1.1. Zeit

 

Schließlich bleibt als dritte Bestimmung der Strategie die Zeit, zu welcher ein Gefecht stattfinden soll. Hier ist es zunächst leicht, denn es ist offensichtlich das Vorrecht des Angreifers, den Zeitpunkt seines Angriffs und damit den Beginn des Gefechts zu bestimmen. Dem Verteidiger bleibt zunächst nur, den feindlichen Angriff abzuwarten und also ist er in diesem Punkt dem Angreifer ausgeliefert. Dies entbindet freilich den Verteidiger nicht davon, auch seinerseits einen Zeitpunkt festzulegen, denn auch er muss bestimmen, ab wann er für die Verteidigung bereit sein will, d.h. zum einen den entsprechenden Raum erreicht und zum anderen die notwendige Aufstellung eingenommen zu haben. Beginnt nämlich der Angriff vor der zeitlichen Bestimmung des Verteidigers, so ist entweder der Verteidiger noch gar nicht vor Ort, das Gefecht also nur ein mögliches und der Zweck fällt dem Angreifer ohne Widerstand in die Hände oder der Verteidiger wird überrascht und ist also noch nicht verteidigungsbereit, in Teilen also wehrlos.

 

Daraus ergibt sich, dass es für beide Parteien ein genereller Vorteil ist, das Gefecht zeitlich vor dem jeweils anderen zu bestimmen. Gleichwohl bedeutet jede zeitliche Vorverlegung des Gefechts auch immer die Steigerung der Anstrengungen, die notwendig sind um das Gefecht auch real zum vorgegebenen Zeitpunkt aufnehmen zu müssen. Zu einem Gefecht zu eilen ist offensichtlich gefährlicher und auch anstrengender, als sich dorthin mit Gemütlichkeit und Ruhe zu bewegen. Allein hierin findet sich erneut der Punkt, welchen die Strategie machen muss, indem sie Gefahren und Anstrengungen gegen Nutzen und Zweck abwägt.

 

Nun ist es aber die natürlichere Ordnung, dass der taktische Verteidiger sich bereits in Stellung befindet, während der Angreifer noch auf dem Anmarsch ist und alles andere wäre nicht auf schnelleres Marschieren, sondern auf einen Überraschungscoup zurückzuführen – denn wenn sich der ursprüngliche Angreifer aufgrund seines schnelleren Marsches vor dem anderen in dem zum Kampf bestimmten Raum befindet, so wird er selbst zum Verteidiger und es liegt am ursprünglichen Verteidiger, ihn dort anzugreifen oder nicht.  Es bleibt also immer die Strategie des taktisch Angreifenden, welche den Zeitpunkt eines Gefechts festlegt oder anders ausgedrückt: wer das faktische Gefecht zeitlich früher will als der andere, der muss selbst angreifen und somit auch die eigene Stellung sowie den dazu gehörigen Raum verlassen. Dies zeigt, dass Zeit und Raum aneinander gebunden sind und nicht isoliert betrachtet werden können. Wenn nämlich der eine das Gefecht früher will als der andere, so muss er den Raum des Gefechts dort bestimmen, wo sich der andere befindet.

 

Welcher der beiden Akteure das Gefecht früher will ergibt sich in der Regel aus den äußeren Umständen, nämlich aus der „Wahrscheinlichkeit einer Verbesserung oder Verschlimmerung ihrer Lage durch die Zukunft.“[1] Ein Stillstand im kriegerischen Akt, d.h. also das beidseitige Abwarten des feindlichen Angriffs, kann in der Regel nur einem Akteur zugutekommen, dem anderen muss an einer Fortsetzung des Handelns gelegen sein. Wenn z.B. ein Akteur dem anderen einen Landstrich streitig machen will, so bedeutet jedes Warten für ihn einen Nachteil, weil der andere seine Verteidigungsmaßnahmen derweil verstärken kann und die Aussicht auf Erfolg mit jedem Abwarten demnach sinkt. Dies muss gelten, solange nicht andere Umstände, wie z.B. das Erwarten einer Verstärkung der eigenen oder die fortschreitende Schwächung der anderen Streitkräfte, dem eigentlichen Angreifer einen Vorteil versprechen, welche die Wahrscheinlichkeit des Sieges mit dem Verstreichen der Zeit steigen lassen. In diesem Falle ist also der eigentliche Verteidiger in der unglücklichen Lage und es müsste in seinem Interesse liegen, das Gefecht zu einem früheren Zeitpunkt zu führen.[2]

 

Greifen wir das Beispiel aus Kapitel V.2.4 auf. Der strategische Verfolger einer geschlagenen Armee hatte dort die Möglichkeit sich mittels Parallelmarsch zwischen den Ausweichenden und dessen Rückzugsziel zu setzen und diesem also den weiteren Rückzug zu verwehren, indem er sich dort aufstellte und dem anderen das Gefecht anbot. Er hatte sich also durch ein Manöver in eine Lage versetzt, die es ihm ermöglichte, den Angriff des anderen abzuwarten, da jedes Abwarten ihm einen Vorteil brachte, wohingegen der Gegner umso mehr in den Nachteil geriet.[3]

 

Es bleibt also die Erkenntnis, dass es objektiv und logisch nur einer sein kann, dem das Abwarten als Vorteil dienen kann. Daraus wäre zu folgern, dass es keinen Stillstand im Kriege geben dürfe und dass also auch eine Bestimmung des Zeitpunktes überflüssig wäre, da immer derjenige mit dem positiven Motiv, d.h. derjenige, für den ein Abwarten nachteilhaft wäre, unmittelbar zum Angriff schreiten müsste. Nun erklärt Clausewitz ausführlich und gut verständlich, dass es im wirklichen Krieg so nicht ist, sondern dass im Gegenteil „ganz offenbar Stillstehen und Nichtstun der Grundzustand der Heeres mitten im Kriege ist und das Handeln die Ausnahme.“[4] Dies kann er dreifach begründen:

 

Zunächst führt die Unvollkommenheit der Einsicht, das Stützen auf Ungewissheiten und Wahrscheinlichkeiten dazu, dass es in den meisten Fällen unklar ist, wer durch das Abwarten in den Nachteil gerät und wer nicht. Dies kann sich sowohl in der unterschiedlichen Gewichtung verschiedener Einflüsse, wie auch in der unterschiedlichen Bewertung gleicher Gegenstände widerspiegeln.[5] Es kann also der A denken, dass seine Verteidigungsmaßnahmen einen größeren Vorteil darstellen als die herbeieilenden Unterstützungskräfte des B, während der B genau das Umgekehrte annimmt. Ebenso gut kann aber auch der B seine Hoffnungen auf die herbeieilenden Hilfstruppen legen, wobei der A seine Hoffnungen darauf legt, dass diese Unterstützung niemals eintrifft, sondern durch andere Kräfte geschlagen oder verzögert wird. So ist leicht nachvollziehbar, dass beide Parteien für sich den Vorteil des Abwartens in Anspruch nehmen – wobei logisch nachvollziehbar nur eine im Recht sein kann.

 

Zweitens führt Clausewitz an, dass der derjenige, der sich in der zeitlich ungünstigen Perspektive befindet, zu schwach sein kann, um anzugreifen und darum dazu gezwungen wird, das Zögern und Verstärken des Gegners abzuwarten:

 

„Wenn also derjenige, für welchen die Gegenwart günstig ist, zu schwach ist, um den Vorteil der Verteidigung entbehren zu können, so muß er sich gefallen lassen, der ungünstigeren Zukunft entgegenzugehen; denn es kann immer noch besser sein, sich in dieser ungünstigen Zukunft verteidigend zu schlagen, als jetzt angreifend [...]. Da nun nach unserer Überzeugung die Überlegenheit der Verteidigung (richtig verstanden) sehr groß und viel größer ist, als man sich beim ersten Anblick denkt, so erklärt sich daraus ein sehr großer Teil der Stillstandsperioden, welche im Kriege vorkommen, ohne daß man genötigt ist, dabei auf einen inneren Widerspruch zu schließen. Je schwächer die Motive des Handelns sind, um so mehr werden ihrer von diesem Unterschied von Angriff und Verteidigung verschlungen und neutralisiert werden, um so häufiger also wird der kriegerische Akt innehalten, wie die Erfahrung dies auch lehrt.“[6]

 

Anders ausgedrückt muss die erwartete Zukunft schon sehr aussichts- und hoffnungslos sein, damit ein sowieso schon unterlegener Akteur seine guten Verteidigungsstellungen verlässt, um sich in ein wenig erfolgversprechendes, offensives Gefecht zu stürzen. Dies hängt also mit der zentralen Frage zusammen, ob die durch das Abwarten erzeugte Verschlimmerung der Lage tatsächlich nachteilhafter ist, als die Aufgabe der durch die Verteidigung entstehenden Vorteile. Da auch hier wieder die „Ungewißheit aller Datis“[7], d.h. die Unvollkommenheit der Einsicht zu Tage tritt, führt dies – wie Clausewitz sagt – vollkommen ohne Widerspruch zur Theorie zum Stillstand des Handelns.

 

Der dritte Grund für diesen Stillstand ist schließlich die „natürliche Furchtsamkeit und Unentschlossenheit des menschlichen Geistes [...], die Scheu vor Gefahr und Verantwortlichkeit“[8]. Sich zu verteidigen bedarf zwar eines Willens und auch eines Entschlusses, aber dieser ist doch durch die gegebenen Notwendigkeiten leichter zu fassen, als der Entschluss zum Angriff. Wer sich aber zum Angriff entschließt, der läuft Gefahr ein Pulverfass zu öffnen und seinen Untergang selbst zu besiegeln. Es fällt dem Feldherrn also viel schwerer, ein offensives Gefecht zu beschließen, als in der derzeitigen, scheinbar sicheren Stellungen zu verharren, den Vorteil des Verteidigens auszunutzen und sich auf die hoffnungsvolle Vorstellung zu verlassen, dass die Umstände außerhalb des Gefechts sich noch positiv entwickeln mögen. Es wird so ersichtlich, dass alle drei genannten Gründe ineinandergreifen, einander befördern und den Feldherrn vom Entschluss zum Angriff abhalten.

 

Damit wurde nicht nur der Stillstand des Krieges im Rahmen der Kriegstheorie erklärt und begründet, sondern darüber hinaus wird auch ersichtlich, dass für die Strategie sehr wohl die Notwendigkeit besteht, den Zeitpunkt eines Gefechts zu bestimmen und dass sich darüber keine allgemeinen Aussagen treffen lassen können – denn es kann sein, dass der zum Angriff schreitende allen Grund zur Eile hat und daher den Zeitpunkt so kurz wie möglich zu setzen hat und damit die Wirksamkeit seiner Kräfte zu erhöhen sucht, es kann aber ebenso gut sein, dass er den Zeitpunkt möglichst nach hinten zu verlegen hat, um seine eigenen Vorteile abzuwarten. Es ist also festzuhalten, dass der Angreifer in manchen Fällen ein und denselben Zweck viel leichter mit viel weniger Widerstand erreichen kann, wenn er seinen Angriff nur hinreichend lange hinauszögert und nämlich andere Umstände und eine daraus resultierende Schwächung des Gegners abwartet. Vor diesem Hintergrund muss es die erste Aufgabe der Strategie sein, den günstigsten Zeitpunkt für den Angriff zu erkennen. Ebenso wichtig ist es aber, den Mut aufzubringen, den erkannten Zeitpunkt auch zu nutzen und den Angriff einzuleiten.

 



[1]                 Clausewitz, Kriege, S. 406.

[2]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 406 ff.

[3]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 483 f.

[4]                 Clausewitz, Kriege, S. 407.

[5]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 408 f.

[6]                 Clausewitz, Kriege, S. 205 f.

[7]                 Clausewitz, Kriege, S. 289.

[8]                 Clausewitz, Kriege, S. 408.

 

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Kapitel V.3 - Übersicht

  • V.3.1 Kräfte

       Der Strategie stehen für den gesamten Feldzug nur begrenzt viele Streitkräfte zur Verfügung. Die Größe dieser Kräfte ist grundsätzlich von der politischen Ebene aus bestimmt und somit für die Strategie als „ein Gegebenes“[1] zu betrachten.[2] Gleichwohl muss die Strategie die ihr zur Verfügung stehenden Kräfte disponieren, d.h. sie muss die Größe der für ein einzelnes Gefecht bestimmten Streitkräfte bestimmen.   Die Größe einer Streitkraft ist zunächst definiert durch die Anzahl der sich in ihr befindlichen Individuen. Dies ist freilich eine starke Vereinfachung, da sowohl die Fähigkeiten des einzelnen Individuums in Hinblick auf Ausrüstung, Übung, Erfahrung, Bewaffnung etc., als auch das Zusammengehörigkeits- und Gemeinschaftsgefühl der Individuen untereinander die Stärke einer Streitkraft erheblich beeinflusst. Darüber hinaus müssen die Fähigkeiten des taktischen Read More
  • V.3.2 Raum

    1.1. Raum Die zweite Größe, welche die Strategie zu bestimmen hat, ist der Raum, in welchem das Gefecht stattfinden soll. Die Bestimmung dieses Raumes kann in Bezug auf das Ergebnis des Gefechts von großer Bedeutung sein. Zwar gelten die Geländebedingungen für beide kämpfenden Parteien gleichermaßen und die daraus resultierenden Schwierigkeiten heben sich daher bis zu einem bestimmten Grad gegenseitig auf, doch kann hier nichtsdestotrotz ein Vor- oder Nachteil entstehen, je nachdem ob a) die Streitkräfte der einen Partei für dieses Gelände besser geeignet sind und b) dieses Gelände für den taktischen Zweck einer Partei besser geeignet ist als für den der anderen. Clausewitz stellt vor allem im sechsten und siebten Buch einen engen Bezug zwischen Geländebedingungen und Gefechtshandlungen her. Dabei Read More
  • V.3.3 Zeit

    1.1. Zeit Schließlich bleibt als dritte Bestimmung der Strategie die Zeit, zu welcher ein Gefecht stattfinden soll. Hier ist es zunächst leicht, denn es ist offensichtlich das Vorrecht des Angreifers, den Zeitpunkt seines Angriffs und damit den Beginn des Gefechts zu bestimmen. Dem Verteidiger bleibt zunächst nur, den feindlichen Angriff abzuwarten und also ist er in diesem Punkt dem Angreifer ausgeliefert. Dies entbindet freilich den Verteidiger nicht davon, auch seinerseits einen Zeitpunkt festzulegen, denn auch er muss bestimmen, ab wann er für die Verteidigung bereit sein will, d.h. zum einen den entsprechenden Raum erreicht und zum anderen die notwendige Aufstellung eingenommen zu haben. Beginnt nämlich der Angriff vor der zeitlichen Bestimmung des Verteidigers, so ist entweder der Verteidiger noch gar Read More
  • V.3.4 Zusammenfassung

    1.1. Zusammenfassung Bisher wurden Kräfte, Zeit und Raum als die wesentlichen Größen identifiziert, mit welchen die Strategie das einzelne Gefecht bestimmt. Diese drei Größen geben jedoch nur die Rahmenbedingungen für das Gefecht, für die inhaltliche Ausgestaltung desselben ist allerdings das damit zu verfolgende Ziel auch unumgänglich in die Betrachtung mit einzubeziehen. Als unmittelbares Ziel des Gefechts bezeichnen wir die sich daraus ergebende unmittelbare Wirksamkeit, welche die Strategie gebrauchen will, um fernere Ziele zu verwirklichen bzw. zu unterstützen. So kann das unmittelbare Ziel eines Gefechts sein, gegnerische Streitkräfte zu vernichten, um das ferneren Ziel der Landnahme wahrscheinlicher zu machen und ebenso gut kann das unmittelbare Ziel eines Gefechts die Einnahme eines bestimmten Raumes sein, um diesen später als entscheidende Stellung zur Read More
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