Kriegsmodell. Aus seinem Bildnis des Zweikampfes heraus leitet er drei Wechselwirkungen zum Äußersten ab, die in der Sekundärliteratur unter den Begriffen „idealer“[1], „bloßer“[2], „absoluter“[3] oder „reiner“[4] Krieg zusammengefasst werden. „Die Wechselwirkungen zum Äußersten sind [gewissermaßen] die Chiffre für die Annahme, Clausewitz sei der Theoretiker der Vernichtung und Vorläufer der Konzeption des totalen Krieges.“[5] Die Interpretationen des idealen Krieges sind dabei in ihrem Kern höchst unterschiedlich. Zwar ist sich die Sekundärliteratur weitestgehend darüber einig, dass der reale Krieg sich seinem Ideal zwar annähern, ihn aber nie in Gänze erfüllen kann, doch über die Funktion und den Status des idealen Krieges gibt es verschiedenste, sich oftmals widersprechende Meinungen. Somit besteht ein guter Grund, sich mit dem Begriff und der Funktion des idealen, absoluten oder reinen Krieges näher auseinanderzusetzen.

 

Obwohl die drei Abschnitte der Wechselwirkungen zum Äußersten die einzigen Passagen im ersten Kapitel des ersten Buches darstellen, die den viel diskutierten Begriff des reinen, absoluten oder idealen Krieges definieren, haben sich die meisten Autoren nicht intensiv mit diesen auseinandergesetzt, sondern scheinen eher davon auszugehen, dass der Begriff selbsterklärend, vielleicht sogar intuitiv verständlich sei. Allein Herberg-Rothe hat sich explizit mit den drei Wechselwirkungen zum Äußersten auseinandergesetzt.[6] Seine Analyse leidet allerdings darunter, dass er die Wechselwirkungen von ihrem Gesamtzusammenhang isoliert betrachtet, nicht stringent zwischen kollektiver und individueller Perspektive differenziert und einen anderen Gewaltbegriff nutzt als Clausewitz. Vor allem sucht Herberg-Rothe nach soziologischen Erklärungen für die Entgrenzung der Gewalt im Krieg und versucht somit ein irrationales, ihm unverständliches, real existierendes Phänomen zu ergründen, obwohl das Verhältnis des idealen Krieges zur Realität doch als strittig gelten muss und insofern fraglich ist, ob reale Phänomene überhaupt durch die allein logisch begründeten Wechselwirkungen erklärbar sein können.

 

Betrachten wir aber zunächst den Begriff. Clausewitz leitet die drei Wechselwirkungen von einem rein theoretischen, abstrakten Modell ohne Bezug zur Realität ab. Er legt seinen Überlegungen die dezidiert fiktive Annahme zugrunde, dass es sich beim Krieg um nichts als einen erweiterten Zweikampf handelt und vergleicht diesen Ausgangspunkt seiner Überlegungen mit zwei Ringern, die sich gegenseitig niederwerfen wollen. Dieses von Raum, Zeit, Zweck, Verhältnissen und allen anderen externen Faktoren bereinigtes Modell nennt Beckmann[7] sehr treffend den „Reagenzglaskrieg“[8]. In dieser vollständig isolierten Situation des reinen Zweikampfes geht es ausschließlich um den Sieg über das Gegenüber. Von diesem Bildnis aus leitet Clausewitz mittels Logik die drei Wechselwirkungen zum Äußersten ab, die im Wesentlichen den Begriff des Krieges charakterisieren.

 

  1. „Äußerste Anwendung der Gewalt“[9]. Wenn A in seinem Handeln schonungsloser und gewaltsamer vorgeht als B, so wird er bei sonst gleichen Bedingungen im Vorteil sein. Da dies wechselseitig gedacht werden muss, der Grad der Rücksichtslosigkeit des Gegners allerdings im Vorfeld nicht bemessen werden kann, entsteht hierdurch von vorneherein der wechselseitige Zwang, das Äußerste der Gewalt anzuwenden.[10] Die Steigerung der Gewalt zum Äußersten darf indessen nicht missverstanden werden. So geht es in keiner Weise um die Verrohung der einzelnen Kriegsteilnehmer oder – um auf die Ebene des konkreten Falles zu gehen – Gewaltexzesse, die aus blindem, individuellem Hass an der Bevölkerung verübt werden,[11] sondern es geht im Gegenteil um die Steigerung der Gewaltwirkung, also um die Wahl der effektiveren Waffe und die entschlossenere und rücksichtslosere Anwendung derselben. Einfach ausgedrückt: Es geht um die Maximierung der Gewalteinwirkung auf den Gegner ohne irgendeine Form der Rücksichtnahme oder Schonung.[12]

  2. „Das Ziel ist, den Feind wehrlos zu machen“[13]. Der sicherste Weg für A, den B zur Erfüllung des Willens zu zwingen, ist ihn in Gänze wehrlos zu machen, d.h. seine Streitkraft „in einen solchen Zustand [zu versetzen], dass sie den Kampf nicht mehr fortsetzen kann“[14], denn dies ist „die schlimmste Lage, in die ein Kriegführender kommen kann“[15]. Solange dies aber nicht geschehen ist, ist A selbst in Gefahr, von B niedergeworfen zu werden. Der Sieg des einen ist also erst dann sicher errungen, wenn der andere niedergeworfen ist. Daraus entsteht der wechselseitige Zwang, seine Handlungen auf das Niederwerfen des Gegners zu konzentrieren.[16] Bei sonst gleichen Verhältnissen wird also derjenige im Vorteil sein, der seine Handlungen stärker auf dieses Ziel zu fokussieren weiß und seine Kräfte nicht anderweitig, weniger ökonomisch einsetzt, indem er z.B. seine Kräfte auf unterschiedliche Ziele aufteilt.[17] In der logischen Konsequenz bedeutet dies für den allgemeinen Fall, dass ein Akteur seine Kräfte auf das Wehrlosmachen des Feindes konzentrieren muss, allein schon weil der Feind dasselbe tun könnte. Diese zweite Wechselwirkung findet interessanterweise in keiner Interpretation den notwendigen Stellenwert, obwohl sie doch ganz deutlich den Clausewitz’schen idealen Krieg vom allgemeinen Verständnis des totalen, entgrenzten Krieges[18] abgrenzt. Tatsächlich besagt die zweite Wechselwirkung nämlich, dass sich Gewalt- und Kraftaufwendungen verbieten, die nicht konsequent auf die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte ausgerichtet sind. Betont die erste Wechselwirkung also die Steigerung des Gewaltpotentials zum Äußersten, so kanalisiert die zweite Wechselwirkung dieses Gewaltpotential gegen die feindlichen Streitkräfte.[19]

  3. „Äußerste Anstrengung der Kräfte“[20]. Wenn die erste Wechselwirkung die absolute Schonungslosigkeit gegenüber dem Gegner einfordert, so fordert die dritte Wechselwirkung die absolute Schonungslosigkeit gegenüber sich selbst. Clausewitz stellt fest, dass bei sonst gleichen Bedingungen derjenige im Vorteil sein muss, der die höhere Kraftaufwendung erbringt. Diese ergibt sich aus den Faktoren „Größe der vorhandenen Mittel und […] Stärke der Willenskraft“[21]. Da auch hier der eine nicht vorab den Kraftaufwand des anderen bemessen kann, ergibt sich so die dritte Wechselwirkung die dazu führt, dass die eigenen Anstrengungen für den Krieg zum Äußersten getrieben werden müssen.[22]

 

Mit den drei Wechselwirkungen stellt Clausewitz drei Potenzen vor: Rücksichtslosigkeit, Zieleffizienz und Kraftanstrengung. Diejenige Kriegspartei, welcher es gelingt das Produkt dieser drei Potenzen größer zu gestalten, wird den Sieg erringen, den Gegner niederwerfen und sich somit durchsetzen. Daraus folgt, dass die Akteure sich gegenseitig überbieten und jeden dieser Faktoren zum Äußersten führen müssen. Im Ergebnis wären die Akteure dazu gezwungen, alle erdenklichen Streitkräfte „in Raum und Zeit auf einen Punkt zu konzentrieren und mit einem mit aller Härte vorgetragenen Schlag die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte zu suchen.“[23] Die Kriegführung wäre somit losgelöst vom eigentlichen Zweck und würde zu einem einheitlichen Handlungsmuster werden, welches ganz und gar unabhängig wäre von kulturellen und politischen Hintergründen. Dies ist der „bloße“[24], „ideale“[25], „abstrakte“[26] oder auch „reine“[27] Begriff des Krieges.

 

Der Leser folgte Clausewitz bis hierher aufmerksam und kann nicht verneinen, dass die Wechselwirkungen einer schlüssigen Logik folgen. An dieser Stelle setzt auch Rothfels[28] an, der in seiner Interpretation unter dem idealen Krieg etwas ideelles versteht, eine Art normative Orientierung für die Kriegsführung. Er „ist der Auffassung, der reine Begriff des Krieges sei eine regulative Idee im kantischen Sinn, analog etwa zur Idee der vollkommenen Schönheit in der Kunst. Die wirkliche Kriegführung könne und müsse sogar versuchen, sich dieser Idee anzunähern, obwohl sie niemals vollständig realisiert werden kann.”[29] Würde der Clausewitz’sche Text an dieser Stelle enden, so müsste auch tatsächlich dieser normativen Interpretation von Rothfels Folge geleistet werden. Das Resultat der Theorie wäre dann, dass die Kriegsführung stets anstreben müsste, sich dem idealen Krieg anzunähern, da nur so die eigenen Chancen auf einen Sieg maximiert werden könnten. Würde dies zum Sieg „dann hinreichen oder nicht, so hat man von dieser Seite aus alles getan, was die Mittel zuließen.“[30] Doch der Gedankengang endet nicht an dieser Stelle, sondern steht hier erst an seinem Anfang. Unmittelbar nach der dritten Wechselwirkung beginnt Clausewitz mit der Falsifizierung seiner These vom idealen Krieg. Er findet folgende Argumente, die gegen den Krieg in seiner idealen Form sprechen:

 

  1. Die Unendlichkeit des Äußersten. Das Äußerste der Wechselwirkungen kann in der wirklichen Welt nicht erbracht werden, da es lediglich ein relatives „Spiel der Vorstellungen“[31]  ist und dieser äußerste Punkt somit nicht erreichbar, ja noch nicht einmal denkbar scheint.[32]

  2. Die Unverhältnismäßigkeit des Äußersten. Selbst wenn dieses Äußerste aber etwas absolutes, etwas erreichbares wäre, so würde „in manchen Fällen ein unnützer Kraftaufwand entstehen […]; eine Anstrengung des Willens würde erfordert werden, die mit dem vorgesetzten Zweck nicht im Gleichgewicht stände und also nicht ins Leben gerufen werden könnte“[33].

  3. „Der Krieg ist nie ein isolierter Akt“[34]. Da die Gegner sich bereits im Vorfeld kennen, der Krieg in der Regel nicht urplötzlich und völlig unerwartet ausbricht und beide Parteien um die jeweilige Wichtigkeit der Kriegsursache wissen, können sie die Kraftanstrengung, die der Gegner erbringen wird, schon im Vorfeld zwar nicht bemessen, aber dennoch abschätzen und so ein realistischeres, auch rationaleres Maß der eigenen Kriegsvorbereitungen finden. Die Parteien treiben ihre Rücksichtslosigkeit, Zieleffizienz und Kraftanstrengung also nicht mehr zum Äußersten, sondern es reicht, das vermutete Maß des Gegners in diesen Kategorien leicht zu überbieten. Damit gilt zwar weiterhin das Prinzip des gegenseitigen Überbietens, doch muss dies in der Realität in einem schrittweisen Prozess gedacht werden, der sich entweder deutlich vor dem Erreichen des Äußersten in einem blutigen Konflikt entlädt oder von einer der beiden Seiten zuvor aufgegeben wird, nicht aber den äußersten Punkt erreichen kann.[35]

  4. „Er besteht nicht aus einem einzigen Schlag ohne Dauer“[36]. Kein Akteur hat im ersten Akt des Krieges alle potentiellen Streitkräfte verfügbar. Zum einen können aufgrund von Verzögerungen bei Bündnispartnern und physischen Begrenzungen nicht alle Kräfte gleichzeitig wirken, vor allem aber entwickelt Clausewitz eine ganz neue Perspektive: wenn ein Akteur im ersten Gefecht nicht alle Kräfte einsetzt, so kann er auch nicht alle verlieren und hat auch im Falle einer Niederlage frische, unverbrauchte Kräfte für spätere Gefechte zur Verfügung. Eine negative erste Entscheidung kann somit im weiteren Verlauf des Krieges wieder ausgeglichen werden und „allein die Möglichkeit einer späteren Entscheidung macht, daß der menschliche Geist sich in seiner Scheu vor allzu großen Anstrengungen dahinein flüchtet, also bei der ersten Entscheidung die Kräfte nicht in dem Maß sammelt und anstrengt, wie sonst geschehen sein würde.“[37] So verläuft der Krieg in einer Reihe von aufeinander folgenden Gefechten und es besteht zwar der Anreiz, aber nicht mehr die existenzielle Notwendigkeit, das erste Gefecht siegreich zu beenden.[38]

  5. „Der Krieg ist mit seinem Resultat nie etwas absolutes“[39]. Schließlich ist nicht nur das erste Gefecht, sondern in den meisten Fällen auch der ganze Krieg nicht von existenzieller Natur und der unterlegene Akteur „sieht [in der Erfüllung des gegnerischen Willens] oft nur ein vorübergehendes Übel, für welches in den politischen Verhältnissen späterer Zeiten noch eine Abhilfe gewonnen werden kann.“[40] Der Krieg als Ganzes ist somit in der Regel nichts absolutes, sondern sein Ergebnis kann nach Kriegsende weiterhin beeinflusst und abgemildert oder durch einen neuerlichen Krieg verworfen werden. Die Erwartungen, die ein Akteur an die Folgen eines negativen Kriegsergebnisses hat, werden entsprechend auf die zu leistenden Anstrengungen zurückwirken und ein Maß dafür bilden. Je negativer und dauerhafter die Schicksalsprognose eines Akteurs im Falle einer Niederlage also ist, desto mehr Kraftanstrengungen wird er in den Krieg investieren und vice versa. Das zu erwartende Schicksal kann also ein weiteres ermäßigendes Prinzip sein, welches dem Äußersten des idealen Krieges entgegensteht.

 

Mit diesen genannten Punkten hat Clausewitz seinen zuvor abgeleiteten idealen Kriegsbegriff selbst verneint. „Auf diese Weise wird dem ganzen kriegerischen Akte das strenge Gesetz der nach dem Äußersten getriebenen Kräfte genommen.“[41] Clausewitz hat somit seine zuvor gefasste Idee vom idealen Krieg verworfen und negiert. Warum aber tat er das und welche Funktion nimmt der Begriff des idealen Krieges ein?

 

Ich will zunächst einen kurzen Blick auf die Meinungen anderer Autoren werfen. Für Aron ist die Darstellung des idealen Krieges der erste von insgesamt vier Schritten zur abschließenden Begriffsdefinition. Dabei schafft er es jedoch nicht, plausibel zu erklären, welche Funktion dieser erste Schritt haben soll.[42] Vielmehr führt er lediglich aus, dass es sich bei der Begriffsbildung um ein für Clausewitz typisches Vorgehen handele und er eine bestimmte Methode verfolge:

 

„Die Methode, die darin besteht, von den vollkommenen Gegensätzen auszugehen, den Extremen, ist verbunden mit dem Gegensatz von Begriffen und Realität. […] Es ist die Methode – zunächst die Natur des Gegenstandes oder von Teilen des Gegenstandes zu erfassen, die sich gegenüberstehen, dann die Zwischenstufen zu erkennen – die [Clausewitz], scheint mir, zur Unterscheidung der Kluft geführt hat, die notwendigerweise zwischen dem Gegenstand nach seiner Natur und irgendeinem konkreten realen Gegenstand besteht, dessen Begriff nur eine Vorstellung darstellt, die Clausewitz abwechselnd abstrakt, philosophisch oder ideal nennt.“[43]

 

Unklar dabei bleibt, wem oder was Clausewitz das Extrem des idealen Krieges entgegenstellt und was der tiefere Zweck der Aufstellung eines Kriegsbegriffs sein soll, welcher mit der Wirklichkeit nicht in Einklang gebracht werden kann. Der spätere reale Kriegsbegriff bildet jedenfalls kein dem idealen Krieg entgegengesetztes Phänomen, da er sich doch im konkreten Fall – darin sind sich alle Interpreten einig – dem idealen Krieg annähern kann. Zudem widerspricht sich Aron selbst, wenn er auf der einen Seite die Begriffe des idealen und realen Krieges als Gegensätze darstellt, auf der anderen Seite aber einige Abschnitte zuvor den idealen Krieg als Idealtypus des realen Krieges versteht.

 

Der Versuch, den idealen Krieg als Idealtypus des Krieges im Werberischen Sinne darzustellen, den Aron tatsächlich nur unter Vorbehalt unternimmt,[44] ist allerdings attraktiv und von mehreren Autoren aufgenommen worden.[45] Tatsächlich gibt es zwischen dem Vorgehen Clausewitz‘ und der Methode Webers einige Parallelen.[46] So ist der ideale Kriegsbegriff dadurch gekennzeichnet, dass seiner Ausgangslage jegliche Störfaktoren entzogen wurden und alles auf den ursprünglichen Gedanken des Zweikampfes reduziert wird. Sämtliche politischen, wirtschaftlichen, sozialen, gesellschaftlichen oder kulturellen Aspekte spielen keine Rolle und selbst der Faktor Zeit, also eine Vergangenheit, eine Zukunft und eine Dauer, wird gänzlich ausgeblendet. Bestehen bleibt vollkommen isoliert die Situation des Zweikampfes und – auf kollektiver Ebene – der Wille der Akteure zum Sieg als Wertidee.[47] Aus dieser Perspektive könnte der ideale Krieg durchaus als Idealtypus verstanden werden.

 

Aber auch wenn der ideale Krieg als Idealtypus verstanden wird, so bleibt unklar, welche Funktion er für die gesamte Kriegstheorie einnehmen sollte. Verstehen wir den Frieden als Gegenstück zum idealen Krieg und stellen uns zwischen diesen beiden Polen den realen Krieg vor, so erhalten wir zwar „ein Ordnungsprinzip, das uns erlaubt, innerhalb der großen Vielfalt der wirklichen Kriege zu differenzieren“[48], doch muss dabei zugegeben werden, dass eine solche Einteilung auch nur in der Theorie bestehen kann und in der Praxis unanwendbar ist, da die drei Faktoren Rücksichtslosigkeit, Zieleffizienz und Kraftanstrengung kaum zu operationalisieren sind und sich infolgedessen das Produkt, die Intensität eines Krieges, auch nicht bemessen lässt. Ein Nutzen dieses Ordnungsprinzips beschränkt sich also allein auf die Feststellung, dass sich der wirkliche Krieg zwischen diesen beiden Polen befindet; eine Kategorisierung bzw. Skalierung lässt sich daraus nicht ableiten. Die Theorie würde somit nur das Aussagen, was doch recht offensichtlich ist. Insgesamt bietet Aron somit einige interessante Denkanstöße, aber nicht die durchgreifende Erklärung der Funktion des idealen Kriegsbegriffs.

 

Kondylis verneint hingegen, dass der ideale Krieg etwas ideelles oder ideales, außerhalb der Wirklichkeit existierendes sei. Für ihn ist der ideale Krieg vielmehr der eigentlich innere Kern eines jeden Krieges, während die verschiedenen sozialen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Faktoren lediglich weitere Aspekte sind, die jedem Krieg sein individuelles Erscheinungsbild geben. In letzter Konsequenz sei der Krieg analytisch jedoch immer auf seine existenzielle Natur reduzierbar. Kondylis wechselt dazu die perspektivische Ebene und erklärt, dass der ideale Krieg bei den individuellen Kämpfern durchaus real und daher jedem noch so begrenzten Krieg inhärent sei. Das von Clausewitz thematisierte Phänomen sei vielmehr, dass sich durch die Komplexität moderner sozialer Gebilde die existentielle Natur des Krieges nicht kollektiv durchsetzen kann, wie dies bei kriegerischen Urvölkern vielleicht der Fall gewesen sei, sondern dass der Einsatz aller gesamtgesellschaftlich verfügbaren Kräfte zum Kampf aus sozialen, kulturellen, aber auch technischen Gründen nicht möglich sei und daher einige Ebenen des gesellschaftliche Lebens vom Krieg zumindest nicht existentiell berührt seien.[49] Diese mit einzelnen Satzbausteinen von Clausewitz angereicherte Interpretation ist intellektuell höchst anregend und möglicherweise jenseits des Zusammenhangs zu Clausewitz auch treffend, doch scheint sie zumindest in diesem thematischen Feld kaum mit dem Gesamtkontext des Clausewitz’schen Werkes vereinbar. Folgen wir nämlich Kondylis‘ Gedankengang, so ist die logische Folgerung, dass die durch Urvölker geführten gewaltsamen Auseinandersetzungen sich dem reinen, absoluten Krieg annähern müssten, wohingegen die Kriege entwickelter Zivilisationen sich per se von diesem äußersten Punkt entfernen würden. Es würde also ein signifikanter Zusammenhang zwischen steigendem kulturellem Entwicklungsstand und sinkender Intensität der Kriegsführung bestehen. Dies ist aber ein expliziter Widerspruch zu Clausewitz, welcher genau in diesem Zusammenhang anmerkte, dass auch „die gebildetsten Völker [...] leidenschaftlich gegeneinander entbrennen“[50] können. Im Gegenteil sagt Clausewitz sogar, dass gebildete Völker um so intensiver Krieg führen können, da sie die Gewaltanwendung mittels ihrer Intelligenz zu perfektionieren wissen. Rohe Völker neigen zwar zu einer rohen Anwendung der Gewalt, doch dies liegt folglich in der Begrenztheit ihrer Mittel und ist gerade nicht mit der Intensivierung des Krieges im Sinne des idealen Krieges zu verwechseln, sondern eher das Gegenteil davon.

 

Greifen wir aber einige Gedankenansätze von Kondylis auf und bringen sie in einen anderen Kontext: Den idealen Krieg als immanenten Aspekt des realen Krieges zu verstehen hat seinen Charme, wenn wir unter den Tendenzen zum Äußersten nicht diesen äußersten Punkt verstehen, zu dem Clausewitz selbst sagt, er sei nur „hervorgebracht durch einen kaum sichtbaren Faden logischer Spitzfindigkeiten“[51], sondern lediglich die Tendenz selbst, namentlich das Bestreben, den Gegner zu überbieten. Clausewitz weist den Leser zwar auf eine Reihe von Gründen hin, die den äußersten Punkt, den wir als idealen Krieg bezeichnen, ad absurdum führen, es bleibt aber scheinbar so etwas wie eine innere Logik des Krieges bestehen. Diese besagt, dass derjenige, der den objektiv intensiveren Krieg führt, als Sieger aus dem Kampf hervorgeht. Da dies nun aber nicht in einem abstrakten Denken, sondern konkret in Zeit und Raum stattfindet, ist das wechselseitige Überbieten eine sich langsame entfaltende Tendenz, die sich im Wettrüsten während der Kriegsvorbereitung oder in der zunehmenden Gewalteskalation während des Krieges äußert. Diese Tendenz kann sich allerdings nie zum Äußersten entwickeln, da sie ihre Grenze im vorgesetzten Zweck findet. In diesem Kontext könnte eine mehr oder weniger stark vorhandene Tendenz zum idealen Krieg tatsächlich jedem realen Krieg inhärent sein.[52] Aber dies hätte Clausewitz doch auch ebenso gut und sogar viel leicht verständlicher direkt ansprechen können, vor allem da diese Tendenz des Überbietens vollkommen offensichtlich ist. Auch nimmt er zu keinem späteren Zeitpunkt Bezug auf diese Tendenz, sondern versteht unter dem idealen Krieg stets nur den äußersten Punkt.

 

Die Funktion des Idealen Kriegsbegriffs ist somit bisher nicht befriedigend erklärt. Hier soll eine schlichtere, einfachere und vielleicht naheliegendere These vertreten werden. Die ersten zehn Seiten, genauer die Nummerierungen 3 bis 9 des ersten Kapitels des ersten Buches, sind im Gesamtzusammenhang gelesen vor allem eines: Die Falsifizierung einer Annahme, die weite Teile des Restwerkes beherrscht.[53] Der ideale Krieg scheint an dieser Stelle nichts weiter zu sein als ein Ausdruck der Methode reductio ad absurdum, mit welcher Clausewitz zunächst eine scheinbar logische Behauptung aufstellt, nur um diese anschließend zu entkräften. Er selbst war nämlich bis 1827 davon ausgegangen, dass der Krieg nach seinem idealen Modell geführt werden sollte. Der frühe Clausewitz forderte, dass jeder Krieg unabhängig von seinem Zweck nach dem Primat des Sieges zu führen sei. Die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte sei das Hauptprinzip erfolgreicher Kriegsführung[54] und allein schon aufgrund der daraus resultierenden Wechselwirkung müsse der Krieg immer von existentieller Bedeutung sein und daher sei prinzipiell die maximale Intensität in der Kriegsführung zu erbringen. Der junge Clausewitz forderte stets die „entscheidendsten Operationen, kosteten sie auch die höchste Anstrengung“[55]. Jede andere Form der Kriegsführung empfand er als halbherzig und mangelhaft in der Durchführung. Er führte sie auf eine Schwäche des Willens oder des Vermögens zurück[56] – kurz: Er war ein strikter Verfechter des idealen Krieges. Diese Ansicht spiegelt sich in weiten Teilen seines Werkes wieder. Erst bei der Bearbeitung des achten Buches bemerkte er die Widersprüchlichkeit der Forderung und es kam zu einem Wendepunkt in seinem Denken.[57] Das in Gänze überarbeitete erste Kapitel des ersten Buches steht nun ganz und gar im Zeichen des älteren, realistischen Clausewitz‘, der das Postulat nach einer absoluten Kriegführung für falsch hält. Von diesem Standpunkt aus wird sehr verständlich, warum er seine Vorgehensweise so wählt und sich dezidiert bemüht, die Idee des idealen Krieges zu widerlegen, indem er seinen Denkfehler gewissermaßen wiederholt, zunächst das Naheliegende annimmt, um es im Anschluss der Widersprüchlichkeit preis zu geben. Im Ergebnis wird der ideale Krieg also zum absurden Krieg.

 

Es bleibt also festzustellen, dass Clausewitz den idealen Begriff in erster Linie aufstellt, um dem Leser zu verdeutlichen, dass diese Sichtweise der Dinge im Ergebnis falsch und zu kurz gedacht ist. Er will den Leser gewissermaßen davor bewahren, den gleichen Fehler zu wiederholen. Erst in zweiter Funktion dient der ideale Kriegsbegriff als Ordnungsfunktion für die Kriegstheorie, mit Hilfe dessen zwischen intensiven Kriegen, die sich dem Ideal annähern, und begrenzten Kriegen differenziert werden kann. Schließlich kann aus dem Text eine dem Krieg immanente, langsam fortschreitende Tendenz zum idealen Krieg abgeleitet werden. Letztlich ist es aber mitnichten die innere Logik des Krieges, die darüber entscheidet, ob ein Krieg sehr intensiv geführt wird oder ob er begrenzt ist. Auf die Faktoren, die hierfür verantwortlich sind, ist an späterer Stelle zurückzukommen.

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Kapitel III.1 - Übersicht

  • III.1.1 Orientierungslosigkeit im modernen Sprachgebrauch

        Seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes 2001, besonders aber seit der Gewalteskalation im deutschen Einflussbereich Ende 2008, erlebt Deutschland eine öffentliche Diskussion, die sich nicht etwa mit Strategie und Nutzen des Einsatzes der Bundeswehr befasst, sondern mit der Frage, ob jener Einsatz nun als Krieg bezeichnet werden könne oder nicht.[1] Die Bundesregierung wehrt sich vehement gegen die Bezeichnung Krieg;[2] zum einen weil sie möglicherweise die rechtlichen Konsequenzen fürchtet,[3] zum anderen aber wohl vor allem, weil es nicht der konventionellen völkerrechtlichen Definition von Krieg entspricht.[4] Teile der Opposition hingegen vertreten einen diffusen, intuitiven Kriegsbegriff, der als Sammelbegriff für alles gilt, was nicht Frieden ist.   Die historische Entwicklung des Kriegsbegriffes bis hin zum modernen, völkerrechtlichen Staatenkrieg ist in der Literatur hinlänglich Read More
  • III.1.2 Clausewitz‘ Definition des Krieges

      Bei Clausewitz ist der Kriegsbegriff sehr präzise umrissen. Gleich zu Beginn seines Werkes legt er eine Definition des Krieges vor, die er im weiteren Verlauf zwar noch spezifiziert und enger fasst, deren gesteckte Grenze aber nicht überschritten wird. Clausewitz schreibt:   „Wir wollen hier nicht in eine schwerfällige publizistische Definition des Krieges hineinsteigen, sondern uns an das Element desselben halten, an den Zweikampf. Der Krieg ist nichts als ein erweiterter Zweikampf. Wollen wir uns die Unzahl der einzelnen Zweikämpfe, aus denen er besteht, als Einheit denken, so tun wir besser, uns zwei Ringende vorzustellen. Jeder sucht den anderen durch physische Gewalt zur Erfüllung seines Willens zu zwingen […]   Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner Read More
  • III.1.3 Der absurde, ideale Krieg

    III.2 Erkenntnisinteresse und Perspektive der Theorie     Gleich nach seiner ersten allgemeinen Definition des Krieges entwickelt Clausewitz ein folgenschweres Kriegsmodell. Aus seinem Bildnis des Zweikampfes heraus leitet er drei Wechselwirkungen zum Äußersten ab, die in der Sekundärliteratur unter den Begriffen „idealer“[1], „bloßer“[2], „absoluter“[3] oder „reiner“[4] Krieg zusammengefasst werden. „Die Wechselwirkungen zum Äußersten sind [gewissermaßen] die Chiffre für die Annahme, Clausewitz sei der Theoretiker der Vernichtung und Vorläufer der Konzeption des totalen Krieges.“[5] Die Interpretationen des idealen Krieges sind dabei in ihrem Kern höchst unterschiedlich. Zwar ist sich die Sekundärliteratur weitestgehend darüber einig, dass der reale Krieg sich seinem Ideal zwar annähern, ihn aber nie in Gänze erfüllen kann, doch über die Funktion und den Status des idealen Krieges gibt Read More
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