1. Der Handlungsrahmen der Strategie; Angriff und Verteidigung

 

In den letzten beiden Kapiteln wurde das Clausewitz’sche Verständnis von dem einzelnen Gefecht analysiert. Das Gefecht stellt demnach das einzige wirksame Mittel der Strategie dar und aus diesem Grunde musste es umfänglich betrachtet werden. Nun muss es jedoch darum gehen, das einzelne Gefecht in einen Gesamtzusammenhang zum Krieg als Ganzes zu setzen und der Strategie damit ihre eigentliche Bedeutung zu geben.

 

Im Kapitel IV.5 wurde festgestellt, dass es das Ziel des Krieges sei, den gegnerischen Willen zur Fortsetzung des bewaffneten Widerstandes zu brechen. Demnach ist es im Rahmen der Strategie der Zweck innerhalb des einzelnen Feldzuges, auf den gegnerischen Willen in diesem Sinne einzuwirken. Der Wille des Gegners zur Fortsetzung des Krieges kann nachhaltig gebrochen werden, indem ihm die Motive zum Krieg entzogen werden. Dies kann geschehen, indem

 

  1. der Preis für seinen Sieg in die Höhe getrieben wird, d.h. die für den Gegner zu erwartenden Anstrengungen so gesteigert werden, dass der Nutzen des möglichen Sieges aus dem Verhältnis gerät (Unzweckmäßigkeit der Fortsetzung),

  2. ihm die Hoffnung auf seinen Sieg genommen wird, d.h. negativ auf die vermutete Wahrscheinlichkeit desselben eingewirkt wird (Aussichtslosigkeit der Fortsetzung) und schließlich

  3. er wehrlos gemacht wird, d.h. seine Streitkräfte zu weiterem Widerstand nicht in der Lage sind (Unmöglichkeit der Fortsetzung). [1]

 

Dies sind also die drei Motive zum Frieden, welche den sich aus der wunderlichen Dreifaltigkeit ergebenden Motiven zum Krieg entgegenstehen bzw. diese verdrängen können. Wird dies mit den positiven Wirksamkeiten des einzelnen Gefechts (Vernichtung feindlicher Streitkräfte, Inbesitznahme von Land und Herbeiführung eines allgemeinen Schadens)[2] in Verbindung gebracht, so ergeben sich interessante Zusammenhänge. So ist es offensichtlich, dass die sukzessive Vernichtung feindlicher Streitkräfte erstens den Gegner zunehmend wehrlos macht, zweitens die Realisierung seines Sieges zunehmend unwahrscheinlicher werden lässt, d.h. dass der Krieg für ihn aussichtsloser wird und drittens dem Gegner höhere Anstrengungen als geplant abringt und somit das Kosten-Nutzen-Verhältnis zunehmend ins Ungleichgewicht bringt, d.h. den Krieg zunehmend unzweckmäßig erscheinen lässt. Die Inbesitznahme von Land stellt ebenfalls einen allgemeinen Schaden dar und erhöht in diesem Sinne den Preis, den der Gegner für den Krieg zahlen muss. Die sukzessive Inbesitznahme von gegnerischen Gebieten macht den Krieg für den Gegner zunehmend kostspielig und von diesem Standpunkt aus auch zunehmend unzweckmäßig. Zudem kann die Inbesitznahme von Land in vielerlei Hinsicht gegen die gegnerische Hoffnung auf einen Sieg wirken. Zunächst kann die Wegnahme des Landes einen Eingriff in das Kräfteverhältnis darstellen, wenn z.B. eine bedeutende Stellung verloren geht oder der „Schlüssel des Landes“[3] eingenommen wurde. Zudem können wichtige Punkte, an welche der Gegner seine Hoffnungen knüpfte, z.B. Rückzugs- oder Versorgungswege, genommen werden und auch dies führt zu einer sinkenden Wahrscheinlichkeit seines Sieges. Insbesondere wirkt der Verlust von großen oder bedeutenden Gebieten aber auch moralisch in dem Sinne, dass es der zurückgedrängten Armee die (subjektiv wahrgenommene) Aussicht auf Erfolg nimmt; insbesondere denke man hier auch an die gravierenden Folgen des Verlustes der Hauptstadt.[4] Gleichwohl macht selbst die gesamte Inbesitznahme des gegnerischen Landes den Feind niemals wehrlos, da sich die Streitkräfte „auch ganz ins Ausland zurückziehen“[5] könnten oder den Kampf im „Innern“[6] des Landes, d.h. aus Verstecken heraus, weiter führen können. Schließlich wirkt die Herbeiführung eines allgemeinen Schadens in keiner Weise auf die fernere Aussicht auf Erfolg, sondern ausschließlich auf den Preis des Sieges; diese Wirkung des Gefechts ist also ausschließlich geeignet, die Unzweckmäßigkeit des Sieges als Motiv zum Frieden zu erzeugen.

 

Daraus ergibt sich folgende schematische Darstellung, die den Gesamtzusammenhang der Strategie abbildet:

 

 

 

Abbildung 8 - Schematische Darstellung des strategischen Gesamtzusammenhangs

 

Somit wurde ein Gesamtzusammenhang in der Kriegstheorie zwischen dem Krieg als Ganzem und dem einzelnen Gefecht hergestellt und damit ist auch das Handlungsfeld der Strategie umrissen. Die Strategie muss also den einzelnen Gefechten Ziele vorsetzen (Einzelziele), welche zunächst zu Zielen der verschiedenen Gefechtskombinationen (Zwischenzielen) und schließlich zum Ziel des gesamten Feldzuges (Gesamtziel) führen und im Ergebnis das gegnerische Motiv zum Frieden vergrößern sollen (Zweck), so dass dessen Motiv zum Krieg überflügelt und Frieden zu den eigenen Bedingungen geschlossen werden kann. Vor diesem Gesamthintergrund wird auch ersichtlich, dass es viele oder gar unzählige Wege zur Verwirklichung des strategischen Zwecks gibt. So ist es vollumfänglich verständlich, wenn Clausewitz schreibt:

 

„Wir sehen also, daß es im Kriege der Wege zum Ziele viele gibt, daß nicht jeder Fall an die Niederwerfung des Gegners gebunden ist, daß Vernichtung der feindlichen Streitkraft, Eroberung feindlicher Provinzen, bloße Besetzung derselben, bloße Invasion derselben, Unternehmungen, die unmittelbar auf politische Beziehungen gerichtet sind, endlich ein passives Abwarten der feindlichen Stöße - alles Mittel sind, die, jedes für sich, zur Überwindung des feindlichen Willens gebraucht werden können, je nachdem die Eigentümlichkeit des Falles mehr von dem einen oder dem anderen erwarten läßt.“[7]

 

Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass sich die Strategie ein Gesamtziel setzt, welches sich in einer individuellen Form aus den Elementen Vernichtung feindlicher Streitkräfte, Inbesitznahme von Land und Herbeiführung eines allgemeinen Schadens zusammensetzt. Dieses Ziel wird durch die Kombination von Gefechten im Rahmen des Feldzuges verfolgt und dessen Erreichen soll den Zweck des Feldzuges, die Überwindung des gegnerischen Willens zur Fortsetzung des Krieges, realisieren oder zumindest dessen Realisierung in nähere Reichweite bringen. Dabei lässt sich widerspruchsfrei feststellen, dass die vollumfängliche Vernichtung der feindlichen Streitkraft, d.h. diese „in einen solchen Zustand [zu versetzen], daß sie den Kampf nicht mehr fortsetzen kann“[8], das anspruchsvollste Ziel ist, welches die größten Anstrengungen kostet und die höchsten Gefahren birgt, gleichsam aber auch am sichersten zur Realisierung des Zwecks führt und dass jede Beimischung anderer Elemente zwar den kürzeren, d.h. leichteren Weg zum Ziel darstellt, dabei aber weniger sicher ausreicht, um den politischen Zweck zu erfüllen und im Falle eines Nichtausreichens noch mehr Kräfte fordert als das sofortige Verfolgen des höchsten Ziels, da die bis dahin eingesetzten Kräfte für ein unnützes Ziel aufgewandt und daher ineffizient eingesetzt wurden.

 

Zur Veranschaulichung ein fiktives Beispiel: Besetzt A mit seiner Streitkraft in einem ersten Feldzug eine Provinz des B und dies reicht gerade eben aus, um B zum Frieden zu A’s Bedingungen zu zwingen, dann war es der leichteste und kürzeste Weg zum politischen Zweck. Wenn sich jedoch herausstellt, dass die Besetzung der Provinz nicht ausreicht, um den Frieden zu erzwingen und den Widerstandswillen zu brechen, so muss A einen zweiten kriegerischen Akt begehen bzw. den ersten fortsetzen und z.B. die feindliche Streitkraft vernichten. Hätte er nun von vorneherein dieses Ziel verfolgt, so wären seine Kräfte effizienter eingesetzt gewesen, da er sie nicht daran hätte verschwenden müssen, die Provinz zu erobern. Es werden durch den ersten Umweg also mehr Anstrengungen zum Sieg erforderlich oder, anders ausgedrückt, die Wahrscheinlichkeit des Sieges wird geringer, weil für den zweiten Kraftakt notwendigerweise weniger Kräfte zur Verfügung stehen. Wir sehen hier also, dass die Strategie im Wesentlichen die Effizienz der eigenen Streitkräfte in Bezug auf die Vernichtung der gegnerischen Streitkräfte bestimmt, so wie es schon in Kapitel III.4.2 gesagt wurde. Dabei muss jedoch – um den Sachverhalts ganz vollständig zu erfassen – eingeschoben werden, dass sich auch zum höchsten Ziel, der Vernichtung der feindlichen Streitkräfte, wieder längere und kürzere Wege finden. So kann es durchaus sein, dass die Inbesitznahme eines Landstrichs von vorneherein dem Ziel dient, die Voraussetzungen für die Vernichtung feindlicher Streitkräfte zu verbessern. In diesem Falle ist die vorausgehende Besetzung der Provinz freilich keine Kraftverschwendung, sonder sie steigert die Effizienz der Streitkräfte, da es einen kürzeren Weg zum höchsten Ziel darstellt. Es ist also ganz etwas anderes, ob die Eroberung einer Provinz von vorneherein nur ein Teilziel der Strategie ist, welches dem höheren Ziel der Vernichtung dient, oder ob sie deren Hauptziel darstellt.

 

Damit wäre das Gebiet der Strategie formal erschlossen, wenn nicht der kriegerische Akt stets in Angriff und Verteidigung zerfallen müsste,[9] hier aber bisher nur die offensive Strategie betrachtet wurde. Die Verteidigung versucht der allgemeinen Definition entsprechend zunächst nichts anderes, als die gegnerische Absicht zu vernichten,[10] ihm also den Zweck seines Handelns zu verwehren. Da nun der strategische Angreifer das Motiv verfolgt, den gegnerischen Willen zur Fortsetzung des Krieges zu brechen (strategischer Zweck), so müsste strenggenommen gesagt werden, dass die strategische Defensive nichts weiter anstrebt, als den eigenen Willen zur Fortsetzung des Krieges zu erhalten (negativer strategischer Zweck), indem sie die feindliche Absicht, wie auch immer diese geartet ist, vernichtet (strategisches Ziel), den Gegner also zum erfolglosen Abbruch des offensiven Feldzuges zwingt.

 

Dies hört sich zunächst befremdlich und unnatürlich an. So würde kein sich in der Verteidigung befindender Stratege sagen, dass es der Zweck seiner Handlungen ist, den eigenen Willen zur Fortsetzung des Krieges zu erhalten und somit schließlich auch die Dauer desselben zu verlängern. Auch der Verteidiger will ein schnelles Ende des Krieges – allerdings zu seinen Gunsten. Man ist an dieser Stelle also leicht geneigt zu sagen, dass eigentlich beide Akteure das gleiche wollen, nämlich den gegnerischen Willen zum Widerstand zu brechen und also den Frieden zu den eigenen Bedingungen zu realisieren. Dies mag auch so sein, aber dem Verteidiger ist dieser Zweck ferner und er bestimmt nicht seine gegenwärtigen Handlungen. Dies bedarf der Erklärung.

 

Wenn der Verteidiger seinen Willen zur Fortsetzung des Feldzuges aufgibt, so folgt daraus, dass er dem Angreifer dessen strategisches Gesamtziel überlassen muss. Die Willensaufgabe hat also zur Konsequenz, dass der Verteidiger einen Verlust erleidet – sei es der Verlust von Streitkräften (Kapitulation der Streitmacht), der Verlust von Land oder auch nur ein allgemeiner Schaden (beides verursacht durch den Rückzug der Streitkraft). Der Angreifer ist durch die Aufgabe des Verteidigers also näher an das Ziel des Krieges gerückt, den Willen des Gegners zur Fortsetzung desselben zu überwinden, vorausgesetzt freilich, sein strategisches Ziel ist treffend gewählt und verfehlt nicht die erhoffte Wirkung. Wenn hingegen der Angreifer seinen Willen zur Fortsetzung des Feldzuges aufgibt, so folgt daraus nicht automatisch, dass er dem Verteidiger irgendein anderes, für ihn nachteiliges Ziel gewährt, sondern ausschließlich, dass er seine eigene Absicht aufgibt, die aber zuvor noch gar nicht realisiert war. Dem Angreifer entsteht durch die Willensaufgabe also kein faktischer Schaden und in diesem Sinne wird er auch nicht in seinem Willen zur Fortsetzung des Krieges beeinflusst. Der Angreifer wird durch seine Niederlage also nicht zum Frieden motiviert, sondern stellt lediglich sein offensives Handeln ein. Es entsteht also prinzipiell ein Stillstand im kriegerischen Akt, sofern nicht der ursprüngliche Verteidiger selbst angreift.

 

Dem könnte nun entgegengehalten werden, dass die strategische Verteidigung auch eine vernichtende Wirkung auf den Angreifer haben kann und dass daher der Angreifer in der Folge einer verheerenden Niederlage auch zum Frieden zu den Konditionen des Verteidigers bereit sein könnte. Dies ist auch zutreffend, aber die Bereitschaft zum Frieden ist keine unmittelbare Folge der vorzüglichen Verteidigung, sondern eine Folge aus der Furcht vor einem zukünftigen Angriff des bisherigen Verteidigers. Würde nämlich der strategische Verteidiger nichts anderes können als sich zu verteidigen und die feindlichen Stöße abzuwehren, so gäbe es für den Angreifer auch keinen Grund, das unter Umständen bisher Gewonnene wieder aufzugeben, d.h. sich zurückzuziehen bzw. die Bedingungen des Verteidigers zum Frieden anzunehmen, denn er könnte – egal wie schwach er auch ist – in der derzeitigen Lage verbleiben und eine bessere Gelegenheit abwarten oder auch Frieden zu den gegenwärtigen (nicht aber feindlichen) Bedingungen schließen. Wenn die Erfüllung des negativen Ziels, also der Sieg des Verteidigers, in der Konsequenz jedoch zu einem für ihn günstigen Frieden führt, so liegt es allein an der Furcht des früheren Angreifers, nun selbst strategisch angegriffen zu werden.

 

Somit wurde gezeigt, dass der von Clausewitz abgeleitete Standpunkt widerspruchsfrei ist und es sich durchaus sagen lässt, dass der strategische Angreifer den Zweck verfolgt, den gegnerischen Willen zum Krieg negativ zu beeinflussen, wohingegen der strategische Verteidiger sein Handlungsmotiv darauf beschränken muss, dem Gegner dies zu verwehren, d.h. seinen eigenen Willen zu erhalten. Nun wirft dies freilich die Frage auf, welche strategischen Ziele der Verteidiger verfolgen kann, um seinen Zweck, den Erhalt seines Willens, zu realisieren. Dazu ist zunächst zu bemerken, dass die oben genannten Wirksamkeiten von Gefechten unvollständig waren, denn es fehlten die jeweils zugehörigen negativen Absichten, namentlich der Erhalt eigener Streitkräfte, die Verteidigung von Raum sowie der Schutz von Nichtstreitkräften.[11] Diese drei Wirkungen lassen sich subsumieren unter der Wendung „Vernichtung der feindlichen Absicht“[12]. Die Vernichtung der feindlichen Absicht ist offensichtlich das der defensiven Strategie immanente Gesamtziel. Der defensive Feldzug ist also in dem Augenblick erfolgreich, in welchem der Angreifer seine weitere positive Absicht im Feldzug für einen signifikanten Zeitraum aufgibt.

 

Wäre nun die strategische Verteidigung eine reine Verteidigung, d.h. bestünde sie nur aus defensiven Gefechten und wäre sie folglich bloß, um das oben aufgeführte Zitat aufzugreifen, „ein passives Abwarten der feindlichen Stöße“[13], so wäre hiermit der Kreis geschlossen und die Unterscheidung zwischen Angriff und Verteidigung auf strategischer Ebene ein leichtes. Allein so ist es nicht, denn auch der strategische Verteidiger kann offensive Gefechte führen. So ist z.B. die umfängliche Vernichtung der feindlichen Streitkräfte ein sicherer Weg zur Realisierung des negativen strategischen Gesamtziels, nämlich der Vernichtung der feindlichen Absicht.[14] Ebenso kann der Verteidiger Land in Besitz nehmen und einen feindlichen Schaden herbeiführen und all dies ist prinzipiell auch dazu geeignet, die negative Gesamtabsicht zu erfüllen. Die strategischen Wirkungen sind schließlich real, sie beziehen sich jedoch nicht auf die Fortsetzung des Krieges, also den politischen Willen, sondern lediglich auf die Fortsetzung des Feldzuges, also den strategischen Willen.  Dem strategischen Verteidiger stehen also – sofern er stark genug dazu ist – sämtliche offensiven wie defensiven Mittel des Krieges zur Verfügung, um sein negatives Gesamtziel zu erreichen. Allein daraus folgt, dass auch der strategische Angreifer defensive Gefechte führen muss.

 

Es ist also möglich, dass beide Parteien innerhalb eines Feldzuges sich das positive Ziel setzen, die gegnerischen Streitkräfte zu vernichten. Der Unterschied ist jedoch, dass der strategische Angreifer sich dieses Ziel setzt, um den Gegner zu einem Frieden zu seinen Bedingungen zu zwingen, der Verteidiger dies jedoch nur tut, um diesen Frieden zu verhindern.

 

Während dem Verteidiger sowohl die offensiven wie auch die defensiven Gefechte zur Verfügung stehen, um seinen Zweck zu realisieren, so stehen dem Angreifer allein die offensiven Mittel zur Verfügung, denn jede Anwendung eines defensiven Mittels bringt ihn nicht näher an sein strategisches Gesamtziel bzw. an seinen strategischen Zweck. Die dem strategischen Angriff untergeordnete Verteidigung, welche dem Angreifer notwendigerweise auferlegt ist, sobald der Verteidiger ihn angreift, stellt ein unproduktives Übel dar, welches Kräfte und Zeit kostet, aber keine Wirksamkeit in Bezug auf den Zweck erzeugt. Mit einfachen Worten: Das Fortschreiten beinhaltet auch immer das Erhalten, wohingegen das Erhalten kein Fortschreiten beinhaltet. Daraus folgt, dass derjenige, der nur Erhalten will, auch im Fortschreiten seinen Vorteil findet, wohingegen demjenigen, der selbst Fortschreiten will, das Erhalten zumindest eine Zeitverschwendung, unter Umständen gar eine Kraftverschwendung sein muss. Clausewitz schreibt hierzu eine Begründung, die es zu problematisieren gilt:

 

„Es ist also der Akt des Angriffs im Kriege, vorzugsweise aber in der Strategie, ein beständiges Wechseln und Verbinden von Angriff und Verteidigung, wobei aber letztere nicht als eine wirksame Vorbereitung zum Angriff, als eine Steigerung desselben anzusehen ist, also nicht als ein tätiges Prinzip, sondern als ein bloßes notwendiges Übel, als das retardierende Gewicht, welches die bloße Schwere der Masse hervorbringt; sie ist seine Erbsünde, sein Todesprinzip. Wir sagen ein retardierendes Gewicht, weil, wenn die Verteidigung nichts für den Angriff tut, sie schon durch den bloßen Zeitverlust, welchen sie repräsentiert, seine Wirkung vermindern muß. Aber kann dieser Bestandteil von Verteidigung, der in jedem Angriffe enthalten ist, nicht auch positiv nachteilig auf denselben einwirken? Wenn man sich sagt, daß der Angriff die schwächere, die Verteidigung die stärkere Form des Krieges ist, so scheint daraus zu folgen, daß diese nicht positiv nachteilig auf jene einwirken könne, denn solange man für die schwächere Form noch Kräfte genug hat, müssen diese um so mehr für die stärkere ausreichen. Dies ist im allgemeinen, d. h. in der Hauptsache wahr, und wie es sich noch näher bestimmt, werden wir im Kapitel von dem Kulminationspunkt des Sieges genauer auseinandersetzen; aber wir müssen nicht vergessen, daß jene Überlegenheit der strategischen Verteidigung eben zum Teil darin ihren Grund hat, daß der Angriff selbst nicht ohne Beimischung von Verteidigung sein kann, und zwar von einer Verteidigung viel schwächerer Art; was er von der Verteidigung mit sich herumschleppen muß, sind die schlimmsten Elemente derselben; von diesen kann nicht mehr behauptet werden, was vom Ganzen gilt, und so begreift sich, wie diese Elemente der Verteidigung auch positiv ein schwächendes Prinzip für den Angriff werden können. Eben diese Augenblicke einer schwachen Verteidigung im Angriff sind es ja, in welche die positive Tätigkeit des offensiven Prinzips in der Verteidigung eingreifen soll. In welcher verschiedenen Lage befinden sich während der 12 Stunden Rast, die einem Tagwerk zu folgen pflegen, der Verteidiger in seiner ausgesuchten, ihm wohlbekannten, zubereiteten Stellung und der Angreifende in seinem Marschlager, in welches er wie ein Blinder hineingetappt ist, oder während der längeren Rast, die eine neue Einrichtung der Verpflegung, das Abwarten von Verstärkungen usw. erfordern kann, wo der Verteidiger in der Nähe seiner Festungen und Vorräte und der Angreifende wie der Vogel auf dem Aste ist.“[15]

 

Diese lange Textpassage bedarf einer kritischen Prüfung, denn Clausewitz hat sich hier gewissermaßen – ich nehme das Urteil vorweg – eine Unschärfe erlaubt, um eine zutreffende Erkenntnis mit unlauteren Mitteln zu verifizieren. Dadurch hat er einen guten und abstrakten Gedanken auf einen konkreten Einzelfall reduziert.

 

Problematisch ist das Bild, womit er den Gedanken zu erklären suchte. Er stellt einen Angreifer dar, der in Hast und Eile ein unsicheres, nicht erkundetes und provisorisches Marschlager bei mangelhafter Versorgung beansprucht, während der starke Verteidiger in aller Ruhe seine schon lange vorbereitete Stellung bezieht, die zur Versorgung vorgesehenen Lager nutzt und an keiner Stelle Not leidet. Dies ist freilich eine unlautere Behauptung, denn der Verteidiger kann ebenso wie der Angreifer mehr oder weniger in Nöten sein, sich mehr oder weniger im Vorteil des Geländes befinden und dies ist ganz und gar abhängig von dem konkreten Umstand, in welchem der Krieg stattfindet.[16] Richtig ist zwar, dass der taktische Verteidiger sich um so mehr den Vorteilen des Geländes bedienen kann, je mehr Zeit er für die Vorbereitung der Verteidigung hat,[17] doch kann dadurch der Vorteil des Geländes nur tendenziell, nicht aber generell dem strategischen Angreifer abgesprochen werden. Wenn aber bestritten wird, dass der strategische Angreifer in der taktischen Verteidigung per se im Nachteil ist – und für diese Behauptung gibt es keinen plausiblen Grund – so könnte daraus abzuleiten sein, dass die gesamte Überlegung zu verwerfen sei und der strategische Angreifer sich ebenso gut der taktischen Verteidigung bedienen könnte, wie der eigentliche Verteidiger.

 

An dieser Stelle bedarf die Clausewitz’sche Argumentation also einer Schärfung. Wenn der strategische Angreifer A vom Verteidiger V unglücklich angegriffen wird und er im Zuge seiner taktischen Verteidigung den Großteil der V-Streitkräfte vernichten, so ist dies ein großer Glücksfall für ihn und niemand kann leugnen wollen, dass sich die taktischen Verteidigung positiv auf den weiteren Angriff von A auswirkt und er in diesem Fall die taktische Verteidigung voll und ganz für das weitere Fortschreiten und also für seinen positiven Zweck ausnutzen kann. Allein, dies muss als eine Ausnahme betrachtet werden, denn es geht auf eine große Dummheit des V zurück und kann schwerlich im ursprünglichen Plan des A gewesen sein. Damit kommen wir zu dem Kern der Problematik: A will etwas erreichen und darum muss er angreifen, auch wenn die Umstände schwierig sind. V hingegen will nur etwas erhalten, d.h. der gegenwärtige Feldzug entspringt nicht seinem positiven Willen; für ihn besteht also kein Handlungszwang und er braucht nur dann angreifen, wenn die Situation für ihn sehr günstig erscheint. Wenn wir uns also A denken, der das feindliche Kriegstheater betritt und dort Stellung bezieht, sich zur Verteidigung einrichtet und einen feindlichen Angriff abwartet, dann werden seine Aussichten auf Erfolg schlecht sein, denn V hat keine Not ihn anzugreifen und er wird dies nur tun, wenn die Situation dafür günstig ist – es tritt also ein Stillstand ein und dieser wird umso mehr anhalten, je mehr A seine Verteidigungsstellung ausbaut. Der A wird also seinen Zweck auf diesem Wege nicht erfüllen und der Plan ist zum Scheitern verurteilt, es sei denn es ist von vorneherein klar, dass V ihn aus spezifischen Gründen in jedem Falle angreifen wird. A hat also keine Wahlfreiheit, sondern muss auch taktisch angreifen, um seinen positiven Zweck zu verwirklichen. V hingegen hat die Wahl und kann sich dem Mittel bedienen, welches er für das günstigste hält. So ist es logisch nachvollziehbar, dass die Defensivgefechte, die A führen muss, doch zumeist nachteilhaft für ihn sind, während V sehr wohl auch vorteilhafte Defensivgefechte führen kann. So erklärt sich auch schlüssig, warum der strategische Verteidiger Angriff und Verteidigung zu seinem Vorteil nutzen kann, während der Angreifer sich der Verteidigung i.d.R. nur zur Abwehr eines Übels bedient. Ganz einfach gesprochen vermag es der Angreifer nicht auf die Vorteile der Verteidigung zurückzugreifen, weil es, wenn er es versucht, keinen Angreifer geben wird.

 

Zusammenfassend lässt sich bisher also sagen, dass der strategische Angreifer im Feldzug den positiven Zweck verfolgt, auf den Willen des Gegners negativ Einfluss zu nehmen. Seine Gesamtzielsetzung ist eine individuelle Komposition aus der Vernichtung feindlicher Streitkräfte, der Inbesitznahme von Land und der Herbeiführung eines allgemeinen Schadens. Der strategische Verteidiger verfolgt hingegen den negativen Zweck des Erhalts des eigenen Willens zum Krieg und damit verbunden die Gesamtzielsetzung der Vernichtung der feindlichen Absicht. Er ist also erfolgreich, sobald der Angreifer von seinem Willen zum offensiven Vorgehen abrückt und nur dies sichert ihm den Erhalt seines (politischen) Willens zum Krieg. Sämtliche nachgeordneten strategischen Zielsetzungen können dabei sowohl aus den oben genannten Zielen, wie auch aus dem Erhalt der eigenen Streitkräfte, der Verteidigung des Landes oder dem Schutz der Nichtstreitkräfte zusammengesetzt sein. Dies bedeutet auch, dass der strategische Verteidiger defensive Gefechte zum ferneren Ziel der Vernichtung feindlicher Streitkräfte führen kann und dass dies noch ferner zur Vernichtung der feindlichen Absicht und somit zum Erhalt des eigenen Willens zum Krieg führen kann. Der strategische Angreifer kann sich hingegen nur dann vorteilhaft der untergeordneten Verteidigung bedienen, wenn er a) den Gegner zum Angriff zwingen kann, z.B. im Falle einer Belagerung, Einschließung oder Versperrung von Rückzugsmöglichkeiten, wenn er b) sein Ziel bereits erreicht hat und darum natürlicherweise in die Verteidigung übergeht, also ganz und gar aufhört, strategischer Angreifer zu sein oder c) wenn der strategische Verteidiger gravierende Fehler macht.

 

Die Kunst der Strategie ist es also zunächst, ein treffendes und realistisches Gesamtziel zu definieren, zudem Teilziele, d.h. Ziele von einzelnen Gefechtskombinationen zu bestimmen, welche das Gesamtziel erreichen und schließlich Kräfte, Raum, Mittel sowie Ziele für die einzelnen Gefechte festzulegen, welche in Kombination miteinander die Teilziele verwirklichen. Der so entstehende Feldzugsplan muss umso komplexer werden, je mehr die Kräfte geteilt und getrennt voneinander eingesetzt werden. So ist das Handlungsfeld der Strategie vollumfänglich erfasst. Es muss nun geklärt werden, wie die Strategie sich im konkreten Fall innerhalb dieses Rahmen positioniert.

 



[1]                 Vgl. Clausewitz, S. 216 ff, siehe Kapitel IV.5.

[2]                 Siehe Kapitel V.2.2; V.3.4.

[3]                 Clausewitz, Kriege, S. 766 ff.

[4]           Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 977.

[5]                 Clausewitz, Kriege, S. 216.

[6]                 Clausewitz, Kriege, S. 215.

[7]                 Clausewitz, Kriege, S. 221.

[8]                 Clausewitz, Kriege, S. 215.

[9]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 204 f.

[10]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 228.

[11]               Siehe Kapitel V.2.2. Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 437.

[12]               Clausewitz, Kriege, S. 228.

[13]               Clausewitz, Kriege, S. 221.

[14]               Am Clausewitz’schen Beispiel der strategischen Widerstandsarten wird ersichtlich, dass der strategische Angreifer sich vorzüglich dem Mittel des offensiven Gefechts bedienen kann. Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 650.

[15]               Clausewitz, Kriege, S. 871 f.

[16]               Siehe Kapitel IV.6.

[17]               Siehe Kapitel V.3.4.

 

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