1.1. Rückschluss auf die Suche nach der besten Strategie

 

Die Betrachtung der Persönlichkeit des Feldherrn, die bei Clausewitz einen enormen Raum erhält, ist kein Selbstzweck, sondern sie ist für die Clausewitz’sche Kriegstheorie offensichtlich von höchster Bedeutung. Die Feldherren gestalten in Abhängigkeit von dem „Grad ihrer  Machtvollkommenheit“[1] die jeweilige Strategie und legen in diesem Sinne die Ziele und Teilziele innerhalb eines Feldzugs fest.

 

Diese Sichtweise in Kombination mit der Betrachtung des kriegerischen Genius mag wenig geeignet sein, die Wirklichkeit nachvollziehbar zu beschreiben. Denn – so muss zugegeben werden – nur in wenigen Fällen wird der Feldherr frei über das strategische Gesamtziel entscheiden, sondern dieses wird von der politischen Führung vorgegeben, zumindest aber mit dieser abzustimmen sein. Allein, dies ist eine Frage der Machtvollkommenheit des Feldherrn und daher ist das bisher Gesagte als eine theoretische Annahme zu sehen.

 

Die Clausewitz’sche Betrachtung über den kriegerischen Genius kann nun verschieden genutzt werden und ist sicherlich für viele wissenschaftliche Teildisziplinen interessant. Ich will mich hier darauf beschränken, die Bedeutung dessen für die Kriegstheorie und für die bisher aufgeworfenen Fragen zu bemessen. Wenn nämlich der Feldherr ganz wesentlich die Strategie bestimmt, dann muss seine Persönlichkeit auch in einem Zusammenhang zu dieser Strategie stehen und – darauf will ich hinaus – wenn es eine optimale idealtypische Persönlichkeit für den Feldherrn gibt, namentlich den kriegerischen Genius, dann kann daraus auch auf eine optimale Strategie geschlussfolgert werden.

 

Der Strategiestreit war dadurch bestimmt, dass das eine Lager die unbedingte und unverzügliche Vernichtung der gegnerischen Streitkräfte in schnellen und weiträumigen Operationen forderte, das andere Lager hingegen die Ermattung durch kluges Manövrieren und geschicktes Schlagen begrenzter Gefechte. Die einen wollten den Gegner gerade dort treffen, wo er am stärksten, die anderen gerade dort, wo er am schwächsten ist. Die einen argumentierten, dass je größer das Ziel gewählt sei, desto sicherer würde dessen Realisierung den Zweck erfüllen. Die anderen sagten, dass je größer das Ziel gewählt sei, desto unsicherer sei die Realisierung dieses Ziels selbst zu erreichen und somit könne auch der Zweck nicht realisiert werden.

 

Beide Standpunkte spiegeln sich in dem ängstlichen, zaudernden und zaghaften bzw. in dem kühnen, dreisten und verwegenen Feldherrn wieder. Der Furchtsame ist in erster Linie geprägt durch seine Angst vor Entscheidungen, was zu einer zurückhaltenden, sehr vorsichtigen und von Notwendigkeiten geleiteten Strategie führt, die sich nur kleine Ziele setzt und diese zaghaft verfolgt, immer hoffend, dass der Gegner bei kleinen Stößen zum Nachgeben bereit ist. Der Draufgänger ist durch das Fehlen von Furcht gekennzeichnet, was zu einer bedenkenlosen, aggressiven Kriegsführung führt. Er setzt der Strategie das höchste Ziel und verfolgt es mit der größten Entschiedenheit. Auch wenn der Draufgänger dem Zaghaften im direkten Duell prinzipiell überlegen ist, so neigt er dazu, zu hohe Gefahren und Anstrengungen zu unternehmen, welche die Wahrscheinlichkeit des Sieges verringern, weil sie eine größere Gefahr implizieren bzw. zu Luftstößen führen, d.h. Kräfte verschwenden, die an anderer Stelle notwendigerweise fehlen.[2] Letztlich stellen beide Strategen ein inneres Ungleichgewicht dar, denn dem einen fehlt es an Energie und Willenskraft, dem anderen an Vernunft, Weitsicht und Reflexionsfähigkeit. Die Verbindung von beidem führt erst zum kriegerischen Genius und damit auch – im Ergebnis – zur optimalen Strategie.

 

Dabei darf die geniale Strategie nicht als bloßer Mittelweg zwischen den beiden Extremen verstanden werden. Der geniale Feldherr kann sowohl sehr vorsichtig, als auch sehr aggressiv und expansiv vorgehen, er kann also beide extreme Positionen einnehmen, er wird es allerdings nur dann tun, wenn die jeweilige Strategie die größte Wahrscheinlichkeit des Gesamterfolges bietet. Dies führt aber dazu dass die geniale Strategie im Durchschnitt einen Mittelweg zwischen den beiden Extrempositionen findet, während ihr allerdings das gesamte Spektrum zur Verfügung steht.

 

Auf diesem Wege ist mittels Clausewitz der Strategiestreit auf eine dialektische Weise zu lösen, ohne einer der beiden Parteien Recht oder Unrecht zu geben. Für manche, die nach einfachen Antworten suchen, mag dies wenig befriedigend sein, denn es gibt hier keine prägnanten Sätze, die einfach angewendet werden können und zum Erfolg führen. Die geniale Strategie erscheint hier vielmehr in höchst eigentümlicher, ungreifbarer Gestalt und sie ist wieder ein Indiz für die „Verschiedenartigkeit der Kriege“[3], abhängig von den politischen Verhältnissen, aus denen sie jeweils entspringen.

 



[1]                 Clausewitz, Kriege, S. 299.

[2]           Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 810.

[3]                 Clausewitz, Kriege, S. 211.

 

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Kapitel V.5 - Übersicht

  • V.5.1 Allgemeines Strategieproblem und unvollkommene Lösung

    1.1. Allgemeines Strategieproblem und unvollkommene Lösung In diesem Zusammenhang muss das Stichwort des Strategiestreits fallen. Es handelt sich hierbei um eine militärtheoretische Diskussion die im ausgehenden 19. Jahrhundert eine auch politisch namhafte Rolle gespielt hat. Im Wesentlich ist sie auf den Historiker Hans Delbrück[1] zurückzuführen, der grundlegend zwischen der Kriegsführung Napoleons und Friedrich II unterschieden hatte. Dem ersten unterstellte er, stets die entscheidende Schlacht und damit die Vernichtung des Gegners gesucht zu haben. Von dem Zweitgenannten behauptete er, dass dieser stets mit einer Kombination aus Manöver und Schlacht versucht habe, den Gegner zu ermatten. Es entbrannte hieraus eine heftige Debatte darum, welche die treffendere Strategie sei, die Vernichtungs- oder die Ermattungsstrategie, wobei beide Lager teils mit, teils gegen Clausewitz argumentierten Read More
  • V.5.2 Begriff und Rolle des Feldherrn im Krieg

    1.1. Begriff und Rolle des Feldherrn im Krieg In der Clausewitz’schen Kriegstheorie spielt die Person des Feldherrn eine zentrale Rolle.[1] Dies ist insofern nicht verwunderlich, als dass sich sein gesamtes Werk im Schwerpunkt an den Personenkreis der höchsten militärischen Führer und der Staatsmänner richtet und somit die potentiellen Feldherren anspricht.[2] Der Feldherr ist eine „entweder an der Spitze eines ganzen Krieges oder eines Kriegstheaters stehende“[3] Person. Dabei ist der Begriff des Kriegstheaters jedoch eine recht unpräzise Formulierung. Clausewitz definiert ihn wie folgt: „1. Kriegstheater Eigentlich denkt man sich darunter einen solchen Teil des ganzen Kriegsraumes, der gedeckte Seiten und dadurch eine gewisse Selbstständigkeit hat. Diese Deckung kann in Festungen liegen, in großen Hindernissen der Gegend, auch in einer beträchtlichen Entfernung Read More
  • V.5.3 Das Wesen des kriegerischen Genius

    1.1. Das Wesen des kriegerischen Genius „Der gewöhnliche Mensch, um nicht von den schwachen und unentschlossenen zu reden, kommt höchstens bei einer eingebildeten Wirksamkeit auf seinem Zimmer, entfernt von Gefahr und Verantwortlichkeit, zu einem richtigen Resultat, soweit nämlich ein solches ohne lebendige Anschauung möglich ist. Treten ihm aber Gefahr und Verantwortlichkeit überall nahe, so verliert er den Überblick, und bliebe ihm dieser etwa durch den Einfluß anderer, so würde er den Entschluß verlieren, weil da kein anderer aushelfen kann.“[1] Dem Begriff des kriegerischen Genius‘ widmet Clausewitz das dritte Kapitel im ersten Buch seines Werkes. Dieses Konstrukt soll die inneren, also im Clausewitz’schen Begriffsverständnis die moralischen Fähigkeiten eines einzelnen Individuums beschreiben, welche notwendig sind, um Streitkräfte auch im Angesicht der eigentümlichen Read More
  • V.5.4 Rückschluss auf die Suche nach der besten Strategie

    1.1. Rückschluss auf die Suche nach der besten Strategie Die Betrachtung der Persönlichkeit des Feldherrn, die bei Clausewitz einen enormen Raum erhält, ist kein Selbstzweck, sondern sie ist für die Clausewitz’sche Kriegstheorie offensichtlich von höchster Bedeutung. Die Feldherren gestalten in Abhängigkeit von dem „Grad ihrer Machtvollkommenheit“[1] die jeweilige Strategie und legen in diesem Sinne die Ziele und Teilziele innerhalb eines Feldzugs fest. Diese Sichtweise in Kombination mit der Betrachtung des kriegerischen Genius mag wenig geeignet sein, die Wirklichkeit nachvollziehbar zu beschreiben. Denn – so muss zugegeben werden – nur in wenigen Fällen wird der Feldherr frei über das strategische Gesamtziel entscheiden, sondern dieses wird von der politischen Führung vorgegeben, zumindest aber mit dieser abzustimmen sein. Allein, dies ist eine Frage der Machtvollkommenheit Read More
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