Mit den bisherigen Ausführungen wurde der Angriffs- und Verteidigungskomplex schon sehr ausführlich von verschiedenen Seiten betrachtet. Es gilt nun, die Aussage „die Verteidigung [sei] die stärkere Form mit dem negativen Zweck, der Angriff die schwächere mit dem positiven Zweck“[1] auf politischer Ebene kritisch prüfen. Aus dem bisher Gesagten ergeben sich schon einige Vor- und Nachteile zwischen Angriff und Verteidigung. Die Vorteile des Verteidigungskrieges sind demnach, dass

 

  • der Verteidiger, da er in seiner Souveränität verletzt wird und zudem der Verlust des Bekannten schmerzlicher ist als der Verzicht auf Neues, tendenziell das größere politische Motiv hat als der Angreifer, er also relativ zum absoluten Kräfteverhältnis mehr Anstrengungen zum Zwecke des Krieges unternehmen kann, sofern sonst alle Umstände gleich sind.[2]

  • der Verteidiger eher auf den Beistand von Bündnispartner hoffen darf als der Angreifer, weil die Mehrheit stets nach dem Erhalt des Gleichgewichts strebt, da dieser negative Zweck ohne Verkleinerung teilbar ist, wohingegen der positive Zweck unmittelbar nur demjenigen zugutekommt, der ihn realisiert; dass dies jedoch nur insofern gilt, als dass der Verteidiger in seinem ursprünglichen Zustand dem Gleichgewicht zuträglich war, dieses nicht gestört hat und der Angriff nicht etwa den Erhalt eines stabilen Gleichgewichts zum Zweck hat.[3]

  • die Dauer des Krieges dem Verteidiger zu Gute kommt, weil dieser den Nutzen des Zwecks auf seiner Seite hat, während der Angreifer diesen sich erst mit seinen Siegen erkaufen muss.[4]

  • das politische Motiv des Angriffs mit sukzessiven strategischen Siegen und teilweisen Zweckrealisierungen kleiner wird, wohingegen das politische Motiv der Verteidigung im Siegeszug des Angreifers tendenziell größer wird, da der Verteidiger zunehmend um seine gesamte Existenz fürchten muss.[5]

 

Die Vorteile des Angriffs sind hingegen, dass

 

  • der Angreifer das positive Motiv hat, er also die eigenen Vernichtung bzw. den Verlust nicht unmittelbar fürchten muss, Panik ihm also fremd ist.[6] Zudem ist er von dem positiven Gefühl beflügelt, der Angreifer zu sein und also das Heft des Handelns in der Hand zu haben.[7]

  • die Machtmittel des Angreifers sich mit der Dauer des Krieges vergrößern, sofern der Angriff erfolgreich ist.

  • der Angreifer sich zum Krieg entschieden hat, er also die Wahrscheinlichkeit des Sieges auf seiner Seite haben sollte.

 

Es halten sich also die Vor- und Nachteile im ersten Anschein im Gleichgewicht und es muss die Frage gestellt werden, ob der Ausspruch, „daß die Verteidigung die stärkere Form mit dem negativen Zweck, der Angriff die schwächere mit dem positiven Zweck“[8] sei, überhaupt für die politische Dimension des Krieges zutreffend ist. Dies lässt sich zunächst recht leicht lösen, denn die Vorteile, welche sich hier für den Angriff gefunden haben, waren alle auf den Sieg, d.h. auf eine bestimmte Form der Überlegenheit bezogen; es waren also im eigentlichen Sinne nicht die Vorteile des Angriffs, sondern die des Sieges bzw. die der Überlegenheit an Kräften. So schreibt Clausewitz auch:

 

„Der Sieg entspringt in der Regel schon aus einem Übergewicht der Summe aller physischen und moralischen Kräfte, unstreitig vermehrt er dieses Übergewicht, denn sonst würde man ihn nicht suchen und teuer erkaufen. Dies tut der Sieg unbedenklich und auch seine Folgen tun es [...]“[9]

 

Der Angriff braucht also den Sieg, um einen positiven Effekt zu haben und er muss sich somit auf eine Überlegenheit an Kräften oder andere, das Kräfteverhältnis positiv beeinflussende Faktoren, wie z.B. den Überraschungsmoment, günstige Umstände usw., stützen. Der Angriff wird in diesem Sinne durch die Summe der einzelnen, untergeordneten strategischen und taktischen Erfolge zum Gesamterfolg geführt. Der Verteidigung hingegen reicht es, die Summe der gegnerischen Siege so niedrig zu halten bzw. die Zeitpunkte der feindlichen Siege so sehr zu verzögern, dass sie für den Gesamterfolg des Gegners nicht ausreichen und somit seinen Gesamtsieg verhindern. Für die Verteidigung ist somit das Verzögern feindlicher Siege bereits ein kleiner Erfolg. Der Angriff braucht also eine gewisse Überlegenheit, um seine Vorteile entfalten zu können, während die Verteidigung ihre Vorteile auch in der Unterlegenheit gebrauchen kann. Anders ausgedrückt: Der Angreifer muss immer hoffen können, dass seine Kräfte ausreichen um den gegnerischen Willen zu überwinden, wohingegen der Verteidiger sich mit der Hoffnung begnügen kann, dass die Kräfte des Gegners nicht ausreichen um den eigenen Willen zu überwinden oder ihn wehrlos zu machen. Dies ist freilich nur eine halbe Wahrheit, denn natürlich kann auch der Angreifer für sich sagen, dass er erst dann verloren hat, wenn sein Wille gebrochen ist und somit kann auch er hoffen, den Verteidiger durch seinen konstanten und dauerhaften Angriff zu ermatten. Nach allem was wir bisher gesagt haben ist jedoch dem Verteidiger tendenziell der längere Atem zu unterstellen und es ist daher anzunehmen, dass dies nur eine Ausnahmeerscheinung sein kann, herbeigeführt durch ein sehr schwaches politisches Motiv und ein sehr großes Ungleichgewicht des absoluten Kräfteverhältnisses.

 

Das einleuchtendste Argument für die Unterlegenheit des Angriffs gegenüber der Verteidigung ist jedoch, dass er, um ernsthaft begonnen zu werden, immer auf einer Überlegenheit der Kräfte beruhen muss, da anders ein Sieg und somit die Sinnhaftigkeit des Unternehmens nicht zu erwarten sein könnte. „Wäre die angreifende Form [hingegen] die stärkere [Form des Krieges], so gäbe es keinen Grund mehr, die verteidigende zu gebrauchen, da diese ohnehin den bloß negativen Zweck hat; jedermann müßte also angreifen wollen und die Verteidigung wäre ein Unding. Umgekehrt aber ist es sehr natürlich, daß man den höheren Zweck mit höheren Opfern erkauft.“[10] Ein Angriff aber, welcher aus der Unterlegenheit heraus begonnen wird, kann nur durch Verzweiflung motiviert sein, er muss sich auf anderen Faktoren, wie z.B. das Überraschungsmoment, stützen oder er basiert auf einem Irrtum und wird sehr bald in sich zusammenfallen. Dass aber der Verteidiger trotz seines zumindest in der Allgemeinheit der Fälle unterlegenen Kräfteverhältnisses den Sieg erringen und also den Erhalt realisieren kann, scheint ein deutliches Indiz für die Überlegenheit der Verteidigung zu sein.

 

Nun könnte es immer noch so sein, dass zwischen Angriff und Verteidigung solche Unterschiede nicht bestehen, dass sich also die beiden Kriegsformen neutral zueinander verhalten und dass a) die Gründe für einen unglücklichen Angriff  immer in der Fehleinschätzung der Größe der Kräfte liegen oder dass b) die Gründe dafür in Faktoren liegen, die außerhalb von Angriff und Verteidigung selbst zu finden sind.

 

Eine eindeutig beweisbare Antwort wird sich hier nicht finden lassen; ich glaube aber Clausewitz‘ Position deutlich gemacht zu haben und finde seine Argumente, die für eine Überlegenheit des Verteidigungskrieges sprechen, durchaus einleuchtend. Das Entscheidende an dieser Stelle ist jedoch, dass der Angriffskrieg nicht die überlegene Kriegsform darstellt und er daher nicht dem Verteidigungskrieg pauschal vorzuziehen ist, wie es gelegentlich von der sogenannten „Angriffs-Schule“[11] gefordert wird. Clausewitz wehrte sich also gegen diese andere Denkschule, nach welcher die Verteidigung stets aus einer Schwäche heraus geführt und an sich als missliche Lage verstanden wurde. Ganz deutlich wird seine der Angriffs-Schule konträre Position, wenn er schreibt:

 

„Wenn wir uns also die Verteidigung denken, wie sie sein soll, so ist es mit der möglichsten Vorbereitung aller Mittel, mit einem zum Kriege tüchtigen Heere, mit einem Feldherrn, der nicht aus verlegener Ungewißheit in Angst den Feind erwartet, sondern aus Wahl, mit ruhiger Besonnenheit, mit Festungen, die keine Belagerung scheuen, endlich mit einem gesunden Volk, das seinen Gegner nicht mehr fürchtet, als es von ihm gefürchtet wird. Mit solchen Attributen wird die Verteidigung dem Angriff gegenüber wohl keine so schlechte Rolle mehr spielen und dieser nicht mehr so leicht und unfehlbar erscheinen wie in der dunklen Vorstellung derjenigen, die beim Angriff nur an Mut, Willenskraft und Bewegung, bei der Verteidigung an Ohnmacht und Lähmung denken.“[12]

 

Die Verteidigung stellt für Clausewitz also nur insofern eine Schwäche dar, als dass mit ihr kein positiver Zweck verfolgt werden kann, sie also nichts gewinnt, sondern nur erhält. Dies löst er allerdings dadurch, dass er, wie bereits dargestellt wurde, die Verteidigung vielfach mit dem Angriff interagieren lässt, so dass es keinen reinen Verteidiger gibt, sondern der Begriff des Angriffs in der Verteidigung impliziert ist.

 

„Hier bleiben wir dabei stehen, daß dieser Übergang zum Rückstoß als eine Tendenz der Verteidigung, also als ein wesentlicher Bestandteil derselben gedacht werden muß, und daß überall, wo der durch die Verteidigung errungene Sieg nicht auf irgendeine Weise in dem kriegerischen Haushalt verbraucht wird, wo er gewissermaßen ungenutzt dahinwelkt, ein großer Fehler gemacht wird.“[13]

 

Die Verteidigung und der Erhalt selbst sind also nicht Endzweck, sondern sie verfolgen in der Regel den Zweck, die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen, um zu einem späteren Zeitpunkt eine positive Absicht mit höherer Wahrscheinlichkeit verfolgen zu können.

 

In diesem Zusammenhang muss im Übrigen einem gelegentlich auftauchenden Argument gegen den Clausewitz’schen Ansatz widersprochen werden. Wenn der Angriffskrieg mit einem Krieg auf fremden Boden und der Verteidigungskrieg mit einem Krieg auf eigenem Boden gleichgesetzt wird, so scheint dies durchaus in einem kausalen Zusammenhang zueinander zu stehen und insofern wenigstens empirisch signifikant zutreffend zu sein. Da nun insbesondere durch die modernen Kriegswaffen die umkämpften Kriegsschauplätze in erhebliche Mitleidenschaft gezogen werden, wird oftmals argumentiert, dass der Angriffskrieg doch wo immer möglich dem Verteidigungskrieg vorgezogen werden sollte, um die umfangreichen Schäden die der Letztgenannte im Land nach sich zieht, von diesem fern zu halten. Dieses Argument ist einleuchtend und ihm kann nicht ohne weiteres widersprochen werden. Dies ist allerdings kein Widerspruch zum Clausewitz’schen Theorem, denn es handelt sich hierbei um eine rein politische Argumentation, welche außerhalb der Vor- und Nachteile des Angriffs und der Verteidigung selbst liegen. Dass ein Verteidigungskrieg das eigene Land zerstört ist sicherlich ein immenser Nachteil, aber aus kriegstheoretischer Sicht verändert dies zunächst nicht die Wahrscheinlichkeit des Sieges in Bezug auf das Verhältnis zwischen Angriff und Verteidigung. D.h. es kann freilich politisch sinnvoll sein, einen Angriffskrieg aufgrund der vorgenannten Argumentation dem Verteidigungskrieg vorzuziehen. Davon unbenommen ist jedoch, dass hierdurch die Wahrscheinlichkeit des Sieges vermindert wird.[14]

 

Dies führt unmittelbar zu zwei Phänomenen, die sich zu widersprechen scheinen und dennoch sehr oft vorgekommen sind: Der Präventivkrieg und der herbeigeführte Verteidigungskrieg.

 

Der herbeigeführte Verteidigungskrieg ist die eigentlich logische Folgerung aus der bisher festgestellten Überlegenheit der Verteidigung. Wir verstehen darunter, dass ein politisches Gemeinwesen mit einer positiven Absicht sich zunächst angreifen lässt, um in der Folge ein besseres Kräfteverhältnis für die eigenen positiven Absichten zu gewinnen:

 

„Da man nun, indem man unter ihrem Beistand [dem Beistand der Verteidigung] Sieger wird, ein günstigeres Verhältnis der Kräfte herbeiführt, so ist auch der natürliche Gang im Kriege, mit der Verteidigung anzufangen und mit der Offensive zu enden.“[15]

 

Dies ist gleichwohl unnatürlich, denn ein Akteur kann sich schwerlich aktiv und bewusst angreifen lassen, sondern dies setzt ein Wollen des Anderen voraus. Der Gegner wird jedoch nur angreifen wollen, wenn er selbst zum einen über ein positives politisches Motiv verfügt und er zum anderen sein Unternehmen auch für erfolgsversprechend hält. Dies zeigt schon, dass der herbeigeführte Verteidigungskrieg auf einer der beiden Seiten Unvernunft oder fehlende Einsicht zwingend voraussetzt.

 

Ein politisches Gemeinwesen hat verschiedene Möglichkeiten, den potentiellen Gegner zum Angriff zu verleiten. Zum einen kann es für den Gegner positive Motive schaffen oder die vorhandenen vergrößern, indem es Dinge veranlasst, die einerseits innerhalb seines gegenwärtig bestehenden Machtbereichs liegen, andererseits aber den Interessen des anderen Akteurs eklatant entgegenlaufen. Beispiele hierzu können Provokationen dienen, wie z.B. Wirtschafts- und Handelsboykotte, die systematische Benachteiligung oder gar Misshandlung von Minderheiten, denen sich der Gegner verbunden fühlt oder auch banale Beleidigungen. Ferner kann der den gegnerischen Angriff herbeiführen wollende Akteur dem Gegner andererseits eine gewisse Schwäche vortäuschen, um diesen in seinen sowieso vorhandenen positiven Absichten zu bestärken.

 

Es ist somit leicht ersichtlich, dass ein politisches Gemeinwesen einen Verteidigungskrieg herbeiführen kann, dass es also – obwohl eigentlich mit positiven Absichten ausgestattet – den Krieg im Sinne eines Verteidigungskrieges auslösen und in diesem Rahmen die Vorteile der Verteidigung gebrauchen kann. Allein, es kann die positiven Absichten nicht sofort verfolgen, sondern muss zunächst die selbst geförderten positiven Absichten des Gegners verhindern, um erst im Anschluss die eigenen positiven Absichten gegen den nun geschwächten Gegner verfolgen zu können. Dies birgt freilich die besondere Gefahr in sich, dass der Gegner viel stärker ist oder gar durch die vorangegangene Provokation viel stärker geworden ist als ursprünglich vermutet.

 

Das scheinbar widersprüchliche Gegenstück dazu ist der so genannte Präventivkrieg, bei welchem ein Akteur den anderen angreift, um diesem zuvorzukommen und nicht selbst angegriffen zu werden. Allein aufgrund des offensichtlich empirischen Vorhandenseins dieser politischen Strategie haben einige Autoren einen Gegenbeweis dafür gesehen, dass der Angriff eben doch nicht die schwächere Form sei.[16] So ist es jedoch nicht, denn die Zweckmäßigkeit eines Präventivkrieges kann vom theoretischen Standpunkt ohne inneren Bruch zur Clausewitz’schen Kriegstheorie mit zwei Argumenten erklärt werden:

 

Zum einen wurde oben bereits gesagt, dass ein Verteidigungskrieg den größeren Schaden auf eigenem Territorium nach sich ziehen kann und die Kriegsfolgen langfristig schwerer für den Verteidiger wiegen können als dies für den Angreifer der Fall ist. Dies ist jedoch kein Widerspruch zur Theorie, da sich diese  auf die Wahrscheinlichkeit des Sieges und nicht auf die Höhe der dazu notwendigen Anstrengungen bezieht.[17] Es gibt also gute politische Gründe, den Angriff der Verteidigung vorzuziehen, jedoch schmälert dies – so die Theorie – zumindest tendenziell die Wahrscheinlichkeit des Sieges.

 

Zum anderen wird der Präventivkrieg oftmals nicht aus diesen Motiven heraus gewählt, sondern weil er die angeblichen Vorteile des Angriffs sucht. Darunter wird dann intuitiv der Vorteil der Initiative und der Überraschung vermutet. Auch Clausewitz kannte diese Argumente der Angriffs-Schule und schrieb dazu ernüchternd:

 

“Alle Vorteile, welche der Verteidiger in der Natur seiner Lage findet, kann der Angreifende nur durch Überlegenheit gutmachen und allenfalls durch den mäßigen Vorzug, welchen das Gefühl, der Angreifende und Vorschreitende zu sein, dem Heere gibt. Meistens wird dies letztere sehr überschätzt, denn es dauert nicht lange und hält gegen reellere Schwierigkeiten nicht Stich. Es versteht sich, daß wir hierbei voraussetzen, daß der Verteidiger ebenso fehlerfrei und angemessen verfahre wie der Angreifende. Wir wollen mit dieser Bemerkung die dunklen Ideen von Überfall und Überraschung entfernen, welche man sich beim Angriff gewöhnlich als reichliche Siegesquellen denkt, und die doch ohne besondere individuelle Umstände nicht eintreten.“[18]

 

Mit diesem Zitat stellt Clausewitz sehr deutlich dar, unter welchen Bedingungen ein Präventivkrieg auch von dem Standpunkt der Kriegstheorie aus sinnvoll sein kann. Dies kann nämlich nur dann der Fall sein, wenn der Gegner in seiner gegenwärtigen Aufstellung zu einer strukturierten und vorbereiteten Verteidigung nicht fähig ist, z.B. weil er selbst zum Angriff eingerichtet ist. Es ist also die vollkommene Überraschung des Gegner die vorausgesetzt werden muss, damit ein Präventivkrieg sinnvoller ist und auch die Wahrscheinlichkeiten des Sieges im Gegensatz zum Verteidigungskrieg vergrößert wird.

 

Am Beispiel des Präventivkriegs wird jedoch deutlich, dass die Clausewitz’sche Unterscheidung zwischen der politischen und strategischen Ebene von fundamentaler Bedeutung ist. Tatsächlich werden in der politischen Gegenwartsdiskussion unter dem Begriff Präventivkrieg nämlich zwei unterschiedliche Sachverhalte vermengt.[19]

 

Zum einen kann es sich um einen Verteidigungskrieg handeln, welcher mit einem offensiven Feldzug begonnen wird. Hierfür ist also eine Situation notwendig, bei welcher ein politisches Gemeinwesen ein anderes eigentlich unmittelbar überfallen will, um eine positive Absicht zu verwirklichen und dazu die notwenigen strategischen Vorbereitung bereits getroffen hat. Der strategische Angriff steht also unmittelbar bevor und diese Situation kann nunmehr vom Verteidiger für einen präventiven strategischen Schlag ausgenutzt werden. Der strategisch Handelnde verfolgt hier also einen rein negativen Zweck und wird den Gewaltakt im Sinne des Präventivkriegs auch nur solange fortsetzen, bis der andere seine positive Absicht aufgegeben hat. Dass der präventiv Handelnde danach weit darüber hinausgehende Zwecke und Absichten verfolgen kann, ist freilich davon unberührt. Hierbei handelt es sich jedoch um einen Präventivkrieg auf strategischer Ebene.

 

Wird der Präventivkrieg jedoch auf politischer Ebene gedacht, so steht er in einem ganz anderen Licht, denn hier will der präventiv Handelnde zwar eine gegenwärtige Lage erhalten, diese ist jedoch durch Situationen und Entwicklungen gefährdet, die außerhalb des Krieges liegen, wie z.B. durch Machtverschiebungen, ungleichen Wachstum und unterschiedliche Rüstungspotentiale. Erkennt das politische Gemeinwesen A also z.B., dass B wesentlich schneller aufrüstet und erwartet es ferner, dass B, sobald es stark genug dazu ist, einen Krieg gegen A beginnen wird, um diesem ein langjähriges Streitobjekt  abzufordern, so ist es naheliegend, dass A jetzt Krieg führen will, solange es noch stark genug dazu ist, eben um sich nicht in einigen Jahren in einer viel schlechteren Situation vorzufinden. Aus Sicht des A handelt es sich also um einen Präventivkrieg, da es eigentlich nichts anderes will, als die gegenwärtige Situation zu erhalten – allein, dies ist objektiv nicht wahr, denn es will das gegenwärtigen Machtgefüge bzw. dessen dynamische Entwicklung durch den Krieg sehr wohl verändern. Es handelt sich hierbei also um einen reinen Angriffskrieg der auch nicht zwingend das Moment der Überraschung benötigt, weil der Gegner derzeit noch in der schwächeren Position ist.

 

Hier sehen wir in aller Deutlichkeit, wie die scharfe analytische Trennung der unterschiedlichen Ebenen einen hohen Erkenntniswert hat und scheinbar komplexe Unterscheidungen plötzlich simpel, weniger willkürlich und vollkommen in der Natur der Sache liegen. Der strategische Präventivschlag geschieht schließlich im Rahmen eines Verteidigungskrieges und steht daher auch zumindest zunächst unter unterschiedlichen Vorzeichen. Der politische Präventivkrieg ist hingegen vom eigentlichen Angriffskrieg nur ethich-normativ zu unterscheiden – vor allem wird bei näherer Betrachtung deutlich, dass der politische Präventivschlag erhebliche Auswirkungen auf die möglichen Bündnispartner haben kann, da sich dieser in der Regel gegen solche politischen Gemeinwesen auswirkt, die tendenziell das vorherrschende internationale Gleichgewicht stören oder von denen zumindest eine solche Störung zu erwarten ist. Es finden sich also, da der positive Zweck des Kriege ein erhaltender ist, leichter Bündnispartner für den Angriff als bei anderen Kriegsmotiven.[20]

 weiter zu IV.6.5 Die Bedeutung von Leidenschaft und freier Seelentätigkeit

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Kapitel IV.6 - Übersicht

  • IV.6.1 Positive und negative Zwecke, Zweckasymmetrie

       Kommen wir aber zunächst auf die positiven und negativen politischen Zwecke von Kriegen zu sprechen. Es wurde bereits gesagt, dass diese Zwecke so vielfältig sein können, dass deren Auflistung und Kategorisierung ganz und gar unmöglich ist. Prinzipiell ist jedes denkbare Interesse eines politischen Gemeinwesens als Anlass zu einem Krieg geeignet.[1] Allein, es muss zu diesem Interesse eine von einem anderen politischen Gemeinwesen ausgehende, negative Absicht bestehen, welche der Realisierung dieses Interesses auch mittels Krieg entgegentritt. Einfach ausgedrückt heißt dies: A will X. V will, dass A X nicht bekommt. Um aber das Verständnis für die Verschiedenartigkeit der Zwecke sowie für die Problematik der Unterscheidung zwischen positiver und negativer Absicht zu schärfen, möchte ich einige theoretische Beispiele anfügen.   Ein Read More
  • IV.6.2 Wendepunkt zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg

       Im Kapitel III.5 wurde festgestellt, dass der Totalbegriff von Angriff und Verteidigung nicht als absoluter, den ganzen Krieg überdauernder Begriff zu verstehen ist, sondern dass dieser nur dahingehend interpretiert werden kann, dass der Totalbegriff des Angriffs untergeordnete Verteidigungshandlungen und -bestrebungen in sich einschließt und vice versa. In diesem Zusammenhang ist ebenso davon auszugehen, dass ein Angriffskrieg nicht bis zum Friedensschluss ein solcher bleiben muss, sondern dass es einen Wendepunkt darin geben kann, in welchem der Angriffskrieg zu einem Verteidigungskrieg umschlägt. Nun bleibt allerdings die Frage, wo genau dieser Wendepunkt zu verorten ist.   Ein unmittelbarer Rückschluss auf die Clausewitz’sche Aussage, dass der Verteidigungskrieg dadurch definiert sei, dass er den Angriff des Landes abwartet,[1] führt zu der Annahme, dass der Read More
  • IV.6.3 Verteidigung oder Angriff als der Ausgangspunkt des Krieges?

       Clausewitz wird oftmals unterstellt, er würde den Standpunkt vertreten, dass der Krieg vom Verteidiger ausgehe.[1] Diese Ansicht basiert im Schwerpunkt auf zwei oft zitierten Passagen, ebenfalls aus dem sechsten Buch des Werkes. Beiden Zitaten wird in der Sekundärliteratur derselbe Aussagewert beigemessen, nämlich einerseits von Schössler, dass „der Krieg mehr für den Verteidiger ist“[2] bzw. andererseits von Aron, „daß man die Verteidigung, nicht den Angriff, als Ausgangspunkt des Krieges betrachten muß“[3]. Beide Interpretationen sind fraglich. Zum einen vermitteln die zwei Clausewitz’schen Zitate ganz unterschiedliche Aussagen, die lediglich eine entfernte Verwandtschaft zueinander aufweisen. Zum anderen entsteht durch die Vermischung der beiden Zitate eine gewisse Sinnverzerrung und zum dritten stellen die beiden von Aron und Schössler herausgegriffenen Exegesen Vereinfachungen dar, die so Read More
  • IV.6.4 Stärken und Schwächen der beiden Kriegsformen

       Mit den bisherigen Ausführungen wurde der Angriffs- und Verteidigungskomplex schon sehr ausführlich von verschiedenen Seiten betrachtet. Es gilt nun, die Aussage „die Verteidigung [sei] die stärkere Form mit dem negativen Zweck, der Angriff die schwächere mit dem positiven Zweck“[1] auf politischer Ebene kritisch prüfen. Aus dem bisher Gesagten ergeben sich schon einige Vor- und Nachteile zwischen Angriff und Verteidigung. Die Vorteile des Verteidigungskrieges sind demnach, dass   der Verteidiger, da er in seiner Souveränität verletzt wird und zudem der Verlust des Bekannten schmerzlicher ist als der Verzicht auf Neues, tendenziell das größere politische Motiv hat als der Angreifer, er also relativ zum absoluten Kräfteverhältnis mehr Anstrengungen zum Zwecke des Krieges unternehmen kann, sofern sonst alle Umstände gleich sind.[2] der Read More
  • IV.6.5 Die Bedeutung von Leidenschaft und freier Seelentätigkeit

       Angriff und Verteidigung wurden bisher allein nach dem Kriterium des positiven bzw. negativen Zwecks, der das Handeln im Krieg motiviert, bestimmt. Im Kapitel IV.4 habe ich allerdings festgestellt, dass der politische Zweck nicht der alleinige Antrieb ist, der die Anstrengungen im Krieg rechtfertigt bzw. ermöglicht. Es sind vielmehr auch der kollektive Hass auf die gegnerische Gemeinschaft und der unbedingte Wille zum Sieg, welche an die Seite des politischen Zwecks treten und jeder für sich zusätzliche Kräfte generiert, die dem politischen Gemeinwesen zum Zwecke des Krieges zur Verfügung stehen.[1] Nun ist allgemein bekannt, dass der Gedanke der wunderlichen Dreifaltigkeit erst sehr spät in das Werk eingefügt wurde, während die beiden den Angriff und die Verteidigung abhandelnden Bücher eines vergleichsweise frühen Read More
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