1.1. Allgemeines Strategieproblem und unvollkommene Lösung

 

In diesem Zusammenhang muss das Stichwort des Strategiestreits fallen. Es handelt sich hierbei um eine militärtheoretische Diskussion die im ausgehenden 19. Jahrhundert eine auch politisch namhafte Rolle gespielt hat. Im Wesentlich ist sie auf den Historiker Hans Delbrück[1] zurückzuführen, der grundlegend zwischen der Kriegsführung Napoleons und Friedrich II unterschieden hatte. Dem ersten unterstellte er, stets die entscheidende Schlacht und damit die Vernichtung des Gegners gesucht zu haben. Von dem Zweitgenannten behauptete er, dass dieser stets mit einer Kombination aus Manöver und Schlacht versucht habe, den Gegner zu ermatten. Es entbrannte hieraus eine heftige Debatte darum, welche die treffendere Strategie sei, die Vernichtungs- oder die Ermattungsstrategie, wobei beide Lager teils mit, teils gegen Clausewitz argumentierten bzw. bis heute argumentieren.[2]

 

Es soll an dieser Stelle kein Abriss über diesen stellenweise auch polemischen und von politisch-ideologischen Überzeugungen durchsetzten und darum in erster Linie historisch zu betrachtenden Streit dargestellt werden. Ich will mich vielmehr darauf beschränken, einige Missverständnisse, die sich stetig in dieser Diskussion wiederfinden, aufzuklären, die unterschiedlichen Standpunkte mit Hilfe der Clausewitz’schen Sicht in ihrem Kern darzulegen und schließlich daraus das allgemeine Strategieproblem zu formulieren, welches sich im Rahmen dieses Streites manifestiert.

 

Ein Missverständnis, welches mit dieser Diskussion bis heute einher geht, ist die Vermischung mit der Debatte um die Vor- und Nachteile von Angriff und Verteidigung. So wird der Versuch, Clausewitz zu den Ermattungsstrategie-Befürwortern zu zählen, gelegentlich mit seiner scheinbaren Vorliebe für die Verteidigung als stärkere Form des Krieges belegt.[3] Dieser Ansatz ist aus zwei Gründen zu verwerfen. Zum einen ist bereits festgestellt worden, dass Clausewitz kein echter Befürworter der Verteidigung war, sondern diese lediglich entgegen einer ausgeprägten Angriffs-Schule salonfähig zu machen versuchte, indem er auf den dialektischen Zusammenhang zwischen beiden Kriegsformen hinwies.[4] Die Verteidigung ist demnach eine ganz und gar notwendige Kriegsform, welche zwar an sich die stärkere ist, dafür aber nicht allein zum endlichen Kriegsziel führt, wohingegen der Angriff zwar die schwächere Form ist, allerdings das Ziel des Krieges zu erreichen vermag. Die Verteidigung kann also den Angriff immer nur vorbereiten, ihn in diesem Sinne erfolgreicher machen, der Angriff oder zumindest die Bedrohung des Feindes mit Selbigem muss jedoch den Sieg erringen.

 

Der entscheidende Widerspruch in dieser Argumentation ist jedoch, dass der Angriffs- und Verteidigungskomplex in keinem Zusammenhang zum Strategiestreit um Vernichtung und Ermattung steht. Richtig ist zwar, dass Clausewitz feststellt, dass der Angriff den Vernichtungsakt ins Leben ruft[5] und ferner, dass das Bestreben des Verteidigers die Verlängerung des Kriegsaktes sei[6] und dass die Dauer einer Handlung geeignet sei, den Gegner zu erschöpfen und somit den Krieg für sich zu entscheiden.[7] Doch die Schlussfolgerung, dass der Verteidiger einer Ermattungsstrategie und der Angreifer einer Vernichtungsstrategie folge, ist unzulässig, denn sowohl die Ermattung als auch die Vernichtung des Gegners führt zum Ziel und dies ist unabhängig von Angriff und Verteidigung. Entgegen der Überlegungen Scherings[8] führt die Defensive bzw. das Ziel, die feindliche Absicht zu vernichten, nicht zur Erschöpfung der feindlichen Kräfte.[9] Die Erschöpfung wird durch das Handeln hervorgerufen und nicht durch das Abwarten und in diesem Sinne ist die Verteidigung an sich vollkommen ungeeignet, gegnerische Kräfte zu erschöpfen, es ist vielmehr der angreifende Akteur der sich durch sein Handeln selbst erschöpft, während der Verteidiger sich nur selbst zu erhalten strebt. Dies ist einer der Gründe, warum der reine Widerstand oder das bloße Abwehren nicht zum Ziel führen kann. Ermattung und Vernichtung sind vielmehr beides positive Motive und in diesem Sinne unterschiedliche Absichten des Angriffs, wohingegen die Defensive nur versuchen kann, sich gegen diese Wirkung zu verwahren. Dass die Verteidigung auf anderer Ebene selbst die Ermattung oder Vernichtung des Gegners anstreben darf, d.h. offensiv sein kann, wurde bereits dargelegt.[10]

 

Die Vernichtungsstrategie ist in der Vorstellung recht einfach gezeichnet, denn es ist „eine Strategie, die entschieden und fast bedingungslos auf die Schlacht zustrebt“[11]. Eine solche Strategie strebt also mit allen Mitteln nach der Vernichtung der gegnerischen Streitkräfte durch Kampf. Sie ist gekennzeichnet durch „das Streben nach großer und schneller Entscheidung“[12]. Zusammenfassen der eigenen Kräfte und unverzügliches Suchen des entscheidenden Gefechts mit der gegnerischen Hauptstreitkraft ist die logische Konsequenz dieses strategischen Ansatzes. Somit spiegelt dieser Ansatz den strategischen Aspekt des zum absurden geführten idealen Krieg wieder.[13]

 

Die Ermattungsstrategie ist etwas schwieriger zu durchdringen. Zunächst ist der Begriff selbst schon unglücklich gewählt. Dabei beziehe ich mich nicht nur darauf, dass Clausewitz diesen Begriff selbst nur selten nutzte und die Wörter Erschöpfung und Ermüdung viel eher in seinem Sprachgebrauch zu liegen scheinen.[14] Problematisch ist, dass jeder dieser drei Begriffe nicht trennscharf gegen den Begriff der Vernichtung abzugrenzen ist, da letztlich eine ermüdete, erschöpfte oder ermattete Armee in Clausewitz’scher Terminologie gleichfalls als vernichtet betrachtet werden muss. Auch der in diesem Zusammenhang aufgeworfene Begriff des Manövrierens oder der „Manöverstrategie“[15] erhellt die Vorstellung der Ermattungsstrategie wenig.[16] So wird hiermit die Idee verbunden, es könnte ein Gegner durch das Manövrieren ermüdet bzw. erschöpft werden und in der Folge müsste er also zum Frieden bereit sein. In diesem Kontext behauptete Delbrück, dass das Manöver ein ganz eigenständiges Mittel der Strategie sei, welches seine eigene Existenz außerhalb des Gefechts habe.[17] Auch wenn er dabei glaubte, mit Clausewitz argumentieren zu können, so widerspricht er ihm doch eigentlich, da dieser die Strategie ausdrücklich auf ein einziges wirksames Mittel reduziert hatte, namentlich das Gefecht.[18] Und dies hat einen einfachen und treffenden Grund: Durch das Manöver selbst wird nicht die gegnerische, sondern die eigene Armee erschöpft. Das Resultat dieses Manövers ist aber eine neue Stellung,[19] von welcher aus der Marschierende den Gegner mit einem Gefecht bedroht. Die Erwartung dieses Gefechts und nicht das Manöver selbst ist es, welches den Gegner zu einer eigenen Bewegung veranlasst und so ist es auch diese durch das in Aussicht gestellte Gefecht hervorgerufene Bewegung, welche den Gegner erschöpfen lässt. Das Manövrieren ist somit in keiner Weise ein eigenständiges Mittel der Strategie, sondern es ist nur – wie oben schon gesagt wurde[20] – ein notwendiges Übel, um eine neue Stellung für ein neues Gefecht zu erreichen. Erst diese Stellung im Sinne eines möglichen Gefechts zeigt die angestrebte Wirkung und ist dazu geeignet, den Gegner zu erschöpfen.

 

Die Ermattungsstrategie ist in diesem Sinne also dadurch gekennzeichnet, dass sie die Kombination der Gefechte von vorneherein auf der Spekulation begründet, dass der Gegner die angebotenen Gefechte nicht annimmt, sondern diesen ausweicht bzw. seinerseits Märsche unternimmt, um sich in eine bessere Position zu bringen. Das Verfolgen der Ermattungsstrategie setzt also ein bestimmtes Kalkül in Bezug auf das Verhalten des Gegners voraus. Wenn der Gegner jedoch eine andere Strategie verfolgt und sich anders verhält, indem er nicht dem Gefecht ausweicht, sondern stehen bleibt oder gar seinerseits das Gefecht unmittelbar sucht, dann kommt es unweigerlich zur Waffenentscheidung und die Ermattungsstrategie im Delbrück‘schen Sinne hat ihre Wirksamkeit verloren.[21] Wenn eine Strategie also darauf ausgerichtet ist, nicht das entscheidende und schnelle Gefecht zu suchen, sondern von vorneherein darauf spekuliert, dass der Gegner das Gefecht meidet, wenn sie also von vorneherein die „unblutige Entscheidung“[22] sucht, dann ist dies offensichtlich im allgemeinen Begriff der Ermattungsstrategie.[23]

 

Nun hat dieser Begriff im Laufe der Zeit vielfache unterschiedliche Definitionen erhalten und es liegt mir fern, diesen doch eher politischen bzw. historischen Begriff an dieser Stelle zu definieren. Der Streit um Ermattungs- und Vernichtungsstrategie ist auch nur eine Facette verschiedener Strategiestreitigkeiten. So sieht z.B. Creveld das grundsätzliche Strategieproblem in der Frage, ob das schwierigste bzw. größte Ziel zuerst verfolgt werden sollte, da die Verwirklichung desselben auch die leichteren Ziele en passant erfüllen würde, oder ob zunächst die einfacheren Ziele verfolgt werden sollten, um im Anschluss das schwierigere mit besseren Ausgangsbedingungen leichter erreichen zu können.[24] Bei näherer Betrachtung ist dies nicht allzu weit von der Vernichtungs- und Ermattungsstrategiedebatte entfernt, allerdings etwas allgemeiner formuliert, da hier nicht zwei gegensätzliche Extreme gegenübergestellt werden, sondern eine größere Bandbreite an Möglichkeiten, welche eine Unzahl von Mittelwegen zulässt.

 

Sämtliche Debatten um die Strategie führen aber letztlich zu der Frage nach der universal richtigen und treffenden Strategie, welche zu verfolgen ist, um die Wahrscheinlichkeit des Sieges zu maximieren. Auch Clausewitz stellte sich dieser Frage und dies drückt sich in dem Widerspruch zwischen dem absoluten und dem wirklichen Krieg aus.

 

Der innere Strategiestreit von Clausewitz befasste sich mit der scheinbaren Unvereinbarkeit zwischen deduktiver Kriegstheorie und empirischer Wirklichkeit. Diese ist gekennzeichnet durch den Gegensatz zwischen der gewissermaßen absoluten Strategie als der eigentlich logischen, sich aus den inneren Zusammenhängen des Krieges ergebenden Zielsetzung, die gegnerischen Streitkräfte mit maximaler Effizienz zu vernichten, und der schwächer erscheinenden, vorsichtigeren, weniger wagemutigen Kriegsführung, welche zaghaft nur kleine Vorteile sucht. In diesem Zusammenhang gibt es verschiedene Betrachtungsweisen innerhalb des Clausewitz’schen Hauptwerkes, die allesamt die Entwicklungsstadien der Theorie in Bezug auf die Unterscheidung zwischen wirklichem und idealem Krieg darstellen.

 

Der junge Clausewitz verfolgt noch den Gedanken des absoluten Krieges, welcher sich aus den inneren Notwendigkeiten, insbesondere den drei Wechselwirkungen zum Äußersten ergibt. Im sechsten und siebten Buch unterscheidet unser Protagonist ‚noch‘ zwischen dem Angriff eines Kriegstheaters mit und ohne Entscheidung.[25] Der Angriff ohne Entscheidung wird dabei wie folgt definiert:

 

Aber [...] es gibt auch, wenn wir uns an die Geschichte halten, eine Menge von Feldzügen, wo [...] dieses Wollen so schwach ist, daß es nicht mehr um jeden Preis sein Ziel verfolgt und notwendig eine Entscheidung herbeiführt, sondern wo der Angreifende keine anderen Vorteile sucht, als die sich ihm aus den Umständen ergeben wollen. Er verfolgt hier entweder gar kein bestimmtes selbstgestecktes Ziel und erntet nur die Früchte, die sich ihm in dem Verlauf der Zeit darbieten, oder er hat zwar ein Ziel, macht es aber von günstigen Umständen abhängig.

 

Obgleich ein solcher Angriff, der von der strengen logischen Notwendigkeit eines Vorschreitens gegen das Ziel losläßt und fast wie ein Müßling den Feldzug durchschlendert, um sich rechts und links nach einer wohlfeilen Gelegenheitsfrucht umzusehen, sehr wenig von der Verteidigung selbst verschieden ist, die ja ihrem Feldherrn auch verstattet, solche Früchte zu brechen, so wollen wir [...] uns hier nur an die Folgerung halten, daß in einem solchen Feldzug weder vom Angreifenden noch vom Verteidiger alles auf die Entscheidung bezogen werden kann, daß diese also nicht mehr den Schlußstein des Gewölbes abgibt, nach dem alle Linien der strategischen Überbogung hingerichtet werden können.

 

Feldzüge dieser Art sind nun, wenn man die Kriegsgeschichte aller Zeiten und Länder im Auge hat, nicht nur die Mehrzahl überhaupt, sondern eine solche Mehrzahl, daß die anderen wie Ausnahmen von der Regel erscheinen.“[26]

 

Clausewitz zeichnet hier also zwei gegensätzliche offensive Strategien. Die eine von der logisch notwenigen Zielsetzung geprägt, die gegnerischen Streitkräfte zu vernichten, die andere lediglich von schwächeren Zielen geprägt, welche sich aus Wahrscheinlichkeiten und Umständen ergeben. Der Angriff mit Entscheidung bildet die an sich richtige und treffende Strategie ab, der Angriff ohne Entscheidung als empirische Realität stellt in diesem Entwicklungsstadium der Theorie noch eine Strategie dar, welche aus einer mehr oder weniger so zu bezeichnenden Schwäche heraus geboren wird. Bemerkenswert ist hierbei, dass die Verteidigung selbst auf diese beiden unterschiedlichen Angriffsstrategien nur angepasst reagieren kann, sich hierbei aber nicht in ähnlicher Form aus sich selbst heraus unterscheidet.

 

Im achten Kapitel des Werkes wird bereits eine andere Sichtweise offenbar. Clausewitz ist hier in einer entscheidenden Phase der Theoriebildung. Zunächst differenziert er bereits generell zwischen dem absoluten und dem wirklichen Krieg. Der durch die drei Wechselwirkungen entwickelte Krieg gilt hier bereits nur noch als vor allem theoretisches Konstrukt, welches durch die Unfähigkeit des Menschen, ausschließlich logischen Schlüssen entsprechend zu handeln, kaum verwirklicht werden kann. Zwar wird die von Napoleon praktizierte Kriegsführung als absolut bezeichnet, doch ist bereits deutlich, dass auch diese „aller natürlichen Schwere und Reibung der Teile, der ganzen Inkonsequenz,  Unklarheit und Verzagtheit des menschlichen Geistes“[27] unterworfen gewesen sein muss und dass dies von der Theorie stets zu berücksichtigen ist, wenn sie sich mit dem wirklichen Krieg befasst. In diesem Zuge kommt Clausewitz auf zwei Kategorien von strategischen Zielen. Zum einen auf die Niederwerfung des Feindes als „das eigentliche absolute Ziel des kriegerischen Aktes“[28], zum anderen das beschränkte Ziel, welches entweder lediglich die Eroberung eines Landstrichs oder das Erhalten des eigenen anstrebt.[29] Demnach kann das absolute Ziel nur dann verfolgt werden, wenn „eine große physische oder moralische Überlegenheit oder ein [...] Hang zu großen Wagnissen voraus[gesetzt]“[30] ist. Wenn davon jedoch nichts bzw. zu wenig vorhanden ist, so sind die Akteure zur beschränkten Zielsetzung genötigt und können also nur Kleines fordern. Im Vergleich zum sechsten Buch sind die beiden unterschiedlichen strategischen Ansätze schon merklich näher aneinander gerückt und haben auch ihren absoluten Charakter verloren. So ist zur Niederwerfung des Feindes nicht zwingend die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte notwendig, sondern die Besetzung der gegnerischen Hauptstadt, d.h. eines besonders symbolträchtigen oder strategisch bedeutsamen Ortes, unter Umständen bereits hinreichend.[31] Die ganze Betrachtung ist deutlich weniger auf rein Militärisches beschränkt sondern umfasst die gesamtpolitische Situation. Beim Niederwerfen wird der entscheidende Punkt angestrebt, dessen Erreichen es dem Gegner unmöglich macht, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Es wird also ein strategisches Ziel angestrebt, welches dem Gegner die Fortsetzung des Krieges unmöglich macht – sei dies die Besetzung eines wichtigen Ortes, die Zerstörung der Streitkräfte oder ein allgemeiner Schaden. Ist dieses Ziel erreicht, so kann der Gegner folglich zu einem Frieden mit beliebigen Konditionen gezwungen werden. Beim beschränkten Ziel sucht die Strategie hingegen nur ein geringeres Ziel zu erreichen, was zwar keine generelle Entscheidung herbeiführt, dafür aber ausreichend ist, um die angestrebten Zwecke zu verwirklichen, d.h. den Gegner zu den konkret vorgesehenen Konditionen zum Frieden zu zwingen.

 

Im ersten Buch ist schließlich der Endstand der Theorie erreicht und es ist keine Rede mehr von grundsätzlich unterschiedlichen Zielen im Krieg. Der Krieg ist vielmehr in all seinen Ausprägungen politisch und in diesem Sinne ein individueller Akt.[32] Dabei gibt es unzählige Ausprägungen verschiedener strategischer Ziele, mit welchen der Sieg errungen werden kann. Die Bandbreite der verschiedenen Ziele im Krieg habe ich im vorangegangenen Kapitel V.4 dargestellt. Dies ist, wenn man so will, die Kapitulation vor dem Strategiestreit. Clausewitz hat erkannt, dass es keine grundsätzliche Idealstrategie geben kann, die nur befolgt werden müsste, um die Wahrscheinlichkeit des Sieges zu maximieren. Es ist vielmehr in jedem konkreten Fall einzeln zu prüfen, zu analysieren und abzuschätzen. Die treffende Strategie sowohl in Bezug auf das Gesamtziel im Krieg wie auch auf die verschiedenen Teilziele, welche dies realisieren sollen, lässt sich daher nur im Einzelfall bestimmen und dies auch nur begrenzt, da der individuelle Krieg als komplexes System nicht reproduzierbar ist und in diesem Sinne eine Verifizierung von Thesen und Vermutungen unmöglich ist. Bei sämtlichen denkbaren Zielsetzungen, die im Feldzug verfolgt werden können, bleibt jedoch die Vernichtung feindlicher Streitkräfte das höchste Mittel und daher die Waffenentscheidung das höchste Gesetz. Soweit die Strategie sich von ihrer idealen, absoluten Zielsetzung entfernen mag, darf sie dies nicht außer Acht lassen und muss für die Waffenentscheidung stets gerüstet sein. So schreibt Clausewitz:

 

„Aber wir dürfen nicht unterlassen, schon hier die blutige Entladung der Krise, das Bestreben zur Vernichtung der feindlichen Streitkraft, als den erstgeborenen Sohn des Krieges geltend zu machen. Mag [...] ein behutsamer Feldherr geschickt alle Wege versuchen, wie er ohne große Krisen und blutige Auflösungen, durch die eigentümlichen Schwächen seines Gegners, im Felde und im Kabinett, sich zum Frieden hinwindet; wir haben kein Recht, ihn darüber zu tadeln, wenn seine Voraussetzungen gehörig motiviert sind und zum Erfolg berechtigen; aber wir müssen doch immer von ihm fordern, daß er sich bewußt bleibe, nur Schleifwege zu gehen, auf denen ihn der Kriegsgott ertappen kann, daß er den Gegner immer im Auge behalte, damit er nicht, wenn dieser zum scharfen Schwerte greift, ihm mit einem Galanteriedegen entgegentrete.“[33]

 

Insgesamt ist in der Strategie also alles denkbar und der konkrete Fall gibt dem jeweiligen strategischen Ansatz recht oder unrecht, je nachdem wie die Umstände gestaltet sind und wie glücklich oder unglücklich das Ergebnis ausfällt. So ist Clausewitz – wohlgemerkt im Endstadium seiner Theoriebildung – zu der Überzeugung gelangt, dass zwar die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte das höchste und wirksamste strategische Ziel des Krieges ist, dass daraus aber keineswegs gefolgert werden kann, dass auch stets genau dieses Ziel verfolgt werden müsse. So schreibt er z.B.:

 

„Aber freilich können wir der Vernichtung feindlicher Streitkraft nur bei vorausgesetzter Gleichheit aller übrigen Bedingungen eine höhere Wirksamkeit zuschreiben. Es wäre also ein großes Mißverstehen, wenn man daraus den Schluß ziehen wollte, ein blindes Draufgehen müßte über behutsame Geschicklichkeit immer den Sieg davontragen. Ein ungeschicktes Draufgehen würde zur Vernichtung der eigenen, nicht der feindlichen Streitkraft führen, und kann also von uns nicht gemeint sein. Die höhere Wirksamkeit gehört nicht dem Wege, sondern dem Ziele an, und wir vergleichen nur die Wirkung des einen erreichten Zieles mit dem anderen.“[34]

 

Diese Passage ist von besonderer Bedeutung, denn hier wird zugestanden, dass die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte zwar das sicherste strategische Gesamtziel zur Erfüllung des Zwecks darstellt, dass dies aber gleichwohl nicht der sicherste Weg dazu ist, d.h. dass andere Ziele zwar in ihrer Realisierung weniger sicher den Zweck erfüllen, dafür aber deutlich sicherer zu erreichen sind.

 

Dieser Gedanke kann zudem auf sämtliche kleineren Ziele innerhalb der Strategie herunter gebrochen werden. Ist es z.B. das strategisches Ziel von A eine Stellung X einzunehmen, die derzeit von V besetzt ist, so ist das höchste Ziel, welches A sich dazu setzen kann, die Vernichtung der sich dort befindlichen Streitkräfte. Die Realisierung dieses Ziels führt ihn am sichersten in den Besitz der Stellung, aber gleichwohl ist dies nicht der sicherste Weg, denn der eigenen Vernichtung werden sich die Streitkräfte Vs auch mit aller Kraft entgegenstellen; es ist also sogar der gefährlichste Weg zum Ziel. Sicherer wäre es für A z.B. nur seine Absicht anzudeuten und darauf zu hoffen, dass V ein Gefecht meidet und von ganz allein ausweicht, so dass die Stellung dem A ohne Kampf in die Hände fällt.[35]

 

Es lässt sich also sagen also, dass je größer der Stratege sein Ziel bestimmt, desto sicherer führt die Erfüllung desselben zum Zweck, desto gefährlicher wird aber der Weg dorthin. Diese Gleichung wird umso komplexer, da Clausewitz darauf hinweist, dass auch das kleine Ziel von großer Gefährlichkeit sein kann, nämlich dann, wenn der Gegner seinerseits ein viel größeres Ziel verfolgt.

 

Daraus ergibt sich ein komplexes Spannungsfeld aus verschiedenen Gefahren, Unsicherheiten und schließlich der Forderung nach Zweckmäßigkeit, in welchem sich die Strategie bewegen muss. Die Strategie ist daher an sich eigentümlich, so wie der ganze Krieg eigentümlich ist.[36] Es gibt also keine generisch bestimmbare optimale Strategie; aber es gibt eine im konkreten Einzelfall vorhandene, optimale Strategie, nur sind die zur Bestimmung dieser Strategie notwendigen Daten extrem komplex und zudem nicht qualitativ bestimmbar (z.B. moralische Größen), so dass der menschliche Geist die optimale Strategie nicht wissen kann, sondern nur Vermutungen darüber abzugeben vermag. An dieser Stelle gewinnt der Feldherr mit dem kriegerischen Genius an Bedeutung, denn diesem obliegt im konkreten Einzelfall die Bestimmung der Strategie und allein hieran kann die weitere Kriegstheorie sich orientieren.

 

 

 



[1]                 Delbrück, Hans Gottlieb Leopold; *1848, Rügen; +1929, Berlin; dt. Historiker und Politiker.

[2]                 Vgl. Aron, Clausewitz, S. 115 ff; S. 629 ff.

[3]                 Vgl. Heuser, Clausewitz, S. 171.

[4]                 Vgl. Schössler, Clausewitz II, S. 157 ff.

[5]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 228.

[6]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 229

[7]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 221.

[8]           Schering, Walther Malmsten; *1883, Göttingen; +1959; dt. Offizier, Naturwissenschaftler, Philosoph und Wehrwissenschaftler.

[9]                 Vgl. Schering, Kriegsphilosophie, S. 57 ff.

[10]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 228 f.

[11]               Aron, Clausewitz, S. 115 f.

[12]               Moltke, Werke 4, S. 3.

[13]               Siehe Kapitel III.1.3.

[14]               Vgl. Aron, Clausewitz, S. 632. Die Wendung „matt“ kommt insgesamt viermal in verschiedenen Formen vor. Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 457; S. 462; S. 660; S. 927.

[15]               Aron, Clausewitz, S. 639.

[16]               Vgl. Aron, Clausewitz, S. 122 ff.

[17]               Vgl. Aron, Clausewitz, S. 117 f.

[18]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 225.

[19]               „Die Märsche sind ein bloßer Übergang von einer Aufstellung zur anderen“. Clausewitz, Kriege, S. 550.

[20]               Siehe Kapitel V.3.2.

[21]               „Die Waffenentscheidung ist für alle großen und kleinen Operationen des Krieges, was die bare Zahlung für den Wechselhandel ist.“ Clausewitz, Kriege, S. 226.

[22]               Clausewitz, Kriege, S. 225.

[23]               Vgl. Aron, Clausewitz, S. 115 ff.

[24]               Vgl. Creveld, Zukunft, S. 176 f.

[25]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 833; S. 903; S. 908.

[26]               Clausewitz, Kriege, S. 833 f.

[27]               Clausewitz, Kriege, S. 954.

[28]               Clausewitz, Kriege, S. 984.

[29]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 984 ff.

[30]               Clausewitz, Kriege, S. 984.

[31]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 977.

[32]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 211.

[33]               Clausewitz, Kriege, S. 229 f.

[34]               Clausewitz, Kriege, S. 226.

[35]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 224.

[36]               Siehe Kapitel IV.2.

 

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Kapitel V.5 - Übersicht

  • V.5.1 Allgemeines Strategieproblem und unvollkommene Lösung

    1.1. Allgemeines Strategieproblem und unvollkommene Lösung In diesem Zusammenhang muss das Stichwort des Strategiestreits fallen. Es handelt sich hierbei um eine militärtheoretische Diskussion die im ausgehenden 19. Jahrhundert eine auch politisch namhafte Rolle gespielt hat. Im Wesentlich ist sie auf den Historiker Hans Delbrück[1] zurückzuführen, der grundlegend zwischen der Kriegsführung Napoleons und Friedrich II unterschieden hatte. Dem ersten unterstellte er, stets die entscheidende Schlacht und damit die Vernichtung des Gegners gesucht zu haben. Von dem Zweitgenannten behauptete er, dass dieser stets mit einer Kombination aus Manöver und Schlacht versucht habe, den Gegner zu ermatten. Es entbrannte hieraus eine heftige Debatte darum, welche die treffendere Strategie sei, die Vernichtungs- oder die Ermattungsstrategie, wobei beide Lager teils mit, teils gegen Clausewitz argumentierten Read More
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