1. Einleitung

 

Nach der Betrachtung sowohl der politischen als auch der strategischen Analyseebene bleibt es nun noch, die taktische Analyseebene näher zu untersuchen. Auf der taktischen Ebene wird das niedrigstes strategische Ziel, d.i. das Ziel des einzelnen Gefechts, zum Zweck. Die Bandbreite der verschiedenen taktischen Zwecke ist somit durch das bisher Festgestellte bereits vorgegeben: 1) Vernichtung feindlicher Streitkräfte mit Entscheidung oder graduell, 2) Inbesitznahme von Land, 3) Herbeiführung eines allgemeinen gegnerischen Schadens und 4) Vernichtung der feindlichen Absicht

 

Die Taktik ist für Clausewitz die „Lehre vom Gebrauch der Streitkräfte im Gefecht“[1], es sind also die Streitkräfte auf dieser Analyseebene das Mittel, mit welchem der Zweck schließlich realisiert werden soll. Somit wird nun nicht mehr das Gefecht mitsamt dessen Wirkung und Bedeutung für die Strategie bzw. für den Feldzug betrachtet, sondern nunmehr die Wirkung und die Bedeutung der Streitkräfte für das Gefecht. So, wie also der Feldzug hautsächlich durch die Anordnung und den Gebrauch von Gefechten bestimmt wird, so wird das Gefecht ganz wesentlich durch die Anordnung und den Gebrauch der Streitkräfte bestimmt.

 

Während auf der politischen Ebene der Krieg bzw. der Feldzug und auf der strategischen Ebene das Gefecht bzw. die Kombination aus Gefechten als Ganzes betrachtet wurde, ist die kleinste hier in Betracht kommende Einheit das kämpfende Individuum. Die Kämpfer reihen sich jedoch „immer zu neuen Einheiten zusammen, die Glieder einer höheren Ordnung bilden“[2]. Es finden sich also auch in der Taktik wieder unterschiedliche Ebenen, beginnend beim Individuum, über Teileinheiten, Einheiten, Verbände usw. – ob diese nun in Zügen, Kompanien, Bataillonen, Brigaden, Divisionen, Korps und Armeen zusammenfasst werden oder wie die Einteilung auch immer vorgenommen und benannt sein wird, sei dahingestellt.

 

Die Strategie hat der Taktik den Raum, den Umfang der Kräfte, die Zeit und allem voran den Zweck vorgegeben, es bleibt nun an der Taktik, die Kräfte innerhalb dieser Vorgaben nach Raum und Zeit zu disponieren und ihnen ein konkretes Ziel zu setzen, um den Zweck, d.h. das Ziel des Gefechts, zu realisieren.

 

In diesem Teil der Arbeit wird es jedoch nicht darum gehen, eine „Lehre vom Gebrauch der Streitkräfte im Gefecht“[3] darzulegen oder diese aus dem Clausewitz’schen Werk abzuleiten. Dies ist aus verschiedenen Gründen nicht möglich. Zunächst ist die Aufstellung der Streitkräfte im Gefecht stets im Zusammenhang mit einer technischen und soziokulturellen Entwicklung zu betrachten. Während Clausewitz noch von dem Einsatz drei verschiedener Hauptwaffen ausging – „dem Fußvolk, der Reiterei und der Artillerie“[4] – ist dies offensichtlich eine historische Betrachtung, die sich nicht generisch auf alle Zeiten abstrahieren lässt und der in der heutigen Zeit kaum noch Relevanz zuzuschreiben ist. Taktische Aussagen – wie z.B.: „Die Reiterei ist die Waffe der Bewegung und großen Entscheidungen; ihr Vorherrschen über das gewöhnliche Verhältnis ist also wichtig bei sehr ausgedehnten Räumen, großen Hin- und Herzügen und der Absicht großer entscheidender Schläge“[5] – sind dabei in ihrer Haltbarkeit auf eine spezielle soziokulturelle und technische Epoche beschränkt und können schnell durch neue Möglichkeiten und Entwicklungen überholt werden. Nun könnte zwar aus den Clausewitz’schen Überlegungen heraus eine Methode entwickelt werden, nach welcher im konkreten Einzelfall die taktische Lage analysiert, die Möglichkeiten der Aufstellung entwickelt und ein entsprechender Entschluss gefasst werden kann, doch dies liegt außerhalb des hier verfolgten Erkenntnisinteresses.

 

Die fehlenden Abstraktionsmöglichkeiten auf der taktischen Ebene scheinen auch Clausewitz bewusst gewesen zu sein. Hiermit könnte sich mitunter auch erklären lassen, warum der Kriegstheoretiker vergleichsweise wenig über die taktische Ebene schrieb und teilweise gar explizit ablehnte, auf taktische Gesichtspunkte einzugehen.[6] Sein Erkenntnisinteresse galt hauptsächlich der Strategie und so verweist er sogar an einigen Stelle darauf, dass es sich bei einem Themengebiet um taktische Gegenstände handeln würde und er daher „gar nichts darüber zu sagen habe“[7].

 

Wenn ich es aus diesen Gründen für kaum möglich halte, die Clausewitz‘schen Grundzüge einer taktischen Lehre sinnvoll nachzuzeichnen, so ist diese Ebene dennoch vom theoretischen Standpunkt aus unverzichtbar, um die Clausewitz’sche Kriegstheorie ganzheitlich darzulegen. Zum einen, weil maßgebliche Aspekte der Taktik unweigerlich auf die Strategie zurückwirken, dieser enge Grenzen in ihrer Entfaltung stecken und somit einen großen Einfluss auf den strategischen Handlungsfreiraum haben. Zum anderen, weil das Gebiet der Strategie in der Praxis untrennbar von dem Gebiet der Taktik ist und also das eine nicht ohne das andere gedacht werden kann. Vor diesem Hintergrund sind abstrakte Vorstellungen von dem theoretischen Handlungsfeld der Taktik notwendig und müssen im Folgenden entwickelt werden.

 

In diesem Sinne wird es zunächst darum gehen, die Streitkräfte als das Mittel der Taktik und somit als den eigentlichen Handlungsapparat innerhalb des Krieges näher zu betrachten. Diese Betrachtung ist von hoher Relevanz, da die Art der Streitkräfte den Verlauf und die Gestalt des Krieges erheblich mitbestimmt. So kann die Taktik nur diese Streitkräfte gebrauchen, die sie auch faktisch zur Verfügung hat und dies wird, wie wir noch sehen werden, ein maßgeblichster Faktor dafür sein, wie sich der gesamte Krieg entfaltet. Danach ist die Zielsetzung zu untersuchen, welche durch die Streitkräfte im Gefecht verfolgt werden kann. Dabei wird sich herausstellen, dass es in der Taktik nur ein Ziel gibt, nämlich die Vernichtung feindlicher Streitkräfte, doch dass dieses Ziel unterschiedliche Grade kennt. Abschließend gilt es, die taktische Ebene in den Gesamtkontext einzuordnen und in ihrer Rückwirkung auf den Krieg als Ganzes zu gewichten.

 



[1]                 Clausewitz, Kriege, S. 271.

[2]                 Clausewitz, Kriege, S. 223.

[3]                 Clausewitz, Kriege, S. 271.

[4]                 Clausewitz, Kriege, S. 507.

[5]                 Clausewitz, Kriege, S. 513.

[6]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 478; S. 518 ff; S. 919.

[7]                 Clausewitz, Kriege, S. 919.

 

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