Kapitel V - Strategische Dimension: Effizienz der Kräfte

  • V.1 Einleitung

      Mit der strategischen Dimension des Krieges betrachten wir nun hauptthematisch dasjenige Handlungsfeld der Theorie des Krieges, welches für Clausewitz das ursprüngliche Hauptaugenmerk seines Werkes war. Diese Tatsache, dass nämlich Clausewitz in erster Linie über „die Theorie des großen Krieges oder die sogenannte Strategie“[1] schreiben wollte, wird in diesbezüglicher Sekundärliteratur gerne übersehen. Ihm ging es vordergründig darum zu analysieren, wie die Kräfte, die durch die Politik zur Führung des Krieges bestimmt wurden, idealerweise eingesetzt werden.   In der bisher betrachteten politischen Ebene haben wir in diesem Zusammenhang noch keine präzisen Vorstellungen entwickelt. Im Handlungsfeld der Politik lag die Bestimmung, ob Krieg geführt wird oder nicht und wenn ja, mit wie vielen Kräften. Die mit diesen Bestimmungen zusammenhängenden Entscheidungen sind für Read More
  • V.2 Das Gefecht als einzig wirksames Mittel der Strategie

       Während andere Darstellungen und Überlegungen, wie z.B. der Zusammenhang zwischen Krieg und Politik, in der wissenschaftlichen Literatur über Clausewitz zu erheblichen Auseinandersetzungen und verschiedensten Interpretationen führten, ist die Clausewitz’sche Idee vom Gefecht sowie dessen Nutzen für die Strategie bemerkenswert wenig behandelt und beachtet worden. Selbst Titel, die aus einer recht militärischen Perspektive verfasst sind, hinterfragen den Begriff des Gefechts nicht weiter.[1] Dies mag einerseits daran liegen, dass das mit „das Gefecht“ betitelte vierte Buch seines Werkes eines der ältesten ist und diesem daher ein älteres Gedankengut unterstellt wird, welches noch den absoluten Krieg als anzustrebendes Ideal betrachtet und sämtliche behutsamer geführten Kriege mehr oder weniger fehlerhaft nennt und auf einen Mangel an Energie und Willen zurückführt.[2] Die geringe Beachtung Read More
  • V.3 Unmittelbare strategische Bestimmung von Gefechten

       Im vorangegangenen Kapitel wurde das Gefecht als einzig wirksames Mittel in der Strategie betrachtet. Es wurde hierbei eine erste Vorstellung vom Ablauf und den möglichen Wirkungen eines Gefechtes erzeugt. Die Führung des Gefechts obliegt dabei der Taktik, welche die eigenen Streitkräfte mit dem Ziel gebraucht, feindliche Streitkräfte zu vernichten, um somit den durch das strategische Ziel vorgegebenen Zweck zu erfüllen. Die Wirkprozesse innerhalb des Gefechts werden im VI. Kapitel noch näher betrachtet, hier reichte es aus, die unterschiedlichen Wirksamkeiten, welche die Strategie dem Gefecht abfordern kann, aufgestellt zu haben.   Wenn der Krieg nun aus einem einzelnen Gefecht bestünde, dessen Ausgang über Sieg oder Niederlage des ganzen Krieges entscheidet, so wäre die Strategie kaum von Bedeutung, denn der Ausgang Read More
  • V.4 Der Handlungsrahmen der Strategie; Angriff und Verteidigung

    1. Der Handlungsrahmen der Strategie; Angriff und Verteidigung In den letzten beiden Kapiteln wurde das Clausewitz’sche Verständnis von dem einzelnen Gefecht analysiert. Das Gefecht stellt demnach das einzige wirksame Mittel der Strategie dar und aus diesem Grunde musste es umfänglich betrachtet werden. Nun muss es jedoch darum gehen, das einzelne Gefecht in einen Gesamtzusammenhang zum Krieg als Ganzes zu setzen und der Strategie damit ihre eigentliche Bedeutung zu geben. Im Kapitel IV.5 wurde festgestellt, dass es das Ziel des Krieges sei, den gegnerischen Willen zur Fortsetzung des bewaffneten Widerstandes zu brechen. Demnach ist es im Rahmen der Strategie der Zweck innerhalb des einzelnen Feldzuges, auf den gegnerischen Willen in diesem Sinne einzuwirken. Der Wille des Gegners zur Fortsetzung des Krieges Read More
  • V.5 Suche nach der besten Strategie und Bedeutung des Feldherrn

      1. Suche nach der besten Strategie und Bedeutung des Feldherrn   Vorherig wurde das Handlungsfeld der Strategie, d.h. das Spektrum, in welchem sie sich im Rahmen der Clausewitz’schen Kriegstheorie bewegen kann, ausführlich beschrieben. Nun kann die Theorie aber nicht bei diesen Handlungsgrenzen stehen bleiben. Viel interessanter wird es nämlich, wenn sie ihren Praxisbezug erhalten soll, d.h. wenn sie nicht nur die Fülle der verschiedenen strategischen Möglichkeiten beschreibt, sondern wenn sie zudem helfen soll, die richtige, d.h. treffende Strategie im Einzelfall zu wählen. Nicht zuletzt deshalb haben die meisten Clausewitzinterpreten die in den vorangegangenen Kapiteln unternommenen Untersuchungen umgangen und sich direkt unmittelbar unmittelbar auf die Folgerungen geworfen.   Read More
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V.6 Zusammenfassung: Strategie und Effizienz der Kräfte

V.6.1 Handlungsrahmen der Strategie

 

1.1. Handlungsrahmen der Strategie

 

Die Strategie ist für Clausewitz „die Lehre vom Gebrauch der Gefechte zum Zwecke des Krieges.“[1] Sie bestimmt das strategische Gesamtziel eines Feldzugs, legt dazu verschiedene Teilziele fest, die mit Kombinationen aus Gefechten erreicht werden sollen und bestimmt dazu Kräfte, Raum, Zeit und Ziel der einzelnen Gefechte. Das sich aus diesem Gesamtzusammenhang ergebende strategische Gesamtziel soll schließlich die Voraussetzungen für die Realisierung des Feldzugziels bzw. des Kriegsziels (Zweck der Strategie) schaffen, d.h. es soll die Beeinträchtigung des feindlichen Willens zur Fortsetzung des Krieges herbeiführen. Es ergeben sich also folgende Zweck-Ziel-Mittel-Relationen auf der strategischen Ebene:

 

 

 

Abbildung 10 - Untergliederung der strategischen Analyseebene nach Zweck, Ziel und Mittel

 

In Bezug auf die verschiedenen strategischen Ziele gilt, dass je größer es jeweils gewählt wird, desto sicherer ist es geeignet, um den jeweiligen Zweck zu erfüllen. Gleichwohl ist die Realisierung des Ziels umso gefährlicher respektive kostspieliger, je höher das Ziel gesetzt wird. Es entsteht somit stets ein dialektisches Verhältnis zwischen größerem und kleinerem Ziel, so dass nicht generisch bestimmt werden kann, ob die Verfolgung des jeweils größeren oder kleineren Ziels der zweckmäßigere Weg zum Sieg ist. In diesem Spannungsfeld die treffende Strategie zu finden ist die eigentümliche Aufgabe des mehr oder weniger machtvollkommenen Feldherrn.

 

Daraus folgt, dass die Clausewitz’sche Kriegstheorie nicht zu einer stets treffenden und daher grundsätzlich zu verfolgenden Strategie anrät, sondern dass sie die Komplexität der Strategie bewusst macht und darum auch „die Zahl der möglichen Wege zum Ziel bis ins Unendliche“[2] bemisst. So schreibt Clausewitz:

 

„Wir sehen also, daß es im Kriege der Wege zum Ziele viele gibt, daß nicht jeder Fall an die Niederwerfung des Gegners gebunden ist, daß Vernichtung der feindlichen Streitkraft, Eroberung feindlicher Provinzen, bloße Besetzung derselben, bloße Invasion derselben, Unternehmungen, die unmittelbar auf politische Beziehungen gerichtet sind, endlich ein passives Abwarten der feindlichen Stöße - alles Mittel sind, die, jedes für sich, zur Überwindung des feindlichen Willens gebraucht werden können, je nachdem die Eigentümlichkeit des Falles mehr von dem einen oder dem anderen erwarten läßt. Wir können noch eine ganze Klasse von Zwecken als kürzere Wege zum Ziele hinzufügen, die wir Argumente ad hominem nennen könnten. In welchem Gebiete menschlichen Verkehrs kämen diese, alle sächlichen Verhältnisse überspringenden Funken der persönlichen Beziehungen nicht vor, und im Kriege, wo die Persönlichkeit der Kämpfer, im Kabinett und Felde, eine so große Rolle spielt, können sie wohl am wenigsten fehlen. Wir begnügen uns, darauf hinzudeuten, weil es eine Pedanterie wäre, sie in Klassen bringen zu wollen. Mit diesen, kann man wohl sagen, wächst die Zahl der möglichen Wege zum Ziel bis ins Unendliche.“[3]

 

Wenngleich Clausewitz hier auch schrieb, dass es eine Pedanterie wäre, die verschiedenen Wege zum Ziel, d.h. die verschiedenen Strategien, in Klassen bringen zu wollen, so darf dies nicht dazu führen, die Ziele im Krieg nicht weiter zu betrachten oder gar zu der Annahme verleiten, dass im Krieg beliebige Ziele verfolgt werden könnten. Eine konkrete Vorstellung von dem Rahmen, in welchem sich die möglichen Strategien bewegen können, ist sogar von außerordentlich aktueller Bedeutung. So müssen die politischen Entscheidungsträger, wenn sie den Krieg als Mittel einsetzen wollen bzw. müssen, durchaus diese Grenzen kennen, um nicht ganz falsche Vorstellungen von dem zu entwickeln, was mit diesem Mittel bezweckt und letztlich auch verursacht werden kann.[4]

 

Es erscheint also durchaus sinnvoll, die verschiedenen Strategien noch einmal näher zu betrachten und einige Ordnungskriterien zu finden, die den Rahmen der strategischen Zielsetzung im Krieg definieren. Geht man nun von dem Satz aus, dass das einzige wirksame Mittel der Strategie das Gefecht ist,[5] so folgt daraus, dass die Strategie auch nur die Wirksamkeiten des Gefechts gebrauchen kann, d.h. sie kann keine Ziele verfolgen, welche außerhalb dieser Wirksamkeiten liegen. In diesem Sinne finden sich vier verschiedene Zielsetzungen, die jeweils sowohl als strategisches Gesamtziel, als Teilziel oder auch als Ziel des einzelnen Gefechts stehen können. Diese sind:

 

  1. Die Vernichtung feindlicher Streitkräfte (Angriff) ist die natürlichste, dem abstrakten Krieg nächststehende Zielsetzung, die im Krieg verfolgt werden kann. Diese Vernichtung kennt freilich Grade, so kann sowohl die Vernichtung der gesamten gegnerischen Streitkräfte angestrebt werden, wie auch nur eine kleine, fragmentäre, vielleicht sogar nur angedeutete Vernichtung derselben. Dies wird freilich die Gestalt des gesamten Krieges sehr verändern und dies zeigt auch schon, dass es sich nicht um eine einzelne Kategorie handeln kann; so wollen wir zwischen zwei gegensätzlichen Extremen differenzieren:

 

  1. Die entscheidende Vernichtung feindlicher Streitkräfte[6] strebt die vollumfängliche Niederwerfung der gegnerischen Wehrfähigkeit an, indem die Streitkräfte in einem derart hohen Grade vernichtet werden, dass eine Fortsetzung des Kampfes unmöglich ist. Diese Zielsetzung ist fraglos die höchste und extremste Zielsetzung, die vom Clausewitz’schen Standpunkt aus im Krieg verfolgt werden kann. Unabhängig davon, ob die moralischen oder physischen Streitkräfte vernichtet sind: mit der entscheidenden Vernichtung der feindlichen Streitkräfte ist der Zweck erreicht, da der Gegner zu keinem weiteren Widerstand fähig ist. Allein, da der Gegner diese Lage am meisten befürchten muss, wird er sich vor dieser entscheidenden Niederlage auch stärkst möglich verteidigen, woraus folgt, dass die entscheidende Vernichtung gegnerischer Streitkräfte das am schwierigsten zu erreichende Ziel ist, welches verfolgt werden kann und dies umso mehr, je höher dieses Ziel hierarchisch gesetzt wird, wenn es also nicht nur für ein einzelnes Gefecht, sondern für eine Gefechtskombination oder gar den ganzen Feldzug gelten soll.

 

Dabei bedeutet die Festlegung auf dieses Ziels keineswegs, dass auch in den untergeordneten Ebenen ausschließlich dieses verfolgt werden dürfte. So ist es offensichtlich, dass z.B. die Eroberung einer vorteilhaften Stellung oder die Diversion[7] die Voraussetzungen für die Realisierung des Ziels verbessern können. Ungeachtet dessen, kann das Ziel selbst nur durch die faktische Vernichtung realisiert werden, d.h. das Verfolgen anderer, untergeordneter Ziele kann immer nur die Begleitumstände verbessern, nicht aber das Ziel selbst verwirklichen.

 

  1. Die graduelle Vernichtung feindlicher Streitkräfte strebt nicht die gänzliche Wehrlosigkeit des Gegners an, sondern lediglich eine mehr oder minder signifikante Schwächung seiner Streitkräfte. Die Realisierung dieses Ziels soll also eine Veränderung des „Machtverhältnisses“[8] (Kräfteverhältnisses) bewirken; die Wahrscheinlichkeit des gegnerischen Sieges wird im Ergebnis kleiner und der Preis und die Anstrengungen für einen ferneren Sieg werden für den Gegner höher.[9] Die graduelle Vernichtung feindlicher Streitkräfte lässt also die Motive des Gegners zum Widerstand sinken und führt in diesem Sinne zunehmend an den Punkt, an welchem der feindliche Wille gebrochen wird.

 

Da nun die graduelle Vernichtung sich einerseits auf einen sehr kleinen Teil der gegnerischen Streitkräfte beschränken kann, im asymmetrischen Kampf sogar auf einzelne Individuen, sich aber andererseits in der Intensität keine logische Grenze nach oben findet, die Vernichtung sich also auch auf die Hälfte oder mehr der feindlichen Gesamtstreitmacht beziehen kann, so folgt daraus ferner, dass eine graduelle Vernichtung prinzipiell geeignet sein könnte, die gegnerische Streitkraft vollumfänglich zu vernichten, wenn nämlich die gegnerische Moral unter dem Eindruck der starken Vernichtung unvermittelt zusammenbricht. Es könnte vor diesem Hintergrund also gesagt werden, dass die entscheidende Vernichtung nur eine sehr ausgeprägte Variante der graduellen Vernichtung ist.

 

So ist es jedoch nicht: Wenn ein Feldherr sich dazu entschließt nicht die vollständige, sondern lediglich eine begrenzte Vernichtung feindlicher Streitkräfte anzustreben, so kann er dazu drei Gründe haben: a) er hält die Wahrscheinlichkeit des Gelingens für zu gering bzw. den Gegner für zu stark, um dieses Ziel verfolgen zu dürfen, b) er will seine Kräfte schonen bzw. der Preis, um die vollständige Vernichtung zu erzielen, ist ihm zu hoch oder c) er hat fernere Gründe, die ihn davon abhalten, sei es, dass er dem Gegner einen Rückzug mit Gesichtswahrung anbieten will (politisch), dass er seine wahre Stärke nicht frühzeitig offenbaren will (strategisch) oder ähnliches. Dies sind treffliche Gründe, vom äußersten Ziel, der entscheidenden Vernichtung, abzuweichen und nur eine geringere Vernichtung in Betracht zu ziehen – dies kann aber nicht nur eine Abweichung um wenige Grade sein, sondern es muss eine signifikante Beschränkung sein, da sich sonst das Zurückschrecken von der entscheidenden Vernichtung überhaupt nicht nachvollziehen lassen würde. Es kann also gesagt werden, dass die entscheidende Vernichtung nicht nur der äußerste Grad der graduellen Vernichtung ist, sondern dass es zwischen diesen beiden Zielen notwendigerweise einen erheblichen Unterschied geben muss. Wenn nun aber im Ergebnis der graduellen Vernichtung die gegnerische Streitmacht vollumfänglich vernichtet wird, so ist dies nicht in der ursprünglichen Absicht, sondern die Folge einer falschen Lageeinschätzung des Feldherrn, da der Gegner viel schwächer war, als er es erwartet hatte. Dies kann ein Glücksfall sein oder Pech; es zeigt aber, dass die Unterscheidung zwischen den beiden Zielsetzungen gerechtfertigt ist.

 

Auch die graduelle Vernichtung feindlicher Streitkräfte lässt sich durch die Eroberung von Land bzw. Diversion zwar flankieren, aber nicht realisieren. Die Verfolgung eines solchen Ziels ist also nur durch die untergeordnete Zielsetzung der Vernichtung feindlicher Streitkräfte möglich. Dabei kann ohne inneren Widerspruch diesem Ziel untergeordnet auch die entscheidende Vernichtung angestrebt werden: wenn V seine Streitkräfte in fünf Teile teilt, so kann A durchaus einen einzelnen Teil stellen und durch ein Einzelgefecht oder eine Gefechtskombination vollumfänglich vernichten. Er würde damit das Ziel der graduellen Vernichtung im Feldzug durch das untergeordnete Ziel einer entscheidenden Vernichtung realisiert haben.

 

  1. Die Inbesitznahme von Land (Angriff) kann ebenfalls ein strategisches Ziel auf den verschiedenen Ebenen sein. Zum einen verändert sie das Kräfteverhältnis – kurzfristig, wenn durch die neu gewonnene Stellung der Gegner mehr bedroht wird als zuvor oder die Eroberung zu einer moralischen Kraftsteigerung führt und langfristig, wenn damit die Inbesitznahme einer Ressource verbunden ist, welche als Quelle zur Regeneration der Streitkräfte dient. Zum anderen wird dadurch der feindliche Preis des Sieges erhöht, da dem Gegner durch den Wegfall des von ihm zuvor besessenen Landes ein mehr oder weniger großer physischer und/oder moralischer Schaden entsteht. Die Inbesitznahme von Land wirkt somit ähnlich wie die graduelle Vernichtung feindlicher Streitkräfte, allerdings weniger unmittelbar. Während die Vernichtung feindlicher Streitkräfte nämlich eine sofortige Wirkung zeigt, den Gegner unmittelbar schwächt und diese Schwächung zumindest was das Physische betrifft endgültig ist, kann einmal verlorenes Land auch zurückgewonnen werden und die negativen Wirkungen in Bezug auf das Kräfteverhältnis kommen erst später zur Geltung, wenn nämlich die Rückeroberung nicht zeitnah stattgefunden hat.

 

Dies macht schon deutlich, dass die Eroberung von Land unsicherer zum Zweck führt als die Vernichtung feindlicher Streitkräfte. So kann hier sogar ein gegenteiliger Effekt eintreten und der Verlust des Landes wird für den Gegner zu einem Ansporn, dieses wieder zurück zu gewinnen. Die gegnerischen Motive zur Fortsetzung des Kampfes werden sodann erhöht und somit ist der angestrebte Friede in weitere Ferne gerückt. Es muss hier also ganz erheblich der moralische Faktor durch den Feldherrn beurteilt werden. Ferner kann die Inbesitznahme von Land sogar eine kurzfristig negative Wirkung auf das partielle Kräfteverhältnis haben, da nämlich erobertes Land, wenn es gehalten werden soll, eigene Kräfte bindet und diese folglich an anderen, unter Umständen entscheidenden Punkten fehlen.

 

Nun wäre die Inbesitznahme von Land ein Leichtes, wenn sie ohne gegnerischen Widerstand geschehen könnte. Dies wäre für den Krieg aber ganz und gar untypisch und so muss gesagt werden, dass der gegnerische Widerstand bei der Inbesitznahme von Land der Regelfall ist – entweder im Rahmen der Verteidigung, wenn der Gegner sich bereits zuvor in dem entsprechenden Raum befand oder im Rahmen des Gegenangriffs, wenn zum Kampf hinreichende Kräfte des Gegners erst später den Raum erreichen. In beiden Fällen gibt es nur ein Mittel, welches den Gegner vom Widerstand abhält: die Vernichtung seiner Streitkräfte durch Kampf oder zumindest die Androhung desselben. Damit der Verteidiger V dem Angreifer A den entsprechenden Landstrich überlässt und also eine Inbesitznahme überhaupt erst gedacht werden kann, muss der A dem V mit der Vernichtung seiner Streitkräfte drohen oder dies tatsächlich verwirklichen. Daraus lassen sich zwei Dinge ableiten:

 

Zum einen ist die untergeordnete Zielsetzung der Vernichtung feindlicher Streitkräfte bei dem übergeordneten Ziel der Inbesitznahme von Land stets notwendig, unabhängig von der Intensität der Kriegsführung. Dies ist schließlich mindestens dadurch sichergestellt, dass das taktische Ziel im Gefecht immer die Vernichtung feindlicher Streitkräfte ist, wie wir noch bei Betrachtung der taktischen Ebene sehen werden. Es wäre also ein Fehler anzunehmen, die Inbesitznahme von Land wäre ein weniger kriegerischeres Ziel als die Vernichtung feindlicher Streitkräfte – das erste schließt das zweite unweigerlich mit ein.

 

Zum zweiten kann je nach dem Grad der Willenskraft des Verteidigers die Zielsetzung der Inbesitznahme von Land offensichtlich dahin führen, dass die entscheidende Vernichtung der gegnerischen Streitkräfte eine notwendige Voraussetzung dazu ist, das Ziel zu realisieren und den Verteidiger zu einer Aufgabe des entsprechenden Gebietes zu zwingen. Es muss also zugestanden werden, dass ein Feldzug mit dem Ziel der Inbesitznahme von Land zumindest partiell ebenso intensiv sein kann, wie ein Feldzug, mittels dem die entscheidende Vernichtung der gegnerischen Streitkräfte gesucht wird. Vor diesem Hintergrund könnte eine Schwierigkeit entstehen, die beiden Zielsetzungen, Vernichtung feindlicher Streitkräfte und Inbesitznahme von Land, trennscharf voneinander abzugrenzen. Wenn nämlich ein Angreifer sich zur Inbesitznahme eines Landstrichs entschließt, aber bereits im Vorfeld absehbar ist, dass der Verteidiger dieses Land bis an seine eigene Existenz verteidigen wird und also eine starke Vernichtung feindlicher Kräfte notwendig sein wird, um das Land einzunehmen, so muss die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte hier als die eigentliche Wirkung betrachtet werden und die Inbesitznahme des Landes als ein Neben- oder Folgeprodukt.

 

Dies ist aber voll und ganz in der bisher dargestellten Systematik. Verfolgt der Angreifer A die Eroberung eines Landstrichs als strategisches Gesamtziel im Feldzug, so muss er auf der Zwischenebene erneut beurteilen, welche Zwischenziele er sich setzt, um den Zweck der Landnahme zu realisieren. Hier kann er freilich zu dem Ergebnis kommen, dass die entscheidende Vernichtung die treffende Strategie ist, um den Zweck (das strategische Gesamtziel) zu realisieren. Es greift hier schließlich erneut der dialektische Mechanismus, nach welchem die Realisierung eines höheren Ziels zwar sicherer zum Erfolg führt, das Verfolgen desselben aber zur größeren Gefahr und Anstrengung wird.

 

Der Unterschied ist hier allerdings, dass das Streben nach der entscheidenden Vernichtung aufgegeben werden muss, sobald der Gegner sich zurückzieht und das Land freigibt, welches besetzt werden soll, denn dann ist der Zweck realisiert und auch das Zwischenziel hinfällig. Wäre die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte das Gesamtziel, so müsste dieses auch verfolgt werden, wenn die gegnerischen Streitkräfte ihre ursprüngliche Absicht aufgegeben und sich zurückziehen würden – und zwar solange, bis der Gegner zum Frieden bereit oder das Ziel der Vernichtung realisiert wäre.

 

Dass in der wirklichen Welt die gegnerischen Streitkräfte auch in solchen Fällen verfolgt werden, in denen der Zeck eines Nebenstoßes eigentlich nur in der Besitznahme von Land lag, hängt entweder damit zusammen, dass der Feldherr kurzfristig seine Zielsetzung ändert, weil er eine günstige Gelegenheit erkannt hat, um mehr zu erreichen als er ursprünglich wollte oder aber weil es sich – und dies mag der Regelfall sein – von vorneherein um eine Mischzielsetzung handelte. So gehen in der wirklichen Welt die Inbesitznahme von Land und die Vernichtung feindlicher Streitkräfte regelmäßig miteinander einher[10] und insofern stellen die Zielsetzungen der wirklichen Welt ebenso regelmäßig Kombinationen aus beiden Motiven dar.

 

In Abgrenzung zur Vernichtung feindlicher Streitkräfte erlaubt das Streben nach der Inbesitznahme jedoch eine bestimmte Schwelle der Intensität der Kriegsführung zu unterschreiten, da es mit dieser Zielsetzung widerspruchsfrei möglich ist, das Gefecht oder zumindest das entscheidende Gefecht zu meiden. Wenn also der Feldherr die Vernichtung feindlicher Streitkräfte anstrebt, dann muss er zur Verwirklichung voranschreiten und das Gefecht auch aktiv suchen, da eine Realisierung anders nicht möglich ist. Wenn er allerdings die Inbesitznahme von Land anstrebt, so kann das Anbieten und Androhen eines Gefechts vollkommen ausreichen und ihm in diesem Sinne viele Kräfte und Verluste ersparen. Dies erklärt sich dadurch, dass nunmehr auch das untergeordnete Ziel der Landnahme nicht nur flankierend wirkt, d.h. Voraussetzungen schafft, sondern dass mit dieser untergeordneten Zielsetzung allein bereits der Zweck realisiert werden kann. In diesem Sinne besteht nun die Chance, dass der Feldzug ohne wirkliche Gefechte zum erfolgreichen Ende geführt wird.[11]

 

  1. Das dritte offensive strategische Ziel ist die Herbeiführung eines Allgemeinen Schadens (Angriff). Auch dies kann auf sämtlichen Ebenen als strategisches Ziel definiert werden und es tritt in verschiedenen Ausprägungen bei Clausewitz auf: Zum einen relativ ausführlich als Diversion, d.h. wenn es die Absicht ist, durch vereinzelte Plünderungen und Schädigungen von Nichtstreitkräften den Gegner dazu zu zwingen, seine Streitkraft zu teilen und Kräfte für den Schutz der Nichtstreitkräfte abzustellen.[12] In diesem Falle ist der fernere Zweck die Schwächung der Hauptstreitkräfte, d.h. die Flankierung des Vernichtungs- und Landnahmeziels. Einen weiteren Fall stellt die Invasion dar, „d.h. die Einnahme feindlicher Provinzen, nicht mit der Absicht, sie zu behalten, sondern um Kriegssteuern darin zu erheben oder sie gar zu verwüsten.“[13] Der Begriff der Invasion ist nicht unproblematisch, da Clausewitz ihn an anderer Stelle als Angriff zum Zwecke der Landnahme definiert[14] und er auch im allgemeinen Sprachgebrauch eher für die Eroberung und nicht für die Plünderung steht. Ich will hier allerdings vorzugsweise von Plünderungs- und Raubzügen sprechen, die in der Absicht unternommen werden, dem Gegner einen „allgemein[en] [...] Schaden“[15] zuzufügen bzw. sich selbst allgemein zu bereichern.

 

Bezogen auf den Zweck der Strategie bzw. das Ziel des Krieges führt die Realisierung dieses allgemeinen Schadens in der Regel zu keiner Vernichtung feindlicher Streitkräfte und also auch zu keiner Veränderung des Kräfteverhältnisses. Es vermindert also weder die gegnerische Fähigkeit zum Widerstand noch die Wahrscheinlichkeit des gegnerischen Sieges. Die Verfolgung dieses Ziels führt einzig und allein dazu, dass der Preis der Fortsetzung des Krieges für das gegnerische politische Gemeinwesen größer wird. Zwar kann auch dieses Ziel die untergeordnete Zielsetzung der entscheidenden Vernichtung in sich tragen, wenn es sich um einen reinen Raubzug eines sehr überlegenen Angreifers handelt, der quasi nebenbei den Gegner wehrlos macht, um ihn im Anschluss in der Hauptsache auszurauben, doch ist die Regel wohl das Gegenteil, nämlich dass das Verfolgen dieses Ziels gerade auf der Absicht gegründet ist, das offene Gefecht zu meiden.

 

In diesem Kontext ist die Herbeiführung eines allgemeinen Schadens also ein sehr kleines Ziel, d.h. die Realisierung desselben ist sehr einfach. Gleichwohl ist der Effekt, der davon erwartet werden kann, sehr gering und unter Umständen gar kontraproduktiv. Die Folge solcher Unternehmungen ist nämlich oftmals, dass einige Widerstandskräfte des Gegners überhaupt erst geweckt werden.[16] So löst die Herbeiführung eines allgemeinen Schadens eher das Bedürfnis nach Rache und Vergeltung aus, steigert also die Leidenschaft und den Hass als Motiv zum Krieg und wird somit den Krieg tendenziell eher verlängern als verkürzen.

 

Vor dem Hintergrund dieser sehr zweifelhaften Wirkung wird es leicht verständlich, dass im Zuge der Einhegung des Krieges die europäischen Nationen gern bereit waren, auf dieses für die Zivilbevölkerung sehr grausame Mittel zu verzichten und es im Kriegsvölkerrecht zu ächten. So kamen einige Theoretiker gar auf den Gedanken, dass gewaltsame Maßnahmen, die sich allein gegen Nichtstreitkräfte, d.h. die Zivilbevölkerung richten, gar nicht dem Krieg angehören würden.[17] Eine treffliche Begründung bleibt hierfür jedoch aus. Die von Creveld angeführte „Kriegerehre“, die es angeblich verbietet, Wehrlose zu töten, kann in keiner Weise überzeugen. Zum einen ist der Gedanke an sich obsolet, denn ein Bomberpilot wirft seine Bomben faktisch immer auf Wehrlose, sofern er nicht gerade Flugabwehrgeschütze angreift und zum zweiten widersprach es offensichtlich nicht der vermeintlichen „Kriegerehre“, Bomben auf Dresden zu werfen oder sogar Atombomben in Nagasaki und Hiroshima zu zünden. Auf eine mögliche „Kriegerehre“ der Taliban etc.  will ich an dieser Stelle gar nicht erst zu sprechen kommen. Mit anderen Worten, es erschließt sich keine universale Kriegerehre, sondern diese entwickelt sich im Rahmen der gegenwärtigen Kriege und Kriegsnotwendigkeiten, nicht etwa vice versa.

 

In diesem Zusammenhang wird gern angeführt, dass auch Clausewitz Gewaltakte gegen die Bevölkerung bzw. Wehrlose kategorisch ablehnte. Als Beleg dazu wird das folgende Zitat angebracht:

 

„Nun ist der Krieg nicht das Wirken einer lebendigen Kraft auf eine tote Masse, sondern, weil ein absolutes Leiden kein Kriegführen sein würde, so ist er immer ein Stoß zweier lebendiger Kräfte gegeneinander [...]“[18]

 

Dies Zitat befasst sich jedoch nicht mit einzelnen kriegerischen Akten, sondern mit dem Krieg oder wenigstens dem Feldzug als Ganzem. Es wäre also kein Krieg, wenn das gegnerische politische Gemeinwesen als Ganzes zu keiner Abwehr oder Gegenreaktion fähig wäre, wenn es also absolut leiden würde. Dass unbenommen davon ein einzelner kriegerischer Akt gegen einen wehrlosen Gegner oder eine wehrlose Gruppierung verübt werden kann, versteht sich von selbst. Im Gegenteil schreibt Clausewitz nämlich, dass ein Krieg der allein zwischen Streitkräften, d.h. ohne Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung ausgetragen wird, eher die Ausnahme bildet und ein Produkt der kulturellen Entwicklung sei, nicht aber dem Wesen des Krieges entspringe:

 

„Sind die Kriege gebildeter Völker viel weniger grausam und zerstörend als die der ungebildeten, so liegt das in dem gesellschaftlichen Zustande, sowohl der Staaten in sich als unter sich. Aus diesem Zustande und seinen Verhältnissen geht der Krieg hervor, durch ihn wird er bedingt, eingeengt, ermäßigt: aber diese Dinge gehören ihm nicht selbst an, sind ihm nur ein Gegebenes, und nie kann in der Philosophie des Krieges selbst ein Prinzip der Ermäßigung hineingetragen werden, ohne eine Absurdität zu begehen. [...]

 

Finden wir also, daß gebildete Völker den Gefangenen nicht den Tod geben, Stadt und Land nicht zerstören, so ist es, weil sich die Intelligenz in ihre Kriegführung mehr mischt und ihnen wirksamere Mittel zur Anwendung der Gewalt gelehrt hat als diese rohen Äußerungen des Instinkts.“[19]

 

Diesen Punkt abschließend kann also festgehalten werden, dass Clausewitz die Herbeiführung eines allgemeinen Schadens, z.B. durch die Tötung von Gefangenen oder die Zerstörung von Stadt und Land, durchaus als ein strategisches Ziel betrachtete. Es ist demnach allerdings ein nur wenig wirksames und ein vor allem dem Instinkt entspringendes strategisches Motiv, welches in einer vernünftigen, auf den politischen Zweck ausgerichteten Kriegsführung in der Regel keinen Platz findet. Es allerdings in der Kriegstheorie überhaupt nicht zu betrachten oder gar zu behaupten, solche Aktionen würden dem Kriege selbst nicht angehören, wäre „eine Absurdität“[20].

 

  1. Schließlich bleibt als vierte Zielsetzung die Vernichtung der feindlichen Absicht (Verteidigung). Hier ist es die strategische Absicht, dass der Gegner seinen Angriff einstellt und also seine offensive Absicht aufgibt. Zunächst geschieht dies durch die Verteidigung von Raum, den Schutz von Nichtstreitkräften und den Erhalt der eigenen Kräfte. Dies sind die Formen des „bloßen“[21] oder auch „reinen Widerstand[es]“[22]. Zudem stehen dem Verteidiger aber auch sämtliche oben genannten offensiven Zielsetzung auf den jeweils untergeordneten Ebenen zur Verfügung.

 

Startet der A also einen offensiven Feldzug, so ist der V zunächst zu der Zielsetzung gezwungen, die Absicht des A zu vernichten. Dies kann sowohl die Voraussetzung für einen späteren eigenen offensiven Feldzug sein, als auch für den unmittelbaren Frieden. Unbenommen davon kann V aber im Rahmen seines defensiven Feldzugs den A angreifen, d.h. er kann sich das untergeordnete Ziel setzen, Streitkräfte zu vernichten, Land (wieder) in Besitz zu nehmen oder auch einen allgemeinen Schaden beim Gegner herbeizuführen. Dies alles geschieht aber zunächst in Bezug auf das strategische Gesamtziel, den feindlichen Willen zu vernichten.

 

Hier wird also nochmals deutlich, dass dem Verteidiger mehr Mittel zur Verfügung stehen als dem Angreifer, denn er kann sich der untergeordneten Verteidigung ebenso vorteilhaft bedienen wie dem untergeordneten Angriff, wohingegen der Angreifer sich nur des Angriffs bedienen kann, um sein Ziel zu erreichen, die Verteidigung für ihn aber nur eine notwendige Verschwendung von Kräften und Zeit ist, die ihn nicht näher an sein Gesamtziel bringt.

 

Diese vier unterschiedlichen Zielsetzungen sind also der Rahmen, in welchem sich die Strategie bewegen muss. Jede dieser Kategorien kann hierbei selbstverständlich nochmals unendlich viele individuelle Ausprägungen erfahren. Betrachten wir nun die drei offensiven Zielsetzungen, so wird bemerkenswerter Weise deutlich, dass eine gewisse Verwandtschaft zu den drei Motiven des Krieges, d.h. der wunderlichen Dreifaltigkeit, existiert.

 

Das Motiv der Feindschaft und des Hasses führt – ohne normativ-zweckrationale Führung – zu einer deutlichen Präferenz für die Zielsetzung, einen allgemeinen Schaden beim Gegner herbeiführen zu wollen. Rache und Vergeltung, nicht selten auch Habgier und Perversion sind es, welche zur Zerstörung von Stadt und Land, zum Massakrieren und Töten von Wehrlosen motiviert. So handelt es sich bei solchen Aktionen nach dem Clausewitz’schen Duktus um die „rohen Äußerungen des Instinkts“[23] und eben dies weist eine unverkennbare Verwandtschaft zu der „ursprünglichen Gewaltsamkeit [des kriegerischen] Elementes, dem Haß und der Feindschaft, die wie ein blinder Naturtrieb anzusehen sind“[24], auf. Der Instinkt meidet die Gefahr und daher auch die offene Konfrontation mit den gegnerischen Streitkräften. Da er gleichsam seine Aggression entfalten will, sucht er sich die schwächste Stelle des Gegners und kann dort sein Gewaltpotential entfalten.

 

Ganz anders die Wirkung der Siegessucht als freie Seelentätigkeit. Der unbedingte Wille zum Sieg sucht keine Halbheiten sondern den vollständigen Sieg über einen handlungsfähigen Gegner, um sich in seinem Erfolg zu sonnen. Die Gewalt gegen Unbewaffnete muss ihm vergleichsweise fremd sein, da sie ihm das angestrebte Erfolgserlebnis nicht gewährt. Aus diesem kriegerischen Motiv ergibt sich also – ohne normativ-zweckrationale Führung – zwangsweise die Zielsetzung der entscheidenden Vernichtung gegnerischer Kräfte. Nur dann ist der unbedingte Wille zum Sieg befriedigt, da dann der Sieg vollständig ist.

 

Schließlich bleibt die Inbesitznahme von Land als strenggenommen vernünftigstes Mittel, da es a) relativ einfach zu erreichen ist, gleichsam – wenn es mit wenig Blut erkauft wurde – b) kaum kontraproduktive Wirkungen zeigt, da der Hass und die Leidenschaft durch das Besetzen von Land vergleichsweise wenig angeregt werden können und c) einen ganz offensichtlichen Erfolg darstellt, welcher sich vorzüglich im Rahmen von Friedensverhandlungen mit anderen Vorteilen eintauschen lässt.[25]

 

Ich glaube daher sagen zu können, dass Angriffskriege die vorrangig mit dem Motiv von Feindschaft und Hass geführt werden, eine natürliche Tendenz zur Strategie ‚Herbeiführung eines allgemeinen Schadens“ haben, dass Akteure die vorrangig aufgrund der Siegessucht Krieg führen, tendenziell zu der äußersten Zielsetzung der entscheidenden Vernichtung neigen und dass allein auf politischen Motiven beruhende Auseinandersetzungen sich oftmals mit der Inbesitznahme von Land begnügen, um dieses später gegen den politischen Zweck im Rahmen von Verhandlungen eintauschen zu können. Nun muss dazu gesagt werden, dass dies natürliche Tendenzen sind, von denen es vielfache Abweichungen gibt. Zudem ist es die sich aus der Clausewitz’schen Theorie ergebende zentrale Forderung, dass sich insbesondere diese natürlichen Tendenzen nicht unvermittelt durchsetzen, sondern dass die Vernunft und Intelligenz die emotionalen Kräfte kanalisiert und in diesem Sinne von ihrer ursprünglichen Richtung ablenkt, wenn es zweckmäßig ist. In diesem Sinne gilt es für die Kriegsführung, gerade nicht diesen natürlichen Tendenzen nachzugeben, sondern nur die sich daraus ergebenden Kräfte zu nutzen, das Ziel aber nichtsdestotrotz nach einer treffenden Lageanalyse so zu setzen, wie es der kriegerische Genius gebietet. Dies ist die Aufgabe des Feldherrn und er wird sie mehr oder weniger trefflich ausfüllen, je nach seiner Machtvollkommenheit und nach dem in ihm vorhandenen kriegerischen Geschick. Dies alles muss im Zuge des Teils VII dieser Arbeit in einen Gesamtzusammenhang zu der Theorie des Krieges gesetzt werden. Hier belassen wir es zunächst bei einer rein strategischen Betrachtung.

 



[1]                 Clausewitz, Kriege, S. 271.

[2]                 Clausewitz, Kriege, S. 222.

[3]                 Clausewitz, Kriege, S. 221 f.

[4]                 In diesem Sinne schrieb Clausewitz: „Daß die Richtungen und Absichten der Politik mit diesen Mitteln nicht in Widerspruch treten, das kann die Kriegskunst im allgemeinen und der Feldherr in jedem einzelnen Falle fordern, und dieser Anspruch ist wahrlich nicht gering.“ Clausewitz, Kriege, S. 210.

[5]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 225.

[6]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 903 ff.

[7]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 930 ff.

[8]                 Clausewitz, Kriege, S. 503.

[9]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 216 f.

[10]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 215 f.

[11]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 229 f.

[12]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 930 ff.

[13]               Clausewitz, Kriege, S. 219.

[14]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 934.

[15]               Clausewitz, Kriege, S. 219

[16]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 932.

[17]               Vgl. Creveld, Zukunft, S. 236 f.

[18]               Clausewitz, Kriege, S. 194 f.

[19]               Clausewitz, Kriege, S. 192 ff.

[20]               Clausewitz, Kriege, S. 193

[21]               Clausewitz, Kriege, S. 227.

[22]               Clausewitz, Kriege, S. 227.

[23]               Clausewitz, Kriege, S. 192 ff.

[24]               Clausewitz, Kriege, S. 213.

[25]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 999.

 

V.6.2 Stoß gegen den Schwerpunkt vs. dezentraler Ansatz der Kräfte

 

1.1. Stoß gegen den Schwerpunkt vs. dezentraler Ansatz der Kräfte

 

Bisher wurde im Wesentlichen das Handlungsfeld der Strategie beschrieben, ohne dass dabei eine wesentliche Konsequenz in Bezug auf konkrete Handlungsmaxime gezogen wurde. Dies entspricht im Ganzen der Idee der Clausewitz’schen Kriegstheorie, die davon ausgeht, dass der Krieg eigentümlich und stets in seinem konkreten Fall zu beurteilen ist. Abschließend zu dem Teil V dieser Arbeit soll allerdings noch ein wesentlicher Gedanke bezüglich der Strategie im Krieg und der Effizienz der Kräfte dargelegt werden.

 

Insbesondere in angloamerikanischen Strategiediskussionen wird ein Zitat von Clausewitz zu einer zentralen Schlüsselstelle erhoben, nachdem es die wesentliche Leistung der Strategie sei, die Schwerpunkte des Gegners richtig zu beurteilen und den eigenen Stoß genau gegen diesen zu richten, um die maximale Wirkung zu erzielen. In diesem Zitat heißt es:

 

„So wie sich der Schwerpunkt immer da findet, wo die meiste Masse beisammen ist, und wie jeder Stoß gegen den Schwerpunkt der Last am wirksamsten ist, wie ferner der stärkste Stoß mit dem Schwerpunkt der Kraft erhalten wird, so ist es auch im Kriege. Die Streitkräfte jedes Kriegführenden, sei es ein einzelner Staat oder ein Bündnis von Staaten, haben eine gewisse Einheit und durch diese Zusammenhang; wo aber Zusammenhang ist, da treten die Analogien des Schwerpunktes ein. Es gibt also in diesen Streitkräften gewisse Schwerpunkte, deren Bewegung und Richtung über die anderen Punkte entscheidet, und diese Schwerpunkte finden sich da, wo die meisten Streitkräfte beisammen sind. So wie aber in der toten Körperwelt die Wirkung gegen den Schwerpunkt in dem Zusammenhang der Teile ihr Maß und ihre Grenze hat, so ist es auch im Kriege, und es kann hier wie dort ein Stoß leicht größer werden, als der Widerstand verträgt, und damit ein Luftstoß, eine Kraftverschwendung entstehen.

 

Wie verschieden ist der Zusammenhang des Heeres einer Fahne, welches durch den persönlichen Befehl eines Feldherrn in die Schlacht geführt wird, und der einer verbündeten Kriegsmacht, die auf 50 oder 100 Meilen ausgedehnt oder gar nach ganz verschiedenen Seiten hin basiert ist! Dort ist der Zusammenhang als der stärkste, die Einheit als die nächste zu betrachten; hier ist die Einheit sehr entfernt, oft nur noch in der gemeinschaftlichen politischen Absicht, und da auch nur dürftig und unvollkommen vorhanden und der Zusammenhang der Teile meistens sehr schwach, oft ganz illusorisch.

 

Gebietet also von der einen Seite die Gewalt, welche wir dem Stoß zu geben wünschen, die größte Vereinigung der Macht, so müssen wir von der anderen jede Übertreibung als einen wirklichen Nachteil fürchten, weil sie eine Kraftverschwendung mit sich führt, und diese wieder den Mangel an Kraft auf anderen Punkten.“[1]

 

Im Zusammenhang mit diesem Zitat gibt es eine Reihe von Missverständnissen bzw. sehr weit gefassten Interpretationen im angloamerikanischen Raum, welche das Konzept des Schwerpunktes, übersetzt als center of gravity, zu einem Schlüsselkonzept Clausewitz‘ erheben.[2] Einer kurzen, aber prägnanten Arbeit von Echevarria[3] ist eine Rückbesinnung auf den eigentlich dahinter stehenden Gedanken zu verdanken.[4] Ich will an dieser Stelle nicht näher auf die geführten Diskussionen und den daraus resultierenden strategischen Implikationen eingehen. Allerdings lädt dieses Zitat zu einer Reihe von Überlegungen ein, die das bisher Gesagte in einem spezifischen Zusammenhang schärfen, in gedrungener Form verdeutlichen und an bestimmten Punkten zu sinnvollen Pointen verdichten:

 

Solange ein Feldherr A über eine idealtypisch absolute Machtvollkommenheit und einen hohen Grad an kriegerischem Genius verfügt, die Streitkraft also einem einzelnen und starken Willen unterworfen ist, solange kann auch das kriegerische Handeln als wahrhafte Einheit und damit der Truppenkörper als zusammenhängendes Ganzes gedacht werden. Der menschliche Wille – erst recht der fest entschlossene – ist dabei notwendigerweise auf einen Punkt bzw. auf ein Ziel ausgerichtet und wird die ihm verfügbaren Kräfte nach Raum und Zeit auf dieses Ziel konzentrieren. Ist es nämlich beispielsweise die Absicht, ein sich in fünf Provinzen untergliederndes Territorium zu erobern, so wäre es gegen die Vernunft, die Kräfte in fünf gleich große Teile zu gliedern und alle Provinzen zeitgleich anzugreifen. Der einzelne, starke Wille wird vielmehr ganz natürlich dazu neigen entweder eine Provinz nach der anderen zu erobern oder aber, wenn es gute Gründe dafür gibt, zwar seine Kräfte zu teilen, dabei aber eine Provinz, deren Besitz er für entscheidend hält, mit besonders starken Kräften anzugreifen, die anderen hingegen nur mit schwachen Eroberungskräften zu beschäftigen.[5] Ebenso wird es sein, wenn das Ziel die Vernichtung gegnerischer Streitkräfte ist, der Gegner aber im Raum verteilt steht.

 

Analog verhält es sich mit den untergeordneten Teil- und Einzelzielen, da die Konzentration von Kräften in Raum und Zeit stets die Wahrscheinlichkeit des Erfolges erhöht und darum der Grundsatz befolgt werden sollte, an dem entscheidenden Punkt möglichst stark zu sein. Das Erobern der einzelnen Provinz wird also wieder in mehrere Akte zerfallen, von denen ein einzelner zum entscheidenden Akt erhoben wird, so dass hier wiederum ein Schwerpunkt gesetzt werden kann, um die Wahrscheinlichkeit des Erfolges zu maximieren.

 

Der Feldherr hat also die wesentlichen Aufgaben a) den strategischen Punkt zu erkennen, auf welchem seine Kräfte in Bezug auf den Zweck die größte Wirkung erzielen und b) all seine Kräfte nach Raum und Zeit auf diesen Punkt zu konzentrieren. Der Entscheidungspunkt wird dabei derjenige Punkt sein, an welchen der gegnerische Wille zum Widerstand geknüpft ist. In Feldzügen, welche durch einen idealtypischen genialen und machtvollkommenen Feldherrn geführt werden, gibt es folglich eine absolute oder relative räumliche bzw. zeitliche Konzentration von Kräften auf einen einzigen Entscheidungspunkt.

 

Soll nun die Absicht des idealtypischen Feldherrn A auf strategischer Ebene sicher vernichtet bzw. sein Willen sicher gebrochen werden, so muss A an dem Punkt geschlagen werden, an welchem die größte Konzentration seiner Streitkräfte vorliegt, denn dies wird ihn von der Aussichtslosigkeit seiner Unternehmung überzeugen, da jedes fernere Gefecht für ihn notwendig unter schlechteren Bedingungen stattfindet und der Punkt, an welchen sich die ganze Hoffnung knüpfte, verloren ist. Ist B also ebenfalls ein machtvollkommener und genialer Feldherr, so wird er seine Kräfte ebenfalls auf diesen Punkt konzentrieren, da dies offensichtlich der entscheidende Punkt in seinem Feldzugsplan ist. Der Stoß des einen mit aller Kraft gegen den Schwerpunkt des anderen wird folglich die maximale Wirksamkeit der Streitkräfte entfalten.[6] Das Ganze kulminiert also unweigerlich in einer Entscheidungsschlacht und der Feldzug nähert sich in Bezug auf die strategische Ebene dem Bild des idealen Krieges an, d.h. die Effizienz der Kräfte nähert sich dem Äußersten.[7]

 

Dies ist freilich eine idealtypische Sicht, der in der Realität folgen Gründe entgegenstehen können:

 

  1. Mangel an kriegerischem Genius des Feldherrn. Oben wurde festgestellt, dass der kriegerische Genius in jedem Feldherrn nur mehr oder weniger, nicht aber absolut vorhanden sein kann. Dies wirkt sich in zwei Richtungen aus. Zum einen in einem Mangel an Entschlossenheit und Energie, zum anderen in einem Mangel an Urteilskraft.

    Fehlende Treffsicherheit in Bezug auf die Lagefeststellung führt dazu, dass der Feldherr seine Kräfte auf einen Punkt konzentriert, auf welchem sie weniger wirksam sind als auf anderen. Aufgrund dieses Mangels an Effizienz kann der gegnerische Feldherr nun einen anderen Schwerpunkt wählen, muss sich nicht unmittelbar gegen den des Gegners wenden, die Entscheidungsschlacht bleibt aus bzw. verliert an Bedeutung und der an kriegerischem Genius überlegene Feldherr kann die Entscheidung des Feldzugs mit viel geringeren Anstrengungen an Punkten suchen, an welchen der Gegner sich nicht bzw. nur mit schwachen Kräften aufhält.

    Im Gegensatz dazu führt ein Mangel an Entschlossenheit dazu, dass der Entscheidungspunkt zwar prinzipiell erkannt wird, dem Feldherrn aber der Mut dazu fehlt, alle Kräfte in diesem Punkt zu konzentrieren. Dies führt zunächst zu einer Schwäche im entscheidenden Punkt und somit zu einer geringeren Wahrscheinlichkeit des Sieges, sofern der Gegner sich idealtypische verhält. Je weniger der entschlussunfähige Feldherr seine Kräfte jedoch auf einen Punkt konzentriert, desto weniger wird auch seine Aussicht auf Gesamterfolg im Feldzug vernichtet, indem er auf diesem Punkt eine Niederlage erfährt (dies ist schließlich die Motivation seiner Entschlussschwäche). Je weniger also der eine die Entschlossenheit besitzt, seine Kräfte in einem Punkt zu konzentrieren, desto weniger kann auch der andere in einem entscheidenden Punkt den Feldzugserfolg erringen. Der als idealtypisch angenommene Feldherr muss nun seine Kräfte also selbst auf mehrere Punkte verteilen, um dort sukzessive Siege erringen zu können. Auf diesem Wege entfernt sich die Strategie immer weiter von ihrer absoluten Gestalt.

  2. Mangel an Machtvollkommenheit des Feldherrn. Ähnlich wie der kriegerische Genius ist auch die Machtvollkommenheit des Feldherrn grundsätzlich beschränkt. Dies führt zu zwei Phänomenen, die in Kriegen immanent im Sinne eines Mehr oder Weniger vorliegen und zu einem spezifischen Sonderfall.

    Die fehlende Machtvollkommenheit kann sich zum einen dergestalt auswirken, dass der Feldherr in seiner Entscheidungsfindung beschränkt wird. Konkret können also politische Vorgaben oder Interessen von Unterführern dazu führen, dass ein Feldherr bestimmte Rücksichten nehmen muss, dass er also Ziele verfolgt bzw. veranlasst, die sich eigentlich außerhalb seiner Überzeugung und seinem Willen befinden. Beides führt zu einer Abnahme in Bezug auf die Kräftekonzentration, möglicherweise auch zu einer Verfälschung der Urteilskraft. Die Wirkung dieser Form der fehlenden Machtvollkommenheit entspricht also einem Mangel an kriegerischem Genius.

    Ferner kann sich die fehlende Machtvollkommenheit als gesteigerte Insubordination der unterstellten Kräfte auswirken. Die einzelnen Kämpfer können also dem Feldherrn ganz oder teilweise die Gefolgschaft verweigern und eigenen Trieben oder den Interessen anderer folgen. Dies führt zu gesteigerten Friktionen, die sich als Schwäche der Streitkräfte äußern. Im eigentlichen Sinne ist die Konsequenz aber nicht ein Verlust an strategischer Effizienz, sondern ein Verlust an Kräften, die dem politischen Gemeinwesen überhaupt zum Zwecke des Krieges zur Verfügung stehen.

    Der Sonderfall ist jedoch dieser, in welchem die Feldherrnautorität nicht durch Friktion und Rücksichten geschwächt, sondern wahrhaft geteilt ist. Stellen wir uns zwei gleichberechtigte Feldherrnpersönlichkeiten vor, die jeweils über einen eigenen Teil der Streitkraft verfügen und für eine gemeinsame Sache, d.h. für den gleichen politischen Zweck einen jeweils eigenständigen Feldzug führen, so ist die Folge daraus, dass die Strategie nunmehr auf zwei unterschiedliche Willen, auf zwei unterschiedliche Urteile zurückzuführen ist und dass in der Folge zwei Entscheidungs- bzw. Schwerpunkte entstehen, auch wenn diese formal deckungsgleich sind. Es löst sich also der Zusammenhalt der zuvor als Einheit gedachten Gesamtstreitkraft auf und daraus folgt, dass ein Stoß gegen den einen Schwerpunkt nicht mehr automatisch gegen den anderen wirkt. Wir stellen uns also nicht nur eine physische, sondern eine wahrhaft moralische Teilung der Kräfte vor und stoßen damit an Grundlagen der Organisationsstruktur von Streitkräften. Typischerweise war es bisher so, dass ein Wille über das gesamte Heer gebieten sollte. Indem wir aber verschiedene autarke Feldherren denken, nimmt das Heer eine netzwerkförmige Organisation an, in welcher einzelne Zellen vollkommen autark und getrennt voneinander für einen gemeinsamen politischen Zweck kämpfen. In diesen Fällen gibt es, auch wenn die einzelnen Feldherren idealtypisch gedacht werden, erneut keinen einzelnen strategischen Entscheidungspunkt, sondern dieser verteilt sich auf die Anzahl der Zellen, denn jede einzelne muss geschlagen werden, sofern ihr jeweils der Wille zur Fortsetzung des Kampfes genommen werden soll. Ich komme auf diesen Sonderfall im Zuge des Kapitels VII.2 zurück.

  3. Ungleichheit im Kräfteverhältnis. Schließlich führt ein erhebliches Ungleichgewicht des Kräfteverhältnisses bei zwei idealtypisch gedachten Feldherren zu einer Abkehr von der absoluten Strategie. Würden unter diesen Bedingungen nämlich beide Parteien ihre Kräfte auf den entscheidenden Punkt konzentrieren, so hätte der Feldherr mit den unterlegenen Kräften keine Chance auf einen Sieg und jede Reduzierung seiner Kräfte im entscheidenden Punkt würde seine Niederlage abschwächen und seine Wirksamkeit in anderen Punkten erhöhen sowie die Aussicht auf Erfolg insgesamt steigern. Darüber hinaus ist auch für den kräftemäßig überlegenen Feldherrn ab einer bestimmten Gewissheit des Erfolges im entscheidenden Punkt jede weitere Steigerung seiner Kräfte eine Verschwendung, da ihr Nutzen in anderen Punkten wertvoller wäre. Es ergibt sich also erneut eine Tendenz zur Dezentralisierung der Kräfte und der Entscheidung.

 

Somit finden sich erneut keine Handlungsmaxime, sondern in erster Linie Feststellungen und Beschreibungen. Sich dieser hier dargestellten Zusammenhänge bewusst zu sein, ist die wesentliche Erkenntnis, welche die Theorie des Krieges vermittelt. Diese Erkenntnis soll dem Handelnden wie auch dem Analytiker das Bewusstsein schärfen, um die Lage treffend zu beurteilen und folgerichtige Schlüsse ziehen zu können.

 

Idealtypischerweise würde die Strategie stets einen konzentrierten Stoß gegen den Schwerpunkt des Gegners anempfehlen. Allein, diese Empfehlung wäre nichts wert, denn die Umstände, in denen der Krieg geführt wird, sind nie ideal. Menschliche sowie organisatorische Schwächen auf der eigenen oder gegnerischen Seite führen zu Gründen, die ein Abweichen von der Linie des Absoluten entweder erzwingen (eigene Schwäche) oder nahelegen (Schwäche des Gegners). Da diese Schwächen immer in einem Mehr oder Weniger vorhanden sind, wird auch die Linie des Absoluten im Bereich der Strategie niemals erreicht werden, sondern es wird sich stets nur um eine Annäherung handeln. Dies erklärt die Vielzahl der Möglichkeiten und Wege, die es auf der strategischen Ebene gibt und dies gibt jeder einzelnen auch ihren individuellen Wert im einzelnen Fall.

 



[1]           Clausewitz, Kriege, S. 810.

[2]           Vgl. Heuser, Clausewitz, S. 91 ff.

[3]           Echevarria II, Antulio J.; US. Offizier und Militärhistoriker.

[4]           Vgl. Echevarria, Center.

[5]           Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 1053 ff.

[6]           Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 1009.

[7]           Siehe Kapitel III.1.3.

 

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