Nachdem bis hierher die politische Dimension des Krieges recht allgemein betrachtet und durchaus schon eine präzise Vorstellung von dem entwickelt wurde, was Zweck, Ziel und Mittel des Krieges betrifft, so muss an dieser Stelle erneut der Angriffs- und Verteidigungskomplex aufgegriffen werden. Ich habe dazu im Kapitel III.5 bereits die Grundlagen dargelegt. Hier soll dies Thema nun auf der politischen Ebene erörtert werden.

 

Bisher wurde der Krieg als beidseitig uniform gedacht. Beide Parteien hatten entgegengesetzte Interessen und führten Krieg zur Lösung des Konfliktes, d.h. zur Durchsetzung ihres Interesses. Vom objektiven Standpunkt aus war der Gegenstand, um welchen gefochten wurde, für beide Parteien ein- und derselbe. Wenn jedoch der kriegerische Akt auf den unterschiedlichen Ebenen immer in die beiden Gegensätze Angriff und Verteidigung zerfällt, so gilt dies auch für seinen Totalbegriff, den Krieg als Ganzem, und somit für die kriegspolitische Ebene. Es ist somit zwischen dem Angriffs- und dem Verteidigungskrieg zu unterscheiden.

 

Im achten Kapitel des sechsten Buches definiert Clausewitz den Verteidigungskrieg dadurch, dass er den Angriff des Landes abwartet.[1] Würde man sich bei der Betrachtung dieser Ebene jedoch – wie Clausewitz dies hier tut – auf räumliche Kriterien beschränken, so würde der politischen Ebene nicht hinreichend Rechnung getragen. Denn dass sich die Streitkräfte des Angreifers zu Beginn des Krieges in den meisten Fällen nicht im gegnerischen Land befinden, sondern dieses erst betreten müssen, ist ein Aufgabenfeld der Strategie, nicht aber der Politik. Die politische Ebene, wie wir sie bis hierher definiert haben, setzt der Strategie einen Zweck und gibt ihr den Umfang der Kräfte vor, welche sie für den Krieg bzw. den einzelnen Feldzug verwenden darf. Dass also der Kampf für den Angreifer oftmals auf feindlichem Gebiet ausgetragen wird und dass sich der Angreifer notwendigerweise zum Verteidiger hin bewegen muss, ist möglicherweise ein strategischer, nicht aber ein politischer Problemkreis. Auf die Schwächen und Ungenauigkeiten bei der Definition von Angriff und Verteidigung wurde jedoch schon im Kapitel III.5 eingegangen und dies soll hier nicht wiederholt werden. Ferner wurde dort eine treffendere Bestimmung von Angriff und Verteidigung herausgearbeitet, welche die beiden Kriegsformen nach der Unterscheidung zwischen positivem und negativem Zweck voneinander trennt.

 

Daraus ist für die politische Ebene zu folgern, dass derjenige, der den Zweck des Krieges bereits realisiert hat und also um den Erhalt desselben kämpfen muss, der Verteidiger ist. Der Angreifer allerdings ist derjenige, der den Zweck erst mittels des Krieges realisieren will.

 

 weiter zu IV.6.1 Positive und negative Zwecke, Zweckasymmetrie



[1]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 647.

 

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