Oben war es hauptsächlich die Bewegung, die den Angreifer vom Verteidiger unterschied, aber muss sich der Angreifer überhaupt bewegen oder kann er auch z.B. dem Verteidiger auflauern? Darüber ist bisher wenig Klarheit entstanden und dies ist durchaus beabsichtigt. Zwar waren die einzelnen dargelegten Punkte schlüssig und nachvollziehbar, doch hat sich aus alledem kein klares Verständnis von Angriff und Verteidigung herausgebildet. Beide Begriffe sind nach wie vor nicht hinreichend formal definiert und verbleiben in einer nebulösen Bedeutung. Ohne aber die Merkmale der beiden Kriegsformen konkret bezeichnen zu können, lassen sich auch die Konsequenzen dieser Einteilung in keiner Weise richtig bemessen. Somit muss zunächst das Clausewitz’sche Werk nach Merkmalen der jeweiligen Kriegsart durchsucht werden. Dabei finden sich folgende Punkte:

 

  • Der Angriff verfolgt einen positiven Zweck, d.h. er sucht einen Zugewinn und soll einen wie auch immer geartete Vorteil herbeiführen. Die Verteidigung verfolgt hingegen einen negativen Zweck, sie will lediglich den Vorteil des anderen verhindern, d.h. die bestehenden Verhältnisse beibehalten.[1]  Der Angriff gibt folglich einen Stoß, während der Verteidiger diesen abwehrt.[2]

  • Daraus folgt, dass der Angreifer den Zeitpunkt des Stoßes bestimmt und der Verteidiger diesen notwendigerweise abwartet. [3] Der Angreifer hat also die Initiative und gibt den Takt vor, während der Verteidiger darauf nur reagieren kann. Das durch den Leser intuitiv negativ aufgefasste Abwarten stellt Clausewitz bemerkenswerterweise als positiv dar; denn ist der Zweck der Verteidigung das Erhalten, so ist dies solange gewährleistet, wie der Angriff nicht erfolgt. Jedes Abwarten stellt für den Verteidiger also einen Erfolg dar, da er sich solange in einem Vorteil befindet, den der Angreifer ihm durch sein Handeln eigentlich streitig machen will. Des Weiteren ist entgegen der vorherrschenden Meinung die mit dem Angriff verbundene Initiative an sich kein Vorteil; dieser Irrglaube entsteht durch die Annahme, dass mit ihr die Überraschung einhergehe. Allerdings kann auch der Verteidiger überraschen kann und dies teils sogar besser; zunächst durch einen überraschenden Ort der der Verteidigung, zweitens durch ein überraschendes Kräftedispositiv und drittens durch einen überraschenden Gegenangriff.[4]

  • Es ist zu beachten, „daß das Abwarten kein absolutes Leiden werden darf“[5]. Eine absolute Verteidigung also, die nur auf den Erhalt der eigenen Gegenstände, nicht aber auf die Vernichtung feindlicher ausgelegt wäre, die also den Gegenstoß nicht kennen würde, wäre ein absolutes Leiden und würde damit nicht dem Begriff des Krieges entsprechen.[6] Die Verteidigung ist also im Kriege nur denkbar, insofern sie sich mit dem Angriff verbindet, d.h. entweder dieses Prinzip in sich organisch einschließt oder auf diese Gefechtsart hinausläuft, indem sie die Voraussetzungen dafür schafft, den Gegner zu einem späteren Zeitpunkt zurückzuschlagen.[7] Im Gegensatz dazu ist der Angriff auch total denkbar, d.h. ohne dass er das Prinzip der Verteidigung in sich einschließt. Anders als die Verteidigung wäre also ein Angriff auch ohne Beimengung der Verteidigung zweckmäßig.[8] Nichtsdestotrotz muss der Angriff sich mit der Verteidigung verbinden, da der Angriff kein unendliches und ununterbrochenes Prinzip sein kann. Dies hat folgende Hintergründe: a) sobald das Angriffsziel erreicht ist, muss dieses logischerweise verteidigt werden, auf den Zugewinn folgt also der Erhalt desselben; b) das Angriffsziel kann – je größer es ist – nicht in einem räumlich und zeitlich ununterbrochenen Akt verfolgt werden; der Angriff benötigt also zeitliche Pausen und räumliche Beschränkungen. In Zeiten und Räumen, in denen der Angreifer also nicht angreift, kann er selbst angegriffen werden und muss sich dort also verteidigen;[9] c) da die eigentliche Verteidigung das Prinzip des Angriffs in sich schließt, folgt daraus automatisch, dass auch der Angreifer sich Verteidigen muss, wenn er nicht den feindlichen Gegenstößen ungeschützt ausgeliefert sein will. Im Ergebnis sind also beide Formen des Krieges nicht als absolutes anzufinden. Während aber der untergeordnete Angriff aus der Verteidigung heraus etwas positives darstellt und darauf ausgerichtet ist, die Position des Verteidigers zu stärken, ist die untergeordnete Verteidigung für den Angreifer ein Übel, weil sie ihm nur Kraft und Zeit kostet ohne aber tatsächliche Vorteile für den weiteren Angriff herbeizuführen. Der Verteidiger wird also durch das Einbinden des Angriffs stärker, der Angreifer durch das Einbinden der Verteidigung jedoch schwächer.

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    Abbildung 2 - Relatives Stehen des Verteidigers

     

    Der Angreifer bewegt sich auf den Verteidiger zu (vorwärts), der Verteidiger ist relativ stehend oder bewegt sich vom Angreifer weg (rückwärts).[10] Relativ stehend meint hier, dass der Verteidiger ebenso gut auf einem Marsch sein kann, also im absoluten Sinne nicht stehend ist. (Siehe Abbildung 2)

     

     

     

  • Der Angreifer ist der Stärkere, er hat also ein Übergewicht über den Verteidiger. Deshalb darf er den positiven Zweck verfolgen und deshalb darf der Verteidiger dies nicht, sondern muss sich mit dem Erhalt begnügen.[11]

 

All diese verschiedenen Merkmale und Attribute von Angriff und Verteidigung, die wir im Clausewitz’schen Werk finden, können nunmehr auf die vier Faktoren Zweck, Kräfte, Raum und Zeit zurückgeführt werden:

 

Angriff

Verteidigung

Absicht/Zweck

positiv/Zugewinn

negativ/Erhalt

Kräfteverhältnis

überlegen

unterlegen

Raum

relative Bewegung/vorwärts

relativ stehend/rückwärts

Zeit

initiativ/taktgebend

reaktiv/abwartend

 

Tabelle 1 - Merkmale von Angriff und Verteidigung

 

Nun gibt es zwischen diesen verschiedenen Merkmalen eine unverkennbare Korrelation und eine Definition, welche alle vier Elemente beinhalten würde, könnte sicherlich ganz allgemein Idealtypen der beiden Kriegsformen beschreiben. Doch es wäre wohl gegen die Empirie, wenn behauptet werden würde, dass notwendig immer alle diese Elemente gleichzeitig zutreffen würden. Es bleibt also die Frage, welches dieser Merkmale das bestimmende ist, welches letztlich im Zweifel den Angreifer vom Verteidiger unterscheidet.

 

Clausewitz beantwortet diese Frage im sechsten Buch zunächst scheinbar eindeutig, indem er eine Verbindung aus Raum- und Zeitmerkmalen als bestimmend bezeichnet. Darüber hinaus unterscheidet er auch zwischen den verschiedenen Analyseebenen:

 

„Was ist der Begriff der Verteidigung? Das Abwehren eines Stoßes. Was ist also ihr Merkmal? Das Abwarten dieses Stoßes. Dieses Merkmal also macht jedesmal die Handlung zu einer verteidigenden, und durch dieses Merkmal allein kann im Kriege die Verteidigung vom Angriff geschieden werden. [...] Ein partielles Gefecht ist verteidigend, wenn wir den Anlauf, den Sturm des Feindes abwarten; eine Schlacht, wenn wir den Angriff, d. h. das Erscheinen vor unserer Stellung, in unserem Feuer abwarten; ein Feldzug, wenn wir das Betreten unseres Kriegstheaters abwarten.“[12]

 

Noch deutlicher einige Seiten weiter:

 

„Der Begriff der Verteidigung ist das Abwehren; in diesem Abwehren liegt das Abwarten, und dieses Abwarten ist uns das Hauptmerkmal der Verteidigung und zugleich ihr Hauptvorteil gewesen. [...]

 

Eine Verteidigung des Landes also wartet nur den Angriff des Landes, eine Verteidigung des Kriegstheaters den Angriff des Kriegstheaters, eine Verteidigung der Stellung nur den Angriff der Stellung ab. Jede positive und folglich mehr oder weniger angriffsartige Tätigkeit, welche sie nach diesem Augenblick übt, wird den Begriff der Verteidigung nicht aufheben, denn das Hauptmerkmal derselben und ihr Hauptvorteil, das Abwarten, hat stattgefunden.“[13]

 

Diese beiden Passagen würden für sich genommen das Zeit-Raum-Kriterium als das bestimmende Definitionsmerkmal festlegen. Anders als bisher in der Sekundärliteratur[14] angenommen, unterscheidet Clausewitz Angriff und Verteidigung allerdings nicht in drei, sondern in vier verschiedenen Ebenen:

 

Ebene

Raumbezug

Angriff

Verteidigung

Innerhalb des Gefechts; individuelle Kämpfer

Stellung

konkreter Standort der Individuen

Ansturm der Stellung

Abwarten des Ansturms

Gefecht als Ganzheit

Kampfzone/Schlachtfeld

Reichweite der Waffen

Erscheinen in Kampfzone

Abwarten des Erscheinens

Feldzug als Ganzheit

Kriegstheater

Betreten des Kriegstheater

Abwarten des Betretens

Krieg als Ganzheit

Land

Betreten des Landes

Abwarten des Betretens

 

Tabelle 2 - Angriff und Verteidigung nach dem Raum/Zeit-Merkmal

 

Die Absicht dieser Einteilung ist es, auf den verschiedenen Ebenen einen „Totalbegriff“[15] zu definieren, von dem aus eine untergeordnete Zergliederung in Angriff und Verteidigung ohne logischen Bruch möglich ist. Dazu ein vereinfachtes Beispiel:

 

Stellen wir uns A vor, der in das bis dahin von V besetzte Kriegstheater eindringt, so ist V fraglos der Verteidiger auf strategischer Ebene, er führt also einen vollumfänglich defensiven Feldzug, während A einen offensiven führt. Nun können wir uns leicht vorstellen, dass der strategisch verteidigende V nach dem Erscheinen des A nicht länger abwartet,  sondern unverzüglich auf seinen Feind zumarschiert und diesen angreift. Das erste Gefecht wäre für V unter diesen Bedingungen also ein offensives, ohne dass es zum inneren Logikbruch mit der sich auf Raum und Zeit beziehenden Definition kommen würde.[16] Es würde sich hier also um einen taktischen Angriff zum Zwecke der strategischen Verteidigung handeln. Mit anderen Worten: Ein Akteur kann den feindlichen Angriff auf das Kriegstheater abwarten, ohne aber den feindlichen Angriff auf die eigene Stellung abwarten zu müssen.

 

In diesem Sinne ist die Einführung der vierten Ebene eine Notwendigkeit, damit auch unterhalb des Gefechts nochmals zwischen Angriff und Verteidigung unterschieden werden kann, so dass also auch der taktische Verteidiger seine Streitkräfte in Teilgefechten offensiv einsetzten kann. Auf diesem Wege gelingt es Clausewitz vorzüglich, die Angriffs- und Verteidigungshandlungen miteinander zu verbinden, ohne deswegen stets den Totalbegriff in Frage stellen zu müssen. Demnach bliebe der Krieg solange ein Angriffskrieg, bis der Angreifer das gegnerische Land, ein Feldzug solange offensiv, bis der Angreifer das Kriegstheater, ein Gefecht solange offensiv, bis der Angreifer das durch die Reichweite der Waffen definierte Schlachtfeld verlassen haben würde. Schematisch ließe sich dies also wie folgt darstellen:

 

 

 

Abbildung 3 - Schematische Darstellung des Angriffs nach der Zeit-Raum Definition

 

Mit dieser klugen Vermengung von Angriff und Verteidigung unterhalb eines definierten Totalbegriffs stellt sich Clausewitz gegen eine vorherrschende Meinung, welche Angriff und Verteidigung als zwei ganz und gar getrennte Dinge betrachtet, welche also davon ausgeht, dass ein Krieg entweder offensiv oder eben defensiv geführt werden könne, ohne dass es dazwischen Schnittmengen gäbe. Clausewitz bemüht sich vielmehr darzustellen, dass zumindest die Verteidigung notwendigerweise mit dem Angriff verbunden sein muss.[17]

 

Zu diesem Zweck ist die Definition nach dem Raum-Zeit-Kriterium hervorragend geeignet. Clausewitz-Interpreten haben dies zumeist nicht näher hinterfragt. Haben wir nun aber verstanden, dass einem offensiven Feldzug auch immer defensive Gefechte, dass einem offensiven Gefecht auch immer defensive Teilgefechte inhärent sein können bzw. müssen, dann stellt sich nunmehr die Frage, ob diese Definition auch darüber hinaus tragfähig, d.h. allgemeingültig sein kann. Bei tiefgreifender logischer Prüfung der inneren Zusammenhänge tauchen jedoch erhebliche Widersprüchlichkeiten auf.

 weiter zu III.5.3 Kritik an Totalbegriff nach Raum-Zeit-Kriterium

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Kapitel III.5 - Übersicht

  • III.5.1 Erste Überlegungen

       Zunächst einige allgemeine Überlegungen zu den Begriffen von Angriff und Verteidigung. Bei der Betrachtung dieses Themenkomplexes stehen wir Leser vor der großen Problematik, dass beide Begriffe hauptsächlich nur im sechsten und siebten Buch des Hauptwerkes entwickelt werden. In einer seiner letzten[1] Aufzeichnungen schreibt Clausewitz jedoch:   „Das meiste hat mich noch nicht befriedigt, und das sechste Buch ist als ein bloßer Versuch zu betrachten; ich würde es ganz umgearbeitet und den Ausweg anders gesucht haben. [...] Das siebente Buch sollte den Angriff enthalten, wovon die Gegenstände flüchtig hingeworfen sind;“[2]   Da Clausewitz aber im gleichen Schriftstück seine Ansicht wiederholt, „daß die Verteidigung die stärkere Form mit dem negativen Zweck, der Angriff die schwächere mit dem positiven Zweck“[3] sei, und darüber Read More
  • III.5.2 Definitionsmerkmale und Totalbegriff nach Raum-Zeit-Kriterium

       Oben war es hauptsächlich die Bewegung, die den Angreifer vom Verteidiger unterschied, aber muss sich der Angreifer überhaupt bewegen oder kann er auch z.B. dem Verteidiger auflauern? Darüber ist bisher wenig Klarheit entstanden und dies ist durchaus beabsichtigt. Zwar waren die einzelnen dargelegten Punkte schlüssig und nachvollziehbar, doch hat sich aus alledem kein klares Verständnis von Angriff und Verteidigung herausgebildet. Beide Begriffe sind nach wie vor nicht hinreichend formal definiert und verbleiben in einer nebulösen Bedeutung. Ohne aber die Merkmale der beiden Kriegsformen konkret bezeichnen zu können, lassen sich auch die Konsequenzen dieser Einteilung in keiner Weise richtig bemessen. Somit muss zunächst das Clausewitz’sche Werk nach Merkmalen der jeweiligen Kriegsart durchsucht werden. Dabei finden sich folgende Punkte:   Der Read More
  • III.5.3 Kritik an Totalbegriff nach Raum-Zeit-Kriterium

      Die Strategie befasst sich mit dem Gebrauch der Gefechte zum Zweck des Krieges.[1] Der Feldzug wird also begonnen, weil die Strategie ein oder mehrere Gefechte – seien sie offensiv oder defensiv – in dem entsprechenden Kriegstheater zum Zwecke des Krieges bestimmt hat. Sofern das erste Gefecht nicht unmittelbar am Rande des Kriegstheaters stattfindet, muss zwischen dem Beginn des Feldzuges, d.i. das Betreten des feindlichen Kriegstheaters, und dem Beginn des Gefechts, d.i. das Erscheinen vor der feindlichen Stellung, folgerichtig ein zeitlicher und räumlicher Spielraum gedacht werden. Dieses Fenster von Zeit und Raum kann durch den Verteidiger genutzt werden, um seinerseits aktiv zu werden und eben nicht die Maßnahmen des Angreifers abzuwarten. Es ist daher die räumliche und zeitliche Differenzierung zwischen Feldzug und Read More
  • III.5.4 Positiver und negativer Zweck als bestimmendes Merkmal

     Es finden sich sicher noch einige Punkte mehr, die gegen die Idee der Definition von Angriff und Verteidigung nach dem Raum-Zeit-Kriterium gerichtet sind. Ich will es dabei belassen und mich vielmehr darauf konzentrieren, wie Angriff und Verteidigung zielführender und trennschärfer voneinander unterschieden werden können. Nach all den bisherigen Überlegungen ist es schwierig, einen festen Stand zu finden und das bestimmende Definitionsmerkmal von Angriff und Verteidigung festzulegen. Ich möchte ein besonders grenzwertiges Beispiel aufgreifen und glaube, mit diesem sehr präzise den zweifellosen Unterschied zwischen den beiden Kriegsformen herausarbeiten zu können.   Das Beispiel ist der sogenannte Hinterhalt, tendenziell das Mittel des strategischen Verteidigers,[1] denkbar aber sicherlich auch für den strategischen Angriff, wenn damit die feindlichen Versorgungswege gestört werden sollen. Beim Hinterhalt Read More
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