Im Kapitel III.5 wurde festgestellt, dass der Totalbegriff von Angriff und Verteidigung nicht als absoluter, den ganzen Krieg überdauernder Begriff zu verstehen ist, sondern dass dieser nur dahingehend interpretiert werden kann, dass der Totalbegriff des Angriffs untergeordnete Verteidigungshandlungen und -bestrebungen in sich einschließt und vice versa. In diesem Zusammenhang ist ebenso davon auszugehen, dass ein Angriffskrieg nicht bis zum Friedensschluss ein solcher bleiben muss, sondern dass es einen Wendepunkt darin geben kann, in welchem der Angriffskrieg zu einem Verteidigungskrieg umschlägt. Nun bleibt allerdings die Frage, wo genau dieser Wendepunkt zu verorten ist.

 

Ein unmittelbarer Rückschluss auf die Clausewitz’sche Aussage, dass der Verteidigungskrieg dadurch definiert sei, dass er den Angriff des Landes abwartet,[1] führt zu der Annahme, dass der Verteidigungskrieg erst dann beendet sei, wenn der Angreifer das feindliche Land verlassen habe. Diese Annahme hat ihr Hauptargument in der Überlegung, dass es ein bedeutsamer Unterschied ist, ob sich ein Akteur in seinem eigenen oder in einem feindlichen Land befindet. Der Unterschied läge demnach in dem Beistand der ansässigen Bevölkerung, der Entfernung zu den Versorgungseinrichtungen, der Kenntnis der Gegend und schließlich den Einrichtungen, die zum Krieg genutzt werden können. Diese wichtigen Vorteile stünden einem strategischen Verteidiger im fremden Land, der sich nach dem hier betrachteten Verständnis also noch im Angriffskrieg befände, nicht zur Verfügung.[2] In diesem Sinne würde ein wesentlicher Unterschied eintreten, wenn ein Akteur die ursprüngliche Landesgrenze überschreitet und dies würde demnach die Unterscheidung zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg begründen und rechtfertigen.

 

Nun wurde bereits festgestellt, dass ein Mangel des sechsten wie siebten Buches, aus welchem die hier dargelegten Überlegungen abgeleitet werden könnten, die starke Beschränkung der Theorie auf eine wenig abstrakte, räumliche Dimensionen ist.[3] In der Tat muss allerdings zugegeben werden, dass der Beistand der Bevölkerung, die Entfernung zu den Versorgungseinrichtungen usw. große strategische Vorteile sind bzw. sein können. Bei näherer Betrachtung gilt dies jedoch für Angreifer und Verteidiger gleichermaßen und ist zudem ohne inhaltlichen Bezug zu der Frage, wem dieses Land im ursprünglichen Status quo ante gehörte. Offensichtlich kann eine fremde Armee in einem fremden Land euphorisch empfangen werden und ebenso kann sich die Armee im eigenen Land einer gleichgültigen oder gar feindlichen Bevölkerung gegenüber sehen. Es mag also in der Mehrheit der Fälle zwar so sein, dass die Strategie auf ‚eigenem‘ Boden einen Vorteil gegenüber dem Gegner hat, aber scheint dies nicht in der Natur von Angriff und Verteidigung auf politischer Ebene zu liegen, sondern in den dem Krieg äußeren Umständen. Wenn dieser strategische Vor- bzw. Nachteil aber der einzige Grund wäre, um auf politischer Ebene zwischen Angriff und Verteidigung zu unterscheiden, so würde es die Sache besser treffen, wenn gesagt werden würde, dass derjenige der Angreifer sei, der sich in einem fremden und feindlich gestimmten Gebiet befindet, unabhängig davon, ob ihm dies im Status quo ante zuzurechnen war oder nicht. Dies scheint allerdings vollkommen sinnentfremdet, denn die kriegspolitische Ebene ist der strategischen übergeordnet und sie kann daher nur schwerlich nach den Vor- und Nachteilen der Strategie definiert werden.

 

Alternativ könnte jedoch die Annahme, der Verteidigungskrieg sei erst beendet, wenn der Angreifer das feindliche Land verlassen habe, auch von ihren räumlichen Bezügen abstrahiert werden. Es müsste dann gefolgert werden, dass der Verteidigungskrieg erst beendet sei, wenn der Status quo ante wieder hergestellt wurde. Der Angriffskrieg wäre dann nicht erst beendet, wenn das gegnerische Land verlassen worden ist, sondern dann, wenn sich alle Machtverhältnisse wieder in ihrem Ausganspunkt befänden. Dieser Überlegung muss aus drei Gründen widersprochen werden. Erstens können im Krieg bzw. während der Dauer des Krieges faktische Veränderungen der Umwelt eintreten, die eine Rückkehr zum Status quo ante unmöglich machen. Menschen die starben, können nicht wieder zum Leben erweckt, Dinge die vernichtet wurden, können nicht wieder hergestellt und Leid und Schmerz das erfahren wurde, kann nicht rückgängig gemacht werden. Es ist also leicht ersichtlich, dass der Status quo ante in vielen Fällen gar nicht wieder hergestellt werden kann. Zweitens beschreibt Clausewitz selbst den „Wendepunkt des Angriffs zur Verteidigung“[4] nicht bei der Rückkehr zum Startpunkt des Angriffs, sondern an dem Punkt der größten Machtausdehnung des Angreifers.[5] Er trifft diese Aussage zwar in Bezug auf die Strategie, doch findet sich kein vernünftiger Grund, warum dies nicht auch auf der politischen Analyseebene zutreffen sollte. Drittens aber stellt der Status quo ante ab einer gewissen Dauer des Krieges unter Umständen einen willkürlichen, künstlich erscheinenden Punkt dar, welcher keinen Bezug mehr zur eigentlichen Realität aufweist. Dies bedarf der Erklärung.

 

Clausewitz stellt fest, dass die Zwecke des Krieges im Krieg vielfachen Veränderungen und Modifikationen unterworfen sind. Die Absicht nämlich, welche mit dem Krieg verbunden wird, ist „durch die Erfolge und durch die wahrscheinlichen Ergebnisse mit bestimmt“[6]. Da sich mit dem Fortschreiten des kriegerischen Aktes auch diese Wahrscheinlichkeiten und die damit verbundenen Erwartungen ändern, so ändern sich auch die Bedingungen, zu welchen sich die Parteien zum Friedensschluss bereit erklären. Wenn sich also herausstellt, dass der Angreifer viel erfolgreicher ist als erwartet, so können sich seine politischen Motive, beflügelt durch die Anfangserfolge, vergrößern. Das gleiche gilt natürlich in umgekehrtem Sinne für den Verteidiger, d.h. sofern der Angriff sehr stark ist, muss der Verteidiger zwangsweise von seiner Erwartung, den Status quo ante zu erhalten, abrücken und zu für ihn schlechteren Konditionen zum Friedensschluss bereit sein. Er will also immer noch etwas erhalten, aber nicht mehr den Status quo ante, sondern einen für ihn schlechteren Zustand. Wenn nun also der Verteidiger den Status quo ante gedanklich bereits aufgegeben hat, so könnte dies eine partielle Zielerreichung des Krieges und je nach Art und Wesen des Zweckes auch eine teilweise Zweckerfüllung sein. Vor diesem Hintergrund wird der Status quo ante mit Fortdauer des Krieges zunehmend zu einer theoretischen Größe, die von keiner näheren praktischen Relevanz mehr sein kann. Unter diesen Bedingungen kann also der Status quo ante auch nicht als sinnvoller Orientierungspunkt dienen, um zwischen dem Angreifer und Verteidiger zu unterscheiden. Wo und wie kann aber sonst der Wendepunkt zwischen Angriff und Verteidigung ermittelt werden?

 

Die notwendige Voraussetzung für diesen Umschwung ist zunächst offensichtlich das Ende des Angriffs und in einem zweiten Schritt der Beginn des Angriffs durch den ursprünglichen Verteidiger. Aus dem bisher Gesagten geht hervor, dass der Angriff aus drei Gründen beendet werden kann: a) weil der Angreifer sein Ziel erreicht hat, d.h. der Wille des Verteidigers gebrochen wurde, b) weil der Angreifer zwar nicht sein Ziel, aber seinen Zweck erfüllt hat, indem er ihn unmittelbar erfüllen konnte und schließlich c) weil der Angreifer die Erkenntnis hat, dass seine noch vorhandenen Kräfte nicht ausreichen, dem Verteidiger noch mehr als bisher abzuringen, die Wahrscheinlichkeit dazu zu gering ist oder er faktisch nicht mehr in der Lage dazu ist.

 

Der Fall a) stellt den Sieg des Angreifers und den Friedensschluss dar und muss nicht weiter untersucht werden.

 

Der Fall b) muss als ein Sonderfall gelten, denn es setzt entweder eine besondere Wehr- und Hilflosigkeit des Verteidigers oder eine besondere Art des Zwecks voraus, wenn der Zweck noch während des Krieges, d.h. vor dem Erreichen des Ziels, verwirklicht wird. Es muss nämlich nochmals betont werden, dass ein Zweck eigentlich erst realisiert werden kann, wenn der Gegner diesem Zugewinn zustimmt indem er den Widerstand dagegen aufgibt und es müssen schon besondere Umstände sein, die zum Erreichen eines Zwecks führen, ohne dass der Wille des Gegners gebrochen wurde. Auch beim klassischen Beispiel der Landnahme als Zweck des Krieges reicht es nicht aus, den angestrebte Landstrich zu besetzen, denn solange der Verteidiger den Willen zum Besitz in Verbindung mit dem aktiven Streben danach nicht aufgibt, solange gehört ein Teil des Landes auch noch ihm.[7] Selbst wenn der Widerstand der Streitkräfte eine gewisse Zeit lang ausbleibt, z.B. weil sie weit zurückgedrängt wurden und also in diesem Landstrich nicht wirksam sein können, so ist das Land noch nicht im Eigentum des Angreifers, sofern sich fernere Widerstände dort regen, sei es durch eine tatsächliche Volksbewaffnung, durch einen allgemeineren Widerstand seitens der Bewohner des Landes[8] oder auch allein durch das Wissen um das feindliche Streben nach einer späteren Rückeroberung.[9] Es soll daher ein recht stabiler Grundsatz sein, dass das Brechen des feindlichen Willens eine notwendige Voraussetzung für die Realisierung des politischen Zwecks ist und dass also diese Realisierung erst nach dem Friedensschluss eintreten kann.

 

Es gibt allerdings Sonderfälle und Ausnahmen. Zum einen ist die Erfüllung politischer Zwecke während des Krieges denkbar, sofern der Krieg von großer Dauer ist und mehrere Zwecke umfasst. Zum anderen – und dies ist hier vorrangig gemeint – gibt es in diesem Zusammenhang auch spezielle politische Motive, die sich sehr wohl unmittelbar realisieren lassen. Genannt seien hier z.B. der Racheakt, der Raubzug oder die Demütigung, bei welchem die Ausübung der Gewalt den Zweck unmittelbar erfüllt, bei welchen also die Widerherstellung eines Status quo ante nicht denkbar erscheint.

 

Der Fall c) ist hingegen der typische Fall, bei welchem die Verteidigung den Angriff soweit abgenutzt hat, dass dieser nicht fortgesetzt werden kann. Nun wird sich herausstellen, ob der bisherige Verteidiger stark genug ist bzw. sich stark genug fühlt, den Gegenangriff zu führen, d.h. bisher Verlorenes zurückzuerobern bzw. darüber hinaus eigene, bisher nicht zu aktivem Handeln geführt habende Interessen und Absichten zu verfolgen, oder ob der Verteidiger sich dazu außerstande sieht und es in der Folge zu einem Stillstand im Kriege oder zu einem Verhandlungs- oder Kompromissfrieden kommt. Dieser Fall c) ist also der potentielle Wendepunkt zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg.

 

Eine ganz exakte Verortung dieses Punktes kann dabei freilich nicht vorgenommen werden, dazu ist die politische Ebene viel zu abstrakt. Da nicht jeder Rückstoß und nicht jede strategische Offensive des Verteidigers als Wendepunkt des Krieges verstanden werden kann und selbst ein großes Zurückgehen des Angreifers sich sicherlich nicht immer mit einem Umschwung zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg verbindet, sondern ebenso gut nur zur Vorbereitung einer späteren Handlung dienen kann, muss der Übergang vom einen zum anderen letztendlich fließend gedacht werden. Mit einiger Treffsicherheit lässt sich vielleicht sagen, dass stets derjenige, der zu den gegenwärtigen Konditionen, d.h. ohne weitere Bedingungen, zum Frieden bereit ist, wohl der Verteidiger sein muss, da er ganz offensichtlich einen rein negativen Zweck verfolgt. Allein, einen solchen Akteur wird es oftmals nicht geben, denn nicht selten hofft der Verteidiger natürlich auf einen späteren Umschwung und auf die damit verbundene Gelegenheit zum Gegenangriff oder zur Vergeltung.

 weiter zu IV.6.3 Verteidigung oder Angriff als der Ausgangspunkt des Krieges?

0
0
0
s2sdefault

Kapitel IV.6 - Übersicht

  • IV.6.1 Positive und negative Zwecke, Zweckasymmetrie

       Kommen wir aber zunächst auf die positiven und negativen politischen Zwecke von Kriegen zu sprechen. Es wurde bereits gesagt, dass diese Zwecke so vielfältig sein können, dass deren Auflistung und Kategorisierung ganz und gar unmöglich ist. Prinzipiell ist jedes denkbare Interesse eines politischen Gemeinwesens als Anlass zu einem Krieg geeignet.[1] Allein, es muss zu diesem Interesse eine von einem anderen politischen Gemeinwesen ausgehende, negative Absicht bestehen, welche der Realisierung dieses Interesses auch mittels Krieg entgegentritt. Einfach ausgedrückt heißt dies: A will X. V will, dass A X nicht bekommt. Um aber das Verständnis für die Verschiedenartigkeit der Zwecke sowie für die Problematik der Unterscheidung zwischen positiver und negativer Absicht zu schärfen, möchte ich einige theoretische Beispiele anfügen.   Ein Read More
  • IV.6.2 Wendepunkt zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg

       Im Kapitel III.5 wurde festgestellt, dass der Totalbegriff von Angriff und Verteidigung nicht als absoluter, den ganzen Krieg überdauernder Begriff zu verstehen ist, sondern dass dieser nur dahingehend interpretiert werden kann, dass der Totalbegriff des Angriffs untergeordnete Verteidigungshandlungen und -bestrebungen in sich einschließt und vice versa. In diesem Zusammenhang ist ebenso davon auszugehen, dass ein Angriffskrieg nicht bis zum Friedensschluss ein solcher bleiben muss, sondern dass es einen Wendepunkt darin geben kann, in welchem der Angriffskrieg zu einem Verteidigungskrieg umschlägt. Nun bleibt allerdings die Frage, wo genau dieser Wendepunkt zu verorten ist.   Ein unmittelbarer Rückschluss auf die Clausewitz’sche Aussage, dass der Verteidigungskrieg dadurch definiert sei, dass er den Angriff des Landes abwartet,[1] führt zu der Annahme, dass der Read More
  • IV.6.3 Verteidigung oder Angriff als der Ausgangspunkt des Krieges?

       Clausewitz wird oftmals unterstellt, er würde den Standpunkt vertreten, dass der Krieg vom Verteidiger ausgehe.[1] Diese Ansicht basiert im Schwerpunkt auf zwei oft zitierten Passagen, ebenfalls aus dem sechsten Buch des Werkes. Beiden Zitaten wird in der Sekundärliteratur derselbe Aussagewert beigemessen, nämlich einerseits von Schössler, dass „der Krieg mehr für den Verteidiger ist“[2] bzw. andererseits von Aron, „daß man die Verteidigung, nicht den Angriff, als Ausgangspunkt des Krieges betrachten muß“[3]. Beide Interpretationen sind fraglich. Zum einen vermitteln die zwei Clausewitz’schen Zitate ganz unterschiedliche Aussagen, die lediglich eine entfernte Verwandtschaft zueinander aufweisen. Zum anderen entsteht durch die Vermischung der beiden Zitate eine gewisse Sinnverzerrung und zum dritten stellen die beiden von Aron und Schössler herausgegriffenen Exegesen Vereinfachungen dar, die so Read More
  • IV.6.4 Stärken und Schwächen der beiden Kriegsformen

       Mit den bisherigen Ausführungen wurde der Angriffs- und Verteidigungskomplex schon sehr ausführlich von verschiedenen Seiten betrachtet. Es gilt nun, die Aussage „die Verteidigung [sei] die stärkere Form mit dem negativen Zweck, der Angriff die schwächere mit dem positiven Zweck“[1] auf politischer Ebene kritisch prüfen. Aus dem bisher Gesagten ergeben sich schon einige Vor- und Nachteile zwischen Angriff und Verteidigung. Die Vorteile des Verteidigungskrieges sind demnach, dass   der Verteidiger, da er in seiner Souveränität verletzt wird und zudem der Verlust des Bekannten schmerzlicher ist als der Verzicht auf Neues, tendenziell das größere politische Motiv hat als der Angreifer, er also relativ zum absoluten Kräfteverhältnis mehr Anstrengungen zum Zwecke des Krieges unternehmen kann, sofern sonst alle Umstände gleich sind.[2] der Read More
  • IV.6.5 Die Bedeutung von Leidenschaft und freier Seelentätigkeit

       Angriff und Verteidigung wurden bisher allein nach dem Kriterium des positiven bzw. negativen Zwecks, der das Handeln im Krieg motiviert, bestimmt. Im Kapitel IV.4 habe ich allerdings festgestellt, dass der politische Zweck nicht der alleinige Antrieb ist, der die Anstrengungen im Krieg rechtfertigt bzw. ermöglicht. Es sind vielmehr auch der kollektive Hass auf die gegnerische Gemeinschaft und der unbedingte Wille zum Sieg, welche an die Seite des politischen Zwecks treten und jeder für sich zusätzliche Kräfte generiert, die dem politischen Gemeinwesen zum Zwecke des Krieges zur Verfügung stehen.[1] Nun ist allgemein bekannt, dass der Gedanke der wunderlichen Dreifaltigkeit erst sehr spät in das Werk eingefügt wurde, während die beiden den Angriff und die Verteidigung abhandelnden Bücher eines vergleichsweise frühen Read More
  • 1