In einigen Arbeiten über Clausewitz ist zu lesen, dass für ihn der Zweck der Strategie, also in der hier vertretenen Diktion das Ziel des Krieges, letztlich der Frieden gewesen sei. Sicherlich, wird eingeräumt, sei dies nicht ein genereller, sondern ein bestimmter Frieden, aber immerhin der Frieden.[1] Dies wird von der Clausewitz‘schen Aussage abgeleitet, man müsse „den Zweck als erreicht und das Geschäft des Krieges als beendet ansehen“[2], sobald der Friede geschlossen sei. Der Gehalt beider Aussagen scheint jedoch begrenzt und vor allem wenig zusammenhängend. Clausewitz äußert hier zumindest vom theoretischen Standpunkt aus fast eine Tautologie, nach welcher der Krieg beendet sei, sobald der Friedensschluss gefasst ist. Versteht man Frieden jedoch als Abwesenheit von Krieg, so ist die Aussage, dass mit Friedensschluss der Krieg beendet sei nichts weiter als eine Banalität. Dass der Zweck mit dem Frieden als erreicht betrachtet werden muss, ist jedoch nicht gleichzusetzen mit der Aussage, dass dies auch der ursprüngliche Zweck desselben gewesen sei. Ferner spricht Clausewitz im Weiteren von Handlungen nach dem Frieden, was nahelegt, dass sein Friedensverständnis allein den Punkt des Friedensschlusses beinhaltet, nicht aber den Zustand oder die Periode des Friedens, die durch die Abwesenheit von Krieg bestimmt ist. Denn mit letzteren Verständnis wäre nach dem Frieden wieder Krieg und seine gesamten Aussagen in diesem Zusammenhang wären widersinnig. Clausewitz nutzt somit einen anderen Friedensbegriff als heute üblich. 

 

Die Aussage, der Krieg habe schließlich den Frieden zum Zweck, wenn auch einen bestimmten, ist durchaus nicht von der Hand zu weisen. Wenn hiermit jedoch impliziert werden soll, dass die Clausewitz’sche Kriegstheorie letztlich auch als Friedenstheorie betrachtet werden könne, so  stellt dies eine erhebliche Verzerrung dar. Ebenso gut könnte gesagt werden, ein Verbrechen hätte das Nicht-Verbrechen zum Zweck – allerdings unter veränderten Besitzverhältnissen. Das ist freilich nicht völlig falsch, aber trifft eben doch nicht genau den Kern des Ziels einer verbrecherischen Handlung. Ebenso ist es mit dem Krieg und es hat den Anschein, dass der Versuch, das Ziel des Krieges mit dem Frieden in Verbindung zu bringen, eng verknüpft ist mit dem Versuch, Clausewitz für ein im Kern pazifistisches Lager salonfähig zu machen.[3]

 

Kommen wir aber zum eigentlichen Ziel des Krieges. Die Notwendigkeit der Einführung einer Ziel-Bestimmung entsteht durch die Tatsache, dass mit dem Mittel des Krieges das politische Motiv als der Zweck desselben nicht unmittelbar erreicht werden kann. Der Krieg ist vielmehr ein Wirkinstrument gegen den Willen eines anderen politischen Gemeinwesens, welches dem eigentlichen politischen Motiv entgegensteht. So richtet sich der kriegerische Akt also intentional gegen den Widerstand eines Gegners und das Ziel des Krieges muss es folglich sein, den Willen dieses Gegners zu brechen bzw. zu überwinden.[4]

 

Die Wendung ‚Ziel des Krieges‘ bedarf in diesem Zusammenhang einer besonders gründlichen Betrachtung und Eingrenzung, da Clausewitz den Leser in diesem Zusammenhang in nicht geringem Maße verwirrt. Selbst im jüngsten Teil des Werkes, im ersten Kapitel des ersten Buches, heißt es:

 

„Es können in zwei Völkern und Staaten sich solche Spannungen, eine solche Summe feindseliger Elemente finden, daß ein an sich sehr geringes politisches Motiv des Krieges eine weit über seine Natur hinaus gehende Wirkung, eine wahre Explosion hervorbringen kann.

 

Dies gilt für die Anstrengungen, welche der politische Zweck in beiden Staaten hervorrufen, und für das Ziel, welches er der kriegerischen Handlung stecken soll. Zuweilen wird er selbst dieses Ziel sein können, z. B. die Eroberung einer gewissen Provinz. Zuweilen wird der politische Zweck selbst sich nicht dazu eignen, das Ziel der kriegerischen Handlung abzugeben; dann muß ein solches genommen werden, welches als ein Äquivalent für ihn gelten und beim Frieden ihn vertreten kann. Aber auch hierbei ist auch immer die Rücksicht auf die Eigentümlichkeit der wirkenden Staaten vorausgesetzt. Es gibt Verhältnisse, wo das Äquivalent viel größer sein muß als der politische Zweck, wenn dieser damit errungen werden soll.“[5]

 

Symptomatisch kann an dieser Stelle nachvollzogen werden, dass Clausewitz sich sogar im vermeintlichen Endstand seiner Theorie wenig um ein einheitliches und durchgängiges Ordnungsprinzip in seinen Ausführungen bemühte. Es entsteht hier der Eindruck, dass der Krieg nur aus einer singulären Zweck-Ziel-Mittel-Relation bestünde. Der Zweck sei demnach das politische Motiv, das Mittel dazu die kriegerische Handlung und das Ziel sei die militärische Absicht.  In der Clausewitz-Interpretation hat dies dazu geführt, dass das Ziel des Krieges partiell mit der Strategie gleichgesetzt wurde.[6]

 

Im Gesamtkontext des Clausewitz’schen Werkes, erst recht in Hinblick auf die Ausgangsdefinition, dass der Krieg „ein Akt der Gewalt [sei], um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen“[7], ist die oben zitierte Aussage, dass die Eroberung eines Landstrichs als Ziel des Krieges gewissermaßen mit dem Zweck des Krieges gleichgesetzt werden könne, schlichtweg unpräzise. Der Zweck des Krieges ist offensichtlich nicht die Eroberung der Provinz, sondern ein allseits anerkanntes Eigentum an derselben. Dazu muss die Provinz unter Umständen gar nicht erobert werden, denn dies ist nur eine von mehreren möglichen Strategien im Krieg bzw. im Feldzug, um das politische Motiv zu realisieren. Damit der kriegerische Akteur das Eigentum an dieser Provinz tatsächlich gewinnt, muss er die Provinz nicht nur erobern, also in Besitz nehmen, sondern auch behaupten bzw. präziser der ihm entgegengestellte Wille des bisherigen Eigentümers zum Erhalt derselben muss dauerhaft gebrochen werden und nur dies kann als Ziel des Krieges gelten.

 

Nun gliedert sich der Krieg als Ganzes in einen oder mehrere Feldzüge. Der einzelne Feldzug gliedert sich dann wieder in Gefechte, deren Kombination und Anordnung durch die Strategie des Feldherrn im Feldzug bestimmt ist. Auf strategischer Ebene, d.h. unter Nutzung der einzelnen Gefechte als Mittel, kann nunmehr die Eroberung der Provinz das Ziel des kriegerischen Aktes sein. Die Eroberung einer Provinz ist somit das Ziel der verschiedenen Gefechte oder auch das Ziel der Strategie, vielleicht auch das Ziel im Krieg, nicht aber das Ziel des Krieges.

 

Um dies zu verdeutlichen, folgende Darstellung:

 

 

 

 

Abbildung 5 – Mögliche Zweck-Ziel-Mittel-Relation eines Angriffskriegs zum Zwecke der Landnahme

 

Wir sagen also nochmal, dass sich aus dem Clausewitz’schen Gesamtzusammenhang die systematische Einteilung in die politische, strategische und taktische Analyseebene ergibt und dass sich jede dieser Ebenen in Zweck-Ziel-Mittel-Relationen aufgliedern lässt. Dieses Ordnungsprinzip wird von Clausewitz jedoch nicht einheitlich und durchgehend angewendet und daher muss der Leser des Werkes bei jeder Aussage selbst prüfen, auf welcher analytischen Ebene er sich befindet, um die Aussagen in einen sinnvollen Gesamtzusammenhang zu setzen. Da der Begriff ‚kriegerische Handlung‘ sowohl das Gesamtkonstrukt Krieg, wie auch den individuellen Zweikampf im Krieg und sämtliche Zwischenstufen umfassen kann, ist oben angeführte Clausewitz-Zitat sicher nicht falsch; es ist aber in diesem Wortlaut für das Gesamtverständnis der Begriffssystematik abträglich. Richtigerweise müsste zwischen dem Ziel des Krieges und dem Ziel der Strategie im Krieg unterschieden werden.

 

In diesem Kapitel werde ich mich also mit dem Ziel des Krieges befassen, namentlich mit dem, was der Krieg in Bezug auf den Gegner bewirken soll, damit der Zweck des Krieges, das politische Motiv, verwirklicht werden kann. Das Ziel des Krieges definiert gleichsam die Siegbedingungen für den Krieg. Clausewitz befasste sich in seinem Werk vordergründig mit den Zielen im Krieg, da seine Perspektive vorrangig die strategische ist. Auch das achte Buch ist  entgegen seinem Titel vorrangig der Strategie und nur begrenzt der politischen Ebene gewidmet.[8] Dezidiert auf die Ziele des Krieges zu sprechen kommt er vor allem in dem sehr bedeutungsvollen zweiten Kapitel des ersten Buches. Dort schreibt er zunächst:

 

„Wir […] müssen aber hier gleich drei Dinge unterscheiden, die als drei allgemeine Objekte alles übrige in sich fassen. Es ist die Streitkraft, das Land und der Wille des Feindes.

 

Die Streitkraft muß vernichtet, d. h. in einen solchen Zustand versetzt werden, daß sie den Kampf nicht mehr fortsetzen kann. […]

 

Daß Land muß erobert werden, denn aus dem Lande könnte sich eine neue Streitkraft bilden.

 

Ist aber auch beides geschehen, so kann der Krieg, d. h. die feindliche Spannung und Wirkung feindseliger Kräfte, nicht als beendet gesehen werden, solange der Wille des Feindes nicht auch bezwungen ist […].“[9]

 

Bei dieser Aussage müssen einige bemerkenswerte Punkte festgestellt werden. Zunächst werden hier zwei verschiedene Wirkmöglichkeiten von kriegerischen Handlungen dargestellt. Zum einen die Vernichtung feindlicher Streitkräfte, sei es durch Demoralisierung, Entwaffnung, Festsetzung oder tatsächliche Tötung. Zum zweiten die Inbesitznahme von Land. Im V. Kapitel über die Strategie werde ich noch eine dritte Wirksamkeit offenlegen, namentlich die Zerstörung/Inbesitznahme von Nichtstreitkräften.[10] Ich komme auf diesen Punkt im Rahmen der strategischen Betrachtungen zurück, hier soll es reichen, dass sich die kriegerische Gewalt sowohl gegen Streitkräfte als auch gegen Nichtstreitkräfte unmittelbar gewaltsam richten kann. Doch dann kommt Clausewitz zu der entscheidenden Siegbedingung, denn der Krieg kann „nicht als beendet gesehen werden, solange der Wille des Feindes nicht auch bezwungen ist“[11].  

 

Daraus ist wie oben schon präjudiziert wurde abzuleiten, dass das Ziel des Krieges immer die Überwindung des feindlichen Willens zur Fortsetzung des Widerstandes gegen die eigene Absicht ist, wohingegen die Wirkung gegen die feindlichen Streitkraft, gegen das Land oder die Nichtstreitkräfte nur ein untergeordnetes Mittel dazu ist. Der Zweck eines Feldzuges ist also die Einwirkung auf den Willen und die Kombination verschiedener Feldzüge – sofern es mehr als einen Feldzug innerhalb des Krieges gibt – muss letztlich den Willen des Gegners überwinden. Um dieses Ziel zu erreichen, gibt es drei Wege:

 

„Es sind zwei Dinge, welche in Wirklichkeit als Motiv zum Frieden an die Stelle der Unfähigkeit zum ferneren Widerstand treten können. Das erste ist die Unwahrscheinlichkeit, das zweite ein zu großer Preis des Erfolges.“[12]

 

Das, was Clausewitz hier recht euphemistisch als „Motiv zum Frieden“ umschreibt, ist im Wesentlichen das Brechen des feindlichen Willens zur Fortsetzung des Krieges, d.h. zur Fortsetzung des bewaffneten Widerstandes. Unser Gegner muss also den Friedensschluss, namentlich die Beendigung des bewaffneten Konfliktes wollen, dies aber zu unseren Bedingungen. Demnach kann der Wunsch nach einem Friedensschluss unter feindlichen Bedingungen eintreten,

 

  • wenn ein Akteur feststellt, dass die Anstrengungen, die er für seinen eigenen Sieg über den Gegner unternehmen müsste, nicht im Verhältnis zu dem angestrebten Nutzen desselben stehen (Unzweckmäßigkeit) oder

  • wenn ein Akteur erkennt, dass das Erringen des eigenen Sieges mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln unmöglich ist (Aussichtslosigkeit) oder

  • wenn ein Akteur unfähig ist, weiteren gewaltsamen Widerstand zu leisten, d.h. wenn die vollständige (moralische oder physische) Vernichtung der Streitkräfte bereits eingetreten ist oder diese bei der Fortsetzung des Kampfes unabwendbar scheint (Wehrlosigkeit).

 

In zwei von drei Varianten wirkt der Krieg somit seiner Intention nach ausschließlich gegen die Einsichten und das Kalkül des Gegners. Nur in der absoluten Variante ist die faktische Einwirkung auf die gegnerischen Streitkräfte die maßgebliche Siegbedingung des Krieges, wobei auch hier die Möglichkeit einer nur scheinbar bevorstehenden Vernichtung im Raum steht. Dies lässt freilich einigen Spielraum zur Interpretation offen.

 

So könnte angenommen werden – und dies läge vielleicht nächstmöglich am Wortlaut des Originaltextes – dass es sich bei den drei Siegbedingungen um verschiedene Stufen des Machbaren handelt, d.h. dass ein Akteur, wenn er in Betrachtung des Machtverhältnisses der beiden Kriegsparteien zueinander nicht danach streben darf, den Gegner wehrlos zu machen, er wenigstens versuchen könnte, dem Gegner die Aussicht auf Erfolg zu nehmen. Und wenn er selbst dies nach Wahrscheinlichkeitskalkül nicht hoffen darf, so könne er immer noch versuchen, den Preis des gegnerischen Sieges in die Höhe zu treiben und somit den Gegner von seiner Absicht abrücken zu lassen. Im Umkehrschluss müsste diese Sichtweise aber zu der Erkenntnis führen, dass ein im entsprechenden Maße überlegener Akteur immer das Niederwerfen des Gegners anstreben müsste. Würde dieser Grundsatz auf das oben dargestellte Beispiel der angriffsweisen Landnahme bezogen, so müsste ein stark überlegene kriegerische Angreifer sein strategisches Ziel nicht in der Inbesitznahme der umkämpften Provinz sehen, sondern sich die strategische Absicht setzen, die feindlichen Streitkräfte vollständig zu vernichten und von dieser Absicht erst dann ablassen, wenn der Verteidiger seinen Willen zum Erhalt der Provinz aufgibt und also zum Friedensschluss bereit ist. Tatsächlich ist es aber andersherum, denn je größer die Überlegenheit des Angreifers, desto mehr wird es ihm unter den meisten Umständen reichen, nur die Provinz einzunehmen. Zum einen, weil eine spätere Rückeroberung durch den Verteidiger umso unwahrscheinlicher ist, je größer die Überlegenheit des Angreifers ist. Zum anderen, weil eine schnelle und starke Landnahme hinreichend ist, um dem Angreifer die Unwahrscheinlichkeit eines zukünftigen Sieges vor Augen zu führen. Allein die Tatsache, dass der überlegene Akteur den Unterlegenen wehrlos machen könnte, ist für diesen schließlich kein hinreichendes Motiv, die unverhältnismäßig größeren Anstrengungen, die dazu nötig sein würden, zu unternehmen, wenn ihm eine schnelle und unkomplizierte Inbesitznahme von Land ausreicht, um seinen Zweck zu erfüllen. Umgekehrt allerdings muss bedacht werden, dass je gleicher die Machtverhältnisse sind, desto größer kann auch die Notwendigkeit des nur geringfügig Überlegenen sein, seine Anstrengungen auf das Wehrlosmachen des Gegners zu kanalisieren, da dieser sich umso mehr erhoffen kann, eine erfolgreiche Rückeroberung des Gebietes durchzuführen. So schreibt auch Clausewitz vollkommen ohne Bezug zum Machtverhältnis der beiden Kriegsakteure:

 

„Es braucht also der Krieg nicht immer bis zum Niederwerfen des einen Teiles ausgekämpft zu werden, und man kann denken, daß bei sehr schwachen Motiven und Spannungen eine leichte, kaum angedeutete Wahrscheinlichkeit schon hinreicht, den, gegen welchen sie gerichtet ist, zum Nachgeben zu bewegen. Wäre nun der andere im voraus davon überzeugt, so ist es ja natürlich, daß er nur nach dieser Wahrscheinlichkeit streben, nicht erst den Umweg eines gänzlichen Niederwerfens des Feindes suchen und machen wird.“[13]

 

Dies führt zu einer zweiten Interpretation der drei oben genannten Siegbedingungen. Aus dem letzten Zitat könnte gefolgert werden, dass die drei verschiedenen Siegbedingungen des Krieges in einem engen Zusammenhang zu den Spannungen stehen, die den Krieg auslösen, die ihm vorweg gehen und die sich in ihm entladen. Wird die wunderliche Dreifaltigkeit nicht als aus drei wesensunterschiedlichen Dimensionen zusammengesetzt verstanden, sondern als Einzelgröße, die sich aus drei verschiedenen Faktoren zusammenaddiert, so könnte diese das Maß der Spannungen abbilden, die sich im Krieg entladen. Dier Größe dieser Spannungen würden dann auch das strategische Ziel bestimmen, welches erreicht werden muss, um das gegnerische Motiv zum Frieden größer werden zu lassen, als diese Spannungen.

 

Bei dieser Betrachtung würde sich jedoch die Frage stellen, warum „es zwei Dinge [sein sollen], welche in der Wirklichkeit als Motiv zum Frieden an die Stelle der Unfähigkeit zum ferneren Wiederstand treten können.“[14] Denn die Unwahrscheinlichkeit und der zu hohe Preis des Erfolges sind offensichtlich eine annähernd gleiche Sache, nur aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Denn entweder ein Akteur kann die Mittel, welche er im Krieg einsetzt, frei wählen – dann könnte er sagen, dass ihm die zum Sieg notwendigen Anstrengungen zu groß sind – oder die zur Verfügung stehenden Mittel sind ihm durch die Größe seiner Motive vorgegeben – dann könnte er sagen, dass ihm die Wahrscheinlichkeit des Sieges zu gering ist. Beide Sichtweisen sind aus der kriegstheoretischen Perspektive sicherlich zulässig, doch sie bilden gleichsam die Beschreibung ein und desselben Phänomens, denn die Wahrscheinlichkeit des Sieges bestimmt sich letztlich durch die Anstrengung der Kräfte.

 

Klarer, eindeutiger und besser in den Gesamtzusammenhang passend sind die drei Siegbedingungen, wenn sie im Kontext des ersten Kapitels des ersten Buches, im Speziellen der wunderlichen Dreifaltigkeit betrachtet werden. Die wunderliche Dreifaltigkeit, so wurde oben dargelegt, beschreibt das Motiv eines politischen Gemeinwesens zum Krieg. Wir sagen nun hier: Das Ziel des Krieges ist, den gegnerischen Willen zur Fortsetzung des Krieges, d.h. zum Widerstand gegen den eigenen Willen, zu brechen. Der Krieg richtet sich somit vorrangig gegen das Motiv des Gegners zur Fortsetzung des Krieges und dies ist nichts anderes als die gegnerische wunderliche Dreifaltigkeit. Auch wenn Clausewitz selber diesen Querverweis nicht anführt – vielleicht weil er in der Überarbeitung seines Werkes noch nicht soweit gekommen war oder weil er sich des Zusammenhangs selbst noch nicht bewusst war – verweisen seine drei Siegbedingungen bemerkenswerterweise genau auf die drei, in der Wunderlichen Dreifaltigkeit zusammengefassten Motive zum Krieg:

 

  • Wenn der Preis für einen Sieg größer ist als der Nutzen der Realisierung des politischen Motivs, so muss dieses Motiv zum Krieg wegfallen.

  • Wenn der Sieg so unwahrscheinlich ist, dass er nicht mehr erwartet werden darf, so muss das Motiv des Sieges um seiner selbst willen wegfallen.

  • Das Motiv von Hass und Feindschaft kann im Krieg niemals wegfallen, da es sich durch die Tätigkeit unmittelbar selbst erfüllt. Auf dem kriegerischen Wege kann nur die faktische, physische oder moralische Unfähigkeit zur Fortsetzung des Widerstandes, d.h. die Wehrlosigkeit, dieses Motiv außer Kraft setzen.

 

Somit ist ein sinnvoller Gesamtzusammenhang zwischen den Motiven zum Krieg und dem Ziel des Krieges, nämlich der Überwindung der gegnerischen Willenskraft, hergestellt und es ergibt sich hieraus ein logischer und normativ zweckorientierter Anspruch an die mit der Kriegsplanung befassten Personen. Es muss also die gegnerische Partei nach ihrer Motivation zum Krieg eingeschätzt werden und danach sollte zweckmäßigerweise die eigene Kriegsführung gestaltet werden.

 

Nun könnten die Apologeten des Vernichtungskrieges einwenden, dass das Wehrlosmachen des Gegners immer das treffende Ziel sei, d.h. dass dieses Ziel immer den Zweck erfülle und daher die sicherste Wahl darstelle.[15] Der Einwand, dass hierdurch übertriebene Anstrengungen notwendig sein würden, würde dann dadurch negiert, dass die Tätigkeit nicht bis zum Ende durchgeführt werden müsse, da der Gegner – so das Kalkül – bereits im Vorfeld einlenken und also von seiner Absicht abrücken würde. Die gesamte Idee geht jedoch von der falschen, durch den unbedingten Willen zum Sieg erzeugten Prämisse aus, dass der Kriegsakteur aufgrund seiner strategischen Überlegung die Größe seiner Kräfte verändern könnte und also den Gegner immer mit seinem vollen Kräfteumfang in der Existenz bedrohen könnte. Die Anstrengung der Kräfte ist dem Akteur jedoch durch die Größe seiner Motive vorgegeben und wird nicht durch strategische Überlegungen bestimmt. Wenn er den Gegner nun mit Wehrlosigkeit bedroht, obwohl er selbst nur geringe Motive zum Krieg hat, so ist seine Aussicht auf Erfolg, d.h. dieses Ziel zu erreichen, allein schon aufgrund der Begrenztheit seiner Kräfte im entsprechenden Maße geringer; der Gegner hingegen wird durch die Art des Krieges in seiner (politischen) Existenz bedroht und allein daher wird auch sein politisches Motiv zum Krieg größer. Das Kräfteverhältnis beider Akteure verschiebt sich somit zugunsten des Gegners. Darüber hinaus erhöhen sich der Umfang und die Dauer des Krieges und dies bringt unseren Akteur selbst in Gefahr, dass sein Wille überwunden wird und er in der Folge von seiner Absicht abrücken muss. Es lässt sich also sagen, dass es die Wahrscheinlichkeit des Erfolges durchaus senken wird, wenn das Ziel des Krieges zu groß gewählt wird.

 

Betrachten wir nun die verschiedenen Arten der Widerstandskräfte, so ergeben sich unterschiedliche Folgen daraus für den ganzen Krieg. Diese Folgen sind hauptsächlich strategischer Natur, sie werden hier nur der Vollständigkeit halber genannt und zu einem späteren Zeitpunkt präzisiert.

 

  1. Ist der Gegner hauptsächlich durch seine politische Absicht motiviert, so stellt sich immer noch die Frage, wie groß dieses Motiv ist. Ist es ein kleines, so wird unter Umständen eine kleine Machtdemonstration hinreichen, um den gegnerischen Willen ins Ungleichgewicht zu bringen. Auch Gewalt gegen Nichtstreitkräfte kommt hier in Betracht, da diese billig ist und zudem die Kosten des Sieges für den Gegner steigen lässt.[16] Geht es aber um große Motive oder gar um größte, d.h. fordert der eine dem anderen etwas ab, was dieser gar nicht aufgeben kann, da seine (politische) Existenz daran geknüpft ist, so muss auch hier das Ziel gesetzt werden, den Gegner vollständig niederzuwerfen, d.h. wehrlos zu machen. Es ist hierunter also das ganze Spektrum des Krieges zu fassen. Als historisch idealtypische Beispiele von hauptsächlich politisch motivierten Kriegen könnten hier sicherlich die große Mehrheit der Kabinettkriege dienen.

  2. Ist der Gegner hautsächlich durch seinen unbedingten Willen zum Sieg angetrieben, so sind einige Aktionen, die im vorigen Fall zweckmäßig waren, hier vollkommen effektlos. Gewalt gegen Nichtstreitkräfte, d.h. „ganz allgemein der feindliche Schaden“[17], ist hier nicht an sich ein probates Mittel, sondern nur wenn hierdurch das Verhältnisse der Kräfte maßgeblich in dem Sinne verändert werden kann, dass der Gegner erhebliche Kräfte zum Schutz von Nichtstreitkräften abstellt und darum im entscheidenden Punkt schwächer wird.[18] Ein historisches Beispiel für einen durch den unbedingten Willen zum Sieg motivierten Krieg bildet sicherlich in besonders dramatischer Form der Erste Weltkrieg, bei dem weder eine besondere Form des Hasses, noch ein den Frieden definierendes politisches Motiv im Bewusstsein der Akteure vorhanden war. Insbesondere ist die schnelle Beendigung des Krieges zu bemerken, als einseitig die Unmöglichkeit des Sieges in das Bewusstsein rückte.

  3. Ist der Gegner hauptsächlich durch Feindschaft und Hass motiviert, so ist dies sicherlich einer der schwierigsten von allen denkbaren Fällen, da der Wille zum Kampf nicht logisch überwunden werden kann. Es hilft also nur ein faktisches Wehrlosmachen, d.h. die Zerschlagung der feindlichen Streitkräfte. Für diese Kriegsform sind eigentlich alle Kriege Beispiel gebend, die sich über Jahre hinweg schleppen, ohne dass große Entscheidungen gesucht oder gefunden werden. Eines unter vielen prominenten Beispielen mögen die Bürgerkriege in Ruanda sein.

 

Diese drei Punkte, die hier nur angerissen werden können, werden im Kapitel über die Strategie noch näher in Betrachtung kommen, da sie sich in erster Linie auf die Effizienz der Streitkräfte, nicht aber auf deren Umfang beziehen.

 

Zur Klarheit muss jedoch noch festgestellt werden, dass die hier getätigten Feststellungen einem normativen Bereich der Kriegstheorie zuzuordnen sind. Es wurde aus einer logischen Überlegung heraus etwas gefordert, das zweckmäßig ist, aber deshalb nicht zwingend in der Wirklichkeit eintritt. Skeptiker könnten gegen das oben Dargelegte einwenden, dass in der Kriegsgeschichte viele Gegenbeispiele existieren, bei denen das Ziel nicht zu den oben dargestellten Verhältnissen passt. So finden sich freilich viele Kriege, die zwar vorrangig und hauptsächlich um kleine, politische Motive geführt und darum auch nur von geringen Kräften bestritten wurden, allerdings das Niederwerfen des Feindes zum Ziel hatten. Andererseits finden sich vermutlich noch mehr Kriege, die vorrangig aus Feindschaft motiviert, aber allein auf die Schädigung von Zivilgütern ausgerichtet waren. Insbesondere der letztere Fall ist dabei besonders dramatisch. Dies ist allerdings kein Argument gegen die Kriegstheorie oder die Gültigkeit des oben dargestellten Zusammenhangs, sondern ein Argument gegen die Vernunft der jeweils praktizierenden Strategen. Denn es wird sich kein durch Feindschaft motivierter Krieg finden, der mittels Gewalt gegen die Bevölkerung siegreich zu einem Ende geführt wurde – und nur dies wäre ein Argument gegen die hier dargelegte Theorie. Schließlich ist der aus Feindschaft motivierte Krieg, der strategisch gegen die Bevölkerung geführt wird, freilich auch ein Krieg, aber er wird mit einer schlechten, d.h. unzweckmäßigen Strategie geführt. Es muss sich insgesamt die Frage aufdrängen, ob ein Krieg gegen einen vorrangig aus Feindschaft motivierten Gegner überhaupt gewonnen werden kann, insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Anwendung der Gewalt die Feindschaft und den Hass immer weiter verstärken wird. Wir werden auf diese Fragen im Zusammenhang der Strategie zurückkommen.

 

Letztlich muss natürlich in Hinblick auf die Praxis gefragt werden, ob die hier dargelegte Erkenntnis nutzbar ist. So kann durchaus bezweifelt werden, dass ein realer Akteur sich die Ziele des Krieges nach seiner Beurteilung der Motivation des Gegners auswählt. Die Regel scheint dort eher eine Verkürzung zu sein, nach welcher ein Akteur von seinem politischen Motiv aus auch gleichsam auf sein Ziel schließt, so wie dies auch Clausewitz in dem zu Anfang dieses Kapitels zitierten Beispiel demonstrierte oder – noch wahrscheinlicher – sich dabei nicht zwingend von seinem politischen Motiv, sondern tatsächlich von seiner eigenen Motivation zum Krieg leiten lässt und diese versucht unmittelbar zu erfüllen. So ist es für einen vorrangig durch Hass motivierten Akteur die natürlichere Handlung, die Gewalt auf das leichter verwundbare Ziel zu konzentrieren und Gewalt gegen das Land und seine Bevölkerung auszuüben, während ein vorrangig durch den Sieg um seiner selbst willen motivierter Akteur die Niederwerfung der feindlichen Streitkräfte natürlicherweise anstreben wird. Aber „da der Gebrauch der physischen Gewalt in ihrem vollem Umfange die Mitwirkung der Intelligenz auf keine Weise ausschließt“[19], ist die Kriegstheorie keine Theorie, welche nur natürliche Phänomene beschreibt, sondern gleichwohl auch Handlungsweisungen vorgeben kann und will, die sich gegen den natürlichen Trieb richten. In diesem Sinne ist die hier dargelegte Schlussfolgerung, dass das Ziel des Krieges die Überwindung des gegnerischen Willens ist und der Weg, dies zu erreichen, sich also nach der Motivation des Gegners zum Krieg richten soll, durchaus nachvollziehbar und schlüssig. Das in der Wirklichkeit schließlich auch die Motivation des Gegners schwer zu identifizieren und zudem wandelbar sein kann, erschwert freilich die Anwendung dieser Überlegungen für die Praxis ungemein. Dies schmälert jedoch nicht die Notwendigkeit der Darstellung dieser inneren Wirkzusammenhänge.

 weiter zu IV.6 Unterschiede zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg

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