IV.4.2 Motiv 2: Der Hass und die Feindschaft

 

Die Seite der wunderlichen Dreifaltigkeit, der ich mich aus methodischen Gründen zuerst zuwende, ist die Seite, welche Clausewitz zuletzt nennt.[1] Für die einen, die im Krieg ein notwendiges politisches Mittel sehen, ist sie einleuchtend und maßgeblich. Für die anderen, die in ihm ein grundsätzlich sinnloses Unternehmen sehen, ist sie absurd. Die Rede ist von dem ursprünglichen Motiv, von der politischen Absicht, die den Krieg hervorruft und die durch den Krieg verwirklicht werden soll, namentlich das politische Motiv „an und für sich“[2] als der ursprüngliche Zweck des Krieges.

 

Die Betrachtung des Krieges als „untergeordnete Natur eines politischen Werkzeuges“[3], als „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“[4], ist eines der wesentlichen Vermächtnisse der Clausewitz’schen Theorie, auch wenn dazu unterschiedliche und auch widersprüchliche Interpretationen entwickelt wurden.[5] In der Tat zieht sich dieser Gedanke mindestens durch das gesamte erste und achte Buch. Schon die erste im Werk formulierte Definition des Krieges beinhaltet, dass der Krieg dem Zweck dient, „dem Feinde unseren Willen aufzudrängen“[6]. ‚Unser Wille‘ ist dabei das einheitliche Interesse des als Ganzes gedachten politischen Gemeinwesens, welches durch die Politik festgelegt wird.[7] Um einem verbreiteten Missverständnis entgegenzuwirken: dies ist kein Postulat, welches einer bestimmten Personengruppe das Recht zubilligen will, bestimmte Entscheidungen zu treffen,[8] sondern der Politikbegriff ist hier funktional zu verstehen und bezieht sich auf einen individuellen Willensbildungsprozess innerhalb des politischen Gemeinwesens, unabhängig davon, wer die entsprechenden Entscheidungsträger im konkreten Fall sind.[9]

 

Dem Krieg liegt somit immer eine politische Absicht zugrunde, d.h. entweder ein positiver oder ein negativer Zweck. Eine positive Absicht würde sich darauf richten, die bestehende außenpolitische Situation gegen den bewaffneten Wiederstand anderer politischer Gemeinwesen zur eigenen Gunst zu verändern. So könnte es also z.B. darum gehen, ein Gebiet in Besitz zu nehmen, sich schlicht zu bereichern, Menschenrechtsverletzungen zu unterbinden, eine fremde, unliebsame Regierung zu stürzen, eine Ideologie oder eine Religion zu verbreiten, eigene Unabhängigkeit im Sinne von Anerkenntnis derselben zu erreichen, neue Märkte zu erschließen oder auch ein anderes politisches Gemeinwesen schlicht zu vernichten. Die negative Absicht ist hingegen der positiven entgegenstellt, d.h. das politische Gemeinwesen mit einer negative Absicht verfolgt den Zweck, der Realisierung der positiven Absicht eines anderen Akteurs entgegenzuwirken, diese zu verhindern und – zumindest zunächst – den status beizubehalten.[10]

 

Es kann also gesagt werden, dass einem Krieg immer ein Interessenkonflikt, also ein entgegengesetzter politischer Wille zwischen den politischen Gemeinwesen vorhergeht und dass dieser der Auslöser des Krieges ist. Wir sagen nochmal: Der Zweck des kriegerischen Aktes ist es, mittels kriegerischer Gewalt den Willen des Gegners zum Widerstand zu brechen (Ziel), damit die eigene politische Absicht realisiert werden kann (Zweck).[11]

 

Gehen wir zurück zu dem vereinfachten Beispiel der politischen Gemeinwesen A und B, die sich im Konflikt um die eigentlich zu B gehörende Provinz X befinden. A verfolgt nun also die positive Absicht, die Provinz X zu annektieren, während B die negative Absicht verfolgt, A von der Verwirklichung seines Willens abzubringen, also selbst die Provinz zu behalten und damit den Status quo zu bewahren. Wenn Clausewitz nunmehr feststellt, dass die Anstrengungen des Krieges mit den dem Kriege vorgesetzten Zwecken im Gleichgewicht stehen müssen[12], so entsteht hier ein gewisses Dilemma: Der vorgesetzte Zweck ist für sich genommen – also „an und für sich“[13] – für beide Parteien ein und derselbe, namentlich der Besitz von X. Vollkommen objektiv betrachtet müssten somit die Anstrengungen der beiden Akteure zum Erlangen des Zwecks in etwa gleich bemessen sein. Allein so ist es nicht, denn es zählt nicht etwa der objektive Wert der Zweckrealisierung, sondern der subjektive Nutzen desselben:

 

„So wird also der politische Zweck als das ursprüngliche Motiv des Krieges das Maß sein, sowohl für das Ziel, welches durch den kriegerischen Akt erreicht werden muß, als für die Anstrengungen, die erforderlich sind. Aber es wird dies nicht an und für sich sein können, sondern, weil wir es mit wirklichen Dingen zu tun haben und nicht mit bloßen Begriffen, so wird er es in Beziehung auf die beiderseitigen Staaten sein. Ein und derselbe politische Zweck kann bei verschiedenen Völkern, oder selbst bei ein und demselben Volk, zu verschiedenen Zeiten ganz verschiedene Wirkungen hervorbringen. Wir können also den politischen Zweck nur so als das Maß gelten lassen, indem wir uns ihn in Einwirkung auf die Massen denken, die er bewegen soll, so daß also die Natur dieser Massen in Betrachtung kommt. Daß dadurch das Resultat ein ganz anderes werden kann, je nachdem sich in den Massen Verstärkungs- und Schwächungsprinzipe für die Handlung finden, ist leicht einzusehen.“[14]

 

Das Maß, mit welchem das politische Gemeinwesen also die Verwirklichung der entsprechenden Absicht verfolgen kann, ist nicht etwa durch den objektiven Marktwert oder den rationalen Nutzen dieser Verwirklichung bestimmt, sondern über die subjektive Einschätzung und die Affinität die das politische Gemeinwesen dazu aufbringt. Der kritische Leser wird nun gleich einige Widersprüchlichkeiten identifizieren: In der wunderlichen Dreifaltigkeit war die untergeordnete Natur des Krieges als politisches Werkzeug dem bloßen Verstande zugeordnet – warum spielt jetzt hier die Affinität zum Zweck eine so große Rolle? Und warum sagt Clausewitz, dass „die politischen Zwecke [...] der Regierung allein an[gehören]“[15], wenn er hier dem Zweck vor allem in Hinblick auf seine „Einwirkung auf die Massen“[16], also auf seine Bedeutung in der öffentlichen Meinung, eine Rolle zubilligt? Die Antwort darauf löst diese Wiedersprüche zwar auf, aber sie erfordert eine feine Differenzierung zwischen den verschiedenen Begrifflichkeiten.

 

Die Politik – und in diesem Kontext somit auch die Regierung[17] – ist „nichts an sich, sondern ein bloßer Sachverwalter“[18] aller dem politischen Gemeinwesen entspringenden Interessen, Meinungen usw. Dies meint freilich nicht, dass die Politik eine Art Rechenmaschine sei, die einen objektiven Ausgleich zwischen all diesen Interessen findet, sondern dass die Politik diese verschiedenen Meinungen, Standpunkte usw. gewichtet, gegeneinander abwägt und zu einem – idealerweise  individuell selbstlosen – Ergebnis kommt, welches nichtsdestotrotz normativ sein muss.[19] Ihre Aufgabe in Bezug auf das politische Motiv des Krieges ist dabei eigentlich zweigeteilt: Zum einen die Wahl des politischen Motivs und zum anderen die Bestimmung der Größe des politischen Motivs, wobei das erste durch das zweite bestimmt wird. Die verschiedenen Einflussgrößen, welche die Politik bei der Bestimmung dieser Größe zu berücksichtigen hat, können vielfacher Art sein. Die Auswirkung der Verwirklichung oder der Nicht-Verwirklichung der Absicht auf das Ansehen bei anderen politischen Gemeinwesen, materielle Gewinne oder Verluste, moralische, ethische oder religiöse Bedenken oder Verpflichtungen, auch Ehre und Ruhm, vielleicht Regierungsprinzipien welcher Art auch immer, schließlich auch die Festigung der eigenen Regierung und der Zusammenhalt des Ganzen – all dies wird eine mehr oder weniger große Rolle bei der Bemessung der Größe des politischen Motivs spielen. Eine je nach Konstitution unterschiedlich zu gewichtende Einflussgröße wird dabei jedoch auch und nicht zuletzt die Meinung der Bevölkerung sein. Dies ist freilich keine „republikanische Stoßrichtung“[20], wie Kleemeier meint, denn es ist ja keineswegs die Bevölkerung, die hier als Souverän auftritt, sondern in Abhängigkeit des Einflusses der Bevölkerung auf die Politik tritt diese als „Verstärkungs- und Schwächungsprinzip“[21] auf und beeinflusst in dieser Hinsicht den politischen Willensbildungsprozess. Die Meinung und Stimmungslage der Bevölkerung in Bezug auf das politische Motiv ist somit eine von vielen Größen, welche schließlich die Größe des Motivs mitbestimmt. Allerdings ist sie gleichsam die am schnellsten veränderliche Größe, denn während philosophische Argumente, Regierungsgrundsätze und materielle Gewinne in Bezug auf ein politisches Motiv auf der Zeitachse sich eher langsam verändern, kann die Meinung der Bevölkerung eine „wahre Explosion“[22] darstellen, sich innerhalb kürzester Zeit entwickeln und ebenso schnell wieder abflachen.

 

Im Zusammenhang mit unserem einfachen Beispiel ist leicht ersichtlich, dass es doch etwas ganz anderes sein muss, ob es sich bei X um einen kleinen, kargen Landstrich handelt oder um ein ressourcenreiches, großflächiges Gelände, ob es dicht bevölkert ist oder bevölkerungsarm, ob die Bewohner altansässige B-Länder sind, die eigentlich in Ruhe und Frieden leben oder ob X vor einigen Dekaden noch ein fester Bestandteil von A war und die A-Länder in X seither als Minderheit Diskriminierungen unterliegen. All dies wird die Bedeutung von X für beide Seiten beeinflussen – gleichsam sind diese Größen jedoch relative Konstanten, d.h. sie werden sich in wenigen Jahren oder Monaten kaum maßgeblich verändern. Demgegenüber ist die Meinung der Bevölkerung, also konkret die Frage, ob der jeweiligen Bevölkerung die Zugehörigkeit von X gleichgültig ist oder ob sie leidenschaftlich dafür entbrennt, dass X ein Landesteil des politischen Gemeinwesens wird bzw. bleibt, eine sehr kurzlebige. Heute noch vielmehr als zur Zeit Clausewitz‘ kann die öffentliche Meinung innerhalb kürzester Zeit ein Thema aufnehmen und weit über die eigentliche Bedeutung hinaus gewichten – und ebenso schnell wieder aus dem Gedächtnis verlieren.[23] Durch diese beschleunigte, öffentliche Wahrnehmung erklärt es sich, dass „ein und derselbe politische Zweck [...] zu verschiedenen Zeiten ganz verschiedene Wirkungen hervorbringen“[24] kann.

 

Diese Wirkung der öffentlichen Meinung auf die Größe des politischen Motivs könnte die Erfahrungen, die Clausewitz im Zuge der Kriege des frühen 19. Jahrhunderts machte, reflektieren.[25] Schließlich war die große Erkenntnis der preußischen Staats- und Heeresreformer, zu deren engsten Kreis auch der junge Clausewitz zu zählen ist, dass ein Staat ungemein mehr Kräfte aufbieten konnte, wenn die Bevölkerung sich für seine Belange interessiert und sich überhaupt mit seinem Wohlergehen identifiziert, als wenn, wie es noch zu Zeiten des großen Friedrichs der Fall war, die Bevölkerung an den Kriegsmotiven gar keinen Anteil nimmt und sie dem Kriegsergebnis vollkommen gleichgültig gegenüber steht.[26] Dieser Gedankenansatz hat unter anderem zu einem aberwitzigen Irrtum geführt. Erich Ludendorff[27], ein bekennender Clausewitz-Gegner, forderte in seinem Buch „Der totale Krieg“[28] eine Radikalisierung der Kriegsführung, indem mittels Propaganda die Bevölkerung dahingehend manipuliert und fanatisiert werden sollte, dass sie sich im Überlebenskampf wähnt und hierdurch zu äußersten Kraftanstrengungen motiviert werden sollte.[29] Dies jedoch als eine Fort- und Weiterentwicklung des Clausewitz’schen Gedankens zu verstehen, geht in eine ganz falsche Richtung, denn schließlich ist das Gegenteil der Fall.[30] Um dies nachzuvollziehen, müssen zwei verschiedene Aspekte voneinander getrennt werden.

 

Erstens: Ein politisches Gemeinwesen, an welchem die Bevölkerung partizipiert und mit dem sie sich identifiziert, ist sicherlich handlungsfähiger und dadurch auch schlagkräftiger, als ein politisches Gemeinwesen, bei dem die Bevölkerung eine desinteressierte, teilnahmslose Masse darstellt, die sehr schwer in Bewegung zu setzen ist; dies ist im wesentlichen Kern die Quintessenz der preußischen Staats- und Heeresreformer, die dem Bürger mehr Rechte und Freiheiten nicht um ihrer selbst willen zubilligen wollten, sondern um die Bindung der Bürger an den Staat zu festigen und die Produktivität der Individuen zu steigern.[31] Dieser Aspekt betrifft jedoch die Konstitution eines politischen Gemeinwesens, in dem Sinne auch seine Konkurrenzfähigkeit gegenüber anderen Gemeinwesen, hat jedoch zunächst wenig zu tun mit der Größe des politischen Motivs im Krieg. Durch eine Partizipation allein erhält ein Motiv schließlich nicht mehr oder weniger Bedeutung für das Ganze, sehr wohl wird das Ganze aber kräftiger. Ich komme auf diesen Gedanken im Zuge der Betrachtung der Leidenschaften, des Hasses und der Feindschaft zurück.[32]

 

Zweitens: Die Größe des politischen Motivs, welche schließlich mitunter die Intensität der Kriegsführung beeinflusst, wird durch die politischen Entscheidungsträger abgeschätzt und durch verschiedene Einflussgrößen bestimmt. Der Hintergrund ist, dass die kriegerische Handlung als Kraftakt eine bestimmte Leistung darstellt, die – in diesem Element der wunderlichen Dreifaltigkeit – kein Selbstzweck ist, sondern zum Zwecke einer bestimmten politischen Absicht durchgeführt wird. D.h. die hierfür durchgeführten Anstrengungen müssen schließlich, sei es auf materieller oder immaterieller Ebene, durch das Kriegsergebnis, d.h. die Verwirklichung des politischen Motivs, ausgeglichen werden. Die öffentliche Meinung ist in diesem Zusammenhang eine von mehreren Einflussgrößen, doch dies nur in dem Maße, indem sie in den innenpolitischen bzw. konstitutionellen Machtstrukturen auch faktisch von Bedeutung ist. Daher gilt, dass je größer der Einfluss der Regierung auf die öffentliche Meinung ist, je mehr die erstere also die letztere steuern kann, desto weniger kann die öffentliche Meinung eine Größe sein, welche die Regierung beeinflusst. Denn wurde oben gesagt, dass die Regierung verschiedene Einflussfaktoren (Meinungen, Interessen usw.) gegeneinander abwägt und auf dieser Grundlage die Größe eines Motivs bemisst, so wäre es unlogisch, wenn die Regierung eben diese Einflussgrößen selbst bestimmen könnte. Mit anderen Worten: Könnte eine Regierung die öffentliche Meinung vollkommen lenken, wie Ludendorff es zumindest implizit fordert und es durch die Propaganda des Dritten Reiches annähernd perfektioniert wurde oder, anders ausgedrückt, läge eine idealtypische, absolute Regierungsdiktatur auf physischer und auch geistiger Ebene vor, so wäre die öffentliche Meinung eine Folge der Entscheidungen der Regierung, nicht aber ihr Initiator oder Prätor. In diesem Falle hätte die öffentliche Meinung also keinen Einfluss auf die Größe des politischen Motivs des Krieges, sondern wäre eine Folge daraus.

 

Im Zusammenhang mit der Größe des politischen Motivs ist die öffentliche Meinung somit nur insofern von Belang, als dass sie als eine auf den politischen Entscheidungsprozess einwirkende Größe gedacht wird. Die Größe dieses Einflusses ist dabei im Zusammenhang mit der Konstitution des politischen Gemeinwesens und den Fähigkeiten sowie den Möglichkeiten der Bevölkerung zu sehen, „so daß also die Natur dieser Massen in Betrachtung kommt.“[33]

 

Nichtsdestotrotz bleibt es im Ergebnis die Aufgabe des bloßen Sachverwalters aller Interessen und Meinungen[34], namentlich der Politik, die verschiedenen Meinungen, Interessen und Ansichten gegeneinander abzuwägen, auf dieser Grundlage ein politisches Motiv zu bestimmen und die Größe desselben für das politische Gemeinwesen abzuschätzen. Aus diesem Grunde schreibt Clausewitz: „die politischen Zwecke aber gehören der Regierung allein an.“[35] Aber auch diese Sachverwaltertätigkeit gehört freilich nicht dem Verstande allein an, denn die politischen Entscheidungsträger müssen die verschiedenen Faktoren und Meinungen schließlich gewichten und dies kann auf einer rein logischen, wertfreien Ebene nicht geschehen.[36] So wird z.B. ein Monarch, der in X geboren ist und dort seine vorrangige Heimat sieht, das Motiv X zu besitzen allein aus affektiven Gründen höher bewerten und dies kann, je nach Veranlagung des politischen Führers, bis weit ins Irrationale reichen.[37] Dies ist jedoch kein Argument gegen das Gesamtverständnis, denn das Interesse des politischen Entscheidungsträgers ist schließlich auch ein Interesse des gesamten politischen Gemeinwesens, welches je nach persönlicher, innenpolitischer Macht der einzelnen Person mehr oder weniger Gewicht im Gesamten haben kann.

 

Am Ende des politischen Entscheidungsprozesses, unabhängig davon wie dieser im konkreten Einzelfall vollzogen wird, steht jedoch die Größe des politischen Zwecks. Und erst an dieser Stelle setzt auch der bloße Verstandesakt ein, denn ab hier ist der Krieg – in Bezug auf diese Seite der wundersamen Dreifaltigkeit – ein zweckrationales Unternehmen, welches sich logisch und vernünftig an der Größe des politischen Motivs orientiert. Der Krieg bzw. die Kriegführung, nicht aber die Größe des politischen Motivs sind in dieser Hinsicht sachorientiert. Die Größe der Anstrengungen zum Zwecke des Krieges fallen hier logischen, vernünftigen Überlegungen und somit „dem bloßen Verstande anheim[...]“[38], da sie ihren Ausgleich – materieller oder immaterieller Art – in der Verwirklichung des politischen Motivs finden können müssen. Auf diesem Wege wurden sämtliche Widersprüchlichkeiten, die sich aus den verschiedenen Begrifflichkeiten ergaben, aufgehoben.

 

So erklärt es sich von selbst, wenn Clausewitz schreibt:

 

„Je großartiger und stärker die Motive des Krieges sind, je mehr sie das ganze Dasein der Völker umfassen[...], um so mehr wird der Krieg sich seiner abstrakten Gestalt nähern, um so mehr wird es sich um das Niederwerfen des Feindes handeln, um so mehr fallen das kriegerische Ziel und der politische Zweck zusammen, um so reiner kriegerisch, weniger politisch scheint der Krieg zu sein. Je schwächer aber Motive und Spannungen sind, umso weniger wird die natürliche Richtung des kriegerischen Elementes, nämlich der Gewalt, in die Linie fallen, welche die Politik gibt, umso mehr muß also der Krieg von seiner natürlichen Richtung abgelenkt werden, umso verschiedener ist der politische Zweck von dem Ziel des idealen Krieges, umso mehr scheint der Krieg politisch zu werden.“[39]

 

Auf dieser Seite der wunderlichen Dreifaltigkeit ist es also die Größe des politischen Motivs, welche über die Anstrengungen entscheidet, die für den Krieg unternommen werden können. Aus dieser Betrachtung ergeben sich zwei wesentliche Problemkreise:

 

Erstens: Würde der Interessenkonflikt, welcher schließlich das beiderseitige Motiv des Krieges ist, auf dem diplomatischem Wege eines Konsenses gelöst, so könnte allein die Größe des Motivs über die beiderseitigen Anstrengungen entscheiden. Wäre das Motiv des A um ein vielfaches Größer als das des B, so würde es zu einem Handel kommen können, A würde dem B einen Ausgleich zahlen, der für B eine bessere Lösung darstellt als die Beibehaltung des Status quo ante und beide Parteien hätten einen Zugewinn. In diesem Zusammenhang scheint der Handel immer eine bessere Alternative zur kriegerischen Tätigkeit, die an viele Unberechenbarkeiten und Unsicherheiten geknüpft ist und im Ergebnis beide Akteure vermutlich teurer zu stehen kommt als ein Handel, bei dem beide Parteien sich ihres Gewinns sicher sein können. Dies führt dazu, dass die Existenz eines Krieges allein aufgrund des politischen Motivs nur erklärbar ist, wenn

 

  1. das politische Motiv des Fordernden nicht groß genug wäre, um den dafür nötigen Preis zu zahlen – dann dürfte er aber nicht in den Krieg eintreten, weil der Krieg, wie wir gesagt haben, immer die schlechtere Alternative zum Handel ist.

  2. der eine vom anderen etwas fordert, was dieser niemals bereit wäre herzugeben – dies würde sich zwar mit der Größe des Motivs begründen lassen, doch dann wäre der Krieg immer ein existentieller, weil der Zweck nur durch die Vernichtung des anderen erreicht werden könnte.

  3. der eine dem anderen den Zugewinn, welcher mit dem Handel einhergeht, nicht zubilligt, weil es ihm nicht nur um die Erfüllung des politischen Motivs an und für sich geht, sondern er darüber hinaus dem Gegner in unbestimmter Form einen Schaden zufügen möchte oder er schlichtweg seine Stellung in Bezug auf den Gegner verbessern will – hier würde sich ein Handel per se verbieten, da beide Parteien hierbei einen Zugewinn erhalten; dies wäre allerdings nicht durch die Größe des Motivs begründet, sondern durch den Bezug zum Gegner, den Hass und die Feindschaft.

  4. der eine glaubt, dass er die kriegerische Tätigkeit besser beherrscht bzw. dabei auf das Glück hofft und also darauf spekuliert, dass das Ergebnis des kriegerischen Aktes für ihn ein besseres wäre, als der Handel – auch dies wäre nicht durch die Größe des Motivs zu begründen, sondern durch den Bezug zur Tätigkeit, das Spiel der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls.

    So zeigt es sich, dass der sich der Krieg nur in existentiellen Fällen durch die Größe des Motivs erklären lässt, ansonsten allerdings wenigstens auf einer Seite andere Erklärungsmuster notwendig sind.

    Zweitens: Bisher wurde der Zweck des Krieges als statisches und konstantes, politisches Motiv betrachtet. Nun ist aber das Motiv des Krieges nichts von außen vorgegebenes, unveränderliches, sondern es ist eine flüssige, unbeständige Absicht, die im Krieg mehrfach verändert werden kann. So schreibt Clausewitz an anderer Stelle:

 

„Wir übergehen hier absichtlich noch den Unterschied, den die positive und negative Natur des politischen Zwecks im Handeln notwendig hervorbringen muß; denn wenn dieser auch, wie wir in der Folge noch zeigen werden, von der höchsten Wichtigkeit ist, so müssen wir uns doch hier auf einem noch allgemeineren Standpunkt erhalten, weil die ursprünglichen politischen Absichten im Laufe des Krieges sehr wechseln und zuletzt ganz anders werden können, eben weil sie durch die Erfolge und durch die wahrscheinlichen Ergebnisse mit bestimmt werden.“[40]

 

Das bedeutet, dass aufgrund verschiedener Entwicklungen im Krieg sich dessen Voraussetzungen vollständig verändern können. Hat derjenige mit der positiven Absicht die ersten Schlachten verloren und wird nunmehr klar, dass er den Krieg für sich nicht entscheiden können wird, so ist der kriegerische Akt hiermit nicht etwa beendet und der Status quo ante erhalten, sondern der bisherige Verteidiger wird sich im Angesicht seiner Erfolge überlegen müssen, ob er nunmehr nicht selbst eine positive Absicht verfolgen sollte und den vorigen Aggressor zu zukünftigen Aktionen unfähig machen will. Unter diesen Bedingungen würden sich die Vorzeichen also ändern und die politischen Motive würden ganz andere werden. Im umgekehrten Fall kann der Aggressor, beflügelt von ersten Erfolgen, seine bisherigen Zwecke ganz wesentlich erweitern und vergrößern und auch in dieser Hinsicht würde die Größe des Motivs auf beiden Seiten erheblich zunehmen.

 

So wird also insgesamt ersichtlich, dass das politische Motiv selbst, welches ursprünglich als feste Größe für die Intensität der Kriegführung dienen sollte, durch die Faktoren der Feindschaft und dem Spiel der Wahrscheinlichkeiten auf der politischen Ebene mitbestimmt wird. Unter diesem Gesichtspunkt wird schnell ersichtlich, dass die Intensität der Kriegsführung nicht allein auf der Größe des politischen Motivs beruhen kann und dass die Theorie, würde sie dies annehmen, „mit der Wirklichkeit in solchen Widerspruch geraten [würde], daß sie dadurch allein schon wie vernichtet betrachtet werden müßte.“[41] Dies wird umso mehr deutlich, als dass es in der empirischen Wirklichkeit auch Kriege zu geben scheint, bei denen der Zweck nicht vordergründig ersichtlich ist. Hierzu äußerst die Kriegstheorie, die doch die Erfüllung des politischen Zwecks zu ihrem obersten Richtungspunkt erklärt hat, eine klare Forderung, wenn Clausewitz schreibt:

 

„Man fängt keinen Krieg an, oder man sollte vernünftigerweise keinen anfangen, ohne sich zu sagen, was man mit und was man in demselben erreichen will, das erstere ist der Zweck, das andere das Ziel. Durch diesen Hauptgedanken werden alle Richtungen gegeben, der Umfang der Mittel, das Maß der Energie bestimmt, und er äußert seinen Einfluß bis in die kleinsten Glieder der Handlung hinab.“[42]

 

Diese Aussage muss zunächst befremden, denn gemäß der ursprünglichen Kriegsdefinition war die feindliche Absicht, der Zweck des Krieges, das bestimmende Merkmal der kriegerischen Gewalt.[43] Wie kann Clausewitz also an dieser Stelle die Möglichkeit in Erwägung ziehen, dass ein Krieg geführt wird, ohne dass man weiß, „was man mit [...] demselben erreichen will“[44]? Dies kann nur dahingehend gelöst werden, als dass wir annehmen, dass jede Kriegspartei notwendigerweise eine konkrete Absicht verfolgen muss, denn andernfalls wäre ein zielgerichtetes Handeln undenkbar und es würde kein Krieg, sondern anarchische Gewalt vorherrschen. Allerdings könnte die Bedeutung des politischen Motivs eine so geringe sein, d.h. sie könnte von anderen Einflussgrößen wie der Feindschaft oder dem Spiel mit den Wahrscheinlichkeiten derart überflügelt werden, dass das politische Motiv an und für sich als beliebig bezeichnet werden könnte und also von der Politik wahlweise verändert werden kann, ohne das hieraus Konsequenzen für die Intensität des Krieges erwachsen würden.

 

Grundsätzlich lässt sich zusammenfassen: Je größer das politische Motiv des Krieges, desto größer die Anstrengungen, welche durch das politische Gemeinwesen unternommen werden (können), um den Willen des Gegners zum Widerstand zu brechen.

 weiter zu IV.4.2 Motiv 2: Der Hass und die Feindschaft 

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Kapitel IV.4 - Übersicht

  • IV.4.1 Motiv 1: Die Natur eines politisches Werkzeugs

    IV.4.2 Motiv 2: Der Hass und die Feindschaft   Die Seite der wunderlichen Dreifaltigkeit, der ich mich aus methodischen Gründen zuerst zuwende, ist die Seite, welche Clausewitz zuletzt nennt.[1] Für die einen, die im Krieg ein notwendiges politisches Mittel sehen, ist sie einleuchtend und maßgeblich. Für die anderen, die in ihm ein grundsätzlich sinnloses Unternehmen sehen, ist sie absurd. Die Rede ist von dem ursprünglichen Motiv, von der politischen Absicht, die den Krieg hervorruft und die durch den Krieg verwirklicht werden soll, namentlich das politische Motiv „an und für sich“[2] als der ursprüngliche Zweck des Krieges.   Die Betrachtung des Krieges als „untergeordnete Natur eines politischen Werkzeuges“[3], als „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“[4], ist eines der wesentlichen Vermächtnisse der Read More
  • IV.4.2 Motiv 2: Der Hass und die Feindschaft

      Die zweite hier zu betrachtende Tendenz des Krieges ist die „der ursprünglichen Gewaltsamkeit seines Elementes, dem Hass und der Feindschaft, die wie ein blinder Naturtrieb anzusehen sind“[1]. Ähnlich wie die Größe des politischen Motivs bringt Clausewitz gleich zu Beginn seines Werkes auch die Größe der Feindschaft und des Hasses in die Definition des Krieges ein. Zwar sei das politische Motiv das bestimmende Merkmal des Krieges, nichtsdestoweniger paart sich dies nicht selten mit dem Merkmal der Feindschaft:   „Der Kampf zwischen Menschen besteht eigentlich aus zwei verschiedenen Elementen, dem feindseligen Gefühl und der feindseligen Absicht. Wir haben das letztere dieser beiden Elemente zum Merkmal unserer Definition gewählt, weil es das allgemeine ist. Man kann sich auch die roheste, an Instinkt Read More
  • IV.4.3 Motiv 3: Das Spiel der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls

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  • IV.4.4 Wille zum Krieg: Zusammenfassung und Folgerung

      Bisher wurden drei unterschiedliche, voneinander unabhängige Motivationsquellen herausgearbeitet, die jeweils für das politische Gemeinwesen einen Anreiz darstellen, die für den Krieg aufzubringenden Kräfte zu vergrößern. Es wurde gesagt, dass   je größer der Hass und die Feindschaft zum Gegner ist, d.h. je mehr für den Bevölkerungsdurchschnitt die Schädigung des Gegners einen Selbstwert hat, je größer der unbedingte Wille zum Sieg um seiner selbst willen vorliegt, d.h. je mehr Personen sich selbst mit dem Krieg sowie mit dem spielerischen Element des Krieges identifizieren und darin aufgehen, so dass der militärische Sieg für sie zum Selbstzweck wird und je größer das politische Motiv des Krieges ist, d.h. je größer der subjektive Nutzen der Realisierung des ursprünglichen politischen Motivs für das politische Read More
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