Im Clausewitz‘schen Verständnis ist es die Aufgabe der Strategie, die einzelnen Gefechte anzuordnen, zu planen und in einem Gesamtzusammenhang auf das strategische Ziel auszurichten. Sie tut dies, indem sie Kräfte, Raum und Zeit für jedes Gefecht bestimmt.

 

„Die Strategie bestimmt den Punkt, auf welchem, die Zeit, in welcher, und die Streitkräfte, mit welchen gefochten werden soll; sie hat also durch diese dreifache Bestimmung einen sehr wesentlichen Einfluß auf den Ausgang des Gefechts. Hat die Taktik das Gefecht geliefert, ist der Erfolg da, er mag nun Sieg oder Niederlage sein, so macht die Strategie denjenigen Gebrauch davon, welcher sich nach dem Zweck des Krieges davon machen läßt. Dieser Zweck des Krieges ist natürlich oft ein sehr entfernter und in den seltensten Fällen ein ganz naheliegender.“[1]

 

„Das Schwierige, den Sieg möglichst vorzubereiten, ist ein stilles Verdienst der Strategie, sie wird kaum darüber belobt. Glänzend und ruhmvoll erscheint sie, indem sie den erfochtenen Sieg benutzt.“[2]

 

Aus diesen beiden Zitaten lesen einige Interpreten heraus, dass die Strategie nicht nur den Auftrag habe, Gefechte durch die Bestimmung von dazugehörigen Kräften, Räumen und Zeitpunkten zu bestimmen, sondern dass sie darüber hinaus eine zweite Aufgabe wahrzunehmen habe, namentlich den Gebrauch des siegreichen Gefechts.[3]

 

Sind wir bisher der Frage nachgegangen, was das Gefecht überhaupt ist und was es unmittelbar bewirkt, so stellt sich nun die Frage, wie die Strategie das siegreiche Gefecht benutzen kann. Clausewitz widmet dieser Frage das zwölfte Kapitel des vierten Buches „Strategische Mittel, den Sieg zu benutzen“[4]. Dort schreibt er:

 

„[...] für alle denkbaren Verhältnisse bleibt es wahr, daß ohne Verfolgen kein [taktischer] Sieg eine große Wirkung haben kann, und daß, wie kurz auch die Siegesbahn sein mag, sie immer über die ersten Schritte des Verfolgens hinaus führen muß [...].

 

Das Verfolgen eines geschlagenen Gegners hebt mit dem Augenblick an, wo dieser, das Gefecht aufgebend, seinen Platz verläßt; alle früheren hin- und hergehenden Bewegungen können dazu nicht gerechnet werden, sondern gehören der Schlachtentwicklung selbst an. Gewöhnlich ist der Sieg in dem hier bezeichneten Augenblick, wenngleich unzweifelhaft, doch noch sehr klein und schwach und würde in der Reihe der Begebenheiten nicht viel positive Vorteile gewähren, wenn er nicht durch das Verfolgen des ersten Tages vervollständigt würde. Da werden, wie wir gesagt haben, meistens erst die Trophäen geerntet, die den Sieg verkörpern.“[5]

 

Dies muss auf den ersten Blick Befremden auslösen, da hier offensichtlich der junge Clausewitz durchkommt, der die ganze Energie der Kriegsführung mit aller Kraft auf die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte auslegen wollte und dabei solchen Feldherrn Geringschätzung entgegen brachte, die nicht dem „Vernichtungsprinzip“[6] folgten.[7] Hintergrund ist, dass das gesamt Vierte Buch als eines der ältesten Bücher auch tatsächlich im Lichte des absoluten Krieges verfasst wurde. Im Rahmen der Abfolge der einzelnen Kapitel kann daher durchaus nachvollzogen werden, wie sehr Clausewitz in diesem Buch vorrangig die Hauptschlacht anstrebt und der Gebrauch des Sieges sich auf diese bezieht.

 

Nun sollte aber die Feststellung, dass dieser Teil des Clausewitz’schen Werkes älteren Ursprungs ist und einer anderen Denkrichtung unterworfen war, nicht dazu führen, dass die dort getroffenen Aussagen schlicht verdrängt, ignoriert oder generell für falsch erklärt werden. Die entsprechenden Inhalte werden nämlich durch ihren Bezug zum absoluten Krieg nicht generell unwahr, sondern sie müssen von ihrem grundsätzlichen und dogmatischen Anspruch entkleidet und als nur unter spezifischen Bedingungen als zutreffend verstanden werden.[8] Wenn also dem oben wiedergegebenen Zitat die Aussage zu entnehmen ist, dass einem taktischen Sieg seine eigentliche Wirkung erst durch die sich anschließende Verfolgung gegeben wird, so ist dies nicht generell für alle Kriege zutreffend, sondern nur unter sehr speziellen Bedingungen. Im Folgenden soll die Verfolgung als ein Beispiel betrachtet werden, wie die Strategie ein siegreiches Gefecht benutzen kann, damit dieses im Anschluss abstrahiert und die Mittel der Strategie im Allgemeinen weiter verdeutlicht werden können. Es muss also zunächst die Idee der Verfolgung näher untersucht werden.

 

Die Verfolgung beginnt mit der Flucht des Gegners. Dabei muss jedoch unterschieden werden, ob ein Gegner tatsächlich flieht, d.h. seine innere Ordnung tatsächlich zusammengebrochen ist und er führungs- und kopflos vom Gefechtsfeld eilt, oder ob er ausweicht, d.h. sich bewusst und geordnet vom Gefechtsfeld zurückzieht, ohne dabei jedoch kopflos zu sein. Im letzteren Falle wird der Verfolgte auf nachstoßenden Feind vorbereitet sein. Es ist in dieser Situation „zwar ein Entreißen des Sieges nicht zu befürchten, aber nachteilige Gefechte bleiben doch möglich und können die bis dahin erhaltenen Vorteile schwächen.“[9]  Ist nun gar der ausweichende Gegner nicht aus Zwang gewichen, sondern aufgrund einer taktischen Überlegung[10] oder einer List[11], so kann hier gar nicht von einem ursprünglich siegreichen Gefecht ausgegangen werden, d.h. das Gefecht war ohne Entscheidung.

 

Die Voraussetzung für ein wahres und erfolgsversprechendes Verfolgen ist also, dass der Gegner in einer tiefen, anhaltenden Krise die Flucht ergreift, während der Sieger seine Krise überwindet; es geht der Verfolgung also die Entscheidung[12] voraus. Hier muss nun noch unterschieden werden, ob der geschlagene, ausweichende Gegner nur einen kleinen Teil der gesamten Streitkräfte abbildet und er also zurück zu seiner Hauptstreitmacht eilt oder ob es sich bei dem vorangegangenen Gefecht um eine Hauptschlacht handelte, bei welcher die Großteile beider Heere aufeinandertrafen.[13] Im ersten Falle kann das Verfolgen offensichtlich nur solange erfolgreich sein, wie der Verfolgte seine sichere Hauptstreitmacht nicht erreicht hat. Ist das verfolgte Heer aber eine Hauptstreitmacht, so endigt die Verfolgung erst, wenn der Verfolger die Verfolgung abbricht, der Verfolgte die Waffen streckt oder seine Krise wieder überwunden hat und dem Verfolger ein Gefecht anbietet.

 

Clausewitz unterscheidet verschiedene Formen der Verfolgung. Zunächst differenziert er zeitlich zwischen dem ersten (taktischen) Verfolgen und dem weiteren (strategischen) Verfolgen, zudem gibt er jeder dieser beiden Formen drei unterschiedliche Intensitätsgrade. Damit ergibt sich folgende Tabelle, welche im weiteren Verlauf näher erläutert werden soll.

 

Art des Verfolgens

Intensitätsgrad

+

++

+++

Erstes/Taktisches

Mit bloßer Reiterei

Durch starke Avantgarde

Mit dem ganzen Heer

Weiteres/Strategisches

Nachrücken

Drängen

Parallelmarsch

 

Tabelle 5 - Verschiedene Formen des Verfolgens

 

Das erste Verfolgen ist für ihn das „Recht eines jeden Siegers und kaum in irgendeiner Abhängigkeit von seinen weiteren Plänen und Verhältnissen.“[14] Es kann also auch bei allen Nebengefechte und bei Gefechten von unterschiedlichster Bedeutung geschehen. Das erste Verfolgen ist die Fortsetzung des unmittelbaren Kampfes auf den fliehenden Gegner. Dies kann in drei Intensitätsgraden geschehen, die sich nach der Stärke der unmittelbaren Verfolger bemessen:

 

  1. „Mit bloßer Reiterei“[15], d.h. im modernen Sinne mit leichten und schnellen Kräften, die zwar keinen großen Schaden anrichten werden, aber auch schnell wieder ausweichen können. Der Verfolger geht hier also nur ein geringes Risiko ein, hat aber auch keine große Wirkung zu erhoffen, außer dass die Fühlung zum Feind erhalten bleibt.

  2. „Durch eine starke Avantgarde von allen Waffen“[16], d.h. im heutigen Sinne mit einem Teil des Heeres, der durchaus kampfstark ist, aber nicht das Ganze darstellt. Das Risiko des Verfolgers steigt hier, denn eine solche Einheit kann sich schwieriger aus einem Hinterhalt lösen, ist unbeweglicher und kann folglich ganz verloren gehen, wenn der Gegner den Rückzug z.B. nur vorgetäuscht hat. Der Schaden, den die Avantgarde unter günstigen Bedingungen dem Gegner zufügen kann, ist dabei zwar ungleich größer, doch wird sie sich nie allzu weit von den Hauptkräften entfernen, d.h. sie kann die Verfolgung nur einen sehr begrenzten Zeitraum lang aufrechterhalten. Zudem kann die Avantgarde sich eigentlich nur aus der taktischen Reserve bilden, welche über die bisher kämpfenden Kräfte angreift, um dem fliehenden Gegner nachzusetzen. Dies versetzt den taktischen Führer in die zusätzliche Gefahrenlage, nun über keine Reserven mehr zu verfügen und die Hauptkräfte, die sich erst wieder sammeln und zu Kräften kommen müssen, einer gewissen Schutzlosigkeit Preis zu geben.

  3. „Wenn das siegreiche Heer selbst im Vorgehen bleibt, soweit die Kräfte reichen.“[17] Bei diesem offensichtlich höchsten Intensitätsgrad ist der Effekt der Verfolgung wohl der größte. Gleichwohl ist selbstverständlich auch das Risiko sehr hoch, denn wenn es sich beim Ausweichen des Gegners lediglich um eine List oder um ein bewusstes Manöver handelt, so läuft der Verfolger durchaus Gefahr, des ganzen Sieges entledigt zu werden und sogar selbst in eine sehr nachteilige Lage zu geraten. Darüber hinaus mag es ein enormer Kraftakt sein, ein Heer unmittelbar nach einer Schlacht erneut zum weiteren Angriff anzutreiben.[18]

 

Das erste Verfolgen dauert für Clausewitz gewöhnlich bis zum Einbruch der Dunkelheit und nur sehr wenige Verfolgungen könnten auch in der Nacht fortgesetzt werden.[19] Hintergrund ist, dass in nächtlichen Gefechten neben anderen Widrigkeiten auch eine einheitliche wendige Führung nahezu unmöglich erscheint.[20] Ein nächtlicher Überfall muss daher besonders gut geplant sein, was vor dem Hintergrund einer Verfolgung unmöglich erscheint, oder er muss durch ein enormes moralisches Übergewicht herbeigeführt werden, so dass dieses „allein hinreichend ist, die Stelle der Leitung zu vertreten“[21]. Dieser Sachverhalt kann wohl auch auf heutige Zeiten übertragen werden, denn auch wenn seitens der Rüstungsindustrie der Eindruck erweckt wird, der Kampf könne aufgrund technischer Errungenschaft bei Tag und Nacht gleich gut geführt werden, so reicht doch ein Blick durch aktuelle Nachtsichtgeräte und noch mehr der Versuch, sich damit bei Nacht zu orientieren, um sich der Nachteile eines nächtlichen Gefechts bewusst zu werden. Die sogenannte Nachtkampffähigkeit ist nur solange von Vorteil, wie der Gegner darüber nicht verfügt. Ist er ebenso damit ausgerüstet, so scheinen mir die Vor- und Nachteile des nächtlichen Gefechts in gleichem Maße vorhanden, wie vor 280 Jahren.

 

Wie lange aber das erste Verfolgen konkret auch andauern wird, immer muss ein Punkt gedacht werden, an dem der Angreifer anhalten und sich selbst ordnen, also die eigene Krise vollständig überwinden muss. Schon daran ist erkennbar, dass dieses erste Verfolgen eigentlich noch zum ursprünglichen Gefecht als „ein zweiter Akt des Sieges“[22] gedacht werden muss. Auch Clausewitz bezeichnet dieses erste Verfolgen als taktische Tätigkeit,[23] worauf die Strategie zwar erheblichen Einfluss hat, diese aber ihrem Wesen nach nicht unmittelbar bestimmt.

 

Tatsächlich strategischer Art ist hingegen das weitere Verfolgen des Gegners, nachdem die innere Ordnung des Siegers wieder hergestellt ist. Dieses Verfolgen ist begrifflich nur dann zweckmäßig, wenn es das Folgeprodukt einer Hauptschlacht ist, der ausweichende Gegner also die Gesamtheit oder zumindest den Großteil des gegnerischen Heeres abbildet. Denn handelte es sich bei dem ursprünglichen Gefecht um ein Nebengefecht, so ist die Vernichtung entweder im ersten Verfolgen gelungen oder ihr Erfolg ist unwahrscheinlich, denn je kleiner eine Streitmacht, desto schneller ist ihre Krise überwunden[24] und daraus kann gefolgert werden, dass das Verfolgen einer kleinen Streitmacht höchstens ein neuerlicher Angriff sein könnte. Zudem ist der Verfolgte umso schneller je kleiner er ist und umso schwieriger auffindbar und all dies muss ein Verfolgen doch sehr erschweren. Schließlich kann das Verfolgen einer kleinen Streitmacht höchstens mit einer ebenfalls kleinen Streitmacht gedacht werden, da die eigene Hauptstreitkraft doch die gegnerische Hauptstreitmacht im Auge haben muss und sich daher nicht im Verfolgen unwichtiger Nebenziele aufreiben kann. Hier reicht es festzustellen, dass das Verfolgen als strategischer Akt nur in der Folge einer Hauptschlacht von größerer Bedeutung sein kann.

 

Auch die strategische Verfolgung teilt Clausewitz in drei Intensitätsgrade; nunmehr allerdings nicht nach ihrer Stärke, sondern nach einem anderen Kriterium, welches viel über die eigentliche Leistung der Strategie aussagt. Die drei Grade des Verfolgens sind:

 

  1. „Ein bloßes Nachrücken“[25]. Bei diesem schwächsten Grad der Verfolgung wird dem Ausweichweg des Gegners schlicht gefolgt, ohne dass Angriffe unternommen werden. Durch das ständige Nachrücken kommt der Gegner nie in eine sichere Lage und wird zu einer fortwährenden Ausweichbewegung gezwungen. Der Verfolger erobert somit Stück für Stück und mit wenigen Anstrengungen Raum und nimmt auch Kriegsgerät oder Verwundete auf, welche der Gegner zurücklassen muss. Diese Art des Verfolgens führt jedoch zu keiner Verstärkung der feindlichen Krise, sondern die Moral, die innere Ordnung und die körperliche Verfassung der Verfolgten kann nach und nach wieder hergestellt werden, so dass diese Form der Verfolgung solange andauert, bis der Verfolgte sich stark genug fühlt, das Gefecht wieder aufzunehmen, also stehen zu bleiben und dem Verfolger das Gefecht anzubieten. Es handelt sich bei dieser Form also um ein Ausnutzen des Sieges ohne aber dessen Wirkung zu vergrößern, d.h. die Krise beim Gegner zu verlängern oder zu verstärken.[26]

  2. „Ein eigentliches Drängen“[27]. Bei dieser Steigerung des bloßen Nachrückens wird nicht nur der Gegner verfolgt, sondern er wird immer dort, wo er zu langsam wird oder wo er sich zu Pausen niederlassen will, angegriffen. Er wird so zu einem schnelleren Zurückgehen gezwungen, als es ihm seine Kräfte eigentlich erlauben und hierdurch, wie auch durch das Bewusstsein, nicht Herr des Geschehens zu sein, wird der Gegner in seinem Rückzug moralisch und körperlich immer weiter geschwächt. Hier wird also nicht nur das durch den ursprünglichen Sieg gewonnene Übergewicht ausgenutzt, sondern der ursprüngliche Sieg wird durch weitere kleine Gefechte noch gesteigert; die Moral des Gegners verschlechtert sich zunehmend. Allein, durch das eigentliche Drängen ist kein großer Sieg zu erhoffen, denn dies wird notwendigerweise an einem Punkt enden, an welchem der Verfolger keine Kräfte mehr hat, weiter zu verfolgen oder an welcher der Verfolgte sich stark genug fühlt, seinem Verfolger das Gefecht anzubieten. In beiden Fällen hat der Verfolger noch keinen unzweifelhaften strategischen Sieg errungen.

 

Erschwerend kommt hinzu, dass das Drängen für den Verfolgenden ein ungleich größerer Kraftakt als das bloße Nachrücken darstellt, denn so, wie er den Verfolgten treibt, so muss er sich schließlich auch selbst bewegen und ihm werden hier also erhebliche körperliche Anstrengungen abverlangt. Dabei wird es dem Verfolger erheblich schwerer fallen wird, die eigenen Kräfte zum kraftraubenden Verfolgen zu motivieren. Während nämlich bei den Verfolgten jeder Einzelne ein großes Motiv zur Anstrengung hat, namentlich sein eigenes Überleben, das Erbringen der körperlichen Anstrengung somit alternativlos ist, muss der verfolgende Feldherr seine Streitkraft zur Anstrengung antreiben, wo doch ein bloßes Nachrücken viel bequemer und nicht wesentlich uneffektiver zu sein scheint.[28] Wird nun weiter berücksichtigt, dass der Verfolger beim eigentlichen Drängen auch immer Gefahr läuft durch die kleinen Gefechte mehr abgenutzt zu werden als er den Verfolgten abnutzt, so wird umso mehr verständlich, dass das eigentliche Drängen eher die Ausnahme bildet und eigentlich nur dort denkbar ist, wo der Drang zu großen Erfolgen zwar da ist, die Beschaffenheit des Geländes aber den Parallelmarsch verbietet.[29]

 

  1. „Ein Parallelmarsch zum Abschneiden“[30] ist „der dritte und wirksamste Grad des Verfolgens“[31]. Das geschlagene Heer wird, so Clausewitz, gewöhnlich einen Punkt haben, welches es erreichen will, sei es weil es sich von diesem Punkt aus besser verteidigen kann oder weil ab dort der weitere Rückzug vereinfacht wird. Ist dieser Punkt vom Verfolger identifiziert, so kann er einen anderen, möglichst parallelen Weg nehmen und versuchen, den Feind zu überholen und diesen Punkt vor ihm zu erreichen. Hierdurch wird der Verfolgte ganz enorm beschleunigt, da es für ihn katastrophale Folgen hätte, wenn der Verfolger diesen Punkt vor ihm erreichen und somit den Weg abschneiden würde. Der weitere Rückzug wäre ihm dann verwehrt und er müsste eine erneute Hauptschlacht unter schlechteren Bedingungen eingehen, ganz aufgeben oder einen noch größeren Umweg machen. „Dieser letzte Weg ist der allerschlimmste, da er gewöhnlich nur wie ein neues Borgen eines unzahlungsfähigen Schuldners zu betrachten ist und zu noch größerer Verlegenheit führt.“[32] Für den Verfolgten ist die Gefahr also viel größer als beim eigentlichen Drängen und er wird seine Kräfte noch mehr verausgaben und somit das Übergewicht des ursprünglichen Siegers noch vergrößern. Der Verfolger hingegen hat nun einen großen Sieg vor Augen und wird allein daraus Kräfte schöpfen. Da vorauszusetzen ist, dass der Verfolgte den kürzesten Weg zum Ziel nehmen wird und darüber hinaus später startet, kann durchaus angenommen werden, dass es dem Verfolger jedoch viel schwieriger sein wird, diesen Punkt vor dem Verfolgten zu erreichen. Wer auch immer diesen Punkt aber als erstes erreicht, der Verfolger wird schließlich seinen ursprünglichen Sieg im Rahmen seiner Möglichkeiten maximal vergrößert haben, weil er entweder den Gegner zu äußerster Eile gezwungen und dadurch arg geschwächt haben wird und weil er sämtliches Land, was der Gegner in aller Eile aufgeben musste, sowie die darauf befindlichen Materiallager und das zurückgebliebene Kriegsgerät nun besitzt oder – falls er den Punkt als erster erreicht – weil er durchaus hoffen kann, die feindliche Streitmacht vollständig und ohne großen Widerstand zu schlagen bzw. gefangen zu nehmen. Gleichwohl muss aber auch zugegeben werden, dass dies der Weg des größten Risikos ist, denn der Verfolgte hat allein hierbei die Möglichkeit, alle Kraft nochmals zusammen zu nehmen und den Verfolger überraschend von der Seite anzugreifen und im Rahmen eines vorteilhaften Gefechts seine ursprüngliche Niederlage zu neutralisieren.[33]

 

Diese Betrachtungen über das weitere, strategische Verfolgen zeigen drei Dinge ganz maßgeblich. Zum einen ist das Benutzen des Gefechts offensichtlich nichts anderes als das Planen und Bestimmen neuer Gefechte, denn nichts anderes wurde hier dargestellt. Den taktischen Sieg vorzubereiten und diesen Sieg später zu benutzen sind also keineswegs unterschiedliche Tätigkeiten, sondern die Benutzung des Sieges ist gleichermaßen die Vorbereitung des nächsten Sieges und diese Kette soll schließlich im Gesamtsieg endigen, d.h. zum Erreichen des strategischen Erfolges und in der Folge zur Überwindung des gegnerischen politischen Willens führen. Wenn also vom Gebrauch des Sieges gesprochen wird ist damit konkret eine kurzfristige Änderung des Feldzugplans gemeint, welche die gegenwärtige, durch die Entscheidung herbeigeführte Schwäche des Gegners und die daraus resultierende Handlungsfreiheit ausnutzt, um die Wirkung des ersten Sieges zu erhöhen. Da also die konkrete Wirkung des Gefechts nicht im Detail vorhergesagt werden kann, ist die Strategie gezwungen, ihren Plan nach jedem einzelnen Gefecht augenblicklich zu modifizieren. „So folgt von selbst, dass die Strategie mit ins Feld ziehen muß, um das Einzelne an Ort und Stelle anzuordnen und für das Ganze die Modifikationen zu treffen, die unaufhörlich erforderlich sind.“[34]

 

Zum zweiten verdeutlicht das Beispiel der Verfolgung sehr gut die hauptsächliche Bedeutung der Strategie. Im Kapitel III.4.3 wurde festgestellt, dass die Effizienz, mit welcher die vorhandenen Kräfte die Vernichtung gegnerischer Kräfte suchen, durch die Strategie bestimmt wird. Dieses eigentliche Wesen der Strategie wird an dem Beispiel der Verfolgung sehr deutlich. Beim schwächsten Grad der Verfolgung wird die Vernichtung feindlicher Streitkräfte lediglich angedroht, aber nicht ernsthaft verfolgt. Beim zweiten Grad werden die Kräfte zwar bereits faktisch zum Zwecke der Vernichtung im Rahmen von kleinen Gefechten genutzt, doch geschieht dies nicht zusammengefasst in einem mächtigen Schlag, sondern über einzelne, kleine Schläge; die Effizienz ist also noch sehr gering. Erst im dritten Intensitätsgrad werden die Kräfte zusammengefasst dazu verwendet, mit höchster Kraft die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte zu suchen. Die Strategie bestimmt also durch die Anordnung der Gefechte im Wesentlichen die Effizienz, mit welcher die eigenen Streitkräfte dazu verwendet werden, die feindlichen Streitkräfte zu zerstören.

 

Drittens sagen diese Betrachtungen sehr viel über die Bestimmungen aus, welche die Strategie dem Gefecht geben kann. Beim niedrigsten Grad der Verfolgung, beim bloßen Nachrücken, wird das Gefecht nur angeboten, aber nicht gesucht. Es kommt also nur zustande, wenn der Gegner es will, d.h. wenn der Gegner das Gefecht annimmt bzw. sucht. Beim zweiten Grad, dem eigentlichen Drängen, werden zwar Gefechte gesucht, allerdings ohne eine Entscheidung darin herbeiführen zu wollen. Die Gefechte sind vielmehr darauf ausgelegt, dem Gegner ein bestimmtes Verhalten aufzuzwingen; der Angreifer begnügt sich also mit einer bestimmten unmittelbaren Wirksamkeit des Gefechts, in dem Falle die Fortsetzung der Ausweichbewegung, ohne die Entscheidung zu suchen, den Gegner also handlungsunfähig zu machen. Erst beim dritten Grad wird das angestrebte Gefecht so angelegt, dass die Entscheidung gesucht wird. Es werden also alle Anstrengungen unternommen, die feindlichen Streitkräfte zu vernichten. Wird nun noch bedacht, dass die Notwendige Voraussetzung für die Verfolgung offenkundig ist, dass der Verfolgte das Gefecht meidet, so ergeben sich hieraus vier unterschiedliche Bestimmungen der Strategie:

 

  • Das Gefecht suchen mit Entscheidung;

  • Das Gefecht suchen ohne Entscheidung zu einem positiven Zweck;

  • Das Gefecht anbieten zu einem negativen Zweck;

  • Das Gefecht vermeiden.

 

Damit ist insgesamt gezeigt worden, dass die Verfolgung kein eigenständiges Mittel der Strategie, sondern eine bestimmte Art der Anordnung von Gefechten ist. Dass selbst hierbei noch gravierend unterschiedliche Unterarten denkbar sind, zeigt, dass die Materie insgesamt viel komplexer ist, als der junge Clausewitz annahm. So ist das Parallelmarschieren nicht prinzipiell die wirksamste Form der Verfolgung, sondern nur unter bestimmten Voraussetzungen. Ist nämlich z.B. die Landnahme das Ziel der Strategie, so scheint es doch viel wirksamer, nicht den gefahrvollen und anstrengenden Weg des Parallelmarschierens zu wählen, sondern sich auf ein bloßes Nachrücken zu beschränken.

 weiter zu V.2.5 Zusammenfassung

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Kapitel V.2 - Übersicht

  • V.2.1 Begriff des Gefechts und dessen Entscheidung

       Das Gefecht ist der Kampf zwischen zwei Streitkräften, d.h. „bewaffnete Menschen“[1] befinden sich im unmittelbaren, kollektiven Zweikampf gegeneinander. Aus dieser Duellsituation ergibt sich zwangsweise die Notwenigkeit, den Gegner zu vernichten, allein schon, um nicht selbst vernichtet zu werden.[2] Dass dem Kampf ausgewichen werden kann, dass er gemieden werden kann und dass damit ganz andere Zwecke verfolgt werden können als die Vernichtung des Gegners sei hiervon vollkommen unbenommen. Zunächst ist die Vernichtung des Gegners das einzige und nächste, was bewaffnete Menschen im Kampf tun können und müssen.[3] Diese Wechselwirkung des Kampfes muss logisch betrachtet solange fortgesetzt werden, bis eine der beiden Parteien a) vollständig vernichtet ist, b) sich ergibt, d.h. die Waffen niederlegt und ergo wehrlos ist oder c) die Read More
  • V.2.2 Unmittelbare Wirksamkeit des Gefechts für die Strategie

       Bisher wurde der Begriff des Gefechts und vor allem die Bedeutung der damit eng verbundenen Krise dargestellt. Der wirksamste mögliche Nutzen des Gefechts lag nach dem bisher Gesagten darin, den Gegner in eine Krise zu versetzen, welche länger andauert als die eigene und dadurch selbst Handlungsfreiheit zu erlangen. Ebenso wurde allerdings dargestellt, dass ein Gefecht auch unentschieden enden kann und eine Entscheidung des Gefechts somit keine Notwendigkeit darstellt. Zudem wird der Nutzen der Entscheidung umso begrenzter, je kleiner das Zeitfenster der daraus resultierenden Handlungsfreiheit ist und je weniger entschlossener die Strategie dieses Fenster benutzt. Es wäre daher unwahr, würde dieses Zeitfenster als einziger Nutzen des Gefechts für die Strategie verstanden werden. Es gibt vielmehr eine Reihe von unmittelbaren Wirksamkeit, Read More
  • V.2.3 „Mögliche Gefechte sind [...] als wirkliche zu betrachten“

       Die Methode, das Gefecht als einziges wirksames Mittel der Strategie zu betrachten und darin die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte als wesentliches Prinzip zu identifizieren, wirkt auf den ersten Blick wenig verständlich. Scheint doch, wie Clausewitz selbst schreibt, die Geschichte zu verdeutlichen, dass die großen Siege stets außerhalb des unmittelbaren Kampfes errungen wurden, nämlich dort, wo der Gegner im Angesicht einer Übermacht die Waffen kampflos niederstreckte.[2] Man könnte hier also sagen, dass die hohe Kunst der Strategie nicht der Gebrauch des Gefechts, sondern die Vermeidung desselben sei und mit diesem Gedanken muss auch das gesamte Clausewitz’sche System in Frage gestellt werden.   Clausewitz wiederspricht dem allerdings dezidiert und sagt, dass in den Fällen der großen, kampflosen Erfolge es allein die Read More
  • V.2.4 Das Benutzen des Sieges am Beispiel der Verfolgung

       Im Clausewitz‘schen Verständnis ist es die Aufgabe der Strategie, die einzelnen Gefechte anzuordnen, zu planen und in einem Gesamtzusammenhang auf das strategische Ziel auszurichten. Sie tut dies, indem sie Kräfte, Raum und Zeit für jedes Gefecht bestimmt.   „Die Strategie bestimmt den Punkt, auf welchem, die Zeit, in welcher, und die Streitkräfte, mit welchen gefochten werden soll; sie hat also durch diese dreifache Bestimmung einen sehr wesentlichen Einfluß auf den Ausgang des Gefechts. Hat die Taktik das Gefecht geliefert, ist der Erfolg da, er mag nun Sieg oder Niederlage sein, so macht die Strategie denjenigen Gebrauch davon, welcher sich nach dem Zweck des Krieges davon machen läßt. Dieser Zweck des Krieges ist natürlich oft ein sehr entfernter und in Read More
  • V.2.5 Zusammenfassung

       Clausewitz behauptet, es gäbe in der Kriegführung, d.h. im eigentlichen Sinne in der Strategie, nur ein Mittel und dies sei „der Kampf“[1] bzw. „das Gefecht“[2]. Alle kriegerischen Tätigkeiten, d.h. die Ausbildung, Verpflegung und Ausrüstung von Soldaten, das Marschieren, das Aufstellen und das Schießen derselben, würde letztlich dem einen Ziel dienen, dass der Soldat „an rechter Stelle und zur rechten Zeit“[3] kämpft. Es endigen also alle Handlungen der kriegerischen Tätigkeit im Gefecht. Wenn die Strategie die Anordnung dieser Gefechte bestimmt, so hat sie hiermit sämtliche kriegerische Tätigkeit in sich aufgefasst; gleichwohl kann sie nicht vollkommen frei bestimmen, sondern die Natur ihres Mittels, d.h. die Gegebenheiten, Erfordernisse und Auswirkungen des Gefechts, wirken auf die Möglichkeiten und Bestimmungen der Strategie zurück. Dass Read More
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