Das erste Buch des ersten Kapitels befasst sich maßgeblich mit der Frage „Was ist der Krieg?“[1] und versucht in diesem Zusammenhang zu erklären, warum es Kriege mit unterschiedlichen Intensitätsgraden gibt.[2] In diesem Kontext ist es naheliegend, die Antwort auf diese Frage im letzten Absatz dieses Kapitels zusammengefasst vorzufinden, zumal dieser unter der Überschrift „Resultat für die Theorie“ steht. Dieser zusammenfassende, oft und vielfach diskutierte Absatz, stellt für die bisherige Clausewitz-Forschung bis heute jedoch ein „Rätsel“[3] dar. Er soll in seiner ganzen Länge einmal abgebildet und im Anschluss detailliert analysiert werden:

 

„28. Resultat für die Theorie

 

Der Krieg ist also nicht nur ein wahres Chamäleon, weil er in jedem konkreten Falle seine Natur etwas ändert, sondern er ist auch seinen Gesamterscheinungen nach, in Beziehung auf die in ihm herrschenden Tendenzen eine wunderliche Dreifaltigkeit, zusammengesetzt aus der ursprünglichen Gewaltsamkeit seines Elementes, dem Haß und der Feindschaft, die wie ein blinder Naturtrieb anzusehen sind, aus dem Spiel der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls, die ihn zu einer freien Seelentätigkeit machen, und aus der untergeordneten Natur eines politischen Werkzeuges, wodurch er dem bloßen Verstande anheimfällt.

 

Die erste dieser drei Seiten ist mehr dem Volke, die zweite mehr dem Feldherrn und seinem Heer, die dritte mehr der Regierung zugewendet. Die Leidenschaften, welche im Kriege entbrennen sollen, müssen schon in den Völkern vorhanden sein; der Umfang, welchen das Spiel des Mutes und Talents im Reiche der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls bekommen wird, hängt von der Eigentümlichkeit des Feldherrn und des Heeres ab, die politischen Zwecke aber gehören der Regierung allein an.

 

Diese drei Tendenzen, die als ebenso viele verschiedene Gesetzgebungen erscheinen, sind tief in der Natur des Gegenstandes gegründet und zugleich von veränderlicher Größe. Eine Theorie, welche einer derselben unberücksichtigt lassen oder zwischen ihnen ein willkürliches Verhältnis feststellen wollte, würde augenblicklich mit der Wirklichkeit in solchen Widerspruch geraten, daß sie dadurch allein schon wie vernichtet betrachtet werden müßte.

 

Die Aufgabe ist also, daß sich die Theorie zwischen diesen drei Tendenzen wie zwischen drei Anziehungspunkten schwebend erhalte.

 

Auf welchem Wege dieser schwierigen Aufgabe noch am ersten genügt werden könnte, wollen wir in dem Buche von der Theorie des Krieges untersuchen. In jedem Falle wird die hier geschehene Feststellung des Begriffs vom Kriege der erste Lichtstrahl, der für uns in den Fundamentalbau der Theorie fällt, der zuerst die großen Massen sondern und sie uns unterscheiden lassen wird.“[4]

 

Unstrittigerweise geht aus dieser Textpassage hervor, dass es drei Tendenzen oder Faktoren gibt, die von der Theorie berücksichtigt werden müssen. Dazu gibt es in der Sekundärliteratur jedoch ganz unterschiedliche Auslegungen:

 

  • Summers[5] griff in seinen Analysen über den Vietnam- und den Golfkrieg die von Clausewitz angedeutete Unterscheidung in Volk, Militär und Regierung auf und baute seine Überlegungen auf dem Zusammenspiel zwischen diesen drei gesellschaftlichen Kategorien aus.[6] Aufgrund des durchschlagenden Erfolges dieser zwei Analysen etablierte sich im angloamerikanischen Raum dieses aus dem ursprünglichen Text eigentlich kaum ableitbare und wenn überhaupt nur untergeordnete Verständnis der wunderlichen Dreifaltigkeit als die eigentliche Aussage dieser Passage.[7] Kritiker, wie auch Befürworter, die sich nur rudimentär mit Clausewitz auseinandersetzten, sehr wohl aber Summers Abhandlungen kannten, griffen diese gesellschaftliche Unterscheidung auf und vertieften somit den Eindruck im breiten Publikum, dass Clausewitz‘ Dreifaltigkeitstheorie sich auf Volk, Militär und Staat beziehen würde.[8]

  • Bassford löste dieses Missverständnis zugunsten eines näher am Originaltext orientierten Verständnisses ab und griff dabei stark auf das ältere, auch von Paret vertretene Verständnis zurück. Nach Bassfords abschließender Interpretation unterscheidet die Dreifaltigkeit zwischen irrationalen, nicht-rationalen und rationalen Elementen.[9] Eine so weitgehende Abstrahierung scheint dabei an Aussagekraft zu verlieren. Zwar besteht der wirkliche Krieg unbestritten aus diesen drei Elementen, doch ergibt sich hieraus keinerlei Struktur oder Erklärungsmuster. Es handelt sich hierbei vielmehr um die Benennung eines Dreiklangs, der „als Archetypus jeder Theorie gelten kann“[10]. Insofern würde einer solchen Interpretation jeder Bezug zur Theorie des Krieges im Speziellen fehlen, was allerdings durch die Überschrift „Resultat für die Theorie“[11] keineswegs ausgeschlossen werden kann.

  • Herberg-Rothe sieht einen strikten Zusammenhang im gesamten ersten Kapitel des ersten Buches und bringt alles dort erfasste in einem Satz zusammen: „Krieg ist der gewaltsame Kampf von Gemeinschaften.“[12] Entsprechend unterscheidet die Dreifaltigkeit nach seinem Verständnis zwischen den drei Elementen Gewalt, Kampf und Gemeinschaft. Gewalt stehe demnach für das ursprüngliche Element des Krieges, dem blinden Naturtrieb. Aus der Kampfsituation heraus ergibt sich, dass das Spiel der Wahrscheinlichkeiten Einzug in den Krieg erhält und alle Handlungen auf Unwägbarkeiten und Hoffnungen beruhen müssten. Schließlich stehe die Gemeinschaft für den weit gefassten Begriff der Politik, welcher der ganze Krieg schließlich untergeordnet sei.

 

Keine der verschiedenen Dreifaltigkeitsinterpretationen führt letztlich zu einer verständlichen Erklärung in Hinblick auf die Verschiedenartigkeit der Kriege, d.h. auf kriegspolitischer Ebene zu einer einleuchtenden Antwort auf die Frage, wie viele der vorhandenen Kräfte des politischen Gemeinwesens für einen Krieg eingesetzt werden können oder einfacher ausgedrückt, wie groß die Willenskraft des politischen Gemeinwesens zum Krieg ist.

 

Zunächst muss an dieser Stelle geklärt werden, welche Begriffe überhaupt die Dreifaltigkeit abbilden. Hält man sich zunächst strikt an den Text, so fallen drei verschiedene Begriffstriaden auf:

 

  1. Das Volk; der Feldherr und sein Heer; die Regierung. Diese, vor allem im angloamerikanischen Sprachraum gängige Dreiheit, hat dem Originaltext nach vor allem eine erklärende Bedeutung. Sie „hat den Zweck, die ‚wunderliche Dreifaltigkeit‘ zu verdeutlichen, indem [Clausewitz] sie auf den modernen Staat bezieht und [somit] Begriffe nutzt, die der Leser auf Anhieb begreift.“[13] Es handelt sich um eine Rollenzuweisung: „Die erste dieser Seiten ist mehr dem Volke, die zweite mehr dem Feldherrn und seinem Heer, die dritte mehr der Regierung zugewendet.“[14] Allein aus diesem Satz ergibt sich ganz eindeutig, dass es sich hierbei um eine noch nicht einmal eindeutige, sondern nur tendenzielle Zuordnung von gesellschaftlichen Gruppierungen zu den drei Seiten der wunderlichen Dreifaltigkeit handelt. Keineswegs sind diese drei Begriffe somit der wunderlichen Dreifaltigkeit gleichzusetzen.

  2. Blinder Naturtrieb; freie Seelentätigkeit; bloßer Verstand. Diese ganz augenscheinliche, im Originaltext durch Sperrung hervorgehobene Begriffsdreiheit hat für Philosophen einen besonderen Charme, da sich hier gewisse Parallelen zur platonischen Seelenlehre ergeben.[15] Auch Platon sah seinen idealen Staat ganzheitlich, teilte ihn in drei Stände (Regenten, Wächter und Ernährer vs. Regierung, Feldherr/Heer und Volk bei Clausewitz) ein und wies jedem der Stände eine Tugend mit verblüffender Ähnlichkeit zur Clausewitz’schen Begriffstriade zu: Weisheit[16] (vs. bloßer Verstand), Tapferkeit[17] (vs. freie Seelentätigkeit) und Besonnenheit, als Mäßigung der Begierde[18] (vs. blinder Naturtrieb). Diese sehr abstrakte dreifache Einteilung könnte daher durchaus als ontologische Einteilung des Geistes bzw. der Seele betrachtet werden und zwar sowohl in Bezug auf das politische Gemeinwesen, als auch in Bezug auf das menschliche Individuum. Es könnte in diesem Zusammenhang also gesagt werden, dass jede Theorie, die sich auf den menschlichen Geist oder eben das subjektivierte Gemeinwesen bezieht, diese drei geistigen Bereiche, namentlich Trieb, Vernunft und freie Seelentätigkeit, nicht außer Acht lassen darf.[19]

    Dabei führen diese drei Begriffe für sich genommen allerdings in die Irre. Würde allein von ihnen ein handlungstheoretisches Konzept abgeleitet werden, so läge es viel näher davon auszugehen, dass der Trieb das Bedürfnis, also den Zweck der Handlung vorgibt, der Verstand mittels Vernunft und Logik verschiedene Handlungsmöglichkeiten erarbeitet und die freie Seelentätigkeit schließlich über den individuellen Weg entscheidet. Dies ist nach dem Verständnis der Clausewitz’schen Kriegstheorie jedoch keineswegs so, denn im Gegenteil ist es der bloße Verstand, welcher den Krieg als untergeordnetes Werkzeug nutzen will und somit den Handlungszweck vorgibt und es ist der Trieb welcher der Gewaltsamkeit und somit der unmittelbaren Handlung zugeordnet wird. Darüber hinaus ergibt sich schon aus dem Originaltext, dass diese drei Begriffe keineswegs die Eckpunkte der wunderlichen Dreifaltigkeit darstellen. Vielmehr bilden sie Überbegriffe für die entsprechenden Größen. So schreibt Clausewitz, der Krieg bestehe unter anderem „aus der ursprünglichen Gewaltsamkeit seines Elementes, dem Haß und der Feindschaft, die wie ein blinder Naturtrieb anzusehen sind“[20]. Diese erste Größe der wunderlichen Dreifaltigkeit ist somit nicht ein beliebiges irrationales Element im Sinne von einem blinden Naturtrieb in jeder Hinsicht, sondern konkret der Hass und die Feindschaft, welche allerdings in die Gattung des blinden Naturtriebes fallen. Der blinde Naturtrieb ist somit nur ein Gattungsbegriff, nicht aber ein Synonym für den Hass und die Feindschaft. Zu dieser Gattung zählt derweil sicherlich auch der Überlebenstrieb und somit die daraus resultierende Furcht. Diese ist in Clausewitz‘ Dreifaltigkeitsdefinition jedoch eine wesentliche Einflussgröße auf die Wirkung des Spiels der Wahrscheinlichkeiten und kann somit – obwohl ein Naturtrieb[21] – kaum in die erste Kategorie der Dreifaltigkeit fallen.

    Würden somit die Begriffe blinder Naturtrieb, freie Seelentätigkeit und bloßer Verstand als die die Intensität des Krieges beschreibende Begriffsdreiheit verstanden werden, so stünde dies nicht nur im Widerspruch zum Textwortlaut, sondern würde zudem eine nichteindeutige, verwirrende Zuordnung von Begrifflichkeiten erzeugen. Ferner findet sich im Text kein Hinweis darauf, dass die Dreifaltigkeit generell „als Archetypus jeder Theorie gelten“[22] könne; vielmehr ergibt sich die Dreifaltigkeit vor allem aufgrund der speziellen Eigentümlichkeiten der kriegerischen Handlung und grenzt sich hierdurch gegen gewöhnliche Handlungen ab. Die originale Hervorhebung der Wendungen blinder Naturtrieb, freie Seelentätigkeit und bloßer Verstande führt somit in die Irre, denn es handelt sich hierbei lediglich um Gattungsbegriffe, keineswegs aber um die Begriffe selbst.

  3. Hass und Feindschaft; Spiel der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls; untergeordnete Natur eines politischen Werkzeuges. Bei strenger Betrachtung des Originaltextes sind diese drei Begriffsfelder genau diejenigen, welche die Intensität des Krieges bestimmen. So schreibt Clausewitz, der Krieg sei „zusammengesetzt aus der ursprünglichen Gewaltsamkeit seines Elementes, dem Haß und der Feindschaft, die wie ein blinder Naturtrieb anzusehen sind, aus dem Spiel der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls, die ihn zu einer freien Seelentätigkeit machen, und aus der untergeordneten Natur eines politischen Werkzeuges, wodurch er dem bloßen Verstande anheimfällt.“[23]

 

Ich gehe im Folgenden also davon aus, dass sich mit diesem letztgenannten Begriffstrias die Intensität des Krieges bzw. der Wille zum Krieg erklären lässt. Dabei fällt augenblicklich ein bemerkenswerter Bezug dieser drei genannten Elementen auf, aus denen der Krieg zusammengesetzt ist. So beschreiben der Hass und die Feindschaft 1) einen bestimmten Bezug zwischen dem Akteur und seinem Gegner. Das Spiel der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls beschreibt 2) einen bestimmten Bezug zur kriegerischen Tätigkeit und die untergeordnete Natur eines politischen Werkzeuges beschreibt 3) einen bestimmten Bezug zum eigentlichen Zweck, also zum politischen Motiv des Krieges.

 

Zusammenfassend lässt sich also folgende Tabelle aufstellen:

 

Übergeordnete Kategorie

Tendenzielle Zuordnung zum besseren Verständnis

Bezugnahme

Hass und Feindschaft

Blinder Naturtrieb

Volk

Verhältnis zum Gegner

Spiel der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls

Freie Seelentätigkeit

Heer und Feldherr

Verhältnis zur Tätigkeit

Untergeordnete Natur eines politischen Werkzeiges

Bloßer Verstand

Regierung

Verhältnis zum politischen Zweck

 

Tabelle 3 - Darstellung des Begriffstrias der Wunderlichen Dreifaltigkeit

 

In etwas abgewandelter Reihenfolge sollen diese drei Tendenzen der wunderlichen Dreifaltigkeit im Folgenden näher untersucht werden. Im Ergebnis sollen sie drei Faktoren bilden, welche die Intensität des Krieges auf politischer Ebene, d.h. die Anstrengungen der Kräfte zum Zwecke des Krieges, bestimmen. Anders ausgedrückt bilden diese drei Faktoren die Willenskraft, mit welcher ein Akteur den kriegerischen Akt unternimmt. Sie stellen also drei eigenständige Motive zum Krieg dar.

 weiter zu IV.4.1 Motiv 1: Die Natur eines politisches Werkzeugs

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