Bisher wurden bereits zwei verschiedene Motive aufgezeigt, welche den Willen zum Krieg und somit die zur Kriegsführung aufgewendeten Kraftanstrengungen beeinflussen. Die Vergrößerung des politischen Zwecks einer- und die Steigerung von Hass und Feindschaft andererseits geben beide für sich genommen ein nachvollziehbares Motiv für das politische Gemeinwesen, die eigenen Kraftanstrengungen zu erhöhen und infolge dessen die Intensität der Kriegführung auf politischer Ebene zum Äußersten zu führen. Die erstgenannte Größe bezieht sich auf den Gegenstand, um welchen gefochten, die zweitgenannte auf die kollektive Persönlichkeit, gegen welche gefochten wird.

 

Wäre der Krieg eine friktionslose, berechenbare Tätigkeit, die nur „mit der Materie zu tun haben“[1] würde und infolge dessen „von dem strengen Gesetz innerer Notwendigkeiten“[2] geleitet wäre, so würden die beiden von mir erstgenannten Tendenzen der wunderlichen Dreifaltigkeit vollkommen hinreichen, um die Größe der Willenskraft eines Akteurs und folglich seine maximale Kraftanstrengung im Krieg zu bestimmen. In diesem Falle könnten die zur Erfüllung des Zwecks notwendigen Anstrengungen leicht berechnet und in der Folge mit der Größe des politischen Motivs und der Intensität der vorherrschenden Feindschaft abgeglichen werden. Wäre diese Gleichung positiv, so könnte die notwendige Anstrengung ins Leben gerufen werden und würde in der Folge zu einem Zugewinn führen, da der Nutzen größer wäre als die Anstrengung.

 

„Nun ist aber die kriegerische Tätigkeit nie gegen die bloße Materie gerichtet, sondern immer zugleich gegen die geistige Kraft, welche diese Materie belebt, und beide voneinander zu trennen ist ganz unmöglich.“[3] Stärke und Absicht des Gegners, Reaktionen auf eigene Maßnahmen, auch Reaktionen der eigenen Kräfte auf Ereignisse und Befehle sind Größen, die allesamt nur schwer abschätzbar, keinesfalls aber berechenbar oder vorhersehbar sind. Dies führt dazu, dass „drei Vierteile derjenigen Dinge, worauf das Handeln im Kriege gebaut wird, [...] im Nebel einer mehr oder weniger großen Ungewißheit [liegen].“[4] Hier kommt also die oben schon ausführlich betrachtete eigentümliche Natur des Krieges[5] zum Vorschein:

 

„Wir sehen also, wie von Hause aus das Absolute, das sogenannte Mathematische, in den Berechnungen der Kriegskunst nirgends einen festen Grund findet, und das gleich von vorneherein ein Spiel von Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten, Glück und Unglück hineinkommt, welches in allen kleinen und großen Fäden seines Gewebes fortläuft und von allen Zweigen des menschlichen Tuns den Krieg dem Kartenspiel am ähnlichsten stellt.“[6]

 

Den ersten beiden betrachteten Tendenzen des Krieges fehlt somit noch eine wichtige Größe und dies ist der Umgang des jeweiligen politischen Gemeinwesens mit „dem Spiel der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls, die [den Krieg] zu einer freien Seelentätigkeit machen“[7], es ist also namentlich der subjektive Bezug zur kriegerischen Tätigkeit selbst. Die politischen Gemeinwesen werden durch die eigentümliche Natur des Krieges zwangsweise zu Spielern, da im Vorfeld des kriegerischen Aktes über dessen Verlauf keine sichere Aussage getroffen werden kann und also der Krieg in dieser Hinsicht einem Glücksspiel ähnelt. Je mehr ein Glücksspieler davon überzeugt ist, einen ‚guten Lauf‘ zu haben, vom Schicksal gesegnet zu sein oder gar das Kartenspiel zu beherrschen, desto höher wird er seinen Einsatz wählen, da er die Wahrscheinlichkeit einer Niederlage gering schätzt:

 

„Die Theorie soll auch das Menschliche berücksichtigen, auch dem Mut, der Kühnheit, selbst der Verwegenheit soll sie ihren Platz gönnen. Die Kriegskunst hat es mit lebendigen und moralischen Kräften zu tun, daraus folgt, daß sie nirgends das Absolute und Gewisse erreichen kann; es bleibt also überall dem Ungefähr ein Spielraum, und zwar ebensogroß bei dem Größten wie bei dem Kleinsten. Wie dieses Ungefähr auf der einen Seite steht, muß Mut und Selbstvertrauen auf die andere treten und die Lücke ausfüllen. So groß wie diese sind, so groß darf der Spielraum für jenes werden. Mut und Selbstvertrauen sind also dem Kriege ganz wesentliche Prinzipe.“[8]

 

Nun wäre der einfachste Weg der Interpretation dieser Tendenz der wunderlichen Dreifaltigkeit die Annahme, dass eine grundsätzlich hohe und charakterlich begründete Risikofreude bzw. ein notorisches und wesensbedingtes Unterschätzen der Gefahren zu einer Eskalation der Intensität des Krieges führen müsste. Im Wesen des politischen Gemeinwesens könnte nach einer Größe gesucht werden, die das Vertrauen in das Glück bzw. in die eigenen kriegerischen Fähigkeiten bestimmt und welche in der Konsequenz also die jeweilige Risikofreude und die Bereitschaft zum Wagen zum Ausdruck bringt. Dann könnte gesagt werden, dass je risikofreudiger ein Akteur ist, je weniger er die Wahrscheinlichkeit einer Niederlage und eines Verlustes scheut, je mehr er sich des Sieges und des Gewinnens sicher ist, desto eher wird er Wagnisse eingehen, desto größer wird er seine eigenen Kräfte wählen und desto intensiver wird also die Kriegführung. Dann würde ferner gelten, dass je mehr ein Akteur das Risiko und die Niederlage fürchtet, je mehr er von der Überlegenheit des Gegners ausgeht, desto ängstlicher und vorsichtiger wird er sein, desto behutsamer und defensiver wird er seine Kräfte gebrauchen, desto begrenzter und weniger intensiv wird seine Kriegführung.[9]

 

Auch wenn diese Argumentation einer gewissen Logik nicht entbehrt und auf den ersten Blick durchaus nahe liegt, so widerspricht sie im Detail jedoch dem Clausewitz’schen Gedankengebilde. Die Intensität des Krieges war – wie oben analysiert wurde – für Clausewitz bestimmt durch (1) die Rücksichtslosigkeit des Akteurs in der Gewaltanwendung, (2) die Effizienz, mit welcher der Akteur seine Kräfte auf das Ziel ausrichtet, die feindlichen Streitkräfte zu zerschlagen und (3) die Bereitschaft des Akteurs, seine vorhandenen Mittel (Bevölkerung, Ressourcen, Körperkraft, etc.) auszuschöpfen und also einzusetzen.[10] Bei sonst gleichen Voraussetzungen war in dem Zusammenhang derjenige Akteur im Vorteil, welcher den Krieg intensiver führte als der andere. Dabei stellte ich fest, dass die Intensität von (1) auf der taktischen, von (2) auf der strategischen und von (3) auf der politischen Analyseebene bestimmt werden soll. Die oben skizzierte Interpretation entspringt einer Verwechselung zwischen der strategischen und der kriegspolitischen Ebene: In der Strategie kann die Kühnheit[11], die Entschlossenheit[12] oder auch die Lust am Wagen[13] des Feldherrn dazu führen, dass dieser alle ihm zur Verfügung stehenden Kräfte konzentriert und eine Entscheidungsschlacht anordnet, in diesem Sinne die Kriegsführung intensiviert. Er legt damit alle seine Mittel in eine einzige Waagschale und geht in dieser Hinsicht ein enormes Risiko ein – ich gehen darauf im Teil V dieser Arbeit näher ein. Dies ist aber eine Frage der Effizienz der eingesetzten Kräfte und betrifft somit die strategische Analyseebene.[14] Im Bereich der politischen Ebene geht es jedoch um die für den Krieg überhaupt zur Verfügung stehenden Kräfte und hier müssten wir schon allein vom Sprachgebrauch her sagen, dass dem kühnen, wagemutigen politischen Entscheidungsträger für ein und dasselbe Kriegsunternehmen weniger Mittel erforderlich erscheinen als dem behutsamen, da der Kühne tendenziell eher davon ausgehen wird, mit wenigen Mitteln viel zu erreichen. Kühnheit und Wagemut führen in der politischen Dimension des Krieges daher vielleicht zur Wahl des größeren politischen Motivs, jedoch findet sich hierbei kein logisches Argument für eine Steigerung der eingesetzten Kräfte bei sonst gleichen Motiven.

 

Auf strategischer Ebene führt die Intensivierung der Kriegsführung zu einer massiven, subjektiv empfundenen Steigerung des Risikos, da sich die Augenblicke der Entscheidung verdichten und also der Akteur weniger Möglichkeiten hat, eine große, sich abzeichnende Niederlage zu verhindern oder abzumildern – vergleichbar mit einem Glücksspieler, der nicht Runde für Runde einen kleinen Einsatz wettet und somit aussteigen kann, wenn er merkt, dass er nicht gewinnt, sondern der seinen gesamten Einsatz auf den ersten Versuch verwettet und somit in einem einzigen Augenblick der Entscheidung über Totalerfolg oder Niederlage ausgesetzt ist. Mit der Steigerung der Kriegsintensität auf strategischer Ebene kommt die Niederlage also näher, wird greif- und fühlbarer und insofern ist hier ein besonderes Maß an Mut oder eben Kühnheit gefragt.[15]

 

Die Intensivierung der Kriegsführung auf politischer Ebene steigert jedoch nicht unmittelbar die Effizienz, sondern die zum Krieg bereitgestellten Kräfte. Zwar kann durchaus argumentiert werden, dass der Einsatz von einem Mehr an Kräften auch das Risiko in sich birgt, die eventuelle Niederlage zu vergrößern – allein schon deshalb, weil im Falle einer Niederlage eben mehr Anstrengungen vergebens unternommen wurden. Doch scheint dies ganz wesentlich dadurch ausgeglichen zu werden, dass durch eine Vergrößerung der Streitkräfte die Wahrscheinlichkeit des Sieges vergrößert wird. Dies trifft zwar auf die Intensitätssteigerung auf strategischer Ebene ebenso zu, doch dort erfordert dies ein erheblich größeres Maß an Mut, weil die Niederlage durch jede Intensitätssteigerung greif- und fühlbarer wird, während die Niederlage bei jeder Steigerung auf kriegspolitischer Ebene eher in die zeitliche Ferne gerückt wird, denn sofern alle anderen Faktoren gleich bleiben führt eine Steigerung der Anstrengung bei eigener Unterlegenheit doch tendenziell zu einer Verlängerung des Krieges und somit zu einem Mehr an Zeit, um frühere Fehler auszugleichen. In diesem Sinne wird der Behutsame und Zaghafte immer glauben, mehr Kräfte zum Sieg zu brauchen, als dies in der Natur des kühnen Draufgängers liegt. Es wird also eher in seiner Natur liegen, die Kräfte zu vergrößern.

 

Insgesamt kommen wir so zu dem Punkt, dass Kühnheit und Wagemut beim Kriegsherrn vielleicht dazu führen, einen aussichtslosen Krieg mit viel zu wenigen Kräften zu beginnen, den der behutsame, vorsichtige Kriegsherr aus mangelnder Erfolgsaussicht gar nicht erst führen würde, doch ein nachvollziehbarer Grund zur Steigerung der eingesetzten Kräfte über das durch politisches Motiv und Feindschaft vorgegebene Maß hinaus ergibt sich weder durch Wagemut, noch durch Vorsicht.

 

Auch Entschlossenheit, als auf rationalen Erkenntnissen beruhende Form des Wagemuts,[16] ist in ähnlicher Form wie die Kühnheit zwar eine Begründung für die Intensitätssteigerung auf strategischer Ebene, führt allerdings auf der kriegspolitischen Ebene zu keiner logisch begründeten Steigerung der Kräfte. Dem Wesen nach führt das mit der Entschlossenheit verbundene „coup d’oeil“[17] zwar zu einer realistischeren Einschätzung der zum Kriege notwendigen Kraftanstrengungen, doch ist dies kein Motiv für eine höhere Kraftanstrengung an sich, d.h. es lässt sich allein durch die Notwendigkeit eines Mehr an Kräften dieses Mehr nicht generieren, da auf politischer Ebene die Erkenntnis eines Fehls an Kräften zum Erreichen des Ziels logischerweise zu einem Abbruch des Krieges führen müsste. Wenn A z.B. einen Gegenstand kaufen möchte, der ihm nur 10 Euro wert ist, so führt allein die Erkenntnis, dass er ihn tatsächlich nur für 20 Euro kaufen kann, der Logik nach nicht dahin, dass er nun bereit ist, 20 Euro auszugeben, sondern ausschließlich dahin, dass er ihn nicht kauft. Die Entschlossenheit ist also ebenso wenig wie die Kühnheit geeignet, die Steigerung der für den Krieg bereitgestellten Kräfte und somit die Steigerung der Intensität der Kriegsführung auf politischer Ebene sinnvoll zu erklären.

 

Die dritte Tendenz der wunderlichen Dreifaltigkeit erklärt sich leichter und verständlicher, wenn wir den Begriff des Spiels aufgreifen und näher betrachten. Das Spiel ist immer auch mit einer gewissen Freude verbunden, mit Spaß an der Tätigkeit zumindest soweit diese erfolgreich ist. Die „bloße Lust am Wagen und Gelingen“[18] ist in diesem Zusammenhang also keine Charaktereigenschaft wie die Kühnheit, welche gewissermaßen zu einer Intensivierung der Kriegführung führen sollte, sondern es ist ein ganz eigenes Handlungsmotiv für den Kriegsakteur, es ist nämlich der Selbstzweck der siegreichen, spielerischen Tätigkeit. Auch der Clausewitz-Kritiker van Creveld schreibt, obwohl er damit eigentlich Clausewitz widerlegen will:

 

„Ebenso wie es keinen Sinn macht zu fragen, ‚warum Menschen essen‘ oder ‚wozu sie schlafen‘, ist der Kampf in vieler Hinsicht kein Mittel, sondern ein Zweck. Welche geschichtliche Epoche man auch wählt, immer findet sich für jeden, der seine Abscheu vor dem Krieg kundtut, ein anderer, der eben den Krieg als die wunderbarste Erfahrung schildert, die dem Menschen gewährt ist. [...] Niemand sollte auf den Gedanken kommen, dies seien nur persönliche Marotten großer Männer – etwas abwegig vielleicht, aber letztlich ohne Bedeutung. Im Gegenteil, es leuchtet ein, dass Menschen, die den Kampf nicht genießen (oder vorgeben können, es nicht zu tun, was am Ende auf dasselbe hinausläuft), auch nicht in der Lage sind, andere in den Kampf zu führen.“[19]

 

Diese Sichtweise, namentlich die Betrachtung des Krieges als Kampf und die Betrachtung des Kampfes als Selbstzweck, war auch Clausewitz nicht fremd oder verborgen geblieben. Sehr wohl wusste er, dass Menschen in dieser Tätigkeit aufblühten und sich im Kampf messen wollten – nicht um ein politisches Motiv zu erfüllen und nicht um ihre Feindschaft auszudrücken, sondern aufgrund der „Lust am Wagen und Gelingen“[20], mit anderen Worten wegen der Freude am Spiel und am gegenseitigen Messen.[21] Clausewitz relativiert dieses spielerische, spekulative Element des Krieges jedoch gleich wieder, indem er schreibt:

 

„So ist der Krieg, so der Feldherr, der ihn führt, so die Theorie, die ihn regelt. Aber der Krieg ist kein Zweitvertreib, keine bloße Lust am Wagen und Gelingen, kein Werk einer freien Begeisterung; er ist ein ernstes Mittel zu einem ernsten Zweck. Alles, was er von jenem Farbenspiel des Glücks an sich trägt, was er von den Schwingungen der Leidenschaften, des Mutes, der Phantasie, der Begeisterung in sich aufnimmt, sind nur Eigentümlichkeiten dieses Mittels.

 

Der Krieg einer Gemeinheit – ganzer Völker – und namentlich gebildeter Völker geht immer von einem politischen Zustande aus und wird nur durch ein politisches Motiv hervorgerufen. Es ist also ein politischer Akt.“[22]

 

Nun hat die Sekundärliteratur aus diesem Zitat oftmals gefolgert, dass der Krieg also nicht und in keiner Weise Selbstzweck sei oder sein könne und sowieso nicht sein dürfe.[23] Liest man allerdings einige Zeilen weiter, so steht dort:

 

„Aber der politische Zweck ist deshalb kein despotischer Gesetzgeber, er muß sich der Natur des Mittels fügen und wird dadurch oft ganz verändert, aber immer ist er das, was zuerst in Erwägung gezogen werden muß.“[24]

 

Es wird somit ersichtlich, dass das spielerische Element des Krieges mit all seinen Bedeutungen auch auf die Politik zurückwirkt und wirken kann. Wenn dem Krieg selbst ein spielerisches Element inhärent ist, die kriegführenden politischen Gemeinwesen also durch ihre Tätigkeit automatisch zu Spielern werden, so ist es folgerichtig auch so, dass sie in eine bestimmte Form des Spieltriebes verfallen können, in welcher die geleistete Anstrengung nichtmehr im Verhältnis zu der eigentlich erwarteten Gewinnaussicht stehen muss, in welcher es also nur noch um das Siegen selbst geht. So wie ein süchtiger Glücksspieler stets glaubt, nur noch eine weitere Runde spielen zu müssen, um endlich den erhofften Sieg erringen zu können, gar nicht merkend und berücksichtigend, dass er schon vielmehr eingesetzt hat, als er durch einen Sieg einholen könnte, so kann auch das politische Gemeinwesen immer mehr Kräfte aufbringen in der Hoffnung, doch endlich noch den Krieg gewinnen zu können.

 

Dies darf jedoch nicht mit dem eng verwandten Verlangen nach Ruhm und Ehre verwechselt werden. „Ehrgeiz und Ruhmsucht“[25] spielen für Clausewitz im Krieg eine bedeutende Rolle – gleichwohl betreffen sie entweder die persönliche Motivation der im Kampf befindlichen Kräfte[26] und sind insofern für das politische Gemeinwesen nur ein Instrument zum Zwecke des Anreizes oder es handelt sich bei ihnen um ein politisches Motiv im engeren Sinne, d.h. um das Ansehen des politischen Gemeinwesens bei anderen. In diesem letztgenannten Kontext ist das Erlangen von Ruhm ein echtes politisches Motiv im Sinne der erstgenannten Dimension der wunderlichen Dreifaltigkeit, nicht aber Ausdruck der Eigentümlichkeit des Mittels. Denn hier ist schließlich nicht die Freude am Wagen und Gelingen der Zweck, sondern das aus dem Sieg resultierende Ansehen in der Welt. Der subjektiv empfundene Wert dieses Ansehens bildet gleichsam ein Maß für die Anstrengungen, die im Krieg aufgewendet werden dürfen.

 

Jede spielerische Tätigkeit hat jedoch einen Moment der Erfüllung zum Zweck, nämlich den Moment des Gewinnens, der für sich selbst ein Glücksgefühl darstellt.[27] Dieser Triumpf, der Genuss des Sieges, ist für den Spieler eine Belohnung und bedarf keines weiteren Anreizes der außerhalb des Spiels steht. Wir finden dies überall im täglichen Leben; ein hobbymäßiges Fußballspiel, es geht um nichts, die Mannschaften sind zufällig zusammengewürfelt – trotzdem entwickeln einige Spieler enorme Energien und wollen unbedingt, aufs äußerste Verbissen, den Sieg erringen. Wir sind somit wieder bei einem Element, welches eigentlich bereits als überwunden betrachtet wurde: Das Primat des Sieges. Mit diesem unbedingten Willen zum Sieg kommt die jedem Kriege inhärente Logik des Äußersten wieder zum Vorschein, die besagt, dass derjenige, der den Krieg intensiver führt, im Vorteil ist und also den Sieg erringen wird.[28] Der Drang zum Sieg um seiner selbst willen ist somit das dritte Motiv, um die Anstrengungen der Kräfte zu vergrößern und somit die Wahrscheinlichkeit des Sieges zu erhöhen.

 

Dieser unbedingte Drang zum Sieg muss jedoch gegen ein anderes Phänomen abgegrenzt werden. Die Tatsache, dass die Anstrengungen im Krieg gewissermaßen in Vorkasse geleistet werden, führt dazu, dass mit Fortschreiten des Krieges ein zunehmend großes Maß an Anstrengungen faktisch geleistet wurde, welches im Falle einer Niederlage schlichtweg vergeblich, d.h. nutzlos sein wird. Die Niederlage im Krieg ist somit doppelter Natur: Zum einen muss der politische Zweck aufgegeben werden, zum anderen aber sind die im Krieg unternommenen Anstrengungen vergeblich. Dieses Phänomen ähnelt aus spieltheoretischer Sicht der sogenannten all-pay Auktion[29]. Dies ist eine spezielle Form der Versteigerung, bei der nicht nur der höchste Bieter, welcher letztlich den Zuschlag für den ersteigerten Gegenstand erhält, sondern gleichsam jeder Bieter sein jeweiliges Gebot bezahlen muss. Im Gegensatz zur normalen Auktion ändert sich für den höchsten Bieter somit nichts, die unterlegenen Bieter müssen allerdings ihr jeweiliges Gebot zahlen, ohne dafür eine Gegenleistung zu erhalten. Im Modell der Dollarauktion führt dies zu einer bemerkenswerten Situation: Hierbei handelt es sich um eine all-pay Auktion, bei der zwei Bieter, A und B, versuchen einen Dollar zu ersteigern. Wenn die Auktion an dem kritischen Punkt angelangt ist, dass A einen Dollar bietet um den umworbenen Dollar zu ersteigern, so ist es für B rational vernünftig, auch 1,01 Dollar zu bieten, da ihm im Falle des Sieges somit nur ein Verlust von einem Cent entsteht, während ihm im Falle der sofortigen Aufgabe der Verlust von 99 Cent entstehen würde. Somit eskaliert das gegenseitige Überbieten und findet kein logisches Ende, außer durch die im konkreten Fall durchaus nachteilige Erkenntnis eines Spielers, dass eine weitere Eskalation und somit ein weiteres gegenseitiges Überbieten sinnlos wäre.[30] Dieses spieltheoretische Modell erinnert an eine allgemein bekannte Argumentation in Kriegen, nach welcher im Zuge der ersten Kriegsopfer nun aber verstärkte Anstrengungen zum Sieg unternommen werden müssten, damit diese ersten Verluste nicht vergeblich gewesen seien. Auch Clausewitz-Forscher erkennen eine Eskalation des Krieges, die sich einzig aus der Gefahr der Niederlage ergibt, an.[31] Dazu gibt es drei Dinge zu sagen:

 

Zunächst (1) gilt das spieltheoretische Modell der Dollarauktion für den Krieg nur begrenzt, denn im Modell der Auktion verfügen die Akteure über die Möglichkeit, unmittelbar die Kräfte zu verstärken indem sie ein höheres Gebot abgeben und somit die Entscheidung über Sieg und Niederlage augenblicklich hinauszuzögern. Die Aufstellung und Entfaltung von Kräften im Krieg ist allerdings nicht „das Werk eines Augenblicks“[32] und aus diesem Grunde ist es den Kriegsparteien nicht bzw. nur begrenzt möglich – im übertragenen Sinne – ein Gebot des Gegners unmittelbar vor der Entscheidung nochmals zu überbieten. D.h., wenn den eigenen Kräften aufgrund Unterlegenheit der Kampfkraft die Vernichtung droht, dann lässt sich diese Vernichtung durch den Entschluss, mehr Kräfte aufzubieten, nicht aufschieben, da zusätzliche Kräfte aufgrund physischer Beschränktheit in der Regel nicht sofort verfügbar sein können. Daraus folgt, dass (2) der kriegerische Akt tendenziell eher einer one-shot all-pay Auktion ähnelt, bei welcher die Akteure nur jeweils ein Gebot abgeben können, ohne sich vor der Entscheidung und nach Bekanntwerden der gegnerischen Gebote nochmal korrigieren zu können. Dieses Modell führte im Experiment jedoch dazu, dass die abgegebenen Gebote generell unterhalb des Nutzwertes des zu ersteigernden Gegenstandes liegen, da die Gefahr der Niederlage als Nutzenminderung betrachtet werden muss und daher ein Motiv zur Minderung des Einsatzes ist. Darüber hinaus stellt ein überhöhtes Gebot in diesem Modell ein sicheres Verlustgeschäft darstellt und muss allein deshalb als sinnlos erscheinen, da die Teilnehmer auch die in diesem Zusammenhang vernünftigere Entscheidung treffen können, gar nicht zu bieten und somit den Status quo zu erhalten.[33] Es lässt sich somit sagen, dass die Annahme, dass es sich beim Krieg spieltheoretisch um eine all-pay Auktion handelt, bei der alle zahlen und nur der Sieger den Preis erhält, eher zu der Überzeugung führen müsste, dass die gemachten Anstrengungen geringer sind als der zu erwartende Gewinn. Der entscheidende Punkt an dieser Stelle (3) ist jedoch ein anderer. Zwar ist die Gefahr, welche sich aus einer möglichen Niederlage im Krieg ergibt, durch die Eigentümlichkeit des Mittels, d.h. durch den hohen Einfluss des Unbekannten und des empfundenen Zufalls, begründet; doch muss diese Größe der als erstes betrachteten Dimension der wunderlichen Dreifaltigkeit, dem politischen Motiv des Krieges, zugeordnet werden. Das politische Motiv des Krieges ist schließlich etwas Vielschichtiges und bezieht seine Größe nicht allein aus dem Nutzen des Sieges für das politische Gemeinwesen, sondern auch aus der Gefahr einer möglichen Niederlage.[34]

 

Insgesamt kann das in diesem Kapitel betrachtete dritte Motiv zur Intensivierung des Krieges nicht mit der tatsächlichen oder angenommenen Notwendigkeit der Eskalation aufgrund der befürchteten negativen Auswirkungen einer Niederlage begründet sein. Vielmehr umschreibt diese dritte Seite der wunderlichen Dreifaltigkeit das Phänomen des ober dargestellten unbedingten Willens zum Sieg und dieser kann schon begrifflich nicht an die Auswirkungen einer möglichen Niederlage geknüpft sein kann.

 

Um in der bisher verfolgten Systematik der wunderlichen Dreifaltigkeit zu bleiben, muss auch hier festgestellt werden, dass der unbedingte Wille zum Sieg als ein Faktor für die Anstrengung der Kräfte im Krieg bei einem politischen Gemeinwesen in einem mehr oder weniger großen Maß vorherrschen kann und also von der Theorie in keinem festgesetzten Verhältnis zu den anderen beiden Tendenzen der wunderlichen Dreifaltigkeit betrachtet werden darf.[35] Dies führt unweigerlich zu der Frage, welche Faktoren innerhalb eines politischen Gemeinwesens das Maß der Siegessucht bestimmen und warum folglich der unbedingte Wille zum Sieg mehr oder weniger gravierend in Erscheinung treten kann.

 

Zunächst ist davon auszugehen, dass die Siegessucht vorrangig von den Menschen ausgehen muss, die mit der Erringung des Sieges befasst sind. Schließlich soll es das eigene Gelingen und der eigene Triumpf sein und nicht der Sieg eines anderen. Insofern wird es sich weniger um ein allgemeines, kollektives Empfinden des gesamten politischen Gemeinwesens handeln, sondern es muss ein mehr oder weniger persönliches Verlangen des Einzelnen sein, welches vorrangig von denen ausgeht, die sich mit der kriegerischen Tätigkeit mehr oder weniger befassen. Diese Annahme ist auch deckungsgleich mit der Feststellung von Clausewitz, dass die dritte Tendenz der wunderlichen Dreifaltigkeit, also das „Spiel der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls“[36], eher „dem Feldherrn und seinem Heer“[37] zuzuordnen sei. Wie aber kann diese Personengruppe dazu tendieren, unbedingt siegen zu wollen? Um dies zu beantworten muss zwischen Heer und Feldherrn differenziert werden:

 

Das Heer – oder allgemeiner gesprochen die Streitkraft – ist im Endeffekt eine mehr oder weniger professionelle Organisation, die sich mit der Tätigkeit des Krieges befasst. Um eine Siegessucht, also einen Drang zum Sieg um seiner selbst willen zu entwickeln, bedarf es wohl einer Professionalität, eines damit verbundenen Selbstverständnisses und einem sich daraus ergebenden Anspruch an sich selbst. Ein Fußballanfänger wird weniger den unbedingten Drang zum Sieg entwickeln als ein Fußballer, der sich sehr stark mit dieser Tätigkeit identifiziert und allein aus diesem Selbstverständnis heraus siegen will, um sich selbst gerecht zu werden. Da wir bei der Streitkraft allerdings nicht von dem einzelnen Kämpfer reden, der unter Umständen ein professioneller Kämpfer sein will, sondern von dem Heer als Ganzem, so müssen wir hier von einem kollektiven Selbstverständnis sprechen und dies nennt Clausewitz den kriegerischen Geist des Heeres, in welchem es einen Korpsgeist und eine Waffenehre gibt.[38] Diese Waffenehre ist zwar eine individuell gefühlte Ehre, sie bezieht sich allerdings nicht auf den Einzelnen, sondern auf die gesamte Innung, d.h. auf die Streitkräfte des entsprechenden politischen Gemeinwesens. Eine Streitkraft verfügt folglich über ein bestimmtes Maß an Innungsgeist, d.h. über ein im einzelnen Individuum mehr oder weniger vorhandenes Selbstverständnis als Teil des Ganzen. Dieses Ganze wird dabei vorrangig über die Fähigkeit zum Kriegführen definiert und daraus ergibt sich ein unbedingter Wille des Einzelnen, der Tätigkeit des Ganzen Glanz zu verleihen und somit unbedingt siegreich zu sein. Es kann sich hieraus also eine enorme Motivation des Einzelnen ergeben, die an nichts anderes geknüpft ist, als den Willen, dem Ganzen zum Sieg zu verhelfen.[39]

 

Von noch intensiverer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Rolle des Feldherrn. Ich will über ihn an dieser Stelle nicht allzu viel sagen, um nicht den umfangreichen Ausführungen, die im Kapitel V.5.3 seiner Person gewidmet sein werden, vorwegzugreifen. Soviel soll hier reichen, dass in der öffentlichen und historischen Wahrnehmung ein Sieg in erster Linie sein persönlicher Sieg, eine Niederlage in erster Linie seine persönliche Niederlage ist. Clausewitz schreibt dazu sogar, dass verschiedene Voraussetzungen „den einzelnen kriegerischen Akt zum Eigentum des Anführers“[40] machen können. Die Person des Feldherrn ist also auch vom Selbstverständnis her mit dem Krieg auf das Engste verbunden und wir brauchen aufgrund der Offensichtlichkeit eigentlich keinen weiteren Beleg dafür suchen, dass der Feldherr den Sieg nicht nur aufgrund des sich daraus ergebenden Ertrags für das politische Gemeinwesen, aufgrund der Feindschaft zum Gegner oder aufgrund des persönlichen Ruhms anstrebt, sondern ihn auch um seiner selbst willen suchen kann.[41] Vor diesem Hintergrund wird es verständlich, dass Feldherren von ihren politischen Vorgesetzten stets mehr Truppen fordern.[42]

 

Es sind also beim Feldherrn der „Ehrgeiz und die Ruhmbegierde“[43] und beim Heer „die Ehre seiner Waffen“[44], welche eine ganz eigene Motivation zum Sieg darstellen, die weitestgehend unabhängig von den äußeren Bedingungen des Krieges ist. Damit widerspreche ich in Teilen dem oben gesagten. Dort wurde bereits betont, dass die persönliche Motivation der kämpfenden Individuen von untergeordneter Bedeutung für den Krieg sei, da sie in erster Linie durch das politische Gemeinwesen Geführte sind und das politische Gemeinwesen für deren Motivation Sorge zu tragen hat. Das politische Gemeinwesen muss also einen Ausgleich für die Kämpfer schaffen, der ihren persönlichen Einsatz rechtfertigt bzw. begründet. Dies kann ein finanzieller Ausgleich, ein körperlicher oder psychischer Zwang, das Versprechen einer spirituellen Heilserwartung oder eben auch das Versprechen von innergesellschaftlichem Ruhm und sozialem Aufstieg sein. In manchen grausamen Fällen mag es auch die Erlaubnis sein, ungestraft perverse Phantasien auszuleben, welche eine persönliche Motivationsquelle für die Kämpfer darstellt.

 

Nun wurde schon im Rahmen des Verhältnisses zum Gegner festgestellt, dass kollektive Feindschaft und Hass eine Motivationsquelle des politischen Gemeinwesens darstellen, für die im Krieg kein Ausgleich geschaffen werden muss, da die angesprochenen Triebe sich durch die gewaltsame Einwirkung auf den Gegner selbst erfüllen. Dies galt in mehr oder weniger starkem Maße für die gesamte Bevölkerung des politischen Gemeinwesens und muss in diesem Sinne auch als sich selbst erfüllende Motivationsquelle für die Streitkräfte gedacht werden; hier sei der Volksgeist des Heeres als moralische Hauptpotenz genannt, auf den ich im Kapitel VI.2.3 noch zu sprechen kommen werde. Die Feindschaft und der Hass waren somit eine vom politischen Motiv unabhängige Motivationsquelle des politischen Gemeinwesens im Allgemeinen und der Streitkräfte im Besonderen. Wenn nun Ruhm und Ehre grundsätzlich ein Mittel des politischen Gemeinwesens ist, um die Individuen zum Kampf zu motivieren, so stellt hier die Waffenehre der Streitkräfte und der Siegeswille des Feldherrn eine Besonderheit dar, weil beides nicht an ein Versprechen des politischen Gemeinwesens gekoppelt ist, also nicht durch dieses begründet wird, sondern sich konkret durch den Sieg im Krieg unmittelbar realisiert. Das Gefühl, überlegen zu sein und das Spiel gewonnen zu haben ist ebenfalls eine sich selbst erfüllende Motivationsquelle, die vielleicht das gesamte Gemeinwesen, vor allem aber die Streitkräfte in einem mehr oder weniger großen Maße antreiben kann.

 

Daraus ergibt sich jedoch die zunächst verwirrende Frage, wie der unbedingte Wille zum Sieg einer Streitkraft auf politischer Ebene die Größe der Anstrengungen des politischen Gemeinwesens zum Krieg bestimmen kann. Der erste Versuch einer Antwort ergibt sich durch die Überlegung, dass dies durch den Einfluss des Militärs auf die Politik erklärt werden könnte. Es ergibt sich aus der Logik des Krieges und ist ein Allgemeinplatz, dass militärische Führer nie über hinreichende Kräfte verfügen können, um ihre Siegespläne sicher zu verwirklichen – eben weil ein Mehr an Kräften stets die Wahrscheinlichkeit des Sieges erhöht.[45] Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass Feldherren von ihren politischen Vorgesetzten stets mehr Kräfte fordern.[46] Nun könnte also gesagt werden, dass je mehr ein Feldherr Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger hat, je mehr er gar selbst ein maßgeblicher politischer Entscheidungsträger ist, desto mehr kann er seine innenpolitische Macht ausnutzen, um mehr Kräfte für den Krieg freizusetzen und also die zum Krieg aufgebrachten Anstrengungen zu erhöhen.

 

Diese Sichtweise – so zutreffend sie in der Realität auch sei – stünde jedoch im Gegensatz zum begrifflich-theoretischen Konstrukt der hier vertretenen und dargelegten Systematik. Wäre der Feldherr selbst ein politischer Entscheidungsträger der über den Kräfteansatz des politischen Gemeinwesens verfügen könnte, dann wäre seine damit einhergehende Aufgabe die normative Bestimmung des politischen Motivs und des politischen Willens in Bezug auf den zu erreichenden Zweck. Mit anderen Worten, wir müssten dann analytisch den Feldherrn in zwei getrennten Funktionen betrachten, zum einen als strategischen Führer des Krieges, zum anderen als Politiker, der den normativen Wert des politischen Motivs für das politische Gemeinwesen bestimmt. Die  Siegessucht des politischen Feldherrn könnte ihn hier also zu einer verzerrten Einschätzung des politischen Motivs führen, doch damit wären wir wieder in der ersten Dimension des politischen Motivs.

 

Logischer und stringenter ist eine andere Sichtweise. Die Größe der Anstrengung des politischen Gemeinwesens ist nicht nur physisch, sondern als Summe aus physischen und moralischen Kräften zu verstehen. Die politische Führung kann also die verfügbaren physischen Kräfte disponieren und sie kann die moralischen Kräfte fördern und wecken. Ganz und gar unabhängig davon entwickelt sich allerdings der Siegeswille oder die Siegessucht dieser Kräfte, denn diese bedürfen – ähnlich wie der Hass und die Feindschaft – keines weiteren Ausgleichs sondern sie erfüllen sich selbst. Dieser Siegeswille ergibt sich aus dem spielerischen Element des Krieges und er belebt maßgeblich die moralischen Kräfte des Feldherrn und seines Heeres. Anders als Feindschaft und Hass bedarf diese Siegessucht der Streitkraft allerdings keiner Kanalisierung oder Abmilderung, da sie sich per Definition auf den Sieg im Sinne der Erfüllung des politischen Zwecks richten. Je größer dieser unabhängige, eigenständige Wille zum Sieg der Streitkraft, desto größer folglich die moralischen Kräfte des Heeres, desto größere Leistungen werden die Kräfte erbringen, desto größer sind folglich auch die Anstrengungen, die das ganzheitlich gedachte politische Gemeinwesen im Krieg leistet.

 

Dabei gibt es keinen ersichtlichen Grund, warum nicht auch das politische Gemeinwesen, verstanden als Gemeinschaft, sich diesem unbedingten Willen zum Sieg hingeben könnte. Dies mag unwahrscheinlicher sein, da der Durchschnittsmensch mit der Tätigkeit des Krieges weniger verbunden ist als der Soldat, aber sofern der gemeinsame Identifizierungspunkt des politischen Gemeinwesens mehr oder minder in militärischen Zusammenhängen steht, sofern sich das politische Gemeinwesen über militärische Erfolge definiert, sofern die gesamte Gesellschaft gar militarisiert ist, kann sich auch ein unbedingter Wille zum Sieg in der gesamten Bevölkerung entwickeln und in diesem Sinne können auch die physisch bereit gestellten Kräfte vergrößert werden.

 weiter zu IV.4.4 Wille zum Krieg: Zusammenfassung und Folgerung

0
0
0
s2sdefault

Kapitel IV.4 - Übersicht

  • IV.4.1 Motiv 1: Die Natur eines politisches Werkzeugs

    IV.4.2 Motiv 2: Der Hass und die Feindschaft   Die Seite der wunderlichen Dreifaltigkeit, der ich mich aus methodischen Gründen zuerst zuwende, ist die Seite, welche Clausewitz zuletzt nennt.[1] Für die einen, die im Krieg ein notwendiges politisches Mittel sehen, ist sie einleuchtend und maßgeblich. Für die anderen, die in ihm ein grundsätzlich sinnloses Unternehmen sehen, ist sie absurd. Die Rede ist von dem ursprünglichen Motiv, von der politischen Absicht, die den Krieg hervorruft und die durch den Krieg verwirklicht werden soll, namentlich das politische Motiv „an und für sich“[2] als der ursprüngliche Zweck des Krieges.   Die Betrachtung des Krieges als „untergeordnete Natur eines politischen Werkzeuges“[3], als „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“[4], ist eines der wesentlichen Vermächtnisse der Read More
  • IV.4.2 Motiv 2: Der Hass und die Feindschaft

      Die zweite hier zu betrachtende Tendenz des Krieges ist die „der ursprünglichen Gewaltsamkeit seines Elementes, dem Hass und der Feindschaft, die wie ein blinder Naturtrieb anzusehen sind“[1]. Ähnlich wie die Größe des politischen Motivs bringt Clausewitz gleich zu Beginn seines Werkes auch die Größe der Feindschaft und des Hasses in die Definition des Krieges ein. Zwar sei das politische Motiv das bestimmende Merkmal des Krieges, nichtsdestoweniger paart sich dies nicht selten mit dem Merkmal der Feindschaft:   „Der Kampf zwischen Menschen besteht eigentlich aus zwei verschiedenen Elementen, dem feindseligen Gefühl und der feindseligen Absicht. Wir haben das letztere dieser beiden Elemente zum Merkmal unserer Definition gewählt, weil es das allgemeine ist. Man kann sich auch die roheste, an Instinkt Read More
  • IV.4.3 Motiv 3: Das Spiel der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls

      Bisher wurden bereits zwei verschiedene Motive aufgezeigt, welche den Willen zum Krieg und somit die zur Kriegsführung aufgewendeten Kraftanstrengungen beeinflussen. Die Vergrößerung des politischen Zwecks einer- und die Steigerung von Hass und Feindschaft andererseits geben beide für sich genommen ein nachvollziehbares Motiv für das politische Gemeinwesen, die eigenen Kraftanstrengungen zu erhöhen und infolge dessen die Intensität der Kriegführung auf politischer Ebene zum Äußersten zu führen. Die erstgenannte Größe bezieht sich auf den Gegenstand, um welchen gefochten, die zweitgenannte auf die kollektive Persönlichkeit, gegen welche gefochten wird.   Wäre der Krieg eine friktionslose, berechenbare Tätigkeit, die nur „mit der Materie zu tun haben“[1] würde und infolge dessen „von dem strengen Gesetz innerer Notwendigkeiten“[2] geleitet wäre, so würden die beiden von Read More
  • IV.4.4 Wille zum Krieg: Zusammenfassung und Folgerung

      Bisher wurden drei unterschiedliche, voneinander unabhängige Motivationsquellen herausgearbeitet, die jeweils für das politische Gemeinwesen einen Anreiz darstellen, die für den Krieg aufzubringenden Kräfte zu vergrößern. Es wurde gesagt, dass   je größer der Hass und die Feindschaft zum Gegner ist, d.h. je mehr für den Bevölkerungsdurchschnitt die Schädigung des Gegners einen Selbstwert hat, je größer der unbedingte Wille zum Sieg um seiner selbst willen vorliegt, d.h. je mehr Personen sich selbst mit dem Krieg sowie mit dem spielerischen Element des Krieges identifizieren und darin aufgehen, so dass der militärische Sieg für sie zum Selbstzweck wird und je größer das politische Motiv des Krieges ist, d.h. je größer der subjektive Nutzen der Realisierung des ursprünglichen politischen Motivs für das politische Read More
  • 1