Die zweite hier zu betrachtende Tendenz des Krieges ist die „der ursprünglichen Gewaltsamkeit seines Elementes, dem Hass und der Feindschaft, die wie ein blinder Naturtrieb anzusehen sind“[1]. Ähnlich wie die Größe des politischen Motivs bringt Clausewitz gleich zu Beginn seines Werkes auch die Größe der Feindschaft und des Hasses in die Definition des Krieges ein. Zwar sei das politische Motiv das bestimmende Merkmal des Krieges, nichtsdestoweniger paart sich dies nicht selten mit dem Merkmal der Feindschaft:

 

„Der Kampf zwischen Menschen besteht eigentlich aus zwei verschiedenen Elementen, dem feindseligen Gefühl und der feindseligen Absicht. Wir haben das letztere dieser beiden Elemente zum Merkmal unserer Definition gewählt, weil es das allgemeine ist. Man kann sich auch die roheste, an Instinkt grenzende Leidenschaft des Hasses nicht ohne feindliche Absicht denken, dagegen gibt es viele feindselige Absichten, die von gar keiner oder wenigstens keiner vorherrschenden Feindschaft der Gefühle begleitet sind. Bei rohen Völkern herrschen die dem Gemüt, bei Gebildeten die dem Verstande angehörenden Absichten vor; allein dieser Unterschied liegt nicht in dem Wesen von Roheit und Bildung selbst, sondern in den sie begleitenden Umständen, Einrichtungen usw.: er ist also nicht notwendig in jedem einzelnen Fall, sondern er beherrscht nur die Mehrheit der Fälle, mit einem Wort: auch die gebildetsten Völker können gegeneinander leidenschaftlich entbrennen.

 

Man sieht hieraus, wie unwahr man sein würde, wenn man den Krieg der Gebildeten auf einen bloßen Verstandesakt der Regierungen zurückführen und ihn sich immer mehr als von aller Leidenschaft loslassend denken wollte [...].“[2]

 

Dabei muss gleich einem Missverständnis entgegengewirkt werden: Der hier in Erscheinung tretende Faktor des feindseligen Gefühls bezieht sich „keineswegs [auf] die Tendenz der wirklich im Konflikt begriffenen Kräfte“[3]. Clausewitz unterscheidet explizit zwischen der Feindschaft, welche die faktisch miteinander Kämpfenden verbindet und der Feindschaft zwischen den beiden politischen Gemeinwesen. Bei den Kämpfenden ergibt sich das feindselige Gefühle – falls es nicht vorher schon vorhanden war – spätestens durch die kriegerische Tätigkeit, namentlich dem Erfahren und Anwenden der physischen Gewalt.[4] Beim politischen Gemeinwesen hingegen muss der gegenseitige Hass nicht zwangsläufig vorherrschen, da der Krieg in erster Linie einen instrumentellen Charakter hat bzw. haben kann. Dies bedarf der Erklärung.

 

Mehrfach wiederholt Clausewitz, dass der Kampf seinem Ursprung nach eine Äußerung feindseliger Gefühle sei.[5] Dies ist absolut einleuchtend, denn der unmittelbare physische Gewaltakt beinhaltet schließlich, den Willen einer anderen Person durch physische Handlungen zu verletzen und ihr hierdurch Schmerz und Leid zuzufügen.[6] Dies ist seinem Wesen nach ein Ausdruck der Aggression, der Feindschaft und des Hasses. Zwar kann sich die Vernunft dem Mittel der Gewalt bedienen, um andere, der Gewalt selbst nicht angehörende Zwecke zu erreichen, doch bleibt die Tätigkeit selbst ihrem Ursprung nach ein feindschaftlicher Akt. D.h. ein Akteur, der sich der Gewalt instrumentell bedient, um einen bestimmten, der Gewalt nicht zugehörigen Zweck zu erreichen, wird die Gewalt leichtfertiger und brutaler einsetzen, wenn er das Opfer hasst; je mehr er jedoch positive Emotionen mit dem Opfer verknüpft, je bedächtiger, zurückhaltender und vorsichtiger wird er im Gebrauch dieser Gewalt sein.

 

Nun ist der Krieg jedoch kein einseitiger, sondern ein gegenseitiger Gewaltakt, namentlich ein Kampf.[7] Ein Akteur muss also nicht nur Gewalt anwenden, sondern gleichsam auch Gewalt erfahren. Der Effekt der Gewalterfahrung ist dabei offensichtlich das Erleiden von Schmerzen und zwar herbeigeführt durch die gegnerische Aktivität. Freilich ist dies ein negatives, emotionales Erlebnis und führt schließlich und logischerweise zu einer Steigerung der Feindschaft und des Hasses.[8] So führt der Kampf von seiner natürlichen Tendenz her zu einer fortwährenden Steigerung der Feindschaft und des Hasses und diese Tendenz führt wiederum zu einer Eskalation der beidseitigen Gewaltanwendung. Vor diesem Hintergrund ergibt sich die Frage, wie die Kriegstheorie überhaupt auf die Idee kommen konnte, den Krieg als rein instrumentell und kaum leidenschaftlich zu betrachten, wenn sich die Feindschaft mit der Dauer der kriegerischen Handlung immer weiter steigern und in der Konsequenz früher oder später die Größe des politischen Motivs überflügeln müsste.

 

Zur Beantwortung dieser Frage muss bedacht werden, dass der Krieg kein unmittelbarer, sondern ein erweiterter Zweikampf ist. Das politische Gemeinwesen ist kein nervlich miteinander verbundenes Organ, sondern es besteht aus individuellen Teilen, die nur mehr oder weniger unmittelbar miteinander verbunden sind. Ist das politische Gemeinwesen ein sehr kleiner Gesellschaftsverband, in welchem jeder jeden kennt, so wird die ursprüngliche Tendenz des Kampfes zur Eskalation in vollem Umfang zur Wirkung kommen, da jedes Gesellschaftsmitglied persönliches Leid – sei es durch den Verlust eines Angehörigen, eines Bekannten oder durch eigene Verwundung, die Zerstörung von Eigentum usw. – erfahren wird. Ganz anderes kann es jedoch bei einer großen und pluralistischen Gesellschaft sein.[9] Hier zählt unter Umständen nur ein kleiner, namenloser Teil des Gemeinwesens zu den im Kampf befindlichen Kräften. Der Großteil der Bevölkerung ist somit nicht persönlich durch das Leid und den Schmerz der Kämpfer betroffen. Vor allem nimmt bei „steigender Differenzierung und Komplexität“[10] des politischen Gemeinwesens auch die Distanz zwischen den Kämpfenden und den politischen und militärpolitischen Entscheidungsträgern unweigerlich zu, was eine gewisse Objektivierung der Gewalterfahrung zur Folge hat. So wird es verständlich, wenn Clausewitz schreibt, dass rohe Völker eher zu einem sehr durch die Leidenschaft dominierten Krieg, gebildete Völker eher zu einer rationalen Kriegsführung tendieren, dies aber nicht im Wesen von Rohheit oder Bildung selbst läge, sondern in den damit verbundenen Umständen und Einrichtungen.[11]

 

Dementsprechend ist die Gewalt und das Leid, welches die kämpfenden Kräfte im Krieg erleiden, aus Sicht des als Ganzen gedachten politischen Gemeinwesens nicht zwingend ein subjektiv empfundenes Leid, sondern kann ebenso gut als objektiv messbarer und weitestgehend emotionslos aufgefasster Verlust verstanden werden. In diesem Falle wird die vom politischen Gemeinwesen ausgehende Leidenschaft durch die Dauer des Krieges und die damit einhergehende Gewalterfahrung keineswegs zwangsweise gesteigert. Da dem Krieg nicht notwendigerweise eine Feindschaft vorausgehen muss,[12] ist somit gezeigt worden, dass ein Krieg zumindest auf politischer Ebene prinzipiell auch ohne oder zumindest mit sehr geringer Feindschaft und Hass geführt werden kann und also unter diesen Bedingungen der Hass auf die Anlage und Planung des Krieges keinen Einfluss nehmen muss. So erklärt es sich, dass die Kriegstheorie des späten 18. Jahrhunderts, welche sich maßgeblich mit den emotionslos geführten Kabinettskriegen befasste, die Einflussgröße der Leidenschaft, der Feindschaft und des Hasses ausblendete und den Krieg für etwas rein rationales hielt und halten konnte.

 

Wurde auf diesem Wege gezeigt, dass ein Krieg auf politischer Ebene durchaus ohne Hass und große Feindschaft geführt werden kann, so ist daraus keineswegs zu folgern, dass dies der Regelfall sei und dass die Theorie des Krieges daher ohne diese Größen auskommen könnte. Im Gegenteil gilt Clausewitz nicht nur als prominenter Vertreter einer Kriegstheorie, die den Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sieht,[13] sondern auch als ein Theoretiker, der den so genannten moralischen Größen eine zentrale Bedeutung zumisst[14] und dazu zählt freilich auch die Größe von Hass und Feindschaft. So ist es nicht verwunderlich, dass Clausewitz die älteren Vorstellungen, die den Krieg allein als eine rationale, auf das politische Motiv abgerichtete Handlung betrachteten, verwarf und stattdessen feststellte, dass dem Krieg zwar immer ein solches Motiv vorangestellt sein müsse und dass es durchaus denkbar sei, dass die ganze Handlung ohne größeren Ausdruck der Leidenschaft von statten gehen könnte,[15] dass aber die Theorie diese Leidenschaft nichtsdestotrotz berücksichtigen müsse, da sie immer wieder in Erscheinung treten und ihren Einfluss auf die Kriegsführung geltend machen kann.

 

Dabei führt der Begriff der Leidenschaft an dieser Stelle leicht in die Irre. Die Leidenschaften eines Akteurs können sich schließlich auch auf das politische Motiv oder auf die kriegerische Tätigkeit beziehen. Wenn Clausewitz aber von den „Leidenschaften, welche im Krieg entbrennen sollen“[16] schreibt, so bezieht sich dies auf die Begriffe „feindseliges Gefühl“[17], „Haß“[18] und „Feindschaft“[19], die allesamt eine negative emotionale Beziehung zum Gegner beschreiben; es muss also festgehalten werden, dass Leidenschaft der allgemeine Gattungsbegriff, Feindschaft bzw. Hass aber das konkrete Element ist.

 

Während die Größe des politischen Motivs eine Grundlage für rationales Handeln bietet, da sie einen konkreten Gewinn gegen eine gewisse Anstrengung in Aussicht stellt, ist die Größe des Hasses als Grundlage für rationales Handeln nicht geeignet. Eine Gewalttat, die aus dem Hass heraus motiviert ist, erfüllt ihren Zweck durch die Tat unmittelbar. Sie benötigt also keine weitere Vernunft oder Logik, keine Ausrichtung und keine Strategie. Ein durch reine Feindschaft motivierter Gewaltakt findet seine Erfüllung im Schmerz des Gegners; in diesem Sinne hat der Akteur keinen faktischen, eigenen Gewinn, sondern sieht seinen Gewinn im Leid und Verlust des Feindes. Die Feindschaft kann schließlich bis zur vollständigen Selbstaufopferung führen, was der instrumentellen, an der Größe des Motivs orientierten Gewaltanwendung fremd sein muss. Der rein feindschaftlich motivierte Gewaltakt benötigt weder die Intelligenz, noch ist er auf diese zurück zu führen und in diesem Sinne ist es verständlich, wenn Clausewitz schreibt, dass er „wie ein blinder Naturtrieb anzusehen“[20] sei. Dabei ist der Krieg per Clausewitz’scher Definition nie ein allein auf Hass basierender Gewaltakt,[21] sondern ihm ist immer ein politisches Motiv vorangestellt. Nichtsdestotrotz kann sich der Hass auf den Feind mit der Größe des politischen Motivs paaren und so der Anwendung von Gewalt eine neue Dimension und Energie geben. D.h. je größer der Hass und die Feindschaft, desto mehr wird ein Akteur seine Anstrengungen steigern um dem Gegner zu schaden, desto mehr Kräfte wird er also zum Zwecke der Gewaltanwendung freisetzen können.

 

Wurde so in etwa umrissen, was unter Hass und Feindschaft und dieser weiteren Tendenz im Rahmen der wunderlichen Dreifaltigkeit zu verstehen ist und wie deren Auswirkungen auf die Kriegsführungen sind, so ist bislang offen, von wem Feindschaft und Hass im Speziellen und die Leidenschaften im Allgemeinen ausgehen und warum sie in einigen Fällen zutage treten und in anderen gar keine Rolle spielen. Wenden wir uns also den Leidenschaften des politischen Gemeinwesens zu.

 

Wenn die heutige Kriegs- und Konfliktforschung von Hass und Feindschaft im Krieg spricht, so wird dies zumeist auf die Ebene der kämpfenden Individuen oder der Opfer bezogen.[22] Diese Perzeption entspringt der Idee, dass der Krieg existiert, weil die Kämpfer kämpfen und kämpfen wollen und die Leidenschaft, der Hass und die Existenzangst neben dem Erlangen von Ehre und Ruhm hierzu die größten individuellen Motive zu sein scheinen.[23] Clausewitz hatte hierzu eine ganz andere und wie ich glaube zutreffendere Betrachtungsweise, denn der Krieg ist keine zufällige Zusammenballung von individuellen Kämpfern, sondern er ist eine geplante und organisierte, kollektive Handlung und dies macht die individuellen Kämpfer in erster Linie zu Geführten. Ihr individueller Wille mag dies unterstützen, aber ihre Handlungen sind zuallererst fremdbestimmt. Führt man sich nun also ganz konkret vor Augen, dass die Streitkräfte für Clausewitz ein Mittel der Kriegsführung auf taktischer Ebene sind,[24] so wäre es ganz und gar widersinnig anzunehmen, dass die Kriegsführung sich den Leidenschaften dieses Mittels zu beugen hätte. Die politische Führung bestimmt die Handlungen der Streitkräfte und aus diesem Grunde legt sie auch zumindest grundsätzlich den Grad fest, in welchem die Streitkräfte ihren Leidenschaften nachgehen dürfen bzw. sollen. So schreibt Clausewitz:

 

„Zwar können in manchen Fällen die [unmittelbaren Kämpfer] in solchem Maße angeregt sein, daß sie mit Mühe in dem politischen Wege zurückgehalten werden könnten, in den meisten Fällen aber wird solcher Widerspruch nicht entstehen, weil durch das Dasein so starker Bestrebungen auch ein großartiger, damit zusammenstimmender Plan bedingt sein wird. Wo dieser Plan nur auf kleines gerichtet ist, da wird auch das Streben der Gemütskräfte in der Masse so gering sein, daß diese Masse immer eher eines Anstoßes als einer Zurückhaltung bedürfen wird.“[25]

 

Die politische Führung muss folglich die Leidenschaften der Streitkräfte je nach Bedarf anstoßen oder bändigen, doch diese Leidenschaft ist keine Einflussgröße für die Intensität der Kriegsführung selbst. Wenn diese Seite der wunderlichen Dreifaltigkeit, der Hass und die Feindschaft, sich aber nicht auf die Leidenschaften innerhalb der Streitkräfte beziehen, so stellt sich die Frage, auf wessen Leidenschaften hier zurückgegriffen werden soll.

 

Die Größe des Motivs wurde durch die Politik festgelegt und ebenso könnte gesagt werden, dass die Größe der Feindschaft auch durch die Politik bzw. die politische Führung bemessen wird. Diese Annahme ist nicht ganz falsch, sie ist allerdings misszuverstehen, denn es könnte der Eindruck entstehen, es ginge um persönliche Leidenschaften und Vorlieben der (militär‑) politischen Entscheidungsträger. Ein solches Verständnis könnte die auch empirisch stichhaltige Vorstellung nähren, nach welcher durch Hass motivierte politische und/oder militärische Führer Kriege aus nichtigem Anlass mit außer dem Verhältnis stehenden Anstrengungen und Mitteln bis zum Äußersten führten. Eine solche Vorstellung würde jedoch dem Clausewitz’schen Politikverständnis nicht gerecht werden. Dieser sah die Politik in erster Linie als bloßen Sachverwalter aller inneren Interessen, Meinungen usw.[26] Der politische Entscheidungsträger hat demnach möglichst objektiv, d.h. losgelöst vom Eigennutz und Eigenwohl, die verschiedenen Argumente normativ zu gewichten und gegeneinander abzuwägen, um im Ergebnis einen politischen Willen zu formulieren.[27] Sollte der eigene Hass auf den Gegner in diesem Zusammenhang eine Entscheidungsgrundlage darstellen, so wäre dies freilich im höchsten Grade subjektiv und am Eigennutz, namentlich an der Befriedigung der persönlichen Triebe und Bedürfnisse, orientiert. Problematisch ist allerdings, dass diese ‚schlechte‘ Regierungstätigkeit von Clausewitz keineswegs ausgeschlossen wird, d.h. er stellt durchaus fest, dass Eigennutz und Selbstsucht eine Entscheidungsgrundlage für die Regierenden sein könnten, aber eben nicht sein sollten.[28]

 

Im Gesamtzusammenhang scheint es jedoch wesentlich sinnvoller, den persönlichen Hass und die Leidenschaft der politischen Entscheidungsträger in den Kontext ihrer normativen Entscheidung über die Größe des politischen Motivs zu setzen. Ihr Hass auf den Gegner wird sie also eher dazu bringen, das eigentliche Motiv des Krieges höher zu bewerten, als es objektiv im Sinne des Gesamtinteresses ist; jedoch gibt es bei der Betrachtung des Clausewitz’schen Gesamtwerks keinerlei Anzeichen dafür, dass Hass oder Leidenschaft des politischen Führers auf die Leidenschaft des gesamten politischen Gemeinwesens zurückwirkt. Im Gegenteil versteht Clausewitz die Politik als „leitende Intelligenz“[29] des politischen Gemeinwesens und im Sinne dieser Analogie zum Menschen ist es die Leidenschaft, welche mal mehr und mal weniger auf die Intelligenz Einfluss nehmen kann, doch nie ist es die Intelligenz, welche auf die Leidenschaft Einfluss nimmt. In diesem Sinne bestimmt die Politik zwar die äußeren Handlungen des politischen Gemeinwesens als Resultat der verschiedenen, individuellen Interessen, Meinungen und auch Leidenschaften, nicht aber die Bedürfnisse und Meinungen der menschlichen Individuen, welche durch die Politik regiert werden.[30] Der Gedanke, dass die Politik dafür verantwortlich sei, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden und somit für das politische Gemeinwesen auch eine subjektiv-emotionale Dimension zu generieren, entstammt erst den späteren Ideen Schmitts[31]. Clausewitz ging vielmehr davon aus, dass die Politik nur ein bloßer Sachverwalter sei, welcher unter anderem auf die Meinungen und Interessen des Volkes mehr oder weniger zurückzugreifen hat. Dies steht dabei inhaltlich nicht in Widerspruch zu der konkreten politischen Einzelfallkonstitution, in welcher die politische Führung z.B. durch Propaganda, Erziehung usw. die Meinung und Stimmung der Bevölkerung massiv selbst beeinflusst. In diesem Falle können die politischen Entscheidungsträger in einer Doppelfunktion betrachtet werden: Zum einen als politische Führer, zum anderen als Meinungsführer. Diese beiden Funktionen in der abstrakten Theorie zu trennen ist allerdings allein deshalb sinnvoll, weil sie nicht zwingend in Doppelfunktion auftreten müssen.

 

So wird es freilich sehr verständlich, wenn Clausewitz schreibt, dass „die politischen Zwecke [...] der Regierung allein an[gehören]“[32], aber „die Leidenschaften, welche im Kriege entbrennen sollen, [...] schon in den Völkern vorhanden sein“[33] müssen. Kurzum: Der Hass und die Leidenschaft, welche die Intensität des Krieges offensichtlich mitbestimmen, muss in der Bevölkerung vorhanden sein und dieser somit entspringen. Was aber kann der Quell dieser Leidenschaften sein, worauf beziehen sie sich und wie wirkt sich die Leidenschaft der Bevölkerung konkret aus?

 

Bei Clausewitz finden sich zwei verschiedene Art von Hass: Zum einen „die individuelle Feindschaft“[34], zum anderen der „Nationalhaß“[35]. Beide Formen gehen von einem Individuum aus, doch während die erste sich ebenfalls auf ein anderes, konkretes Individuum bezieht, bezieht sich die andere Form – so kann aus dem Kontext geschlossen werden – auf eine andere Nation, namentlich also auf alle einzelnen Individuen, welche dieser verhassten Nation zugehörig sind.[36]

 

Die Nation ist für Clausewitz vorrangig ein gemeinsames Identifikationsmuster, d.h. durch ein gemeinsames, kulturelles Gut[37] stellt sie ein emotionales Bindemittel für die einzelnen Individuen dar, gibt ihnen ein Zusammengehörigkeitsgefühl und Stolz auf sich selbst. Die Größe einer Nation schlägt sich im Nationalbewusstsein nieder, namentlich im Bewusstsein des Einzelnen, ein Teil dieser nationalen Gruppe zu sein, in ihr die Brüder und Schwestern, außerhalb derselben nur Fremde oder gar Feinde zu finden. In diesem Sinne weist Clausewitz den verschiedenen Nationen auch eine „Kollektivpersönlichkeit“[38] zu, d.h. nach seiner Auffassung existieren Gemeinsamkeiten im Denken und Empfinden, in den Lebens- und Umgangsformen, Sprachen, Denkweisen usw. innerhalb einer Nation.[39] Dieses Nationalbewusstsein ist bei Clausewitz nunmehr ein wesentliches Motiv für die Staatsbürger, sich mit dem Wohl des Staates zu identifizieren, sich für ihn aufzuopfern, sich ihm hinzugeben und Leidenschaft für ihn und seine Belange zu entwickeln.[40] Das Nationalbewusstsein, also dass Denken in nationalen Kategorien, muss in diesem Zusammenhang als eine notwenige Voraussetzung für das Entstehen eines Nationalhasses betrachtet werden. In diesem Sinne kann gesagt werden, dass je nationalbewusster ein Bürger ist, desto mehr Leidenschaft kann und wird er für die Belange des Staates entwickeln, desto mehr ist er überhaupt fähig, Bürger anderer Nationen allein aufgrund ihrer anderen Nationalität zu hassen.[41] Diese Begriffssystematik, die nicht dem Hauptwerk ‚Vom Kriege‘, sondern den vielen überlieferten Schriften und Briefen Clausewitz‘ entnommen, setzt allerdings ganz wesentlich den Nationalstaat voraus.

 

Wird der Begriff der Nation abstrahiert damit die Theorie auch außerhalb des speziellen begriffsgeschichtlichen Hintergrundes Clausewitz‘ ihre Aussagekraft beibehalten kann, so muss darunter jede Form von bestimmenden, gruppenidentitätsstiftenden Merkmalen verstanden werden. Als solche können dabei verschiedenste Merkmale dienen, z.B. Religionszugehörigkeit, ethnische Zugehörigkeit, ideologische Überzeugung, auch rein äußere Merkmale, kulturelle Gemeinsamkeiten, Familienzugehörigkeit und vieles mehr. Schließlich zeigt der Begriff der Nation selbst am besten, dass dieses bestimmende, identitätsstiftende Merkmal durchaus fiktiv, beziehungsweise künstlich sein kann. Im Ergebnis stellt sich somit die Frage, inwiefern das politische Gemeinwesen in der Wahrnehmung und dem Bewusstsein seiner Mitglieder über gruppenidentitätsstiftende Merkmale verfügt, welche die Mitglieder emotional aneinander bindet und gleichsam gegen andere abgrenzt.

 

Deutlicher wird dies, wenn der Gedanke Clausewitz‘ mit einem Aspekt der späteren soziologischen Theorie Tönnies[42] verknüpft wird. In seinem Werk „Gemeinschaft und Gesellschaft“[43] unterscheidet dieser zwischen den beiden im Titel genannten idealtypischen Gruppenformen. Die Gemeinschaft ist dabei eine Gruppe von Menschen, die emotional miteinander verbunden sind, die sich also miteinander identifizieren. Diese Gruppe besteht nicht zu einem bestimmten Zweck, sondern um ihrer selbst willen, eben aufgrund dieser Verbundenheit. Die gemeinsame Identität kann sich dabei auf eine Bluts-, eine Orts- oder eine Geistesverwandtschaft beziehen. Unabhängig davon geht der Einzelne in der Gemeinschaft auf; er verfolgt nicht vorrangig seine eigenen Ziele, sondern er orientiert sich am Wohl der Gemeinschaft und stellt dieses über bzw. setzt dieses gleich mit seinem persönlichen Wohl. Er nimmt also emotionalen Anteil an dem Schicksal der Mitglieder seiner Gemeinschaft, auch wenn er objektiv betrachtet persönlich nicht oder nur bedingt betroffen ist. Auf diesem Wege wird die Gemeinschaft zu einem wahren Wesen, zu einem einzelnen, für sich selbst existierenden Subjekt. Die Gemeinschaft besitzt aus diesem Grunde nicht nur einen Gemeinschaftswillen, sondern auch ein Gemeinschaftsgefühl, eine Gemeinschaftswürde und einen Gemeinschaftsgeist.

 

Anders die Gesellschaft, welche aus einer Gruppe von Menschen besteht, die nicht emotional miteinander verbunden sind. Die Gesellschaft findet ihre Zusammengehörigkeit in der gemeinsamen Verfolgung bestimmter Zwecke, die im persönlichen Wohl des Einzelnen zu finden sind. Sie ist sich also kein Selbstzweck und existiert nicht um ihrer selbst willen, sondern sie dient den Mitgliedern zu deren persönlichen Wohl, z.B. zum Erlangen von Sicherheit, Wohlstand oder Freude. Dementsprechend bleiben die Gesellschaftsmitglieder in erster Linie eigenständige Individuen, die sich an ihrem eigenen Wohlergehen orientieren und einen Dienst an der Gesellschaft nur dann verrichten, wenn die Entlohnung ihnen gemessen an der geleisteten Arbeit einen persönlichen Vorteil bietet. Das Mitglied einer Gesellschaft nimmt also an dem Schicksal anderer Mitglieder nur insofern Teil, wie es die allgemeine Menschlichkeit bedingt bzw. wie es selbst dadurch im Erreichen seines persönlichen Wohls beeinträchtigt wird. Solidarität ist z.B. nur insofern eine Notwendigkeit, wie der Zweck dazu in der eigenen sozialen Sicherheit gesehen wird. Auch die Gesellschaft verfügt über einen konstitutiven Willen; ein gemeinschaftliches Gefühl, eine gemeinschaftliche Würde oder gar ein gemeinschaftlicher Geist sind ihr jedoch fremd.

 

Bei diesen beiden Formen handelt es sich jedoch um Idealtypen im Weber’schen Sinne, die in der Wirklichkeit nur als Mischformen vorkommen. Die bestimmende Größe ist dabei offensichtlich die Intensität, mit welcher der Einzelne sein Selbst durch die Mitgliedschaft zur Gruppe identifiziert. Damit kann an Clausewitz‘ Theorie angeknüpft werden, denn zur Identifikation mit einer Gemeinschaft bedarf es des Identifikationsmerkmals, welches die Mitglieder der Gemeinschaft von anderen wesentlich unterscheidet. Nach Clausewitz‘ Verständnis verfügte jede Nation über einen Nationalcharakter, der gleichsam ein natürliches, gemeinsames Identifikationsmuster abbildete.[44] Allerdings konnte ein und dieselbe Nation durchaus in mehrere Staaten zerfallen.[45] Diese Sichtweise ist freilich der konkreten geistesgeschichtlichen Denkweise und der politischen Situation der deutschen Nation zur Clausewitz’schen Zeit geschuldet. Durch seine Fokussierung auf das Nationalbewusstsein wurde diese gleichsam als wesentliches Identitätsmerkmal des Selbst herangezogen. In der Konsequenz konnte der Staat dann seine größte Handlungsfähigkeit entfalten, wenn Staat und Nation zusammenfielen und also die Bürger sich mit dem Wohl ihres Staates gleich setzten und ihre Leidenschaften zum Wohl des Staates entfalteten.[46]

 

Dies muss jedoch abstrahiert werden, damit es eine die konkrete Situation des nationalen Idealismus überdauernde Allgemeingültigkeit erlangen kann. Das politische Gemeinwesen ist die oberste moralische Gewalt für die einzelnen Individuen, d.h. es legt Verhaltensnormen fest und regelt das kollektive Handeln nach außen.[47] Gleichwohl ist damit nicht bestimmt, inwiefern sich das einzelne, individuelle Selbst mit der Gesamtheit des politischen Gemeinwesens identifiziert. Beim politischen Gemeinwesen kann es sich folglich sowohl um eine Gemeinschaft als auch um eine Gesellschaft in Tönnies Sinne handeln. Als Identifikationsmerkmale bieten sich Ethnien-, Rassen- und Familienzugehörigkeiten als Blutsverwandtschaftsmerkmale, ideologische, religiöse und konstitutionelle Überzeugungen sowie traditionelle und kulturelle Entwicklungen als geistige Verwandtschaftsmerkmale und schließlich das Wohnen auf dem Staatsgebiet als ortsgebundenes Verwandtschaftsmerkmal an. Je mehr sich die Existenz eines politischen Gemeinwesens also auf einem oder mehreren dieser Verwandtschaftsmerkmale begründet und dies gleichsam auch dem subjektiven Bewusstsein der einzelnen Bürger entspricht, desto mehr wird ein politisches Gemeinwesen auch eine Gemeinschaft darstellen, mit einem Gemeinschaftsgefühl, mit einem Gemeinschaftsstolz und mit emotionaler Anteilnahme der Einzelnen am Ganzen. Je mehr die Existenz des politischen Gemeinwesens jedoch durch das Wohl bzw. die Macht des Einzelnen begründet wird, je weniger es also eine Existenzbegründung in sich selbst findet, desto mehr entspricht das politische Gemeinwesen dem Idealtyp der Gesellschaft, desto mehr wird es ausschließlich rational in Bezug auf seine politischen Zwecke handeln, desto weniger Leidenschaft wird es aufbringen können. D.h. ein Nationalstaat wird nur dann ein politisches Gemeinwesen im Sinne einer Gemeinschaft abbilden können, wenn dessen Bürger auch über das entsprechend ausgeprägte Nationalbewusstsein verfügen, ebenso wie ein Gottesstaat nur dann ein politisches Gemeinwesen im Sinne einer politische Gemeinschaft darstellen kann, wenn dessen Bürger den entsprechenden religiösen Eifer aufbringen.

 

Dies führt also zu einer generellen Unterscheidung zwischen zwei verschiedenen idealtypischen politischen Gemeinwesen. Zum einen der politischen Gemeinschaft, zum anderen der politischen Gesellschaft. Der politischen Gesellschaft ist kollektive Leidenschaft und gemeinsamer Hass fremd. In der Wahrnehmung der Bürger sind die Mitglieder eines anderen politischen Gemeinwesens nicht generell wesensfremd, sondern unterliegen lediglich einer anderen organisatorischen Struktur und verfolgen dementsprechend andere Ziele. Ein Krieg kann daher nur dem politischen Zweck entspringen und durch ihn geleitet werden – freilich kann dieser auch sein, ein anderes politischen Gemeinwesen zu vernichten, dann aber nicht aus Hass, sondern z.B. weil von dem anderen politischen Gemeinwesen eine dauerhafte Gefahr für das eigene, individuelle Wohlergehen ausgeht. Ganz anders das politische Gemeinwesen. Hier kann der einzelne sehr wohl einen „Nationalhaß“[48] aufbringen, da es einen subjektiv wahrgenommenen Wesensunterschied zwischen sich und den Angehörigen anderer politischer Gemeinwesen gibt. Ein Gewaltakt gegen Angehörige der eigenen politischen Gemeinschaft wirkt sich dabei nicht nur als objektiver Verlust aus, sondern erzeugt bei jedem Einzelnen einen subjektiven Schmerz des persönlichen Verlustes bzw. der Ehrverletzung, welcher Hass und Leidenschaft entfacht. Die im Kampf befindlichen Kräfte sind für den Bürger nicht namenlose Söldner, die für ein gewisses Geld ein gewisses Risiko eingehen, sondern ihm verwandte und verbrüderte Helden, die ihr Leben selbstlos für den Dienst an der Gemeinschaft opfern. Hass, Leidenschaft, auch Rache wird somit zu einem wesentlichen Motiv, welches nicht zum faktischen Wohle der Gemeinschaft, sondern aus einem gemeinschaftlich-kollektiven Trieb heraus um seiner selbst willen verfolgt wird.

 

Daraus ergeben sich wesentlich unterschiedliche Wirkzusammenhänge zwischen der Politik und den unterschiedlichen Motiven. In einer politischen Gesellschaft muss die Politik, wenn sie einen Krieg führen will, dem Widerstreben der Bevölkerung entgegenwirken, sie muss in der Lage sein „die Interie der ganzen Masse zu überwinden“[49] und kann nur so die Kräfte zum Kampf aufbringen. Sie muss also die notwenigen Anstrengungen und Entbehrungen sowohl der Kämpfer als auch der Bürger (höhere Anstrengungen, weniger Essen, Abgabe der Söhne zum Wehrdienst usw.) erkaufen oder erzwingen und kann dies nur über eine Vergütung erwirken, die durch die Erfüllung des politischen Motivs ihren Ausgleich finden muss. Es kann also nur das politische Motiv des Krieges das Maß der Anstrengungen abbilden, da die Politik größere Anstrengungen nicht aufbringen kann. Sie ist also bildlich ausgedrückt die leitende Intelligenz, welche – quasi in Vorkasse – die Anstrengungen der Einzelnen in welcher Form auch immer vergütet und dies im Anschluss des Krieges durch die Umlage des sich aus der Erfüllung des politischen Motivs ergebenden Gewinns ausgleichen muss. Bei der politischen Gemeinschaft wirkt dieses Prinzip weiterhin, darüber hinaus ist allerdings die Trägheit der Bevölkerung durch deren Hass auf den Feind gemindert und sie kann somit viel leichter in Bewegung gesetzt werden, weil der Einzelne aufgrund seines Hasses und seines Gemeinsinns schneller bereit ist, Anstrengungen und Entbehrungen in Kauf zu nehmen. Das Maß der Anstrengungen, welches eine politische Gemeinschaft erbringen wird, um den entsprechenden Krieg zu führen, ist also um den „Nationalhaß“ [50] , welchen dessen Bürger aufbringen, erhöht.

 

Nun muss im Sinne Tönnies gelten, dass kein reales politisches Gemeinwesen einem dieser beiden Idealtypen entspricht, sondern dass alle politischen Gemeinwesen Mischformen darstellen und dass die Wirkzusammenhänge diesbezüglich komplex und vielschichtig sind. Das heißt im Ergebnis, dass jedes politische Gemeinwesen in irgendeiner Form als Identifikationsmerkmal für dessen Bürger dient, in dem einen Falle jedoch mehr und in dem anderen weniger. In der Konsequenz sind die einen politischen Gemeinwesen leidenschaftsfähiger und somit emotionaler, die anderen leidenschaftsloser, kühler und rationaler agierend und reagierend. Der Unterschied liegt somit im Wesen des politischen Gemeinwesens, in dessen individueller Zusammensetzung, dessen emotionaler Bindungskraft, dessen historischer Entwicklung usw. Diese emotionalen Bindungskräfte, die Fähigkeit zur Leidenschaft bzw. den Grad der Identifikation mit dem Wohl und dem Wesen des ganzen politischen Gemeinwesens nennt Clausewitz den „Volksgeist“[51], welcher uns bei der näheren Betrachtung der moralischen Größen der Streitkräfte noch beschäftigen wird.[52]

 

Dies beinhaltet implizit auch, dass die konkrete Herrschaftsform eines politischen Gemeinwesens – Monarchie oder Demokratie sowie deren verschiedensten Zwischenstufen – von einer recht geringen Bedeutung für den Krieg sind und dass die viel gewichtigere Einflussgröße die Intensität ist, mit welcher sich der einzelne Bürger mit der Ganzheit des politischen Gemeinwesens identifiziert. Ein sehr leidenschaftsfähiges politisches Gemeinwesen mit großer integrativer Kraft wird viel eher hasserfüllt gegen einen äußeren Feind entbrennen, als ein politisches Gemeinwesen mit Bürgern, die vorrangig an ihrem persönlichen Wohl und Vorteil orientiert sind und infolge dessen wenig Anteil an den Belangen des Ganzen nehmen und auch kaum einen kollektiven Hass entwickeln können, weil das dazu notwendige Identitätsbewusstsein nicht vorhanden ist.

 

Wenn nun aber gesagt wird, dass jedes politische Gemeinwesen eine Mischform darstellt, so muss auch gesagt werden, dass jedes politische Gemeinwesen prinzipiell leidenschaftsfähig ist, das eine allerdings mehr und das andere weniger. Im Ergebnis steht also, dass die Feindschaft und der Hass des politischen Gemeinwesens durch ein kollektives Gefühl der Gesamtheit, dem so genannten „Volksgeist“[53], bestimmt werden und dem Hass des Durchschnittsindividuums entsprechen. Der Volksgeist ist bei den einen politischen Gemeinwesen eine bestimmende, bei den anderen eine untergeordnete Größe. Er wird auch immer einen Einfluss auf die Größe des politischen Motivs nehmen, hier bleibt er aber eine mehr oder weniger wichtige Einflussgröße unter vielen. Das emotionale Verhältnis zum Gegner kennt jedoch keine andere Einflussgröße als diesen Volksgeist und insofern wird dies allein durch denselben bestimmt.

 

Schließlich müssen wir aber wieder auf den Punkt kommen, an dem die politische Führung das äußere Handeln bestimmt. Keineswegs darf sich der Leser nun also den Hass des Volksgeistes als eine Größe vorstellen, die an der Politik vorbei, unmittelbar ihren Einfluss nimmt, z.B. in der Form einer spontanen Bürgeraktion gegen den Willen der politischen Führung. Es ist vielmehr die Politik selbst, welche sich an zwei unterschiedlichen Punkten orientieren muss: Zum einen an der Größe des politischen Motivs, welcher der Ausgangspunkt für eine rationale Handlung ist, zum anderen aber an der Feindschaft, welche das politische Gemeinwesen mit dem Gegner verbindet. Diese Feindschaft tritt also als maßgeblicher Multiplikator auf und verstärkt die Kräfte, die den politischen Entscheidungsträgern zur Führung des Krieges zur Verfügung stehen. Die Feindschaft ist somit ein zweites Motiv für die kriegerische Handlung – sie tritt aber nicht, wie in der Sekundärliteratur gelegentlich behauptet,[54] als Gegensatz zum politischen Motiv auf, sondern sie ergänzt denselben: Je stärker die Feindschaft, desto größer die Kräfte und Mittel, welche die politische Führung zur Verfügung hat, desto intensiver die eigene Kriegsführung, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass der Krieg gewonnen und der politische Zweck erfüllt werden kann. Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Motiven ist jedoch, dass das politische Motiv des Krieges eine Abwägung zwischen verschiedenen Standpunkten ist, welche durch die Politik durchgeführt wird, d.h. die Politik hat hierauf einigen Einfluss, wohingegen die Feindschaft zwar durch die Politik nach außen vertreten wird, ihre einzige Bestimmungsgröße jedoch der sogenannte Volksgeist ist.

 

 weiter zu IV.4.3 Motiv 3: Das Spiel der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls

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Kapitel IV.4 - Übersicht

  • IV.4.1 Motiv 1: Die Natur eines politisches Werkzeugs

    IV.4.2 Motiv 2: Der Hass und die Feindschaft   Die Seite der wunderlichen Dreifaltigkeit, der ich mich aus methodischen Gründen zuerst zuwende, ist die Seite, welche Clausewitz zuletzt nennt.[1] Für die einen, die im Krieg ein notwendiges politisches Mittel sehen, ist sie einleuchtend und maßgeblich. Für die anderen, die in ihm ein grundsätzlich sinnloses Unternehmen sehen, ist sie absurd. Die Rede ist von dem ursprünglichen Motiv, von der politischen Absicht, die den Krieg hervorruft und die durch den Krieg verwirklicht werden soll, namentlich das politische Motiv „an und für sich“[2] als der ursprüngliche Zweck des Krieges.   Die Betrachtung des Krieges als „untergeordnete Natur eines politischen Werkzeuges“[3], als „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“[4], ist eines der wesentlichen Vermächtnisse der Read More
  • IV.4.2 Motiv 2: Der Hass und die Feindschaft

      Die zweite hier zu betrachtende Tendenz des Krieges ist die „der ursprünglichen Gewaltsamkeit seines Elementes, dem Hass und der Feindschaft, die wie ein blinder Naturtrieb anzusehen sind“[1]. Ähnlich wie die Größe des politischen Motivs bringt Clausewitz gleich zu Beginn seines Werkes auch die Größe der Feindschaft und des Hasses in die Definition des Krieges ein. Zwar sei das politische Motiv das bestimmende Merkmal des Krieges, nichtsdestoweniger paart sich dies nicht selten mit dem Merkmal der Feindschaft:   „Der Kampf zwischen Menschen besteht eigentlich aus zwei verschiedenen Elementen, dem feindseligen Gefühl und der feindseligen Absicht. Wir haben das letztere dieser beiden Elemente zum Merkmal unserer Definition gewählt, weil es das allgemeine ist. Man kann sich auch die roheste, an Instinkt Read More
  • IV.4.3 Motiv 3: Das Spiel der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls

      Bisher wurden bereits zwei verschiedene Motive aufgezeigt, welche den Willen zum Krieg und somit die zur Kriegsführung aufgewendeten Kraftanstrengungen beeinflussen. Die Vergrößerung des politischen Zwecks einer- und die Steigerung von Hass und Feindschaft andererseits geben beide für sich genommen ein nachvollziehbares Motiv für das politische Gemeinwesen, die eigenen Kraftanstrengungen zu erhöhen und infolge dessen die Intensität der Kriegführung auf politischer Ebene zum Äußersten zu führen. Die erstgenannte Größe bezieht sich auf den Gegenstand, um welchen gefochten, die zweitgenannte auf die kollektive Persönlichkeit, gegen welche gefochten wird.   Wäre der Krieg eine friktionslose, berechenbare Tätigkeit, die nur „mit der Materie zu tun haben“[1] würde und infolge dessen „von dem strengen Gesetz innerer Notwendigkeiten“[2] geleitet wäre, so würden die beiden von Read More
  • IV.4.4 Wille zum Krieg: Zusammenfassung und Folgerung

      Bisher wurden drei unterschiedliche, voneinander unabhängige Motivationsquellen herausgearbeitet, die jeweils für das politische Gemeinwesen einen Anreiz darstellen, die für den Krieg aufzubringenden Kräfte zu vergrößern. Es wurde gesagt, dass   je größer der Hass und die Feindschaft zum Gegner ist, d.h. je mehr für den Bevölkerungsdurchschnitt die Schädigung des Gegners einen Selbstwert hat, je größer der unbedingte Wille zum Sieg um seiner selbst willen vorliegt, d.h. je mehr Personen sich selbst mit dem Krieg sowie mit dem spielerischen Element des Krieges identifizieren und darin aufgehen, so dass der militärische Sieg für sie zum Selbstzweck wird und je größer das politische Motiv des Krieges ist, d.h. je größer der subjektive Nutzen der Realisierung des ursprünglichen politischen Motivs für das politische Read More
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