Oben wurde gesagt, dass Clausewitz seine Kriegstheorie vom Einfachen über das Zusammengesetzte zum Ganzen entwickeln wollte.[1] Es müsste daher naheliegen es ihm nach zu tun, zunächst die taktische, dann die strategische und schließlich die politische Dimension des Krieges zu untersuchen. Wenn ich dies nun genau in umgekehrter Reihenfolge angehe und mit der Betrachtung der politischen Ebene beginne, so gibt es dazu Gründe.

 

Zunächst setzt das Beginnen mit der untersten Ebene bereits eine tiefgreifende Vorstellung vom Ganzen voraus, da ansonsten das Einzelne nur schwer verständlich ins Ganze eingegliedert werden kann. Das prinzipielle Verständnis des Krieges als Mittel zum Zweck bzw. als Instrument der Politik war spätestens seit Machiavelli eine gemeinhin bekannte Vorstellung und daher konnte Clausewitz dieses bei seinen am Kriege interessierten Lesern prinzipiell voraussetzen.[2] In diesem Kontext war lediglich strittig, inwieweit die Politik während eines Krieges auf denselben Einfluss nehmen konnte und sollte, inwieweit also der Zusammenhang zwischen den verschiedenen Ebenen existent und verbindlich war und in welcher Form der Zweck das Mittel bestimmen sollte und konnte.[3] Heute haben die politische Ächtung des Krieges, die Schrecken des Zweiten Weltkrieges und schließlich die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen einerseits und ein geändertes Verständnis vom Politikbegriff andererseits zunehmend zu einem anderen, eher diffusen Verständnis des Krieges geführt. Die simple Aussage, der Krieg sei „eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“[4], ist nicht nur keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern wird sowohl von Kritikern[5] als auch von Fürsprechern[6] gehörig missverstanden. Dieses geänderte Verständnis macht den heutigen Zugang zur Clausewitz’schen Kriegstheorie schwieriger und eine Vorgehensweise vom Einfachen zum Zusammengesetzten nahezu unverständlich.

 

Ferner glaube ich allerdings auch, dass Clausewitz im Endstand seiner Theoriebildung selbst den Krieg eher andersherum, also vom Ganzen zum Einfachen dargestellt hätte. Der jüngere Clausewitz war, als er sein Werk begann und somit die Grobstruktur des Werkes vorgab, noch von einer dominierenden inneren Logik des Krieges ausgegangen und hatte also das Ganze vornehmlich durch das Einzelne beherrscht gesehen. Er ging anfangs davon aus, dass der Krieg inhaltlich von seinem Zweck losgelöst und als unabhängiger, selbstständiger Komplex betrachtet werden konnte.[7] Von diesem Standpunkt aus ist es freilich treffend, zunächst die taktische Ebene zu betrachten, welche schließlich durch die dominierende Relevanz der Waffenentscheidung den Krieg als Ganzes bestimmen muss. Erst im weiteren Verlauf seiner Überlegungen, spätestens bei der Bearbeitung seines letzten Buches über den „Kriegsplan“[8], sind ihm dabei jedoch massive Widersprüche entgegengetreten. Es kam zum Wendepunkt im Denken[9] und zu der Vollendung der Erkenntnis, dass das Mittel nicht ohne Zweck gedacht werden darf und schließlich die Politik, welche sich dem Krieg bedient, diesen notwendigerweise auch massiv bestimmen muss.[10] Mit dieser Erkenntnis ist es allerdings auch konsequent und folgerichtig, mit der Betrachtung der politischen Dimension des Krieges zu beginnen und vom Zusammengesetzten zum Einfachen vorzugehen.

 

Ich will mich also in diesem Kapitel zunächst der politischen Dimension des Krieges widmen. Dabei betone ich nochmals, dass es sich hierbei um eine analytische Differenzierung verschiedener gedanklicher Ebenen handelt und nicht etwa um Entscheidungsebenen des wirklichen Lebens in dem Sinne, dass hierunter unterschiedliche individuelle Entscheidungsträger verstanden werden müsste. Für die politische Ebene ist der Krieg als Ganzes ein Mittel, um den Zweck, den politischen Willen, zu erfüllen. Dieser Wille kann jedoch nicht unmittelbar erfüllt werden, da ihm ein feindlicher Wille entgegensteht. Diesen feindlichen Willen zu brechen ist daher das Ziel, welches mit dem Krieg als Voraussetzung zur Erfüllung des Zwecks erreicht werden soll. Die sich hieraus ergebenden Aspekte sollen im Folgenden näher untersucht werden.

 

weiter zu IV.2 Eigentümliche Natur des Mittels „Krieg“



[1]                 Clausewitz, Kriege, S. 191.

[2]                 Vgl. Heuser, Clausewitz, S. 55 f.

[3]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 990 ff.

[4]                 Clausewitz, Kriege, S. 210.

[5]                 Vgl. Creveld, Zukunft, S. 188 ff.

[6]                 Vgl. Herberg-Rothe, Rätsel, S. 10 ff.

[7]                 Vgl. Clausewitz, Strategie, S. 20 f.

[8]                 Clausewitz, Kriege, S. 947.

[9]                 Vgl. Heuser, Clausewitz, S. 38 ff.

[10]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 990 ff.

 

0
0
0
s2sdefault