1.1. Begriff und Rolle des Feldherrn im Krieg

 

In der Clausewitz’schen Kriegstheorie spielt die Person des Feldherrn eine zentrale Rolle.[1] Dies ist insofern nicht verwunderlich, als dass sich sein gesamtes Werk im Schwerpunkt an den Personenkreis der höchsten militärischen Führer und der Staatsmänner richtet und somit die potentiellen Feldherren anspricht.[2]

 

Der Feldherr ist eine „entweder an der Spitze eines ganzen Krieges oder eines Kriegstheaters stehende“[3] Person. Dabei ist der Begriff des Kriegstheaters jedoch eine recht unpräzise Formulierung. Clausewitz definiert ihn wie folgt:

 

„1. Kriegstheater

 

Eigentlich denkt man sich darunter einen solchen Teil des ganzen Kriegsraumes, der gedeckte Seiten und dadurch eine gewisse Selbstständigkeit hat. Diese Deckung kann in Festungen liegen, in großen Hindernissen der Gegend, auch in einer beträchtlichen Entfernung von dem übrigen Kriegsraum. – Ein solcher Teil ist kein bloßes Stück des Ganzen, sondern selbst ein kleines Ganze, welcher dadurch mehr oder weniger dadurch ist, daß die Veränderungen, welche sich auf dem übrigen Kriegsraum zutragen, keinen unmittelbaren, sondern nur einen mittelbaren Einfluß auf ihn haben. Wollte man hier ein genaues Merkmal, so könnte es nur die Möglichkeit sein, sich auf dem einen ein Vorgehen zu denken, während auf dem anderen zurückgegangen würde, eine Defension, während auf dem anderen offensiv verfahren würde. Diese Schärfe können wir nicht überall mitnehmen, sie soll bloß den eigentlichen Schwerpunkt andeuten.“[4]

 

Die Undeutlichkeit dieser Einteilung lässt sich schon an dem Beispiel der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt 1806 leicht nachzeichnen. Die Franzosen kämpften hier räumlich getrennt voneinander zeitgleich gegen die Preußen – in Auerstedt unter dem Kommando Marschall Davouts[5], in Jena unter dem Kommando Napoleons.[6] Beide Kriegsschauplätze sind zwar nicht durch Festungen oder – und allein dies ist schon Auslegungssache – nennenswerte Geländehindernisse getrennt, doch sie liegen Luftlinie etwa 15 Kilometer auseinander. Reicht diese Entfernung aus, um von einer „beträchtlichen Entfernung“ zu sprechen? In jedem Falle haben die beiden Schlachten einen gewissen Grad der Unabhängigkeit voneinander und wir können uns leicht vorstellen, wie an dem einen Ort angegriffen und an dem anderen Ort verteidigt wurde. Kann daraus nun also gefolgert werden, dass es sich um zwei verschiedene Kriegstheater handelt und dass sowohl Napoleon wie auch Davout als Feldherrn betrachtet werden müssen?

 

Die Unterscheidung zwischen Strategie und Taktik wurde bereits im Kapitel III.4.2 getroffen. Demnach ist „die Taktik die Lehre vom Gebrauch der Streitkräfte im Gefecht, die Strategie die Lehre vom Gebrauch der Gefechte zum Zwecke des Krieges.[7] Dies weist auf eine wesentliche analytische Unterscheidung zwischen dem Gefecht, namentlich der „Waffenentscheidung“[8], einerseits und der zusammenhängende Abfolge von einzelnen Gefechten, namentlich dem Feldzug, andererseits hin.[9] In einem Gefecht, d.i. der unmittelbare Kampf zweier als Einheiten gedachter Gegner gegeneinander, ist das notwendige Ziel die Vernichtung der gegnerischen Streitkräfte, allein schon, weil sich nur so das unmittelbare eigene Überleben sichern lässt. Das Gefecht stellt in diesem Zusammenhang ein abgeschlossenes Ganzes, eine Einheit dar, welche wiederum ein Teil eines andern, größeren Ganzen, namentlich eines Feldzuges ist.[10] Die Taktik befasst sich also mit der Planung und Durchführung von Handlungen innerhalb eines Gefechtes, die Strategie hingegen befasst sich mit der Planung und Vorbereitung von aufeinanderfolgenden oder auch parallel stattfindenden Gefechten. Die Planung eines Feldzuges, welche im Ergebnis zum Erreichen des kriegerischen Ziels oder zumindest eines wichtigen Teilziels im Krieg führen soll, also das Planungsergebnis der Strategie, wird konsequenterweise „Feldzugsplan“[11] genannt.[12]

 

Der Begriff des Kriegstheater findet nun seine Definition nicht in Bezug auf das Gefecht und die Taktik, sondern in Bezug auf den Feldzug und die Strategie.[13] D.h. es kann nur von einem eigenständigen Kriegstheater gesprochen werden, wenn der Verlauf mehrerer Gefechte in dem einen Raum keinen Einfluss nimmt auf den Verlauf mehrerer Gefechte innerhalb eines anderen Kriegsraumes. So wird ganz offensichtlich, dass es sich bei Jena und Auerstedt um zwei parallel stattfindende Gefechte in ein und demselben Kriegstheater gehandelt hat, die zwar unter unterschiedlicher taktischer Führung stattfanden, gleichwohl aber dem selben strategischen Feldzugsplan entsprungen waren.

 

Der Feldherr ist also die Person, welche den strategischen Entwurf und den Verlauf des Feldzugs bestimmt und den Oberbefehl über die Streitkräfte innerhalb eines Kriegstheaters inne hat. Nun ist die Unterscheidung zwischen Strategie und Taktik nur eine analytische und keine reale und die Befehlsgewalt des Feldherrn hört nicht bei der Strategie auf, sondern sie umfasst die ganze kriegerische Handlung. Aus diesem Grunde kann der Feldherr freilich zugleich taktischer Befehlshaber in der Schlacht sein und als solcher wurde er von Clausewitz auch oftmals betrachtet.[14] Die Tatsachen allerdings, dass die taktische Führung einer Schlacht an den unmittelbaren Befehl geknüpft ist,[15]  d.h. dass der taktische Führer jederzeit in den Verlauf der Schlacht eingreifen können muss und sich seine Befehle unmittelbar auswirken sollen, dass gleichwohl aber die Strategie mehrere Schlachten gleichzeitig und räumlich getrennt voneinander anordnen kann, führen dazu, dass der strategische Führer schon allein aufgrund von Kommunikationshemmnissen nicht in jedem Falle auch der taktische Befehlshaber sein kann – so wie 1806 zeitgleich zu Jena die taktische Führung in Auerstedt auf französischer Seite dem Marschall Davout zukam, während Napoleon unzweifelhaft der zuständige Feldherr war.[16] Ferner besteht ein Feldzug nicht nur aus großen Hauptschlachten, sondern unter Umständen hauptsächlich aus kleinen und kleinsten Gefechten. Hier wird ganz offensichtlich, dass der der Feldherr nicht in jedem einzelnen Falle auch den taktischen Befehl über ein Gefecht innehaben kann, sondern diesen an seine unterstellten Führer delegieren muss.

 

Der taktische Führer eines Gefechtes wird örtlicher Befehlshaber genannt, weil er den persönlich unmittelbaren Befehl über Streitkräfte innerhalb eines Gefechtes innehat, der strategische Führer hingegen wird „Oberbefehlshaber“[17] oder besser Feldherr genannt, weil er Ziele, Kräfte, Raum und Zeit der einzelnen Gefechte in Abhängigkeit von gegnerischen Handlungen versucht zu planen und somit den Feldzugsplan festlegt. Der Sprachgebrauch hat sich im Laufe der Geschichte in diesem Bereich vielfach gewandelt, weil sich auch die historischen Erscheinungen in vielerlei Hinsicht geändert haben.[18] Ich will aber versuchen an genau dieser Clausewitz’schen begrifflichen Aufteilung festzuhalten. Der Feldherr kann zwar gleichsam Befehlshaber sein, er muss es aber nicht, er kann sogar die taktische Führung von Gefechten ganz und gar auf seine unterstellten Befehlshaber delegieren. Ferner darf nun nicht die Vorstellung aufkommen, die unterstellten Führer hätten zwangsläufig nichts mehr mit der Strategie zu tun – es liegt allerdings „eine sehr große Kluft [...] zwischen einem Feldherrn [...] und der nächsten Befehlshaberstufe unter ihm, aus dem einfachen Grunde, weil dieser einer viel näheren Leitung und Aufsicht unterworfen ist, folglich der eigenen Geistestätigkeit einen viel kleineren Kreis läßt.“[19] Dass diese Aufsicht und die daraus resultierende Kluft kleiner oder größer sein kann und dass somit die Unterführer des Feldherrn ebenfalls mehr oder weniger große strategische Freiräume haben, versteht sich von selbst.

 

Idealerweise bekommt der Feldherr Kräfte und Mittel der Kriegsführung, d.h. Streitkräfte sowie die zu verwirklichende, politische Absicht, d.h. den Zweck des Feldzuges, zugewiesen. Innerhalb dieses Rahmens muss der Feldherr nun also seinen Feldzug, planen, d.h. er muss sich ein strategisches Gesamtziel setzen, von dem er glaubt, dass es hinreicht, um die politische Absicht zu verwirklichen und er muss den Weg dorthin planen. Auf die verschiedenen strategischen Ansätze, auf die Strategie überhaupt, komme ich später zu sprechen – hier reicht die bemerkenswerte Feststellung, dass die Intensität der Kriegführung in diesem Fall doch ganz entscheidend von der Person des Feldherrn abhängen muss, da dieser die ihm zur Verfügung gestellten Mittel intensiver und weniger intensiv, behutsamer und aggressiver, umfassender und begrenzter einsetzen kann.

 

Soviel zum Feldherrn in der Theorie. Nun müsste Clausewitz jedoch Realitätsverlust vorgeworfen werden, wenn er tatsächlich die Auffassung vertreten hätte, dass der Feldherr auch im wirklichen Leben stets oder auch nur grundsätzlich über den Feldzugsplan frei gebieten könnte. Es ist nur ein einziger Satz im gesamten Werk, dem hier eine umfassende Bedeutung zugewiesen werden muss:

 

„Daß auch selbst unter den Feldherrnstellen wieder ein Unterschied gemacht werden kann nach dem Grad ihrer Machtvollkommenheit, versteht sich von selbst.“[20]

 

Dass der Feldherr also eine „entweder an der Spitze eines ganzen Krieges oder eines Kriegstheaters stehende“[21] Person ist, sagt über die reale Funktion desselben zunächst wenig aus, denn es muss seine Machtvollkommenheit berücksichtigt werden. Diese Machtvollkommenheit muss ferner in zwei entgegengesetzte Richtungen gedacht werden:

 

Zum einen die Machtvollkommenheit in Bezug auf die Streitkräfte.  Allein schon aufgrund der Eigentümlichkeit des Krieges kann der Feldherr nie als idealtypisch machtvollkommener Herrscher über die Streitkräfte betrachtet werden. Insbesondere die Friktion[22] muss als Störgröße berücksichtigt werden, die sich nie ausschalten lässt und darum stets die absolute Realisierung des Willens des Feldherrn verhindert. Schon dies zeigt, dass der Feldherr sich dem Status der Machtvollkommenheit nur mehr oder weniger annähern kann und dass er nur im Rahmen dieses Mehr oder Weniger Einfluss auf die Intensität des Krieges nehmen wird. Ferner wird auch der entschlossenste Feldherr nichts bewirken können, wenn die ihm unterstellten Kräfte furchtsam den Kampf scheuen und seinen Befehlen nicht gehorchen – hier bekommt die kriegerische Tugend des Heeres[23] ihr Gewicht. Ebenso wird der behutsame und vorsichtige Feldherr wenig Einfluss auf den Verlauf der Ereignisse haben, wenn seine Streitkräfte, vom Volksgeist[24] beseelt, selbstständig auf den Feind anstürmen und den Kampf suchen. Mit diesen beiden Hauptpotenzen des Heeres werden wir uns später näher befassen.[25] Des Weiteren muss das Verhältnis zwischen dem Feldherrn und seinen unterstellten Führern bedacht werden. Je enger diese „der Leitung und Aufsicht“[26] des Feldherrn unterworfen sind, desto mächtiger wird der Feldherr in Bezug auf die durch ihn befehligten Streitkräfte. Vice versa, je mehr die Unterführer des Feldherrn anderen Interessen und Absichten unterworfen sind – hier denke man insbesondere an die Problematik von multinationalen Einsätzen moderner demokratischer Staaten, aber auch an Privatinteressen, wie den Erwerb von eigenem Ruhm und Ehre, Neid gegen den Feldherrn, Eigensinn[27] oder einfach tatsächlich eigene Genialität – desto weniger mächtig wird der Feldherr sein und desto weniger wird er seinen Willen auf das Schlachtfeld projizieren können, desto weniger wird auch sein Wille über die Intensität der Kriegsführung entscheiden können. Nur der Wille des idealtypischen, machtvollkommenen Feldherrn könnte vollkommen frei, ohne jedwede Rücksichten über die Streitkräfte herrschen. Je geringer diese Machtvollkommenheit, desto bedeutungsloser der Wille des Feldherrn, desto mehr ist dieser nur Zuschauer und nicht Führer.

 

Zum zweiten die Machtvollkommenheit des Feldherrn in Bezug auf die Politik. Dies führt in die Grundfeste des Zusammenhangs zwischen Krieg und Politik, welcher sich an dieser Schnittstelle zu manifestieren scheint. Die oben dargestellte theoretische Betrachtung des Feldherrn könnte den Schluss nahelegen, „daß die vorhandenen Kriegsmittel dem Feldherrn übertragen werden sollen, um danach einen rein militärischen Entwurf zum Kriege oder Feldzuge zu machen“[28], dass also die Politik im Idealfall ausschließlich Mittel und Zwecke disponiert, um danach keinen weiteren Einfluss auf die strategische Ausgestaltung der Kriegsführung zu nehmen. Zwar wäre mit diesem Verfahren die Machtvollkommenheit des Feldherrn in Bezug auf die strategische Planung des Feldzuges weitestgehend gegeben, doch wird gerade dieses Verfahren von Clausewitz als „widersinnig“[29] bezeichnet. Wenn der Krieg von der Politik ausgeht, d.h. wenn diese ihn hervorruft und ihn benutzen will, um einen bestimmten Zweck zu verwirklichen, dann ist auch logisch und konsequent, dass sie seine Richtung und somit die darin verfolgte Strategie bestimmt.[30] Die Strategie im Krieg muss somit selbst politischen Standpunkten entspringen:

 

„Keiner der Hauptentwürfe, welche für einen Krieg nötig sind, kann ohne die Einsichten in die politischen Verhältnisse gemacht werden, und man sagt eigentlich etwas ganz anderes, als man sagen will, wenn man, was häufig geschieht, von dem schädlichen Einfluß der Politik auf die Führung des Krieges spricht. Es ist nicht dieser Einfluß, sondern die Politik selbst, welche man tadeln sollte. Ist die Politik richtig, d.h. trifft sie ihr Ziel, so kann sie auf den Krieg in ihrem Sinn auch nur vorteilhaft wirken; und wo diese Einwirkung vom Ziel entfernt, ist die Quelle nur in der verkehrten Politik zu suchen.

 

Nur dann, wenn die Politik sich von gewissen kriegerischen Mitteln und Maßregeln eine falsche, ihrer Natur nicht entsprechende Wirkung verspricht, kann sie mit ihren Bestimmungen einen schädlichen Einfluß auf den Krieg haben. Wie jemand in einer Sprache, der er nicht ganz gewachsen ist, mit einem richtigen Gedanken zuweilen Unrichtiges sagt, so wird die Politik dann oft Dinge anordnen, die ihrer eigenen Absicht nicht entsprechen.

 

Dies ist unendlich oft vorgekommen, und dies macht es fühlbar, daß eine gewisse Einsicht in das Kriegswesen von der Führung des politischen Verkehrs nicht getrennt werden sollt.“[31]

 

Nun muss zunächst gesagt werden, dass diese Clausewitz’schen Ausführungen sich nicht auf innergesellschaftliche Akteure beziehen, sondern auf den Standpunkt, von welchem aus entschieden wird und somit auf die Frage, wie etwas zu gestalten ist und nicht von wem. Aber schon hier ist es sehr bemerkenswert, wenn Clausewitz ganz dezidiert feststellt, dass der Krieg doch immer vom politischen Standpunkt aus zu betrachten sei, weil dieser der höhere ist, und nicht vom rein militärischen, „wenn ein solcher überhaupt denkbare wäre“[32]. Clausewitz folgt hier also konsequent seiner Logik, dass der Krieg ein Instrument, eine Fortsetzung der Politik sei und wenn er von ihr ins Leben gerufen wurde, dann kann und muss er auch durch sie bestimmt werden. Mit anderen Worten: An dieser Stelle manifestiert sich das Postulat nach Zweckmäßigkeit der Kriegsführung, d.h. nach Unterwerfung des gesamten kriegerischen Aktes unter den politischen Zweck, unabhängig der anderen, in der wunderlichen Dreifaltigkeit abgebildeten Motive zum Krieg. „Mit einem Wort, die Kriegskunst auf ihrem höchsten Standpunkte wird zur Politik, aber freilich eine Politik, die statt Noten zu schreiben, Schlachten liefert.“[33]

 

Wird dieser Gedanke jedoch konsequent weiter gedacht und der Krieg folglich als politische Handlung begriffen, so muss auch die Person, welche mit ihrem Willen mehr oder weniger die Strategie im Krieg bestimmt, als ein Teil der Politik verstanden werden; d.h. indem der Feldherr den Feldzugsplan bestimmt, bestimmt er gleichsam den Ablauf einer politischen Handlung und dies macht ihn notwendigerweise selbst zu einem politischen Entscheidungsträger.[34] Dies begründet schließlich auch Clausewitz‘ Forderung, den Feldherrn zu einem Mitglied des Kabinetts zu machen,[35]  um sich dieser Tatsache bewusst zu werden und dem Feldherrn sowohl die nötigen Einblicke, als auch das nötige Vorspracherecht bei anderen politischen Entscheidungsträgern zu geben. Eine strikte Trennung zwischen Feldherrn und übrigen politischen Entscheidungsträgern macht schließlich den Krieg nicht weniger politisch, sondern es macht lediglich das Gesamthandeln des politischen Gemeinwesens weniger konsistent.

 

Ist der Feldherr – sofern er tatsächlich diese Funktion inne hat und nicht nur als Gehilfe höherer politischer Entscheidungsträger betrachtet werden muss – nun also selbst ein politischer Entscheidungsträger, so stellt sich unweigerlich die Frage, wie seine Stellung innerhalb der politischen Akteure beschaffen ist, d.h. wie viel Macht er innerhalb des innerpolitischen Entscheidungsprozesses inne hat. In diesem Zusammenhang kommt es also ganz wesentlich auf die Machtvollkommenheit des politischen Feldherrn innerhalb der Politik an – je weniger Macht er in diesem Bereich hat, desto mehr werden andere innerpolitische Akteure den Feldzugsplan vorgeben bzw. (mit-)bestimmen, desto enger werden die Grenzen des Handlungsfreiraums des Feldherrn gesteckt sein, desto weniger kann sich also der Wille des Feldherrn auswirken und desto weniger kann der Feldherr selbst über die Intensität des Krieges entscheiden. Denkt man sich den Feldherrn in Bezug auf die Politik jedoch zunehmend machtvollkommener, so wird sich seine Funktion nicht auf die eines Feldherrn beschränken, sondern wir müssen ihn uns als Fürst, als „Staatsmann und Soldat [...] in einer Person vereinigt“[36] und somit als Kriegsherrn vorstellen, denn der in Bezug auf die Politik machtvollkommene Feldherr gebietet nicht nur über die Strategie, sondern er entscheidet auch selbst über den politischen Zweck des Krieges und bestimmt die dazu zu verwendenden Mittel.

 

Gäbe es also einen absoluten Feldherrn mit allseitiger Machtvollkommenheit, so könnte er vollkommen frei über alles gebieten und den Krieg frei nach seinem Willen gestalten. Allein, es kann ihn nicht geben und es wird ihn auf politischer Ebene noch weniger geben als auf militärischer, weil die Strukturen eines politischen Gemeinwesen immer ungleich komplexer sind als die militärischer Einheiten und darum die absolute Herrschaft auch umso unmöglicher ist.[37] So sei es noch einmal wiederholt, dass „selbst unter den Feldherrnstellen wieder ein Unterschied gemacht werden kann nach dem Grad ihrer Machtvollkommenheit“[38] und nur im Rahmen dieser dadurch vorgegebenen Begrenzung kann der Feldherr über die Kriegsführung und den Feldzugsplan gebieten.

 

Dies wirft schließlich die Frage auf, warum Clausewitz dem Feldherrn hier eine derart zentrale Rolle zumisst, wo er doch sonst eher zur Kollektivierung neigte und die Dinge als organisches Ganzes betrachtete.So hätten die Streitkräfte in einer gewissen Analogie zum politischen Gemeinwesen als organisches Ganzes betrachtet werden können und der Feldherr analog zur Politik als institutionalisierte, funktionale Intelligenz der Streitkräfte, die das Ganze lenkt. Ich sehe hierfür drei Gründe. Zum einen hat sich Clausewitz zentral mit der Kriegstheorie befasst, die gesellschaftspolitische Theorie, wie ich sie im Kapitel II dieser Arbeit betrachtet habe, befand sich nur in der Peripherie seines Interesses und schon allein aus diesem Grunde reichte ihm die dort dargelegte, eher flüchtige Betrachtungsweise. Zweitens mag es in der historischen Betrachtung zwar auch in der Politik, gemeint ist außerhalb des Krieges, zentrale Führerfiguren gegeben haben, welche mit ihrem freien Willen weitestgehend die Geschicke eines politischen Gemeinwesens bestimmten, doch scheinen sie dort eher die Ausnahme zu bilden, während die Existenz eines Feldherrn im Kriege die empirische Regel bildet. Und drittens kommt dem kriegerischen Genius in der Persönlichkeit des Feldherrn eine große Bedeutung zu und dieser kann durch keine Kollektivität ersetzt werden, sondern der Begriff des Genius ist mit dem Individuum fest verknüpft.[39]

 

Abschließend bleibt die Frage, ob es zwingend einen Feldherrn im Sinne eines Individuums geben muss oder ob der Feldzugsplan ebenso gut von einem Rat oder gar einer bürokratischen Organisation erarbeitet werden kann. Clausewitz gab uns darauf keine unmittelbare Antwort. Aus der Feststellung, dass die Machtvollkommenheit des Feldherrn nur mehr oder weniger ausgeprägt ist, kann jedoch gefolgert werden, dass auch andere individuelle Akteure notwendigerweise in den strategischen Entscheidungsprozess eintreten und dass hierdurch auch oligarchische Strukturen die Feldherrnstelle ausfüllen können. Die Eigentümlichkeiten des Krieges begünstigen – wie wir im folgenden Abschnitt sehen werden – jedoch eher das außerordentliche Genie vor der Durchschnittspersönlichkeit und daraus lässt sich durchaus ableiten, dass bei einem größer werdenden Personenkreis auch die daraus hervorspringende Genialität nachlassen muss. Wenn Clausewitz ferner schreibt, dass es im Kriege „immer nur ein Ahnen und Herausfühlen der Wahrheit [ist], nach welcher gehandelt werden muß [und dass darum] nirgends [...] die Meinungsverschiedenheit so groß [ist] als im Kriege“[40], dann lässt sich hieraus ableiten, dass die notwendigen Entscheidungen in der Feldherrnstelle weit schlechter durch Gruppen gefällt werden können, da sie schließlich eines Konsenses bedürfen, als durch Einzelpersonen, für die der Entschluss das Werk eines Augenblicks ist. Die Tatsache, dass im Krieg die Entscheidungen zeitkritisch sind, muss diesen Trend noch verstärken. Wir sagen also, dass ein kriegerischer Feldzug durchaus von mehreren Personen, gar Gruppen und Organisationen geführt werden kann, dass dies die Entschlussfähigkeit, die Agilität und Flexibilität aber einschränkt und dem kriegerischen Akteur eher abträglich als wohltuend ist. Eine Bemerkung, die für die zunehmende Bürokratisierung von modernen Streitkräften denkwürdig sein sollte. Bevor wir aber weiter in diese Richtung nachdenken, wenden wir uns der zentralen moralischen Fähigkeit des Feldherrn zu: dem kriegerischen Genius.

 



[1]                 Vgl. Heuser, Clausewitz, S. 89 f.

[2]                 Vgl. Aron, Clausewitz, S. 197.

[3]                 Clausewitz, Kriege, S. 249.

[4]                 Clausewitz, Kriege, S. 500.

[5]                 Eigentlich: d’Avoût, Lois-Niclas; *1770, Annoux (Burgund); +1823 Paris; frz. Offizier (Marschall von Frankreich)

[6]                 Vgl. Thiele, Jena, S. 26.

[7]                 Clausewitz, Kriege, S. 271.

[8]                 Clausewitz, Kriege, S. 226

[9]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 501 f.

[10]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 223.

[11]               Clausewitz, Kriege, S. 949.

[12]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 949.

[13]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 501 f.

[14]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 456 f.

[15]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 271.

[16]               Vgl. Thiele, Jena, S. 26.

[17]               Clausewitz, Kriege, S. 501.

[18]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 501 f.

[19]               Clausewitz, Kriege, S. 249.

[20]               Clausewitz, Kriege, S. 299.

[21]               Clausewitz, Kriege, S. 249.

[22]          Siehe Kapitel IV.2.4.

[23]          Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 361 ff.

[24]          Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 359 ff.

[25]          Siehe Kapitel VI.2.3.

[26]               Clausewitz, Kriege, S. 249.

[27]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 245 f.

[28]               Clausewitz, Kriege, S. 994.

[29]               Clausewitz, Kriege, S. 994

[30]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 994.

[31]               Clausewitz, Kriege, S. 995.

[32]               Clausewitz, Kriege, S. 993.

[33]               Clausewitz, Kriege, S. 994.

[34]               Siehe Kapitel II.5.2; II.5.3.

[35]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 995 f.

[36]               Clausewitz, Kriege, S. 995.

[37]               Siehe Kapitel II.5.2; II.5.3.

[38]               Clausewitz, Kriege, S. 299.

[39]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 231 f.

[40]               Clausewitz, Kriege, S. 245.

 

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Kapitel V.5 - Übersicht

  • V.5.1 Allgemeines Strategieproblem und unvollkommene Lösung

    1.1. Allgemeines Strategieproblem und unvollkommene Lösung In diesem Zusammenhang muss das Stichwort des Strategiestreits fallen. Es handelt sich hierbei um eine militärtheoretische Diskussion die im ausgehenden 19. Jahrhundert eine auch politisch namhafte Rolle gespielt hat. Im Wesentlich ist sie auf den Historiker Hans Delbrück[1] zurückzuführen, der grundlegend zwischen der Kriegsführung Napoleons und Friedrich II unterschieden hatte. Dem ersten unterstellte er, stets die entscheidende Schlacht und damit die Vernichtung des Gegners gesucht zu haben. Von dem Zweitgenannten behauptete er, dass dieser stets mit einer Kombination aus Manöver und Schlacht versucht habe, den Gegner zu ermatten. Es entbrannte hieraus eine heftige Debatte darum, welche die treffendere Strategie sei, die Vernichtungs- oder die Ermattungsstrategie, wobei beide Lager teils mit, teils gegen Clausewitz argumentierten Read More
  • V.5.2 Begriff und Rolle des Feldherrn im Krieg

    1.1. Begriff und Rolle des Feldherrn im Krieg In der Clausewitz’schen Kriegstheorie spielt die Person des Feldherrn eine zentrale Rolle.[1] Dies ist insofern nicht verwunderlich, als dass sich sein gesamtes Werk im Schwerpunkt an den Personenkreis der höchsten militärischen Führer und der Staatsmänner richtet und somit die potentiellen Feldherren anspricht.[2] Der Feldherr ist eine „entweder an der Spitze eines ganzen Krieges oder eines Kriegstheaters stehende“[3] Person. Dabei ist der Begriff des Kriegstheaters jedoch eine recht unpräzise Formulierung. Clausewitz definiert ihn wie folgt: „1. Kriegstheater Eigentlich denkt man sich darunter einen solchen Teil des ganzen Kriegsraumes, der gedeckte Seiten und dadurch eine gewisse Selbstständigkeit hat. Diese Deckung kann in Festungen liegen, in großen Hindernissen der Gegend, auch in einer beträchtlichen Entfernung Read More
  • V.5.3 Das Wesen des kriegerischen Genius

    1.1. Das Wesen des kriegerischen Genius „Der gewöhnliche Mensch, um nicht von den schwachen und unentschlossenen zu reden, kommt höchstens bei einer eingebildeten Wirksamkeit auf seinem Zimmer, entfernt von Gefahr und Verantwortlichkeit, zu einem richtigen Resultat, soweit nämlich ein solches ohne lebendige Anschauung möglich ist. Treten ihm aber Gefahr und Verantwortlichkeit überall nahe, so verliert er den Überblick, und bliebe ihm dieser etwa durch den Einfluß anderer, so würde er den Entschluß verlieren, weil da kein anderer aushelfen kann.“[1] Dem Begriff des kriegerischen Genius‘ widmet Clausewitz das dritte Kapitel im ersten Buch seines Werkes. Dieses Konstrukt soll die inneren, also im Clausewitz’schen Begriffsverständnis die moralischen Fähigkeiten eines einzelnen Individuums beschreiben, welche notwendig sind, um Streitkräfte auch im Angesicht der eigentümlichen Read More
  • V.5.4 Rückschluss auf die Suche nach der besten Strategie

    1.1. Rückschluss auf die Suche nach der besten Strategie Die Betrachtung der Persönlichkeit des Feldherrn, die bei Clausewitz einen enormen Raum erhält, ist kein Selbstzweck, sondern sie ist für die Clausewitz’sche Kriegstheorie offensichtlich von höchster Bedeutung. Die Feldherren gestalten in Abhängigkeit von dem „Grad ihrer Machtvollkommenheit“[1] die jeweilige Strategie und legen in diesem Sinne die Ziele und Teilziele innerhalb eines Feldzugs fest. Diese Sichtweise in Kombination mit der Betrachtung des kriegerischen Genius mag wenig geeignet sein, die Wirklichkeit nachvollziehbar zu beschreiben. Denn – so muss zugegeben werden – nur in wenigen Fällen wird der Feldherr frei über das strategische Gesamtziel entscheiden, sondern dieses wird von der politischen Führung vorgegeben, zumindest aber mit dieser abzustimmen sein. Allein, dies ist eine Frage der Machtvollkommenheit Read More
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