Bisher wurde festgestellt, dass Clausewitz das politische Gemeinwesen als einheitlichen, souveränen Akteur betrachtet, welcher mittels politischem Verkehr, sei es Diplomatie (Schrift und Sprache) oder Krieg (Gewalt), seine Interessen gegenüber anderen politischen Gemeinwesen vertritt. Dieser politische Wille ist dabei im Allgemeinen unbestimmt, d.h. er ist im konkreten Fall individuell und kann sich prinzipiell auf alle materiellen und immateriellen Gegenstände beziehen. Es beginnt beim Willen zur eigenen Freiheit und Existenz und reicht bis zum Willen zur Unterwerfung oder Vernichtung anderer Völker. Ob sich der Wille auf die internationale Durchsetzung von allgemeinen Menschenrechten, einer Ideologie oder einer Religion bezieht, ob er wirtschaftlichen, philosophischen oder juristischen Interessen entspringt, ist für die Clausewitz’sche Theorie zunächst vollkommen gleichgültig. Voraussetzung für den Krieg oder überhaupt für politisches Handeln im Clausewitz’schen Sinne ist jedoch, dass dem politischen Wille des einen ein politischer Wille eines anderen politischen Gemeinwesens entgegensteht. Erst dann liegt ein Interessenkonflikt im eigentlichen Sinne vor, welcher politisches Handeln, d.h. grundsätzlich Interaktion mit anderen politischen Akteuren, erforderlich macht.

 

Dabei geht es dem General in keiner Weise um die Legitimation von Kriegen, denn der politische Wille unterliegt in letzter Konsequenz dem normativen Urteil des politischen Gemeinwesens und ist daher zumindest für das betroffene Gemeinwesen grundsätzlich legitimiert. Hier liegt auch der wesentliche Unterschied zwischen der Theorie des gerechten Krieges und der Theorie des Kriegführens, mit welcher Clausewitz sich auseinandersetzte.

 

Der Ausgangspunkt aller Überlegungen ist also das politische Motiv des Krieges, d.h. sein Gegenstand ist die Lösung eines Interessenkonfliktes auf dem Wege physischer Gewalt als Zwangsmittel. Die Größe dieses Motives wird jedoch nicht durch das politische Motiv an sich, sondern durch dessen subjektiv erwarteten Nutzen für das politische Gemeinwesen bestimmt. Gleichwohl ist das politische Motiv nicht das alleinige Motiv zum Krieg sondern Hass und Feindschaft sowie der unbedingte Wille zum Sieg um seiner selbst willen sind Motive, die sich mit dem politischen Motiv paaren und gemeinsam die Willenskraft eines politischen Akteurs zum Krieg bestimmen. Unter entsprechenden Umständen reicht also selbst ein subjektiv empfunden kleines, unbedeutendes politisches Motiv aus, um einen großen, umfangreichen und intensiven Krieg auszulösen, je nachdem wie groß die Feindschaft und der Hass oder der Wille zum Sieg um seiner selbst willen sind. Die unterschiedlichen Motive zum Krieg stehen somit in keinem allgemeingültig feststellbaren Verhältnis zueinander und können jedes für sich einen Kriegsakteur dazu führen, das Äußerste seiner Kräfte aufzuwenden, je nachdem, wie stark das jeweilige Motiv ist.

 

Das heißt auch, dass ein politisches Gemeinwesen bzw. dessen politische Führung die Anstrengungen, die sie zum Kriege aufzuwenden bereit ist, nicht nach logischen Grundsätzen und Überzeugungen selbst bestimmen kann, sondern dass jede Anstrengung einen Ausgleich in ihren Motiven finden muss, ohne dass die leitende Intelligenz, d.i. die politische Führung, frei darüber gebieten könnte. So kann ein mächtiger Monarch in der Praxis sicherlich mittels seines persönlichen Willens die durch das politische Gemeinwesen aufzubringenden Anstrengungen erheblich beeinflussen, er wird sie allerdings niemals frei bestimmen können, da sein Wille immer nur als einer von vielen Faktoren in Betrachtung kommt. In diesem Sinne sind das Zustandekommen und die Gewichtung der Motive zum Krieg in jedem Einzelfall individuell unterschiedlich und können von der Kriegstheorie daher nicht allgemeingültig erfasst werden. Die Kriegstheorie kann allein darauf hinweisen, dass es diese drei unterschiedlichen Motivationsquellen gibt und dass ihr Produkt eine für die Kriegstheorie vorgegebene Größe darstellt.

 

Nun muss in der Konsequenz demjenigen politischen Gemeinwesen, welches die größere Willenskraft zum Krieg aufbringt, aus zwei Gründen ein Vorteil im Krieg zugesprochen werden. Zum einen erhöhen sich durch die größere Willenskraft die zur Verfügung stehenden Mittel im Krieg, dass heißt das politische Gemeinwesen erhöht seine Wirksamkeit gegen dem feindlichen Willen. Zum zweiten wird durch die höhere Willenskraft zwangsläufig der Punkt in weitere Ferne gesteckt, an welchem der eigene Wille als überwunden betrachtet werden muss und somit die Niederlage eingetreten ist. Allein hieraus könnte sich die Ansicht ableiten lassen, dass die Bevölkerung und die Armee stets in eine Richtung erzogen werden sollte, welche die Feindschaft und den Willen zum Sieg vergrößert, so dass dem politischen Gemeinwesen schließlich im Krieg mehr Mittel zur Verfügung stehen und die Wahrscheinlichkeit eines Sieges vergrößert wird. Damit würde implizit wieder die Frage aufgeworfen, ob Clausewitz ein geistiger Wegbereiter der Idee des totalen Krieges ist. Diese frage lässt sich trefflich sowohl mit ja als auch mit nein beantworten.

 

Zum einen ja, weil der oben genannte Schluss zulässig ist, d.h. ein politisches Gemeinwesen, welches den Gegner hasst und einen sehr starken Willen zum Sieg aufbringt, ist im Krieg generell im Vorteil und auf diese Größen kann im Rahmen der Erziehung usw. Einfluss genommen werden. Will ein politisches Gemeinwesen für zukünftige Kriege also möglichst gut gerüstet sein, so müssten langfristig Hass und unbedingter Wille zum kriegerischen Sieg geschürt werden.

 

Zum anderen jedoch nein, weil die Kriegstheorie hier für Aussagen zu Rate gezogen wird, für welche sie nicht zuständig sein kann. Schließlich kann die langfristige Entwicklung eines politischen Gemeinwesens oder die Erziehung der entsprechenden Bevölkerung nicht allein nach Grundsätzen ausgerichtet werden, die sich aus der Kriegstheorie ergeben, sondern hier sind auch ganz andere Faktoren zu berücksichtigen. Zudem muss der Wille des politischen Gemeinwesens zu dieser Veränderung selbst einem konkreten Motiv entspringen. Es ist schließlich der unbedingte Wille zum Sieg oder der Hass auf einen Gegner oder aber ein besonders großes politisches Motiv vonnöten, damit der Gedanke einer langfristigen Veränderung zum Zwecke einer größeren Siegeswahrscheinlichkeit überhaupt in einen sinnhaften Kontext gestellt werden kann. Darüber hinaus ist die gegenteilige Positionierung ebenso sinnhaft mit den hier dargelegten Zusammenhängen begründbar: Einen Krieg mit mehr Anstrengungen zu unternehmen, als er letztlich Nutzen für das politische Gemeinwesen bringen kann, ist vom rationalen Standpunkt aus unsinnig und daher könnte die Folgerung aus dem bisher dargelegten ebenso gut sein, dass die Motive Hass und Feindschaft sowie unbedingter Wille zum Sieg für das politische Gemeinwesen im Ergebnis nachteilig sind und die langfristige Entwicklung eher davon Abstand nehmen sollte, als dies zu fördern.

 

Wenn nun ferner bedacht wird, dass solche politischen Gemeinwesen, welche sich langfristig in einer vom Krieg beherrschten und bedrohten Situation befinden, z.B. weil sie dauerhaft von Nachbarn bedroht werden oder sich durch offensive Kriege ihren Lebensunterhalt erwirtschaften, durchaus diese Veränderungen durchlaufen und einen gewissen Fremdenhass/Nationalismus, vor allem aber den unbedingten Willen zum Sieg entwickeln, sich in diesem Sinne also selbst militarisieren, so wird ersichtlich, dass diese Zusammenhänge durchaus greifen. Allerdings findet dies in einer derart langfristigen Entwicklung statt, dass es für die Theorie des Kriegführens selbst, welche unter den gegebenen Umständen handlungsfähig machen soll, keine Bedeutung hat.

 

Also nochmal: Die Größe der Willenskraft ist für die Theorie des Kriegführens eine vorgegebene Größe, welche sich durch die Größen der drei Faktoren ‚politisches Motiv‘, ‚Feindschaft und Hass‘ sowie ‚Wille zum Sieg um seiner selbst willen‘ ergibt. Davon unberührt ist jedoch, dass für die Clausewitz’sche Kriegstheorie der Zweck des Krieges stets die Erfüllung des politischen Motivs ist. Dies bildet gleichsam den normativen Anspruch, welcher von Clausewitz in Hinblick auf die Führung des Krieges erhoben wird.

 

Der sich aus den drei oben genannten Motiven zum Krieg ergebende Wille zur Führung des Krieges kann in der Praxis für die Aufstellung der eigenen Kräfte eigentlich kaum eine Rolle spielen. Zum einen bildet die Willensstärke nur eine rein theoretische Größe, für die es in der Praxis kein Zahlenäquivalent geben kann. Zum zweiten könnte diese Willenskraft, selbst wenn sie ein qualifizierbares Äquivalent in der Praxis bieten würde, nicht für die Bereitstellung der Kräfte zu Beginn des Krieges herangezogen werden. Hintergrund ist, dass die politische Führung nur den Umfang der Kräfte bestimmen kann, nicht aber die Dauer, für welche die Kräfte zum Zwecke des Krieges verwendet werden müssen. Die Bereitstellung der Kräfte muss also auch immer mit einem Kalkül über den Verlauf des Krieges einhergehen. Der Umfang der für den Krieg bereit gestellten Kräfte muss daher in einem individuellen politischen Entscheidungsprozess bestimmt werden. Indem die Politik die Kräfte vergrößert, verkleinert sie entsprechend die Dauer, für welche diese Kräfte aufgebracht werden können und vice versa.

 

Die verschiedenen Motive zum Krieg sind für die Kriegsführung allerdings insofern von erheblicher Relevanz, als dass sie auch die Willenskraft des Gegners beschreiben. Wenn das Ziel des Krieges letztlich das Brechen des gegnerischen Widerstandes ist, damit in der Folge das politische Motiv realisiert werden kann, dann muss die Kriegführung sich zweckmäßigerweise an den gegnerischen Motiven zur Fortsetzung des Krieges orientieren. Es ist dabei offensichtlich etwas anderes, ob der Gegner vornehmlich durch sein politisches Motiv, durch seinen Willen zum Sieg oder durch die Feindschaft motiviert ist. In diesem Rahmen können also verschiedene Strategien im Krieg mehr oder weniger zum Ziel führen. Dass natürlich auch die Motivation des Gegners eine Mischform darstellt und dass diese sowohl von ihrer Art als auch von ihrem Umfang her nur schwer einschätzbar ist, ergibt sich von selbst und unterstreicht einmal mehr, dass alles Handeln im Krieg auf Ungewissheiten gestützt ist. Die Sinnhaftigkeit der Darstellung des inneren Zusammenhangs zwischen Motivation des Gegners und zweckmäßiger eigener Strategie im Krieg ist hiervon gleichwohl unbenommen.

 weiter zu V. Strategische Dimension: Effizienz der Kräfte

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