„Endlich ist die große Ungewißheit aller Datis[1] im Kriege eine eigentümliche Schwierigkeit, weil alles Handeln gewissermaßen in einem bloßen Dämmerlicht verrichtet wird, was noch dazu nicht selten wie eine Nebel- oder Mondscheinbeleuchtung den Dingen einen übertriebenen Umfang, ein groteskes Ansehen gibt. Was diese schwache Beleuchtung an vollkommener Einsicht entbehren läßt, muß das Talent erraten, oder es muß dem Glück überlassen bleiben.“[2]

 

Die beiden bisherigen Eigentümlichkeiten des Krieges beziehen sich darauf, dass sowohl die moralischen Größen im Allgemeinen als auch die Reaktion des Gegners nicht präzise qualifizierbar sind und aus diesem Grunde selbst bei einer absoluten Einsicht in alle Daten einem Spiel der Wahrscheinlichkeiten unterworfen wären. Die dritte Eigentümlichkeit thematisiert nunmehr, dass selbst die objektiv durchaus vorhandenen und messbaren Daten den entsprechenden Entscheidungsträgern nicht oder nicht gesichert zugänglich gemacht werden können. Jede Entscheidung über Art und Weise des Handelns – und deren gibt es auf allen Ebenen im Kriege unzählige – basiert schließlich auf einer lückenhaften und teilweise auch zweifelhaften Datenlage.

 

Zum einen gibt es naturgemäß immer Informationen, über die ein Akteur nicht verfügen kann. So können beispielsweise die Beschaffenheit eines noch nicht erreichten Raumes, die Stärke des Gegners oder seine Aufstellung von einem Entscheidungsträger nicht überblickt werden, da sich diese Dinge schlicht und einfach außerhalb des Gesamtwahrnehmungsbereichs der eigenen Kräfte befinden. Dieser Tatsache muss durch Aktivitäten zur Informationsgewinnung entgegengewirkt werden – aber solange ein Akteur weiß, dass er etwas nicht weiß, ist es eigentlich noch nicht problematisch.

 

Problematisch wird es dort, wo Erkenntnisse nicht unbekannt, sondern ungewiss sind. Der einzelne Entscheidungsträger – von unten nach oben zunehmend[3] – hat nur eine begrenzte unmittelbare Wahrnehmung in Bezug auf den für ihn relevanten Aufgabenbereich. Ein höherer militärischer Führer sitzt unter Umständen Kilometer von den Gefechten entfernt, vielleicht in einem Bunker und hört selbst höchstens ein entferntes Donnern. Vielleicht ist er auch mitten im Gefecht, aber er wird immer nur die Lage an einem einzelnen Ort unmittelbar selbst sehen und wahrnehmen. Für seine Entscheidungen muss er jedoch die Gesamtlage berücksichtigen, also alle Erkenntnis über eigene, feindliche und neutrale Kräfte und das Gelände bzw. die Umwelteinflüsse. Aus diesem Grunde ist er ganz wesentlich auf Nachrichten angewiesen, die ihm von seinen Mitstreitern zugänglich gemacht werden. Diese Nachrichten sind jedoch zum einen subjektive Wahrnehmungen und zum anderen gewissen Reibungsverlusten in der Übermittlung unterlegen. Clausewitz schreibt:

 

„Ein großer Teil der Nachrichten, die man im Kriege bekommt, ist widersprechend, ein noch größerer ist falsch und bei weitem der größte einer ziemlichen Ungewißheit unterworfen. [...] Diese Schwierigkeit ist nicht unbedeutend bei den ersten Entwürfen, die auf dem Zimmer und noch außer der eigentlichen Kriegssphäre gemacht werden, aber unendlich größer ist sie da, wo im Getümmel des Krieges selbst eine Nachricht die andere drängt; ein Glück noch, wenn sie, einander widersprechend, ein gewisses Gleichgewicht erzeugen und die Kritik selbst herausfordern. Viel schlimmer für den Nichtgeprüften, wenn ihm der Zufall diesen Dienst nicht erweist, sondern eine Nachricht die andere unterstützt, bestätigt, vergrößert, das Bild mit immer neuen Farben ausmalt, bis die Notwendigkeit uns in fliegender Eile den Entschluß abgedrängt hat, der – bald als Torheit erkannt wird, so wie alle jene Nachrichten, als Lügen, Übertreibungen, Irrtümer usw. Mit kurzen Worten: Die meisten Nachrichten sind falsch.“[4]

 

Diese Problematik der Ungewissheit aller Informationen ist eine der wesentlichsten Herausforderungen, welche der Krieg an die in ihm handelnden Akteure und deren Entschlusskraft stellt, denn die Ungewissheit paart sich mit einem gehörigen Zeitdruck, der es nicht zulässt, die Informationen zu überprüfen und zu verifizieren. So ist jeder militärische Führer vor und nach seinem Entschluss „einem beständigen Wellenschlag von falschen und wahren Nachrichten“[5] ausgesetzt und „hunderttausend Eindrücken preisgegeben, von denen die meisten eine besorgliche, die wenigsten eine ermutigende Tendenz haben.“[6]

 

Bei einem kleinen Gruppenführer mit zehn Soldaten könnte man sagen, es sei ein leichtes für ihn, den Überblick zu wahren. Dies mag stimmen, solange er ohne Feindberührung ist. Nun bricht der Sturm aber los, Geschosse fliegen durch die Luft, der erste fällt. Alles geht in Deckung, der Gruppenführer, selbst beim Leben bedroht, kauert hinter einem Baum. Jetzt sieht er noch zwei Mann von seiner Gruppe und der Zugführer fragt über Funk, wie die Lage ist. Dass dort irgendwo lediglich ein Heckenschütze Stellung bezogen hat und das ganze Feuer, welches er akustisch wahrnimmt, von seinen eigenen Kameraden ausgeht, die in irgendeine vermutete Feindrichtung schießen, weiß der Gruppenführer nicht. Er kann nur melden was er weiß, nämlich dass er in einen Hinterhalt geraten ist, im Feuergefecht steht und Verluste hat. Denkt man sich nun eine Ebene höher zum Zugführer. Auch er liegt in Deckung, hört die Kugeln durch die Luft fliegen und sieht eigentlich nichts. Er hat drei Gruppen, die eine hat gerade gemeldet, dass sie im Feuerkampf steht und Verluste hat, die zweite bekommt er nicht an den Funk und die dritte steht ebenfalls im Feuergefecht. Was wird er seinem Kompaniechef melden? Obwohl er objektiv nur einen Soldaten verloren hat und ein Heckenschütze der einzige Feind weit und breit ist – der Zugführer meldet, dass er sich in einer großen Katastrophe befindet. Und dies war nur eine kleine Feindberührung; wie viel mehr Unübersichtlichkeit und Chaos wird ein großes Gefecht herausfordern und wie viel größer und übertriebener werden die Nachtrichten, je weiter man die Hierarchie nach oben hinauf steigt?

 

Dieses kleine Beispiel dient nur dazu, die Schwierigkeit der Nachrichten im Kriege, auf die sich ein Entscheidungsträger maßgeblich berufen muss, plastisch darzustellen. Mit technischen Lösungen und eingeübten Meldeverfahren versuchen moderne Streitkräfte, diesen Schwierigkeiten entgegenzuwirken und mittels elektronischer Vernetzung zumindest über eigene Kräfte ein präzises Lagebild zu erhalten. Einige Wissenschaftler gehen dabei gar davon aus, dass die Kriegsführung in einem Revolutionierungsprozess begriffen sei, in dessen Ergebnis militärische Führer auf der Grundlage eines elektronischen Netzwerks verschiedener Systeme ein nahezu vollständiges Wissen über das Gefechtsfeld abrufen können.[7] Aber unabhängig davon, dass der gegenwärtige Entwicklungsstand von diesem Ergebnis noch weit entfernt ist,[8] scheint das ganze System sehr stark davon abhängig zu sein, dass die gegnerische Seite maßgeblich unterlegen ist und den technischen Mitteln nichts wirksames entgegensetzen kann. Ein gleichstarker Gegner wird jedoch die entsprechenden technischen Mittel neutralisieren können. Bemerkenswert ist jedoch, dass der technologische Vorstoß dadurch begründet ist, dass er den menschlichen Faktor aus der Informationskette weitestgehend ausschaltet. Dies zeigt uns deutlich, was Clausewitz im Zuge der dritten Eigentümlichkeit erneut als Schwierigkeit begreift: Den Menschen, der „mit seiner Organisation immer hinter der Linie des Absolut-Besten zurück[bleibt]“[9]. Hier reicht aber zunächst der Hinweis darauf, dass Nachrichten im Kriege der subjektiven Wahrnehmung bei der Nachrichtengewinnung und Reibungsverlusten bei der Nachrichtenübermittlung unterworfen sind und dies – in Kombination mit einem enormen Zeitdruck für Entscheidungen – zu einem Entschluss auf Grundlage einer ungewissen Datenlage führt. Mit den Worten Clausewitz‘:

 

„Der Krieg ist das Gebiet der Ungewißheit; drei Vierteile derjenigen Dinge, worauf das Handeln im Kriege gebaut wird, liegen im Nebel einer mehr oder weniger großen Ungewißheit.“[10]

 

Die dritte Eigentümlichkeit des Krieges problematisiert also die mehrheitlich fehlende Validität von Informationen. Im Krieg können Entscheidungsträger gleichgültig welcher Ebene aufgrund ihrer eingeschränkten persönlichen Wahrnehmung und ihrer daraus resultierenden Abhängigkeit von Nachrichten und Meldungen anderer kaum etwas sicher wissen. Sie müssen ihre Entscheidungen also aufgrund ihrer unvollkommenen Einsicht umso mehr auf reine Vermutungen und zweifelhafte Erkenntnisse aufbauen. Militärische Entscheidungsträger begeben sich somit noch weiter auf das Feld des Wahrscheinlichkeitskalküls und setzt sich einmal mehr dem Ungewissen aus. 

 weiter zu IV.2.4 Zusammenfassung: Das spekulative Element des Kriegs

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Kapitel IV.2 - Übersicht

  • IV.2.1 „Erste Eigentümlichkeit: geistige Kräfte und Wirkungen“

      Die erste Eigentümlichkeit, welche das Instrument Krieg maßgeblich bestimmt, ist der Einfluss geistiger Kräfte und Wirkungen.[1] Clausewitz wird zu Recht als ein Kriegstheoretiker angesehen, der den so genannten moralischen Größen eine zentrale Bedeutung zumisst.[2] So schrieb er:   „Denn es läßt sich z. B. kein Sieg in seinen Wirkungen einigermaßen erklären, ohne auf die moralischen Eindrücke Rücksicht zu nehmen. Und so sind denn auch die meisten Gegenstände, welche wir in diesem Buche durchlaufen, halb aus physischen, halb aus moralischen Ursachen und Wirkungen zusammengesetzt, und man möchte sagen: die physischen erscheinen fast nur wie das hölzerne Heft, während die moralischen das edle Metall, die eigentliche, blank geschliffene Waffe sind.“[3]   Trotzdem erhebt Clausewitz nicht den Anspruch, eine einheitliche, in sich Read More
  • IV.2.2 „Zweite Eigentümlichkeit: lebendige Reaktion“

       „Die zweite Eigentümlichkeit im kriegerischen Handeln ist die lebendige Reaktion[1] und die Wechselwirkung, welche daraus entspringt. Wir sprechen hier nicht von der Schwierigkeit, eine solche Reaktion zu berechnen, denn diese liegt schon in der erwähnten Schwierigkeit, die geistigen Kräfte als Größen zu behandeln, sondern weil die Wechselwirkung ihrer Natur nach aller Planmäßigkeit entgegenstrebt. Die Wirkung, welche irgendeine Maßregel auf den Gegner hervorbringt, ist das Individuellste, was es unter allen Datis des Handelns gibt;“[2]   Eine wesentliche Größe im Krieg ist das Verhalten und die Absicht des Gegners. Wäre der Gegner ein reines Opfer, würde er also keinen physischen Widerstand leisten oder wäre er dazu nicht fähig, so wäre das Kriegführen ein Leichtes und man könnte die Gewaltausübung stets ein Read More
  • IV.2.3 „Dritte Eigentümlichkeit: Ungewißheit aller Datis“

       „Endlich ist die große Ungewißheit aller Datis[1] im Kriege eine eigentümliche Schwierigkeit, weil alles Handeln gewissermaßen in einem bloßen Dämmerlicht verrichtet wird, was noch dazu nicht selten wie eine Nebel- oder Mondscheinbeleuchtung den Dingen einen übertriebenen Umfang, ein groteskes Ansehen gibt. Was diese schwache Beleuchtung an vollkommener Einsicht entbehren läßt, muß das Talent erraten, oder es muß dem Glück überlassen bleiben.“[2]   Die beiden bisherigen Eigentümlichkeiten des Krieges beziehen sich darauf, dass sowohl die moralischen Größen im Allgemeinen als auch die Reaktion des Gegners nicht präzise qualifizierbar sind und aus diesem Grunde selbst bei einer absoluten Einsicht in alle Daten einem Spiel der Wahrscheinlichkeiten unterworfen wären. Die dritte Eigentümlichkeit thematisiert nunmehr, dass selbst die objektiv durchaus vorhandenen und messbaren Read More
  • IV.2.4 Zusammenfassung: Das spekulative Element des Kriegs

       Die bisher dargestellten drei Haupteigentümlichkeiten des Krieges sind die Hauptursachen dafür, dass der Krieg sich einer rein rationalen, logischen oder mathematischen Betrachtungsweise entzieht. Zwar gibt es Zahlen und Fakten, auf welche Akteure ihre Planungen stützen können, so z.B. die physischen Kräfte, Ausbildungsstand, geographische Gegebenheiten, technisch verfügbare Kriegsmittel etc., doch bleiben wesentliche Faktoren sowohl im Vorfeld, als auch während des laufenden Krieges im Verborgenen, unterliegen der rein subjektiven Einschätzung oder sind zu komplex um sie zu erfassen, so dass sich die handelnden Akteure ganz wesentlich mit Vermutungen und Annahmen behelfen müssen.   Schon auf diesem Wege wird der Zufall zu einer signifikanten Größe im Krieg. Der Begriff des Zufalls wird von Clausewitz dabei weniger in einer mathematischen als in einer Read More
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