Clausewitz behauptet, es gäbe in der Kriegführung, d.h. im eigentlichen Sinne in der Strategie, nur ein Mittel und dies sei „der Kampf“[1] bzw. „das Gefecht“[2]. Alle kriegerischen Tätigkeiten, d.h. die Ausbildung, Verpflegung und Ausrüstung von Soldaten, das Marschieren, das Aufstellen und das Schießen derselben, würde letztlich dem einen Ziel dienen, dass der Soldat „an rechter Stelle und zur rechten Zeit“[3] kämpft. Es endigen also alle Handlungen der kriegerischen Tätigkeit im Gefecht. Wenn die Strategie die Anordnung dieser Gefechte bestimmt, so hat sie hiermit sämtliche kriegerische Tätigkeit in sich aufgefasst; gleichwohl kann sie nicht vollkommen frei bestimmen, sondern die Natur ihres Mittels, d.h. die Gegebenheiten, Erfordernisse und Auswirkungen des Gefechts, wirken auf die Möglichkeiten und Bestimmungen der Strategie zurück. Dass darüber hinaus die Streitkräfte, z.B. durch Ausbildungsstand, Motivation, Ausrüstung usw., die Möglichkeiten der Strategie zur Gestaltung von Gefechten noch weiter einschränken, soll hier zunächst unberücksichtigt bleiben.

 

Die Taktik befasst sich mit dem Gebrauch der Streitkräfte im Gefecht. Dieses ist bestimmt durch den Kampf und damit einhergehend mit der Krise beider Streitkräfte. Das Ziel der Streitkräfte im Gefecht ist es notwendigerweise, die gegnerischen Kräfte zu vernichten. Diese Vernichtung geschieht in der Perspektive der Clausewitz’schen Kriegstheorie jedoch nicht um ihrer selbst willen, sondern ausschließlich aufgrund eines übergeordneten Zwecks. So schreibt er:

 

„Nun ist im Gefecht alle Tätigkeit auf die Vernichtung des Gegners oder vielmehr seiner Streitkräfte gerichtet, denn es liegt in seinem Begriff; die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte ist also immer das Mittel, um den Zweck des Gefechts zu erreichen.

 

Dieser Zweck kann ebenfalls die bloße Vernichtung der feindlichen Streitkraft sein, aber dies ist keineswegs notwendig, sondern er kann auch etwas ganz anderes sein. Sobald nämlich, wie wir gezeigt haben, das Niederwerfen des Gegners nicht das einzige Mittel ist, den politischen Zweck zu erreichen, sobald es andere Gegenstände gibt, welche man als Ziel im Krieg verfolgen kann, so folgt von selbst, daß diese Gegenstände der Zweck einzelner kriegerischer Akte werden können und also der Zweck von Gefechten.“[4]

 

An diesem Zitat wird zunächst ersichtlich, wie unbedarft Clausewitz mit seinen Zweck-Ziel-Mittel-Relationen umgeht. Kritisch ist hierbei die Wendung „Zweck des Gefechts“, denn wo immer Clausewitz diese Wendung nutzt, meint er eigentlich den Zweck der Taktik und dies ist gleichzusetzen mit dem Zweck des Gebrauchs von Streitkräften oder dem Zweck der Streitkräfte im Gefecht. Hintergrund ist eine auch in der Rezeptionsgeschichte vertretene sprachliche Ungenauigkeit, nach welcher Ziel und Zweck der Taktik mit Ziel und Zweck des Gefechts gleichzusetzen ist, gleichsam Ziel und Zweck der Strategie Ziel und Zweck des Krieges umschreiben.  Allein diese Vorstellung ist falsch, denn das Mittel der Taktik sind die Streitkräfte, das Mittel der Strategie die Gefechte. Das taktische Ziel ist also das Ziel der Streitkräfte, das strategische Ziel ist das Ziel der Gefechte sowie das politische Ziel das Ziel des Krieges ist.

 

Wir verstehen das obige Zitat also so, dass das Ziel der Streitkräfte im Gefecht immer die Vernichtung feindlicher Streitkräfte ist, dies aber nicht notwendigerweise auch der Zweck, sondern unter Umständen nur ein Mittel zur Verwirklichung des durch die Strategie vorgegebenen Zwecks ist. Wird das Ziel – in welchem Intensitätsgrad es auch immer verfolgt werden mag – durch den Gebrauch der Streitkräfte realisiert und ist es treffend, so kann in der Folge davon der Zweck eintreten und dies ist als die unmittelbare Wirkung des Gefechts zu betrachten, im eigentlichen Sinne also das Ziel des Gefechts. Die dabei möglichen unmittelbaren Wirkungen sind:

 

  • Vernichtung feindlicher Streitkräfte

  • Inbesitznahme von Land

  • Inbesitznahme/Zerstörung von Nichtstreitkräften

  • Vernichtung der feindlichen Absicht

  • (Täuschung)

 

Dies sind also die taktischen Zwecke der Streitkräfte im Gefecht und die strategischen Ziele der Gefechte im Krieg bzw. im Feldzug. Ein Gefecht kann also als erfolgreich betrachtet werden, wenn die von der Strategie angestrebte Wirkung eingetreten ist. Ein entscheidender Sieg im Gefecht ist jedoch nur dann verwirklicht, wenn die unterlegene Streitkraft im Ergebnis in einer tiefen Krise verbleibt, während der Sieger die Krise überwindet und daher ein großes Maß an Handlungsfreiheit zur Verfügung hat, um die Wirkungen des Gefechts ohne Gegenwehr beliebig zu verstärken und auszuweiten.

 

Jede dieser Wirkungen lässt sich freilich in eine Unzahl von Unterkategorien einteilen, so dass schließlich durchaus hinterfragt werden kann, ob diese Einteilung überhaupt einen Nutzen mit sich bringt:

 

„Wir haben nur ein Mittel im Kriege, das Gefecht, was aber bei der Mannigfaltigkeit seiner Anwendung uns in alle die verschiedenen Wege hineinführt, die die Mannigfaltigkeit der Zwecke zuläßt, so daß wir nichts gewonnen zu haben scheinen; so ist es aber nicht, denn von dieser Einheit des Mittels geht ein Faden aus, der sich für die Betrachtung durch das ganze Gewebe kriegerischer Tätigkeit fortschlingt und es zusammenhält.“[5]

 

Der wesentliche Nutzen ist also überhaupt die Feststellung, dass alles, was Streitkräfte im Krieg bewirken, schließlich auf der Ausführung oder der Idee des Gefechtes beruht und dieses Mittel also die einzige Wirksamkeit im Kriege darstellt. Denn was immer der eine tut bzw. tun will, kann von dem anderen nur durch ein wirkliches oder mögliches Gefecht unterbunden werden und umgekehrt, den Handlungsfreiraum, den ein Akteur benötigt, um etwas zu tun, kann er nur durch ein mögliches oder reales Gefecht erwirken. Für alle Wirksamkeiten von Streitkräften ist also die tatsächliche oder angedrohte Vernichtung feindlicher Streitkräfte als Ziel im Gefecht eine notwenige Voraussetzung.[6]

 

Ferner wurde gesagt, dass keine dieser unmittelbaren Wirkungen eine positive Wirkung an und für sich sei, dass sie also nicht per se zu einem strategischen Vorteil führen würden, sondern dass jede Wirkung ihren Sinn und Zweck für die Strategie erst in Bezug auf die Kombination von Gefechten erhält. So ist der Krieg als „eine Kette zu betrachten, die aus lauter Gefechten zusammengesetzt ist, wo eins immer das andere herbeiführt“[7].

Darüber hinaus sind die eigentlich entscheidenden Wirkungen des Gefechts meist moralischer Natur, woraus folgt, dass die angestrebte Wirkung individuell und daher zumeist spekulativ ist; ein erfolgreich geführtes Gefecht kann eine ganz unerwartete moralische Reaktion beim Gegner hervorrufen, wodurch dieser gar gestärkt aus dem Gefecht hervortritt. Ebenso gut kann ein sehr kleiner, knapper Gefechtserfolg eine immense, ausschlaggebende moralische Wirkung beim Feind erzeugen.[8] Hintergrund ist – und dies kann nicht oft genug betont werden – das sich im Krieg alles auf moralische Größen bezieht und diese sich jeder seriösen Berechnung und festen Vorhersage entziehen. Hierdurch wird also alles wieder einer großen Ungewissheit unterworfen, so dass erneut „alles Handeln gewissermaßen in einem bloßen Dämmerlicht verrichtet wird, was noch dazu nicht selten wie eine Nebel- oder Mondscheinbeleuchtung den Dingen einen übertriebenen Umfang, ein groteskes Ansehen gibt. Was diese schwache Beleuchtung an vollkommener Einsicht entbehren läßt, muß das Talent erraten, oder es muß dem Glück überlassen bleiben.“[9] Es muss also als eine wesentliche Aufgabe der Strategie verstanden werden, die Wirkung eines Gefechts zu erahnen bzw. abzuschätzen und auf dieser Grundlage die Gefechte anzuordnen.



[1]                 Clausewitz, Kriege, S. 222.

[2]                 Clausewitz, Kriege, S. 225.

[3]                 Clausewitz, Kriege, S. 223.

[4]                 Clausewitz, Kriege, S. 223.

[5]                 Clausewitz, Kriege, S. 225.

[6]                 Clausewitz, Kriege, S. 229.

[7]                 Clausewitz, Kriege, S. 353.

[8]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 460.

[9]                 Clausewitz, Kriege, S. 289.

 

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Kapitel V.2 - Übersicht

  • V.2.1 Begriff des Gefechts und dessen Entscheidung

       Das Gefecht ist der Kampf zwischen zwei Streitkräften, d.h. „bewaffnete Menschen“[1] befinden sich im unmittelbaren, kollektiven Zweikampf gegeneinander. Aus dieser Duellsituation ergibt sich zwangsweise die Notwenigkeit, den Gegner zu vernichten, allein schon, um nicht selbst vernichtet zu werden.[2] Dass dem Kampf ausgewichen werden kann, dass er gemieden werden kann und dass damit ganz andere Zwecke verfolgt werden können als die Vernichtung des Gegners sei hiervon vollkommen unbenommen. Zunächst ist die Vernichtung des Gegners das einzige und nächste, was bewaffnete Menschen im Kampf tun können und müssen.[3] Diese Wechselwirkung des Kampfes muss logisch betrachtet solange fortgesetzt werden, bis eine der beiden Parteien a) vollständig vernichtet ist, b) sich ergibt, d.h. die Waffen niederlegt und ergo wehrlos ist oder c) die Read More
  • V.2.2 Unmittelbare Wirksamkeit des Gefechts für die Strategie

       Bisher wurde der Begriff des Gefechts und vor allem die Bedeutung der damit eng verbundenen Krise dargestellt. Der wirksamste mögliche Nutzen des Gefechts lag nach dem bisher Gesagten darin, den Gegner in eine Krise zu versetzen, welche länger andauert als die eigene und dadurch selbst Handlungsfreiheit zu erlangen. Ebenso wurde allerdings dargestellt, dass ein Gefecht auch unentschieden enden kann und eine Entscheidung des Gefechts somit keine Notwendigkeit darstellt. Zudem wird der Nutzen der Entscheidung umso begrenzter, je kleiner das Zeitfenster der daraus resultierenden Handlungsfreiheit ist und je weniger entschlossener die Strategie dieses Fenster benutzt. Es wäre daher unwahr, würde dieses Zeitfenster als einziger Nutzen des Gefechts für die Strategie verstanden werden. Es gibt vielmehr eine Reihe von unmittelbaren Wirksamkeit, Read More
  • V.2.3 „Mögliche Gefechte sind [...] als wirkliche zu betrachten“

       Die Methode, das Gefecht als einziges wirksames Mittel der Strategie zu betrachten und darin die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte als wesentliches Prinzip zu identifizieren, wirkt auf den ersten Blick wenig verständlich. Scheint doch, wie Clausewitz selbst schreibt, die Geschichte zu verdeutlichen, dass die großen Siege stets außerhalb des unmittelbaren Kampfes errungen wurden, nämlich dort, wo der Gegner im Angesicht einer Übermacht die Waffen kampflos niederstreckte.[2] Man könnte hier also sagen, dass die hohe Kunst der Strategie nicht der Gebrauch des Gefechts, sondern die Vermeidung desselben sei und mit diesem Gedanken muss auch das gesamte Clausewitz’sche System in Frage gestellt werden.   Clausewitz wiederspricht dem allerdings dezidiert und sagt, dass in den Fällen der großen, kampflosen Erfolge es allein die Read More
  • V.2.4 Das Benutzen des Sieges am Beispiel der Verfolgung

       Im Clausewitz‘schen Verständnis ist es die Aufgabe der Strategie, die einzelnen Gefechte anzuordnen, zu planen und in einem Gesamtzusammenhang auf das strategische Ziel auszurichten. Sie tut dies, indem sie Kräfte, Raum und Zeit für jedes Gefecht bestimmt.   „Die Strategie bestimmt den Punkt, auf welchem, die Zeit, in welcher, und die Streitkräfte, mit welchen gefochten werden soll; sie hat also durch diese dreifache Bestimmung einen sehr wesentlichen Einfluß auf den Ausgang des Gefechts. Hat die Taktik das Gefecht geliefert, ist der Erfolg da, er mag nun Sieg oder Niederlage sein, so macht die Strategie denjenigen Gebrauch davon, welcher sich nach dem Zweck des Krieges davon machen läßt. Dieser Zweck des Krieges ist natürlich oft ein sehr entfernter und in Read More
  • V.2.5 Zusammenfassung

       Clausewitz behauptet, es gäbe in der Kriegführung, d.h. im eigentlichen Sinne in der Strategie, nur ein Mittel und dies sei „der Kampf“[1] bzw. „das Gefecht“[2]. Alle kriegerischen Tätigkeiten, d.h. die Ausbildung, Verpflegung und Ausrüstung von Soldaten, das Marschieren, das Aufstellen und das Schießen derselben, würde letztlich dem einen Ziel dienen, dass der Soldat „an rechter Stelle und zur rechten Zeit“[3] kämpft. Es endigen also alle Handlungen der kriegerischen Tätigkeit im Gefecht. Wenn die Strategie die Anordnung dieser Gefechte bestimmt, so hat sie hiermit sämtliche kriegerische Tätigkeit in sich aufgefasst; gleichwohl kann sie nicht vollkommen frei bestimmen, sondern die Natur ihres Mittels, d.h. die Gegebenheiten, Erfordernisse und Auswirkungen des Gefechts, wirken auf die Möglichkeiten und Bestimmungen der Strategie zurück. Dass Read More
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