Die Strategie befasst sich mit dem Gebrauch der Gefechte zum Zweck des Krieges.[1] Der Feldzug wird also begonnen, weil die Strategie ein oder mehrere Gefechte – seien sie offensiv oder defensiv – in dem entsprechenden Kriegstheater zum Zwecke des Krieges bestimmt hat. Sofern das erste Gefecht nicht unmittelbar am Rande des Kriegstheaters stattfindet, muss zwischen dem Beginn des Feldzuges, d.i. das Betreten des feindlichen Kriegstheaters, und dem Beginn des Gefechts, d.i. das Erscheinen vor der feindlichen Stellung, folgerichtig ein zeitlicher und räumlicher Spielraum gedacht werden. Dieses Fenster von Zeit und Raum kann durch den Verteidiger genutzt werden, um seinerseits aktiv zu werden und eben nicht die Maßnahmen des Angreifers abzuwarten. Es ist daher die räumliche und zeitliche Differenzierung zwischen Feldzug und einzelnem Gefecht etwas höchst sinnvolles, da der dort entstehende Spielraum das eigentliche Handlungsfeld der Strategie ist, in welcher Kräfte verschoben werden, um an rechter Zeit am rechten Ort zu kämpfen.[2]

 

Wie verhält es sich in diesem Zusammenhang jedoch zwischen der Verteidigung des Landes und der Verteidigung des Kriegstheaters? Unabhängig der komplexen Frage, wem ein Land oder ein Territorium gehört und ob dies unter der Berücksichtigung, dass es sicherlich auch territorial nicht definierbare politische Gemeinwesen geben mag, überhaupt als Grundlage für die Kriegstheorie gelten kann, scheint eine Differenzierung zwischen Land und Kriegstheater nach zeitlichen und räumlichen Kriterien wenig sinnvoll.

 

Fragen wir aber vorerst, was unter dem Begriff ‚Land‘ vorzustellen ist. Zunächst könnte der Begriff Land auch abstrakt im Sinne von Nation, Volk, Staat oder – ganz allgemein – politisches Gemeinwesen verstanden werden, d.h. nicht als räumliche Kategorie. Der Angriff auf ein Land wäre dann z.B. auch eine Beleidigung, eine Misshandlung von im Ausland lebenden Bürgern (‚Landeskindern‘) oder die Verhängung von Handelsembargos. Dieses Verständnis wäre nicht ganz unbegründet und läge durchaus im Bereich des Möglichen, aber wir finden bei Clausewitz nirgendwo einen Hinweis, dass es so sein könnte. Im Gegenteil verwendet er den Begriff regelmäßig im Zusammenhang mit dessen Inbesitznahme oder Eroberung.[3] So spricht er auch oftmals vom „Land mit seiner Oberfläche und Bevölkerung“[4]. Unter dem Begriff Land ist also dasjenige Territorium zu subsumieren, welches sich im Besitz des politischen Gemeinwesens befindet, so wenig konkret wie diese Vorstellung auch sein mag. Land bezeichnet also denjenigen Raum, in welchem das politische Gemeinwesen eine physische und/oder moralische Kontrolle vor dem Krieg ausübt.

 

Dies führt zur ersten Widersprüchlichkeit, denn bei dieser Betrachtung wird offensichtlich, dass das Land zum einen genauso groß sein kann wie das Kriegstheater, was eine Unterscheidung der beiden Dinge überflüssig machen würde, zum anderen aber das Land auch ohne Logikbruch viel kleiner sein könnte als das Kriegstheater. Insbesondere der letzte Fall würde die gesamte Einteilung ins Wanken bringen; aber wir wollen Clausewitz hier noch entgegenkommen und ihm zubilligen, dass dies Ausnahmeerscheinungen sein könnten.

 

Aber selbst unter diesem Entgegenkommen ergeben sich weitere Widersprüche. Zum einen muss das Eindringen in das gegnerische Land notwendig bereits als Feldzug gedacht werden, da es nur die Anordnung von Gefechten sein kann, welche die Streitkräfte in Bewegung setzt. Jede andere Annahme würde den Gedanken verletzen, dass das einzige Mittel im Kriege das Gefecht sei und in diesem alle Fäden des kriegerischen Handelns zusammenlaufen.[5] Auch vom praktischen Gesichtspunkt aus ist das einzige, was dem offensiven Feldzug vorausgeht, die Zusammenziehung der zum Feldzug bestimmten Kräfte. Diese Zusammenziehung kann aber nur schwerlich im feindlichen Land stattfinden. Sie geschieht daher in einem Nachbarland oder auf See. Die darauf folgende Bewegung ist somit auch schon der Feldzug und das Betreten des feindlichen Landes geschieht im Rahmen eines solchen (q.e.d.). Es gibt somit keine zeitliche und räumliche Trennung zwischen dem Beginn des Krieges im Sinne des Betretens des feindlichen Landes und dem Beginn des ersten Feldzuges. Ein offensiver Feldzug im Verteidigungskrieg wäre demnach erst dann möglich, wenn das erste Kriegstheater schon verloren, d.h. in gegnerischer Hand ist. Bestünde ein Land nun nur aus einem einzigen Kriegstheater, so könnte es im Rahmen eines Verteidigungskrieges niemals einen offensiven Feldzug führen.

 

Dieser Gedanke wirkt zwar befremdlich und unnatürlich, aber es wäre noch keine die Definition ungültig machende Unschlüssigkeit. Der entscheidende Widerspruch, auf den ich an dieser Stelle hinaus will, ist jedoch, dass es keine logische Beziehung zwischen den Begriffen Krieg und Land gibt: Die Summe der zeitlich zusammenhängenden Gefechte innerhalb eines Kriegstheaters bildet die Einheit des Feldzuges. Die Summe der Feldzüge bildet wiederum die Einheit des Krieges. Unschlüssig ist aber die Annahme, dass diese Einheit des Krieges auf das Land bezogen sein könnte. So hört zwar der einzelne Feldzug in dem Augenblick auf, in welchem eine Partei das Kriegstheater verlässt und die andere dieses also entweder behauptet oder erobert hat; der Krieg hört jedoch keineswegs auf, wenn eine der Streitkräfte das umkämpfte Land verlassen hat. So weist Clausewitz sogar ausdrücklich auf die Möglichkeit hin, mit den eigenen Streitkräften das Land zunächst aufzugeben und zu einem späteren Zeitpunkt die Rückeroberung zu suchen.[6]

 

Ferner besteht freilich die Möglichkeit, dass im Rahmen des Kulminationspunktes des Angriffs der ursprüngliche Angreifer die notwendige Stärke zum Angriff verliert und also selbst in die Defensive gerät und zurückgedrängt wird. Wird nun in der Rückwärtsbewegung die Landesgrenze überschritten, so wäre dies genau der Zeitpunkt, nach welchem im Rahmen des Totalbegriffs nach dem Raum-Zeit-Kriterium der ursprüngliche Angreifer zum Verteidiger und der Verteidiger zum Angreifer wird. Dies scheint vollkommen willkürlich, da sich an der kriegerischen Tätigkeit nichts ändert und wir keinesfalls erkennen können, dass der neue Verteidiger nun plötzlich einen Vorteil des Abwartens hätte, den er vorher nicht auch gehabt haben könnte.

 

Schließlich bleibt noch eine letzte Widersprüchlichkeit der Raum-Reit-Kriteriums. Wird nämlich in Betracht gezogen, dass Feldzüge auch parallel geführt werden können, so wird ganz und gar offensichtlich, dass der Krieg nicht auf ein Land begrenzt ist, sondern dass – da in dem einen Kriegstheater auf strategischer Ebene ein Vorgehen, in dem anderen aber zur gleichen Zeit eine „Defension“ möglich ist[7] – der Krieg in den Ländern beider Parteien gleichzeitig stattfinden, ein und derselbe Krieg aber nicht zur gleichen Zeit Angriffs- und Verteidigungskrieg sein kann (Siehe Abbildung 4). So muss es als bewiesen gelten, dass der an Zeit und Raum orientierte Totalbegriff ungültig, d.h. in sich selbst widersprüchlich und unschlüssig ist.

 

 

 

Abbildung 4 - Gleichzeitiger Krieg in zwei Ländern. Ungültigkeit des Raum-Zeit-Kriteriums zur Bestimmung von Angriff und Verteidigung

 

Es ist somit festzustellen, dass die Definition von Angriff und Verteidigung mit dem Raum-Zeit-Kriterium als bestimmendes Merkmal die beiden Begriffe nicht trennscharf voneinander unterscheidet. Wenn Clausewitz also in der dem Hauptwerk vorangestellten Notiz feststellt, dass er das sechste Buch ganz umarbeiten und den Ausweg anders suchen wolle,[8] so behaupte ich, dass eine signifikante Schwäche, welche er hierin sah, die strikte Bindung der Kriegstheorie an räumliche Größen ist. Ich werde auf die Bedeutung des Geländes für den Krieg noch zu sprechen kommen, hier ist jedoch festzuhalten, dass Clausewitz diesem Thema im sechsten und siebten Buch einen deutlich zu hohen Stellenwert beimisst und dies seiner Gesamttheorie an und für sich nicht entspricht und den eigentlich angestrebten Abstraktionsgrad nicht aufrecht erhalten kann.

 

Dabei ist nicht nur der Begriff Land problematisch, sondern auch die Vorstellung des Kriegstheaters ist in diesem Sinne wenig zielführend. Ein Feldzug endet offensichtlich nicht automatisch, sobald eine der beiden Partei das Kriegstheater verlässt. Wenn nämlich die andere Partei die erstgenannte über die Grenze des Kriegstheaters hinaus verfolgt, so wäre es ganz und gar wiedersinnig, von einem Ende des Feldzuges zu sprechen, nur weil eine philosophisch gedachte Linie überschritten, die Kombination der Gefechte zeitlich aber in keiner Weise unterbrochen wird. Der Feldzug endet vielmehr genau dann, wenn keine der beiden Parteien weitere Gefechte sucht, sondern alles für eine bedeutsame Zeit zur Ruhe kommt, der Zusammenhang zwischen den einzelnen Gefechten also abreißt, sei es weil das Wetter dazu zwingt, weil die erschöpften Kräfte erholt werden müssen oder weil eine Partei sich von der anderen absetzt ohne dabei verfolgt zu werden. Mit dieser Vorstellung wird auch ersichtlich, dass der Feldzug enden kann, obwohl sich beide Parteien noch auf dem Kriegstheater befinden – woraus auch folgt, dass der nächste Feldzug beginnt, obwohl sich beide Parteien im Kriegstheater befinden. Wie könnte nach dem Totalbegriff hier aber zwischen Angriff und Verteidigung unterschieden werden?

 

Der einzige Nutzen des Begriffs Kriegstheater ist die Erkenntnis, dass aufgrund räumlicher Trennung in ein und demselben Krieg unterschiedliche Feldzüge parallel zueinander und mittelfristig unabhängig voneinander geführt werden können. Dies ist jedoch dynamisch zu betrachten, dass heißt es können zwei Feldzüge zu einem werden oder ein Feldzug kann sich ebenso gut in zwei oder mehrere aufspalten. Ebenso kann ein Angriffskrieg auch defensive Feldzüge und ein Verteidigungsfeldzug auch offensive Feldzüge beinhalten – dies darf aber nicht zu einer faktisch räumlichen Vorstellung des Ganzen führen. Wir sagen also: Das Kriegstheater ist gar kein tatsächlicher, faktisch im Gelände klar darstellbarer Raum, sondern nur die philosophische Vorstellung eines moralischen Wirkungsbereichs der Armee.

 

Über all dies hinaus ist auch das Merkmal des Abwartens, mit welchem die gesamte nachfolgende Handlung als Verteidigung definiert werden soll, fragwürdig. Es wird hiermit nämlich die Verteidigung mit dem Abwarten, der Angriff mit dem Überfall gleichgesetzt. Das Abwarten kann jedoch sowohl dem Angriff als auch der Verteidigung vorweg gehen, es ist beidem allerdings nicht zwingend vorausgesetzt. Schließlich kann auch der Angreifer einen günstigen Moment zum Angriff abwarten und es wäre doch irrig anzunehmen, dass ein überraschend angegriffener Verteidiger den Vorteil des Abwartens auf seiner Seite hätte.

 weiter zu III.5.4 Positiver und negativer Zweck als bestimmendes Merkmal

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Kapitel III.5 - Übersicht

  • III.5.1 Erste Überlegungen

       Zunächst einige allgemeine Überlegungen zu den Begriffen von Angriff und Verteidigung. Bei der Betrachtung dieses Themenkomplexes stehen wir Leser vor der großen Problematik, dass beide Begriffe hauptsächlich nur im sechsten und siebten Buch des Hauptwerkes entwickelt werden. In einer seiner letzten[1] Aufzeichnungen schreibt Clausewitz jedoch:   „Das meiste hat mich noch nicht befriedigt, und das sechste Buch ist als ein bloßer Versuch zu betrachten; ich würde es ganz umgearbeitet und den Ausweg anders gesucht haben. [...] Das siebente Buch sollte den Angriff enthalten, wovon die Gegenstände flüchtig hingeworfen sind;“[2]   Da Clausewitz aber im gleichen Schriftstück seine Ansicht wiederholt, „daß die Verteidigung die stärkere Form mit dem negativen Zweck, der Angriff die schwächere mit dem positiven Zweck“[3] sei, und darüber Read More
  • III.5.2 Definitionsmerkmale und Totalbegriff nach Raum-Zeit-Kriterium

       Oben war es hauptsächlich die Bewegung, die den Angreifer vom Verteidiger unterschied, aber muss sich der Angreifer überhaupt bewegen oder kann er auch z.B. dem Verteidiger auflauern? Darüber ist bisher wenig Klarheit entstanden und dies ist durchaus beabsichtigt. Zwar waren die einzelnen dargelegten Punkte schlüssig und nachvollziehbar, doch hat sich aus alledem kein klares Verständnis von Angriff und Verteidigung herausgebildet. Beide Begriffe sind nach wie vor nicht hinreichend formal definiert und verbleiben in einer nebulösen Bedeutung. Ohne aber die Merkmale der beiden Kriegsformen konkret bezeichnen zu können, lassen sich auch die Konsequenzen dieser Einteilung in keiner Weise richtig bemessen. Somit muss zunächst das Clausewitz’sche Werk nach Merkmalen der jeweiligen Kriegsart durchsucht werden. Dabei finden sich folgende Punkte:   Der Read More
  • III.5.3 Kritik an Totalbegriff nach Raum-Zeit-Kriterium

      Die Strategie befasst sich mit dem Gebrauch der Gefechte zum Zweck des Krieges.[1] Der Feldzug wird also begonnen, weil die Strategie ein oder mehrere Gefechte – seien sie offensiv oder defensiv – in dem entsprechenden Kriegstheater zum Zwecke des Krieges bestimmt hat. Sofern das erste Gefecht nicht unmittelbar am Rande des Kriegstheaters stattfindet, muss zwischen dem Beginn des Feldzuges, d.i. das Betreten des feindlichen Kriegstheaters, und dem Beginn des Gefechts, d.i. das Erscheinen vor der feindlichen Stellung, folgerichtig ein zeitlicher und räumlicher Spielraum gedacht werden. Dieses Fenster von Zeit und Raum kann durch den Verteidiger genutzt werden, um seinerseits aktiv zu werden und eben nicht die Maßnahmen des Angreifers abzuwarten. Es ist daher die räumliche und zeitliche Differenzierung zwischen Feldzug und Read More
  • III.5.4 Positiver und negativer Zweck als bestimmendes Merkmal

     Es finden sich sicher noch einige Punkte mehr, die gegen die Idee der Definition von Angriff und Verteidigung nach dem Raum-Zeit-Kriterium gerichtet sind. Ich will es dabei belassen und mich vielmehr darauf konzentrieren, wie Angriff und Verteidigung zielführender und trennschärfer voneinander unterschieden werden können. Nach all den bisherigen Überlegungen ist es schwierig, einen festen Stand zu finden und das bestimmende Definitionsmerkmal von Angriff und Verteidigung festzulegen. Ich möchte ein besonders grenzwertiges Beispiel aufgreifen und glaube, mit diesem sehr präzise den zweifellosen Unterschied zwischen den beiden Kriegsformen herausarbeiten zu können.   Das Beispiel ist der sogenannte Hinterhalt, tendenziell das Mittel des strategischen Verteidigers,[1] denkbar aber sicherlich auch für den strategischen Angriff, wenn damit die feindlichen Versorgungswege gestört werden sollen. Beim Hinterhalt Read More
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