Kapitel IV - Politische Dimension: Umfang der Kräfte

  • IV.1 Einleitung

     Oben wurde gesagt, dass Clausewitz seine Kriegstheorie vom Einfachen über das Zusammengesetzte zum Ganzen entwickeln wollte.[1] Es müsste daher naheliegen es ihm nach zu tun, zunächst die taktische, dann die strategische und schließlich die politische Dimension des Krieges zu untersuchen. Wenn ich dies nun genau in umgekehrter Reihenfolge angehe und mit der Betrachtung der politischen Ebene beginne, so gibt es dazu Gründe.   Zunächst setzt das Beginnen mit der untersten Ebene bereits eine tiefgreifende Vorstellung vom Ganzen voraus, da ansonsten das Einzelne nur schwer verständlich ins Ganze eingegliedert werden kann. Das prinzipielle Verständnis des Krieges als Mittel zum Zweck bzw. als Instrument der Politik war spätestens seit Machiavelli eine gemeinhin bekannte Vorstellung und daher konnte Clausewitz dieses bei seinen am Read More
  • IV.2 Eigentümliche Natur des Mittels „Krieg“

     Für Clausewitz war der Krieg ein politisches Instrument, welches sich aber in besonderer Form aufgrund seiner konkreten Natur von anderen politischen Instrumenten unterschied:   „So sehen wir also, daß der Krieg nicht bloß ein politischer Akt, sondern ein wahres politisches Instrument ist, eine Fortsetzung des politischen Verkehrs, ein Durchführen desselben mit anderen Mitteln. Was dem Kriege nun noch eigentümlich bleibt, bezieht sich bloß auf die eigentümliche Natur seiner Mittel.“[1]   Aber worin mag diese Eigentümlichkeit liegen? Auf die Frage, was die politisch instrumentelle Gewalt von anderen politischen Handlungen unterscheiden könnte, scheint es dem heutigen Interpreten eine ganz naheliegende, beinahe banale Antwort zu geben: Die Anwendung von Gewalt oder präziser: das Töten. Schon Kant ließ in seinem Werk „Zum ewigen Frieden“ Read More
  • IV.3 Erste Orientierung: politischer Zweck, Interesse, Willenskraft

      Wir haben nun die eigentümliche Natur des politischen Instruments Krieg etwas näher kennengelernt. Nun gilt es einen Schritt zurück zu gehen, mehr das politische Ganze in die Perspektive zu rücken und auf die Rahmenbedingungen des Krieges zu kommen, nämlich auf seine Ursache, den politischen Zweck, den die Politik realisieren will.   Die Politik setzt den Krieg ein, um den Willen des Gegners zum Widerstand zu brechen (Ziel), damit der eigene politische Wille realisiert werden kann (Zweck).[1] Dieser Gedanke soll gewissermaßen der Ausgangspunkt der weiteren Überlegungen sein. Die bisherige Literatur über Clausewitz setzt sich mit dem Zweck des Krieges in unterschiedlicher Weise auseinander. Herberg-Rothe untersucht den Zweckbegriff sehr ausführlich vor allem in Hinblick auf die Zweck-Ziel-Mittel-Relation und kommt dabei auf Read More
  • IV.4 Der Wille zum Krieg: Wunderliche Dreifaltigkeit

       Das erste Buch des ersten Kapitels befasst sich maßgeblich mit der Frage „Was ist der Krieg?“[1] und versucht in diesem Zusammenhang zu erklären, warum es Kriege mit unterschiedlichen Intensitätsgraden gibt.[2] In diesem Kontext ist es naheliegend, die Antwort auf diese Frage im letzten Absatz dieses Kapitels zusammengefasst vorzufinden, zumal dieser unter der Überschrift „Resultat für die Theorie“ steht. Dieser zusammenfassende, oft und vielfach diskutierte Absatz, stellt für die bisherige Clausewitz-Forschung bis heute jedoch ein „Rätsel“[3] dar. Er soll in seiner ganzen Länge einmal abgebildet und im Anschluss detailliert analysiert werden:   „28. Resultat für die Theorie   Der Krieg ist also nicht nur ein wahres Chamäleon, weil er in jedem konkreten Falle seine Natur etwas ändert, sondern er ist Read More
  • IV.5 Überwindung des gegnerischen Willens als Ziel der Kriegführung

      In einigen Arbeiten über Clausewitz ist zu lesen, dass für ihn der Zweck der Strategie, also in der hier vertretenen Diktion das Ziel des Krieges, letztlich der Frieden gewesen sei. Sicherlich, wird eingeräumt, sei dies nicht ein genereller, sondern ein bestimmter Frieden, aber immerhin der Frieden.[1] Dies wird von der Clausewitz‘schen Aussage abgeleitet, man müsse „den Zweck als erreicht und das Geschäft des Krieges als beendet ansehen“[2], sobald der Friede geschlossen sei. Der Gehalt beider Aussagen scheint jedoch begrenzt und vor allem wenig zusammenhängend. Clausewitz äußert hier zumindest vom theoretischen Standpunkt aus fast eine Tautologie, nach welcher der Krieg beendet sei, sobald der Friedensschluss gefasst ist. Versteht man Frieden jedoch als Abwesenheit von Krieg, so ist die Aussage, dass Read More
  • IV.6 Unterschiede zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg

      Nachdem bis hierher die politische Dimension des Krieges recht allgemein betrachtet und durchaus schon eine präzise Vorstellung von dem entwickelt wurde, was Zweck, Ziel und Mittel des Krieges betrifft, so muss an dieser Stelle erneut der Angriffs- und Verteidigungskomplex aufgegriffen werden. Ich habe dazu im Kapitel III.5 bereits die Grundlagen dargelegt. Hier soll dies Thema nun auf der politischen Ebene erörtert werden.   Bisher wurde der Krieg als beidseitig uniform gedacht. Beide Parteien hatten entgegengesetzte Interessen und führten Krieg zur Lösung des Konfliktes, d.h. zur Durchsetzung ihres Interesses. Vom objektiven Standpunkt aus war der Gegenstand, um welchen gefochten wurde, für beide Parteien ein- und derselbe. Wenn jedoch der kriegerische Akt auf den unterschiedlichen Ebenen immer in die beiden Gegensätze Read More
  • IV.7 Zusammenfassung

       Bisher wurde festgestellt, dass Clausewitz das politische Gemeinwesen als einheitlichen, souveränen Akteur betrachtet, welcher mittels politischem Verkehr, sei es Diplomatie (Schrift und Sprache) oder Krieg (Gewalt), seine Interessen gegenüber anderen politischen Gemeinwesen vertritt. Dieser politische Wille ist dabei im Allgemeinen unbestimmt, d.h. er ist im konkreten Fall individuell und kann sich prinzipiell auf alle materiellen und immateriellen Gegenstände beziehen. Es beginnt beim Willen zur eigenen Freiheit und Existenz und reicht bis zum Willen zur Unterwerfung oder Vernichtung anderer Völker. Ob sich der Wille auf die internationale Durchsetzung von allgemeinen Menschenrechten, einer Ideologie oder einer Religion bezieht, ob er wirtschaftlichen, philosophischen oder juristischen Interessen entspringt, ist für die Clausewitz’sche Theorie zunächst vollkommen gleichgültig. Voraussetzung für den Krieg oder überhaupt für Read More
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