Es ist in der heutigen Clausewitz-Forschung weitestgehend unstrittig, dass der Kriegsphilosoph in den letzten Jahren seines Lebens und theoretischen Schaffens im Wesentlichen mit einem letzten, allerdings sehr entscheidenden theoretischen Problem im Rahmen seiner Kriegstheorie befasst war. Dabei ging es um den Gegensatz zwischen zwei verschiedenen Kriegsarten, namentlich um die „doppelte Art des Krieges“[1] und um die besondere Herausforderung, diese Verschiedenartigkeit in einer einzigen Theorie des Krieges auf einen Nenner zu bringen. Diese beiden scheinbar gegensätzlichen Ausprägungen wurden von den Clausewitz-Interpreten unterschiedlich benannt: Entgrenzter und begrenzter Krieg[2], absoluter und realer Krieg[3], reiner und wirklicher Krieg[4], instrumenteller und existentieller Krieg[5], idealer und realer Krieg[6], um nur einige Begriffsgegenpaare zu nennen. Dabei ist ebenfalls unstrittig, dass die wie auch immer geartete Erklärung dieser scheinbaren Gegensätzlichkeit im ersten Buch des ersten Kapitels seines Hauptwerkes liegen soll und sich hierin gewissermaßen das „geistige Testament“[7] für den Rest des Werkes findet, welches der Autor vor seinem Tod nicht auf den aktuellsten Stand seiner Theorie bringen konnte.

 

Die beiden entgegengesetzten Kriegsarten haben, wie die unterschiedlichen Benennungen schon andeuten, durch die Clausewitz-Interpreten ganz verschiedene Funktionen zugewiesen bekommen.

 

  • Nach Rothfels ist der absolute Krieg „die geschichtsphilosophisch-ästhetische Lehre von dem immer anzustrebenden, nie zu erreichenden idealen Zielpunkt der Entwicklung“[8].

  • Für Kondylis ist der abstrakte Krieg die „gesteigerte Wirklichkeit“[9] des Krieges, der kleinste gemeinsame Nenner aller Kriege, namentlich die Anwendung der äußersten Form der Gewalt, des Tötens. Der wirkliche Krieg ist jedoch dieses abstrakte Element der äußersten Gewalt auf individueller Ebene, verbunden mit sämtlichen sozialen, kulturellen und zivilisatorischen Momenten, die dem Krieg im eigentlich begrifflichen Sinne zwar nicht angehören, ihm aber anthropologisch und organisatorisch bedingt beigemischt werden.[10]

  • Herberg-Rothe sieht im entgrenzten und begrenzten Krieg zwei jedem Krieg inhärente, entgegengesetzte Tendenzen. Auf der einen Seite bestünde die sich aus der Zweikampfsituation ergebende Tendenz des gegenseitigen Überbietens, die jeden der beiden Akteure dazu zwinge, mehr Gewalt anzuwenden und mehr Kräfte aufzubieten, als dies der Gegner tut.[11] Auf der anderen Seite existiere demgegenüber in jedem Krieg auch ein großer Anreiz, diese Entgrenzung nicht zuzulassen, sie zu begrenzen und sich also in der Gewaltausübung und dem Kräfteaufbieten zu mäßigen.[12] Diese beiden Gegensätze stünden nunmehr im Widerstreit zueinander und führen letztlich zu einer gewissen Widersprüchlichkeit in der Logik des Krieges: „Aufgrund des Spannungsverhältnisses von Eskalation und Mäßigung muss die Theorie für Clausewitz das Gebiet der strengen Wissenschaften von Logik und Mathematik verlassen.“[13]

  • Für Kleemeier ist der reine Krieg lediglich ein Modell, welches „den Krieg tatsächlich so darstellt, wie er sein würde, wenn die ‚Modellbedingungen‘ gelten würden. In Bezug auf die Wirklichkeit bleibt diese Konzeption als Ganzes eine Fiktion, wenn auch eine, die immer im Hintergrund auch des noch so ‚begrenzten Krieges‘ schwebt.“[14]

 

Dieses Skizzieren von unterschiedlichen Lösungswegen weist bereits darauf hin, dass ein inhaltlicher Konsens in der gegenwärtigen Clausewitz-Forschung trotz der umfangreichen Literatur noch in weiter Ferne liegt. Problematisch scheint es vor allem, dass sich die Autoren immer wieder schwerpunktmäßig mit den gegensätzlichen Begriffen befassen, ohne jedoch darauf einzugehen, was der Zweck dieser Begriffsbildung ist und welches Problem sie beschreiben soll; eine genauere Betrachtung führt sogar zu der Feststellung, dass Clausewitz diese Begriffe selbst überhaupt nicht bildet, [15] sondern dass dies ein reines Werk der Rezeptionshistorie ist. Tatsächlich ist das Problem, welches Clausewitz in seinen letzten Schaffensjahren offensichtlich umtrieb und dessen Lösung sich im ersten Kapitel des ersten Buches verbergen soll, von den meisten Autoren entweder gar nicht oder nur diffus beleuchtet worden.

 

Was war also der eigentliche Analysegegenstand des ersten Kapitels des ersten Buches? Unstreitig ist dies der Begriff des Krieges in Verbindung mit der Frage, warum es zu einer erheblichen, inneren Verschiedenartigkeit zwischen den einzelnen empirischen Fällen kommt. Mit dieser Feststellung allein ist die Frage jedoch in keiner Weise präzise beantwortet. So erstellte Herberg-Rothe ein „ausdifferenziertes Koordinatensystem“[16], mit welchem er unterschiedliche Ausprägungen des Krieges darstellt. Diese Darstellung unterscheidet z.B. die Gewaltausübung mit großen Waffen (z.B. Panzer, Atomwaffen) vs. die Gewaltausübung mit kleinen Waffen (z.B. Messer, Macheten), den Kampf von Gewaltspezialisten vs. den Kampf von Gewaltamateuren, den symmetrischen vs. den asymmetrischen Kampf, den Kampf von räumlich und zeitlich dauerhaft existierenden Gemeinschaften (z.B. Staat) vs. den Kampf von kurzfristig existierenden Gemeinschaften (z.B. Gangs), um nur eine kleine Auswahl der insgesamt zwölf Unterscheidungsmerkmale zu nennen.[17] Diese Ausdifferenzierung stellt zwar eine interessante, aber sicherlich nicht vollständige und letztlich auch nur oberflächliche Darstellung von verschiedenen Faktoren im Krieg dar, vor allem bleibt sie jedoch als Ganzes im luftleeren Raum stehen. Nimmt man nur die Unterscheidung zwischen Gewaltakteuren und Gewaltspezialisten: Zunächst ist die Ausdifferenzierung an sich unscharf, denn ein kongolesischer Straßenkämpfer ist unter Umständen ein viel größerer Gewaltspezialist als ein Soldat der Bundeswehr – Herberg-Rothe zielt hier vielmehr auf die Unterscheidung zwischen einem stehenden Heer einerseits und lose organisierten Kämpfern andererseits ab. Warum es zu diesen unterschiedlichen Streitkräften kommt, wird von Herberg-Rothe jedoch ebenso wenig beleuchtet, wie die Konsequenz dieser Ausdifferenzierung für die Kriegstheorie. Ebenso fehlt es in diesem Punkt überhaupt an Bezügen zu Clausewitz. Zum einen kann es kaum die Intention Clausewitz‘ gewesen sein, die Andersartigkeit der Kriege lediglich aufzulisten; es muss schon darum gegangen sein, diese entweder zu begründen oder daraus Folgerungen für Theorie und Praxis zu ziehen. Zum zweiten sind die Verschiedenartigkeiten, die Herberg-Rothe auflistet, in der großen Mehrheit Gegenwartsprobleme, die in der Zeit Clausewitz‘, in welcher die Streitkräfte in ihrer „inneren Fertigkeit und Ausbildung“[18] weitestgehend auf einen Punkt gekommen waren, kein Thema gewesen sind.

 

Es scheint viel fruchtbarer, sich an Clausewitz zu orientieren und das eigentliche Problem seiner Kriegstheorie herauszuarbeiten. Kommen wir also zunächst auf die offensichtlich sehr berechtigte und bisher nicht präzise beantwortete Frage zurück, was Clausewitz unter der Verschiedenartigkeit der Kriege verstand, die ihn in den letzten drei Jahren seines Schaffens so sehr befasste. In der seinem Hauptwerk vorangestellten Nachricht vom Juli 1827 heißt es:

 

„Diese doppelte Art des Krieges ist nämlich diejenige, wo der Zweck das Niederwerfen des Gegners ist, sei es, daß man ihn politisch vernichten oder bloß wehrlos machen und also zu jedem beliebigem Frieden zwingen will, und diejenige, wo man bloß an den Grenzen seines Reiches einige Eroberungen machen will, sei es, um sie zu behalten, oder um sie als nützliches Tauschmittel beim Frieden geltend zu machen. Die Übergänge von der einen zur anderen Art müssen freilich bestehen bleiben, aber die ganz verschiedene Natur beider Bestrebungen muss überall durchgreifen und das Unverträgliche voneinander sondern.

 

Außer diesem faktisch bestehenden Unterschied in den Kriegen muß noch der ebenfalls praktisch notwendige Gesichtspunkt ausdrücklich und genau festgestellt werden, daß der Krieg nichts ist als die fortgesetzte Staatspolitik mit anderen Mitteln.“[19]

 

Im Dezember desselben Jahres beschreibt er in einem Brief an einen jüngeren Kameraden die Problematik noch etwas ausdifferenzierter und zeigt auch bereits einen ersten Lösungsweg an:

 

„Es ist doch offenbar ganz etwas anderes, wenn ich die Absicht habe und haben darf, den Gegner niederzuwerfen, ihn wehrlos zu machen und ihn zur Annahme meiner Friedensbedingungen zu zwingen, oder wenn ich mich begnügen muß, mich durch die Eroberung eines kleinen Landstriches, einer Festung usw. in Vorteil zu setzen, um diese entweder beim Frieden zu behalten oder als Äquivalent anzubieten. [...] Wenn wir also vielleicht finden, daß unter 50 Kriegen 49 der zweiten Art gewesen sind, d.h. mit einem beschränkten Ziel, nicht auf das Niederwerfen des Gegners gerichtet, so müssen wir wohl glauben, daß dies in der Natur der Sache sei und nicht jedes Mal von falschen Ansichten, Mangel an Energie usw. herrühre. Wir dürfen uns also nicht verleiten lassen, den Krieg wie einen bloßen Akt der Gewalt und der Vernichtung zu betrachten und aus diesem einfachen Begriff mit logischer Konsequenz eine Reihe von Folgerungen zu ziehen, die mit den Erscheinungen der wirklichen Welt gar nicht mehr zusammentreffen, sondern wir müssen darauf zurückkommen, daß der Krieg ein politischer Akt ist, der sein Gesetz nicht ganz in sich selbst trägt, ein wahres politisches Instrument, was nicht selbst wirkt, sondern von einer Hand geführt wird.[...]

 

Nach diesen Entwicklungen brauche ich nicht zu beweisen, daß es Kriege geben kann, wo das Ziel ein noch geringfügigeres ist, eine bloße Drohung, eine bewaffnete Unterhandlung oder, in Fällen von Bündnissen, eine bloße Scheinhandlung. Es wäre ganz unphilosophisch zu behaupten, diese Kriege gingen die Kriegskunst nichts mehr an.“[20]

 

Wenn Herberg-Rothe nunmehr meint, dass die Clausewitz’sche Theorie vor allem die unterschiedlichen Erfahrungen und Beobachtungen, die Clausewitz in den Schlachten von Jena, Moskau und Waterloo machen konnte, reflektiere,[21] dann weist dies zwar in eine zutreffende Richtung, spricht Clausewitz aber in gewisser Hinsicht die notwendige Fähigkeit zur Abstraktion ab. Clausewitz hat vielmehr erkannt, dass es in der ihm bekannten Kriegsgeschichte scheinbar zwei unterschiedliche Formen der Kriegführung gibt. Zum einen solche Kriege, die darauf ausgerichtet sind, den Gegner „zu jedem ferneren Widerstand unfähig zu machen“[22] und andere, die viel geringere Ziele verfolgen, wie z.B. die bloße Inbesitznahme einer Provinz oder das Herbeiführen eines allgemeinen Schadens.[23] Dies hat offensichtlich ganz wesentliche Folgen für den strategischen Entwurf eines Krieges und für die Grundsätze in Bezug auf das ganze Kriegführen.

 

Aber verweilen wir zunächst bei der Frage, was mit der Verschiedenartigkeit der Kriege im Detail gemeint ist. Während Clausewitz anfänglich offensichtlich noch davon ausgegangen war, dass es sich in der Tat um zwei verschiedene Arten des Krieges handelt, besagt der Endstand seiner Ideenentwicklung offensichtlich etwas anderes. Im ersten Kapitel des ersten Buches schreibt er:

 

„Der Krieg der wirklichen Welt ist, wie wir gesehen haben, kein solches Äußerstes, was seine Spannung in einer einzigen Entladung löst, sondern er ist das Wirken von Kräften, die nicht vollkommen gleichartig und gleichmäßig sich entwickeln, sondern die jetzt hinreichend aufschwellen, um den Widerstand zu überwinden, den die Trägheit und die Friktion ihr entgegenstellen, ein anderes Mal aber zu schwach sind, um eine Wirkung zu äußern; so ist er gewissermaßen ein Pulsieren der Gewaltsamkeit, mehr oder weniger heftig, folglich mehr oder weniger schnell die Spannung lösend und die Kräfte erschöpfend; mit anderen Worten mehr oder weniger schnell ans Ziel führend, immer aber lange genug dauernd, um auch noch in seinem Verlauf Einfluß darauf zu gestatten, damit ihm diese oder jene Richtung gegeben werden könne [...].“[24]

 

Die Verschiedenartigkeit der Kriege bezieht sich hier, im Endstand der Theorie, nicht mehr auf zwei grundsätzlich unterschiedliche, von einander zu unterscheidende Begriffe von Krieg. Clausewitz gelang vielmehr eine Vereinigung dieser beiden Begriffe unter dem gemeinsamen Nenner des politischen Instruments bzw. des politischen Zwecks. Die zum Teil erheblichen Unterschiede zwischen den einzelnen Kriegen bestehen derweil freilich fort, sind aber keine Gegensätze mehr, sondern lediglich unterschiedliche Ausprägungen innerhalb ein und desselben Begriffs. Der Krieg ist also immer ein politisches Instrument, wird aber nichtsdestotrotz mit unterschiedlicher Intensität bzw. Heftigkeit geführt. Was aber versteht Clausewitz unter der Intensität des Krieges?

 

Die Antwort darauf ist in den drei Wechselwirkungen zum Äußersten verborgen, die Clausewitz zu Beginn des ersten Kapitels des ersten Buches beschreibt. Diese Wechselwirkungen wurden in der Sekundärliteratur oftmals mit der „ersten Art des Krieges“ gleichgesetzt und zum absoluten, reinen oder idealen Krieg stilisiert. Oben wurde bereits dargelegt, dass die Darstellung dieser Wechselwirkung vor allem dazu geeignet ist, die Idee der absoluten, grundsätzlich zum Äußersten führenden Kriegsführung zu falsifizieren.[25] Hier kommen wir nun zu einer zweiten Funktion dieser Textpassage, die oben nur angedeutet, aber nicht ausgeführt wurde. Wenn nämlich der äußerste Punkt dieser drei Wechselwirkungen im Ergebnis tatsächlich die – wenn auch zum Absurden geführte – äußerste Form der Kriegführung darstellt, dann sind diese drei Größen genau diejenigen Ordnungsfaktoren, mit welchen sich die Intensität der Kriegführung erfassen und beschreiben lässt. Das Produkt der drei in den Wechselwirkungen erfassten Größen bildet somit die Intensität des Krieges im Clausewitz’schen Sinne ab. Vor diesem neuen Hintergrund müssen sie erneut einzeln betrachtet werden.

 

  1. Die erste Wechselwirkung[26] umschreibt den Grad der Gewaltintensität. Dieser ist weniger – wie Herberg-Rothe es versteht – mit der Verrohung der einzelnen Kriegsteilnehmer oder, um auf die Ebene des konkreten Falles zu gehen, mit Gewaltexzessen, die aus blindem, individuellem Hass an der Bevölkerung verübt werden, verbunden, sondern bezieht sich vielmehr auf den nüchtern betrachteten Effekt der Gewaltanwendung. Dabei ist zunächst nicht ganz verständlich, was unter einer Intensivierung der Gewaltanwendung verstanden werden kann. Zunächst könnte dies mit Bezug auf verschiedene Epochen der Kriegsgeschichte technisch bzw. organisatorisch betrachtet werden. „Die Gewalt rüstet sich mit den Erfindungen der Wissenschaften und Künste aus“[27] und steigert sich auf diesem Wege selbst. Immer neue technische oder auch organisatorische Errungenschaften führen dazu, dass der Einzelne effektiver Gewalt anwenden kann. Der mit dem Gewehr ausgerüstete Kämpfer ist offensichtlich in der Gewaltausübung dem mit der Machete bewaffneten überlegen.[28] Diese Perspektive ist zwar sehr nützlich, um das Gewaltverständnis von Clausewitz besser von dem modernen Gewaltverständnis abzugrenzen,[29] sie kann aber das in dieser Wechselwirkung beschriebene Phänomen nur begrenzt erklären. Da das mit Macheten kämpfenden Gemeinwesen offensichtlich über keine Gewehre verfügt, kann es an der Wechselwirkung zumindest kurzfristig gar nicht teilnehmen – mit anderen Worten, es kann sich keine Wechselwirkung ergeben. Ferner wäre auch die Annahme irrwitzig, eine mit Gewehren ausgestattete Streitkraft würde sich in der Gewaltanwendung begrenzen, indem sie die Gewehre zurücklegt und zu Macheten greift.

    Aus diesen Gründen ist es sinnvoller, eine andere Betrachtung vorzuziehen. Aus der subjektiven Perspektive des konkreten Falles stehen einem politischen Gemeinwesen verschiedene Mittel der Gewaltanwendung zur Verfügung, die alle in ihrer Wirkung und in ihrer Nebenwirkung Unterschiede aufweisen. Nehmen wir ein fiktives Beispiel: Eine gegnerische Streitkraft hat sich in einem Dorf verschanzt. Nunmehr gibt es – grob umrissen – verschiedene Möglichkeiten, mit dieser Situation umzugehen, die je einen unterschiedlichen Grad der Gewaltintensität aufweisen: a) das Dorf mit Fernfeuer in Gänze auszulöschen, b) es mit eigenen Kräften zu erobern, c) es zu umschließen, die Besatzung auszuhungern und also zur Aufgabe zu zwingen und d) das Dorf unangetastet lassen und sich auf andere Ziele konzentrieren. Alle Lösungen bis auf a) stellen dabei Mäßigungen in der Gewaltanwendung dar und begründen sich in irgendeiner Weise auf Rücksichtnahmen. Dabei gibt es im Krieg drei echte Gründe, vor dem Absoluten der Gewaltanwendung abzusehen: 1) Die Gewaltanwendung kann dem angestrebten Frieden entgegen stehen, entweder weil sie z.B. eine Gegend zerstört oder Bevölkerung tötet, von der man sich noch einen Nutzen erhofft, oder weil sie den Gegner erzürnt und daher Friedensverhandlungen erschwert. 2) Der Gewaltakt steigert das Risiko der eigenen Kräfte entweder unmittelbar durch den Gewaltakt selbst oder mittelbar durch Vergeltungsakte und Repressalien. Und 3) schließlich können ethische, religiöse oder andere Gründe gegen einen solchen Gewaltakt sprechen, wobei Clausewitz dieser letzten Begründung gegenüber erhebliche Bedenken äußert.[30]

    Aus dieser Perspektive heraus lässt sich die erste Wechselwirkung widerspruchsfrei nachvollziehen. Derjenige, der unter gleichen Bedingungen ein Mehr an Gewalt anwendet, d.h. dessen Gewaltanwendung weniger von Rücksichten welcher Art auch immer begrenzt ist, wird dem Gegner gegenüber überlegen ist. Je weniger die Gewaltanwendung Grenzen erfährt, je mehr sie zu ihren äußersten Mitteln greift und keine Schonung zulässt, desto schwieriger wird ein Kompromissfrieden, desto rücksichtsloser wird auch der Gegner kämpfen, desto größer wird also auch das Risiko. Die Rücksichtslosigkeit der Gewaltanwendung in diesem Sinne ist also der erste Faktor zur Intensität des Krieges.

  2. Die zweite Wechselwirkung[31] thematisiert die Zielsetzung des Krieges. Der äußerste Punkt dessen, was im Krieg erreicht werden kann, worauf die eigenen Aktivitäten also abzielen können, ist es, „den Feind wehrlos zu machen“[32]. Da dies gleichsam die „schlimmste Lage [ist], in die ein Kriegführender kommen kann“[33], wird diese Zielsetzung zugleich die größten Widerstände beim Gegner hervorrufen. Es kann gesagt werden: je höher die eigene Zielsetzung, desto intensiver die Kriegsführung des Gegners; allein dies würde der Wechselwirkung jedoch widersprechen, denn es wäre ein Grund ein eher geringeres Ziel zu wählen und würde somit zu einem wechselseitigen Unterbieten führen. Die Problematik muss also etwas tiefer durchdacht werden; nähern wir uns mit einem abstrakten Beispiel an:

    Ein Akteur verfolgt ein bestimmtes Ziel. Wenn die Widerstände nun zu stark sind, um dies zu erreichen, so ist der erste sich daraus ergebende Schluss, dass er die für die Aktion aufgewendeten Kräfte erhöhen muss. Dies ist jedoch durch die dritte Wechselwirkung[34] abgedeckt und kommt hier somit nicht in Betracht. Der nächste Gedanke ist, dass er seine Handlung wirksamer machen muss, d.h. dass er die verschiedenen zur Verfügung stehenden Mittel ohne Rücksicht auf ggf. unerwünschte Nebeneffekte auswählt. Dies entspräche in etwa der ersten Wechselwirkung und ist entsprechend auch nicht die gesuchte Größe. Hat der Akteur nun also weder die Möglichkeit, seine Anstrengungen zu steigern, noch die Option die Wirksamkeit seiner Handlungen zu vergrößern, so bleibt ihm einzig und allein übrig, seine Handlungen effizienter zu gestalten, d.h. seine Handlungen und Kräfte mehr auf das Ziel zu konzentrieren, Nebenhandlungen und Pausen zu vermeiden, den kürzesten Weg zu nehmen, die Handlungsreihenfolgen zu verdichten usw.

    Ist auf diesem Wege logisch gezeigt worden, dass die Zieleffizienz eine wesentliche Größe ist, um die Intensität einer Handlung zu vergrößern, so ist damit noch nicht der Bezug zur Clausewitz’schen zweiten Wechselwirkung hergestellt worden, die besagt, dass „das Ziel ist, den Feind wehrlos zu machen“[35]. Auf die Betrachtung unterschiedlicher Zielsetzungen im Krieg komme ich später zurück[36]; hier reicht die Feststellung, dass im Krieg verschiedene Ziele verfolgt werden können.[37] Konkret muss also gesagt werden, dass nicht eine beliebige Steigerung der Zieleffizienz die Intensität eines Krieges erhöht, sondern konkret die effiziente Ausrichtung der Streitkräfte auf das Ziel, die gegnerischen Streitkräfte zu zerschlagen. Dieser Gedankengang wird an einem abstrakten Beispiel deutlich.

    Stellen wir uns zwei etwa gleichstarke Akteure vor, die sich miteinander im Krieg befinden. Wenn nun A seine Kräfte nur hälftig darauf ausrichtet, die feindliche Streitkraft zu zerschlagen, die restlichen Kräfte jedoch dazu abstellt, z.B. den Schutz der Bevölkerung vor feindlichen Plünderungen  zu gewährleisten, so ist er dem B bei sonst gleichen Verhältnissen offensichtlich unterlegen, wenn dieser seine Kräfte zu vollumfänglich darauf ausrichtet, die feindlichen Streitkräfte zu zerschlagen.

    In diesem Kontext besagt die zweite Wechselwirkung also, dass bei sonst gleichen Verhältnissen derjenige im Vorteil sein muss, der seine Streitkräfte konsequenter auf das eine Ziel ausrichtet, namentlich die feindlichen Streitkräfte zu zerschlagen. Je mehr sich ein Akteur allerdings an diesem Ziel ausrichtet, desto weniger Handlungsspielraum wird er haben. Ist das Hauptziel der kriegerischen Gewalt z.B. einen allgemeinen Schaden beim Gegner zu erzeugen,[38] so bleibt ein großes Spektrum an Möglichkeiten, dies in die Tat umzusetzen (Plünderungen, Verwüstungen, terroristische Anschläge, Angriff auf feindliche Streitkräfte); ist das Ziel hingegen die Zerstörung der feindlichen Streitkräfte, also das Niederwerfen des Gegners, so ist der Akteur gezwungen, seine Kräfte zu kanalisieren und den Gegner möglichst massiv anzugreifen. Jedwede andere Aktion stört lediglich seine Schlagkraft am entscheidenden Punkt und schwächt somit die Erfolgsaussichten.[39] Ferner gilt, dass je mehr er seine Kräfte darauf ausrichtet, die feindlichen zu zerschlagen, desto mehr muss er auch seine Kräfte exponieren, desto mehr läuft alles konsequent auf eine Entscheidungsschlacht hinaus, desto größer wird sowohl der mögliche Sieg, also auch die mögliche Niederlage, desto größer somit das ganze Risiko. Je strikter also das politische Gemeinwesen das Ziel verfolgt, die feindlichen Streitkräfte zu vernichten, desto weniger Handlungsspielraum wird ihm bleiben, „hinter der Linie des Absolut-Besten zurück[zubleiben]“[40], desto größer wird das gesamte Risiko, desto intensiver ist die Kriegsführung. Die Effizienz, mit welcher die Streitkräfte auf die Vernichtung der anderen Streitkräfte konzentriert werden, ist also der zweite Faktor zur Intensität des Krieges.

  3. Die dritte Wechselwirkung[41] problematisiert schließlich die Kraftaufwendung. Die Anstrengung der Kräfte, die ein kriegerischer Akt einem politischen Gemeinwesen abverlangt, ist dabei wohl mehrdimensional, vielschichtig und somit auch kaum zu berechnen. Ich werde darauf später intensiver eingehen. Hier reicht der oberflächliche Gedanke, dass je mehr ein politisches Gemeinwesen bereit ist, seine vorhandenen Mittel zum Zwecke des Krieges auszuschöpfen, je größer somit die Streitkräfte sind, die es zum Zwecke des Krieges einsetzt, desto höher wird auch der Einsatz, der mit dem Krieg verloren werden kann, desto mehr wird also der Krieg die ganze Existenz des politischen Gemeinwesens umfassen. Die Anstrengung der Kräfte, welche das politische Gemeinwesen zum Zwecke des Krieges unternimmt, ist also der dritte Faktor zur Intensität des Krieges.

 

Es finden sich somit insgesamt drei Faktoren, welche die Intensität der Kriegsführung vollumfänglich erfassen. Dies sind namentlich (1) die Rücksichtslosigkeit des Akteurs in der Gewaltanwendung, (2) die Effizienz, mit welcher der Akteur seine Kräfte auf das Ziel ausrichtet, die feindlichen Streitkräfte zu zerschlagen und (3) die Bereitschaft des Akteurs, seine vorhandenen Mittel (Bevölkerung, Ressourcen, Körperkraft, etc.) auszuschöpfen. Dies umreißt nicht – um kein falsches Verständnis aufkommen zu lassen – die Intensität des gesamten Konflikts, sondern es beschreibt die Intensität der Kriegführung auf einer Seite, denn schließlich wird nicht die absolute Intensität erfasst, sondern die relative: wenn z.B. ein politisches Gemeinwesen bestehend aus hundert Menschen eine Streitkraft von zehn Personen zum Krieg bestimmt, so hat dies aus der subjektiven Sicht des konkreten Akteurs eine höhere Intensität, als wenn ein hundert Millionen umfassender Staat ein Heer von hunderttausend Kämpfern in den Krieg beordert.

 

Wenn Clausewitz also von der Verschiedenartigkeit der Kriege bzw. der Kriegführung spricht oder auch vom Krieg als „ein wahres Chamäleon, [der] in jedem konkreten Fall seine Natur etwas ändert“[42], dann meint er keineswegs jede Form der Verschiedenartigkeit, sondern er bezieht sich konkret auf die Intensität der Kriegsführung. Die Wechselwirkungen belegen dabei auf logischer Basis, dass bei sonst gleichen Verhältnissen derjenige Akteur den Sieg erringen wird, welcher in seiner Kriegsführung intensiver vorgeht als der andere.[43] „Gemäß der inneren Logik des Krieges müssten sich somit die Kriegsparteien diesen Wechselwirkungen unterwerfen [...], um den Krieg siegreich zu führen.“[44] Die Parteien wären zumindest tendenziell „gezwungen, all ihre Kräfte in Raum und Zeit auf einen Punkt zu konzentrieren (dritte Wechselwirkung) und mit einem mit aller Härte vorgetragenen Schlag (erste Wechselwirkung) die Vernichtung der feindlichen Kräfte zu suchen (zweite Wechselwirkung.“[45]

 

Damit sind wir nun bei der wesentlichen Schwierigkeit der Kriegstheorie angelangt, welches Clausewitz die letzten drei Jahre umtrieb: Wenn diese innere Logik greift, warum tendiert dann die Kriegsführung in den meisten Fällen der Geschichte nicht zu dem äußersten Punkt der Intensität, sondern verharrt in einem langsamen, bedächtigen Abmessen der Kräfte? Wie ist es zu begründen, dass es Kriege gibt, die in ihrer Intensität zum Äußersten tendieren, bei denen die politischen Gemeinwesen nahezu alles aufs Spiel setzen, bei denen alle Handlungen sehr gedrungen auf den Punkt gebracht werden müssen, das Ganze ein sehr dynamisches Schauspiel mit großen und entscheidenden Schlachten ist; und warum gibt es andererseits die große Mehrzahl der Kriege, bei denen die Akteure vor allem hin und her manövrieren, ohne recht etwas zu wagen, möglichst nirgends ein Risiko eingehen und der Krieg nur langsam und träge entfaltet wird?

 

Die Antwort ist für den modernen, zivilen Leser vielleicht eine Banalität, für Clausewitz aber, der mehrfach sein Leben für den militärischen Sieg riskiert hat und schließlich auch viele Kameraden hat fallen sehen müssen, muss dies eine wahre Erkenntnis gewesen sein: das Erringen des Sieges ist kein Selbstzweck, sondern er hat einen gewissen Wert für das politische Gemeinwesen – und nach diesem Wert muss sich die Anstrengung und auch das Risiko des Krieges richten. Der Krieg ist somit nur ein Mittel zum Zweck – „und niemals kann das Mittel ohne Zweck gedacht werden.“[46] Damit ist freilich die Schwierigkeit noch nicht gelöst, die verschiedenen Intensitäten der Kriege noch nicht erklärt und der innere Zusammenhang zwischen den verschiedenen Elementen noch nicht dargestellt. Es ist lediglich eine erste Richtungsangabe, „der erste Lichtstrahl, der für uns in den Fundamentalbau der Theorie fällt, der zuerst die großen Massen sondern und sie uns unterscheiden lassen wird.“[47]

 weiter zu III.4 Analytische Einteilung der Kriegstheorie oder III.4.1 Zweck, Ziel und Mittel als Analyseinstrument

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