„Die zweite Eigentümlichkeit im kriegerischen Handeln ist die lebendige Reaktion[1] und die Wechselwirkung, welche daraus entspringt. Wir sprechen hier nicht von der Schwierigkeit, eine solche Reaktion zu berechnen, denn diese liegt schon in der erwähnten Schwierigkeit, die geistigen Kräfte als Größen zu behandeln, sondern weil die Wechselwirkung ihrer Natur nach aller Planmäßigkeit entgegenstrebt. Die Wirkung, welche irgendeine Maßregel auf den Gegner hervorbringt, ist das Individuellste, was es unter allen Datis des Handelns gibt;“[2]

 

Eine wesentliche Größe im Krieg ist das Verhalten und die Absicht des Gegners. Wäre der Gegner ein reines Opfer, würde er also keinen physischen Widerstand leisten oder wäre er dazu nicht fähig, so wäre das Kriegführen ein Leichtes und man könnte die Gewaltausübung stets ein bisschen steigern, bis der Gegner die Sinnlosigkeit seines moralischen Widerstandes einsähe und seinen Willen aufgäbe. Der Täter könnte verschiedene Methoden frei ausprobieren und wäre in seinem Handeln kaum gestört.

 

Nun ist der „Krieg nicht das Wirken einer lebendigen Kraft auf eine tote Masse, sondern [...] immer ein Stoß zweier lebendiger Kräfte gegeneinander“[3]. Der Krieg – auf der Ebene des organischen Ganzen – ist ein „erweiterter Zweikampf“[4], in welchem zwei Ringende sich mittels physischer Gewalt gegenseitig versuchen den Willen aufzudrängen, d.h. den anderen zur Aufgabe seiner (positiven oder negativen) Absicht zu zwingen.[5] Dabei sollte nicht der Eindruck erweckt werden, der Krieg sei ein reiner Schlagabtausch, also eine Hin und Her zwischen Gewalt und Gegengewalt, bei dem erst der eine den anderen ohne Gegenwehr schlägt und sich danach von dem anderen schlagen lässt, so dass sich ein rein wechselseitiges Schlagen ergeben würde. Dies ist es freilich nicht, denn der Kampf besteht vielmehr darin, einerseits den Gegner zu schlagen, andererseits aber auch zu verhindern, selbst geschlagen zu werden. Der Krieg ist also nicht das pure Austauschen von Gewaltsamkeiten, sondern es ist ein wechselseitiges Ringen darum, Vorteile zu erlangen und Nachteile zu vermeiden. Jede Handlung im Krieg ist eine Handlung in Bezug auf den Gegner, unabhängig davon, ob sie sich unmittelbar gegen ihn richtet, z.B. die Zerstörung feindlicher Kräfte, die Landnahme, die Zerstörung von Material etc. oder ob sie darauf angelegt ist, eine Verbesserung der Verhältnisse in Bezug auf zukünftige unmittelbare Handlungen zu erzielen, z.B. der Marsch, um eine bessere Stellung zu beziehen, das Aufklären, um Informationen zu gewinnen, das Rasten, um die Kräfte auszuruhen oder das Zurückziehen, um eine Reorganisation durchzuführen etc.[6] Dabei sind alle denkbaren Handlungen im Kriege an der vermuteten Absicht bzw. der Reaktion des Gegners ausgerichtet. Einige Beispiele:

 

  • Der Angriffsplan steht in Bezug auf einen vermuteten Verteidigungsplan des Gegners. Der Angreifer wird in der Regel den Verteidiger dort angreifen wollen, wo er am schwächsten ist.

  • Der Verteidigungsplan steht in Bezug auf den vermuteten Angriffsplan. Der Verteidiger wird in der Regel seine Kräfte so disponieren wollen, dass seine Kräfte sich am Ort des gegnerischen Angriffs konzentrieren und er somit dort am stärksten ist.[7]

  • Der Angreifer, der lediglich einen allgemeinen Schaden erzeugen will, wird in der Regel nur diejenige Ortschaft plündern wollen, welche vom Gegner nicht oder nicht hinreichend geschützt ist.

  • Der Verteidiger würde, wenn er wüsste, dass eine bestimmte Ortschaft und nur diese geplündert werden soll, auch nur diese schützen, sofern er dazu vermögend ist.

 

Dies sind keine Wahrheiten, sondern lediglich Tendenzen, die jederzeit ein Gegengewicht in anderen, stärkeren Absichten und Plänen finden können. Es soll hier lediglich gezeigt werden, wie sehr das eigene Handeln im Krieg davon abhängt, welche Aktionen und welche Reaktionen vom Gegner ausgehen und wie sehr die ganze Struktur des Krieges durch das Prinzip der Wechselwirkung geprägt ist.

 

Wenn z.B. eine fremde Streitmacht ein „Kriegstheater“[8] mit der Absicht betritt, dies in Besitz zu nehmen, so ist es für sich genommen noch kein Krieg. Dieser entsteht erst durch die Reaktion des bisherigen Besitzers, das Kriegstheater zu verteidigen.[9] Allein diese erste Reaktion ist die Initialzündung zum Krieg und unterlag zuvor den Vermutungen des Angreifers. Der Verteidiger hätte schließlich ebenso gut das Kriegstheater augenblicklich aufgeben und sich zurückziehen können, z.B. weil er diesem Raum keine besondere Bedeutung zumisst oder die Aussichtslosigkeit eines Kampfes eingesehen hat. Sollte der Angreifer sein Kalkül darauf ausgelegt haben, das Kriegstheater ohne Kampf zu gewinnen, so könnte die unerwartete Verteidigung des Kriegstheaters seinen Plan zunichtemachen.

 

Die Reaktion des Verteidigers kann nunmehr vielfältig sein und wird ganz stark davon abhängigen, wie er den Angreifer einschätzt sowohl in Hinblick auf seine Stärke als auch in Hinblick auf sein Verhalten. Clausewitz sieht in diesem Szenar vier „Widerstandsarten“[10]:

 

  • Der Verteidiger des Kriegstheaters kann augenblicklich auf den Angreifer zumarschieren und ihn angreifen.

  • Der Verteidiger kann warten, bis sich der Angreifer in einem dafür günstigen Gelände befindet und ihn dort angreifen.

  • Der Verteidiger kann sich in einem dafür günstigen Raum aufstellen und den Angriff des Gegners abwarten.

  • Der Verteidiger kann einer entscheidenden Schlacht konsequent ausweichen und den Gegner mit kleinen Scharmützeln, ggf. auch mit Partisanen- oder Guerillataktiken immer weiter schwächen, entweder bis der Angreifer hinreichend schwach ist, um entscheidend geschlagen zu werden oder bis er für sich selbst die Anstrengung als zu hoch empfindet und sein Eroberungsunternehmen beendet.[11]

 

Auf jede dieser vier Widerstandsarten, die sich nochmals in eine Vielzahl von individuellen Unterarten gliedern lassen, wird der Angreifer nunmehr anders reagieren, seine Kräfte unterschiedlich disponieren und seine Vorgehensweise anpassen müssen. Der Angreifer muss nun also wieder reagieren und dazu wird auch er über ein breites Spektrum von Möglichkeiten verfügen, von denen er eine ganz individuelle auswählen muss, die wiederum eine Reaktion des Verteidigers erzwingen wird. So gilt für beide Parteien der Satz: „Ich bin also nicht mehr Herr meiner, sondern er [der Gegner] gibt mir das Gesetz [des Handelns], wie ich es ihm gebe.“[12]

 

Wurde auf diesem Wege die besondere Bedeutung der gegnerischen Reaktion für das eigene Handeln verdeutlicht, so muss diese Bedeutung noch in den richtigen Bezug gesetzt werden. Da die jeweilige Anpassungen an das Handeln des anderen nicht das Werk eines Augenblicks sind, sondern je nach perspektivischer Ebene eine Frage langwieriger Vorbereitung sein kann, kommt es darauf an, durch die Reaktionen des Gegners nicht erst augenblicklich überrascht zu werden, sondern diese im Voraus abzuschätzen und ihnen entsprechend im Vorfeld Rechnung zu tragen. Die Reaktion des einen ist also nur in seltenen Fällen eine Reaktion auf faktisches Handeln, sondern es ist zumeist eine Reaktion auf vermutetes, zukünftiges Handeln des anderen.

 

Wäre in dem oben genannten Beispiel der Verteidiger durch das Auftreten der gegnerischen Streitkraft im Kriegstheater überrascht und hätte er zu diesem Zeitpunkt weder gedanklich noch physisch Vorbereitungen zur Verteidigung getroffen, dann wäre dies ein ungeheurer Nachteil im Vergleich zum Gegenteil, nämlich wenn er das Auftreten des Feindes schon lange erwartet und sehr wohl durchdachte Verteidigungsmaßnahmen getroffen hätte. Ebenso wird der Angreifer nicht den Raum betreten und abwarten, um zu sehen wie der Verteidiger reagiert, sondern er wird Bewegungen geplant haben und ohne zu zögern vollziehen, die dem Verteidiger eine bestimmte Reaktion unterstellen, ohne jedoch zu wissen, ob dies auch wirklich dem gegnerischen Verhalten entspricht.

 

Ein wesentlicher Maßstab für das eigene Handeln ist somit eine Vermutung über die Reaktion des Gegners und dieses Handeln wird umso mehr oder weniger zweckmäßig und zielgerichtet sein, je mehr oder weniger diese Vermutung zutreffend ist. Dabei muss jedoch einer Vorstellung entgegengewirkt werden, nach welcher das Kriegführen ein reines ‚Gegen-Handeln‘ sei.[13] Die Vermutung über den Gegner ist vielmehr eine von mehrere Daten, welche es bei dem Entschluss zum eigenen Handeln zu berücksichtigen gilt, jedoch nicht die einzige Entscheidungsgrundlage. Den Krieg als reines Gegen-Handeln zu interpretieren weist zwar in eine interessante Richtung, spiegelt aber nicht alle Aspekte hinreichend wieder.

 

Eine ganz wesentliche Forderung an eine erfolgsversprechende Kriegsführung muss es somit sein, das zukünftige Verhalten des Gegners, welches letztlich eine Reaktion auf eigene Maßnahmen darstellt, vorauszuahnen. Die große Schwierigkeit der Theorie des Kriegführens liegt hierbei jedoch darin, dass das gegnerische Verhalten das „Individuellste [ist], was es unter allen Datis des Handelns gibt“[14]. Zum einen liegt dies daran, dass auch der Gegner den oben aufgeführten moralischen Größen unterworfen ist und allein dies ein Vorherbestimmen seiner Reaktionen schon unmöglich machen würde; dies wäre dann aber gar kein Unterschied zu der ersten Eigentümlichkeit des Krieges. Der Wesensgehalt der zweiten Eigentümlichkeit ist vielmehr, dass unabhängig von den moralischen Größen, der Gegner ein natürliches Bestreben haben muss, sich der Planmäßigkeit seiner Reaktionen zu entziehen, d.h. sobald der eine dem anderen eine bestimmte Reaktion unterstellt und seine Kräfte dementsprechend ausrichtet, ist der andere besser beraten, eine andere tatsächliche Reaktion zu realisieren und damit den Plan des ersten zunichte zu machen. Wenn also der Angreifer annimmt, dass der Verteidiger an einem bestimmten Punkt eine Schwäche hat und aus diesem Grunde dort angreifen will, so ist es für den Verteidiger ein natürliches Bestreben, diesen Punkt zu stärken und so dem Plan des Angreifers entgegenzuwirken. Daraus ergibt sich, dass es ein wesentliches Bestreben sein muss, das eigene Verhaltensmuster zu verschleiern und dem Gegner uneinsichtig zu machen, damit er sich nicht darauf einstellen kann und folglich überrascht wird:

 

„Schon aus [...] dem allgemeinen Streben nach relativer Überlegenheit, ergibt sich ein anderes Streben, welches folglich eben so allgemein sein muß: es ist die Überraschung des Feindes. Sie liegt mehr oder weniger allen Unternehmungen zum Grunde, denn ohne sie ist eine Überlegenheit auf dem entscheidenden Punkte eigentlich nicht denkbar.“[15]

 

Das Bestreben des einen, das Verhalten des anderen zu prognostizieren, steht somit dem Versuch des anderen, den ersten mit seinem Verhalten zu überraschen, entgegen. Aus diesem Grunde ist ganz allgemein das Verhalten des Gegners für den Kriegführenden etwas eigentümliches, nicht sicher vorherzubestimmendes.

 

Diese zweite Eigentümlichkeit des Krieges, die Reaktion des Gegners, ist also die zweite wesentliche Unvollkommenheit der Einsicht, mit welcher sich ein militärischer Führer begnügen muss. Er kann die Verhaltensweisen und Absichten des Gegners nur abschätzen, nicht aber abmessen oder berechnen. Er begibt sich somit auf das Feld des Wahrscheinlichkeitskalküls und setzt sich – aufgrund seiner unvollkommenen Einsicht – einmal mehr dem Zufall aus. 

 weiter zu IV.2.3 „Dritte Eigentümlichkeit: Ungewißheit aller Datis“

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Kapitel IV.2 - Übersicht

  • IV.2.1 „Erste Eigentümlichkeit: geistige Kräfte und Wirkungen“

      Die erste Eigentümlichkeit, welche das Instrument Krieg maßgeblich bestimmt, ist der Einfluss geistiger Kräfte und Wirkungen.[1] Clausewitz wird zu Recht als ein Kriegstheoretiker angesehen, der den so genannten moralischen Größen eine zentrale Bedeutung zumisst.[2] So schrieb er:   „Denn es läßt sich z. B. kein Sieg in seinen Wirkungen einigermaßen erklären, ohne auf die moralischen Eindrücke Rücksicht zu nehmen. Und so sind denn auch die meisten Gegenstände, welche wir in diesem Buche durchlaufen, halb aus physischen, halb aus moralischen Ursachen und Wirkungen zusammengesetzt, und man möchte sagen: die physischen erscheinen fast nur wie das hölzerne Heft, während die moralischen das edle Metall, die eigentliche, blank geschliffene Waffe sind.“[3]   Trotzdem erhebt Clausewitz nicht den Anspruch, eine einheitliche, in sich Read More
  • IV.2.2 „Zweite Eigentümlichkeit: lebendige Reaktion“

       „Die zweite Eigentümlichkeit im kriegerischen Handeln ist die lebendige Reaktion[1] und die Wechselwirkung, welche daraus entspringt. Wir sprechen hier nicht von der Schwierigkeit, eine solche Reaktion zu berechnen, denn diese liegt schon in der erwähnten Schwierigkeit, die geistigen Kräfte als Größen zu behandeln, sondern weil die Wechselwirkung ihrer Natur nach aller Planmäßigkeit entgegenstrebt. Die Wirkung, welche irgendeine Maßregel auf den Gegner hervorbringt, ist das Individuellste, was es unter allen Datis des Handelns gibt;“[2]   Eine wesentliche Größe im Krieg ist das Verhalten und die Absicht des Gegners. Wäre der Gegner ein reines Opfer, würde er also keinen physischen Widerstand leisten oder wäre er dazu nicht fähig, so wäre das Kriegführen ein Leichtes und man könnte die Gewaltausübung stets ein Read More
  • IV.2.3 „Dritte Eigentümlichkeit: Ungewißheit aller Datis“

       „Endlich ist die große Ungewißheit aller Datis[1] im Kriege eine eigentümliche Schwierigkeit, weil alles Handeln gewissermaßen in einem bloßen Dämmerlicht verrichtet wird, was noch dazu nicht selten wie eine Nebel- oder Mondscheinbeleuchtung den Dingen einen übertriebenen Umfang, ein groteskes Ansehen gibt. Was diese schwache Beleuchtung an vollkommener Einsicht entbehren läßt, muß das Talent erraten, oder es muß dem Glück überlassen bleiben.“[2]   Die beiden bisherigen Eigentümlichkeiten des Krieges beziehen sich darauf, dass sowohl die moralischen Größen im Allgemeinen als auch die Reaktion des Gegners nicht präzise qualifizierbar sind und aus diesem Grunde selbst bei einer absoluten Einsicht in alle Daten einem Spiel der Wahrscheinlichkeiten unterworfen wären. Die dritte Eigentümlichkeit thematisiert nunmehr, dass selbst die objektiv durchaus vorhandenen und messbaren Read More
  • IV.2.4 Zusammenfassung: Das spekulative Element des Kriegs

       Die bisher dargestellten drei Haupteigentümlichkeiten des Krieges sind die Hauptursachen dafür, dass der Krieg sich einer rein rationalen, logischen oder mathematischen Betrachtungsweise entzieht. Zwar gibt es Zahlen und Fakten, auf welche Akteure ihre Planungen stützen können, so z.B. die physischen Kräfte, Ausbildungsstand, geographische Gegebenheiten, technisch verfügbare Kriegsmittel etc., doch bleiben wesentliche Faktoren sowohl im Vorfeld, als auch während des laufenden Krieges im Verborgenen, unterliegen der rein subjektiven Einschätzung oder sind zu komplex um sie zu erfassen, so dass sich die handelnden Akteure ganz wesentlich mit Vermutungen und Annahmen behelfen müssen.   Schon auf diesem Wege wird der Zufall zu einer signifikanten Größe im Krieg. Der Begriff des Zufalls wird von Clausewitz dabei weniger in einer mathematischen als in einer Read More
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