Für Clausewitz war der Krieg ein politisches Instrument, welches sich aber in besonderer Form aufgrund seiner konkreten Natur von anderen politischen Instrumenten unterschied:

 

„So sehen wir also, daß der Krieg nicht bloß ein politischer Akt, sondern ein wahres politisches Instrument ist, eine Fortsetzung des politischen Verkehrs, ein Durchführen desselben mit anderen Mitteln. Was dem Kriege nun noch eigentümlich bleibt, bezieht sich bloß auf die eigentümliche Natur seiner Mittel.“[1]

 

Aber worin mag diese Eigentümlichkeit liegen? Auf die Frage, was die politisch instrumentelle Gewalt von anderen politischen Handlungen unterscheiden könnte, scheint es dem heutigen Interpreten eine ganz naheliegende, beinahe banale Antwort zu geben: Die Anwendung von Gewalt oder präziser: das Töten. Schon Kant ließ in seinem Werk „Zum ewigen Frieden“ verlauten: „der Krieg ist darin schlimm, daß er mehr böse Leute macht als er deren wegnimmt.“[2] Die moderne Kriegs- und Konfliktforschung umschreibt umfassend die negativen Auswirkungen durch Gewalterfahrung und Gewaltanwendung.[3] Der Krieg wird zuvorderst in einem „Spannungsfeld zwischen Selbsterhaltung, Tötungstabu, Töten aus Furcht und der Selbstentgrenzung der Gewalt“[4] betrachtet. In diesem Sinne trägt der Krieg vor allem das Stigma des Übels, weil er normal sozialisierte Menschen in die Gewalt treibt und ihre sozial gewachsene oder je nach Sichtweise anthropologisch vorgegebene Gewalthemmschwelle einbrechen lässt.[5] Die Gewalt im Krieg ist für die moderne Wissenschaft also vor allem in Bezug auf das Leben nach oder vor dem Krieg von Bedeutung. Mit dem Krieg wird daher oftmals eine Entgrenzung der Gewalt assoziiert. Aus diesem Blickwinkel scheint es dann ein maßgebliches Problem der Idee einer rationalen, politisch gesteuerten Kriegsführung zu sein, die sich selbst entgrenzende Gewalt zu begrenzen und auf das begrenzte Ziel zu fokussieren.[6] Die moderne Antwort auf die Frage, was die kriegerische Gewalt von anderen politischen Handlungen hauptsächlich unterscheidet, wäre daher vermutlich die unberechenbaren Rückwirkungen der individuellen Gewalterfahrungen und -Anwendungen auf die Zivilgesellschaft und die unkontrollierbare Selbstentgrenzung dieses Instruments.

 

Für Clausewitz scheinen solche Überlegungen auf den ersten Blick keine Rolle gespielt zu haben. Lediglich an einer Stelle zeigt er überhaupt ein Problembewusstsein in Bezug auf das Aggressionspotential der im Kampf befindlichen Kräfte.[7] Dort bringt Clausewitz zum Ausdruck, dass es zwar durchaus ein Problem darstellen könnte, wenn die im Kampf befindlichen Kräfte über ein zu hohes Aggressionspotential verfügen und in Folge dessen über die von der Politik vorgegebenen Ziele hinauszuschießen und für die Politik unkontrollierbar zu werden drohen. Insgesamt bemisst er dieser Gefahr jedoch eine recht geringe Bedeutung und stellt sie eher als Ausnahme dar. Vielmehr nimmt er an, dass ein Zusammenhang zwischen den von der Politik verfolgten Absichten und den Leidenschaften der Kämpfenden bestünde, so dass ein hohes Aggressionspotential der Kämpfer zumeist mit einer zum Äußersten tendierenden Kriegsführung der Politik korreliere. Aus diesem Grunde ist für ihn das viel näher liegende Problem für die politische Führung ein fehlendes Aggressionspotential bei solchen Kriegen, die sich auf nur kleine, weniger bedeutsame und begrenzte Zwecke richten.[8]

 

Überhaupt scheint Clausewitz einen vollkommen anderen Blickwinkel auf die Gewalt zu haben, als dies heute in der wissenschaftlichen Literatur überwiegend üblich ist. Er versteht unter Gewalt keineswegs „ein irrationales, gegen die Vernunft gewandtes Phänomen“[9] und der Krieg war für ihn „ein normaler Aspekt der Beziehungen zwischen Staaten“[10]. Ergo war für ihn auch die Anwendung von Gewalt ein in jeder Hinsicht gewöhnliches, menschliches Handeln. Der Grund dafür ist simpel. Clausewitz, der bereits mit zwölf Jahren der Armee beitrat und schon im Folgejahr an einem Feldzug teilnahm,[11] war im heutigen Sinne als Kindersoldat groß geworden und kannte den Krieg und die darin vorherrschende Gewalt als Normalität des Lebens. Anders als bei den heutigen Kindersoldaten paarte sich dies allerdings mit einem hohen Maß an Erziehung und Bildung. Vor dem Hintergrund, dass seine Persönlichkeit im Angesicht der Gewalt herangewachsen war, muss ihm die Idee, dass Gewalt etwas enthemmendes, die eigene Persönlichkeit schädigendes sei, sehr fern gewesen sein. Für Clausewitz war das Anwenden von kriegerischer Gewalt also ein natürliches, notwendiges, wenn auch schreckliches Mittel,[12] um eigene Interessen des politischen Gemeinwesens nach außen zu vertreten, zu behaupten oder durchzusetzen. Die Selbstentgrenzung der Gewalt hätte er vermutlich für einen empirischen Sonderfall gehalten.

 

Was hat es also mit der eigentümlichen Natur des Krieges auf sich? Anders als heute zumeist üblich, untersuchte Clausewitz nicht die Gewalt in Bezug auf ihre Wirkung auf die handelnden Personen, sondern er untersuchte sie in Hinblick auf die Gesetz- und Regelmäßigkeiten ihrer Anwendung. Sein zentrales Anliegen war es schließlich, eine Theorie über den Krieg bzw. konkreter über dessen Gebrauch zu entwickeln.[13] Wenn er nun einerseits feststellt, dass der Krieg den Gesetzen der Politik folgt und folgen muss,[14] andererseits aber entgegenhält, dass auch die Politik die „eigentümliche Natur seiner Mittel“ kennen und berücksichtigen muss,[15] so ist dies überhaupt kein Gegensatz, sondern beschreibt zunächst ein völlig gewöhnliches Verhältnis zwischen Anwender und Instrument; jedes Instrument muss von seinem Nutzer gekannt, verstanden und beherrscht werden, damit es zweckdienlich eingesetzt werden kann. Der Anwender ist also im Gebrauch des Instruments nicht frei, sondern muss sich stets der Natur dieses Mittels beugen.

 

Während aber die Feststellung, dass der Anwender die Natur seines Instrumentes kennen und berücksichtigen muss, keinerlei Besonderheit darstellt, hebt Clausewitz hervor, dass es sich hierbei um ein eigentümliches Mittel handele. Clausewitz bemerkt nämlich, dass die Form der Theoriebildung für die Kriegstheorie ungleich komplexer sein muss, da sie sich nicht nur auf materielle Gegenstände beschränkt.[16]

 

„Jede Theorie wird von dem Augenblick an unendlich viel schwieriger, wie sie das Gebiet geistiger Größen berührt. Baukunst und Malerei wissen genau, woran sie sind, solange sie noch mit der Materie zu tun haben; über mechanische und optische Konstruktionen ist kein Streit. Sowie aber die geistigen Wirkungen ihrer Schöpfungen anfangen sowie geistige Eindrücke und Gefühle hervorgebracht werden sollen, verschwimmt die ganze Gesetzgebung in unbestimmten Linien.“[17]

 

Die Kriegstheorie muss somit zum einen physische Größen berücksichtigen, die durchaus eine signifikante Rolle spielen, aber vergleichsweise leicht zu durchdringen sind, und zum anderen moralische bzw. geistige Größen, die eigentümlich sind, weil sie kaum vorherbestimmbar und von Augenblick zu Augenblick verschieden sein können. Clausewitz kritisiert in dem Zusammenhang ausdrücklich, dass frühere Kriegstheoretiker versucht hätten, sich auf physikalisch Messbares zu beschränken. Im Gegenteil sei aber die „kriegerische Tätigkeit nie gegen die bloße Materie gerichtet, sondern immer zugleich gegen die geistige Kraft, welche diese belebt.“[18] Die „Hauptschwierigkeit der Theorie des Kriegführens“[19] ist somit zunächst das Erkennen und dann das Einschätzen der eigentümlichen Natur des Krieges.

 

Konkretisieren wir aber, was den Krieg als politisches Instrument von anderen politischen Instrumenten bzw. von anderen Instrumenten überhaupt unterscheidet oder anders, was ihn zu einem ganz besonderen Mittel macht. Clausewitz nennt in diesem Zusammenhang drei Haupteigentümlichkeiten des Krieges, die es im Folgenden zu analysieren gilt. Diese sind 1) die geistigen Kräfte und Wirkungen, 2) die lebendige Reaktion und 3) die Unbekanntheit aller Datis. Diese drei Haupteigentümlichkeiten charakterisieren das politische Instrument Krieg maßgeblich und beschreiben gleichsam die herausragende Komplexität der Theorie des Krieges. Sie liegen dem Krieg immanent zu Grunde und können durch die Theorie nicht negiert oder ignoriert werden, auch wenn sie teils unberechenbar erscheinen.

 

Aber wenden wir uns zunächst den Eigentümlichkeiten des Krieges im Einzelnen zu.

weiter zu IV.2.1 „Erste Eigentümlichkeit: geistige Kräfte und Wirkungen“ 

oder direkt weiter zu IV.3 Erste Orientierung: politischer Zweck, Interesse, Willenskraft

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