Clausewitz wird oftmals unterstellt, er würde den Standpunkt vertreten, dass der Krieg vom Verteidiger ausgehe.[1] Diese Ansicht basiert im Schwerpunkt auf zwei oft zitierten Passagen, ebenfalls aus dem sechsten Buch des Werkes. Beiden Zitaten wird in der Sekundärliteratur derselbe Aussagewert beigemessen, nämlich einerseits von Schössler, dass „der Krieg mehr für den Verteidiger ist“[2] bzw. andererseits von Aron, „daß man die Verteidigung, nicht den Angriff, als Ausgangspunkt des Krieges betrachten muß“[3]. Beide Interpretationen sind fraglich. Zum einen vermitteln die zwei Clausewitz’schen Zitate ganz unterschiedliche Aussagen, die lediglich eine entfernte Verwandtschaft zueinander aufweisen. Zum anderen entsteht durch die Vermischung der beiden Zitate eine gewisse Sinnverzerrung und zum dritten stellen die beiden von Aron und Schössler herausgegriffenen Exegesen Vereinfachungen dar, die so nicht zu halten ist.

 

Das erste dieser beiden Zitat lautet:

 

„Freilich faßt der Eroberer seinen Entschluß zum Kriege früher als der harmlose Verteidiger, und wenn er seine Maßregeln gehörig geheim zu halten weiß, wird er diesen wohl oft mehr oder weniger überfallen, aber das ist etwas dem Kriege selbst ganz Fremdes, denn es sollte nicht so sein. Der Krieg ist mehr für den Verteidiger als für den Eroberer da, denn der Einbruch hat erst die Verteidigung herbeigeführt und mit ihr erst den Krieg. Der Eroberer ist immer friedliebend (wie Bonaparte auch stets behauptet hat), er zöge ganz gern ruhig in unseren Staat ein; damit er dies aber nicht könne, darum müssen wir den Krieg wollen und also auch vorbereiten, d. h. mit anderen Worten: es sollen gerade die Schwachen, der Verteidigung Unterworfenen, immer gerüstet sein und nicht überfallen werden; so will es die Kriegskunst.“[4]

 

Diese Textpassage befremdet auf den ersten Blick, weil Clausewitz hier den Eindruck erweckt, der Angreifer sei der eigentlich friedliebende, während der Verteidiger nun unbedingt den Krieg wolle. Schössler bezeichnet dies sehr treffend als „Gegenstromverfahren“[5], mit welchem Clausewitz bewusst eine gegensätzliche Position zu weitverbreiteten Meinungen einnimmt, um zu polarisieren bzw. die Widersprüchlichkeiten und Unzulänglichkeiten dieser allgemein vorherrschenden Meinungen zu offenbaren. Die Intention der moralischen Parteinahme für den angeblich friedliebenden Angreifer inklusive dem durchaus ironischen Unterton ist also im Wesentlichen zu zeigen, dass eine solche Argumentation in Einzelfällen überhaupt möglich ist und also das allgemeine Denken, der Verteidiger sei stets der eigentlich friedliebende, ebenso unzutreffend ist.

 

Dies ist allerdings nicht die Hauptaussage der Passage. Diese kann nämlich überschrieben werden mit dem Satz: „Der Krieg ist mehr für den Verteidiger als für den Eroberer da“[6]. Dies muss seltsam anmuten, denn es ist doch der Angreifer, der eine positive Absicht verfolgt, mit dem Krieg also etwas erreichen will oder anders ausgedrückt: es ist der Angreifer, der mit dem Krieg seine Absicht realisieren will, während der Verteidiger diese Absicht bereits realisiert hat, ihm der Krieg also nur schaden, aber nicht nützen kann.

 

Denken wir uns jedoch in die unterschiedlichen Rollen hinein. Der Angreifer hat eine positive Absicht, er will also etwas gewinnen. Der Erwirtschaftung dieses Zugewinns steht jedoch der Wille des Gegners entgegen und erst wenn dieser Wille gebrochen ist, kann er seinen Zugewinn, d.h. seine Absicht, auch realisieren. Der Krieg bzw. der Status quo ante stellt für den Angreifer also einen Mangelzustand dar, der erst mit dem für ihn günstigen Frieden, d.h. mit seinem Sieg, beseitigt wird. Es ist also nicht der Krieg, der für den Angreifer unmittelbar nützlich ist, sondern allein der Sieg, welcher jedoch nicht vorausgesetzt werden kann. Der Verteidiger hat hingegen den Zweck bereits realisiert und solange er diesen verteidigt, hat er zumindest grundsätzlich auch noch die Vorteile, welche dieser bietet, auf seiner Seite. Der Verteidiger profitiert also tendenziell von der Dauer seiner Verteidigung, während der Angreifer einen schnellen Sieg braucht, um seine Anstrengungen zu kompensieren. Anders ausgedrückt: jede Verzögerung des gegnerischen Sieges ist für den Verteidiger ein Erfolg, während für den Angreifer nur der Sieg selbst ein Erfolg ist. So ist es verständlich, dass ein übermäßig starker Angriff zu einem Krieg von kurzer Dauer führt, dass aber eine starke Verteidigung den Krieg in seiner Dauer verlängert, sofern der Angriff nicht augenblicklich in sich zusammenfällt. Dies wird auch deutlich, wenn Clausewitz schreibt:

 

Die einzige notwendige Wirkung, welche das Übergewicht des negativen Bestrebens hat, ist das Aufhalten der Entscheidung, so daß der Handelnde sich gewissermaßen in das Abwarten der entscheidenden Augenblicke hineinflüchtet. Die Folge davon pflegt zu sein: das Zurückverlegen der Handlung in der Zeit und, insofern der Raum damit in Verbindung steht, auch im Raum, soweit es die Umstände gestatten.“[7]

 

Es wird also ersichtlich, dass der Krieg mit seiner Dauer mehr für den Verteidiger ist als für den Angreifer, da dem Angreifer nur der Sieg nützlich ist, während dem Verteidiger die Dauer des Krieges selbst schon einen Nutzen einbringt.

 

Nun würde diese Sichtweise aber erneut die Annahme voraussetzen, dass erst der Friedensschluss die Realisierung des Motivs beinhaltet und bis dahin der Verteidiger den Status quo ante als seinen Eigentum betrachten könnte. Dies ist freilich nicht immer so, denn mit jedem fortdauernden Angriff muss auch ein kleiner Gewinn einhergehen und der Verteidiger wird also in den meisten Fällen mit der Dauer des Krieges immer ein kleines Stück von dem Gegenstand, den er verteidigt, verlieren. Dies ändert aber nichts an dem Umstand, dass der Krieg mehr für den Verteidiger da ist, sondern unterstreicht nur die Feststellung, dass das „Zurückverlegen der Handlungen in der Zeit“ nur möglich ist, „soweit es die Umstände gestatten“. Hat der Verteidiger den umkämpften Gegenstand aber irgendwann verloren, so nutzt er ihm nicht mehr – gleichwohl kann er aber auch nicht mehr als Verteidiger betrachtet werden, da es für ein Erhalten offenkundig zu spät ist. Je mehr der Angreifer also seinen politischen Zweck während des Krieg realisieren kann, desto mehr nutzt ihm die Dauer des Krieges, desto mehr wird er auch selbst zum Verteidiger des bereits Erworbenen – allein es fehlt zumeist an einem Angriff, um diese Verteidigung wirksam werden zu lassen.

 

Aber die Aussage, der Krieg sei mehr für den Verteidiger als für den Angreifer da, lässt sich auch aus einer anderen Sichtweise heraus interpretieren. Für den Verteidiger hat nämlich der Krieg eine viel größere Bedeutung als für den Angreifer. Letzterer gewinnt im Falle seines Erfolges nur etwas hinzu, was er vorher nicht hatte; wenn er es also nicht bekommt, wird er so weiter existieren wie zuvor und dies wird mehr oder weniger erträglich sein, je nachdem wie seine Ausgangslage war. Der Verteidiger hingegen verliert im Falle seiner Niederlage etwas und seine Fortexistenz wird weniger erträglich sein als zuvor. Ganz allgemein stellt Clausewitz auch an anderer Stelle fest, dass es stets schlimmer ist, einen Schaden zu erleiden, als einen Zugewinn nicht zu erhalten bzw. andersherum, dass der Schmerz über einen Verlust immer größer ist als die Freude und der Nutzen eines Gewinns.[8] Zudem jedoch verliert der Verteidiger auch objektiv mehr als der Angreifer gewinnt. Der Verteidiger verteidigt nämlich stets ein Gut, welches der Angreifer ihm streitig macht, ohne dass dieser einen Nutzen daraus ziehen könnte. Dies kann ganz allgemein mit dem Begriff der Souveränität umschrieben werden. Es ist überhaupt das Recht auf eine freie, sich selbst das Recht gebende Existenz neben den anderen politischen Gemeinwesen,[9] welches dem Verteidiger streitig gemacht wird. Daraus folgt zum einen, dass das politische Motiv des Verteidigers tendenziell größer ist als das des Angreifers und zum anderen, dass die Fähigkeit zur Verteidigung überhaupt erst die Geltendmachung der eigenen Souveränität und somit von Eigentums-, Besitz- und Selbstbestimmungsrechten ermöglicht. Der Krieg ist also mehr für den Verteidiger da, weil dieser hiermit seine eigene Souveränität und schließlich auch die eigene Existenz begründet.

 

In diesem Sinne kann also auch gesagt werden, dass der Krieg mehr für den Verteidiger da ist, weil dieser damit seine Existenz als eigenständiges politisches Gemeinwesen schützt. Vor diesem Hintergrund wird auch der letzte Satz des uns hier befassenden Zitats verständlich, nach welchem es vor allem die relativ schwachen politischen Gemeinwesen sind, welche sich für einen Verteidigungskrieg rüsten müssen, weil allein dies eben ihre Rechte unter den stärkeren Nachbarn garantiert.

 

Das in der Sekundärliteratur oftmals mit identischen Aussagewerten verbundene[10] Zitat einige Seiten hinter dem ersten lautet hingegen:

 

„Wenn wir uns die Entstehung des Krieges philosophisch denken, so entsteht der eigentliche Begriff des Krieges nicht mit dem Angriff, weil dieser nicht sowohl den Kampf als die Besitznahme zum absoluten Zweck hat, sondern er entsteht erst mit der Verteidigung, denn diese hat den Kampf zum unmittelbaren Zweck, weil Abwehren und Kämpfen offenbar eins ist. Das Abwehren ist nur auf den Anfall gerichtet, setzt ihn also notwendig voraus, der Anfall aber nicht auf das Abwehren, sondern auf etwas anderes, nämlich die Besitznahme, setzt also das letztere nicht notwendig voraus. Es ist daher in der Natur der Sache, daß derjenige, welcher das Element des Krieges zuerst in die Handlung bringt, von dessen Standpunkt aus zuerst zwei Parteien gedacht werden, auch die ersten Gesetze für den Krieg aufstelle, nämlich der Verteidiger. Hier ist nicht von einem einzelnen Fall, sondern von dem allgemeinen, von dem abstrakten Fall die Rede, den sich die Theorie zur Bestimmung ihres Weges denkt.

 

Dadurch nun wissen wir, wo der feste Punkt außerhalb der Wechselwirkung von Angriff und Verteidigung zu suchen ist, nämlich bei der Verteidigung.“[11]

 

Dieses zweite Zitat ist offensichtlich von einem ganz anderen Inhalt geprägt als das erste. Der Inhalt wird durch Aron in dem einfachen Satz zusammengefasst, „daß man die Verteidigung, nicht den Angriff, als Ausgangspunkt des Krieges betrachten muß“[12]. Damit erweckt er jedoch einen falschen Eindruck, denn er unterschlägt, dass es sich hierbei um philosophische und nicht etwa praktische Überlegungen handelt. Durch die Vermischung mit dem ersten Zitat entsteht bei Arons zusammengefasstem Satz der Eindruck, dass der Angreifer eigentlich gar nicht kämpfen will, sondern dass seine Handlungen auf die Erfüllung des Zwecks ausgerichtet seien und erst der Verteidiger durch sein Handeln den Krieg, d.h. den eigentlichen Kampf auslöst. So ist es allerdings nicht, denn der Angriff richtet sich nicht am Zweck aus, sondern er richtet sich gegen den feindlichen Willen des Gegners.[13] Wäre also die Verteidigung nicht, so würde auch kein Angriff stattfinden, sondern eine unter Umständen ganz andere Handlung, nämlich die unmittelbare Realisierung des Zwecks.

 

Der praktische Ausgangspunkt des Krieges ist jedoch zweifelsfrei der Angreifer, denn dieser hat das positive Motiv und seine Angriffshandlung kennzeichnet den Beginn des Krieges. Zwar kann gesagt werden, dass es ohne die Verteidigung keinen Angriff gibt, aber gilt ebenso, dass ohne Angriff keine Verteidigung gedacht werden kann. Darüber hinaus zwingt der Angreifer den anderen zur Verteidigung, während die Verteidigung jedoch niemanden zum Angriff zwingt. Allein dies zeigt deutlich, dass die Angriffshandlung der Ausganspunkt des wirklichen Krieges sein muss.

 

Clausewitz meint aber etwas anderes, wenn er schreibt, dass der Krieg philosophisch betrachtet durch die Verteidigung entsteht und dass – dies ist viel wichtiger – die Verteidigung daher den festen Punkt außerhalb der Wechselwirkung von Angriff und Verteidigung bildet. Bisher wurde der Krieg im Wesentlichen durch das ihm inhärente Handeln bestimmt. Dies ist die sich in ihm äußernde kriegerische Gewalt, d.h. der Kampf von Streitkräften gegeneinander, namentlich Gefechte. Die Kombinationen dieser Gefechte sind wiederum Feldzüge. Nun beschränkt sich der Krieg aber nicht nur auf diese unmittelbaren Gefechtshandlungen und Zusammenstöße, sondern Clausewitz versteht darunter den ganzen Feldzug, also auch solche Phasen, in denen kriegerische Handlungen im engeren Sinne gar nicht stattfinden, sondern lediglich Handlungen durchgeführt werden, welche die einzelnen Gefechte vorbereiten. Tatsächlich können wir uns sogar Feldzüge vorstellen, in welchen es nicht einmal zu realen Gefechten kommt, sondern nur zu möglichen d.h. solchen, bei denen der Unterlegene schon im Vorfeld seine Schwäche erkennt und also von seiner Absicht ablässt, noch bevor das Gefecht begonnen wurde.[14] Auf diesem Wege ist ein ganzer Feldzug und auch ein ganzer Krieg vorstellbar, der ohne reale Gefechte auskommt, ohne dass damit ein Widerspruch zur Theorie entstehen würde.

 

Wenn aber ein Feldzug ohne reales Gefecht möglich ist, so muss auch die Sichtweise erlaubt sein, dass der Krieg als Ganzes nicht zwingend an reale Feldzüge gekoppelt sein muss. Auch diese können im Vorhinein abgeschätzt werden und aus diesem Grunde gar nicht erst stattfinden, weil der jeweils Schwächere von seiner Absicht zurücktritt, bevor ein möglicher Feldzug beginnt. Unter diesen Bedingungen würden wir jedoch von keinem wirklichen Krieg sprechen, da ihm das kriegerische Handeln im Ansatz fehlt. Es wäre dies also ein möglicher Krieg, ein nur gedachter Krieg, ein – Clausewitz‘ Wortwahl aufgreifend – philosophisch gedachter Krieg.

 

Wird mit diesem Verständnis der Krieg nun aber philosophisch gedacht, so beginnt er nicht wie der wirkliche Krieg mit dem ersten wirklichen Feldzug, d.h. mit der aktiven Vorbereitung von Gefechten, sondern zu dem Zeitpunkt, an welchem das politische Gemeinwesen mit der aktiven Vorbereitung von Feldzügen beginnt, d.h. an welchem es Streitkräfte für einen konkreten Zweck bestimmt, aushebt, ausrüstet, ausbildet usw. Erst an diesem Punkt kann das gegenseitige Abschätzen beginnen. Wir sagen also zur Verdeutlichung und um Missverständnisse zu vermeiden: Der reale Krieg ist wenigstens im weiteren Sinne an das kriegerische Handeln gebunden und beginnt daher mit dem Beginn des ersten wirklichen Feldzugs. Der Beginn des philosophisch gedachten Krieges muss allerdings deutlich eher angesetzt werden, nämlich mit der Bereitschaft für einen politischen Zweck zu kämpfen, d.h. mit der Bestimmung von Streitkräften zu einem Krieg respektive zu einem möglichen Feldzug.

 

Mit diesem Verständnis wird auch das hier behandelte Zitat vollumfänglich verständlich. Die positive Absicht ein wie auch immer geartetes politisches Interesse zu verwirklichen, ist kein hinreichendes Motiv, um Streitkräfte aufzustellen. Der Besitz eines Gegenstandes und die fiktive Vorstellung eines anderen, der uns den Gegenstand wegnehmen wollen könnte, ist hingegen ein verständliches und logisches Motiv, um Streitkräfte aufzustellen, d.h. den philosophisch gedachten Verteidigungskrieg zu beginnen. Somit ist es der Verteidiger, „von dessen Standpunkt aus zuerst zwei Parteien gedacht werden“[15] und welcher somit „das Element des Krieges zuerst in die Handlung bringt“[16]. Erst die auf diesem Wege bestimmten Verteidigungsstreitkräfte bringen den potentiellen Angreifer in die Verlegenheit, Streitkräfte für den Angriff bestimmen zu müssen, um den Zweck realisieren zu können. Es ist also zunächst die Bereitschaft zu einem Verteidigungskrieg notwendig, damit sich für einen anderen Akteur überhaupt erst die Notwendigkeit eines Angriffskrieges ergeben kann. In der ‚philosophischen‘ Vorstellung wird also zunächst ein Verteidiger bestimmen, welche Anstrengungen ihm zur Erfüllung des politischen Motivs angemessen erscheinen. Erst auf dieser Grundlage kann derjenige, der sich im Interessenkonflikt mit dem potentiellen Verteidiger befindet, ein Wahrscheinlichkeitskalkül aufstellen, ob die Anstrengungen, die ihm zum Angriff zur Verfügung stehen, ausreichen, den gegnerischen Willen zu brechen und dann erst setzt die Wechselwirkung des gegenseitigen Überbietens ein. Vor diesem Hintergrund wird vollumfänglich ersichtlich, dass eine hohe Verteidigungsbereitschaft der sicherste Weg ist, den Krieg zu vermeiden und an dieser Stelle zeigt sich auch die inhaltliche Verwandtschaft zu dem erstgenannten Zitat, welches mit den Worten endet: „es sollen gerade die Schwachen, der Verteidigung Unterworfenen, immer gerüstet sein und nicht überfallen werden; so will es die Kriegskunst.“[17] Daraus abgeleitet könnte auch gesagt werden, dass die Voraussetzung für einen Angriffskrieg eine bestimmte Schwäche der Verteidigung ist, wobei hingegen die Verteidigung so oder so da ist, und nicht erst durch eine Schwäche des Angriffs motiviert werden muss.

 weiter zu IV.6.4 Stärken und Schwächen der beiden Kriegsformen

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Kapitel IV.6 - Übersicht

  • IV.6.1 Positive und negative Zwecke, Zweckasymmetrie

       Kommen wir aber zunächst auf die positiven und negativen politischen Zwecke von Kriegen zu sprechen. Es wurde bereits gesagt, dass diese Zwecke so vielfältig sein können, dass deren Auflistung und Kategorisierung ganz und gar unmöglich ist. Prinzipiell ist jedes denkbare Interesse eines politischen Gemeinwesens als Anlass zu einem Krieg geeignet.[1] Allein, es muss zu diesem Interesse eine von einem anderen politischen Gemeinwesen ausgehende, negative Absicht bestehen, welche der Realisierung dieses Interesses auch mittels Krieg entgegentritt. Einfach ausgedrückt heißt dies: A will X. V will, dass A X nicht bekommt. Um aber das Verständnis für die Verschiedenartigkeit der Zwecke sowie für die Problematik der Unterscheidung zwischen positiver und negativer Absicht zu schärfen, möchte ich einige theoretische Beispiele anfügen.   Ein Read More
  • IV.6.2 Wendepunkt zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg

       Im Kapitel III.5 wurde festgestellt, dass der Totalbegriff von Angriff und Verteidigung nicht als absoluter, den ganzen Krieg überdauernder Begriff zu verstehen ist, sondern dass dieser nur dahingehend interpretiert werden kann, dass der Totalbegriff des Angriffs untergeordnete Verteidigungshandlungen und -bestrebungen in sich einschließt und vice versa. In diesem Zusammenhang ist ebenso davon auszugehen, dass ein Angriffskrieg nicht bis zum Friedensschluss ein solcher bleiben muss, sondern dass es einen Wendepunkt darin geben kann, in welchem der Angriffskrieg zu einem Verteidigungskrieg umschlägt. Nun bleibt allerdings die Frage, wo genau dieser Wendepunkt zu verorten ist.   Ein unmittelbarer Rückschluss auf die Clausewitz’sche Aussage, dass der Verteidigungskrieg dadurch definiert sei, dass er den Angriff des Landes abwartet,[1] führt zu der Annahme, dass der Read More
  • IV.6.3 Verteidigung oder Angriff als der Ausgangspunkt des Krieges?

       Clausewitz wird oftmals unterstellt, er würde den Standpunkt vertreten, dass der Krieg vom Verteidiger ausgehe.[1] Diese Ansicht basiert im Schwerpunkt auf zwei oft zitierten Passagen, ebenfalls aus dem sechsten Buch des Werkes. Beiden Zitaten wird in der Sekundärliteratur derselbe Aussagewert beigemessen, nämlich einerseits von Schössler, dass „der Krieg mehr für den Verteidiger ist“[2] bzw. andererseits von Aron, „daß man die Verteidigung, nicht den Angriff, als Ausgangspunkt des Krieges betrachten muß“[3]. Beide Interpretationen sind fraglich. Zum einen vermitteln die zwei Clausewitz’schen Zitate ganz unterschiedliche Aussagen, die lediglich eine entfernte Verwandtschaft zueinander aufweisen. Zum anderen entsteht durch die Vermischung der beiden Zitate eine gewisse Sinnverzerrung und zum dritten stellen die beiden von Aron und Schössler herausgegriffenen Exegesen Vereinfachungen dar, die so Read More
  • IV.6.4 Stärken und Schwächen der beiden Kriegsformen

       Mit den bisherigen Ausführungen wurde der Angriffs- und Verteidigungskomplex schon sehr ausführlich von verschiedenen Seiten betrachtet. Es gilt nun, die Aussage „die Verteidigung [sei] die stärkere Form mit dem negativen Zweck, der Angriff die schwächere mit dem positiven Zweck“[1] auf politischer Ebene kritisch prüfen. Aus dem bisher Gesagten ergeben sich schon einige Vor- und Nachteile zwischen Angriff und Verteidigung. Die Vorteile des Verteidigungskrieges sind demnach, dass   der Verteidiger, da er in seiner Souveränität verletzt wird und zudem der Verlust des Bekannten schmerzlicher ist als der Verzicht auf Neues, tendenziell das größere politische Motiv hat als der Angreifer, er also relativ zum absoluten Kräfteverhältnis mehr Anstrengungen zum Zwecke des Krieges unternehmen kann, sofern sonst alle Umstände gleich sind.[2] der Read More
  • IV.6.5 Die Bedeutung von Leidenschaft und freier Seelentätigkeit

       Angriff und Verteidigung wurden bisher allein nach dem Kriterium des positiven bzw. negativen Zwecks, der das Handeln im Krieg motiviert, bestimmt. Im Kapitel IV.4 habe ich allerdings festgestellt, dass der politische Zweck nicht der alleinige Antrieb ist, der die Anstrengungen im Krieg rechtfertigt bzw. ermöglicht. Es sind vielmehr auch der kollektive Hass auf die gegnerische Gemeinschaft und der unbedingte Wille zum Sieg, welche an die Seite des politischen Zwecks treten und jeder für sich zusätzliche Kräfte generiert, die dem politischen Gemeinwesen zum Zwecke des Krieges zur Verfügung stehen.[1] Nun ist allgemein bekannt, dass der Gedanke der wunderlichen Dreifaltigkeit erst sehr spät in das Werk eingefügt wurde, während die beiden den Angriff und die Verteidigung abhandelnden Bücher eines vergleichsweise frühen Read More
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