Kapitel III - Grundlagen der Theorie des Krieges

  • III.2 Erkenntnisinteresse und Perspektive der Theorie

        Die Klärung des Kriegsbegriffs kann aber nur als ein aller erster Schritt zum Verständnis von Clausewitz gedacht werden. „Es ist überhaupt nichts so wichtig im Leben“, schreibt der Kriegsphilosoph, „als genau den Standpunkt auszumitteln, aus welchem die Dinge aufgefasst und beurteilt werden müssen, und an diesem festzuhalten; denn nur von einem Standpunkte aus können wir die Masse der Erscheinungen mit Einheit auffassen, und nur die Einheit des Standpunktes kann uns vor Widersprüchen sichern.“[1] Ein Historiker betrachtet den Krieg aus anderem Blickwinkel und mit anderen Schwerpunkten als ein Soziologe oder ein Politologe. Die Intention einer theoretischen Analyse wie Clausewitz sie verfasst hat muss bei dem Verständnis und der Bewertung derselben stets eine große Rolle spielen. In diesem Kapitel soll Read More
  • III.3 Verschiedenartigkeit der Kriege als wesentliche Schwierigkeit

        Es ist in der heutigen Clausewitz-Forschung weitestgehend unstrittig, dass der Kriegsphilosoph in den letzten Jahren seines Lebens und theoretischen Schaffens im Wesentlichen mit einem letzten, allerdings sehr entscheidenden theoretischen Problem im Rahmen seiner Kriegstheorie befasst war. Dabei ging es um den Gegensatz zwischen zwei verschiedenen Kriegsarten, namentlich um die „doppelte Art des Krieges“[1] und um die besondere Herausforderung, diese Verschiedenartigkeit in einer einzigen Theorie des Krieges auf einen Nenner zu bringen. Diese beiden scheinbar gegensätzlichen Ausprägungen wurden von den Clausewitz-Interpreten unterschiedlich benannt: Entgrenzter und begrenzter Krieg[2], absoluter und realer Krieg[3], reiner und wirklicher Krieg[4], instrumenteller und existentieller Krieg[5], idealer und realer Krieg[6], um nur einige Begriffsgegenpaare zu nennen. Dabei ist ebenfalls unstrittig, dass die wie auch immer geartete Read More
  • III.4 Analytische Einteilung der Kriegstheorie

      Vor der detaillierten Analyse der Clausewitz’schen Kriegstheorie, muss zunächst ein grundsätzlicher Überblick über die Einteilung der Kriegstheorie geschaffen werden, damit die Aufteilung dieses Teils der Arbeit sowie meine weitere Vorgehensweise verständlicher wird. Dabei müssen drei verschiedene Aspekte beleuchtet werden: Erstens die Relation von Zweck, Ziel und Mittel, mit welcher Clausewitz das Handeln erklärt, zweitens die Einteilung des Krieges in Feldzüge und Gefechte sowie drittens das Zusammenbringen dieser Aspekte mit der Intensität des Kriegführens. Dieser erste Überblick soll derweil nicht in die Tiefe gehen, sondern nur eine erste Orientierung vermitteln, damit die folgenden Teile der Arbeit, welche die einzelnen Aspekten in der Tiefe untersuchen sollen, verständlicher werden. Weiter zu III.4.1 Zweck, Ziel und Mittel als Analyseinstrument   Read More
  • III.5 Grundlagen des Angriffs-Verteidigungs-Komplexes

      Ein weiteres komplexes und elementares Thema im Zusammenhang mit Clausewitz ist die generelle Einteilung des kriegerischen Handelns in Angriff und Verteidigung sowie die umstrittene Aussage, dass „die Verteidigung die stärkere Form [des Krieges] mit dem negativen Zweck, der Angriff die schwächere mit dem positiven Zweck ist“[1]. In der Sekundärliteratur nimmt diese Thematik eine wenn auch nachgeordnete, aber dennoch zumindest regelmäßig betrachtete Rolle ein. Vereinzelte Arbeiten befassen sich gar hauptsächlich mit diesem Problemkreis.[2]   Die dem Krieg systematisch immanente Einteilung in Angriff und Verteidigung[3] ist bei der Betrachtung konventioneller Kriege einleuchtend und würde keiner weiterer Klärung bedürfen. Vor diesem Hintergrund wurde der Themenkomplex in der bisherigen Sekundärliteratur vorrangig mit zwei Schwerpunkten analysiert: Zum einen durch die Analysten der Clausewitz’schen Methode, Read More
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I. Grundlagen der Theorie des Krieges

 

Nach der vorangegangenen ersten Analyse der gesellschaftspolitischen Aspekte, welche der Kriegstheorie des Carl von Clausewitz implizit einen Rahmen vorgeben, soll der Fokus der Aufmerksamkeit nunmehr auf die Kriegstheorie im eigentlichen Sinne gelegt werden. Dabei hat die Betrachtung des gesellschaftstheoretischen Aspektes den Blick bereits geschärft und den Begriffen Krieg, Politik und Gewalt einen bedeutungsvollen Inhalt gegeben.

 

Demnach zergliedert sich die idealtypische Welt in politische Gemeinwesen, welche vor allem durch das innergesellschaftliche Band der moralischen Gewalt zu einzelnen, individuellen Subjekten vereint sind. Diese Personenverbände bilden einen Willen, welchen sie nach außen, gegenüber anderen politischen Gemeinwesen vertreten müssen. Die vertretene Absicht kann sowohl positiver Art sein, d.h. sie kann darauf ausgerichtet sein, die bestehende Ordnung bzw. das bestehende Verhältnis zum eigenen Vorteil zu verändern, sie kann aber auch ein negatives Vorzeichen haben und darauf abzielen, die bestehende Situation zu bewahren, also eine nachteilige Veränderung der Verhältnisse durch andere zu verhindern. Beides kann gleichermaßen als politischer Wille verstanden werden. Dieser ist für die Politik und insbesondere für das politische Handeln allerdings nur dann von bedeutendem Interesse, wenn ein Gegenspieler existiert, welcher die entsprechende Absicht unter umgekehrtem Vorzeichen verfolgt. Will ein Akteur also eine positive politische Absicht verwirklichen, ohne dass es einen anderen Akteur gibt, der dieser Absicht entgegensteht, so wäre kein politisches Handeln im eigentlichen Sinne erforderlich, sondern nur ein faktisches Handeln, welches keiner Strategie bedürfte, da es allein gegen materielle Widerstände gerichtet ist. Noch offensichtlicher ist dies bei einem negativen Willen, der ohne aktiven Gegenspieler bereits verwirklicht wäre.

 

Politisches Handeln setzt also immer einen Interessenkonflikt voraus, in dem die eine Partei eine für sich positive Veränderung sucht, während die andere den bestehenden Zustand beibehalten möchte oder zumindest die Partei mit positivem Interesse an der Verwirklichung ihrer Absicht hindern will. Das politische Handeln ist somit dadurch gekennzeichnet, dass es nicht unmittelbar auf die Verwirklichung der Absicht abzielt, sondern in seinem Kern darauf ausgerichtet ist, den Gegner dazu zu bewegen, seine jeweilige positive oder negative Absicht aufzugeben und damit erst die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen, um den eigentlichen Willen zu verwirklichen.

Die Politik verfügt dazu über ein breites Instrumentarium, welches sich im Wesentlichen unter den beiden Oberbegriffen Diplomatie und Krieg zusammenfassen lässt. Während die Politik mittels Diplomatie durch „Schrift und Sprache“[1] versuchen kann, einen Konsens bzw. einen Ausgleich zu finden, sei es durch Überredung, Überzeugung oder Handel, kann sie ebenso mittels Krieg durch physischer Gewalt den Gegner zur Aufgabe seines Willens zu zwingen. Beide Mittel sind dabei im Übrigen nicht losgelöst voneinander, sondern eng verwoben, denn so wie die Fähigkeit zum Kriegführen den Worten der Diplomatie mehr Gewicht verleiht, so wird die Diplomatie dem Krieg Verbündete beschaffen und auf diesem Wege die kriegerischen Möglichkeiten eines Akteurs stärken oder andererseits schwächen.



[1]                 Clausewitz, Kriege, S. 991.

 

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