Bisher wurde der Begriff des Gefechts und vor allem die Bedeutung der damit eng verbundenen Krise dargestellt. Der wirksamste mögliche Nutzen des Gefechts lag nach dem bisher Gesagten darin, den Gegner in eine Krise zu versetzen, welche länger andauert als die eigene und dadurch selbst Handlungsfreiheit zu erlangen. Ebenso wurde allerdings dargestellt, dass ein Gefecht auch unentschieden enden kann und eine Entscheidung des Gefechts somit keine Notwendigkeit darstellt. Zudem wird der Nutzen der Entscheidung umso begrenzter, je kleiner das Zeitfenster der daraus resultierenden Handlungsfreiheit ist und je weniger entschlossener die Strategie dieses Fenster benutzt. Es wäre daher unwahr, würde dieses Zeitfenster als einziger Nutzen des Gefechts für die Strategie verstanden werden. Es gibt vielmehr eine Reihe von unmittelbaren Wirksamkeit, die sich teils unabhängig der Entscheidung ergeben können – es ist nur die Überwindung der Krise von größerer Wirksamkeit, weil im Falle einer ungünstigen Entscheidung alle zuvor errungenen Wirkungen des Gefechts leicht vom Gegner neutralisiert werden können, ohne dass ihm ein adäquater Widerstand geboten werden könnte.

 

Im Folgende sollen die vier bzw. fünf hauptsächlichen Wirksamkeiten untersucht werden, welche sich aus dem Gefecht ergeben können.

 

  1. Vernichtung physischer Streitkräfte. Im Wesen des Gefechts liegt die Vernichtung feindlicher, physischer Streitkräfte. Dies hat eine Reihe von Konsequenzen. Zunächst stellt die Vernichtung von Streitkräften einen Verlust an Mitteln für die weitere Kriegsführung dar.[1] Da aber beide Seiten physische Kräfte im Gefecht verlieren, so kann die Vernichtung feindlicher Streitmittel für den einen nur insofern ein Vorteil sein, wie er relativ zur Gesamtstreitkraft weniger Kräfte verliert als der andere. In Bezug auf zukünftige Gefechte ergibt sich aus dem Gefecht also eine mehr oder minder große Verschiebung der physischen Machtverhältnisse zugunsten des in diesem Punkt Überlegenen. Die Wahrscheinlichkeit, sich in zukünftigen Gefechten durchsetzen zu können und also die strategischen Ziele zu erreichen, wird für den Überlegenen somit erhöht.[2] Im Falle einer überproportionalen Vernichtung feindlicher Streitkräfte muss der Strategie daher zunächst ein Vorteil eingeräumt werden.

 

Ferner wirkt der Verlust von physischen Streitkräften auch über die Überwindung der Krise hinweg auf die moralischen Kräfte beider Seiten. Diese Wirkung darf allerdings nicht überschätzt werden und zudem ist sie nur schwer vorherzubestimmen und denkbar individuell. So schreibt Clausewitz:

 

„Die moralischen Kräfte kehren [nach Überwindung der Krise] in dem Gegner nach und nach zurück, die Ordnung wird hergestellt, der Mut wieder gehoben, und es bleibt in der Mehrheit der Fälle nur ein sehr geringer Teil von dem errungenen Übergewicht [an moralischen Kräften] zurück, oft gar keins, und in einzelnen, obgleich seltenen Fällen entsteht wohl gar durch Rache und stärkeres Anfachen der Feindschaft eine umgekehrte Wirkung.“[3]

 

Die Vernichtung physischer Streitkräfte kann somit ganz unterschiedliche Wirkungen auf die moralischen Kräfte eines Heeres erzeugen. Einerseits kann sich das Gefühl der Furcht und der Hoffnungslosigkeit breit machen, welches schon ein Symptom der Krise war, nun aber auch dauerhaft bleiben könnte. Die moralische Wirkung paart sich hier also mit der physischen und schwächt die Streitkräfte zusätzlich. Dies geschieht allerdings unabhängig vom Proporz zu den gegnerischen Verlusten. Andererseits kann sich jedoch auch das Bedürfnis nach Rache und Vergeltung entwickeln, welches also eine Stärkung der moralischen Kräfte zur Konsequenz hätte und folglich den durch die physische Vernichtung erfolgten Verlust an Kampfkraft gar wieder ausgleichen könnte. So ist es durchaus denkbar, dass die nach physischen Maßstäben unterlegene Partei im Ergebnis des Gefechts an Gesamtstärke noch zugenommen hat und sich das Kräfteverhältnis daher zu ihren Gunsten verändert, obwohl sie physisch betrachtet mehr Kräfte eingebüßt hat als der Gegner. Hier zeigt sich also wieder die Eigentümlichkeit des Krieges, die eine Vorherberechnung der Ereignisse unmöglich macht, da die moralischen Größen im Krieg ganz und gar individuell und daher willkürlich und nicht determinierbar sind.[4]

 

Darüber hinaus ist die moralische Wirkung der physischen Vernichtung von Streitkräften keineswegs auf die moralischen Kräfte des Heeres beschränkt. Dezidiert weist Clausewitz auf die höchst bedeutsame Wirkung der physischen Verluste auf die moralischen Kräfte des Feldherrn[5] und der politischen Entscheidungsträger[6] hin. Durch den besseren Zugang zu Informationen und den daraus resultierenden Überblick können diese das Ausmaß eigener Verluste viel besser einsehen.[7] Wenn aber die moralischen Kräfte dieses Personenkreises einbrechen, so ist leicht ersichtlich, dass die Konsequenzen für die Strategie eine ganz neue Dimension gewinnen; zwar nicht in Bezug auf das objektive Kraftverhältnis im nächsten Gefecht, dafür aber in Hinblick auf die gesamte Kriegsführung. Ein in Panik und Furcht verfallender Feldherr wird keine Schlacht mehr suchen, stets zaudern und unschlüssig sein und allein schon daher seine Chancen auf den strategischen Erfolg mindern.[8] Ein desillusionierter, ängstlicher politischer Entscheidungsträger ist für die Strategie noch bedeutsamer, denn er wird schneller zum Frieden bereit sein und somit das Erreichen des kriegerischen Ziels, d.h. des strategischen Zwecks, umso wahrscheinlicher werden lassen.[9]

 

Schließlich muss allerdings auch bedacht werden, dass durch die Vernichtung feindlicher Streitkräfte auch eine Wirkung auf die Bevölkerung des gegnerischen politischen Gemeinwesens erzeugt werden kann. Dort kann sich Feindschaft und Hass durch den Verlust von Söhnen, Brüdern usw. verstärken und all dies wird gegebenenfalls das Ziel des Krieges, den gegnerischen Willen zu brechen, in weitere Ferne rücken. Es kommen hier also wieder alle konstitutionellen, sozialen usw. Verhältnisse des politischen Gemeinwesens in Betrachtung, um schließlich die Wirkung der Vernichtung physischer Streitkräfte richtig beurteilen zu können.

 

Insgesamt kann also mit Blick auf die Überwindung des feindlichen Willens die Vernichtung physischer Streitkräfte sowohl durch die Veränderung der Kräfteverhältnisse als auch durch ihre Einwirkung auf die moralischen Kräfte der politischen Entscheidungsträger, des Feldherrn und auch der Bevölkerung wirksam sein. Dabei kann es paradoxerweise auch geschehen, dass durch ein entfachen von Feindschaft und Hass die Machtverhältnisse zugunsten des eigentlich Unterlegenen verändert werden. Hieraus lässt sich bemerkenswerterweise ableiten, dass die Vernichtung feindlicher Streitkräfte nicht in jedem Falle einen strategischen bzw. politischen Vorteil bietet, sondern dass dies unter bestimmten Bedingungen durchaus auch kontraproduktiv wirken kann.

 

  1. Inbesitznahme von Land. Sobald die gegnerische Streitkraft das Gefechtsfeld verlässt, kann dieses zumindest vorerst als erobert oder als verteidigt gelten. Die Eroberung obliegt dabei dem taktischen Angreifer, die Behauptung dem taktischen Verteidiger.[10] Eine Wirksamkeit im eigentlichen Sinne ergibt sich hieraus jedoch nur im Falle der Eroberung, denn durch die Behauptung ist kein Land gewonnen und durch die Verteidigung des Landes wird die Wirksamkeit von dessen Besitz in keiner Weise erhöht – zwar wird hierdurch die Absicht des Feindes bezwungen, doch ist dies eine ganz eigenständige Wirksamkeit, welche ich an späterer Stelle untersuchen werde. Hier ist daher ausschließlich von der Inbesitznahme zu reden.

 

Ist der taktische Angreifer in dem Sinne erfolgreich, dass der Gegner seine ursprüngliche Stellung verlässt, so hat der Angreifer dieses Gelände (zunächst) gewonnen. Nun stellt sich jedoch in diesem Zusammenhang die Frage, in wie weit der Besitz von Gelände für die Strategie von Bedeutung sein kann. Clausewitz schreibt dazu:

 

„Gewöhnt man sich nicht, den Krieg und im Kriege den einzelnen Feldzug als eine Kette zu betrachten, die aus lauter Gefechten zusammengesetzt ist, wo eins immer das andere herbeiführt, gibt man sich der Vorstellung hin, daß die Einnahme gewisser geographischer Punkte, die Besitznahme unverteidigter Provinzen an sich etwas sei, so ist man auch nahe daran, es als einen Vorteil zu betrachten, den man nebenbei einstecken könnte, und indem man es so, und nicht als ein Glied in der ganzen Reihe der Begebenheiten betrachtet, fragt man sich nicht, ob dieser Besitz nicht später zu größeren Nachteilen führen wird. Wie oft finden wir diesen Fehler in der Kriegsgeschichte wieder. Man möchte sagen: so wie der Negoziant den Gewinn einer einzelnen Unternehmung nicht beiseite und in Sicherheit bringen kann, so kann auch im Kriege ein einzelner Vorteil nicht von dem Erfolg des Ganzen gesondert werden.“[11]

 

Stellen wir uns (1) zunächst vor, dass der Besitz des eroberten Gebietes für den erfolgreichen Angreifer keinen unmittelbaren Vorteil bietet, so ist es zunächst aber auch kein Nachteil, denn er kann die gewonnene Stellung sofort wieder verlassen. In diesem Falle kann aber auch der Gegner diesen Raum problemlos zurückgewinnen und es kann also gar nicht von einer Inbesitznahme die Rede sein.

 

Das Nehmen des Raumes kann für den Angreifer allerdings (2) auch den Vorteil bieten, dass der Verteidiger dort nicht mehr ist, entweder (2a) weil dies für ihn eine Stellung war, von welcher aus er besonders gut wirken konnte (strategische Bedeutung) oder (2b) weil der Raum an sich für ihn eine besondere materielle oder moralische Bedeutung hatte (politische Bedeutung). Im ersten Fall (2a) ändern sich durch die Einnahme des Raumes also die Kräfteverhältnisse, da sich die Wirksamkeit des Verteidigers für zukünftige Gefechte verschlechtert hat. In diesem Zusammenhang ist das Nehmen von Gelände also nichts anderes, als das Vernichten physischer Streitkräfte, da zu diesen auch Geländeteile  gezählt werden können, sofern sie für die Kriegsführung von Bedeutung sind.[12] Gleichsam muss der auf diesem Wege eroberte Geländepunkt jedoch in der Zukunft behauptet werden, damit der ursprüngliche Verteidiger sich nicht seines ehemaligen Vorteils wieder bemächtigt. Wenn der Besitz dieses Punktes nun also keine Vorteile für die weitere Kriegsführung des Angreifers bietet, so entsteht hierdurch ein Nachteil, da er diesen Punkt nunmehr behaupten und also eigene Kräfte dort zur Verteidigung aufstellen muss, die ihm an anderer Stelle fehlen. Es muss hier also im Einzelfall entschieden werden, ob Vorteile oder Nachteile überwiegen.

 

In dem Falle (2b), dass der Besitz des Geländes an sich dem Verteidiger etwas bedeutet, ist durch die Eroberung das strategische Kräfteverhältnis der beiden Parteien bemerkenswerterweise zu Ungunsten des Angreifers verändert. Dieser muss nun nämlich Kräfte zur Verteidigung dieses Punktes abstellen, während der Verteidiger keine unmittelbaren Nachteile für seine weitere Gefechtsführung hat. Es entsteht dem Verteidiger allerdings ein allgemeiner Schaden[13], d.h. die Anstrengungen, die er zum Zwecke des Krieges leisten muss, erhöhen sich durch den Verlust des begehrten Geländepunktes und wenn seine Motive insgesamt nur sehr gering sind oder die Bedeutung des Geländes für ihn sehr hoch, so könnte dies allein ihn zur Aufgabe des Willens zwingen und das Ziel des Krieges für den Angreifer somit erreicht werden. Auch wenn dies nicht geschieht, so kann die Einnahme eines Punktes von moralischer Bedeutung auch eine Schädigung der gegnerischen moralischen Streitkräfte erzeugen. Das Gefühl der Hoffnungslosigkeit und der Ohnmacht kann sich breit machen. Anderseits kann aber ebenso gut angenommen werden, dass der Verteidiger das Gelände in dem Maße, in welchem es ihm wichtig war, auch wieder zurück fordern wird. Je wichtiger ihm also dieses Gelände war, je härter ihn die darauf getroffenen Maßregeln treffen, desto mehr Kräfte muss der ursprüngliche Angreifer dazu aufwenden, dass Gelände zu halten und also entsteht hierdurch wieder ein ganz neuer Zwang und die Notwendigkeit, Kräfte an einer Stelle zur Verteidigung aufzustellen, die vielleicht an anderer Stelle mehr gebraucht würden. Schließlich kann, wenn es sich um einen Punkt von höchster moralischer oder materieller Bedeutung handelt, sei es eine Hauptstadt, eine Kultstätte, ein bedeutsames Industriegebiet oder ein anderer, ausgesprochen kritischer Punkt, die Einnahme desselben eine immense Bedeutung für den ganzen Kriegsverlauf gewinnen und den Angreifer unmittelbar zum Sieg führen oder – ebenso gut – dem Krieg eine ganz neue Qualität geben, da der politische Zweck des Verteidigers nunmehr wechselt und er daher vielmehr Kräfte zur Kriegsführung bereitstellt als zuvor.

 

Schließlich bleibt (3) die Möglichkeit, dass das Nehmen des Raumes für den Angreifer einen Vorteil bietet, sei es, weil er aus dieser Stellung besser auf den Feind wirken kann (strategisch) oder weil der Raum an sich ihm einen Vorteil bietet (politisch). Dieser Vorteil kann materieller Art sein, so dass dort vielleicht Ressourcen abgebaut, Bevölkerung besteuert oder Handelswege verkürzt werden können, er kann aber auch moralischer Art sein, wenn es sich z.B. um eine Kultstätte handelt oder wenn sich dort eigene Bevölkerung aufhält, die durch den Feind gefährdet wurde. Aber auch dies rechtfertigt die Eroberung vom zweckmäßigen Standpunkt aus nur solange, wie der Nutzen der Stellung das zukünftige Behaupten derselben ausgleicht, was keinesfalls eine Selbstverständlichkeit ist.

 

Es zeigt sich somit, dass das Nehmen von Räumen unter keinen Umständen per se eine positive Wirksamkeit für die Strategie darstellt, sondern dass dies im Einzelfall sehr unterschiedlich sein kann und stets gut abgewägt werden will. So kann sich durch die Eroberung eines Geländeabschnitts vor allem dann ein Vorteil entwickeln, wenn der Angreifer so überlegen ist, dass er einen Gegenangriff nicht fürchten muss oder dass das Gelände selbst so beschaffen ist, dass eine Rückeroberung für den Gegner ausgesprochen gefährlich ist.[14]

 

  1. Inbesitznahme oder Zerstörung von Nichtstreitkräften. Clausewitz spricht des weiteren von der Eroberung bzw. Behauptung von beweglichen Gegenständen als einer möglichen unmittelbaren Wirkung des Gefechts.[15] Analog zur Inbesitznahme von Gelände betrachten wir in diesem Zusammenhang auch nur das angriffsweise Vorgehen, da die erfolgreiche Verteidigung von beweglichen Gegenständen ebenso wenig einen unmittelbaren Vorteil für die Strategie bieten kann.

    Hier stellt sich zunächst die Frage, was unter Eroberung von beweglichen Gegenständen überhaupt verstanden werden kann. Das Naheliegende ist hier wohl der Angriff auf eine militärische Einheit, die einen wertvollen Gegenstand, z.B. Geldmittel oder Güter, bewacht oder eskortiert, namentlich also der Angriff auf Transporte, dem Clausewitz auch ein eigenes Kapitel widmet.[16] Die Verwirrung und die Ablenkung der gegnerischen Streitkräfte kann im Gefecht genutzt werden, um den gegnerischen Schatz zu entwenden. Die Wegnahme dessen ist ein unmittelbarer eigener Gewinn und ein Verlust für den Gegner, welcher – da der Gegenstand beweglich ist – sofort in Sicherheit gebracht bzw. versteckt werden kann. Ein beweglicher Gegenstand muss somit zukünftig nicht behauptet werden, sondern lässt sich sofort umsetzen und der Wirkung des Feindes entziehen. Dabei muss es sich auch nicht zwingend um einen Schatz im engeren Sinne handeln. Wir denken hier weniger an die Inbesitznahme von Nachschubgütern, denn dies würde in die Kategorie der Vernichtung feindlicher Streitkräfte hineinfallen, doch stellen wir uns Kunstraub, Plünderungen, vielleicht sogar Menschenraub vor, dann ist leicht ersichtlich, dass es im Krieg für Streitkräfte vielfältige Objekte gibt, die dem Gegner weggenommen werden können und ich will diese zukünftig unter dem Begriff Nichtstreitkräfte zusammenfassen.

    Die Folge der Inbesitznahme von Nichtstreitkräften ist stets ein unmittelbarer Gewinn, der als Ausgleich für die geleisteten Anstrengungen gelten kann. Die bereits für den Krieg geleisteten Anstrengungen werden hier also zu einem Teil abgegolten, d.h. der ferner angestrebte, strategische Erfolg – welcher auch immer es sei – kostet den Angreifer weniger, es wird dem Gegner also schwieriger, den Willen des Angreifers zu brechen. Gleichsam werden die bereits geleisteten Anstrengungen des Verteidigers durch den Verlust erhöht und sein Wille zur Fortsetzung des Krieges somit geschwächt.

    Nun ist es ferner vollkommen logisch, den kostbaren Gegenstand, welcher aufgrund seiner Natur oder der Umstände wegen nicht entwendet und somit nicht in Besitz genommen werden kann, wenigstens zu vernichten oder unbrauchbar zu machen. Clausewitz sieht dies im Zusammenhang mit dem Angriff auf Transporte auch durchaus so vor.[17] Dies führt zwar nicht zu einem eigenen unmittelbaren Gewinn, es führt aber wenigstens zu einem gegnerischen Verlust, d.h. zu einem allgemeinen Schaden beim Gegner, welchen der Angreifer im Zuge eines Gefechts ohne große Anstrengungen erwirken kann. Damit haben wir den eigentlichen Gehalt dieser Wirkmöglichkeit von Gefechten erschlossen: dies ist die „Brandschatzung“[18], die „Plünderung“[19] und schließlich auch das Massaker.

    Ähnlich wie bei der Landnahme zum Nachteil des Gegners ohne Wirkung auf zukünftige Gefechte, hat die Inbesitznahme bzw. Zerstörung von Nichtstreitkräften  einen allgemeinen Schaden beim Gegner zur Folge. Der Unterschied gegenüber der Inbesitznahme von Land ist jedoch, dass der auf diesem Wege erzeugte Schaden vom Feind nicht zurückgefordert werden, er seine Wiederherstellung also nur in der Vergeltung[20], nicht in der Rückeroberung finden kann. Somit ist dies ein viel einfacheres Mittel, um dem Gegner zu schaden, da im Anschluss keine Kräfte notwendig sein werden, um dies zu behaupten. Die Inbesitznahme bzw. Zerstörung von Nichtstreitkräften kann also den Preis des gegnerischen Sieges erhöhen und somit die Motive des Gegners zum Frieden vergrößern.[21] Ferner kann hierdurch ein Gefühl der Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit entstehen, d.h. die moralischen Streitkräfte des Gegners werden geschwächt. Andererseits wird Gewalt gegen Nichtstreitkräfte auch immer geeignet sein, um die Feindschaft und den Hass des gegnerischen Gemeinwesens zu schüren und somit neue Motive zum Krieg entstehen zu lassen und die gegnerischen moralischen Streitkräfte zu stärken.[22]

    Es zeigt sich somit einmal mehr, dass auch die Inbesitznahme bzw. Zerstörung von Nichtstreitkräften in ihrer Wirkung eigentümlich ist und sowohl zu- als auch abträglich in Beziehung auf das Ziel des Krieges, den gegnerischen Willen zu überwinden, wirken kann. 

  2. Vernichtung der gegnerischen Absicht. Die drei bisherigen dargestellten Wirksamkeiten des Gefechts bezogen sich auf das Erringen von Vorteilen gegenüber dem Gegner, sie waren also positiver Art. Ihr Nutzen bezog sich darauf, dem Gegner zu eigenen Gunsten etwas wegzunehmen oder einen Schaden zuzufügen. Wenn aber der positive Nutzen die einzige Wirksamkeit eines Gefechts darstellen würde, die Strategie also Gefechte immer nur zum Zwecke ihres eigenen unmittelbaren Vorteils suchen könnte, so würde die taktische Verteidigung sinnlos sein, da mit ihr kein unmittelbarer Vorteil erwirkt, sondern lediglich der Status quo erhalten wird.

 

Dieser Gedanke muss nicht länger verfolgt werden, da es ganz offensichtlich ist, dass sich eine Wirksamkeit in der Defensive findet und diese ist der Erhalt oder das Bewahren eines Vorteils bzw. das Abwenden eines Nachteils. Analog zu den bisherigen positiven Zwecken müssen sich hier also drei negative Zwecke finden. Diese sind:

 

  1. Schutz von Nichtstreitkräften

  2. Verteidigung von Gelände

  3. Erhalt eigener Kräfte

 

Die Punkte a und b sind unstrittig: Tritt der Gegner an einem Punkt auf, an welchem er durch Geländegewinn oder durch Inbesitznahme bzw. Zerstörung von Nichtstreitkräften einen Vorteil für sich sucht, so scheint es prinzipiell geboten, ihn daran zu hindern, um nicht selbst einen Nachteil zu erlangen. Kommt es unter diesen Umständen also zum Gefecht und der Angreifer rückt im Ergebnis davon unverrichteter Dinge ab, so ist es die Wirkung des Gefechts, dass ein drohender Nachteil abgewendet und der Status quo erhalten wurde. Dass hierdurch auch andere Nachteile entstanden sein können, dass also das Gefecht einen überproportionalen Verlust an Streitkräften zur Folge gehabt haben kann, gehört nicht hierher, da dies andere Wirksamkeiten wären.

 

Die Absicht des Gegners zu durchkreuzen, d.h. ihm seinen Erfolg in Bezug auf Landnahme und Inbesitznahme/Zerstörung zu verwehren, kann aus diesem Grunde immer als strategisch sinnvoll betrachtet werden, es sei denn, der Gegner unterliegt einem Irrtum und würde sich durch die Realisierung seiner Absicht eigentlich in einen Nachteil versetzen. In diesem Fall müsste das Gewähren der feindlichen Absicht das treffendere sein.

 

Gleichwohl muss betont werden, dass der Nutzen von Schutz und Verteidigung immer nur die Verhinderung von Schlimmerem darstellt, ohne aber eine gravierende, positive Verschiebung der Kräfteverhältnisse zu erwirken, d.h. diese unmittelbare Wirksamkeit des Gefechts bringt die Strategie kaum näher an ihren Zweck, den gegnerischen Willen zu überwinden. Zwar könnte argumentiert werden, dass der Angreifer Kräfte aufbringt, die keine Wirkung zeigen, er also ermüdet wird; doch dies gilt gleichermaßen für den Verteidiger, da dieser ebenso Kräfte aufbringen muss, ohne einen Vorteil zu erlangen.

 

Die eigentliche positive Wirkung der Punkte a und b zeigt sich in deren gravierenden Wirkung auf die moralischen Streitkräfte sowie die öffentliche Meinung:

 

„Es bleibt also in vielen Fällen das Aufgeben des Kampfes als der einzig wahre Beweis des Sieges allein übrig. Es ist also das Bekenntnis der Schuld als das Senken des Paniers zu betrachten, wodurch dem Gegner Recht und Überlegenheit in diesem einzelnen Fall eingeräumt wird, und diese Seite der Demütigung und Scham, welche allen übrigen moralischen Folgen des umschlagenden Gleichgewichts noch zu unterscheiden bleibt, ist ein wesentliches Stück des Sieges. Dieser Teil allein ist es, welcher auf die öffentliche Meinung außer dem Heere wirkt, auf Volk und Regierung in beiden Kriegführenden Staaten und in allen beteiligten anderen.“[23]

 

Bei dieser Wirkung muss zugestanden werden, dass es sich um die generelle Wirkung des gegnerischen Rückzugs handelt, unabhängig davon, ob es sich um einen Angreifer oder einen Verteidiger handelte. Es ist an dieser Stelle jedoch explizit zu nennen, weil es doch die einzige positive Wirkung, die einzige Veränderung der Ausgangslage ist, welche durch die Vernichtung der gegnerischen Absicht eintritt. Ansonsten gelten hier die gleichen Prinzipe wie bei der Landnahme und der Inbesitznahme bzw. Zerstörung von Nichtstreitkräften, nämlich dass der Wert des jeweiligen Gutes für den Verteidiger in einem Verhältnis zu den Anstrengungen stehen muss, die zu dessen Verteidigung bzw. Schutz notwendig sind.

 

Die Punkte a und b sind somit weitestgehend unstrittig und problemlos; schwierig wird es beim Punkt c. Waren die Punkte a und b defensive Äquivalente zu den Wirksamkeiten Inbesitznahme von Gelände und Inbesitznahme bzw. Zerstörung von Nichtstreitkräften, welche beide offensiven Gefechten entsprangen, so gibt es ein solches Pendant zur Vernichtung von Streitkräften eigentlich nicht. Denn sowohl Angreifer wie auch Verteidiger bewirken und intendieren gleichermaßen die Vernichtung gegnerischer Streitkräfte als auch den Erhalt der eigenen.[24]

 

Die Absicht, feindliche Kräfte zu vernichten, ist ein nachvollziehbares Motiv für ein Gefecht. Sie korrespondiert mit der Absicht, eigene Kräfte zu erhalten, insofern, dass der Erhalt eigener Kräfte die Wirkung der Vernichtung feindlicher Kräfte erhöht. Je mehr eigene Kräfte ein Akteur erhält und je mehr feindliche er gleichzeitig zerstört, desto größer ist die relative Vernichtung der feindlichen Streitkräfte.  Mit anderen Worten: Die Vernichtung feindlicher Kräfte gewinnt ihre Wirkung überhaupt erst durch den Erhalt der eigenen, denn die 50 prozentige Vernichtung des Gegners dürfte wertlos sein, wenn die eigene Streitkraft ebenfalls um 50 Prozent vermindert aus dem Gefecht hervorgeht. Dies gilt zwar im einen Fall mehr im anderen weniger, je nachdem wie die äußeren Umstände sind, aber diese grundsätzliche Tendenz ist offensichtlich und wurde von Clausewitz auch festgestellt.[25]

 

Dies darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass es sich bei den beiden Absichten um Gegensätze handelt, denn das Streben nach Vernichtung feindlicher Streitkräfte konterkariert die Absicht zum Erhalt der eigenen. Das Gefecht als wesentliches Mittel, um die feindlichen Streitkräfte zu vernichten, ist gleichsam der Ort, an welchem auch eigene Kräfte verloren gehen. Wenn wir also sagen, dass jedem Gefecht notwendig beide Absichten zugrunde liegen – sowohl der Erhalt eigener als auch die Vernichtung feindlicher Kräfte – dann ist dies nur solange vorstellbar, wie das Motiv zur Vernichtung größer ist als das Motiv zum Erhalt. 

 

Dem könnte entgegen gehalten werden, dass unter verschiedenen Konstellationen Gefechte offensichtlich in erster Linie geführt werden, um eigene Streitkräfte vor der Vernichtung zu bewahren. So ist es z.B. bei Rückzugsgefechten, wenn die Nachhut der ausweichenden Streitkraft dem Nachstoßenden Gefechte aufzwingt, um ihn zu verlangsamen.[26] Diese Begründung ist allerdings unzutreffend, denn die unmittelbare Wirkung durch das Verzögerungsgefecht ist nicht der eigene Erhalt, sondern die zeitlich begrenzte Verteidigung von Gelände, damit der Gegner nicht oder nur verzögert Stellungen erreicht, von denen aus er die Hauptstreitmacht gefährden könnte. Der Erhalt der Streitkräfte ist hier also nur ein strategisch verfolgter fernerer Zweck, nicht aber die unmittelbare Wirkung des Gefechts. Würde hingegen die Nachhut in erster Linie die Absicht verfolgen, sich selbst zu erhalten, so müsste sie die Gefechte meiden und könnte ihrem eigentlichen Auftrag gar nicht nachkommen.

 

So sagen wir also, dass die unmittelbare Wirkung, eigene Kräfte zu erhalten, im Gefecht nicht hauptsächlich gesucht werden darf, sondern dass sie immer nur als integraler Bestandteil anderer Absichten gedacht werden kann. Es muss also immer ein Motiv geben, welches größer ist als der Wunsch nach Erhaltung.

 

Diese Wirksamkeit hätte also gar nicht erwähnt werden müssen, wenn es nicht eine Ausnahme gäbe, welche von Clausewitz jedoch nicht gefunden und auch nicht gesucht wurde. Denn das einzelne Gefecht kann von der einen Partei durchaus ungewollt sein, nämlich überall dort, wo der eine dem anderen ein Gefecht aufzwingt, welches letzterer eigentlich nicht will. Wenn dem Angreifer es also gelingt, den Verteidiger seine Rückzugsmöglichkeiten zu nehmen oder ihn erheblich zu überraschen,[27] dann ist eine Konstellation denkbar, in welcher eine Partei hauptsächlich kämpft, um sich selbst zu erhalten. Wenn es also unter diesen Umständen dem zum Kampf Gezwungenen gelingt, sich vom Feind zu lösen, ohne dabei gravierende Verluste erlitten zu haben, dann kann dies als (kleinstmöglicher) Erfolg gewertet werden, selbst wenn keine gegnerischen Kräfte vernichtet wurden. Unter diesen Bedingungen ist auch der Erhalt eigener Kräfte eine Wirksamkeit des Gefechts, welche von der Strategie bestimmt bzw. benutzt werden kann.

 

Dabei ist diese Hauptwirksamkeit unabhängig von der Gefechtsart, denn der Umstellte kann sowohl angegriffen werden und sich mit dem Ziel der Erhaltung verteidigen, er kann aber auch selbst angreifen und die Umfassung durchstoßen, um den ferneren Rückzug aufzunehmen. In beiden Fällen muss der Erhalt als die Hauptwirksamkeit betrachtet werden.

 

  1. Täuschung. Schließlich gibt Clausewitz an, dass es noch eine weitere Klasse von Zwecken gibt, die mit Gefechten verfolgt werden können. Durch das Antäuschen, d.h. durch die Vorspiegelung der Absicht, ein Gefecht führen zu wollen, kann der Gegner zu falschen Maßregeln verleitet werden. Je nach der angestrebten Wirkung unterscheidet Clausewitz zwischen Rekognoszierungen, d.h. Aufklärung durch Kampf, um den Gegner zu alarmieren und so Informationen über sein Verhalten zu gewinnen und Demonstrationen, d.h. Scheinangriffen, um den Gegner an einem Ort zu binden. Diese beiden Formen von Scheingefechten können somit aus seiner Sicht durch die Strategie angeordnet werden und sie zeigen also ihre Wirkung durch die Täuschung und das daraus resultierende Fehlverhalten des Gegners.[28] Dabei steht Clausewitz diesen Scheingefechten jedoch äußerst skeptisch gegenüber.

 

„Solche Handlungen aber, wie die Anordnung von Gefechten, soweit durchzuführen, daß sie dem Feinde einen Eindruck machen, erfordert schon einen beträchtlichen Aufwand von Zeit und Kräften, und zwar um so mehr, je größer der Gegenstand ist. Weil man diese gewöhnlich nicht daran geben will, darum sind die wenigsten der sogenannten Demonstrationen in der Strategie von der beabsichtigten Wirkung. In der Tat ist es gefährlich, bedeutende Kräfte auf längere Zeit zum bloßen Schein zu verwenden, weil immer die Gefahr bleibt, daß es umsonst geschieht und man diese Kräfte dann am entscheidenden Ort entbehrt.

 

Diese nüchterne Wahrheit fühlt der Handelnde im Kriege immer durch, und darum vergeht ihm die Lust zu dem Spiel schlauer Beweglichkeit. Der trockene Ernst der Notwendigkeit drängt meist so in das unmittelbare Handeln hinein, daß für jenes Spiel kein Raum bleibt. Mit einem Wort: es fehlt den Steinen im strategischen Schachbrett die Beweglichkeit, welche das Element der List und Verschlagenheit ist.“[29]

 

Die Scheingefechte werden daher an dieser Stelle in erster Linie zum Zwecke der Vollständigkeit dargestellt. Sie mögen in der Strategie nur eine untergeordnete Rolle spielen und werden daher nicht im Zentrum der folgenden Betrachtungen stehen.

 

Zusammengefasst ergibt sich also folgendes „Tableau“[30], mit welchem die verschiedenen, möglichen Wirksamkeiten von Gefechten dargestellt werden:

 

Gefechtsart

Wirkung  auf       

Angriff

Verteidigung

Streitkräfte

Vernichtung

Erhalt

Land

Inbesitznahme

Verteidigung

Nichtstreitkräfte (Bevölkerung und deren Güter)

Allgemeine Schädigung

Schutz

 

Tabelle 4 - Unmittelbare Wirksamkeit von Gefechten

 

Jede dieser Wirksamkeiten zeichnet sich dabei dadurch aus, dass sie mit einem Gefecht hauptsächlich angestrebt werden kann, dass die Strategie also einem Gefecht dieses Ziel setzt und damit den Zweck der Taktik bestimmt. Dies ändert freilich nichts daran, dass das Gefecht stets ein Kampf zweier Streitkräfte gegeneinander, dass es also ein Abmessen physischer und moralischer Kräfte ist. Der Erfolg des Gefechts wird jedoch daran gemessen, ob das strategisch vorgegebene Ziel, wie es auf dem Tableau dargestellt ist, erreicht wurde.

 

Dabei ist auffällig, dass keine der durch Gefechte resultierenden Wirkungen als generell positiv und nützlich verstanden werden kann, sondern dass sich der jeweilige Nutzen aus den Gesamtverhältnissen ergeben muss und dem jeweiligen Akteur durchaus auch zum Nachteil werden kann. Dies mag für eine das Ganze durchdringende dialektische Methode Clausewitz‘ sprechen,[31] vor allem zeugt es aber von der Komplexität der Materie und der Eigentümlichkeit des Krieges. Denn wenn Clausewitz schreibt, dass „drei Vierteile derjenigen Dinge, worauf das Handeln im Kriege gebaut wird, [...] im Nebel einer mehr oder weniger großen Ungewißheit [liegt]“[32], so bezieht sich dies nicht allein auf die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs im Gefecht, sondern auch auf die Wirkungen dieses Erfolgs. Ein erfolgreiches Gefecht, die umfassende Vernichtung gegnerischer Streitkräfte oder die planmäßige Eroberung eines wichtigen Landstrichs, kann einen geplanten und großen taktischen Erfolg darstellen, gleichsam aber strategisch zu großen Nachteilen führen, wenn es die Überwindung des gegnerischen Willens zur Fortsetzung des Krieges in weite Ferne rückt, anstatt sie näher zu bringen.

Insgesamt tritt Clausewitz somit keineswegs als einseitig, dem absoluten Krieg verfallener Theoretiker auf, der ausschließlich den Kampf zwischen Streitkräften betrachtet, sondern es lässt sich von seinem Werk ein breites Spektrum an Wirkungen ableiten, die vom Gebrauch der Streitkräfte ausgehen können. Allein, so sagt er, sind die gegnerischen Streitkräfte doch in der Regel dazu bestimmt, das Land zu verteidigen bzw. die sich darauf befindlichen Gegenstände zu schützen,[33] daher ist die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte doch immer das wesentliche und erste Prinzip im Gefecht, welches die Resultate davon – Eroberung von Land und/oder Gegenständen – erst ermöglicht.[34] Aber, so wird der Skeptiker einwenden, es gibt doch eine Reihe von Eroberungen, Plünderungen und Streifereien, die ohne Kampf Streitkraft gegen Streitkraft stattgefunden haben. Wie ist dies zu erklären und mit der Idee des Gefechts als einzig wirksames Mittel zu vereinen?

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Kapitel V.2 - Übersicht

  • V.2.1 Begriff des Gefechts und dessen Entscheidung

       Das Gefecht ist der Kampf zwischen zwei Streitkräften, d.h. „bewaffnete Menschen“[1] befinden sich im unmittelbaren, kollektiven Zweikampf gegeneinander. Aus dieser Duellsituation ergibt sich zwangsweise die Notwenigkeit, den Gegner zu vernichten, allein schon, um nicht selbst vernichtet zu werden.[2] Dass dem Kampf ausgewichen werden kann, dass er gemieden werden kann und dass damit ganz andere Zwecke verfolgt werden können als die Vernichtung des Gegners sei hiervon vollkommen unbenommen. Zunächst ist die Vernichtung des Gegners das einzige und nächste, was bewaffnete Menschen im Kampf tun können und müssen.[3] Diese Wechselwirkung des Kampfes muss logisch betrachtet solange fortgesetzt werden, bis eine der beiden Parteien a) vollständig vernichtet ist, b) sich ergibt, d.h. die Waffen niederlegt und ergo wehrlos ist oder c) die Read More
  • V.2.2 Unmittelbare Wirksamkeit des Gefechts für die Strategie

       Bisher wurde der Begriff des Gefechts und vor allem die Bedeutung der damit eng verbundenen Krise dargestellt. Der wirksamste mögliche Nutzen des Gefechts lag nach dem bisher Gesagten darin, den Gegner in eine Krise zu versetzen, welche länger andauert als die eigene und dadurch selbst Handlungsfreiheit zu erlangen. Ebenso wurde allerdings dargestellt, dass ein Gefecht auch unentschieden enden kann und eine Entscheidung des Gefechts somit keine Notwendigkeit darstellt. Zudem wird der Nutzen der Entscheidung umso begrenzter, je kleiner das Zeitfenster der daraus resultierenden Handlungsfreiheit ist und je weniger entschlossener die Strategie dieses Fenster benutzt. Es wäre daher unwahr, würde dieses Zeitfenster als einziger Nutzen des Gefechts für die Strategie verstanden werden. Es gibt vielmehr eine Reihe von unmittelbaren Wirksamkeit, Read More
  • V.2.3 „Mögliche Gefechte sind [...] als wirkliche zu betrachten“

       Die Methode, das Gefecht als einziges wirksames Mittel der Strategie zu betrachten und darin die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte als wesentliches Prinzip zu identifizieren, wirkt auf den ersten Blick wenig verständlich. Scheint doch, wie Clausewitz selbst schreibt, die Geschichte zu verdeutlichen, dass die großen Siege stets außerhalb des unmittelbaren Kampfes errungen wurden, nämlich dort, wo der Gegner im Angesicht einer Übermacht die Waffen kampflos niederstreckte.[2] Man könnte hier also sagen, dass die hohe Kunst der Strategie nicht der Gebrauch des Gefechts, sondern die Vermeidung desselben sei und mit diesem Gedanken muss auch das gesamte Clausewitz’sche System in Frage gestellt werden.   Clausewitz wiederspricht dem allerdings dezidiert und sagt, dass in den Fällen der großen, kampflosen Erfolge es allein die Read More
  • V.2.4 Das Benutzen des Sieges am Beispiel der Verfolgung

       Im Clausewitz‘schen Verständnis ist es die Aufgabe der Strategie, die einzelnen Gefechte anzuordnen, zu planen und in einem Gesamtzusammenhang auf das strategische Ziel auszurichten. Sie tut dies, indem sie Kräfte, Raum und Zeit für jedes Gefecht bestimmt.   „Die Strategie bestimmt den Punkt, auf welchem, die Zeit, in welcher, und die Streitkräfte, mit welchen gefochten werden soll; sie hat also durch diese dreifache Bestimmung einen sehr wesentlichen Einfluß auf den Ausgang des Gefechts. Hat die Taktik das Gefecht geliefert, ist der Erfolg da, er mag nun Sieg oder Niederlage sein, so macht die Strategie denjenigen Gebrauch davon, welcher sich nach dem Zweck des Krieges davon machen läßt. Dieser Zweck des Krieges ist natürlich oft ein sehr entfernter und in Read More
  • V.2.5 Zusammenfassung

       Clausewitz behauptet, es gäbe in der Kriegführung, d.h. im eigentlichen Sinne in der Strategie, nur ein Mittel und dies sei „der Kampf“[1] bzw. „das Gefecht“[2]. Alle kriegerischen Tätigkeiten, d.h. die Ausbildung, Verpflegung und Ausrüstung von Soldaten, das Marschieren, das Aufstellen und das Schießen derselben, würde letztlich dem einen Ziel dienen, dass der Soldat „an rechter Stelle und zur rechten Zeit“[3] kämpft. Es endigen also alle Handlungen der kriegerischen Tätigkeit im Gefecht. Wenn die Strategie die Anordnung dieser Gefechte bestimmt, so hat sie hiermit sämtliche kriegerische Tätigkeit in sich aufgefasst; gleichwohl kann sie nicht vollkommen frei bestimmen, sondern die Natur ihres Mittels, d.h. die Gegebenheiten, Erfordernisse und Auswirkungen des Gefechts, wirken auf die Möglichkeiten und Bestimmungen der Strategie zurück. Dass Read More
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