Das Gefecht ist der Kampf zwischen zwei Streitkräften, d.h. „bewaffnete Menschen[1] befinden sich im unmittelbaren, kollektiven Zweikampf gegeneinander. Aus dieser Duellsituation ergibt sich zwangsweise die Notwenigkeit, den Gegner zu vernichten, allein schon, um nicht selbst vernichtet zu werden.[2] Dass dem Kampf ausgewichen werden kann, dass er gemieden werden kann und dass damit ganz andere Zwecke verfolgt werden können als die Vernichtung des Gegners sei hiervon vollkommen unbenommen. Zunächst ist die Vernichtung des Gegners das einzige und nächste, was bewaffnete Menschen im Kampf tun können und müssen.[3] Diese Wechselwirkung des Kampfes muss logisch betrachtet solange fortgesetzt werden, bis eine der beiden Parteien a) vollständig vernichtet ist, b) sich ergibt, d.h. die Waffen niederlegt und ergo wehrlos ist oder c) die Flucht ergreift. Allein, wir haben hier nur den Kampf betrachtet, nicht aber den Begriff des Gefechts. Das Gefecht ist für Clausewitz nämlich nur vordergründig mit dem Kampf verbunden, das eigentliche Wesen des Gefechts ist durch die Krise definiert. Dazu einige Erläuterungen:

 

Die gegenseitige Gewalt im Gefecht richtet sich nicht nur unmittelbar gegen die physischen Kräfte, sondern auch mittelbar gegen die moralischen. Eine Streitkraft hat in ihrem üblichen Zustand, d.h. außerhalb des Gefechts, eine mehr oder weniger gewohnte Ordnung. Diese mehr oder weniger durchdachte und planvolle Aufstellung[4] gibt ihr ein gewisses Maß an Sicherheit und Überschaubarkeit. In dieser Ordnung „reiht sich die Zahl der Kämpfer zu immer neuen Einheiten zusammen, die Glieder einer höheren Ordnung bilden.“[5] Eine Streitkraft wird hierdurch zu einem organischen Ganzen und in diesem Sinne überhaupt erst führbar. Die Ordnung und der Zusammenhang einer Streitkräfte und die übrigen moralischen Größen stehen in einem engen Wechselverhältnis zueinander. So sind es moralische Größen wie Mut und Vertrauen[6], vor allem aber die kriegerische Tugend des Heeres[7], welche die Ordnung auch im Angesicht der Gefahr im Gefecht zusammenhalten. Gleichwohl ist es aber dieser Zusammenhalt, welcher die moralischen Größen trägt, d.h. geht er verloren, wird auch der Mut und die Zuversicht auf eine harte Probe gestellt und schwindet, je mehr die Ordnung gestört ist. Die Ordnung des Heeres ist also sowohl Indikator, als auch Impulsgeber für die übrigen moralischen Größen der Streitkräfte.

 

Tritt nun das Gefecht ein, d.h. der Stoß zweier Streitkräfte aufeinander, so geht damit notwendigerweise einher, dass auch zumindest vorübergehend die Ordnung und der Zusammenhang der Kräfte gestört wird, sei es aufgrund physischer Einwirkungen, wie z.B. Tod, Verwundung, Gefangennahme und Flucht oder sei es aufgrund moralischer Einwirkungen wie z.B. Chaos, Unübersichtlichkeit, Unwissenheit und Unsicherheit. Diese vorübergehende moralische Zerstörung, „die Unordnung, der Zustand der Auflösung und Schwächung[8], nennt Clausewitz Krise. Sie tritt notwendigerweise auf beiden Seiten in einem mehr oder weniger gravierenden Umfang ein. Die Krise stellt also einen allgemeinen Zustand der moralischen Schwäche dar, welcher sich durch die situationsbedingte Erschöpfung der Kräfte, den Verbrauch und Verschleiß an Waffen, Munition und Ausrüstung, das Durcheinandergeraten der gewohnten Ordnung und die sich aus alledem ergebende Unübersichtlichkeit ergibt.[9]

 

Hieraus folgt, dass diejenigen Teile der Streitkraft, welche sich im eigentlichen Kampf befinden, für den Befehlshaber des Gefechts nur noch eingeschränkt führbar sind und „sich selbst überlassen bleiben“[10] müssen. Seine Möglichkeiten zum Eingreifen beschränken sich in der Phase der Krise im Wesentlichen auf das Einbringen seiner Reserven, d.h. derjenigen Streitkräfte die sich noch nicht in der Krise befinden. Die Reserven können dann (unter anderem) als „sukzessive“[11] Verstärkung der bereits im Kampf befindlichen Kräfte dienen. Insgesamt ist die Krise somit der Gegensatz zur gewohnten Ordnung und ein Zeitpunkt der subjektiv empfunden höchsten Gefahr. Beide Seiten wissen in dieser Phase eigentlich nicht recht, ob sie derzeit über- oder unterlegen sind. Sie sind allein ihren augenblicklichen, subjektiven  Eindrücken ausgesetzt. Die Krise muss daher dem Verständnis nach sowohl für die über- als auch für die unterlegene Seite gedacht werden.[12]

 

Der Begriff der Krise ist aus zwei Gründen von zentraler Bedeutung. Zum einen ist es die deutliche Betonung der Unordnung und des im Kampf vorherrschenden Chaos sowie den daraus resultierenden Ungewissheiten, Gefahren und Friktionen, die wir schon bei der Betrachtung der eigentümlichen Natur des Krieges kennengelernt haben. Hier wird also erneut einer Kriegstheorie widersprochen, welche bestrebt ist, sämtliche Unsicherheitsfaktoren zu verbannen und den Kriegsverlauf mit mathematischen Regeln und Formen vorherzubestimmen.[13] Während diese ältere Sichtweise die Krise also als einen Fehler der Kriegskunst betrachtete, hielt Clausewitz (nicht als einziger) dagegen und stellte die Krise als Normalfall, ja sogar als wesentliches Element des Gefechts dar.

 

Die zweite, vielleicht sogar wichtigere Bedeutung der Krise ergibt sich aus der daraus resultierenden Bedeutung für die Entscheidung des Gefechts. Ist das Gefecht auch augenscheinlich ein physischer Kampf, so ist es doch aufgrund der darin vorherrschenden Unordnung vorrangig ein Abmessen moralischer Kräfte. Um dies näher zu erläutern, will ich auf die Bedingungen einer Entscheidung im Gefecht näher eingehen. Ich werde später noch zeigen, dass es Unterschiede zwischen der Entscheidung des Gefechts und dem erfolgreichen Gefecht gibt. Hier sei so viel gesagt, dass ein Gefecht erfolgreich war, wenn es seinen von der Strategie vorgegebenen Zweck erfüllt hat, dass aber insofern der Erfolg eines Gefechts etwas subjektives ist, da die Strategie auch unzweckmäßig sein kann und insofern auch beide Parteien im Anschluss an ein Gefecht ihren Zweck als erfüllt ansehen können. Die Entscheidung eines Gefechts soll hingegen ein objektiv messbares Kriterium sein, welches einen in jeder Hinsicht unbestreitbaren Sieg darstellt.

 

Der Frage, wann ein Gefecht als entschieden, d.h. als unzweifelhaft gewonnen betrachtet werden kann, ist die Überlegung voranzustellen, was in einem Gefecht überhaupt unmittelbar erwirkt werden kann. Clausewitz nennt hierzu drei unterschiedliche Zwecke, die innerhalb eines Gefechtes verfolgt werden können:

 

  1. Die Vernichtung feindlicher Streitkräfte.

  2. Die Behauptung oder Eroberung eines Geländeabschnittes.

  3. Die Behauptung oder Eroberung eines beweglichen Gegenstandes.[14]

 

Diese drei Punkte stellen offensichtlich sehr gedrungen die eigentliche Wirksamkeit von Gefechten im Krieg dar. Ich komme später darauf zurück, versuchen wir aber zunächst, daraus allgemeine Siegbedingungen für ein Gefecht abzuleiten:

 

  1. Die vollständige Vernichtung der feindlichen Streitkräfte, sei es die physische, d.h. die praktische Tötung, Gefangennahme oder Verwundung aller Kräfte, oder sei es die moralische, d.h. die vollumfassende Auflösung des Zusammenhalts und der Ordnung, könnte als allgemeingültige Siegbedingung für ein Gefecht gelten.[15] Dieser Fall ist jedoch recht unwahrscheinlich, da er nur gedacht werden kann, wenn der unterlegene Teil den Willen zur Fortsetzung des Gefechts bis zum Schluss nicht aufgibt oder ihm die Möglichkeit zum Abbruch fehlt, er also umschlossen ist. In den anderen Fällen, in denen also eine Partei den Kampf frühzeitiger abbricht, könnte gesagt werden, dass derjenige, der im Verhältnisse zu seinen Gesamtkräften weniger Verluste hat als der andere, der Sieger des Gefechts ist. Eine solche Siegbedingung wäre jedoch denkbar unpräzise. Zum einen, weil die physischen Verluste des Gegners in der Regel verschleiert werden und daher nicht präzise bestimmbar sein können, zum anderen weil die damit einhergehenden moralischen Verluste ihrer Natur nach nicht quantifizierbar sind.[16] Doch selbst wenn die jeweiligen Verluste berechnet werden könnten, so würde sich daraus im Gefecht – durchaus anders als im Begriff des Wortes Kampf – eine solche Siegbedingung nicht aufrechterhalten lassen. So schreibt Clausewitz: „Nun ist es eine bekannte Erfahrung, daß die Verluste an physischen Streitkräften im Laufe des Gefechts selten eine große Verschiedenheit zwischen Sieger und Besiegten geben, oft gar keine, zuweilen wohl auch eine sich verkehrt verhaltende [...]“[17] Ein Mehr an gegnerischen Kräften vernichtet zu haben ist somit keineswegs eine allgemeingültige Siegbedingung für das Gefecht, es kann – so sagt er – gar derjenige als Sieger hervorgehen, welcher die höheren Verluste im Verhältnis zum Gegner hat. Denn da wir oben gesagt haben, dass die einzelnen Akteure aktuell nicht wissen können, wer über- und unterlegen ist, so kann derjenigen mit den niedrigeren Verlusten sich als unterlegen betrachten und sich aus der Schlacht zurückziehen. Er hätte damit dem physisch unterlegenen Gegner das Gelände überlassen und auch dies könnte als Siegbedingung interpretiert werden.

    Wir sagen also, dass die Vernichtung feindlicher Streitkräfte nur dann als Entscheidung gelten kann, wenn sie in ganz erheblichem Maße außerhalb des Verhältnisses zu den eigenen Verlust steht.

  2. Die zweite, damit schon angedeutete Siegbedingung läge im Abrücken des Feindes, welches gleichsam die Eroberung bzw. Behauptung des umkämpften Geländeabschnittes darstellt. Durch das Verlassen des Gefechtsfeldes gibt der Gegner für Jedermann sichtbar kund, dass er von seiner Vernichtungsabsicht ablässt und somit sein Wille zur Fortsetzung des Gefechts gebrochen ist.[18] Dies ist jedoch für eine allgemeine Siegbedingung nicht tragfähig, da die Behauptung oder Eroberung des Geländes für den Ausweichenden unter Umständen gar keine Bedeutung hatte und er das Gefecht nur zu einem späteren, für ihn günstigeren Zeitpunkt oder an einem anderen Ort erneuern will, er vielleicht auch nur den Gegner abnutzen, d.h. ermüden wollte. In diesen Fällen ist das Ausweichen des Gegners für den vermeintlichen Sieger sogar nachteilig, da hier das Prinzip der Polarität[19] gilt und der Vorteil, den der Ausweichende sich durch sein Handeln sucht, ein Nachteil für anderen sein muss, es für den vermeintlichen Sieger also besser sein müsste, das Gefecht jetzt und hier weiter zu führen.

    Die Behauptung oder Eroberung kann also nur dann eine objektive Siegbedingung abgeben, wenn der Ausweichende dies unfreiwillig tut und also zu seinem Verhalten gezwungen wird. Doch selbst in diesem Falle ist das Gefecht nicht zwangsläufig entschieden, da er sich immer noch reorganisieren, verstärken oder ausruhen und erneut angreifen, das Gefecht also unter gleichen oder gar besseren Bedingungen wiederholen kann.

    Wir sagen also, dass die Eroberung von Gelände nur dann als Entscheidung betrachtet werden kann, „wenn diese Gegend von besonderer Stärke ist; [denn] eine leicht zugängliche Gegend, wie wichtig sie auch sei, läßt sich leicht wieder nehmen.“[20] Der Gefechtserfolg kann also nur dort durch den Besitz von Gelände bestimmt werden, wo allein durch den Besitz desselben eine erhebliche Kampfkraftsteigerung für zukünftige Gefechte erreicht wird.

  3. Schließlich kann die Eroberung eines beweglichen Gegenstandes als dritte Siegbedingung, den Gefechtserfolg zwar unmittelbar bestimmen, dies allerdings nur dort, wo es auch dem ursprünglichen, von der Strategie vorgegebenen Zweck des Gefechts entspricht.[21] Ich komme auf diesen durchaus wichtigen Punkt später zurück.

 

Im Ergebnis fällt es also schwer, eine allgemeingültige Siegbedingung aus den drei Wirksamkeiten des Gefechts zu bestimmen. Alle diese drei Punkte führen also zu einer möglichen Entscheidung, aber nur zu einer jeweils sehr spezifischen. Suchen wir aber nach einem allgemeingültigen Kriterium für die Entscheidung, so löst Clausewitz dies durch einen geistreichen Rückgriff auf die Krise: Demnach stets diejenige Partei das Gefecht für sich entschieden, welche als erstes „aufhört, sich in einem Zustand der Auflösung und also in einer gewissen Untüchtigkeit zu befinden“.[22] Es ist folglich diejenige Partei, welche als erstes die Krise überwunden und somit zur ursprünglichen Ordnung und Kampfkraft, vermindert um die in der Schlacht vernichteten physischen Kräfte, zurückgefunden hat.

 

Diese Lösung birgt eine bestechende Logik in sich. Hat nämlich eine der beiden Streitkräfte die Krise überwunden, ist sie somit wieder führbar und hat ihr inneres Gleichgewicht, ihre moralische Kraft bzw. ihre Einsatzbereitschaft wieder hergestellt, so ergibt sich für sie ein Zeitfenster, in welchem sich die andere Streitkraft noch in der Krise befindet. Innerhalb dieses Zeitfensters hat die wiederhergestellte Streitkraft jedoch absolute Handlungsfreiheit, da die feindliche Streitkraft nicht einsatzbereit ist und sich ihr entsprechend nur in einem höchst geschwächten Maße, nämlich nur mit den ihr noch verfügbaren Reserven, entgegenstellen kann. Es ergibt sich also eine Phase, in welcher die Strategie das entschiedene Gefecht, für ihre Zwecke gebrauchen kann, sei es, um sich auf den nächsten Angriff vorzubereiten, um dem Gegner nachzusetzen, um sich vom Gegner abzusetzen, mit einfachen Worten, um die Voraussetzungen für das nächste Gefecht zu verbessern oder sei es, um sonst eine andere Aktion ohne feindlichen Widerstand durchzuführen. Kurz: die Strategie hat ein Zeitfenster der Handlungsfreiheit, welche sonst durch das Handeln der gegnerischen Streitkraft beschränkt wird.

 

Nun ist die Krise kein absoluter Zustand, sondern ein Phänomen, welches mehr oder weniger gravierend ist. Stellen wir uns vor diesem Hintergrund nun ein Gefecht vor, so ist es der Kampf zweier Streitkräfte gegeneinander und vordergründig also ein Abmessen physischer Kräfte. Gleichsam ist es jedoch auch das Abmessen moralischer Kräfte und „diese moralischen Kräfte sind es vorzugsweise, welche hier entscheiden, und sie waren es allein in allen Fällen, wo der Sieger ebensoviel verloren hatte wie der Besiegte.“[23] Gesetzt nun also, dass mit anhaltender Dauer und Intensität des Kampfes die Krise immer größer wird und also die moralischen Kräfte beider Seiten immer weiter sinken, so stellt sich die Frage, wie und wann diese Krise überwunden werden kann. Die erste dafür notwendige Voraussetzung ist offensichtlich, dass der Kampf aufgehört hat oder zumindest in seiner Intensität merklich abgeflacht ist. Nur unter dieser Bedingung ist eine Reorganisieren der Streitkräfte und eine Stabilisierung der moralischen Kräfte vorstellbar.  Die Beendigung oder das Abflachen des Kampfes kann jedoch nur zwei Gründe haben.

 

Zum einen, weil eine der beiden Parteien entweder physisch oder moralisch vernichtet wurde. Vernichtung heißt dabei freilich nicht die Tötung auch des letzten Kämpfers, sondern der vollständige Zusammenbruch des Widerstandes, entweder weil die physischen Kräfte in keinem Verhältnis mehr zum Gegner stehen oder weil die moralischen Kräfte – Mut, Zuversicht, Hoffnung – vernichtet wurden und das Übergewicht von Angst, Furcht und Panik eine Fortsetzung des Kampfes verwehrt. Diese moralische oder physische  Vernichtung ist jedoch nicht der Akt eines einzelnen Moments, sondern die Verlagerung des Übergewichts geschieht Stück für Stück, es ist also „ein stufenweises Niedersinken der Waage.“[24] Je mehr auf diesem Wege also der feindliche Widerstand schwindet, desto weniger intensiv wird das Gefecht für den Überlegenen und er kann also die Krise überwinden. Hier fällt die Entscheidung – gekennzeichnet durch die Überwindung der Krise – also noch während des andauernden Kampfes. Der Überlegene wird sich seines Sieges bewusst, die moralischen Kräfte stabilisieren sich, er überwindet die Krise und wird in seinem Handeln frei.

 

Der zweite Fall ist zwar wesentlich komplexer und doch umso üblicher. Denn es wird wohl in den wenigsten Fällen solange gekämpft, bis die Vernichtung einer Partei gegeben ist, die Entscheidung also während des unmittelbaren Kampfes eintritt. Der Regelfall scheint es eher zu sein, dass eine der beiden Parteien auf Befehl des militärischen Führers den Rückzug antritt. Schon allein daran, dass der militärische Führer seine Befehlsgewalt zumindest rudimentär ausüben kann, ist schon ersichtlich, dass diese Partei noch nicht als vernichtet zu betrachten ist. Clausewitz, in seinen jungen Jahren noch sehr auf die Vernichtung des Feindes fixiert, schreibt:

 

„Verlorener Boden und Mangel an frischen Reserven [als Indikator für das Übergewicht des Gegners] sind also gewöhnlich die beiden Hauptursachen, welche zum Rückzug bestimmen, womit wir aber andere, welche in dem Zusammenhang der Teile, im Plan des Ganzen usw. liegen können, keineswegs ausschließen oder zu sehr in den Schatten stellen wollen.“[25]

 

Wir sagen also, dass ein militärischer Führer vielfache Gründe dafür haben kann, sich vom Feind während des Gefechts zu lösen und also den Rückzug zu befehlen. Einer davon und dazu ein ganz augenscheinlicher ist sicherlich, dass er der eigenen Vernichtung vorweggreifen und also so viel er kann retten will. Ein weiterer ist das Versagen seiner persönlichen, moralischen Kräfte, also der Zusammenbruch von Mut und Zuversicht. Beides scheint nur das Hinauszögern der Vernichtung zu sein und muss „wie neues Borgen eines unzahlungsfähigen Schuldners betrachtet“[26] werden. Die weitaus spannenderen Gründe sind jedoch die vielen anderen Motive, die einen militärischen Führer zum Rückzug motivieren können, sei es weil er seine ursprüngliche Absicht bereits verwirklicht hat, weil er durch das Gefecht Kenntnisse und Überzeugungen erlangt hat, die eine Modifikation seines ursprünglichen Plans notwendig gemacht haben oder weil er dieses Gefecht von vorneherein nicht wollte, sondern das Gefecht zu seinen Gunsten an anderem Ort zu anderer Zeit will.

 

Es muss daher festgehalten werden, dass ein Rückzug nichts über die Entscheidung aussagt und noch nicht einmal über das Übergewicht im Gefecht. So kann sehr wohl der weit Überlegene bei voller Zuversicht des Sieges das Gefecht abbrechen, weil ihm die Entscheidung zu teuer erscheint, d.h. zu viel Verluste kosten würde[27], weil sie ihm zu lange dauern würde, er aber die Kräfte an anderer Stelle braucht oder weil die Vernichtung des Feindes gar nicht in seiner Absicht stand, sondern nur die Vortäuschung[28] derselben. Die Liste der Gründe zum Abbruch des Gefechts lässt sich vielfältig weiterführen. Wir können aber nichtsdestotrotz den Begriff der Krise hier nutzen, um eine Bedingung für die Entscheidung aufzustellen.

 

Zum Zeitpunkt des Rückzuges befinden sich notwendigerweise beide Seiten in einer mehr oder minder schweren Krise. Gleichwohl endigt mit dem Rückzug für beide Seiten das Gefecht oder flacht zumindest ab, so dass grundsätzlich eine Überwindung der Krise eintreten kann. Unter diesen Bedingungen muss das Gefecht als unentschieden betrachtet werden, sofern beide Kräfte relativ gleichzeitig die Krise überwinden können und also beide Parteien wieder in der Lage sind, planmäßig und überlegt zu agieren. Keiner der beiden Akteure hat hier den Vorteil, ohne gegnerischen Widerstand frei agieren zu dürfen, sondern es muss zunächst wieder das Gefecht gesucht werden, um Handlungsfreiheit zu erlangen. Es treten hier also nur die unmittelbaren Wirkungen des Gefechts ein, die ich im folgenden Unterkapitel noch aufzeigen will. Ebenso gut ist jedoch der andere Fall denkbar, dass eine der beiden Parteien die Krise deutlich vor dem Anderen überwindet. Diese hätte dann das oben dargestellte Zeitfenster des widerstandslosen Agierens für sich gewonnen und könnte das Gefecht für ihre Zwecke gebrauchen. Die Entscheidung wäre in diesem Falle also – ganz streng genommen – nach dem Abbruch des Kampfes gefallen.

 

Im Zusammenhang mit dem Abbruch des Gefechts muss noch angefügt werden, dass der ausweichende Teil es immer schwerer haben wird, die Krise zu überwinden, als der stehenbleibende. So schreibt Clausewitz:

 

„Für Feldherren und Heere, die nicht einen gemachten Ruf haben, ist dies eine eigene, schwierige Seite mancher, sonst in den Umständen gegründeter Verfahrungsarten, wo eine Reihe mit Rückzug endigender Gefechte als eine Reihe von Niederlagen erscheinen kann, ohne es zu sein, und wo dieses Erscheinen von sehr nachteiligem Einfluß werden kann. Es ist dem Ausweichenden in diesem Fall nicht möglich, durch die Darlegung seiner eigentümlichen Absicht dem moralischen Eindruck überall vorzubeugen, denn um das mit Wirksamkeit zu tun, müßte er seinen Plan vollständig bekanntmachen, welches, wie sich versteht, seinem Hauptinteresse zu sehr entgegen laufen würde.“[29]

 

Es ist also leicht denkbar, wie der stehenbleibende Akteur sich im Anblick des ausweichenden Feindes als Sieger betrachtet und allein dadurch sehr schnell moralisch angehoben wird und die Krise überwinden kann. Die einzelnen Individuen des ausweichenden Teils können das für sie fremdbestimmte Ausweichen unter Umständen nicht verstehen oder empfinden es zumindest als Schmach und Niederlage, nicht im Gefecht bestanden zu haben und werden daher umso schwieriger aus der Krise herausfinden – dies umso stärker, je mehr der Rückzug im Gegensatz zur ursprünglichen Absicht des Gefechts steht. Es müssen daher sehr außergewöhnliche Umstände greifen, damit eine sich zurückziehende Streitkraft das Gefecht zu ihren Gunsten entscheidet; es scheint vielmehr eine gewisse Regelmäßigkeit zu sein, dass ein gut motivierter Rückzug zu einem Unentschieden, ein erzwungener Rückzug aber zu einer Entscheidung zu Ungunsten des Ausweichenden führt.

 

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass das Gefecht durch zwei Merkmale gekennzeichnet ist. Zum einen durch den bewaffneten Kampf zweier Streitkräfte gegeneinander, zum anderen durch die beide Parteien erfassende Krise. Die Krise ist dabei von beiden Bedingungen das bestimmende Merkmal, denn sobald diese von einer Partei überwunden wurde, muss das Gefecht als beendet und zu Gunsten dieser Partei als entschieden betrachtet werden. Erst an dieser Stelle beginnt der eigentliche Nutzen des entschiedenen Gefechts, welcher dadurch entsteht, dass die unterlegene Streitkraft sich im Gegensatz zur überlegenen in der Krise befindet und sich daher ein temporäres Zeitfenster des Handlungsfreiraumes für den objektiven Sieger unabhängig der jeweiligen Zwecke eröffnet.

 weiter zu V.2.2 Unmittelbare Wirksamkeit des Gefechts für die Strategie

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Kapitel V.2 - Übersicht

  • V.2.1 Begriff des Gefechts und dessen Entscheidung

       Das Gefecht ist der Kampf zwischen zwei Streitkräften, d.h. „bewaffnete Menschen“[1] befinden sich im unmittelbaren, kollektiven Zweikampf gegeneinander. Aus dieser Duellsituation ergibt sich zwangsweise die Notwenigkeit, den Gegner zu vernichten, allein schon, um nicht selbst vernichtet zu werden.[2] Dass dem Kampf ausgewichen werden kann, dass er gemieden werden kann und dass damit ganz andere Zwecke verfolgt werden können als die Vernichtung des Gegners sei hiervon vollkommen unbenommen. Zunächst ist die Vernichtung des Gegners das einzige und nächste, was bewaffnete Menschen im Kampf tun können und müssen.[3] Diese Wechselwirkung des Kampfes muss logisch betrachtet solange fortgesetzt werden, bis eine der beiden Parteien a) vollständig vernichtet ist, b) sich ergibt, d.h. die Waffen niederlegt und ergo wehrlos ist oder c) die Read More
  • V.2.2 Unmittelbare Wirksamkeit des Gefechts für die Strategie

       Bisher wurde der Begriff des Gefechts und vor allem die Bedeutung der damit eng verbundenen Krise dargestellt. Der wirksamste mögliche Nutzen des Gefechts lag nach dem bisher Gesagten darin, den Gegner in eine Krise zu versetzen, welche länger andauert als die eigene und dadurch selbst Handlungsfreiheit zu erlangen. Ebenso wurde allerdings dargestellt, dass ein Gefecht auch unentschieden enden kann und eine Entscheidung des Gefechts somit keine Notwendigkeit darstellt. Zudem wird der Nutzen der Entscheidung umso begrenzter, je kleiner das Zeitfenster der daraus resultierenden Handlungsfreiheit ist und je weniger entschlossener die Strategie dieses Fenster benutzt. Es wäre daher unwahr, würde dieses Zeitfenster als einziger Nutzen des Gefechts für die Strategie verstanden werden. Es gibt vielmehr eine Reihe von unmittelbaren Wirksamkeit, Read More
  • V.2.3 „Mögliche Gefechte sind [...] als wirkliche zu betrachten“

       Die Methode, das Gefecht als einziges wirksames Mittel der Strategie zu betrachten und darin die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte als wesentliches Prinzip zu identifizieren, wirkt auf den ersten Blick wenig verständlich. Scheint doch, wie Clausewitz selbst schreibt, die Geschichte zu verdeutlichen, dass die großen Siege stets außerhalb des unmittelbaren Kampfes errungen wurden, nämlich dort, wo der Gegner im Angesicht einer Übermacht die Waffen kampflos niederstreckte.[2] Man könnte hier also sagen, dass die hohe Kunst der Strategie nicht der Gebrauch des Gefechts, sondern die Vermeidung desselben sei und mit diesem Gedanken muss auch das gesamte Clausewitz’sche System in Frage gestellt werden.   Clausewitz wiederspricht dem allerdings dezidiert und sagt, dass in den Fällen der großen, kampflosen Erfolge es allein die Read More
  • V.2.4 Das Benutzen des Sieges am Beispiel der Verfolgung

       Im Clausewitz‘schen Verständnis ist es die Aufgabe der Strategie, die einzelnen Gefechte anzuordnen, zu planen und in einem Gesamtzusammenhang auf das strategische Ziel auszurichten. Sie tut dies, indem sie Kräfte, Raum und Zeit für jedes Gefecht bestimmt.   „Die Strategie bestimmt den Punkt, auf welchem, die Zeit, in welcher, und die Streitkräfte, mit welchen gefochten werden soll; sie hat also durch diese dreifache Bestimmung einen sehr wesentlichen Einfluß auf den Ausgang des Gefechts. Hat die Taktik das Gefecht geliefert, ist der Erfolg da, er mag nun Sieg oder Niederlage sein, so macht die Strategie denjenigen Gebrauch davon, welcher sich nach dem Zweck des Krieges davon machen läßt. Dieser Zweck des Krieges ist natürlich oft ein sehr entfernter und in Read More
  • V.2.5 Zusammenfassung

       Clausewitz behauptet, es gäbe in der Kriegführung, d.h. im eigentlichen Sinne in der Strategie, nur ein Mittel und dies sei „der Kampf“[1] bzw. „das Gefecht“[2]. Alle kriegerischen Tätigkeiten, d.h. die Ausbildung, Verpflegung und Ausrüstung von Soldaten, das Marschieren, das Aufstellen und das Schießen derselben, würde letztlich dem einen Ziel dienen, dass der Soldat „an rechter Stelle und zur rechten Zeit“[3] kämpft. Es endigen also alle Handlungen der kriegerischen Tätigkeit im Gefecht. Wenn die Strategie die Anordnung dieser Gefechte bestimmt, so hat sie hiermit sämtliche kriegerische Tätigkeit in sich aufgefasst; gleichwohl kann sie nicht vollkommen frei bestimmen, sondern die Natur ihres Mittels, d.h. die Gegebenheiten, Erfordernisse und Auswirkungen des Gefechts, wirken auf die Möglichkeiten und Bestimmungen der Strategie zurück. Dass Read More
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