Die bisher dargestellten drei Haupteigentümlichkeiten des Krieges sind die Hauptursachen dafür, dass der Krieg sich einer rein rationalen, logischen oder mathematischen Betrachtungsweise entzieht. Zwar gibt es Zahlen und Fakten, auf welche Akteure ihre Planungen stützen können, so z.B. die physischen Kräfte, Ausbildungsstand, geographische Gegebenheiten, technisch verfügbare Kriegsmittel etc., doch bleiben wesentliche Faktoren sowohl im Vorfeld, als auch während des laufenden Krieges im Verborgenen, unterliegen der rein subjektiven Einschätzung oder sind zu komplex um sie zu erfassen, so dass sich die handelnden Akteure ganz wesentlich mit Vermutungen und Annahmen behelfen müssen.

 

Schon auf diesem Wege wird der Zufall zu einer signifikanten Größe im Krieg. Der Begriff des Zufalls wird von Clausewitz dabei weniger in einer mathematischen als in einer perspektivischen Art und Weise genutzt. Ein mathematisches Verständnis[1] vom Zufall würde davon ausgehen, dass es Ereignisse gibt, welche objektiv nicht bestimmbar sind, d.h. welche auch bei Einsicht in sämtliche ursächlichen Faktoren und deren Zusammenhänge nicht determinierbar wären. Aufgrund der daraus resultierenden, sehr weitreichenden, philosophischen Implikationen,[2] muss an dieser Stelle betont werden, dass sich die Schlussfolgerung, es würde solche Ereignisse tatsächlich geben, aus dem Clausewitz’schen Werk nicht ziehen lässt – ebenso wenig, wie das Gegenteil dieser Aussage zu finden ist. Clausewitz nutzt den Begriff des Zufalls allein aus der subjektiven Perspektive heraus. Aufgrund der mangelnden Einsicht in die Wirkketten und deren Faktoren sowie die Komplexität der kausalen Zusammenhänge ist das im Krieg handelnde, menschliche Individuum nicht in der Lage, bestimmte Ereignisse vorherzusehen und muss sie daher als Zufall empfinden. Der Zufall ist somit, wie auch bei Kant, eine subjektive Erscheinung für den Menschen und nicht etwa ein faktisches, naturwissenschaftliches Ereignis.

 

Die unzähligen, scheinbar zufälligen, unvorhergesehenen Ereignisse, die im Kriege anfallen, finden in ihrer negativen Ausprägung eine für die Kriegführung entscheidende Wirkung in der so genannten Friktion. Dieser Begriff spielt in den meisten Clausewitz-Interpretationen eine bedeutende Rolle. Nach Kleemeiers Interpretation ist die anthropologisch bedingte, menschliche Schwäche „die eigentliche Ursache für die vielen im Kriege vorkommenden Friktionen.“[3] Demnach entstehen Friktionen vor allem aufgrund der individuellen Furchtsamkeit und dem Umgang mit körperlichen Anstrengungen. Auch das Nachrichtensystem sei nicht aus sich selbst heraus mangelhaft, sondern aufgrund der Schwatzhaftigkeit und Furchtsamkeit der Menschen. Mit einem Satz: „Friktionen werden von empfindenden und handelnden Menschen geschaffen.“[4] Wenn Kleemeier ferner auch das plötzlich umschlagende Wetter auf die Fehlleistung des Menschen zurückführt, dies nicht rechtzeitig vorausgesehen zu haben,[5] dann wirkt das nicht nur etwas künstlich, sondern es zeigt eigentlich deutlich, dass der kausale Zusammenhang zwischen menschlicher Schwäche und Friktion nicht in dem von Kleemeier vermuteten Maße gegeben ist.

 

Der Begriff der menschlichen Schwäche, den Kleemeier zum Hauptausgangspunkt der Friktion macht, ist nicht ganz schlüssig. Es lässt sich bei ihrer Interpretation nicht präzise erfassen, welches Phänomen mit den vermeintlichen Schwächen konkret beschrieben werden soll. Aus Kleemeiers Überlegungen könnte abgeleitet werden, dass Furcht eine menschliche Schwäche sei, welche ihr Gegengewicht in der moralischen Größe Mut findet. Nun kann aber offensichtlich ein überschwänglicher Mut ebenso gut zu einer Friktion führen, wie es eine übertriebene Furchtsamkeit kann. Aus dieser Perspektive heraus müsste also beides als menschliche Schwäche verstanden werden, was wiederum die Frage aufwerfen würde, worin sich das Gegengewicht, also die Stärke, finden solle. Tatsächlich kann eine anthropologisch bedingte Furchtsamkeit nicht die Ursache einer Friktion sein. Wäre sie anthropologisch bedingt, so wäre sie bei allen Menschen gleich und somit berechenbar. Die Problematik ergibt sich jedoch gerade aus dem Gegenteil heraus und zwar aus der Individualität der menschlichen Reaktion. Die geistige Individualität des Menschen ist jedoch kaum mehr oder weniger eine Schwäche, wie sie auch eine Stärke sein kann und insofern kommen wir nicht auf den Punkt, der durch Kleemeier vertreten wird.

 

Die Verwirrungen lassen sich lösen, wenn die Unterschiede in den Begrifflichkeiten beachtet werden. Die Friktion und die oben beschriebenen eigentümliche Natur des Krieges haben eine große gemeinsame Schnittmenge, sie beschreiben aber nicht dasselbe.

 

Die eigentümliche Natur des Krieges beschreibt mit den moralischen Größen, der lebendigen Reaktion und der Ungewissheit aller Daten die Schwierigkeit, in Teilen sogar die Unmöglichkeit einer positiven Lehre über die Kriegsführung, da sich der Großteil der entscheidungsrelevanten Daten systemimmanent dem Urteilenden entzieht. Das Verhalten und auch das ganze Dasein sowohl des Einzelnen als auch der Teile und schließlich des Ganzen unterliegen individuellen, willkürlichen und unberechenbaren Prozessen. Dies führt systematisch dazu, dass sich die Entscheidungsträger zwangsweise auf ihr Glück verlassen und sich der Vermutung, der Hoffnung oder dem Glauben unterwerfen müssen. Die Entscheidungsträger aller Ebenen im Krieg wissen kaum etwas mit absoluter Sicherheit und müssen ihre Handlungen somit einem unbestimmten Wahrscheinlichkeitskalkül unterwerfen, welches die Wahrheit nur mehr oder weniger trifft. Der ganze Krieg wird hierdurch zu einem Handeln im Ungewissen, er wird zu einem Glücksspiel sowie die im Krieg Handelnden zu Spielern werden. Mit Clausewitz‘ Worten:

 

„Wir sehen also, wie von Hause aus das Absolute, das sogenannte Mathematische, in den Berechnungen der Kriegskunst nirgends einen festen Grund findet, und das gleich von vorneherein ein Spiel von Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten, Glück und Unglück hineinkommt, welches in allen kleinen und großen Fäden seines Gewebes fortläuft und von allen Zweigen des menschlichen Tuns den Krieg dem Kartenspiel am ähnlichsten stellt.“[6]

 

Die eigentümliche Natur des Krieges sagt also vor allem etwas über die abstrakte Gestalt des Krieges aus, sie stellt den unberechenbaren Teil seiner Natur dar und bringt das spekulative Element in die Kriegstheorie hinein. Die Ursache für diese Eigentümlichkeit ist die generelle Empfindsamkeit und Leidenschaftsfähigkeit des Menschen. Betrachtet man eine Streitkraft, die ein Gefecht verloren und dabei zehn Prozent ihrer physischen Kräfte eingebüßt hat, so müsste sie, wenn sie leidenschafts- und emotionslos wäre, nun über eine Stärke von neunzig Prozent verfügen. Da aber leidenschafts- und emotionsfähige Individuen mitwirken, kann die Niederlage – auch unter äußerlich scheinbar gleichen Bedingungen – ganz unterschiedliche Wirkungen zeigen. Die ganze Kampfmoral könnte sich unter dem Eindruck der Niederlage vollständig auflösen und also die Stärke der Streitkraft auf null sinken lassen. Ebenso könnte allerdings die Niederlage die Leidenschaft überhaupt erst entfachen und die Kampfmoral würde infolge dessen gar steigen, so dass die geschlagenen Streitkraft nun stärker als vorher dastünde.[7] Allein, diese Entwicklung ist nicht von vorneherein offensichtlich, sondern sie bleibt im Verborgenen und fällt der Vermutung anheim.

 

Wenn Clausewitz dies nun als eine Folge der menschlichen Schwäche bezeichnet,[8] so bezieht er sich auf die menschliche Unfähigkeit, allein nach „logischen Spitzfindigkeiten“[9], also rein rational zu handeln. Dies geht von einem Menschenbild aus, nach welchem das eigentliche Menschsein durch die rationale Vernunft und die Logik geprägt ist, während Leidenschaft und Emotionen Schwächen darstellen und den Menschen „hinter der Linie des Absolut-Besten“[10] zurückhalten. Clausewitz selbst ist dieses Menschenbild jedoch nicht vollumfänglich zu unterstellen, da er schließlich z.B. den Mut als edle Tugend darstellt und ihn als hochwertige menschliche Eigenschaften betrachtet,[11] obwohl auch dieser schließlich als gegen die reine Logik gerichtet verstanden werden muss.[12] Der Begriff der menschlichen Schwäche ist daher nicht wörtlich zu nehmen, sondern es ist ein stilistisches Mittel, welches sich an all jene richtet, die bisher versuchten, den Krieg mit logischen, naturwissenschaftlichen Berechnungen zu erfassen, insbesondere wenn Clausewitz schreibt:

 

„Der Krieg setzt menschliche Schwäche voraus, und gegen diese ist er gerichtet.“[13]

 

Damit bringt Clausewitz auf den Punkt, das ein Krieg ohne Leidenschaften und Emotionen nicht denkbar ist und diese daher einen zentralen Punkt in der Kriegstheorie einnehmen müssen. Da diese aber nicht zu berechnen sind, entziehen sich somit zumindest große Teile der Kriegstheorie den mathematischen und rein logischen Gesetzmäßigkeiten. Nach dem heutigen Sprachgebrauch führt die Benutzung des Begriffs menschliche Schwäche jedoch aufgrund der damit verbundenen normativen Wertung in die Irre und man möchte lieber sagen: es ist die menschliche, individuell verschiedenartige Fähigkeit zum Gefühl, zur Empfindung, zur Leidenschaft und auch zur Vernunft, welche die eigentümliche Natur des Krieges verursacht.

 

Die Friktion ist hingegen nicht abstrakt, sondern sie bezieht sich auf den konkreten Fall. Ihre Ursache ist nicht generell bestimmt, sie kann sowohl durch die Individualität einer Person, als auch durch ein natürliches Ereignis ausgelöst werden. Sie ist lediglich als Ereignis definiert, welches den Plan des Akteurs im negativen Sinne beeinflusst. Der aus dem Bereich der Mechanik entliehene Begriff steht als Synonym für sämtliche kleinen und großen, überraschenden und unvorhergesehenen Ereignisse, die in einem Krieg aus Sicht des jeweils Handelnden stattfinden und das Planen und Handeln wesentlich erschweren. Ein einfacher Plan, z.B. eine einfache Bewegung der Truppen, scheint in der Theorie etwas ganz einfaches zu sein, was sich recht präzise im Voraus berechnen lässt. Unter dem „Gesamtbegriff“[14] der Friktion fallen nunmehr sämtliche unvorhergesehenen Ereignisse, die diese einfache Bewegung unheimlich erschweren, verlangsamen und also einen immensen Widerstand auslösen. Der Begriff der Friktion beschreibt das, „was den wirklichen Krieg von dem auf dem Papier unterscheidet.“[15] Gleichsam ist es schließlich diese Friktion, die den Entscheidungsträgern eine hohe intellektuelle, charakterliche und auch emotionale Leistung abfordert, die für Außenstehende kaum nachzuvollziehen ist:

 

„Solange man den Krieg selbst nicht kennt, begreift man nicht, wo die Schwierigkeiten der Sache liegen, von denen immer die Rede ist, und was eigentlich das Genie und die außerordentlichen Geisteskräfte zu tun haben, die vom Feldherrn gefordert werden. Alles scheint so einfach, aller erforderlichen Kenntnisse erscheinen so flach, alle Kombinationen so unbedeutend, daß in Vergleichung damit uns die einfachste Aufgabe der höheren Mathematik mit einer gewissen wissenschaftlichen Würde imponiert. Wenn man aber den Kriege gesehen hat, wird alles begreiflich, und doch ist es äußerst schwer, dasjenige zu beschreiben, was diese Veränderung hervorbringt, diesen unsichtbaren und überall wirksamen Faktor zu nennen.

 

Es ist alles im Kriege sehr einfach, aber das Einfachste ist schwierig. Diese Schwierigkeiten häufen sich und bringen eine Friktion hervor, die sich niemand richtig vorstellt, der den Krieg nicht gesehen hat. Man denke sich einen Reisenden, der zwei Stationen am Ende seiner Tagereise noch gegen Abend zurückzulegen denkt, vier bis fünf Stunden auf Postpferden, auf der Chaussee; es ist nichts. Nun kommt er auf der vorletzten Station an, findet keine oder schlechte Pferde, dann eine bergige Gegend, verdorbene Wege, es wird finstere Nacht, und er ist froh, die nächste Station nach vielen Mühseligkeiten erreicht zu haben und eine dürftige Unterkunft dort zu finden. So stimmt sich im Kriege durch den Einfluß unzähliger kleiner Umstände, die auf dem Papier nie gehörig in Betrachtung kommen können, alles herab, und man bleibt weit hinter dem Ziel. [...]

 

Das Handeln im Kriege ist eine Bewegung im erschwerenden Mittel. Sowenig man im Stande ist, im Wasser die natürlichste und einfachste Bewegung, das bloße Gehen, mit Leichtigkeit und Präzision zu tun, sowenig kann man im Kriege mit gewöhnlichen Kräften auch nur die Linie des Mittelmäßigen halten. Daher kommt es, daß der richtige Theoretiker wie ein Schwimmmeister erscheint, der Bewegungen, die fürs Wasser nötig sind, auf dem Trocknen üben läßt, die denen grotesk und übertrieben vorkommen, die nicht ans Wasser denken; daher kommt es aber auch, daß Theoretiker, die selbst nie untergetaucht haben oder von ihren Erfahrungen nichts Allgemeines zu abstrahieren wissen, unpraktisch und selbst abgeschmackt sind, weil sie nur das lehren, was ein jeder kann – gehen.“[16]

 

Allein das Beispiel des Reisenden zeigt schon, dass die Friktion nicht zwangsläufig ursächlich mit den individuellen, menschlichen Fähigkeiten oder gar mit einer anthropologisch bedingten, menschlichen Schwäche zusammenhängt, sondern dass sie zumindest in diesem Fall durch ein natürliches Zusammentreffen von unvorhergesehenen Faktoren entsteht: schlechte Pferde, bergige Gegend, verdorbene Wege und finstere Nacht. Das Beispiel scheint jedoch nicht besonders gut gewählt, denn es stellt in keiner Weise heraus, warum die Friktion ein spezielles Phänomen des Krieges sein soll; scheint sie doch eher im ganz normalen Leben eine Rolle zu spielen.

 

Da hilft es, das Problem der Friktion von einer anderen Seite zu betrachten: Stellen wir uns vor, ein Akteur möchte mit einem Fahrzeug eine 100 Kilometer lange Strecke von A nach B fahren. Er wird sich per Straßenplan eine Strecke einprägen, vielleicht noch auftanken und dann losfahren. Dabei ist es offensichtlich, dass es eine Menge Ereignisse gibt, die seinen Plan zunichtemachen können: Der Straßenplan könnte falsch sein, das Wetter könnte Straßenglätte aufweisen, eine Straße könnte gesperrt sein, der Akteur könnte in einen Unfall verwickelt werden, sein Auto könnte einen Defekt haben, er könnte sich verfahren und schließlich könnte der Akteur selbst urplötzlich krank werden. Die Liste lässt sich unendlich lang weiterführen und es kann daher gesagt werden, dass es unzählige Ereignisse gibt, die der Verwirklichung des Plans entgegenstehen könnten. Allein: Der Plan ist einfach und die Wahrscheinlichkeit, dass eines dieser insgesamt unwahrscheinlichen Ereignisse eintritt ist gering und daher ist die Friktion kein wesentliches Alltagsproblem und tritt nur gelegentlich als Pech auf.

 

Nun ist der Krieg allerdings nicht eine Handlung aus einem Guss, durchgeführt durch einen einzelnen Akteur. An diesem Punkt der Clausewitz’schen Theorie wird erneut deutlich, dass die verschiedenen, als Ganzes gedachten Einheiten, angefangen beim politischen Gemeinwesen, über die Streitkräfte, Armeen, Divisionen, Bataillone bis zur untersten Einheit, in der Realität eben nicht aus einem Stück sind, sondern dass „alles aus Individuen zusammengesetzt ist“[17]. Also besteht auch die Handlung einer dieser gedachten Einheiten nicht aus einer einzelnen Handlung, sondern sie ist zusammengesetzt aus einer Vielzahl von Handlungen, wobei eine jede dieser Handlungen eine Friktion hervorrufen kann:

 

„Theoretisch klingt es ganz gut: Der Chef des Bataillons ist verantwortlich für die Ausführung des gegebenen Befehls, und da das Bataillon durch die Disziplin zu einem Stück zusammengeleimt ist, der Chef aber ein Mann von anerkanntem Eifer sein muß, so dreht sich der Balken um einen eisernen Zapfen mit wenig Friktion. So aber ist es in der Wirklichkeit nicht, und alles, was die Vorstellung Übertriebenes und Unwahres hat, zeigt sich im Kriege auf der Stelle. Das Bataillon bleibt immer aus einer Anzahl von Menschen zusammengesetzt, von denen, wenn der Zufall es will, der unbedeutendste imstande ist, einen Aufenthalt oder sonst eine Unregelmäßigkeit zu bewirken.“[18]

 

Denken wir nun wieder an unseren modernen Reisenden, so müssen wir sagen, dass er nicht allein die Strecke bewältigen muss, sondern er will seine Einheit, bestehend aus tausend oder hunderttausend Individuen von A nach B bewegen. Wurde oben gesagt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass das Fahrzeug des Akteurs während der Fahrt einen Defekt aufweist, recht gering ist, so wird jetzt offenbar, dass die Wahrscheinlichkeit bei tausend oder zehntausend Fahrzeugen signifikant ansteigt und man möchte sagen: Es wäre er ein Wunder, wenn alle Fahrzeuge heil ankämen. Die Handlungen einer großen Einheit sind also vielfach komplexer als die des Einzelnen und allein schon daher ist die Friktion nichtmehr der Sonderfall, sondern sie wird zur Regel – nichtsdestotrotz: sie kann nicht vorausgesehen werden, denn die Möglichkeiten der Friktion potenzieren sich mit der Komplexität  und Vielschichtigkeit der Handlungen, so dass naturgemäß nicht vorausgesagt werden kann, welche Friktion genau eintritt.

 

Dies wird durch die Einwirkung des Feindes noch mehr vervielfacht, denn die große Fahrzeugkolonne, die wir uns vorstellen, kann durch den Feind in vielfacher Art und Weise gestört werden. Sie kann aus der Distanz beschossen werden oder unmittelbar auf Feind treffen, der Weg kann durch Minen versperrt oder eine Brücke gesprengt sein usw. Also erneut vielfache, nicht präzise vorhersehbare Friktionen, die eintreten können.

 

Und schließlich kommt ganz wesentlich die eigentümliche Natur des Menschen hinzu. Jedes Individuum reagiert anders auf eine Friktion. Der eine ängstlicher, der andere mutiger. Der eine flieht, der andere greift den Feind an, der nächste verfällt in einen Schockzustand. Der eine resigniert im Anbetracht einer Friktion, der nächste fühlt sich dadurch erst angespornt. Jede dieser individuellen Reaktion kann für sich dann eine weitere Friktion darstellen und zu einer weiteren Schwierigkeit führen. Schließlich bildet die eigentümliche Natur des Menschen einen Faktor, der aus sich selbst heraus zur Friktion werden kann, wenn z.B. jemand einen Befehl verweigert, fahnenflüchtig wird, zum Feind überläuft oder einfach nur allzu oft aus Bequemlichkeit eine Pause macht. So ist die Friktion nirgends so gegenwärtig und bestimmend wie im Kriege und Clausewitz schrieb schon in seinen Betrachtungen über den Russlandfeldzug:

 

„Das Kriegs-Instrument gleicht einer Maschine mit ungeheurer Friktion, die nicht wie in der Mechanik auf ein paar Punkte zurückgeführt werden kann, sondern überall mit einem Heere von Zufälligkeit im Kontakt ist.“[19]

 

In „Vom Kriege“ führt er weiter aus:

 

„Diese entsetzliche Friktion, die sich nicht wie in der Mechanik auf wenige Punkte zurückführen läßt, ist deswegen überall im Kontakt mit dem Zufall und bringt dann Erscheinungen hervor, die sich gar nicht berechnen lassen, eben weil sie zum großen Teil dem Zufall angehören.“[20]

 

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass sowohl die Friktion als auch die eigentümliche Natur des Krieges sehr ähnliche Phänomene sind. Doch während die Friktion das zufällige Phänomen des konkreten Falles ist, welches das Handeln ungemein erschwert, ist die eigentümliche Natur des Krieges das systemimmanente Problem der abstrakten Theorie. Die Friktion ist eine negative, den Akteur überraschende Erscheinung und hat keine allgemeingültig definierbare Ursache, während die eigentümliche Natur des Krieges sich aus Sicht des Akteurs sowohl positiv als auch negativ auswirken kann, deren Ursache allerdings immer in der unberechenbaren Individualität des Menschen zu suchen ist. Die Friktion müsste allerdings – würde sie allein als natürlicher Zufall auftreten – für beide Seiten ein gleichermaßen erschwerendes Mittel darstellen und der an einer Stelle auftretende Vorteil des einen müsste durch einen an anderer Stelle auftretenden Nachteil ausgeglichen werden, d.h. wenn der einen Partei auf einem Marsch hundert Fahrzeuge technisch bedingt ausfallen, so müsste sich dies in etwa bei der anderen Partei in ähnlichem Pech wiederspiegeln. Da die Friktion jedoch von der Wirkung der eigentümlichen Natur keineswegs ausgeschlossen ist, so wird auch sie zu einer wahrhaft ungewissen und unbestimmbaren Größe überall dort, wo sie mit individuellen, menschlichen Handlungen in Zusammenhang steht. Beide Phänomene eröffnen dabei dem subjektiv empfundenen Zufall das Feld und machen den Krieg zu einem spekulativen Spiel. Durch dieses spielerische Element gewinnt der Krieg für den Menschen überhaupt erst seinen Anreiz, denn wenn es im Krieg keinen Zufall gäbe und beide Parteien zuvor sehr genau alle Fakten kennen würden, so würde der Unterlegene, für den der Ausgang des Krieges regelmäßig einen Verlust in doppelter Hinsicht darstellt,[21] keinen Anreiz finden, den Krieg zu führen. Der Krieg wird also durch den spekulativen Raum überhaupt erst ins Leben gerufen, da die Menschen hierdurch Möglichkeiten sehen, die sich tatsächlich gar nicht haben; denkt man hier z.B. an Napoleon, der Moskau erobern wollte. So schreibt Clausewitz:

 

„Obgleich sich unser Verstand immer zur Klarheit und Gewißheit hingedrängt fühlt, so fühlt sich doch unser Geist oft von der Ungewißheit angezogen. Statt sich mit dem Verstande auf dem engen Pfade philosophischer Untersuchung und logischer Schlußfolgerungen durchzuwinden, um, seiner selbst sich kaum bewußt, in Räumen anzukommen, wo er sich fremd fühlt, und wo ihn alle bekannten Gegenstände zu verlassen scheinen, weilt er lieber mit der Einbildungskraft im Reiche der Zufälle und des Glücks. Statt jener dürftigen Notwendigkeit schwelgt er hier im Reichtum von Möglichkeiten; begeistert davon, beflügelt sich der Mut, und so wird Wagnis und Gefahr das Element, in welches er sich wirft wie der mutige Schwimmer in den Strom.“[22]

Wir sagen also, die eigentümliche Natur des Krieges führt dazu, dass das politische Mittel Krieg ein spekulatives Element beinhaltet und nicht nach rein rationalen Grundsätzen angewendet werden kann, sondern eng mit Hoffen, Fürchten und Glauben verbunden ist und systemimmanent sein muss.

 
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Kapitel IV.2 - Übersicht

  • IV.2.1 „Erste Eigentümlichkeit: geistige Kräfte und Wirkungen“

      Die erste Eigentümlichkeit, welche das Instrument Krieg maßgeblich bestimmt, ist der Einfluss geistiger Kräfte und Wirkungen.[1] Clausewitz wird zu Recht als ein Kriegstheoretiker angesehen, der den so genannten moralischen Größen eine zentrale Bedeutung zumisst.[2] So schrieb er:   „Denn es läßt sich z. B. kein Sieg in seinen Wirkungen einigermaßen erklären, ohne auf die moralischen Eindrücke Rücksicht zu nehmen. Und so sind denn auch die meisten Gegenstände, welche wir in diesem Buche durchlaufen, halb aus physischen, halb aus moralischen Ursachen und Wirkungen zusammengesetzt, und man möchte sagen: die physischen erscheinen fast nur wie das hölzerne Heft, während die moralischen das edle Metall, die eigentliche, blank geschliffene Waffe sind.“[3]   Trotzdem erhebt Clausewitz nicht den Anspruch, eine einheitliche, in sich Read More
  • IV.2.2 „Zweite Eigentümlichkeit: lebendige Reaktion“

       „Die zweite Eigentümlichkeit im kriegerischen Handeln ist die lebendige Reaktion[1] und die Wechselwirkung, welche daraus entspringt. Wir sprechen hier nicht von der Schwierigkeit, eine solche Reaktion zu berechnen, denn diese liegt schon in der erwähnten Schwierigkeit, die geistigen Kräfte als Größen zu behandeln, sondern weil die Wechselwirkung ihrer Natur nach aller Planmäßigkeit entgegenstrebt. Die Wirkung, welche irgendeine Maßregel auf den Gegner hervorbringt, ist das Individuellste, was es unter allen Datis des Handelns gibt;“[2]   Eine wesentliche Größe im Krieg ist das Verhalten und die Absicht des Gegners. Wäre der Gegner ein reines Opfer, würde er also keinen physischen Widerstand leisten oder wäre er dazu nicht fähig, so wäre das Kriegführen ein Leichtes und man könnte die Gewaltausübung stets ein Read More
  • IV.2.3 „Dritte Eigentümlichkeit: Ungewißheit aller Datis“

       „Endlich ist die große Ungewißheit aller Datis[1] im Kriege eine eigentümliche Schwierigkeit, weil alles Handeln gewissermaßen in einem bloßen Dämmerlicht verrichtet wird, was noch dazu nicht selten wie eine Nebel- oder Mondscheinbeleuchtung den Dingen einen übertriebenen Umfang, ein groteskes Ansehen gibt. Was diese schwache Beleuchtung an vollkommener Einsicht entbehren läßt, muß das Talent erraten, oder es muß dem Glück überlassen bleiben.“[2]   Die beiden bisherigen Eigentümlichkeiten des Krieges beziehen sich darauf, dass sowohl die moralischen Größen im Allgemeinen als auch die Reaktion des Gegners nicht präzise qualifizierbar sind und aus diesem Grunde selbst bei einer absoluten Einsicht in alle Daten einem Spiel der Wahrscheinlichkeiten unterworfen wären. Die dritte Eigentümlichkeit thematisiert nunmehr, dass selbst die objektiv durchaus vorhandenen und messbaren Read More
  • IV.2.4 Zusammenfassung: Das spekulative Element des Kriegs

       Die bisher dargestellten drei Haupteigentümlichkeiten des Krieges sind die Hauptursachen dafür, dass der Krieg sich einer rein rationalen, logischen oder mathematischen Betrachtungsweise entzieht. Zwar gibt es Zahlen und Fakten, auf welche Akteure ihre Planungen stützen können, so z.B. die physischen Kräfte, Ausbildungsstand, geographische Gegebenheiten, technisch verfügbare Kriegsmittel etc., doch bleiben wesentliche Faktoren sowohl im Vorfeld, als auch während des laufenden Krieges im Verborgenen, unterliegen der rein subjektiven Einschätzung oder sind zu komplex um sie zu erfassen, so dass sich die handelnden Akteure ganz wesentlich mit Vermutungen und Annahmen behelfen müssen.   Schon auf diesem Wege wird der Zufall zu einer signifikanten Größe im Krieg. Der Begriff des Zufalls wird von Clausewitz dabei weniger in einer mathematischen als in einer Read More
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