Die erste Eigentümlichkeit, welche das Instrument Krieg maßgeblich bestimmt, ist der Einfluss geistiger Kräfte und Wirkungen.[1] Clausewitz wird zu Recht als ein Kriegstheoretiker angesehen, der den so genannten moralischen Größen eine zentrale Bedeutung zumisst.[2] So schrieb er:

 

„Denn es läßt sich z. B. kein Sieg in seinen Wirkungen einigermaßen erklären, ohne auf die moralischen Eindrücke Rücksicht zu nehmen. Und so sind denn auch die meisten Gegenstände, welche wir in diesem Buche durchlaufen, halb aus physischen, halb aus moralischen Ursachen und Wirkungen zusammengesetzt, und man möchte sagen: die physischen erscheinen fast nur wie das hölzerne Heft, während die moralischen das edle Metall, die eigentliche, blank geschliffene Waffe sind.“[3]

 

Trotzdem erhebt Clausewitz nicht den Anspruch, eine einheitliche, in sich geschlossene Begriffssystematik für den Bereich der moralischen Größen aufzustellen. Er nutzt die verschiedenen Begriffe zumeist intuitiv, ohne sie gegeneinander abzugrenzen oder, falls dies stellenweise doch geschieht, eine Systematik auf sein gesamtes Werk einheitlich zu übertragen. Dies ist damit zu begründen, dass sich die moralischen Größen „aller Bücherweisheit zu entziehen [suchen], weil sie sich weder in Zahlen noch in Klassen bringen lassen und gesehen oder empfunden sein wollen.“[4] Dies hindert Clausewitz jedoch nicht daran, die moralischen Größen näher zu analysieren, sondern ist lediglich ein Hinweis darauf, dass nichts was hierüber gesagt werden kann, als absolut gelten sollte, da die moralischen Größen und ihre Wirkungen „in jedem Menschen anders und oft verschieden in verschiedenen Augenblicken“[5] sein können. Vielmehr zieht Clausewitz es nach eigenen Angaben vor, „hier noch mehr als sonst unvollständig und rhapsodisch zu bleiben, im allgemeinen auf die Wichtigkeit der Sache aufmerksam gemacht und den Geist angedeutet zu haben“[6].

 

Die geistigen Kräfte und Wirkungen, die aus Sicht der Kriegsführung eine wesentliche Rolle spielen, da sie als Multiplikatoren bzw. Modifikationen der physischen Gewalt in Erscheinung treten und gleichsam schwer zu beherrschen und schwer vorauszuberechnen sind, sind in den drei Oberbegriffen Leidenschaft, Eindruck der Gefahr und andere Geistes- und Gemütskräfte zusammengefasst:

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Kapitel IV.2 - Übersicht

  • IV.2.1 „Erste Eigentümlichkeit: geistige Kräfte und Wirkungen“

      Die erste Eigentümlichkeit, welche das Instrument Krieg maßgeblich bestimmt, ist der Einfluss geistiger Kräfte und Wirkungen.[1] Clausewitz wird zu Recht als ein Kriegstheoretiker angesehen, der den so genannten moralischen Größen eine zentrale Bedeutung zumisst.[2] So schrieb er:   „Denn es läßt sich z. B. kein Sieg in seinen Wirkungen einigermaßen erklären, ohne auf die moralischen Eindrücke Rücksicht zu nehmen. Und so sind denn auch die meisten Gegenstände, welche wir in diesem Buche durchlaufen, halb aus physischen, halb aus moralischen Ursachen und Wirkungen zusammengesetzt, und man möchte sagen: die physischen erscheinen fast nur wie das hölzerne Heft, während die moralischen das edle Metall, die eigentliche, blank geschliffene Waffe sind.“[3]   Trotzdem erhebt Clausewitz nicht den Anspruch, eine einheitliche, in sich Read More
  • IV.2.2 „Zweite Eigentümlichkeit: lebendige Reaktion“

       „Die zweite Eigentümlichkeit im kriegerischen Handeln ist die lebendige Reaktion[1] und die Wechselwirkung, welche daraus entspringt. Wir sprechen hier nicht von der Schwierigkeit, eine solche Reaktion zu berechnen, denn diese liegt schon in der erwähnten Schwierigkeit, die geistigen Kräfte als Größen zu behandeln, sondern weil die Wechselwirkung ihrer Natur nach aller Planmäßigkeit entgegenstrebt. Die Wirkung, welche irgendeine Maßregel auf den Gegner hervorbringt, ist das Individuellste, was es unter allen Datis des Handelns gibt;“[2]   Eine wesentliche Größe im Krieg ist das Verhalten und die Absicht des Gegners. Wäre der Gegner ein reines Opfer, würde er also keinen physischen Widerstand leisten oder wäre er dazu nicht fähig, so wäre das Kriegführen ein Leichtes und man könnte die Gewaltausübung stets ein Read More
  • IV.2.3 „Dritte Eigentümlichkeit: Ungewißheit aller Datis“

       „Endlich ist die große Ungewißheit aller Datis[1] im Kriege eine eigentümliche Schwierigkeit, weil alles Handeln gewissermaßen in einem bloßen Dämmerlicht verrichtet wird, was noch dazu nicht selten wie eine Nebel- oder Mondscheinbeleuchtung den Dingen einen übertriebenen Umfang, ein groteskes Ansehen gibt. Was diese schwache Beleuchtung an vollkommener Einsicht entbehren läßt, muß das Talent erraten, oder es muß dem Glück überlassen bleiben.“[2]   Die beiden bisherigen Eigentümlichkeiten des Krieges beziehen sich darauf, dass sowohl die moralischen Größen im Allgemeinen als auch die Reaktion des Gegners nicht präzise qualifizierbar sind und aus diesem Grunde selbst bei einer absoluten Einsicht in alle Daten einem Spiel der Wahrscheinlichkeiten unterworfen wären. Die dritte Eigentümlichkeit thematisiert nunmehr, dass selbst die objektiv durchaus vorhandenen und messbaren Read More
  • IV.2.4 Zusammenfassung: Das spekulative Element des Kriegs

       Die bisher dargestellten drei Haupteigentümlichkeiten des Krieges sind die Hauptursachen dafür, dass der Krieg sich einer rein rationalen, logischen oder mathematischen Betrachtungsweise entzieht. Zwar gibt es Zahlen und Fakten, auf welche Akteure ihre Planungen stützen können, so z.B. die physischen Kräfte, Ausbildungsstand, geographische Gegebenheiten, technisch verfügbare Kriegsmittel etc., doch bleiben wesentliche Faktoren sowohl im Vorfeld, als auch während des laufenden Krieges im Verborgenen, unterliegen der rein subjektiven Einschätzung oder sind zu komplex um sie zu erfassen, so dass sich die handelnden Akteure ganz wesentlich mit Vermutungen und Annahmen behelfen müssen.   Schon auf diesem Wege wird der Zufall zu einer signifikanten Größe im Krieg. Der Begriff des Zufalls wird von Clausewitz dabei weniger in einer mathematischen als in einer Read More
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