1.1. Das Wesen des kriegerischen Genius

 

„Der gewöhnliche Mensch, um nicht von den schwachen und unentschlossenen zu reden, kommt höchstens bei einer eingebildeten Wirksamkeit auf seinem Zimmer, entfernt von Gefahr und Verantwortlichkeit, zu einem richtigen Resultat, soweit nämlich ein solches ohne lebendige Anschauung möglich ist. Treten ihm aber Gefahr und Verantwortlichkeit überall nahe, so verliert er den Überblick, und bliebe ihm dieser etwa durch den Einfluß anderer, so würde er den Entschluß verlieren, weil da kein anderer aushelfen kann.“[1]

 

Dem Begriff des kriegerischen Genius‘ widmet Clausewitz das dritte Kapitel im ersten Buch seines Werkes. Dieses Konstrukt soll die inneren, also im Clausewitz’schen Begriffsverständnis die moralischen Fähigkeiten eines einzelnen Individuums beschreiben, welche notwendig sind, um Streitkräfte auch im Angesicht der eigentümlichen Natur des Krieges, namentlich im Angesicht der Ungewissheit und des Ungefähren, zweck- und zielorientiert zu lenken und zu führen. Der kriegerische Genius unterscheidet sich dabei von der „kriegerischen Tugend des Heeres“[2], auf die ich an späterer Stelle[3] detaillierter eingehen werde. Letztere bestimmt die Fähigkeit der Streitkräfte, den Befehlen übergeordneter Stellen auch im Angesicht der Gefahr folgsam zu gehorchen.[4] Der kriegerische Genius wird hingegen dort erforderlich, wo die eigene Geistestätigkeit keiner oder nur geringer „Leitung und Aufsicht unterworfen ist“[5], wo also ein Handlungsfreiraum besteht, wo der Krieg zu einer schöpferischen und gestaltenden Tätigkeit wird. Der kriegerische Genius ist also die Fähigkeit zum strategischen Kriegführen, wohingegen die kriegerische Tugend die Fähigkeit zum im Gefecht geführt werden ist. In diesem Sinne muss der kriegerische Genius zwar in den militärischen Führern aller Ebenen mehr oder weniger vorhanden sein, jedoch bekommt er ein umso höheres Gewicht, je höher der militärische Führer steht und je umfassender sein Verantwortungsbereich und sein Handlungsfreiraum beschaffen ist, je weniger er also fremd bestimmt wird. Seine mit Abstand höchste Gewichtung bekommt der kriegerische Genius schließlich bei dem Feldherrn.[6]

 

Wenn nun gesagt wurde, der kriegerische Genius beschreibe die Fähigkeit eines Individuums zum Führen von Streitkräften im Krieg, so muss dies sogleich präzisiert werden. Es geht hierbei keineswegs um die Führungskompetenz in Bezug auf Organisation, Führungspersönlichkeit, Charisma usw., es geht also nicht um die Fähigkeit, Gefolgschaft oder Machtvollkommenheit zu gewinnen oder zu erhalten, sondern diese Gefolgschaft wird von Clausewitz zumindest in tendenzieller Hinsicht vorausgesetzt und nur marginal problematisiert. Konkret geht es beim kriegerischen Genius vielmehr darum, die eigene Macht über die Streitkräfte zweckmäßig einzusetzen und somit die Wahrscheinlichkeit des Sieges zu maximieren. Schon der Begriff des kriegerischen Genius zeigt an, dass hierzu ein komplexes, die Gesamtheit der individuellen Persönlichkeitsmerkmale umfassendes[7] Konstrukt notwendig ist:

 

„Jede eigentümliche Tätigkeit bedarf, wenn sie mit einer gewissen Virtuosität getrieben werden soll, eigentümlicher Anlagen des Verstandes und Gemüts. Wo diese in einem hohen Grade ausgezeichnet sind und sich durch außerordentliche Leistungen darstellen, wird der Geist, dem sie angehören, mit dem Namen des Genius bezeichnet.

 

Wir wissen wohl, da dieses Wort nach Ausdehnung und Richtung in sehr verschiedenartigen Bedeutungen vorkommt und daß in manchen dieser Bedeutungen es eine sehr schwere Aufgabe ist, das Wesen des Genius zu bezeichnen; aber da wir uns weder für einen Philosophen noch für einen Grammatiker ausgeben, so wird es uns gestattet sein, bei einer im Sprachgebrauch üblichen Bedeutung stehenzubleiben und unter Genie die für gewisse Tätigkeiten sehr gesteigerte Geisteskraft zu verstehen.

 

Wir wollen bei dieser Fakultät und Würde des Geistes einige Augenblicke verweilen, um die Berechtigung näher nachzuweisen und den Inhalt des Begriffs näher kennenzulernen. Aber wir können nicht bei dem durch ein sehr gesteigertes Talent graduierten, bei dem eigentlichen Genie stehenbleiben, denn dieser Begriff hat ja keine abgemessenen Grenzen, sondern wir müssen überhaupt jede gemeinschaftliche Richtung der Seelenkräfte zur kriegerischen Tätigkeit in Betrachtung ziehen, die wir dann als das Wesen des kriegerischen Genius ansehen können. Wir sagen die gemeinschaftlichen, denn darin besteht eben der kriegerische Genius, daß er nicht eine einzelne dahin gerichtete Kraft, z. B. der Mut ist, während andere Kräfte des Verstandes und Gemüts fehlen oder eine für den Krieg unbrauchbare Richtung haben, sondern daß er ein harmonischer Verein der Kräfte ist, wobei eine oder die andere vorherrschen, aber keine widerstreben darf.“[8]

 

Der kriegerische Genius muss den aus der eigentümlichen Natur des Krieges[9] erwachsenen Schwierigkeiten entgegenwirken. Er muss den Feldherrn dazu befähigen, trotz der Gefahr, der körperlichen Anstrengungen, der beständigen Ungewissheit und des vielfältigen Zufalls die Streitkräfte zweckmäßig, zielstrebig und wirksam einzusetzen. „So wird leicht begreiflich, daß eine große Kraft des Gemütes und des Verstandes erforderlich ist, um in diesem erschwerenden Element mit Sicherheit und Erfolg fortzuschreiten“[10]. Der kriegerische Genius ist derweil aus verschiedenen Kräften, Fähigkeiten und Attributen zusammengesetzt: dem coup d’oeil, der Entschlossenheit,[11] der Energie, der Festigkeit, der Standhaftigkeit, der Seelen- und der Charakterstärke.[12] Im Folgenden sollen diese dargestellt und in Zusammenhang gesetzt werden.

 

 Coup d‘oeil

 

Mit dem Begriff coup d’oeil[13] verband Clausewitz die Fähigkeit des Feldherrn, schnell und treffend eine Wahrheit zu erkennen, die dem „gewöhnlichen Blick des Geistes gar nicht sichtbar ist oder es erst nach langem Betrachten und Überlegen wird.“[14] Mit einem coup d’oeil, mit einem einzigen Lidschlag des imaginären, inneren, geistigen Auges, muss der militärische Führer alle ihm zur Verfügung stehenden Daten zu einem großen Puzzel, zu einem Gesamteindruck, zu einer inneren Karte zusammenfügen und daraus die richtigen Folgerungen herleiten können. Daraus erschließt sich ihm, welche neuen Informationen treffend, welche übertrieben und welche falsch sind. Erkenntnisse über eigene, wie feindliche Kräfte sowie über Geländegegebenheiten[15] müssen dem Feldherrn ein Gesamtbild verleihen und dies alles geschieht nach einem mehr oder weniger zutreffenden „bloßen Takt des Urteils“[16]. Der coup d’oeil ist somit ein Zusammenwirken aus Überblick, Geistesgegenwart[17] und Phantasie[18], welches sich aus Intuition, Glück, Erfahrung, vor allem aber aus einer Stärke des Verstandes heraus ergibt.

 

„Um fühlen zu können, was hier alles mit einem Blick umfaßt und richtig getroffen sein will, verweisen wir auf unser erstes Kapitel. Wir sagen: der Feldherr wird zum Staatsmann, aber er darf nicht aufhören, das erstere zu sein; er umfaßt mit seinem Blick auf der einen Seite alle Staatsverhältnisse, auf der anderen ist er sich genau bewußt, was er mit den Mitteln leisten kann, die in seiner Hand liegen.

 

Da hier die Mannigfaltigkeit und die unbestimmte Grenze aller Beziehungen eine große Menge von Größen in die Betrachtung bringen, da die meisten dieser Größen nur nach Wahrscheinlichkeitsgesetzen geschätzt werden können, so würde, wenn der Handelnde dies alles nicht mit dem Blick eines die Wahrheit überall ahnenden Geistes träfe, eine Verwicklung von Betrachtungen und Rücksichten entstehen, aus denen sich das Urteil gar nicht mehr herausfinden könnte. In diesem Sinne hat Bonaparte ganz richtig gesagt, daß viele dem Feldherrn vorliegende Entscheidungen eine Aufgabe mathematischer Kalküls bilden würden, der Kräfte eines Newton und Euler nicht unwürdig.

 

Was hier von höheren Geisteskräften gefordert wird, ist Einheit und Urteil, zu einem wunderbaren Geistesblick gesteigert, der in seinem Fluge tausend halbdunkle Vorstellungen berührt und beseitigt, welcher ein gewöhnlicher Verstand erst mühsam ans Licht ziehen und an denen er sich erschöpfen würde.“[19]

 

Der coup d’oeil ist dabei nicht zwangsläufig eine ausschließlich dem Verstand unterworfene Tätigkeit; ebenso gut kann das schnelle, treffende Urteil „ein Impuls großer Empfindungen [...] und jener Blitze des Geistes [sein], die fast unbewußt entstehen und also nicht an einer langen Gedankenkette fortlaufen“[20]. Diese Form des eher intuitiven, gefühlsmäßigen Schlussfolgerns erscheint aufgrund dessen „Schnelligkeit und Spontaneität“[21] durch das erschwerende Mittel des Krieges begünstigt, da schnell wechselnde Lagen, neue Informationen und nicht vorhersehbare Ereignisse dem schnellen, intuitiven Urteil den Vorzug vor dem fundierten, analytischen Schluss anmuten. Kleemeier ist allerdings zu widersprechen, wenn sie daraus ableitet, dass die Clausewitz’sche Beschreibung des coup d’oeil „ein Gegenmodell zu jenem zerlegenden, langfristig planenden und berechnenden Verstand [sei], den so mancher rationalistische Kriegstheoretiker als allein maßgeblich für die Leitung eines Kriegsgeschehens ansehen wollte.“[22] Im Gegenteil lässt Clausewitz sogar immer wieder durchblicken, dass er „mehr die kühlen als die heißen Köpfe“[23] als Feldherren bevorzugt. Der Hintergrund ist, dass der coup d’oeil nicht vorrangig durch Schnelligkeit, sondern dazu gleichberechtigt auch durch Treffsicherheit definiert ist. Dem gewöhnlichen Verstand traut Clausewitz zwar zu, die „Wahrheit einmal durch Zufall zu treffen, [...] aber die Mehrheit der Fälle, der Durchschnittserfolg, wird den fehlenden Verstand immer an den Tag bringen.“[24] So spricht Clausewitz ausschließlich vom schnellen und treffenden Urteil, wobei er ebenfalls erkennen lässt, das mit steigender Führungsebene sowohl die zur Verfügung stehende Zeit, welche der militärische Führer hat, um einen Entschluss zu fassen, als auch die Anzahl der verschiedenen Faktoren, die er dabei berücksichtigen muss, tendenziell ansteigen. Dies weist bereits darauf hin, dass in hierarchisch höheren Stellen der coup d’oeil mehr vom scharfen, schnellen, analytischen Verstand, als vom schnellen, intuitiven, aber auch kurzlebigen Gefühl ausgeht.[25]

 

Während der coup d’oeil also die Fähigkeit darstellt, zu einem schnellen und treffenden Urteil über Lage und Möglichkeiten zu gelangen,[26] ist dessen Produkt schließlich ein Entschluss zum eigenen Handeln. Dieser Entschluss – schließlich auch nichts anderes als ein Urteil und daher ganz im Rahmen des coup d’oeil – muss in diesem Sinne eben so treffend sein und daher die absolut beste, mögliche Maßnahme abbilden.

 

Vor diesem Hintergrund stellt der Begriff des coup d’oeil den Leser vor einige Schwierigkeiten. Clausewitz stellt hier einen sehr oberflächlichen Begriff der Wahrheit dar: Der Feldherr soll von den ihm zur Verfügung stehenden Erkenntnissen auf die Wahrheit schließen, d.h. auf die objektive Wirklichkeit der Verhältnisse. Wie aber soll ihm dies möglich sein, wenn er den Eigentümlichkeiten des Krieges entsprechend falsche Informationen hat oder ihm einige relevante Erkenntnisse gänzlich fehlen? In diesem Sinne entsteht ein Widerspruch, wenn Clausewitz einerseits im Rahmen der eigentümlichen Natur des Krieges ausführlich darstellt, dass die Ungewissheit eine generelle, systemimmanente Problematik des Krieges darstellt und dass also alles Handeln im Kriege nur auf Vermutungen und Wahrscheinlichkeitskalkülen gestützt sein kann, dass aber andererseits die Forderung an den Feldherrn gestellt wird, dass er die im Nebel liegende Wahrheit unverzüglich erkennt und also sein Handeln nur auf objektiv zutreffende Verhältnisse aufbaut. Dieser Widerspruch kann nur aufgelöst werden, wenn der coup d’oeil nicht in seinem absoluten Sinne verstanden wird, sondern als eine relative Fähigkeit des Feldherrn, aufgrund seiner Informationen ein Urteil zu treffen, welches der objektiven Wahrheit möglichst nahe kommt. Ein faktisches Treffen dieser Wahrheit ist – und dies ist durchaus eine wesentliche Erkenntnis – dem Feldherrn dabei systembedingt immer verwehrt. Coup d’oeil bezeichnet also die Fähigkeit des Feldherrn, sich nicht von einem gegenwärtig sehr eindrucksvollen Ereignis lenken zu lassen, nicht auf eine Falschinformation, eine List oder ein Täuschungsmanöver hereinzufallen, sondern vor dem inneren Auge alle ihm zur Verfügung stehenden Informationen gleichermaßen vergegenwärtigt zu halten und sich daraus im Rahmen seiner naturgemäß begrenzten Möglichkeiten ein ganzheitliches, objektives Bild zu erschließen, welches der objektiven Wahrheit im Ergebnis möglichst nahe kommen muss. Gleichsam darf der Feldherr auch in seinen eigenen Handlungen bzw. Handlungsanweisungen nicht zwanghaft auf Grundsätze und Automatismen zurückgreifen, sondern er muss „sich genau bewußt [sein], was er mit den Mitteln leisten kann, die in seiner Hand liegen“[27] und diese flexibel und frei so einsetzen, wie es im Einzelfall optimal ist.

 

Coup d’oeil beschreibt also im Wesentlichen die Fähigkeit des Feldherrn, den Überblick zu wahren, vom Detail zu abstrahieren und also im Rahmen der subjektiven Möglichkeiten das eigene Handeln an einem objektiven Gesamtblick konsequent auszurichten. Dies ist offensichtlich in erster Linie eine Fähigkeit des Verstandes, bedarf allerdings auch einer Eigentümlichkeit des Gemütes, die es dem Verstand erst ermöglicht, auch im Angesicht der hohen Gefahr im Kriege wirksam zu funktionieren. Im Ergebnis steht der unter den gegebenen Bedingungen bestmögliche Entschluss.

 

Die Fähigkeit zum coup d’oeil allein, also zum Erkennen und Formulieren des ‚richtigen‘ Entschlusses, reicht jedoch nicht aus, um einen guten Feldherrn auszuzeichnen. „Das bloße Motiv zur Wahrheit ist in dem Menschen nur äußerst schwach, und darum immer ein großer Unterschied zwischen dem Erkennen und Wollen, zwischen dem Wissen und Können.“[28] D.h. die aus dem coup d’oeil resultierende Erkenntnis, wie das Handeln optimal gestaltet werden sollte, ist nur das eine, das andere aber ist es, das entsprechende Urteil zu einem Handeln in der Wirklichkeit werden zu lassen. Mit anderen Worten, der coup d’oeil führt zur möglichst treffenden Vermutung, welcher der richtige Weg zur effizienten Erfüllung des Zwecks ist, doch dieser Weg muss erst noch mit sicherem und festem Schritt gegangen werden. Dazu bedarf es der Entschlossenheit.

 

 Entschlossenheit

 

Der coup d’oeil führt zu einem wie auch immer gearteten Erkennen des treffenden Entschlusses. Diesem Entschluss zu folgen ruft jedoch im Krieg unweigerlich Zweifel und Widerstände hervor, die das faktische Handeln hemmen. Diese hemmenden Faktoren lassen sich in den folgenden vier Problemfeldern zusammenfassen:

 

  1. Subjektive körperliche Gefahr. Zunächst gilt für den Feldherrn ebenso wie für die anderen im Kampf befindlichen Individuen die unmittelbare Belastung im Krieg, resultierend aus der körperlichen Gefahr und der körperlichen Anstrengung. Diese Belastungen nehmen offensichtlich mit der Größe des Kommandos ab und so sagt auch Clausewitz darüber: „was will das sagen in der Rolle des Feldherrn -- es ist nichts!“[29]

  2. Subjektive seelische Gefahr. Eine größere Rolle als die körperliche Gefahr spielt hingegen die „Seelengefahr“[30], die sich aus der ethischen Last der Verantwortung über die dem Feldherrn unterstellten Kämpfer ergibt.[31] „Es ist der Gesamteindruck aller ersterbenden, physischen und moralischen Kräfte, es ist der herzzerreißende Anblick der blutigen Opfer, den der Führer in sich selbst zu bekämpfen hat“[32].

  3. Objektive physische Gefahr. Doch auch ein sich seiner ethischen Verantwortung nicht bewusster Feldherr wird die physische Gefahr der Vernichtung der ihm unterstellten Kräfte fürchten. Der objektive Verlust physischer Kräfte, sei es aus Anstrengung, Verwundung oder Tod, stellt für den Feldherrn einen „Verlust an Mitteln“[33] dar, der seinen zukünftigen Handlungsfreiraum einschränken und ihn daher abschrecken und Zweifeln lassen muss.

  4. Inertie der Masse. Diese ersten drei Problemfelder stellen Gefahren dar, die in einer stärkeren oder schwächeren Form auf den Feldherrn einwirken und die Zweifel an seinem Entschluss nähren und stärken. Jedoch behauptet Clausewitz, „daß dies bei weitem nicht die schwerste Last ist, die er zu tragen hat, denn er hat es nur mit sich selbst abzumachen. Alle übrigen Wirkungen des [kriegerischen Aktes] aber sind auf die Kämpfenden gerichtet, die er anführt und wirken durch diese auf ihn zurück.“[34] Es treten nun also Gefahren in den Vordergrund, die nicht auf den Feldherrn selbst, sondern auf die kämpfenden Kräfte einwirken und dort eine Wirkung erzielen, die tendenziell gegen die Absicht des Feldherrn gerichtet ist. „Unter diesem Widerstande wird man sich nicht gerade Ungehorsam und Widerrede denken, wiewohl auch diese bei einzelnen Individuen häufig genug vorkommen, sondern […] sowie die [moralischen] Kräfte in dem einzelnen ersterben, diese nicht mehr vom eigenen Willen angeregt und getragen werden, lastet nach und nach die ganze Inertie der Masse auf dem Willen des Feldherrn; an der Glut in seiner Brust, an dem Lichte seines Geistes soll sich die Glut des Vorsatzes, das Licht der Hoffnung aller anderen von neuem entzünden; nur insoweit er dies vermag, insoweit gebietet er über die Masse und bleibt Herr derselben; sowie das aufhört sowie sein eigener Mut nicht mehr stark genug ist, den Mut aller anderen wiederzubeleben, so zieht ihn die Masse zu sich hinab in die niedere Region der tierischen Natur, die vor der Gefahr zurückweicht und die Schande nicht kennt.“[35]

 

Diese vier Problemfelder stellen also Gewichte dar, „welche der Mut und die Seelenstärke des Führers zu überwinden hat, wenn er Ausgezeichnetes leisten will“[36]. Um diese Hemmnisse zu überwinden, benötigt der Feldherr die so genannte Entschlossenheit, mit welcher er Zweifel und Widerstände, die sich gegen seinen Plan regen, bekämpfen und besiegen muss. Im weitesten Sinne bezeichnet die Entschlossenheit also den Mut des Feldherrn, den vom coup d’oeil aufgezeigten Weg trotz der Risiken und Belastungen zu gehen.

 

Dies allein würde jedoch zu kurz greifen, denn Clausewitz arbeitet diesen Begriff deutlich präziser heraus und grenzt ihn gegen den gewöhnlichen Sprachgebrauch ab. Dazu nutzt er ein Gedankengebäude, nach welchem die Umsetzung eines Entschlusses im Krieg gewöhnlich zwei entgegengesetzte Motive findet: Zum einen a) das rationale oder aber auch emotionale Handlungsmotiv, z.B. „Vaterlandsliebe, Ideenfanatismus, Rache, Begeisterung jeder Art“[37], sofern sie sich in der Masse der Streitkräfte und nicht nur im Feldherrn finden. Grob umrissen finden wir hier also die Motive zum Krieg wieder, welche die ersten beiden Säulen der wunderlichen Dreifaltigkeit darstellten. Diese Motive erleichtern notwendigerweise die Umsetzung eines Entschlusses. Zum anderen b) die oben beschriebenen Handlungshemmnisse in Form von Widerständen und Zweifeln gegen die eigene Absicht. Solange nun die Handlungsmotive größer sind als die Widerstände, welche sich dagegen richten, wird auch die Handlung leicht ins Leben gerufen werden können und der Feldherr wird kaum einer nennenswerten Entschlossenheit bedürfen, um seinen Entschluss umzusetzen. Erst wenn die Widerstände und Zweifel größer werden als die Handlungsmotive – „und daß kann, wo Außerordentliches geleistet werden soll, nie ausbleiben“[38] – so bedarf es der besonderen Führerleistung des Feldherrn, diese äußeren Widerstände und inneren Zweifel zu überwinden und die Handlung ungeachtet der großen Widerstände ins Leben zu rufen bzw. zu erhalten.

 

Es kommt nun also der dritte Pol, namentlich die persönliche Entschlossenheit des Feldherrn, zum Gedankengebäude hinzu und dieser stärkt weder das Motiv, noch schwächt er die Zweifel und Widerstände. Die Entschlossenheit ist vielmehr eine unabhängige, dritte Größe, welche sich durch die Gefahren des Zauderns bzw. der dem Feldherrn bewusst gewordenen „Notwendigkeit des Wagens“[39] ergibt. Der militärische Führer realisiert im Zuge seines Entschlusses, dass die Gefahren, welche von einem Nichthandeln oder einem schwächeren, weniger risikobehafteten Handeln ausgehen, größer sind, zu höheren Verlusten oder gar zur Gesamtniederlage des Krieges führen. Der Feldherr geht also ein außer dem Verhältnis stehendes Risiko ein, weil dies sicherer oder schneller zum Erfolg führt und daher insgesamt betrachtet die vernünftigere Option ist.[40] Dies grenzt die Entschlossenheit von der „bloße[n] Neigung zum Wagen, [der] Dreistigkeit, [der] Kühnheit, [der] Verwegenheit“[41], kurz: von einem „blinde[n] Draufgehen“[42] ab. Das blinde Draufgehen geschieht nicht aus einer Überlegung, einer höheren Einsicht oder einem Kalkül heraus, sondern aufgrund eines schlichten Grundsatzes, eines Charakterzuges oder eines persönlichen Gefühls des Feldherrn; hierbei werden die oben beschriebenen Zweifel entweder geringgeschätzt oder sind schlicht gar nicht vorhanden. Die Zweifel, welche durch die Entschlossenheit überwunden werden müssen, sind also subjektiv empfunden gar nicht existent und insofern kann hier auch von Entschlossenheit keine Rede sein:[43]

 

„Wo aber hinreichende Motive in den Menschen sind, sie mögen subjektiv oder objektiv, gültig oder falsch sein, ist kein Grund, von seiner Entschlossenheit zu reden, denn, indem wir das tun, setzen wir uns an seine Stelle und legen Zweifel in die Waagschale, die er gar nicht gehabt hat.“[44]

 

Um dies richtig einzuordnen, muss die Entschlossenheit mit dem Begriff der Willensstärke, welcher oftmals synonym verwendet wird, in Zusammenhang gesetzt werden. Sicherlich ist Entschlossenheit eine Form der Willensstärke, letzteres ist allerdings der Überbegriff, d.h. es ist der weniger spezifische. Willensstäke kann auch als ein Resultat des persönlichen Gefühls oder als eine charakterliche Fähigkeit des Feldherrn betrachtet werden, welche sich nicht auf einer höheren Einsicht begründet, sondern ganz allgemein in der Person des Feldherr vorherrscht, d.h. auch das blinde Draufgehen erfordert eine Willensstärke des Feldherrn – allerdings führt dies nur zu einem zufälligen Erfolg, nicht aber zu einem Durchschnittserfolg:

 

„[...] darum können Menschen mit wenig Verstand in unserem Sinne nicht entschlossen sein. Sie können in schwierigen Fällen ohne Zaudern handeln, aber dann tun sie es ohne Überlegung, und es können freilich den, welcher unüberlegt handelt, keine Zweifel mit sich selbst entzweien. Ein solches Handeln kann auch hin und wieder das Rechte treffen,  aber wir sagen hier wie oben: es ist der Durchschnittserfolg, welcher auf das Dasein des kriegerischen Genius deutet.“[45]

 

Die Entschlossenheit ist somit mit dem coup d’oeil fest verbunden, weil sie auf ihm beruht und der militärische Führer durch seine Beurteilung der Lage sowie der Überzeugung von dessen Richtigkeit seine Willensstärke, konkret seine Entschlossenheit gewinnt. Nichtsdestotrotz ist die Entschlossenheit, auch wenn sie sich auf denselben beruft,  kein Verstandesakt, denn es erfordert nach Clausewitz‘ Verständnis eine bestimmte Konstitution der menschlichen Seele und insbesondere des Gemüts, die Kraft und Entschlossenheit aufzubringen, die notwendig ist, um die Zweifel und Widerstände in sich selbst und in den unterstellten Kräften zu überwinden, denn „den stärksten Anlaß zum Handeln bekommt der Mensch immer durch Gefühle“[46].

 

Vor diesem Hintergrund wird die Entschlossenheit des Feldherrn durch einige Persönlichkeitsmerkmale begünstigt: Diese sind „als Energie, Festigkeit, Standhaftigkeit, Gemüts- und Charakterstärke in dem Munde der Erzähler und Berichterstatter kriegerischer Ereignisse [zu] finden.“[47] Clausewitz befasst sich ausführlich mit diesen Eigenschaften, analysiert sie und setzt sie in Zusammenhang zueinander.[48] Dabei wird durchaus erkennbar, dass dies Persönlichkeitseigenschaften sind, die dem Feldherrn eine hohe, grundsätzliche Willenskraft zutragen.

 

 Energie

 

„Die Energie drückt die Stärke des Motivs aus, wodurch das Handeln hervorgerufen wird“[49]. Sie beschreibt also in Bezug auf den Feldherrn vor allem seine moralische Kraft, die ihm zur Verfügung stehenden Mittel in Bewegung zu setzen und bezieht sich somit vornehmlich auf den vierten Problemkreis, Inertie der Masse. Die Streitkräfte verfügen grundsätzlich über eine eigene Energie, die sich durch ihren durchschnittlichen Willen zum Kampf ausdrückt.[50] Um nun eine darüber hinausgehende Energie zu gewinnen und somit eine Energie zu erzeugen, die über das oben genannte Gleichgewicht zwischen Motiv und Widerstand hinausgeht, bedarf es der persönlichen Energie des Feldherrn. Diese bildet sich, so Clausewitz, vorzüglich aus dem „Seelendurst nach Ruhm und Ehre, den die deutsche Sprache so ungerecht behandelt, indem sie ihn in Ehrgeiz und Ruhmsucht [...] herabzusetzen strebt.“[51] Zwar können auch andere Motive des Feldherrn wie z.B. „Vaterlandsliebe, Ideenfanatismus, Rache, Begeisterung jeder Art“[52] etc., seine Energie bestimmen, doch seien diese in der Regel in mehr oder minder gleichem Maße in den Streitkräften vorhanden, müssten daher zu den Handlungsmotiven der Masse gezählt werden und seien aus diesem Grunde nicht geeignet, den Feldherrn von den ihm unterstellten Kräften abzuheben. Ruhm und Ehre eines gewonnenen Krieges fallen hingegen in besonderer Form allein auf den Feldherrn und die sich besonders auszeichnenden Führer zurück. Aus diesem Grunde stellt der Ehrgeiz und die Ruhmsucht ein besonderes Handlungsmotiv der militärischen Führer dar, welches sogar unverzichtbar ist:

 

„[Ruhm und Ehre machen] den einzelnen kriegerischen Akt zum Eigentum des Anführers, welches er dann auf die beste Weise zu nutzen strebt, wo er mit Anstrengung pflügt, mit Sorgfalt sät, um reichlich zu ernten. Diese Bestrebungen aller Anführer aber, von dem höchsten bis zum geringsten, diese Art von Industrie, von Wetteifer, dieser Sporn sind es vorzüglich, welche die Wirksamkeit eines Heeres beleben und erfolgreich machen. Und was nun ganz besonders den höchsten betrifft, so fragen wir: hat es je einen großen Feldherrn ohne Ehrgeiz gegeben, oder ist eine solche Erscheinung auch nur denkbar?“[53]

 

Dabei gibt Clausewitz durchaus zu bedenken, dass der Durst nach Ehre und Ruhm „gerade im Kriege die empörendsten Ungerechtigkeiten gegen das menschliche Geschlecht“[54] hervorrufen kann. Nichtsdestotrotz ist dies offensichtlich eine unverzichtbare Größe, um Willenskraft und somit Entschlossenheit hervorzurufen. Es wird dabei ersichtlich, dass die Energie des Feldherrn eng mit dem spielerischen Motiv der wunderlichen Dreifaltigkeit verknüpft ist und diese tendenziell sogar allein verkörpern kann.

 

 Festigkeit und Standhaftigkeit

 

Festigkeit und Standhaftigkeit beschreiben die Fähigkeit eines Individuums, an einem einmal gefassten Entschluss gegen Widerstände festzuhalten. Sie sind somit dem Begriff der Entschlossenheit artverwandte Unterbegriffe der Willensstärke. Während die Entschlossenheit jedoch nach ihrer Quelle definiert ist, sind Festigkeit und Standhaftigkeit nach der Art des Widerstandes, gegen welche sie sich richten, definiert. Die Festigkeit stellt die Willensstärke gegen die Intensität eines Widerstandes dar, wohingegen sich die Standhaftigkeit gegen die Dauer eines Widerstandes wendet. Die Festigkeit sei demnach ein Ausdruck der Gemüts- bzw. Seelenstärke, die Standhaftigkeit ein Ausdruck des Charakters bzw. der Charakterstärke.[55]

 

 Seelenstärke

 

Die Gemüts- bzw. Seelenstärke eines Menschen bezeichnet nach Clausewitz nicht in erster Linie die Intensität der Gefühle an sich, sondern vor allem die Fähigkeit, auch im Angesicht der stärksten Erregung noch die (Selbst-)Beherrschung zu wahren und sich selbst dem Verstande zu unterwerfen und nicht den Gefühlen und Trieben hinzugeben. Diese Selbstbeherrschung „ist nichts anderes als das Gefühl der Menschenwürde, dieser edelste Stolz, dieses innerste Seelenbedürfnis, überall als ein mit Einsicht und Verstand begabtes Wesen zu wirken.“[56] Bemerkenswerterweise ist der Verstand im Clausewitz’schen Menschenbild also nicht aus sich selbst heraus fähig, den menschlichen Geist zu beherrschen, sondern es bedarf einer bestimmten Gemütsdisposition, namentlich der Selbstbeherrschung,  um die Herrschaft des Verstandes auch während Gefühlsausbrüchen zu garantieren.[57] Wenn Kleemeier jedoch schlussfolgert, die Selbstbeherrschung sei eine „spezifische Form von Ehrgeiz bzw. Ehrstreben“[58], bei der es darum gehe, „von anderen Menschen als intelligent anerkannt zu werden“[59], so basiert dies vermutlich auf einem Missverständnis des Begriffs der Wirkung. Obwohl Clausewitz schreibt, es gehe bei der Selbstbeherrschung darum, überall als „mit Einsicht und Verstand begabtes Wesen zu wirken“[60], so ist dieses Wirken kein Synonym für ‚scheinen‘, sondern für ‚wirksam sein‘ oder auch ‚handeln‘. Clausewitz geht es hier sehr wohl um die Sache und ein inneres Verlangen, selbstbeherrscht zu sein und nicht etwa um eine Selbstdarstellung nach außen. Würde es bei der Selbstbeherrschung um letzteres gehen, so wäre es Eitelkeit, denn dieser „genügt der Schein“[61]. Eitelkeit ist in der Clausewitz‘schen Begriffssystematik jedoch eine äußerst negative Charaktereigenschaft,[62] wohingegen er die Selbstbeherrschung als „edelste[n] Stolz“[63] bezeichnet.

 

Dabei ist die Gemüts- und Seelenstärke jedoch nicht allein durch die Selbstbeherrschung definiert, denn diese allein hätte wenig Bedeutung wenn sie sich nicht auch mit einer entsprechenden Gefühlstätigkeit verbinden würde. In diesem Zusammenhang stellt Clausewitz vier „Gemütskonstitutionen“[64] auf, die in der Sekundärliteratur ausführlich analysiert und interpretiert wurden – jedoch vorrangig mit Blick auf die Parallelität zu Kants Temperamentenlehre[65], anstelle sie in Beziehung auf den kriegerischen Genius bzw. das dahinter stehende Gesamtkonstrukt zu setzen.[66] Die vier extremen Konstitutionen des Gemütes unterscheiden sich hinsichtlich der jeweiligen Ausprägung von Erregbarkeit und Gefühlsstabilität. Im Einzelnen sind dies:

 

  1. der phlegmatische oder indolente Typ. Dieser ist kaum zu Gefühlsregungen fähig, weist daher aber auch eine hohe Gefühlsstabilität auf. Aufgrund der mangelnden Erregbarkeit verfügt dieser Typ in der Regel über geringe Energie, d.h. ihm fehlt „oft das positive Motiv des Handelns, der Antrieb und als Folge davon die Tätigkeit“[67].

  2. der ruhige oder gefühlvolle Typ. Dieser entwickelt zwar sehr schnell Gefühle, hat also eine geringe Gefühlsstabilität, dies allerdings ohne dabei eine bestimmte Intensität zu überschreiten, d.h. er ist nur zu einem geringen Maß erregbar. Er wird somit leicht zum Handeln angeregt, aber von großen Belastungen auch ebenso leicht erdrückt. „Menschen dieser Art werden eine lebhafte Tätigkeit zeigen, einem einzelnen Unglücklichen zu helfen, aber von dem Unglück eines ganzen Volkes nur traurig gestimmt, nicht zum Handeln angeregt werden.“[68]

  3. der reizbare Typ, dessen „Gefühle sich schnell und heftig wie Pulver entzünden, aber nicht dauernd sind“[69]. Auch er wird leicht zum Handeln angeregt und entwickelt dabei eine außergewöhnliche Energie, jedoch wird diese von keiner großen Dauer sein. Aus diesem Grunde ist diese Gemütskonstitution eher für die niederen Führungsebenen geeignet, wo die Gefechte weniger lange andauern und entsprechend ein kurzes Aufflammen der Gefühle ausreicht, um eine hinreichende Energie aufzubringen. Das größte Problem dieses Typs ist jedoch, dass die Selbstbeherrschung zumeist nicht ihre Geltung findet und diese Menschen daher im Krieg oftmals allein durch das Gefühl und nicht mehr hinreichend durch den Verstand gelenkt sind;[70] „daher verlieren sie im Kriege häufig ihren Kopf und dies ist für die Kriegführung die schlimmste ihrer Seiten.“[71]

  4. der leidenschaftliche Typ[72], der nur langsam in Bewegung kommt, dessen „Gefühle aber eine große Gewalt annehmen und viel dauernder sind. Dies sind Menschen mit energischen, tief versteckt liegenden Leidenschaften.“[73] Sie werden von ihren Gefühlen nicht plötzlich erfasst und weggerissen, sondern die Gefühle entwickeln sich langsam und gleichmäßig, können jedoch eine ebenso heftige Intensität wie beim Typ 3 annehmen. Diese Klasse ist daher „am meisten geeignet, mit ihrer Titanenkraft die ungeheuren Massen wegzuwälzen, unter welcher wir uns bildlich die Schwierigkeiten des kriegerischen Handelns vorstellen können.“[74]

 

Clausewitz hat hier vier Gemütskonstitutionen dargestellt, welche sich aus den verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten zwischen Erregbarkeit und Gefühlsstabilität ergeben. Die Erregbarkeit ist dabei für den Feldherrn eine unabdingbare Voraussetzung, um die zum Kriegführen notwendige Energie aufzubringen. Gleichwohl muss die Erregung eine gewisse Stabilität und Kontinuität aufweisen, damit sie für die Dauer des jeweiligen kriegerischen Aktes erhalten bleibt und nicht beim ersten Widerstand zur Selbstaufgabe führt. Aber selbst wenn eine starke Erregbarkeit mit einer hohen Stabilität zusammenfällt, kann noch nicht von einer großen Gemüts- und Seelenstärke gesprochen werden, denn dazu bedarf es auch der Selbstbeherrschung. Das im Hintergrund vorherrschende Prinzip des kriegerischen Genius ist es nämlich, dass die Intensität des Handelns zwar vorrangig durch das Gemüt bestimmt wird, weil das Gefühl stets ein stärkeres Motiv zum Handeln ist[75] als ein „kaum sichtbarer Faden logischer Spitzfindigkeit“[76], die Richtung sowie Art und Weise desselben aber vom Verstand ausgehen soll.

 

Bei seinen Betrachtungen über die Konstitution des Gemüts spricht Clausewitz seltsamerweise nicht die Bedeutung der Furcht an. Die Ungewissheiten des Krieges führen offensichtlich zu zwei unterschiedlichen Einwirkungen auf den menschlichen Geist: Im Bereich des Verstandes und der Vernunft wird Zweifel, im Bereich der Emotion und des Gemüts wird Furcht ausgelöst. Beides kann als Widerstand gegen den Entschluss im oben genannten Sinne verstanden werden. Ein indolenter Typ ist nun weniger anfällig für Furcht und von diesem Standpunkt aus hätte er durchaus eine große Seelenstärke, denn die Eindrücke der Furcht sind gering und werden also auch nur einen geringen inneren Widerstand gegen das Handeln auslösen. Clausewitz‘ Abneigung gegen diesen Typus wird vor dem Hintergrund der unbedingten Notwendigkeit großer energetischer Leistungen erklärbar, die der Feldherr erbringen muss, um seinen Entschluss in die Tat umzusetzen. Aus diesem Grunde ist emotionale Erregbarkeit eine notwendige Voraussetzung für Seelenstärke. Unausgesprochen bleibt jedoch, dass das erregbare Gemüt nicht nur aufgrund Ehrgeiz, Hass, Begeisterung usw. leidenschaftlich gegen einen Feind entbrennen kann, sondern das es gleichsam auch anfälliger gegen die Furcht sein muss, welche aus dem Ungewissen des Krieges entspringt. Dies ist jedoch nicht zwingend ein Widerspruch, denn augenscheinlich ist auch die Furcht ein Quell der Energie – nur dass das dazugehörige Handeln eine andere Richtung nimmt und nicht den Kampf, sondern die Flucht sucht und den Verstand lähmt.[77] Hier kommt also umso deutlicher die Bedeutung der Selbstbeherrschung zum Vorschein, welche die Kräfte des Gemüts davon abhält, auf die Kräfte des Verstandes Einfluss zu nehmen und in diesem Sinne die Richtung des Handelns zu bestimmen. Es ist also ganz wesentlich die Selbstbeherrschung, welche die Seelenstärke bestimmt und den Geist davon abhält, der Furcht oder auch dem Drang nach blindem Draufgehen zu entsprechen und stattdessen das Handeln dem Verstande überlässt.

 

Derweil ist der Typ 4 nicht zwangsweise als der Idealtyp des Feldherrn zu betrachten, denn er  kann nicht nur dauerhaft leidenschaftlich entbrennen, sondern er kann ebenso gut in eine tiefe, hoffnungslose und dauerhafte Depression verfallen, die ihn zutiefst antriebs- und kraftlos werden lässt.  Das ganze Gedankenkonstrukt kann also nur dann widerspruchsfrei verstanden werden, wenn der leidenschaftliche Typ nicht generell als ausgezeichneter Feldherr verstanden wird, sondern nur unter der Bedingung, dass seine gegenwärtige innere Verfassung die entsprechenden positiven Energien auch tatsächlich erzeugt.

 

Es kann gesagt werden, dass die Gemütskonstitutionen eine unmittelbare Auswirkung auf die Energie haben, welche dem Feldherrn zur Verfügung steht, um die Inertie der Masse zu überwinden und ein Handeln zu erzeugen. Je intensiver und dauerhafte die Gemütserregung ist, desto mehr Energie kann der Feldherr aufbringen. Gleichwohl bedürfen die Gemütskonstitutionen aber der Selbstbeherrschung, damit das Gemüt nicht die Kontrolle über den ganzen Geist übernimmt, sondern dem Verstand trotz der hohen Gemütserregung den notwendigen Raum gibt, um über das Handeln zu gebieten. Seelenstärke liegt also genau dann vor, wenn der Akteur eine hohe emotionale Energie aufweist, sein Handeln aber nichtsdestotrotz konstant durch den Verstand geleitet und bestimmt wird. Dies führt unweigerlich zu einer großen Festigkeit gegen kurzfristige, heftige Widerstände, die naturgemäß zuerst das Gefühl in Wallung bringen, die also die Furcht vor der Niederlage, der Schwächung oder gar dem Tod schüren.

 

 Charakterstärke

 

Zwar verhindert die Seelenstärke ein sofortiges durchschlagen der Furcht auf das Handeln, jedoch wird ein fortgesetzter, dauerhafter Widerstand auch Zweifel aufkommen lassen. Um auch diese Zweifel zu bewältigen bedarf es jedoch der Charakterstärke. Mit diesem Begriff verbindet Clausewitz eine bestimmte Festigkeit und Beharrlichkeit des menschlichen Verstandes in seinen Ansichten und Überzeugungen. Die Charakterstärke kann grundsätzlich aus drei verschiedenen Quellen entspringen:

 

„Man bezeichnet also nur solche Menschen mit dieser Eigenschaft, deren Überzeugung sehr konstant ist, entweder weil sie tief begründet und klar ist, an sich zu einer Veränderung wenig geeignet ist, oder weil es, wie bei indolenten Menschen, an Verstandestätigkeit und damit an dem Grund zur Veränderung fehlt, oder endlich, weil ein ausdrücklicher Akt des Willens, aus einem gesetzgebenden Grundsatz des Verstandes entsprungen, den Wechsel der Meinungen bis auf einen gewissen Grad zurückweist.“[78]

 

Auch wenn Clausewitz dies nicht explizit ausführt, so scheint es durchaus deutliche Analogien zur Seelenstärke zu geben. Auch bei der Charakterstärke lassen sich zwei verschiedenen Größen, namentlich die Verstandestätigkeit und die Tiefe und Klarheit der Einsicht finden, die zu vier Extremtypen der Konstitution des Verstandes führen.

 

Unter der Tiefe der Einsicht ist ein umfassendes, fundiertes Wissen zu verstehen. Dabei ist es unbedeutend, ob diese Einsicht aus einem früheren, eigenen Denken entstanden ist oder ob sie die Folge fremder Ansichten, Meinungen, Grundsätze etc. ist, denen sich der Akteur unterworfen hat.[79] Allerdings darf der Begriff der Tiefe nicht als ein möglichst großes Detailwissen missverstanden werden, denn dies könnte, so Clausewitz, unter Umstände gar schädlich sein. Das Wissen muss schon der Ebene entsprechen, auf welcher sich der militärische Führer bewegt und dies beinhaltet auch, dass mit höherer Führungsverantwortung das notwendige Detailwissen abnimmt und dass es umso mehr auf ein breites, allgemeines, auch politisches Wissen ankommt.[80]Die Tiefe der Einsicht bezieht sich vielmehr auf die subjektive Fundiertheit und – dies ist das Entscheidende – die Unzweifelhaftigkeit der Erkenntnis. Die tiefe Einsicht ist somit über Zweifel erhaben und gibt daher dem Verstand eine ersehnte Sicherheit und Orientierung, an welcher er sich ausrichten kann.

 

Der Begriff der Verstandestätigkeit ist etwas unpräzise und wenig griffig. Zunächst scheint Clausewitz damit eine gewisse Regsamkeit des Verstandes, einen gewisse Umtriebigkeit, vielleicht sogar eine Unrast zu verbinden. Verschiedene Begriffe die er im Zuge seines Werkes anführt, weisen in eine ähnliche Richtung. Ein Beispiel dafür ist die Geistesgegenwart[81], welche es einem Akteur ermöglicht, auf unerwartete Situationen schnell und treffend zu reagieren. Jedoch bezieht sich diese nicht nur auf den Verstand, sondern auch auf das Gemüt und muss also eher als ein Produkt der Verstandestätigkeit betrachtet werden. Naheliegend wäre auch die Phantasie[82] als einen Begriff der Verstandestätigkeit anzunehmen. So schreibt Clausewitz, dass „keine Tätigkeit des menschlichen Verstandes [...] ohne einen gewissen Reichtum an Vorstellungen möglich“[83] sei. Clausewitz zeigt insgesamt jedoch ein sehr ambivalentes Verhältnis zu diesem Begriff: In seinem Kapitel über den kriegerischen Genius beschreibt er die Phantasie als Quelle des Ortssinns. Demnach beinhaltet sie die Fähigkeit, lückenhafte Daten mit der Hilfe von artverwandtem Wissen und Erkenntnissen, auch mit Eingebung, zu ergänzen und hieraus mit Hilfe der Vorstellungskraft ein Ganzes zu schaffen, welches vor das innere geistige Auge treten kann und dem Akteur somit einen sinnvollen Überblick verschafft. [84] Gleichwohl ist der Begriff der Phantasie im restlichen Werk vor allem negativ belegt, wenig der Vernunft und mehr dem Gemüt zugewendet. Hier richtet sich die Phantasie tendenziell auf Irreales und Unvernünftiges, wendet sich eher dem Gerücht als der Wahrheit zu und neigt eher zur Vorstellung des Äußersten als zur Annahme des Wahrscheinlichsten.[85] Wohl aus diesem Grunde bezeichnet Clausewitz die Phantasie vor allem als Quell des Ortssinns und darüber hinaus für die kriegerische Tätigkeit „eher verderblich als nützlich“[86]. Dies mag damit zusammenhängen, dass sich die Phantasie in geographischen Belangen allein auf Fakten stützen kann und muss, während bei der übrigen kriegerischen Tätigkeit das Moment der Ungewissheit und der Wahrscheinlichkeit viel größer ist und daher der Einfluss des Gemütes auf die Phantasie eine fatale Wirkung zeigt. Wir kommen somit an keinen klaren Begriff, müssen bei der Verstandestätigkeit stehen bleiben und uns darunter schlicht einen sehr agilen, wendigen, flexiblen Verstand vorstellen. Dieser wird sicherlich auch eine blühende Phantasie beflügeln und zu einer vorzüglichen Geistesgegenwart führen, er wird unermüdlich immer neue Ideen, Vorstellungen und Lösungen suchen und finden. 

 

Es ergeben sich somit analog zu den Konstitutionen des Gemütes folgende Extremtypen:

 

  1. der phlegmatische oder indolente Typ. Er verfügt über wenig Wissen und wenig Verstandestätigkeit. Dieser Typ denkt wenig und langsam und ist das, was man im Allgemeinen einfältig nennt. Dafür hat er allerdings eine relative Festigkeit in seinen Standpunkten, da er aus sich selbst heraus kaum Anlass findet, seine Überzeugungen und Meinungen zu ändern.[87] Da diese allerdings kaum fundiert und begründet sind, sondern eher dem Zufall unterworfen, ist diese Form der Charakterfeste wohl eher schädlich als zuträglich.

  2. der gelehrte Pedant[88]. Er verfügt zwar über sehr viel fundiertes Wissen, aber ihm fehlt der Ideenreichtum, die Kreativität und die Fantasie, generell die geistige Wendigkeit und Flexibilität. Bei einfachen Tätigkeiten gegen „bloße Materie“[89] wird der Pedant sicherlich Maximalleistung erbringen und höchste Befriedigung erlangen. Ein tiefes, fundiertes und auch detailliertes Wissen und Verständnis von der Sache wird ihm als Richtschnur für sein Handeln den rechten Weg weisen. Richtet sich das Handeln wie die kriegerische Tätigkeit jedoch gegen „die geistige Kraft, welche diese Materie belebt“ [90], so wird dieser Typ hilflos vor ihm fremden und unbekannten Situationen stehen und er wird nicht recht wissen, wie er handeln und reagieren soll. Der Pedant hat eine tiefe Affinität zu Gesetzen, an denen er das Handeln ausrichten will. „Den Begriff des Gesetzes in Beziehung auf das Handeln aber kann die Theorie der Kriegführung nicht gebrauchen, weil es in ihr bei dem Wechsel und der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen keine Bestimmungen gibt, die allgemein genug wären, um den Namen eines Gesetzes zu verdienen.“[91] Letztlich muss dieser Typus als Feldherr der schlechteste sein, da er in einer unbekannten Lage vollkommen hilflos und ohne Entschluss sein muss, da er sich auf kein älteres Wissen unmittelbar berufen kann. Im normalen Leben also selbstsicher und besserwisserisch, wird der Pedant im Kriege furchtsam, hilflos und unsicher.[92]

  3. der Freigeist. Dieser Typ verfügt über eine rege Verstandestätigkeit, hat ständig neue, teils treffende Ideen, allerdings fehlt es ihm an einem tieferen Wissen, an welchem er sich orientieren könnte. Der Freigeist greift in seinem Denken und Handeln kaum auf Theorien und Grundsätze zurück und handelt daher im Wesentlichen intuitiv.[93] Dies macht ihn empfänglich für neue Eindrücke, Ratschläge und Zweifel und daher sind die Überzeugungen und Absichten des Freigeistes wenig konstant. Diese für die Kriegsführung und Entschlossenheit abträgliche Eigenschaft kann der Freigeist nur über eine „Abart“[94] der Charakterstärke ausgleichen, namentlich den „Eigensinn“[95]. Der eigensinnige Freigeist im Clausewitz’schen Sinne verfügt über einen inneren Unwillen, auf fremde Ratschläge, Einreden und Meinungen Rücksicht zu nehmen, dies aber nicht aufgrund einer inneren Überzeugung von der Wahrhaftigkeit seiner Ansicht, sondern ganz generell aufgrund einer „besonderen Art von Selbstsucht, welche höher als alles andere das Vergnügen stellt, über sich und andere nur mit eigener Geistestätigkeit zu gebieten.“[96] Dieser eigensinnige Freigeist mag daher durchaus einen gewissen Grad an Entschlossenheit aufbringen, allerdings nicht weil er von der Sache überzeugt ist, sondern weil er von sich und seinem intuitiven Können überzeugt ist. Auch wenn Clausewitz diesen Typen im Vergleich zu dem gelehrten Pedanten für die Funktion des militärischen Führers als geeignet betrachtet,[97] weil er entschlussfreudiger ist und daher das Handeln ganz grundsätzlich begünstigt, so besteht nichtsdestotrotz die Gefahr, dass eine Pechsträhne diese Selbstsicherheit ins Wanken bringt oder dass mit zunehmender Verantwortung sich auch innere Zweifel nähren, die der Entschlussfreude entgegenstehen. So gibt es eine große Zahl von Beispielen, „wo Männer, die in niederen Regionen die größte Entschlossenheit gezeigt hatten, diese in den höheren verloren. Obgleich sie das Bedürfnis haben, sich zu entschließen, so sehen sie doch die Gefahren ein, die in einem falschen Entschluß liegen, und da sie mit den Dingen, die ihnen vorliegen, nicht vertraut sind, so verliert ihr Verstand seine ursprüngliche Kraft, und sie werden nur um so zaghafter, je mehr sie die Gefahr der Unentschlossenheit, in die sie gebannt sind, kennen, und je mehr sie gewohnt waren, frisch von der Faust weg zu handeln.“[98]

  4. das Genie. Die glücklichste Verbindung ist schließlich der vierte Typ, in dem sich die Tiefe der Einsicht mit der entsprechende Regsamkeit des Verstandes verbindet. Aufgrund der aktiven und stets präsenten Verstandestätigkeit hat das Genie einen ganz anderen Zugang zum Wissen und zur tiefen Einsicht als der Pedant. Das Wissen geht dem Genie „ganz in den Geist über [und hört auf,] etwas Objektives zu sein.“[99] Die tiefe Erkenntnis wird hier also zum immanenten Kompass des regsamen Verstandes. Das Genie ist im Reich der Grundsätze, Regeln, Vorschriften und Methoden beheimatet, die allesamt im Gegensatz zum pedantischen Gesetz dadurch gekennzeichnet sind, dass sie einen gewissen Grad der Unverbindlichkeit aufweisen, zwar die inneren Zusammenhänge aufdecken, aber Handlungsspielräume, Auslegungen, neue Ideen und Ausnahmen offenlassen.[100] Das Genie  kommt hierdurch zu einer autonomen Virtuosität und weiß augenblicklich, scheinbar aus sich selbst heraus, also nur scheinbar intuitiv, was wahrscheinlich ist, was unwahrscheinlich ist, was machbar ist und was unmöglich ist. Es ist daher fähig „überall und mit jedem Pulsschlag die erforderliche Entscheidung aus sich selbst zu geben. Das Wissen [wird hier] also durch diese vollkommene Assimilation mit dem eigenen Geist und Leben in ein wahres Können verwandel[t].“[101] Während der Pedant also nur stur nach Büchergesetzen entscheidet und daher in neuen Situationen hilflos und unentschlossen ist, der Freigeist immer „von der Faust weg“[102] handelt und darum im Durchschnitt ebenso gut danebenliegen kann und darüber hinaus äußerst anfällig für Zweifel und fremde Einrede ist, kommt es beim Genie zu wahrer Kreativität, wenn es darum geht, neue und unbekannte Probleme zu lösen, ohne hierzu unmittelbar, sondern nur abstrakt und allgemein auf älteres Wissen zurückgreifen zu können. Das so getroffene Urteil ist „tief begründet und klar, an sich zu einer Veränderung wenig geeignet“[103] und daher neigt das Genie auch am ehesten von allen extremen Konstitutionen des Verstandes zur Standhaftigkeit, Charakterstärke und zur Fähigkeit des coup d’oeil.

 

Analog zur Seelenstärke ist die Charakterstärke allerdings nicht allein durch die Konstitution des Verstandes definiert, denn im Angesicht der großen Ungewissheiten und Unklarheiten, die im Kriege immer vorherrschen, muss sich auch das Genie immer zu einem hohen Grad auf Vermutungen, Ahnungen und Wahrscheinlichkeiten stützen und diesem Grad entsprechend wird auch das Genie durch Zweifel und innere Widersprüche beherrscht. Die Ungewissheit aller Daten im Krieg, auf welche sich das Handeln stützen muss, erzeugt schließlich nicht nur Furcht, welche durch die Seelenstärke abgemildert werden kann, sondern unweigerlich auch Zweifel, welche offensichtlich dem Verstande entspringen. „Darum ist nirgends die Meinungsverschiedenheit so groß als im Kriege, und der Strom der der Eindrücke gegen die eigene Überzeugung hört nie auf.“[104] Gegen diese Zweifel ist selbst das Genie nicht gewappnet, da sie tief in der Eigentümlichkeit des Krieges begründet und daher dem Kriege immanent sind.

 

Analog zur Selbstbeherrschung in Bezug auf die Seelenstärke kommt daher hier ein dem Verstand entsprungener, gesetzgeberischer Grundsatz zur Geltung, welcher im Kern die Charakterstärke bestimmt,[105] namentlich die Beharrlichkeit[106]:

 

„Nur die allgemeinen Grundsätze und Ansichten, welche das Handeln von einem höheren Standpunkt aus leiten, können die Frucht einer klaren und tiefen Einsicht sein, und an ihnen liegt sozusagen die Meinung über den vorliegenden individuellen Fall gewissermaßen vor Anker. Aber das Halten an diesen Resultaten eines früheren Nachdenkens gegen den Strom der Meinungen und Erscheinungen, welchen die Gegenwart herbeiführt, ist eben die Schwierigkeit. Zwischen dem individuellen Fall und dem Grundsatz ist oft ein weiter Raum, der sich nicht immer an einer sichtbaren Kette von Schlüssen durchziehen lässt, und wo ein gewisser Glaube an sich selbst notwendig ist und ein gewisser Skeptizismus wohltätig. Hier hilft oft nichts anderes, als ein gesetzgebender Grundsatz, der, außer das Denken selbst gestellt, dasselbe beherrscht; es ist der Grundsatz, bei allen zweifelhaften Fällen bei seiner ersten Meinung zu beharren und nicht eher zu weichen, bis eine klare Überzeugung dazu zwingt. Man muß stark sein in dem Glauben an die bessere Wahrheit wohlgeprüfter Grundsätze und bei der Lebhaftigkeit der augenblicklichen Erscheinung nicht vergessen, daß ihre Wahrheit von einem geringeren Gepräge ist. Durch dieses Vorrecht, welches wir in zweifelhaften Fällen unserer früheren Überzeugung geben, durch dieses Beharren bei derselben gewinnt das Handeln diejenige Stätigkeit und Folge, die man Charakter nennt.“[107]

 

Mit dem Begriff der Beharrlichkeit bezeichnet Clausewitz also einen dem Verstand entsprungene, gesetzgeberischen Grundsatz, „bei allen zweifelhaften Fällen bei seiner ersten Meinung zu beharren und nicht eher zu weichen, bis eine klare Überzeugung dazu zwingt“[108]. Dies kann dabei durchaus als Analogie zur Selbstbeherrschung bezeichnet werden. Verhindert diese, dass die eigene Furcht Einfluss auf den Entschluss und das Handeln nimmt, so verhindert die Beharrlichkeit, dass Zweifel an dem einmal gefassten Urteil den Akteur davon abhalten, dieses mit der entsprechenden Konsequenz, namentlich Entschlossenheit, zu verfolgen.

 

 Zusammenfassung und Folgerung

 

Im Ergebnis finden sich drei große Linien in der Persönlichkeit eines Individuums, welche nur in harmonischem Einklang zueinander zum kriegerischen Genius führen:

 

Der militärische Führer muss zunächst in Bezug auf die Konstitution seines Verstandes ein Genie sein, d.h. die Kombination aus Wissen und kognitiver Fähigkeit muss ihn zu einem virtuosen Umgang mit der kriegerischen Tätigkeit befähigen. Er muss sein Wissen abstrahieren können und dies zu einer Art inneren Kompass machen, welcher augenblicklich verfügbar ist und als steter Begleiter den Weg weist. Hierdurch kann er aus sich selbst heraus zwischen wahr und unwahr, zwischen wahrscheinlich und unwahrscheinlich unterscheiden und findet so den treffenden Takt des Urteils. Sofern sich dieser reine Akt des Verstandes mit dem rechten Maß an Phantasie paart, die ihm ein Gefühl und eine Vorstellung für das Gelände, in welchem der Feldzug stattfindet, gibt, so führt dies alles zum coup d’oeil, mit welchem der Feldherr die gegenwärtige Lage bestmöglich zutreffend erkennt und hieraus die Schlüsse für das eigene Handeln zutreffend zieht.

 

Mit dieser Konstitution des Verstandes muss sich die passende Konstitution des Gemütes paaren. Dies ist der leidenschaftlich kraftvolle Typ, der zu starken Gefühlsregungen mit hoher Beständigkeit fähig ist. Diese dauerhaft hohe Gefühlsintensität, gepaart mit Ehrgeiz und Ruhmsucht, führt zu einer hohen Energie des Feldherrn, welche er benötigt um die Handlungen, die er aufgrund seines durch Verstandesakt hervorgerufenen Urteils für notwendig und sinnvoll erachtet, in die Tat umzusetzen. 

 

Sind auf diesem Wege sowohl das treffende Urteil als auch die zur Umsetzung notwendigen Energien dem Feldherr zu eigen, so bedarf es notwendigerweise noch einer entsprechenden Harmonie zwischen Gemüt und Charakter bzw. zwischen Gefühl und Verstand, um die in der Persönlichkeit des Feldherrn liegenden Widerstände, die Furcht und die Zweifel, welche sich gegen das Handeln richten, zu überwinden. Durch den inneren Trieb, sein Handeln immer nur dem Verstand und nicht dem Gefühl zu unterwerfen, wird der Feldherr seelenstark und gewinnt eine Festigkeit gegenüber plötzlichen Ereignissen und heftigen Eindrücken, die seinen sich aus dem coup d’oeil ergebenden Willen erschüttern könnten. Dies ermöglicht ihm, auch im Eindruck von Furcht und Angst, aber auch im Eindruck des überwältigenden Hasses, sich nicht seinen Emotionen hinzugeben, sondern sein Handeln am coup d’oeil auszurichten. Damit ist jedoch der im Krieg zwangsläufig auftretende Zweifel an der Richtigkeit des eigenen Urteils, welcher selbst ein Akt des Verstandes ist, noch nicht gebannt. Dazu bedarf es der Beharrlichkeit, namentlich der höheren, gesetzgebenden Einsicht, solange am ersten Urteil festzuhalten, bis die auftretenden Fakten zu einem anderen Urteil zwingen. Dies führt zur Charakterstärke und zur Standhaftigkeit gegenüber den sich mit der Dauer der Handlung ergebenden Zweifeln an der Richtigkeit des eigenen Handelns. Beides zusammen, Festigkeit und Standhaftigkeit, führen im Ergebnis zur Entschlossenheit. Diese ist folglich keine eigenständige Charaktereigenschaft des Feldherrn, sondern sie begründet sich aus dem coup d’oeil, nährt sich aus der Energie des Feldherrn und erhält ihre notwendige Beständigkeit aus der Standhaftigkeit und der Festigkeit.  Dies alles wird in der folgenden Grafik vereinfacht dargestellt:

 

 

 

Abbildung 9 - Der Begriff des kriegerischen Genius in vereinfachter, schematischer Darstellung

 

Der kriegerische Genius stellt also ein hoch komplexes Persönlichkeitskonstrukt dar, welches ein Individuum zum Führen des Krieges befähigt. Dieses Konstrukt wird von Clausewitz zwar in seiner idealtypischen Ausprägung beschrieben und vom Sprachgebrauch her so dargestellt, als wenn ein Feldherr so sein müsste und nicht anders, doch wäre eine solche Vorstellung realitätsfern. Der coup d’oeil ist an sich bereits eine relative Fähigkeit, denn der Feldherr kann nie die objektive Wahrheit erkennen, sondern sich ihr immer nur annähern. Ebenso kann die dem Feldherrn eigene Energie keine unendliche Größe sein, also nicht absolut vorherrschen, sondern sie kann immer nur in einem Mehr oder Weniger vorhanden sein. Letztlich ist auch die Entschlossenheit immer eine Größe, die nur bis zu einem bestimmten Widerstandsgrad reicht und der Punkt, an welchem sie gebrochen wird, nur früher oder später überschritten wird. So wird ersichtlich, dass der kriegerische Genius keine absolute Größe sein kann, sondern dass er mehr oder weniger vorliegen, in unterschiedlichen, individuellen Ausprägungen in Erscheinung treten kann. Der kriegerische Genius kann also vergleichbar mit dem Persönlichkeitskonstrukt Intelligenz mehr oder weniger in einer Person vorhanden sein und niemals seine absolute Perfektion erhalten. So wie der kriegerische Genius mehr oder weniger in einem Feldherrn vorhanden ist, so wird sich dessen Wille auf die strategische Planung des Krieges auswirken. Im Werk von Clausewitz sind dabei drei unterschiedliche Grundtypen von Feldherrn zu erkennen:

 

  1. Die ängstlichen, zaudernden und zaghaften Feldherrn. Sie haben bei Clausewitz durchweg den schlechtesten und unterlegenen Stand, obwohl sie die Mehrheit der historischen Feldherrn abbilden.[109] Dabei ist prinzipiell gleichgültig, ob die für sie typische Unentschlossenheit durch Furcht, Zweifel oder mangelnde Energie ausgelöst wird; ein seelisches Ungleichgewicht des Feldherrn im Rahmen des oben dargestellten Persönlichkeitsprofils führt zu innerpersönlichen Zerwürfnissen und daraus folgend einem Mangel an Entschlossenheit.[110]  Diese Feldherren kennen vielleicht analytisch die Wahrheit und wissen also, was richtigerweise zu tun wäre. Vielleicht hätten sie auch den nötigen Mut und die Energie die notwendigen Schritte zu unternehmen, wenn sie dazu von höherer Stelle angewiesen würden oder dies die einzige Alternative darstellen würde. Es mangelt ihnen jedoch an Entschlossenheit, es selbst zu entscheiden, weil sie am Zweifel, ob nicht ein anderer, weniger gefährlicherer Weg der richtigere sei oder an der Furcht, selbst an der Niederlage schuld zu sein, zerbrechen und folglich entweder den schwächeren oder gar keinen Entschluss fassen.[111] Dass ein Mangel an Tatkraft oder coup d’oeil dies noch verstärkt, muss nicht erwähnt werden.

  2. Der kühne, dreiste, verwegene Feldherr. Die Kühnheit ist eine Eigenschaft des Gemütes, die gewissermaßen die Entschlossenheit ersetzt bzw. im entsprechenden Maße ergänzt. Bei ihr handelt es sich um eine ungewöhnliche Geringschätzung der Gefahr oder einen enormen Drang nach Ruhm und Ehre. Der kühne Feldherr ist also dadurch ausgezeichnet, dass ihn „keine Zweifel mit sich selbst entzweien“[112] und er daher vollkommen unbeschwert und leichtfertig größte Gefahren ohne eine bestehende Notwendigkeit, ohne einen verhältnismäßigen Zweck auf sich nehmen kann. Das große Maß an Energie steht allen vom Verstand entgegengebrachten Zweifeln und auch der Furcht entgegen und macht daher eine Entschlossenheit im eigentlichen Sinne überflüssig.

    Clausewitz betrachtet die Kühnheit in diesem Sinne als äußerst wertvolle moralische Größe, weil es im Kriege stets besser sei, furchtlos zu handeln als furchtsam vor dem Handeln zurückzuschrecken. Vor diesem Hintergrund räumt der Kriegstheoretiker der Kühnheit einige Vorrechte im Krieg ein.[113] Gleichwohl stellt er jedoch auch fest, dass mit einem Aufsteigen in der Befehlshierarchie der kriegerische Akt auch umso mehr geistige Kräfte voraussetzt, die im Rahmen ihrer Entfaltung die Kühnheit als Gemütskraft notwendigerweise zurückdrängen müssen.[114] Aus diesem Grunde gäbe es eine Reihe von militärischen  Führern, die in niederen Befehlshaberregionen mit ihrer Kühnheit große Entschlüsse hervorgebracht haben, dann aber unter der Last der höheren Verantwortung als Feldherr keine Kühnheit mehr hervorbrachten und zu ängstlichen Führern wurden, es ihnen also an Entschlossenheit mangelte.[115] Tatsächlich kühne Feldherren, die ohne große Überlegung äußerstes wagen, sind daher eine echte Seltenheit, aber es gibt sie. Sie werden dort im Vorteil sein, wo sie auf zaghafte, unentschlossene Gegner stoßen[116] – gleichwohl: Die Fehler, welche aus Kühnheit gemacht werden, sind notwendigerweise folgenschwerer, als die, welche aus Vorsicht begangen werden, denn „ein ungeschicktes Draufgehen würde zur Vernichtung der eigenen, nicht der feindlichen Streitkraft führen“[117].

  3. Der besonnene, entschlossene Feldherr ist schließlich der mit dem größten kriegerischen Genius, bei welchem sich alle drei Teile, Entschlossenheit, coup d’oeil und Energie, im Gleichgewicht zueinander finden und sich voneinander ableiten. Der entschlossene Feldherr wagt nicht um des Wagens willen, sondern im Bewusstsein der Notwendigkeit des Wagens. Anders als der kühne Feldherr handelt er daher zwar ebenfalls sehr energisch, aber in hohem Maße überlegt und treffend. Die Zweifel gegen seinen Entschluss überwindet er durch das Bewusstsein ihrer Notwendigkeit und ihrer Natürlichkeit. Der entschlossene Feldherr ist freilich der am seltensten anzutreffende Typus, gleichwohl aber der erfolgreichste.

 

Die Clausewitz’sche Argumentation ist dabei bestechend einleuchtend. Es ist davon auszugehen, dass es seine Hauptintention bei der Formulierung des kriegerischen Genius war, zwei unterschiedliche Lehren zu widerlegen bzw. miteinander zu verbinden. Zum einen diejenige, welche davon ausging, alles zum Führen des Krieges könnte erlernt werden, zum anderen diejenige, welche davon ausging, dass das Kriegführen eine natürliche Funktion des Menschen sei, „die er mehr oder weniger gut machte, nur nachdem er mehr oder weniger Anlagen dazu mit auf die Welt gebracht“[118] habe. Dies gelang ihm vortrefflich.

 

Ich will nun nicht weiter hineinsteigen und den hier dargestellten kriegerischen Genius als Teil einer umfangreichen, unterschwelligen Persönlichkeitstheorie darstellen, um so einen Vergleichsebene zu anderen Klassikern zu finden.[119] Mir geht es hier um die Folgerungen für die Kriegstheorie, im Speziellen um die zentrale Frage nach dem Wie der zweckmäßigen, optimalen Kriegführung und also dem Einfluss des kriegerischen Genius auf den Krieg

 



[1]                 Clausewitz, Kriege, S. 369.

[2]                 Clausewitz, Kriege, S. 361

[3]           Siehe Kapitel VI.2.3.

[4]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 361 ff.

[5]                 Clausewitz, Kriege, S. 249.

[6]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 249 ff.

[7]                 Vgl. Kleemeier, Grundfragen, S. 260.

[8]                 Clausewitz, Kriege, S. 231 f.

[9]                 Siehe Kapitel IV.2.

[10]               Clausewitz, Kriege, S. 237 f.

[11]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 234.

[12]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 238.

[13]               Französischer Ausdruck für Lidschlag, Augenaufschlag.

[14]               Clausewitz, Kriege, S. 235.

[15]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 246 f.

[16]               Clausewitz, Kriege, S. 182.

[17]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 237.

[18]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 247 f.

[19]               Clausewitz, Kriege, S. 251.

[20]               Clausewitz, Kriege, S. 855.

[21]               Kleemeier, Grundfragen, S. 265.

[22]               Clausewitz, Kriege, S. 265.

[23]               Clausewitz, Kriege, S. 252.

[24]               Clausewitz, Kriege, S. 234.

[25]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 237.

[26]               Diese Fähigkeiten scheinen auch bei Clausewitz sehr ausgeprägt gewesen zu sein. So schreibt ein Generalstabsoffizier aus seinem unmittelbaren Umfeld 1831 bei der preußischen Observationsarmee: „General v. Clausewitz hatte bei der ersten Nachricht von den Erfolgen der Polen vor Warschau deren Unternehmungen mit ziemlicher Genauigkeit vorausgesagt, nur hatte er den Polen mehr strategische Kenntnis und Energie des Willens zugetraut und daher denn auch seine Besorgnis bei den ersten Nachrichten von den Unfällen der Russen.

             Die ziemlich ausführlichen Berichte, die wir später durch private und auch offizielle Mittheilungen vom Kriegstheater erhielten, setzten uns in den Stand, die Bewegungen beider Armeen zu beurteilen. Da ich diesen Theil der Generalstabsgeschäfte ausschließlich bearbeitete, so hatte ich täglich Gelegenheit, mit General v. Clausewitz hierüber zu sprechen und darf wohl sagen, daß die Art und Weise, wie er die Dinge beurtheilte, wie er aus einzelnen Bewegungen und Märschen Folgerungen zog, die Geschwindigkeit und Dauer der Märsche calculierte und die Punkte voraus bestimmte, wo es zu Entscheidungen kommen sollte, in vielen Beziehungen von dem höchsten Interesse für mich waren. Was später von Historikern mühsam herausgeklügelt, von Militär-Schriftstellern nach langen Studien als die Quintessenz militärischen Wissens aufgetischt worden ist, erschloss sich dem General, ich möchte sagen im Augenblick. Das Schicksal hat es ihm leider versagt, in einer höheren Wirksamkeit seine Talente zu beweisen, aber ich habe die feste Überzeugung, er würde als Stratege Außerordentliches geleistet haben.“ Brandt, Leben II, S. 107.

[27]               Clausewitz, Kriege, S. 251.

[28]               Clausewitz, Kriege, S. 251 f.

[29]               Clausewitz, Kriege, S. 238.

[30]               Clausewitz, Kriege, S. 235.

[31]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 235; S. 287.

[32]               Clausewitz, Kriege, S. 239.

[33]               Clausewitz, Kriege, S. 238.

[34]               Clausewitz, Kriege, S. 238.

[35]               Clausewitz, Kriege, S. 239.

[36]               Clausewitz, Kriege, S. 239.

[37]               Clausewitz, Kriege, S. 240.

[38]               Clausewitz, Kriege, S. 238 f.

[39]               Clausewitz, Kriege, S. 236.

[40]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 236.

[41]               Clausewitz, Kriege, S. 235.

[42]               Clausewitz, Kriege, S. 226.

[43]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 235 f.

[44]               Clausewitz, Kriege, S. 236.

[45]               Clausewitz, Kriege, S. 236.

[46]               Clausewitz, Kriege, S. 252.

[47]               Clausewitz, Kriege, S. 238.

[48]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 238 ff.

[49]               Clausewitz, Kriege, S. 239.

[50]          Siehe Kapitel VI.2.3.

[51]               Clausewitz, Kriege, S. 239 f.

[52]               Clausewitz, Kriege, S. 240.

[53]               Clausewitz, Kriege, S. 240.

[54]               Clausewitz, Kriege, S. 240.

[55]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 240.

[56]               Clausewitz, Kriege, S. 241.

[57]               Vgl. Kleemeier, Grundfragen, S. 271. Kleemeier behauptet in diesem Zusammenhang, dass sich an dieser Stelle sehr deutlich ein Unterschied zwischen Platon und Clausewitz auftue. Platon habe zwar genau wie Clausewitz die Herrschaft des vernünftigen über den begehrenden Seelenteil idealerweise vorgesehen, doch habe bei Platon das Vernünftige aus keinem anderen Grund geherrscht als aus diesem, dass es weise war. Bei Clausewitz würde hingegen die Herrschaft des Vernünftigen allein dadurch begründet, dass der begehrende (Gemüts-) Teil den Trieb nach Selbstbeherrschung hat. Diese Behauptung ist m.E. unzutreffend, da auch Platon von dem begehrenden Seelenteil die Tugend der Mäßigung einforderte, damit der vernünftige Seelenteil die Herrschaft überhaupt ausüben kann – dies befindet sich in bemerkenswerter Analogie zu Clausewitz.

[58]               Kleemeier, Grundfragen, S. 271.

[59]               Kleemeier, Grundfragen, S. 271.

[60]               Clausewitz, Kriege, S. 241.

[61]               Clausewitz, Kriege, S. 246.

[62]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 246.

[63]               Clausewitz, Kriege, S. 241.

[64]               Clausewitz, Kriege, S. 241.

[65]               Vgl. Kant, Anthropologie, S. 255 ff.

[66]               Vgl. Kleemeier, Grundfragen, S. 272 f; vgl. Aron, Clausewitz, S. 669 f; vgl. Vollrath, Wege, S. 62 ff.

[67]               Clausewitz, Kriege, S. 242.

[68]               Clausewitz, Kriege, S. 242.

[69]               Clausewitz, Kriege, S. 241

[70]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 242 f.

[71]               Clausewitz, Kriege, S: 243.

[72]               Kleemeier bezeichnet diesen Typen als Melancholiker. Vgl. Kleemeier, Grundfragen, S. 273. Dies vermutlich in Anspielung auf die Tatsache, dass Clausewitz gelegentlich seitens späterer Biographen ein melancholisches Wesen attestiert wurde. Vgl. Münkler, Krieg, S. 91; vgl. Schramm, Clausewitz, S. 136. Diese Typbezeichnung führt jedoch in die Irre, weil der Begriff des Melancholikers doch eher negativ mit Schwermut, Depression und Traurigkeit verbunden ist. Ein solcher Typ kann schwerlich die von Clausewitz hier assoziierten Energien aufbringen – gleichwohl weist Kleemeier somit implizit auf den Nebeneffekt hin, dass dieser Typ 4 nicht zwangsläufig dauerhaft leidenschaftlich entbrennen muss, sondern ebenso gut dauerhaft depressiv sein kann. Ein solcher Typ – eben der Melancholiker – ist jedoch sicherlich nicht das, was Clausewitz im Sinn hatte, als er von dem „Menschen mit energischen, tief und versteckt liegenden Leidenschaften“ (Clausewitz, Kriege, S. 241) sprach.

[73]               Clausewitz, Kriege, S. 241.

[74]               Clausewitz, Kriege, S. 243.

[75]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 252.

[76]               Clausewitz, Kriege, S. 196

[77]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 286 f.

[78]               Clausewitz, Kriege, S. 244.

[79]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 244.

[80]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 297 f.

[81]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 237.

[82]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 247 ff.

[83]               Clausewitz, Kriege, S. 297.

[84]               Clausewitz, Kriege, S. 247 f.

[85]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 324; S. 370; S. 489.

[86]               Clausewitz, Kriege, S. 249.

[87]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 244.

[88]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 297.

[89]               Clausewitz, Kriege, S. 284.

[90]               Clausewitz, Kriege, S. 284.

[91]               Clausewitz, Kriege, s. 307.

[92]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 270; S. 297; S. 488.

[93]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 297.

[94]               Clausewitz, Kriege, S. 245.

[95]               Clausewitz, Kriege, S. 245.

[96]               Clausewitz, Kriege, S. 246.

[97]               Clausewitz, Kriege, S. 297.

[98]               Clausewitz, Kriege, S. 237.

[99]               Clausewitz, Kriege, S. 299.

[100]             Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 305 ff.

[101]             Clausewitz, Kriege, S. 299.

[102]             Clausewitz, Kriege, S. 237.

[103]             Clausewitz, Kriege, s. 244.

[104]             Clausewitz, Kriege, S. 245.

[105]             Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 245.

[106]             Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 371 f.

[107]             Clausewitz, Kriege, S. 245.

[108]             Clausewitz, Kriege, S. 245.

[109]             Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 367.

[110]             Vgl. Clausewitz, Kriege. S. 366.

[111]         Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 236.

[112]             Clausewitz, Kriege, S. 236.

[113]             „Über den Erfolg des Kalküls mit Raum, Zeit und Größe hinaus müssen ihr [der Kühnheit] noch gewisse Prozente zugestanden werden, die sie jedesmal, wo sie sich überlegen zeigt, aus der Schwäche der anderen zieht. Sie ist also eine wahrhaft schöpferische Kraft. Dies ist selbst philosophisch nicht schwer nachzuweisen. Sooft die Kühnheit auf die Zaghaftigkeit trifft, hat sie notwendig die Wahrscheinlichkeit des Erfolges für sich, weil Zaghaftigkeit schon ein verlorenes Gleichgewicht ist. Nur wo sie auf besonnene Vorsicht trifft, die, man möchte sagen, ebenso kühn, in jedem Fall ebenso stark und kräftig ist als sie selbst, muß sie im Nachteil sein; daß sind aber schon die seltensten Fälle. In der ganzen Schar der vorsichtigen befindet sich eine ansehnliche Majorität, die es aus Furchtsamkeit ist.“ Clausewitz, Kriege, S. 366 f.

[114]             Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 369. Im Zuge des Gesamtwerkes kommt hierbei ein gewisser Widerspruch zwischen einer älteren und einer neueren Textstelle. Während im älteren Textteil die Kühnheit als Gemütskraft verstanden wird, die sich durchaus auch mit dem Verstand verbünden kann und daher auch in der Feldherrnstelle eine wichtige Voraussetzung ist (vgl. Clausewitz, Kriege, S. 366 ff.), taucht die Kühnheit im Kapitel über den kriegerischen Genius als eine dem Verstand entgegen gerichtete bzw. im Widerspruch zu ihm stehende Größe auf (vgl. Clausewitz, Kriege, S. 235 f.). Dieses letztgenannte Verständnis ist das durchaus konsistentere, weil schließlich der Verstand, wenn er denn tätig ist, notwendig auch Zweifel am Handeln hervorbringt, welche dem kühnen Menschen jedoch fremd sind. Ich schließe mich aus diesem Grunde und auch weil es die „jüngere“ Sichtweise ist, diesem Verständnis an und stelle ausschließlich dieses dar. Im Übrigen sind die beiden Begriffsverständnisse nicht gegensätzlich, sondern das jüngere ist präziser und schärfer abgegrenzt, dass ältere ruht auf einem oberflächlicheren Sprachgebrauch.

[115]             Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 236 f.

[116]         „Darum wird die Kühnheit immer seltener, je höher wir hinaufsteigen in den Graden; denn wenn auch die Einsicht und der Verstand nicht in diesen Graden wachsen sollten, so werden doch den Führern in ihren verschiedensten Stationen die objektiven Größen, Verhältnisse und Rücksichten von außen her so viel und stark aufgedrungen, daß sie gerade nur um so mehr davon belastet sind, je weniger es die eigene Einsicht ist. [...] Fast alle Generale, die uns die Geschichte als mittelmäßige oder gar unentschlossene Feldherren kennenlehrt, hatten sich in geringeren Graden durch Kühnheit [...] ausgezeichnet.“ Clausewitz, Kriege, S. 368.

[117]             Clausewitz, Kriege, S. 226.

[118]             Clausewitz, Kriege, S. 297.

[119]             Vgl. Kleemeier, Grundfragen, S. 273 f.

 

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Kapitel V.5 - Übersicht

  • V.5.1 Allgemeines Strategieproblem und unvollkommene Lösung

    1.1. Allgemeines Strategieproblem und unvollkommene Lösung In diesem Zusammenhang muss das Stichwort des Strategiestreits fallen. Es handelt sich hierbei um eine militärtheoretische Diskussion die im ausgehenden 19. Jahrhundert eine auch politisch namhafte Rolle gespielt hat. Im Wesentlich ist sie auf den Historiker Hans Delbrück[1] zurückzuführen, der grundlegend zwischen der Kriegsführung Napoleons und Friedrich II unterschieden hatte. Dem ersten unterstellte er, stets die entscheidende Schlacht und damit die Vernichtung des Gegners gesucht zu haben. Von dem Zweitgenannten behauptete er, dass dieser stets mit einer Kombination aus Manöver und Schlacht versucht habe, den Gegner zu ermatten. Es entbrannte hieraus eine heftige Debatte darum, welche die treffendere Strategie sei, die Vernichtungs- oder die Ermattungsstrategie, wobei beide Lager teils mit, teils gegen Clausewitz argumentierten Read More
  • V.5.2 Begriff und Rolle des Feldherrn im Krieg

    1.1. Begriff und Rolle des Feldherrn im Krieg In der Clausewitz’schen Kriegstheorie spielt die Person des Feldherrn eine zentrale Rolle.[1] Dies ist insofern nicht verwunderlich, als dass sich sein gesamtes Werk im Schwerpunkt an den Personenkreis der höchsten militärischen Führer und der Staatsmänner richtet und somit die potentiellen Feldherren anspricht.[2] Der Feldherr ist eine „entweder an der Spitze eines ganzen Krieges oder eines Kriegstheaters stehende“[3] Person. Dabei ist der Begriff des Kriegstheaters jedoch eine recht unpräzise Formulierung. Clausewitz definiert ihn wie folgt: „1. Kriegstheater Eigentlich denkt man sich darunter einen solchen Teil des ganzen Kriegsraumes, der gedeckte Seiten und dadurch eine gewisse Selbstständigkeit hat. Diese Deckung kann in Festungen liegen, in großen Hindernissen der Gegend, auch in einer beträchtlichen Entfernung Read More
  • V.5.3 Das Wesen des kriegerischen Genius

    1.1. Das Wesen des kriegerischen Genius „Der gewöhnliche Mensch, um nicht von den schwachen und unentschlossenen zu reden, kommt höchstens bei einer eingebildeten Wirksamkeit auf seinem Zimmer, entfernt von Gefahr und Verantwortlichkeit, zu einem richtigen Resultat, soweit nämlich ein solches ohne lebendige Anschauung möglich ist. Treten ihm aber Gefahr und Verantwortlichkeit überall nahe, so verliert er den Überblick, und bliebe ihm dieser etwa durch den Einfluß anderer, so würde er den Entschluß verlieren, weil da kein anderer aushelfen kann.“[1] Dem Begriff des kriegerischen Genius‘ widmet Clausewitz das dritte Kapitel im ersten Buch seines Werkes. Dieses Konstrukt soll die inneren, also im Clausewitz’schen Begriffsverständnis die moralischen Fähigkeiten eines einzelnen Individuums beschreiben, welche notwendig sind, um Streitkräfte auch im Angesicht der eigentümlichen Read More
  • V.5.4 Rückschluss auf die Suche nach der besten Strategie

    1.1. Rückschluss auf die Suche nach der besten Strategie Die Betrachtung der Persönlichkeit des Feldherrn, die bei Clausewitz einen enormen Raum erhält, ist kein Selbstzweck, sondern sie ist für die Clausewitz’sche Kriegstheorie offensichtlich von höchster Bedeutung. Die Feldherren gestalten in Abhängigkeit von dem „Grad ihrer Machtvollkommenheit“[1] die jeweilige Strategie und legen in diesem Sinne die Ziele und Teilziele innerhalb eines Feldzugs fest. Diese Sichtweise in Kombination mit der Betrachtung des kriegerischen Genius mag wenig geeignet sein, die Wirklichkeit nachvollziehbar zu beschreiben. Denn – so muss zugegeben werden – nur in wenigen Fällen wird der Feldherr frei über das strategische Gesamtziel entscheiden, sondern dieses wird von der politischen Führung vorgegeben, zumindest aber mit dieser abzustimmen sein. Allein, dies ist eine Frage der Machtvollkommenheit Read More
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