Zunächst einige allgemeine Überlegungen zu den Begriffen von Angriff und Verteidigung. Bei der Betrachtung dieses Themenkomplexes stehen wir Leser vor der großen Problematik, dass beide Begriffe hauptsächlich nur im sechsten und siebten Buch des Hauptwerkes entwickelt werden. In einer seiner letzten[1] Aufzeichnungen schreibt Clausewitz jedoch:

 

„Das meiste hat mich noch nicht befriedigt, und das sechste Buch ist als ein bloßer Versuch zu betrachten; ich würde es ganz umgearbeitet und den Ausweg anders gesucht haben. [...] Das siebente Buch sollte den Angriff enthalten, wovon die Gegenstände flüchtig hingeworfen sind;“[2]

 

Da Clausewitz aber im gleichen Schriftstück seine Ansicht wiederholt, „daß die Verteidigung die stärkere Form mit dem negativen Zweck, der Angriff die schwächere mit dem positiven Zweck“[3] sei, und darüber hinaus dies auch als einen evidenten Satz bezeichnet,[4] so ist es nicht die generelle Bedeutung von Angriff und Verteidigung, welche Clausewitz in Bezug auf sein sechstes und siebtes Buch in Frage stellt, sondern es sind andere Faktoren. Die Frage, welche dies konkret sein könnten und wie Clausewitz eine Umarbeitung der beiden Bücher möglicherweise beabsichtigte, wurde umfassend von Aron analysiert, der dabei jedoch vorrangig nur die Schwächen dieser Bücher herausarbeitet, mögliche Lösungen jedoch kaum anzubieten vermochte. Im Ergebnis seiner Ausführungen wird lediglich offenbar, dass Clausewitz in dem sechsten und siebten Buch noch zu sehr dem idealen Krieg verhaftet war und in nicht hinreichendem Maße den politischen Standpunkt respektive den dem Krieg vorgeschalteten politischen Zweck in die Theorie einbezogen hatte.[5]

 

Die Herangehensweise von Aron ist unglücklich, weil der Gegenstand, über den verhandelt wird, nicht klar und deutlich definiert ist. Der heutige Betrachter hat in Bezug auf Kriegsterminologie einen vorrangig intuitiven Blick auf die Begriffe Angriff und Verteidigung, weil sie im heutigen Sprachgebrauch normativ belegt werden. Der Verteidiger wird als derjenige angesehen, der sich im Recht befindet, da er nur Dinge, die ihm gehören, verteidigen und also erhalten will. Der Angreifer hingegen will dem Verteidiger etwas abringen, was ihm eigentlich nicht gehört, er ist also der Aggressor und der Unruhestifter. Diese Normierung entspringt der völkerrechtlichen Betrachtung, nach welcher seit 1928 der Angriffskrieg verboten, der Verteidigungskrieg aber legitim ist.[6] Diese Wertung lässt sich allerdings nur mit der Voraussetzung aufrecht erhalten, dass der existierende Status quo in irgendeiner Form ‚gerecht‘ ist, wie auch immer dies definiert sein mag. Ist der Status quo aber ungerecht, stellt er also in sich eine Aggression oder ein Unrecht dar, so kann auch das Erhalten und Verteidigen dieser Ungerechtigkeit nicht gerecht sein, sondern muss als ungerecht verstanden werden und also ist unter diesen Bedingungen der Angriffskrieg das gerechtere Mittel. Erst vor dem Hintergrund, dass der Krieg generell geächtet ist, wird verständlich, dass der Angreifer hier als der Schuldige bezeichnet werden kann, da er den Frieden bricht, wohingegen der Verteidiger vermeintlich nur reagiert.

 

Diese Überlegungen betreffen allerdings allein die Frage nach dem gerechten Krieg, die – wie oben bereits dargelegt wurde – bei Clausewitz keine Rolle spielte und auch in dieser Arbeit nicht mit der eigentlichen Clausewitz’schen Theorie des Krieges vermengt werden soll. Sie wurden hier allein angesprochen, um deutlich zu machen, dass der moderne Leser bei den Begriffen Angriff und Verteidigung sehr schnell in den Bereich dieses anderen Themenkomplexes abdriftet; und so ist es in der Sekundärliteratur vielfach geschehen, dass der Verteidigung, allein weil sie als das gerechtere Mittel angesehen wurde, die stärkere Form zugebilligt wurde.[7]

 

Kommen wir aber auf die Begriffe Angriff und Verteidigung zurück, so muss zunächst entwickelt werden, warum die kriegerische Tätigkeit notwendigerweise in diese zwei Formen zerfallen muss und warum beide Kampfformen etwas ganz verschiedenartiges sind. Stellen wir uns exemplarisch zwei Gemeinwesen A und B vor, die einen Krieg um den Besitz einer Provinz austragen. Darin stellen wir uns alles vereinfacht vor und sagen, dass beide Parteien ihre Kräfte zusammenfassen und alles bei einem einzigen Gefecht entschieden werden soll. In der Theorie könnte nun angenommen werden, es würden beide Streitkräfte aufeinander zu marschieren und sich in der Mitte an einem mehr oder weniger zufälligen Punkt treffen, um den Kampf auszufechten. Es würden also beide Parteien absolut die gleiche Tätigkeit betreiben, sich namentlich gegenseitig angreifen, eine Verteidigung gäbe es nicht. Allein so wäre es, wenn das Verteidigen ein Nachteil wäre.[8] Dazu eine ganz praktische Überlegung.

 

Die Waffenwirkung der Streitkräfte hat nur eine begrenzte Reichweite, d.h. das Gefecht kann nicht spontan und irgendwie beginnen, sondern es beginnt erst konkret dann, wenn die Streitkräfte im Radius ihrer Wirkmöglichkeiten aufeinandertreffen. Die notwendige Voraussetzung für das Gefecht ist also, dass sich mindestens eine Streitkraft auf die andere zu bewegt. Die Bewegung als solche, namentlich der Marsch einer Streitkraft, stellt allerdings bereits eine Anstrengung dar, die sich auf Fähigkeit, Fertigkeit, innere Ordnung usw., d.h. allgemein auf die Kampfkraft negativ auswirkt.[9] Eine marschierende Streitmacht befindet sich also bereits in einem mehr oder weniger bedeutsamen Zustand der Schwäche und Auflösung, wohingegen eine stehende Streitkraft dies nicht tut und also ausgeruhter und geordneter ist. Zwar muss die stehende wachsam sein, da sie jederzeit angegriffen werden kann, doch gilt dies für die sich bewegende Streitkraft gleichermaßen, wenn nicht sogar noch stärker, da es doch schwieriger ist, sich auf dem Marsch zu sichern als in einem Lager oder in einer Stellung, welche gar unter dem Gesichtspunkt der Sicherungsmöglichkeiten gewählt wurde. Zudem liegt es in der Natur der Bewegung, dass ein neuer, unbekannter Raum erreicht wird, wohingegen der Stehende diesen Raum bereits kennt und unter Umständen gar zu seinem Vorteil verändern konnte, je nachdem wie viel Zeit er hatte, um sich dort einzurichten. Stellen wir uns also wieder unsere beiden sich aufeinander zu bewegende Streitkräfte vor, so wird immer derjenige einen Vorteil haben, der vor dem Treffen stehen bleibt und sich zur Verteidigung einrichtet, der sich also angreifen lässt. Wird nun noch hinzugerechnet, dass der Stehende schwieriger zu erkennen ist, als der sich Bewegende, dass also die erste Waffenwirkung dem Verteidiger gehört, sofern dieser nicht überrascht wird, dann wird der Vorteil der Verteidigung umso deutlicher.

 

Ferner ist im Modell der sich gegenseitig Angreifenden der Raum, in welchem das Gefecht stattfindet, zufällig. Das Gefechtsfeld ist aber, wie wir später noch sehen werden, nicht unbedeutend für den Ausgang des Gefechts, d.h. es ist für den einen günstig, für den anderen ungünstig. Will nun eine der beiden Parteien den Raum des Gefechts willkürlich und zu eigenen Gunsten bestimmen, so könnte sie theoretisch Marschgeschwindigkeit oder -weg verändern, doch wäre dies zum einen gegen das Angriffsprinzip, da es bereits etwas Reagierendes und also Verteidigendes in sich hätte und zum anderen könnte dieses Verhalten durch den Gegner gespiegelt und also neutralisiert werden. Allein der Verteidiger kann sich somit in einem für ihn günstigen Gelände einrichten, in welchem er stehen bleibt und sich angreifen lässt. Es ergibt sich hierdurch „der Vorteil der Gegend“[10].

 

Wir finden noch mehr Vorteile der Verteidigung, werden diese aber erst nach und nach kennen lernen. Ebenso gibt es freilich Vorteile des Angreifers, die durchaus überwiegen können.[11] An dieser Stelle reichte es aber festzustellen, dass es unterschiedliche Dinge sind, die Verteidigung und Angriff vorteilhaft werden lassen. Dies hat eine maßgebliche Implikation, denn sofern die kriegerische Tätigkeit beidseitig einförmig wäre, also beide einander angreifen würden, so wäre dies nur durch einen Fehler zu erklären, da die Vor- und Nachteile des einen die Vor- und Nachteile des anderen zu einem gewissen Grade neutralisieren würden. Zur Verdeutlichung sei beispielsweise die im Angriff entstehende Stoßkraft genannt.

 

„Der Krieg ist ein Stoß entgegengesetzter Kräfte aufeinander, woraus von selbst folgt, daß die stärkere die andere nicht bloß vernichtet, sondern in ihrer Bewegung mit fortreißt.“[12]

 

Der Angriff hat also durch die ihm eigene Bewegung und Dynamik den Vorteil, dass er eine Stoßkraft entwickelt, die geeignet ist, den anderen mit fortzureißen. Denken wir uns jedoch einen beidseitigen Angriff, so wird nicht jeder den jeweils anderen mitreißen, sondern notwendigerweise wird der Stärkere die Stoßkraft des anderen überbieten und diesem einen entgegengesetzten Impuls geben. Der Schwächere kann also von dem eigentlichen Vorteil des Angriffs keinen Gebrauch mehr machen, weil dieser neutralisiert wird. Wenn also der Schwächere im Vorfeld die Lage richtig erkennt, so wird er einschätzen, dass die Vorteile des Angriffs für ihn neutralisiert werden und er wird daher logischerweise die Vorteile der Verteidigung wählen – bildlich könnte dies als Vorteil des sicheren Stands bezeichnet werden. Durch die Wahl der anderen Gefechtsart entzieht sich der Verteidiger also dem „Prinzip der Polarität“[13] und macht sich Vorteile zu eigen, welche ihm als Angreifer aufgrund seiner andersartigen Tätigkeit nicht gegeben wären.

 

Dies ist aber nur eine Form der Betrachtungsweise des Themenkomplexes Angriff und Verteidigung, die scheinbar davon ausgeht, dass ein Akteur wählen könnte, welche der beiden Rollen er einnimmt, je nachdem welche vorteilhafter ist. Dies ist allerdings nur zutreffend, sofern wir uns zeitlich vor dem ersten Gefecht befinden. Hier könnte der Unterlegene theoretisch noch die Absicht verfolgen, den Überlegenen anzugreifen und andersherum. Sobald wir uns aber das Zusammentreffen selbst vorstellen wird deutlich, dass derjenige mit dem Übergewicht durch den Unterlegenen nicht nachhaltig aufgehalten werden kann, sondern mit seiner Streitmacht weiter vorschreitet, während der Unterlegene in eine Rückwärtsbewegung verfallen muss, sofern er überhaupt weiterhin existent sein soll. Wenn also Angriff und Verteidigung vorrangig durch Vorwärtsbewegung einer- und Stehen bzw. Rückwärtsbewegung andererseits definiert werden, so ist noch offensichtlicher, dass die kriegerische Handlung in diese beiden Seiten zerfallen muss, sofern sich beide Parteien überhaupt treffen.

 weiter zu III.5.2 Definitionsmerkmale und Totalbegriff nach Raum-Zeit-Kriterium

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Kapitel III.5 - Übersicht

  • III.5.1 Erste Überlegungen

       Zunächst einige allgemeine Überlegungen zu den Begriffen von Angriff und Verteidigung. Bei der Betrachtung dieses Themenkomplexes stehen wir Leser vor der großen Problematik, dass beide Begriffe hauptsächlich nur im sechsten und siebten Buch des Hauptwerkes entwickelt werden. In einer seiner letzten[1] Aufzeichnungen schreibt Clausewitz jedoch:   „Das meiste hat mich noch nicht befriedigt, und das sechste Buch ist als ein bloßer Versuch zu betrachten; ich würde es ganz umgearbeitet und den Ausweg anders gesucht haben. [...] Das siebente Buch sollte den Angriff enthalten, wovon die Gegenstände flüchtig hingeworfen sind;“[2]   Da Clausewitz aber im gleichen Schriftstück seine Ansicht wiederholt, „daß die Verteidigung die stärkere Form mit dem negativen Zweck, der Angriff die schwächere mit dem positiven Zweck“[3] sei, und darüber Read More
  • III.5.2 Definitionsmerkmale und Totalbegriff nach Raum-Zeit-Kriterium

       Oben war es hauptsächlich die Bewegung, die den Angreifer vom Verteidiger unterschied, aber muss sich der Angreifer überhaupt bewegen oder kann er auch z.B. dem Verteidiger auflauern? Darüber ist bisher wenig Klarheit entstanden und dies ist durchaus beabsichtigt. Zwar waren die einzelnen dargelegten Punkte schlüssig und nachvollziehbar, doch hat sich aus alledem kein klares Verständnis von Angriff und Verteidigung herausgebildet. Beide Begriffe sind nach wie vor nicht hinreichend formal definiert und verbleiben in einer nebulösen Bedeutung. Ohne aber die Merkmale der beiden Kriegsformen konkret bezeichnen zu können, lassen sich auch die Konsequenzen dieser Einteilung in keiner Weise richtig bemessen. Somit muss zunächst das Clausewitz’sche Werk nach Merkmalen der jeweiligen Kriegsart durchsucht werden. Dabei finden sich folgende Punkte:   Der Read More
  • III.5.3 Kritik an Totalbegriff nach Raum-Zeit-Kriterium

      Die Strategie befasst sich mit dem Gebrauch der Gefechte zum Zweck des Krieges.[1] Der Feldzug wird also begonnen, weil die Strategie ein oder mehrere Gefechte – seien sie offensiv oder defensiv – in dem entsprechenden Kriegstheater zum Zwecke des Krieges bestimmt hat. Sofern das erste Gefecht nicht unmittelbar am Rande des Kriegstheaters stattfindet, muss zwischen dem Beginn des Feldzuges, d.i. das Betreten des feindlichen Kriegstheaters, und dem Beginn des Gefechts, d.i. das Erscheinen vor der feindlichen Stellung, folgerichtig ein zeitlicher und räumlicher Spielraum gedacht werden. Dieses Fenster von Zeit und Raum kann durch den Verteidiger genutzt werden, um seinerseits aktiv zu werden und eben nicht die Maßnahmen des Angreifers abzuwarten. Es ist daher die räumliche und zeitliche Differenzierung zwischen Feldzug und Read More
  • III.5.4 Positiver und negativer Zweck als bestimmendes Merkmal

     Es finden sich sicher noch einige Punkte mehr, die gegen die Idee der Definition von Angriff und Verteidigung nach dem Raum-Zeit-Kriterium gerichtet sind. Ich will es dabei belassen und mich vielmehr darauf konzentrieren, wie Angriff und Verteidigung zielführender und trennschärfer voneinander unterschieden werden können. Nach all den bisherigen Überlegungen ist es schwierig, einen festen Stand zu finden und das bestimmende Definitionsmerkmal von Angriff und Verteidigung festzulegen. Ich möchte ein besonders grenzwertiges Beispiel aufgreifen und glaube, mit diesem sehr präzise den zweifellosen Unterschied zwischen den beiden Kriegsformen herausarbeiten zu können.   Das Beispiel ist der sogenannte Hinterhalt, tendenziell das Mittel des strategischen Verteidigers,[1] denkbar aber sicherlich auch für den strategischen Angriff, wenn damit die feindlichen Versorgungswege gestört werden sollen. Beim Hinterhalt Read More
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